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Bescheidene Häuser statt spektakuläre Bauskulpturen
Neue Zürcher Zeitung

Plädoyer für eine auf das Wesentliche ausgerichtete Architektur

Die zeitgenössische Architektur treibt derzeit bizarre Blüten. Daher ist Vittorio Magnago Lampugnanis Ruf nach einer «neuen Einfachheit», der vor fünfzehn Jahren mitten im Triumph der postmodernen Architektur eine Polemik auslöste, weiterhin aktuell. Anlässlich der in Karlsruhe abgehaltenen Tagung «100 Jahre Werkbund» hat Lampugnani seine Position präzisiert und gegen den Schweizer Minimalismus abgegrenzt.

Im Gegensatz zu dem, was die traditionelle Baugeschichtsschreibung suggeriert, hat es in jeder Epoche mehrere Architekturstile nebeneinander gegeben; aber so viel Vielfalt wie heute gab es noch nie. Das Interesse der Architekten und ihres Publikums gilt der Ausnahme, nicht der Regel oder der Konvention; und je spektakulärer sich diese Ausnahme gebärdet, umso beachtenswerter und damit umso besser erscheint sie. Für diese gezielte optische Differenzierung muss die Attraktivität der Aussenhaut herhalten, und ihr Zusammenhang mit dem Gebäudeinneren wird zunehmend aufgegeben.

Diejenigen Baumeister, die in den Zeitschriften, Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen als Stararchitekten tituliert und gefeiert werden, haben sich rasch darauf eingestellt. Sie liefern ihren Auftraggebern die medienwirksame ästhetische Überraschung, die sie erwarten, und veredeln diese mit ihrer Signatur. Ergebnis ist nicht zuletzt eine neue gesellschaftliche Rolle der Architektur, glamourös und affirmativ zugleich. Ergebnis ist allerdings auch eine erhebliche Verwirrung, weil die Architekturbilder, mit denen das Publikum tagtäglich mit immer neuen (oder scheinbar neuen) Sensationen überflutet wird, alles möglich und paradoxerweise auch alles gleich erscheinen lassen. Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, als sie mit einer Tradition der Moderne bricht, die in eine ganz andere Richtung weist: in Richtung der Zurückhaltung, der Reduktion, des Schweigens, der Einfachheit. Deren Prinzip ist so alt wie die Architektur selbst: Vitruv propagierte diese Art von Baukunst, Vignola befleissigte sich ihrer (im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Palladio, der bei aller klassischen Strenge ein grosser Bildschöpfer war), Domenico Fontana und Ferdinando Fuga führten sie zu einem frühen Höhepunkt und verliehen ihr eine städtebauliche Dimension.

Zeitgenössische Einfachheit

Der bewusste, dramatische und vielleicht auch irreversible Bruch mit der Möglichkeit, sinnhaft mit Bildern umzugehen, wurde jedoch Anfang des 20. Jahrhunderts vollzogen: nicht von einem Architekten, sondern von einem Literaten. 1902 veröffentlichte Hugo von Hofmannsthal in der Berliner Tagespresse den fiktiven Brief von Lord Philipp Chandos an Francis Bacon, in dem er die Leere hinter den Worten als Folge der Vertreibung aus dem Paradies des Sprachvertrauens schildert und das Schweigen als einzig möglichen Ausweg suggeriert. Seitdem war dieses Schweigen oder zumindest eine dem Schweigen nahekommende Reduktion das zentrale Leitbild der Moderne. Auch in der Architektur: von Adolf Loos (und im Hintergrund Karl Kraus) bis Le Corbusier, von Karl Scheffler bis Ludwig Mies van der Rohe.

Ein knappes Jahrhundert später ist die Moderne nicht mehr ganz so modern, wie sie einmal war. Von einigen ihrer Prinzipien mussten und müssen wir uns verabschieden. Zu denen, die auch vor dem neuen Hintergrund unserer Zeitgenossenschaft ihre Gültigkeit nicht verloren haben, gehört jenes der Einfachheit. Diese legt bereits die Technik nahe. Der Bauprozess ist auch dort, wo er sich modernster Verfahren bedient, weiterhin in vielen Bereichen handwerklich geprägt. Je mehr Arbeitssschritte und Details sich wiederholen, desto unkomplizierter läuft der Prozess ab. Mit anderen Worten: Je einfacher ein Gebäude ist, desto problemloser lässt es sich konstruieren. Die problemlose Konstruktion darf nicht die Gestalt eines so komplexen und vielschichtigen Organismus, wie es ein Haus ist, einseitig bestimmen; aber sie sollte nur dann verkompliziert werden, wenn die Bestimmung und das Konzept des Gebäudes es verlangen. Dies schon aus ökonomischen Gründen. Weit stärker als das Material fällt im Bauprozess die Arbeit finanziell ins Gewicht. Und je komplizierter ein Gebäude zu bauen ist, umso mehr Arbeit erfordert es und damit auch Geld. Der ökonomische Druck, der auf den Gebäuden lastet, legt nahe, ihre Herstellungskosten zu reduzieren. Und auch dort, wo der finanzielle Rahmen generös ist, tut man gut daran, zu sparen, wo Sparsamkeit möglich ist – aus ökologischen Erwägungen und um an anderer Stelle gezielt grosszügig sein zu können.

Wirtschaftlichkeit beim Bauen, also der umsichtige und zielgerichtete Umgang mit Ressourcen, ist für das singuläre Unternehmen vorteilhaft; für die Weltgemeinschaft ist sie ein Imperativ. Eine Architektur der Einfachheit kann in zweierlei Hinsicht nachhaltig sein. Sie kann zur Erhaltung der Energie- und Materialressourcen unserer Erde beitragen, indem sie davon nur das Allernötigste verbraucht. Und sie kann dadurch, dass sie materiell und ästhetisch lange hält, weil sie solide gebaut und zeitlos gestaltet ist, jener Verschwendung sich entgegenstellen, die für die Zerstörung unserer Welt mitverantwortlich ist.

Die Kontrolle und die Reduktion des Energieverbrauchs beim Bauen drängen sich schon deswegen auf, weil dieser knapp die Hälfte des gesamten Energieverbrauchs unserer westlichen Gesellschaft ausmacht. Erschwerend kommt hinzu, dass er fossile, also nicht erneuerbare Brennstoffe wie Erdöl und Gas betrifft. Mit einfachem Bauen allein kommt man diesem Problem nicht bei, aber ein elementares Bauvolumen mit zurückhaltend und heliothermisch richtig angeordneten Öffnungen ist allemal sparsamer als eine zerklüftete Glasskulptur. Und traditionelle Heiz- und Kühlsysteme, welche die natürlichen klimatischen Bedingungen optimal ausnutzen und mit wenig und einfacher Technik auskommen, können vor allem in den klimatisch moderaten Zonen, in denen wir leben, den Energiebedarf eines Gebäudes sensationell verringern.

Was die Dauerhaftigkeit anbelangt: Jedes Haus ist nicht nur eine Energieverbrauchsmaschine, sondern auch eine teure Ansammlung von Material, Arbeit und Ideen und eine potenzielle Abfalldeponie. Es sollte deswegen kein Wegwerfprodukt sein. Noch fördern Grundstücksmarkt und Abschreibungsmechanismen die rasche Folge von Abriss und Neubau. Doch das ist eine unsinnige Verschwendung: ökologisch unverantwortlich und volkswirtschaftlich inakzeptabel. Sie wird bald auch privatökonomisch nicht länger bestehen können.

Gesellschaft und Ästhetik

Indessen sprechen nicht nur technische, ökonomische und ökologische Gründe für Einfachheit im Bauen, sondern auch und vor allem gesellschaftliche. Architektur ist eine Kunst mit hoher öffentlicher Präsenz; als solche muss sie möglichst viele Menschen ansprechen. In den Worten von Loos: Das Haus hat jedem zu gefallen. Und, möchte man hinzufügen, über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg. Das ist, will man sich nicht geschmäcklerisch gebärden, nur durch Verzicht auf individualistische Gesten zugunsten einer kultivierten Neutralität möglich. Anders ausgedrückt: zugunsten einer reflektierten Einfachheit.

Der soziale Anspruch von Architektur führt zwangsläufig zu ihrer urbanistischen Dimension. Die Stadt ist eine der höchsten, wenn nicht die höchste Stufe gemeinschaftlicher Kultur, in der sich die Individuen freiwillig einem übergeordneten Regelwerk unterstellen, das ihr Zusammenleben koordiniert, ordnet, erleichtert und im besten Fall bereichert. In ihr gibt es für kritischen Dissens Platz, aber nicht für kapriziöse Allüren und systematische Häresien. Auch nicht für architektonische Allüren und Häresien. Marc-Antoine Laugier, Verfechter eines rationalistischen Klassizismus und eines Urbanismus der Vielfalt und der Überraschung, mahnte in seinem «Essai sur l'architecture» von 1753, die Fassaden der Häuser in der Stadt dürften nicht den Launen Einzelner überlassen werden. Die gesellschaftliche Vereinbarung muss sich auch in den gebauten Formen widerspiegeln, die sie repräsentieren; und nur in der Einfachheit findet sich eine entsprechend breit abgestützte moderne Konvention.

Vor diesem Hintergrund fordert auch die ideologische Dimension der Architektur ihre Einfachheit. Wenn es nicht einer rein kommerziellen und schäbigen Zweckrationalität huldigt, enthält das Bauen stets auch den Traum eines besseren Lebens, und zwar eines besseren Lebens für alle. Das ist in der autistischen Verschlüsselung, aber auch im Protz und im zur Schau getragenen Überfluss nicht möglich. Die Kultur und der Reichtum, die wir besitzen, müssen unter einer möglichst grossen Anzahl von Menschen möglichst gerecht verteilt werden. Das ist nur durch jene Selbstbeschränkung zu erreichen, welche Einfachheit erzeugt und durch sie veredelt wird.

Einfachheit ist kein Stil

Eine derlei definierte Einfachheit hat nichts mit Minimalismus zu tun, auch nichts mit einer neuen Armut oder einer neuen Archaik. Diese mehr oder minder modischen Stilrichtungen entsprechen der Gepflogenheit ihrer Protagonisten, mit affektierter pseudoexistenzialistischer Pose stets und überall schwarze Hemden, schwarze Krawatten und schwarze Anzüge zu tragen, was Loos, der ein wahrer Meister der Reduktion war, zutiefst entsetzt hätte. Sie haben die einfache Gestalt als Ziel. Im Gegensatz dazu geht es bei der neuen Einfachheit um den Inhalt: um einfache Programme, einfache Konstruktionen, einfache Technik, einfache Handhabe, einfache kulturelle Zusammenhänge.

Konkret: Ein Haus wird sich nicht als abstrakte Raumkonstruktion präsentieren, ganz gleich ob expressiv oder sachlich. Es wird auf seinen Typus und seine Aufgabe verweisen, auf die konstruktive und kulturelle Tradition, aus der es hervorgeht, auf seine ideelle Bestimmung und seine intellektuellen Aspirationen. Seine Materialien werden nicht unnötig ausgefallen sein: keine Fassade aus Stucco lustro oder serigrafiertem Glas, auch nicht aus millimeterfein geschnittenen und auf Glas geklebten Marmorplatten, sondern eher aus Putz, Mauerziegel, Stein oder Holz, zumal diese sowohl technisch-konstruktiv als auch wirtschaftlich vorbildlich sind und überdies reiche kulturelle Implikationen enthalten. Es wird Fenster haben, die nicht nur grafisch komponierte Einschnitte in den Wänden sind, sondern artikulierte architektonische Elemente, durch die man hinausschauen kann, die zu öffnen sind und sich verschatten und verdunkeln lassen. Es wird über eine Küche verfügen, die mit einem richtigen Herd ausgestattet ist und mit Geräten, die ihre Funktion und ihren Mechanismus verraten. Im Bad wird es Wasserhähne geben, die man auf einleuchtende Art und Weise aufdrehen und wieder zudrehen kann, und auch die Dusche wird so beschaffen sein, dass es weder einer Gebrauchsanweisung noch eines umfangreichen experimentellen Studiums bedarf, um sich zu waschen. Die Schranktüren werden nicht nur Schattenfugen aufweisen, sondern über Griffe verfügen, damit man sie leicht und verständlich auf- und zumachen kann. Und: Es wird Sockelleisten geben, damit die Wände nicht jedes halbe Jahr neu gestrichen oder die Reinemachefrauen in psychiatrische Behandlung geschickt werden müssen.

Dabei wird es nicht darum gehen, partout zu einer künstlichen Einfachheit zurückzukehren, deren Voraussetzungen in der modernen Welt nicht existieren und die mithin affektiert wirken würde. Vielmehr wird zu überprüfen sein, wie viel Komplexität wirklich notwendig ist und wie viel davon nur Verkomplizierung ist, auf die man ohne Verlust und sogar mit Gewinn verzichten kann. Mit einem Gewinn an Benutzbarkeit, Verständlichkeit, Nachvollziehbarkeit. Mit einem Gewinn an Lebensqualität.

Tatsächlich wird eine solche Einfachheit nicht einfach zu erreichen sein. Denn im besten Fall geht sie von der maximalen Komplexität aus, um sie daraufhin in einem langen und schwierigen Auswahlprozess zu reduzieren. Weit davon entfernt, simpel oder gar dürftig zu sein, ist sie ein Konzentrat von Reichtum. «Verwechseln Sie bitte nicht das Einfache mit dem Simplen», soll Mies van der Rohe gemahnt haben. Und: «Der Zwang zur Einfachheit bedeutet keine kulturelle Armut, wenn wir uns bemühen, so viel Schönheit als nur möglich einzufangen.»

Komplexe Einfachheit

Besonders trifft dies in der bildenden Kunst zu. Das vielleicht lapidarste Gemälde der italienischen Renaissance, Antonello da Messinas «Annunciata», die im Palazzo Abatellis in Palermo hängt, steht am Ende eines langen Wegs, der mit der konventionellen Ikonographie der Verkündigung begann. Daraufhin verbannte Antonello den Engel aus dem Bild, beschränkte sich bei Maria auf ein Porträt einer ernsten, zierlichen Schönheit vor dunklem Hintergrund und liess sogar den Heiligenschein weg. Wie sehr er an diesem Porträt arbeitete, zeigt nicht nur die Münchner Fassung des Motivs, die als ein Vorläufer der Palermitaner Version zu gelten vermag, sondern auch die Vielzahl der verworfenen Versuche, welche die Restaurierung zutage brachte. Nur die Proportionen des Daumens der linken Hand wurden dreimal geändert. Das Ergebnis ist ein überraschend kleinformatiges und grossartiges Gemälde, entwaffnend einfach und unergründlich zugleich. Seine enigmatische Essenzialität hat die unterschiedlichsten Deutungen und Emotionen hervorgerufen und ruft sie heute noch genauso hervor wie vor einem halben Jahrtausend.

Nicht anders in der Architektur. Hinter den klaren Anlagen und Formen von Leon Battista Alberti und Gianlorenzo Bernini, von John Soane und Karl Friedrich Schinkel, von Le Corbusier und Mies van der Rohe schimmern Verwerfungen und Widersprüche durch, die nur mit grosser Anstrengung (und Geduld und Talent) überwunden und sublimiert werden konnten. Heute, im Zeitalter der sich geradezu auftürmenden Komplexität, der immer schärfer werdenden Widersprüche und der ins Unendliche wachsenden Verfügbarkeit der Information, erfordert die Einfachheit mehr Fähigkeiten und Arbeit als zuvor. Heute, in der Epoche der Reizüberflutung, ist sie so wichtig wie noch nie.

Einfaches Leben

Architektur bestimmt nicht auf strenge und starre Weise das Leben der Menschen; doch wenn sie gut ist, deutet sie dieses Leben empathisch und kritisch, erleichtert und beeinflusst es positiv. Eine Architektur der Einfachheit versinnbildlicht und suggeriert ein einfaches Leben, ja noch mehr: Nur ein einfaches Leben vermag ihr Inhalt und Sinnhaftigkeit zu geben. Denn wenn auch diese Architektur besonders viele unterschiedliche Lebensweisen zulässt: Im Idealfall sollte sie so einfach benutzt werden, wie sie sich darstellt. Unprätentiöse Räume wirken am besten, wenn man sich darin unprätentiös verhält; schnörkellose Formen entsprechen schnörkellosen Haltungen. Auch einfache Technik verlangt wenn nicht unbedingt bescheidene, so doch moderate Ansprüche. Konkret, wenn auch ein wenig salopp: Man kann leichter mit weniger Haustechnik und einer einfachen Klimatisierung auskommen, wenn man bereit ist, zuweilen auch einen Pullover anzuziehen oder das Jackett abzustreifen.

Hinter solcherlei scheinbar harmlosen Postulaten verbirgt sich eine Utopie: jene eines vernünftigen Lebens und Zusammenlebens. Sie ist bescheidener als die Forderung nach einem neuen Menschen, wie sie die klassische Moderne der zwanziger Jahre formulierte, aber mit ihr durchaus verwandt. Die Verwandtschaft sollte nicht schrecken, eher Mut machen, und die Utopie gepflegt werden. Sie ist Voraussetzung einer glaubwürdigen zeitgenössischen neuen Einfachheit. Sie ist Voraussetzung einer engagierten und wahrhaft zeitgenössischen Architektur.

[ Der Architekturtheoretiker Vittorio Magnago Lampugnani ist Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich und selbständiger Architekt in Mailand. ]

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