Akteur

Wolfgang Kaufmann
2022

Ich bin der Mann mit Hut

Es gibt kaum einen österreichischen Architekten, der so viel baut wie Wolfgang Kaufmann. Über 500 realisierte Bauten sind es bis heute. Wer versteckt sich unter der Krempe?

9. August 2008 - Wojciech Czaja
Schon mal was von Wolfgang Kaufmann gehört? Nein, mit der großen Kaufmann-Architektenfamilie aus Vorarlberg hat er nichts zu tun. Dieser Kaufmann nämlich ist eine jener großen Eminenzen, die aus dem stillen Hintergrund heraus maßgeblich am österreichischen Baugeschehen beteiligt sind. Im Alter von 61 Jahren brachte es der Linzer Architekt bisher auf sage und schreibe 500 realisierte Bauten.

Oft übernimmt er Projekte im Entwurfsstadium und bringt diese zu Ende. Viele Architekten machen nur den Entwurf und die Einreichung - von Ausführungsplanung und Bauaufsicht wollen sie nichts wissen. Zu viel Stress, sagen sie. Ein Fall für den Mann mit Hut.

„Es ist wohl keine Schande“, sagt Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrums Wien, „lange Jahre nichts von Wolfgang Kaufmann und seiner Architektur gewusst zu haben.“ Denn aus dem, was man als Architekturdiskurs bezeichnet, habe er sich immer herausgehalten. „Nicht aus Arroganz, aber die Anerkennung von Architektenkollegen braucht viel Zeit und Aufwand und bringt halt keine Aufträge.“ Kein Zweifel: Wolfgang Kaufmann hat einen anderen Weg eingeschlagen. Gespräch mit einem der erfolgreichsten Architekten Österreichs.

der Standard: Sie tragen meistens einen Hut. Warum?

Wolfgang Kaufmann: Ich trage den Hut als Markenzeichen. Begonnen hat das vor sieben, acht Jahren. Ich habe in diesem Zuge erkannt, dass er zu einem unverwechselbaren Erkennungsmerkmal geworden ist. Er macht mich authentisch. Und daher: kein Auswärtstermin ohne Hut.

Sie besitzen Immobilien, haben eine Privatstiftung, sind Teilhaber einer ungarischen Fachmarktkette und haben sogar ein eigenes Flugzeug. Mit Ihrem Lebensstil ziehen Sie den Neid vieler Kollegen auf sich.

Kaufmann: Trotz all dieser Nebengeschichten fühle ich mich zu 100 Prozent als Architekt. Immobilien, Flugzeuge und Privatstiftungen allein wären ja keine Erfüllung. Ich will arbeiten. Das Flugzeug habe ich hauptsächlich wegen meiner Auslandsbaustellen. Ich habe das Glück, dass mir die Bauherren viel Vertrauen entgegenbringen und ich mich hauptsächlich mit Großbaustellen beschäftigen darf. Dadurch kann ich mir die feinen Kleinigkeiten im Leben leisten.

Viele Architekten jammern über zu wenig Geld, manche leben sogar am Existenzminimum. Sie leben das Gegenteil vor.

Kaufmann: Wir versuchen, den Bauherrn kompakt zu betreuen. Wir helfen bereits bei der Standortanalyse und beraten ihn auch in sehr kritischen Phasen und Situationen. Wir bemühen uns, die Sache für ihn maßgeschneidert abzuwickeln. Die Architekten, die ihre Arbeit ebenso ernst nehmen wie ich, verdienen wahrscheinlich genauso gut.

Laut Rechnungshof beträgt das durchschnittliche Jahresbruttoeinkommen eines österreichischen Architekten unter 20.000 Euro. Was macht der durchschnittliche Architekt denn falsch?

Kaufmann: In Linz und Umgebung gibt es an die 200 Architekturbüros. In den meisten Büros verdient man sehr wenig, denn viele Architekten leben in der permanenten Hoffnung, eines Tages einen Wettbewerb zu gewinnen. In Abwägung der wirtschaftlichen Situation und der marktwirtschaftlichen Positionierung dieser Architekturbüros kann ich mir gut vorstellen, dass diese Zahlen stimmen. Aber Sie haben recht: Das ist nicht viel.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie Architekt werden möchten?

Kaufmann: Ich war 10 oder 12 Jahre alt. Das Spiel mit Form und Gestaltung hat mich damals besonders fasziniert. Ich habe davon geträumt, für Menschen etwas entwickeln zu können, das sie glücklich macht. Architektur ist ja kein Selbstzweck, sondern hat mit dem Menschen zu tun.

In der Zeit in der Bundesgewerbeschule haben Sie auch öfter direkt auf der Baustelle gearbeitet. Das kann man sich nur schwer vorstellen.

Kaufmann: Ich kann mich an die erste Woche am Bau erinnern. Für den Polier war ich ein kleiner Stoppel. Er hat mich in den zweiten Stock hinaufgeschickt und hat mich dort eine Woche lang nur stemmen lassen - mit Stemmeisen und Meisel! Wenn ich nichts höre, sagte er immer, dann weiß ich ganz genau, dass du faul bist! Es war furchtbar. Meine Hände waren schon blutig. Nach einer Woche kam er zu mir und drückte mir einen Kompressor in die Hand. Die Moral der Geschichte: Ein Architekt muss lernen, wie schwer es ist, im Nachhinein Planungsfehler zu korrigieren.

Planungsfehler passieren immer.

Kaufmann: Kleine Planungsfehler passieren immer wieder. Die kann man ausmerzen. Schwieriger wird es bei inhaltlichen Planungsfehlern, da kann man dann nur sagen: Nächstes Mal machen wir es besser. Aber einen Vorteil gibt es: Ein und denselben Fehler macht man immer nur einmal und kein zweites Mal.

Würden Sie Ihre Architektur als Baukunst bezeichnen?

Kaufmann: Sie dürfen die Baukunst, von der wir hier sprechen, nicht mit der hohen Schule des künstlerischen Bauens verwechseln. Unsere Planungsaufgaben sind nicht öffentlich, sondern eher bauherrenbezogen. Das heißt: Sie stehen unter einem enormen wirtschaftlichen Druck. Einen privaten Bauherrn kann man nicht veranlassen, dass er für ein Einfamilienhaus dreimal so viel zahlt, nur weil das Haus so unglaublich baukünstlerisch ist.

Und einen Investor?

Kaufmann: Für einen Investor bleibt die Kostenspange im Vordergrund: Jede Entscheidung muss sich rechnen. Die Realität ist, dass in der Immobilienbranche die Quadratmeter wichtiger sind als die Kunst. Das ist der Lauf der Dinge. Allerdings versuchen wir immer, mit den vorhandenen Möglichkeiten das Maximum zu erreichen.

Sie haben bereits über 500 Projekte abgewickelt. Ist das ausschließlich Können und Talent? Spielen Beziehungen eine Rolle?

Kaufmann: Ohne jetzt selbstherrlich zu erscheinen: Aber ohne eine gewisse Begabung geht's nicht. Man muss kontaktfreudig sein, man muss Spaß daran haben, auf Menschen zuzugehen. Wenn die Leute das erkannt haben, dann entsteht vieles ganz von allein. Ich habe meinen Bauherren niemals das Gefühl vermittelt, dass ich sie missbrauche, nur um meine Vorstellungen umzusetzen. Ich habe sie immer in den Prozess miteingebunden und ihnen vermittelt, wie wichtig sie für die Genese eines Bauvorhabens sind.

Unter den österreichischen Architekten gibt es einige Platzhirsche, die die eine oder andere Stadt deutlich mitprägen. Der Linzer Platzhirsch heißt Wolfgang Kaufmann. Wie gehen Sie mit dieser Rolle um?

Kaufmann: Wenn man längere Zeit in einem Ort tätig ist, mit den Behörden gut auskommt, seine Versprechen einhält und auch Handschlagqualität besitzt, dann wird sich eines Tages die Situation einstellen, dass man mehr baut als die anderen. Dass man mich deshalb als Platzhirsch bezeichnet - damit muss ich wohl leben. Ich kann diese Meinung nur stillschweigend zur Kenntnis nehmen.

Was bedeutet Erfolg für Sie?

Kaufmann: Erfolg ist beruhigend und angenehm. Man genießt es, wenn man durch Linz fährt und dabei an seinen vielen Kindern vorbeifährt. Einer der schönsten Sinne ist das Sehen. Und ein schöner Teil dieses Sehens entfällt auf die Architektur. Ich habe die Möglichkeit, diese Stadt mitzuformen. Dieser Genuss ist für mich Erfolg.

Sind Sie eitel?

Kaufmann: Ich bin ganz durchschnittlich eitel - so wie alle Menschen, hoffe ich. Das hängt mit einem gewissen Ehrgeiz zusammen. Architektur ist wie ein Wettschwimmen, wie ein Wettrennen, wie ein sportlicher Wettbewerb. Wenn man das Ziel erreicht hat, ist man sehr erschöpft, aber dafür auch sehr glücklich.

Das Kennzeichen Ihres Autos lautet ARCH 1 - ist das vom Standpunkt der Eitelkeit denn nicht schon ein bisschen überdurchschnittlich?

Kaufmann: Ich stehe zu meinem Beruf und möchte ihn nicht verschweigen. Dazu gehört auch, dass ich meine Tätigkeit auf meinem Auto anbringe. ARCH ist die Abkürzung für Architektur, und die Ziffer nach den Buchstaben ist ein polizeirechtliches Erfordernis. Diejenigen, die geschimpft haben, haben sich auch darüber aufgeregt, dass das Kennzeichen schon vergeben ist.

Sind Sie denn der ARCH 1 von Linz?

Kaufmann: Das steht nur auf meinem Auto. Ansonsten gibt es viele Architekten, die je nach Blickwinkel besser oder schlechter sind als ich. Das möchte ich nicht beurteilen. Ich hätte nichts dagegen, dass jemand anderer auch mit ARCH 1 durch die Gegend fährt, von mir aus könnten 50 Architekten mit ARCH 1 herumfahren. Aber das geht polizeirechtlich nicht.

Das Architekturbüro Kaufmann & Partner verleiht ab 2009 jährlich einen Förderpreis für Absolventen und Absolventinnen der Fachrichtung Architektur mit Herkunft beziehungsweise Hauptwohnsitz Oberösterreich. Einzureichen sind Diplomarbeiten, die nicht älter als zwei Jahre sind. Der Förderpreis ist mit 6000 Euro dotiert. Einreichschluss der Bewerbungen ist Ende Februar 2009. Infos unter www.kaufmann.at

teilen auf

Für den Beitrag verantwortlich: Der Standard

Ansprechpartner:in für diese Seite: nextroomoffice[at]nextroom.at

Tools: