Artikel

Raumschiff Architektur über Berlin
Neue Zürcher Zeitung

Der 21. UIA-Weltkongress sucht eine Baukultur der Zukunft

27. Juli 2002 - Claudia Schwartz
Zum Auftakt betonte der Kongresspräsident Andreas Gottlieb Hempel die Fähigkeit der Architektur, «seelische Empfindungen» zu nähren, und der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder mahnte die Architekten, sich anzustrengen, damit die Menschen ein besseres Leben hätten. So manchem der gegen 6000 Kongressteilnehmer - Architekten, Ingenieure, Soziologen, Historiker und Publizisten - dürfte dieser heilige Ernst im Laufe der Woche noch in den Ohren geklungen haben, während er sich im klimatisierten Internationalen Congress Centrum (ICC) in Berlin wiederholt und trotz Rollkragenpullover fröstelnd in den Gängen verirrte.


Regionale Bausteine

Man hätte sich kaum einen skurrileren Ort für das Nachdenken über die Städte von morgen und das Leben in ihnen vorstellen können als das ICC. Der aluminiumbewehrte Koloss aus den siebziger Jahren steht wie ein Relikt der einstigen technoiden Utopien am Rande der westlichen City. Das urbane Leben findet anderswo statt. Manche Asiaten filmten die obligaten Erinnerungsbilder denn auch einfach im Foyer von den Plakatwänden ab, die Berlins neue Architektur mit Hochglanz zur Geltung brachten. Freilich passte der bunkerartige Bau in seiner anachronistischen Zukunftseuphorie durchaus zum Thema des Weltkongresses, der noch vor drei Jahren in Peking «Die Architektur des 21. Jahrhunderts» ausgerufen hatte. Der gemeinsam von der Union Internationale des Architectes (UIA) und dem Bund Deutscher Architekten (BDA) veranstaltete Kongress unter dem Thema «Ressource Architektur» wurde schon im Vorfeld durch schwindende Ressourcen beim BDA und Pleite-Gerüchte belastet und war geprägt von einem wohl nur teilweise dem finanziellen Desaster geschuldeten organisatorischen Dilettantismus.

Das diesjährige Konferenz-Motto legte der versammelten Zunft nahe, sich jenseits der ästhetischen Aufgabe vermehrt auf soziale und ökologische Verantwortung zu verständigen. Damit hatte man sich ohnehin schon Meilen entfernt von den ideologischen, nur um sich selbst kreisenden Berliner Architekturdebatten. Kam hinzu, dass sich umgekehrt hauptstädtische Institutionen wie die Staatlichen Museen ungerührt zeigten von der Anwesenheit Tausender Architekturinteressierter und die Tore des Alten Museums, wo die Schau mit Architektenzeichnungen aus zwei Jahrhunderten den Höhepunkt des Rahmenprogramms bildete, pünktlich um sechs Uhr schlossen. Es waren die kleinen Galerien, die in Anlehnung an Sigfried Giedions Buch «Raum, Zeit, Architektur» dem kopflastigen Architekturmarathon nächtens mit den Mitteln der Kunst urbanes Leben einhauchten.


Weltmassstab

Der Weltkongress, der am Freitag zu Ende ging, nahm die Leitgedanken früherer Konferenzen auf und teilte das Stadtthema mit der Weltkonferenz «Urban 21» vor zwei Jahren. Nicht neu sind die Fakten globaler Umweltprobleme und sozialer Ungleichverteilung. Baukultur, so die Veranstalter, hiesse demzufolge auch, dass die Baugestalter ihre ethischen Grundsätze im Hinblick auf die inneren Widersprüche der globalen Gesellschaft befragen. Ein wissenschaftliches Komitee, dem unter anderem Thomas Herzog, Matthias Sauerbruch, Jörg Schlaich und Donata Valentien angehören, veröffentlichte im Vorfeld ein Grundsatzpapier. Es will die Architekten in die Pflicht kultureller Werte nehmen, die über den ökonomischen und ästhetischen Selbstzweck hinausweisen. Was sich in der Forderung des Präsidenten der Uno-Umweltorganisation UNEP, Klaus Töpfer, nach einer «neuen globalen Friedenspolitik gegenüber der Menschheit, der Umwelt und den Kulturen» noch etwas theoretisch anliess, wurde eindringlich untermauert von Tai Kheng Soon (Singapur), der die Architekten in seinem Vortrag dazu aufrief, sich als Teil einer modernen, humanen, lebensgerechten - und damit: politischen - Kultur zu verstehen.

Durch die Referate und Diskussionen der sehr allgemein gehaltenen Veranstaltungsblöcke «Stadt und Gesellschaft», «Natur und gebaute Umwelt», «Innovation und Tradition», «Raum und Identität» zogen sich wie ein Leitfaden die Begriffe Wachstum, Überbevölkerung, Risiken der Weltzivilisation, Umwelt, Bürgerinitiativen, intelligente Systeme, Sozialverträglichkeit. Man hüpfte in fünf Tagen um die Welt - von der Wasserwirtschaft in den argentinischen Pampas über die Transformation des öffentlichen Raumes in den «Blauen Städten» Ostsibiriens hin zum Berliner «Kompetenzzentrum Plattenbau».

Der Münchner Architekt Thomas Herzog belegte am Beispiel des Florentiner Palazzo Pitti, dass bei der Entwicklung selbstregulierender Systeme die Hochtechnologie von morgen auf die Ressourcen der Ahnen zurückgreifen kann. Der Stuttgarter Ingenieur Jörg Schlaich betonte die Ressource «Arbeitsbeschaffung» für Schwellenländer. Bei seiner Ausführung, wie die weltweite Energiefrage mit Windkraftwerken in der Wüste zu lösen sei - «Stellen Sie sich vor, Sie verschwenden stündlich so viel Energie, wie Sie nur können, und die Betreiber in den armen Ländern profitieren auch noch davon» -, wurde es einem denn doch wind und weh.


Globale Unterschiede

Ein in den vergangenen Jahren noch nicht derart ausgeprägter Trend zur Verortung machte sich bemerkbar: Globales Denken kann nur in regionalem Handeln Wirkung zeitigen, da die Probleme diametral verschieden sind. So leidet die 16-Millionen-Menschen-Stadt Schanghai unter Landflucht und Überbevölkerung. Sie gehört zu den fünf Mega-Citys und wird laut Vereinten Nationen im Jahr 2015 schätzungsweise 23 Millionen Einwohner zählen. Währenddessen beklagt man zum Beispiel in deutschen Städten - insbesondere im Osten - einen Bevölkerungsrückgang und zunehmenden Leerstand.

Das Wissen um das globalisierte ökologische Zusammenwirken kann dabei als Grundlage dienen, ortsbezogene Konzepte so zu variieren, dass sie allgemeinen Nutzen besitzen. Gleichzeitig befördern diese die Identität der Architekturen, wo der internationale Stil in gleichförmiges Design mündet. Die Ressourcen der Architektur können jene der Natur nicht ersetzen. Aber es ist ein grosses Potential vorhanden, diese umsichtiger und schonungsvoller zu nutzen. Der grosse Andrang von Teilnehmern aus dem Osten und aus Schwellenländern belegte die Dringlichkeit des Themas für jene Regionen. Irgendjemand warf dann die späte Frage auf, warum sich denn kaum Stararchitekten an der Diskussion um eine Baukultur für die Zukunft beteiligten. Peter Eisenman war gerade im Begriff zu erklären, dass für ihn die Ressource der Architektur in der Idee des Architekten liege. Da neigte sich die Konferenz aber schon ihrem Ende zu.


[ Zum Kongress erscheint ein Weissbuch: Resource Architecture. Main Kongress. Report and Outlook. UIA Whitebook 2002. Verlag Birkhäuser, Basel 2002. ]

teilen auf

Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

Ansprechpartner:in für diese Seite: nextroomoffice[at]nextroom.at

Tools: