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Reiche Ernte auf weitem Feld
Der Standard

Seit 17 Jahren betreiben die Architekten Peter Schneider und Erich Lengauer ihr Büro im 3000-Seelen-Ort Neumarkt im Mühlkreis. Ihr Werk ist umfangreicher und vielseitiger als jenes so mancher städtischer Kollegen - und die Sprache der Leute beherrschen sie obendrein.

14. Juni 2014 - Maik Novotny
Stadtluft macht frei? Das mag zutreffen, doch in der Architektur ist die Stadt oft ein hartes Pflaster. Zwar locken große Bauaufgaben und Ruhm im Hochglanzmagazin, doch die Konkurrenz ist groß. Oft übersehen werden hingegen die Architekten, die in Dörfern und Kleinstädten zugange sind. Baukulturell ein weites Feld, ist das Land oft fruchtbarer als die Stadt, und die Auftragslage verhält sich keineswegs proportional zur Einwohnerzahl.

Paradebeispiel: Das Büro Schneider Lengauer, seit 1997 im 3000-Einwohner-Ort Neumarkt im Mühlkreis zu Hause, 15 Minuten nördlich von Linz. Das Werk von Peter Schneider und Erich Lengauer ist dabei so beachtlich wie variantenreich, und preisgekrönt obendrein. Die Standortwahl war durchaus bewusst, sagt Erich Lengauer: „Wir sind beide auf dem Land aufgewachsen, Peter Schneider in Osttirol, ich im Mühlkreis.“ Der Anfang sei nicht leicht gewesen. „Früher ist Architektur auf dem Land nicht wirklich anerkannt worden. In den letzten Jahren hat sich das geändert.“ Vorteilhafter Nebeneffekt: Man erarbeitet sich über die Jahre ein eigenes Revier, in dem man auch mal an den einen oder anderen Auftrag etwas leichter kommt.

Man spreche eben die Sprache der Leute. Dazu müsse man gar nicht täglich ins Wirthaus gehen, das liege ihnen ohnehin nicht so. „Das Begegnen auf Augenhöhe können wir recht gut, da tut man sich leichter mit der Kommunikation. Städter würden bei den Leuten auf dem Land sicher auf mehr Skepsis stoßen“. Spannende Aufgaben gibt es auf dem Land reichlich, von der jahrhundertealten Bausubstanz bis zur Rettung von Ortskernen, die vom Aussterben bedroht sind.

So auch der Bürostandort Neumarkt, der lange vom Schwerverkehr Richtung Tschechien durchtost war. „Wir haben damals analysiert, wie viele Häuser im Ort bewohnt sind. Das Ergebnis war erschreckend“, so Lengauer. Als 2009 die Bundesstraße durch einen Tunnel geführt wurde, war der Weg frei für einen Neubeginn. Neumarkt bekam von Schneider Lengauer einen kleinen Platz als neue Ortsmitte. „Jetzt ist ein erweitertes Wohnzimmer entstanden.“

Ähnliches gelang ihnen durch jahrelange Arbeit im Dorf Kals am Großglockner (1223 Einwohner). Hier restaurierten sie das Widum, einen gotischen Bau aus dem 14. Jahrhundert, und belebten den zu einer Durchfahrt verkommenen Ort durch Neubauten. 2009 bekam Kals dafür den Landluft-Preis. Die persönliche Erfahrung mündet auch in den Umgang mit Materialien: etwa bei der 2011 realisierten Aufbahrungshalle in Hopfgarten im Defereggental (734 Einwohner), einem außen in rauhen Stein und innen in warmes Holz gekleideten Ort des Abschieds. „Hier war es früher üblich, die Toten in der Stube aufzubahren“, sagt Lengauer. "Diese Geborgenheit wollten wir wiederaufgreifen, daher haben wir eine geschützte „Stube“ aus Lärchenholz entworfen." Man sieht: Landluft macht erfinderisch.

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