Astrid Staufer
Astrid Staufer, geboren 1963 in Lausanne, ist Büropartnerin von Staufer & Hasler.
Frauenfeld (CH)
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Müssen wir wirklich alles neu machen? Astrid Staufer, Architektin und Professorin an der TU Wien, stellt diese Frage ins Zentrum ihrer Lehre – und macht aus ihr etwas Lustvolles. Anhand von Wiener Abbruchhallen untersucht sie mit den Studierenden schon im Grundkurs, wie aus Bestehendem Neues entstehen kann: künstlerische „Collagen“ statt „Bricolage“ (Gebastel). Mit Thomas Hasler leitet sie zudem das Schweizer Architekturbüro Staufer & Hasler Architekten. Im Gespräch erzählt sie, warum es notwendig ist, heute anders zu bauen, warum man dafür ungeheuer viel Wissen braucht und warum die Schönheit dabei nicht vergessen werden darf. Das Gespräch ist in voller Länge im Podcast Morgenbau anzuhören.
„Wir alle wissen, dass es die absolute Notwendigkeit gibt, im Bauwesen viel zu ändern. Nur kommen wir da nicht weit, wenn wir uns auf eine moralisch-ideologische Position festlegen. Unsere Projekte müssen verführen. Auch die Studierenden von heute kennen diese Notwendigkeit genau, da muss man nicht lange dozieren. Es gilt, Methoden für diesen Wandel zu suchen und zu vermitteln – gemeinsam und interdisziplinär.
Gerade jetzt im Klimawandel, wo wir radikal umdenken müssen, ist es wertvoll, wenn die Studierenden über den Bestand zur Architektur kommen. Wir haben deshalb die ganze Lehre umgestellt, der Grundkurs ist ihr Kernstück. Er findet im zweiten Semester statt und wird von einer riesigen Zahl Studierenden besucht, rund 500 sind es aktuell, da kann man wirklich etwas bewegen. Wenn wir von Anfang an von dem ausgehen, was physisch da ist, und nicht von Strichen auf dem weißen Papier, führt das zu einem ganz neuen Denken in der Architektur. Was wir vorfinden, hat Wert und Geschichte, ist interessant. Durch „Komposition“, also Neuordnung, und durch „Tektonik“, die Kunst des Fügens, wird es zu etwas Neuem, Überraschendem.
Die Bauteilwiederverwendung ist ein tolles Vehikel, um Freude an diesem Denken zu wecken – spielerische Lust an und mit diesen Bauteilen, die wir aus leider zum Abbruch vorgesehenen Hallen Wiens ernten. Wir schauen uns diese Bauteile ganz genau an und analysieren sie auf all ihre Hintergründe wie Materialherkunft, Ressourcenbedarf, Lebenszykluspotenzial und Wiederverwendbarkeit. Aber nicht nur die technischen Hintergründe, sondern auch ihre architektonische Wirksamkeit, die Ausdruckkraft in Symbiose mit anderen Bauteilen, all das wird untersucht. So entsteht wieder eine neue Lust am Konstruieren in der Architektur.
Es geht nicht darum, gar nicht mehr zu bauen. Das können wir uns aufgrund der demografischen Entwicklungen nicht leisten – noch nicht. Es geht darum, anders zu bauen. Und gerade für dieses andere Bauen braucht es ungeheuer viel Wissen, Know-how. Da bin selbst ich als Professorin mit über 30-jähriger Praxis gefordert. Auch ich muss viel Neues dazulernen und noch einmal ganz andere Methoden und Strategien entwickeln, um den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft gewachsen zu sein. Die Zeit der Allwissenheit, die unseren Beruf in den letzten Jahrzehnten dominiert hat – und übrigens auch zu diesem verhängnisvollen Stararchitektentum geführt hat –, ist vorbei. Es geht darum, gemeinsam neue Wege zu suchen, nicht qualvoll, sondern lustvoll, und unsere Architektursprache zu erneuern. Das ist ein unglaublich interessantes Unterfangen.
Gelingt es uns, auch unter den neuen Bedingungen schön zu bauen? Vielleicht sogar noch viel schöner als bisher? Bereits Vitruv hielt fest, dass langlebige, dauerhafte Architektur nebst ‚firmitas‘ und ‚utilitas‘ die ‚venustas‘, also die Schönheit, brauche. Diesem Dreigestirn gilt es nun etwas hinzuzufügen: ‚calliditas‘, eine List oder Schlauheit, die helfen kann, um bisher Unvereinbares und Unzusammengehöriges in eine Balance zu bringen. So entsteht auch eine neue Schönheit, die wieder mehr Geschichten – und Geschichte – erzählen kann.
Ich bin eine optimistische und euphorische Persönlichkeit, das ist mir zum Glück noch nicht abhandengekommen. Und ich glaube, dass unser Beruf überhaupt ein grundsätzlich positives Wesen erfordert, weil wir Neues für die Zukunft kreieren müssen und solches nur umsetzen können, wenn wir Visionen entwickeln, die positiv sind. Genau das ist das Problem in der Kommunikation des nachhaltigen Bauens: Der Klimawandel ist dramatisch, die Reduktion für den Menschen immer unbequem und unbeliebt. Aber wir können darin eine Chance erkennen für neue Lebensformen, neue Denkweisen, die anderes bieten als das Gewohnte. Wir müssen die Leute mitnehmen auf den Weg und sie mit unseren Projekten überzeugen: ‚Es ist nicht weniger. Am Schluss haben alle mehr davon'“.
Astrid Staufer ist Architektin in Frauenfeld. Gemeinsam mit Thomas Hasler leitet sie seit 1994 das Büro Staufer & Hasler Architekten. Seit 2011 ist sie Professorin an der TU Wien, wo sie seit 2023 den Forschungsbereich Hochbau und Entwerfen leitet.
Astrid Staufer ist zudem als Autorin, Jurorin und Kommissionsmitglied aktiv und publiziert regelmäßig zu Architektur, Städtebau und Baukultur. Ihr neuestes Buch ist im Herbst 2026 bei parkbooks erschienen mit dem Titel „Radikale Symbiosen. Neue Perspektiven für das konstruktive Entwerfen“.
»nextroom fragt« Architekt:innen, Bauherr:innen und Expert:innen. Die Gesprächsreihe zum nachhaltigen Bauen wird konzipiert und betreut von Anne Isopp. Im Gespräch werden unterschiedliche Dimensionen des nachhaltigen Bauens eingefangen, auf konkrete Bauten Bezug genommen und individuelle Sichtweisen abgefragt. Einige der Gespräche sind als Podcast auf morgenbau.at zu hören.