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Ausgrabungen am barocken Überbau
Neue Zürcher Zeitung

Reaktionen auf den Berliner Willen zur Schlossfassade

13. Juli 2002 - Claudia Schwartz
Eigentlich war man sich im Vorfeld der Debatte im Deutschen Bundestag über die Zukunft des Berliner Schlossplatzes einig, dass zu der Frage bereits alles gesagt sei. Trotzdem findet die Resolution des Parlaments für die teilweise Rekonstruktion der einstigen Residenz der Hohenzollern (vgl. NZZ 6. 7. 02), die wohlgemerkt nicht die Realisierung bedeuten muss, ein enormes Echo. Den Anlass zu erneuter Diskussion gibt vor allem die Eindeutigkeit des Votums für die historisierende Architektur.


Jenseits der Vergangenheit

Die klare Mehrheit hat also für eine Reparatur von Berlins historischem Zentrum gestimmt, die Spuren der Geschichte in harmonischer Anmutung begradigt. Das hätte für den nahe beim Regierungsviertel gelegenen Stadtteil ein trügerisches Erscheinungsbild zur Folge, das spätere Generationen nicht mehr an seine Schleifung im 20. Jahrhundert durch Nationalsozialismus und SED-Regime erinnert. Die Schlossbefürworter, die in der städtebaulichen Heterogenität des Ortes das oberste Gebot für eine Rekonstruktion sehen, zeigen sich zufrieden über eine solch «kluge Entscheidung» («Frankfurter Allgemeine Zeitung»). Nun könne endlich mit den Grabungen nach den für die Nachbildung unentbehrlichen Schlosstrümmern auf dem Flakbunkerberg begonnen werden, schwärmt auch «Die Welt» und macht deutlich, dass die wirklichen Probleme nun erst begonnen haben dürften: Es gibt keine Erfahrungen mit einem vergleichbar aufwendigen bauplastischen Programm, auf die man zurückgreifen könnte. Einigkeit herrscht in der Fachwelt nämlich darüber, dass die Rekonstruktion der Fassaden, wie sie Schlüter und Eosander in ihrem Selbstverständnis als Bildhauer-Architekten schufen, unvergleichbare Ansprüche stellt.

Welche geschichtspolitische Gesinnung, so fragen sich die Kritiker, steht hinter dem Faible für die architektonische Vorvergangenheit? Noch vor zwei Jahren glaubte man im Bekenntnis des Kanzlers zum Schloss («einfach weil es schön ist») ein neues Machtsymbol am Horizont der misstrauisch beäugten Berliner Republik aufsteigen zu sehen, die in der Suche nach historischer Selbstvergewisserung eine heile nationalgeschichtliche Kontinuität vorspiegle. Mittlerweile scheint man eher geneigt, die Liebe zum Feudalen in einer unspezifischen Gefühlslage zu begründen. Die «Süddeutsche Zeitung» («SZ») registriert eine Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die «sehr von jener abweicht, aus der man tatsächlich kommt». Wenn einerseits das an die Verbrechen der Gestapo erinnernde Projekt «Topographie des Terrors» tatsächlich erneut gefährdet sein sollte, wie die «FAZ» am Freitag berichtete, während andrerseits der rasche Aufbau der Hohenzollern-Residenz propagiert wird, deutet dies jedenfalls nicht auf eine ausgewogene Geschichtspolitik Berlins.

Die «Tageszeitung» («taz») erkennt im Hang zum Barock den oft zitierten «symbolischen Normalisierungsschub». Sie schreibt ihn allerdings weniger dem in letzter Zeit oft diskutierten neuen nationalen Selbstverständnis der Deutschen zu, sondern interpretiert ihn vielmehr als geschichtliche Indifferenz einer rot-grünen Regierung, die als erste deutsche Politikergeneration den Krieg nicht mehr erlebt habe. In der Tat ist kaum zu befürchten, dass ein Flickwerk aus Schlosshülle und Betonkern, eine «disneyhafte Simulation» («Die Zeit»), zum ideologisch gefärbten Überbau heranwachsen könnte.


Die Zukunft der Architektur?

In die Richtung gehen auch jene Kommentare, die in der unverhältnismässigen Symbolhaftigkeit des Schlosses eine Entsprechung zu den hochgeschraubten Erwartungen an Berlin nach der Wende sehen. Die Sinnstiftung, die man der Hauptstadt im Wiedervereinigungsprozess zutraute, war enorm; die Zukunftsvision einer Stadt im Aufbruch wird nun durch die Rückwendung zum Alten konterkariert. Pikanterweise fällt die Empfehlung zusammen mit dem gross angekündigten Architektur-Weltkongress (UIA) Ende Juli über die Zukunft der Baukunst, an dem sich die Gastgeberstadt Berlin als moderne Architekturstadt präsentieren möchte.

Jene, die vom Anblick des Potsdamer Platzes in ihrem Wunsch nach «urbanem Heil» enttäuscht seien, erwarteten dieses jetzt von der Schlosskopie, mutmasst die «SZ». Vielfach wurde betont, dass die Entscheidung eine «politische Niederlage» («Berliner Zeitung») für die zeitgemässe Architektur sei, deren Vertreter grösstenteils mit Bedauern und Empörung reagieren und von einer «sehr traurigen Entscheidung für Berlin» (Daniel Libeskind) oder gar von einem «Skandal» (Wolf Prix) sprechen.

Mit dem Bekenntnis zum Schloss endet das Märchen, das Berlin seit der Wende als die zukunftsweisende Metropole unserer Tage preist. So setzt sich laut «taz» nun auch architektonisch eine Geisteshaltung zwischen Grössenwahn und Lethargie durch, die Berlin über Jahre hinweg «zum Schlusslicht hat werden lassen».

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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