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In einsamer Höhe
Neue Zürcher Zeitung

Neue urbanistische Projekte für München

München explodiert. Neue Wohnquartiere sollen den überhitzten Immobilienmarkt beruhigen und Perspektiven eröffnen für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Die Szenarien erscheinen eindrücklich. Doch was bieten die Neubaugebiete der Parkstadt Schwabing, der Theresienhöhe und der Messestadt Riem ihren künftigen Bewohnern?

4. Oktober 2002 - Oliver Herwig
Liebliche Plätze, grosszügige Parks und breite Strassenzüge - so hat sich München in den Köpfen von Millionen Touristen festgesetzt. Stadtplanung klingt da nach einer historischen Aufgabe. Abgeschlossen, abgesichert und unverrückbar für alle Zeiten, denn schliesslich waren hier Titanen am Werk: Klenze, Gärtner, Fischer und Sckell bildeten das geistige Fundament, auf dem München gefahrlos zum Millionendorf wuchs. Damit ist Schluss. Heute platzt das leuchtende Isar-Athen aus allen Nähten. Der Wohnraum wird knapp, die Mieten explodieren, und bei den Immobilienpreisen bewegt sich die Voralpenstadt ohnehin in einsamer Höhe. Wie gerufen kommen da neue Siedlungsprojekte mit wohlklingenden Namen: Parkstadt Schwabing, Messestadt Riem und Theresienhöhe. Ihr Anspruch ist gross. In nur wenigen Jahren sollen sie ehemalige Industrieareale in grüne Wohnquartiere verwandeln und Leerstellen im Gefüge der Stadt füllen. Klug nutzte die Kommune dabei den Drang der Industrie an die Peripherie. Die drei Gebiete im Norden, Osten und im Zentrum Münchens verdeutlichen die Choreographie dieses grossmassstäblichen Stadtumbaus hin zur Medienmetropole.


Charme des Hinterhofs

Den Auftakt machte der neue Flughafen Franz Joseph Strauss. Seine Eröffnung im Mai 1992 hinterliess im stadtnahen Riem ein 556 Hektaren grosses Areal - und die einmalige Chance, das ehemalige Flughafengelände in ein Wohnquartier mit Zukunft zu verwandeln. Sechs Jahre später nahm dort die Neue Messe Riem ihren Betrieb auf und liess ihre einstigen Hallen und Bauten hoch über der Wies'n leer zurück. So gab es auch im Herzen der Stadt plötzlich Raum für ein Wohn- und Dienstleistungsquartier. Mit ähnlichem Ehrgeiz polieren Stadtplaner gerade die Parkstadt Schwabing zu einem modernen Medienstandort auf. Jahrelang versprühte das Gebiet nördlich des Mittleren Rings den Charme eines gigantischen Hinterhofs, einer vergessenen Restfläche voller Gewerbe- und Industriebauten.

Diese negativen Vorgaben reizten André Perret offenbar: «Architektur bedeutet nicht die Addition von Bauformen», erklärt der gebürtige Franzose, sondern «hat mit Kontext zu tun». Und dieser müsse für die Parkstadt Schwabing erst geschaffen werden. Leitlinie seiner Planung wurde Theodor Fischers Erweiterungsplan für München von 1892, mit seinen charakteristischen Vorgärten und Blickachsen zwischen den einzelnen Häusern. Den Verkehr wird Perret nicht wegzaubern können, aber durch Lärmschutzwälle und siebenstöckige Bauten an der Autobahn abschirmen. Von Ost nach West staffelte er die Bebauung immer lockerer und durchgrünter, von grossen Bürobauten hin zu überschaubaren Wohnzeilen. Die entscheidende Verbindung muss nach Süden, nach Schwabing hin erfolgen. Ausgerechnet dort aber endet der zukünftige Petuel-Park, der auf dem Rücken des übertunnelten Mittleren Rings grünen soll. So bleibt eine lärmende Lücke, eine offene Nahtstelle, die einzig vom Tramtrassee überspannt wird. Optisch hingegen rückt Münchens Norden dem Zentrum nahe. Für viele allzu nahe. Entlang der Autobahn entstehen nämlich die Doppeltürme des Münchner Tors II von Helmut Jahn sowie der «Skyline Tower» der Bayerischen Hausbau. 123 bzw. 84 Meter hoch, sind sie als städtebauliche Dominanten noch vom Odeonsplatz aus sichtbar. Nun scheint es, als ob der Konjunktureinbruch auch in München Spuren hinterlässt. Die grosszügig geplante Freifläche im Zentrum der Parkstadt ist beinahe fertig gestellt und wirkt verloren in ihrer Grösse, denn die Randbebauung aus Bürohäusern fehlt.

Riem ist ein Sonderfall. Auf dem ehemaligen Flugplatz sollte, ungestört von historischen Grenzen, etwas völlig Neues entstehen. Der Weg zur Öko-Mustersiedlung scheint vorgezeichnet. Tatsächlich aber eröffnet das Gelände Einblicke in die real existierende Baukultur. Neben überdurchschnittlichen Einzellösungen wie der Feuerwache, der Grundschule und der Kinderkrippe sowie soliden Bürohäusern breiten sich Investorenbauten aus. An vielen Fassaden prallten alle Vorschläge der Beratergruppe ab, die kostenlos, aber weitgehend unverbindlich Ökologie und Qualität bewertet. Die «meisten Bauträger nehmen es ernst, manche nicht so», beschwichtigt Walter Wiesinger vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung diplomatisch. Investoren wissen, was der Markt fordert: eine Wohnung mit kompaktem Grundriss zu vertretbaren Kosten.

Architektonische Qualität, Ökologie, Rendite und Urbanität bilden auch in Riem kein magisches Quadrat, sondern versanden im Bermudadreieck gängiger Patentlösungen. Wer sich in Riem einrichten will, lebt in einer infrastrukturellen Einöde. Neben dem internationalen Kongresszentrum fehlt vorerst das Stadtteilzentrum mit eigenen Einkaufsmöglichkeiten. Bis Ende 2003 bleibt das grüne Riem mit seinen kurzen Wegen zwischen Arbeit und Wohnen ein Versprechen. Die eigentlichen Impulse der Stadtplanung dürften sich wohl erst nach der Bundesgartenschau 2005 abzeichnen. Dann sollen sich Landschaft und Wohnen über grosse Grünzüge miteinander verzahnen. Schliesslich wächst hier keine klassische Gartenstadt und auch kein Siedlungsprojekt der Moderne, sondern ein Langzeitexperiment als Antwort auf die ökologischen Herausforderungen von morgen.


Kompakt, urban und grün

Auch die sogenannte Theresienhöhe über der Wies'n kommt ohne städtebauliches Leitbild nicht aus. Kompakt, urban und grün lautet die Trias für das Quartier, in dessen Zentrum der Bavariapark liegt. Erst seit einigen Jahren wieder öffentlich zugänglich, wurde der Park mit seinen alten Kastanien längst zur Attraktion für Spaziergänger und Erholungsuchende. Rundherum will Chefplaner Otto Steidle aus dem Geist des Siedlungsbaus urbane Stadtstrukturen wachsen lassen. Das scheint zu gelingen. Schon jetzt verzahnt sich der Stadtteil Sendling mit dem Westend. Die Randbebauung steht grösstenteils. Es handelt sich dabei vor allem um Bürobauten, die das ehrgeizige Projekt erst finanzieren halfen. Schliesslich musste die Kommune alle Kosten für die neue Infrastruktur und die Abfindung der Messegesellschaft aus dem Verkauf der Grundstücke decken.

Trotz Wirtschaftskrise: Münchens Anziehungskraft ist ungebrochen. Das liegt mit an der vorausschauenden Planungskultur der Kommune, die attraktive und funktionierende Stadträume entstehen liess. Die nach 1945 belächelte Entscheidung, historische Strukturen weitgehend wiederherzustellen, erweist sich längst als grosse Qualität, meinte Stadtbaurätin Christiane Thalgott bei einer Tutzinger Tagung. Der gebürtigen Hamburgerin pflichtete der Schweizer Christoph Vitali sogleich bei. München sei «die einzig ernst zu nehmende Stadt in Deutschland - zumindest was das Stadtbild angeht». Wie aber werden sich die neuen Quartiere darin einfügen? Sieht man von Riem ab, integrieren sich die Entwicklungsgebiete Parkstadt Schwabing und Theresienhöhe dezidiert in das gewachsene München und denken es weiter. Parallel dazu entstehen weitere Siedlungen wie die sogenannte Panzerwiese im Norden und die Bebauung der Bahnanlagen nach Westen hin. Ihr Erfolg wird mit darüber entscheiden, wie sich die Lebensqualität im Ballungsraum München entwickelt. Schliesslich will die Stadt auch hier ihren Spitzenplatz verteidigen.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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