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Die weiblichen Baumeister
Neue Zürcher Zeitung

Kerstin Dörhöfer über «Pionierinnen der Architektur»

24. August 2005 - Claudia Schwartz
Emilie Winkelmann, die erste deutsche Architektin, erschwindelte sich die Legitimation zur Teilnahme an den Lehrgängen der Technischen Hochschule Hannover mit einem Trick und unterschrieb ihr Gesuch mit «E. Winkelmann». So nahm die damals 27-Jährige, die zuvor bereits im familiären Zimmereibetrieb ausgebildet worden war, ab 1902 als erste Frau in Deutschland an Kursen für Baukunst teil. Der fleissigen Studentin, die sich den Lebensunterhalt nebenher in einem Zeichnungsbüro verdiente, wurde am Tag des Staatsexamens allerdings eröffnet, dass es ihr als Frau nicht gestattet sei, die Abschlussprüfungen zu absolvieren. Das war ein Jahr bevor Preussen den offiziellen Architekturabschluss auch für Frauen einführte. «E. Winkelmann» indes war eine willensstarke Person und gründete ohne Diplom ihr eigenes Büro in Berlin. Sie erfreute sich bald zahlreicher Aufträge von gut situierten Bauherren in Berlin und Brandenburg und beschäftigte bis zu vierzehn Angestellte.

Individuelle Lösungen

Die Wohnhäuser der Architektin erinnern in ihrer individualisierten, den Bedürfnissen der Bewohner angepassten Raumanordnung, mit ihren tief heruntergezogenen Dächern, Erkern, Wintergärten und Treppentürmen an die Landhäuser von Hermann Muthesius. Wie die meisten ihrer Kolleginnen ging aber Emilie Winkelmann nicht in die architekturhistorischen Darstellungen ein. Kerstin Dörhöfer, Architektin und Professorin an der Berliner Universität der Künste, will deshalb mit ihrer Publikation «Pionierinnen der Architektur» jenen «alten Damen der Architektur ein Denkmal» setzen, die von der Geschichtsschreibung übergangen, ignoriert oder vergessen wurden. Nur wenige prominente Architektinnen finden bis heute Erwähnung in historischen Abrissen wie etwa Eileen Gray, Lilly Reich oder Margarete Schütte-Lihotzky. Derzeit gibt es aber Bestrebungen, dieses Manko in der Architekturgeschichte aufzuholen; Forschungsergebnisse wie Dörhöfers Publikation oder die im Frühjahr von Ute Maasberg und Regine Prinz an der TU Braunschweig veröffentlichte Studie (NZZ 14. 3. 05) sind nicht zuletzt auch deshalb von Bedeutung, weil heute zwar etwa gleich viele Frauen wie Männer Architektur studieren, ihnen in der Ausbildung aber immer noch kaum weibliche Vorbilder vermittelt werden.

Dörhöfer geht es nicht darum, einen weiblichen Architekturstil aufzuspüren, sondern darum, die drei Generationen der frühen Vertreterinnen ihres Fachs vorzustellen, ihre Leistungen von der Jahrhundertwende bis in die fünfziger Jahre nachzuzeichnen und anhand von ausführlich beschriebenen Werkbeispielen bekannt zu machen. Ihre Darstellung macht deutlich, dass es den Pionierinnen wie Elisabeth von Knobelsdorff, Paul Maria Canthal, Stefanie Zwirn, Lieselotte von Bonin, Marlene Poelzig oder Marie Frommer nicht darum ging, «weibliche» Formen in der Baukunst zu finden. Sie wechselten von der traditionellen Frauenrolle des 19. Jahrhunderts in ein männliches Berufsbild, um erst einmal zu bauen, und nicht, um anders zu bauen, so Dörhöfer. Die Architektinnen arbeiteten mit zeitgemässen Materialien, Konstruktionen und Techniken; ihre Entwürfe waren traditionell oder modern - wie jene der männlichen Architekten auch.

Trotzdem erkennt die Autorin eine gemeinsame entwerferische Haltung, insofern den frühen Architektinnen Funktionalität oberstes Gebot war. Sie suchten weniger nach einer spezifischen Formensprache, um sich selbst ein künstlerisches Denkmal zu setzen, sondern bemühten sich vielmehr, den sozialen und räumlichen Bedingungen und der Bauherrschaft entsprechend zu bauen. Dabei folgten sie weniger homogenen Ordnungen, Regelwerken oder Prinzipien etwa des Bauhauses oder Le Corbusiers, sondern suchten nach individuellen, der Situation angepassten Lösungen. Ein anschauliches Beispiel dafür geben etwa Marie Frommers sehr unterschiedliche Entwürfe und Umbauten von Berliner Geschäftshäusern bis zu ihrer Emigration im Jahr 1936.

Dörhöfer konzentriert sich in ihrer Untersuchung hauptsächlich auf den Raum Berlin als Wirkungsbereich, da die Stadt in den zwanziger Jahren ein Ort des Aufbruchs sowohl in der Architektur der Moderne als auch in der Frauenbewegung war. Berlin bildete zudem einen Brennpunkt der Reformbestrebungen im Wohnungs- und Städtebau - ein Bereich, der den Interessen und Neigungen der ersten Baukünstlerinnen entgegenkam, wie Dörhöfer etwa am Beispiel von Ella Briggs belegt, die sich mit ihren sozialen Siedlungsbauten sowohl in Wien als auch in Berlin einen Namen machte.

Auf der einen Seite wirkte noch die vom Rollenbild des 19. Jahrhunderts geprägte weibliche Sozialisation, die den Frauen Tugenden wie «Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit, die Präzision und Liebe zum Detail» vermittelte. Auf der anderen Seite war es das Anliegen der Frauenbewegung, das weibliche Geschlecht von sozialen und räumlichen Einengungen zu befreien. Hinzu kamen mit dem Ende der Goldenen Zwanziger schliesslich die Zwänge der Weltwirtschaftskrise, die eine Rationalisierung des Wohnungsbaus und eine rationelle Haushaltführung nötig machten. Diese Rahmenbedingungen spiegeln sich in den Entwürfen der Architektinnen: Paul Maria Canthals (gemeinsam mit Dirk Gascard-Deipold) erarbeitetes Projekt für ein «billiges und zeitgemässes Eigenhaus» stellt in dieser Hinsicht ein bestechend klares, formal interessantes Ergebnis dar; die «Wohnlaube eines geistigen Arbeiters» und die «Laube für den Vogelfreund» von Stefanie Zwirn wirken mit ihren Nutzungsvarianten auf kleinstem Raum wie die Vorläufer zeitgenössischer Single-Wohnungen oder jüngster mobiler Wohnlösungen.

Sozialgeschichte

Kerstin Dörhöfer würdigt mit ihrer Untersuchung nicht nur die Pionierinnen der Architektur. Sie wirft auch einen aufschlussreichen und pointierten Blick auf die Rezeptionsgeschichte. Die buchstabiert von der Frage nach der weiblichen Eignung zur Profession bis zu jener nach der Auswirkung einer solchen Ausübung auf die «Geschlechtsidentität» der Frau alle Vorurteile durch, mit denen sich das gesellschaftliche Bild der Geschlechter auch am architektonischen Reissbrett festmachen lässt. Oder, wie es Grete Zimmermann, Schülerin und zeitweilige Mitarbeiterin von Hans Poelzig, sich als Merkspruch an die Wand pinnte: «Darum ist auch die Baukunst eine durchaus männliche Sache, der weibliche Baumeister eine fast nur Mitleid erweckende Vorstellung.» Das vorliegende Buch ist auch eine mit einigem Vergnügen zu lesende Sozialgeschichte.

[ Kerstin Dörhöfer: Pionierinnen in der Architektur. Eine Baugeschichte der Moderne. Ernst-Wasmuth-Verlag, Tübingen 2005. Zahlr. Abb., 223. S., Fr. 52.10. ]

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