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Unsichtbare Hinterlassenschaften
Neue Zürcher Zeitung

Relikte aus dem Kalten Krieg und Albert Speers Pläne für die Reichshauptstadt

Mit Führungen durch unterirdische Bauten hat sich der Verein «Berliner Unterwelten» einen Namen gemacht. Nun zeigt er eine Ausstellung zu Albert Speers Umbauplänen für die Reichshauptstadt.

19. Mai 2008 - Sieglinde Geisel
Eine Stadt besteht nicht nur aus dem, was man sehen kann. Bei einem Studienaufenthalt in Paris war der Berliner Architekt Dietmar Arnold 1988 mit den «cataphiles» in Kontakt gekommen, jenen Enthusiasten, die sich den Katakomben von Paris verschrieben haben. In Berlin erhielt er Anfang der 1990er Jahre von der Stadtverwaltung den Auftrag, die unterirdischen Bauten und Altlasten auf dem Gelände des Regierungsviertels zu dokumentieren – dies verschaffte ihm Zugang zu allen Archiven.

Bunkeranlagen aus dem Kalten Krieg

Mit dem Ziel, unterirdische Bauten der jüngeren Geschichte zugänglich zu machen und für die Nachwelt zu erhalten, gründete er 1997 den Verein «Berliner Unterwelten». Ein als Bauschutt-Lager genutzter Atomschutzbunker wurde in unzähligen Arbeitsstunden entrümpelt und gesäubert, bis im Jahr 2000 die ersten Führungen stattfinden konnten. Die Fahrgäste ahnen nicht, dass der U-Bahnhof Pankstrasse im Wedding Teil des Bunkers ist: Im Ernstfall würden U-Bahn-Waggons erste Sitzgelegenheiten bieten. Zu den eigentlichen Schutzräumen gelangt man jedoch nur mit einer Führung. Tausende Passanten eilen jeden Tag achtlos an der unscheinbaren Tür vorbei, die in eine Schleuse mit Dusche führt. Hier wären im Ernstfall die verseuchten Kleider gewechselt und durch einen der 3000 blaugelben Trainingsanzüge ersetzt worden, die immer noch vorrätig sind. Die Zivilschutzanlage stammt aus den 1970er Jahren, und man staunt, wie altmodisch die medizinischen Behandlungsräume wirken. Die Etagenbetten, die aus Eisengestellen in den Schlafsälen aufgebaut werden müssten, sehen ausgesprochen unbequem aus. Die Toilettenräume haben keine Türen oder WC-Brillen, die Spiegel sind aus fleckigem Blech, denn im Fall eines Bunkerkollers könnten alle beweglichen Teile sowie Spiegelglas als Waffe verwendet werden. Man ist zu Gast in einer Zeit, deren Bedrohungsszenarien wir völlig vergessen haben.

Bauten wie diese Zivilschutzanlage gehören für Dietmar Arnold zu den Denkmälern des Kalten Kriegs. Doch mit seinen Anträgen auf Denkmalschutz hatte der Verein bisher kein Glück. «Bauten aus der Nachkriegszeit gelten nicht als denkmalwürdig», meint Arnold. Auch beim Senat stiess der Verein anfangs nicht auf offene Ohren. «Wir wurden in die Nazi-Schmuddelecke gestellt und als Bunkerküsser und Betonromantiker bezeichnet», erinnert sich Arnold. Der Verein rührt an Tabus. Aus Angst, der Ort könnte Neonazis als Kultstätte dienen, war beispielsweise der Führerbunker nicht bezeichnet.

Vor zwei Jahren stellte der Verein eine Informationstafel auf, die mit Gerüchten wie einem angeblichen Fluchttunnel zum Flughafen Tempelhof aufräumt. In den vergangenen Jahren wurde das Angebot an Führungen und Seminarien ständig ausgebaut, so kann man inzwischen auch den Flakturm im Humboldthain und eine Rohrpostanlage besichtigen. Über 100 000 Besucher zählte man im vergangenen Jahr, und im laufenden Jahr werden es wohl doppelt so viele sein. Mit den Einnahmen finanziert der Verein, der keinerlei öffentliche Unterstützung erhält, dreissig Arbeitsplätze. Nun hat der Verein die Ausstellung «Mythos Germania – Schatten und Spuren der Reichshauptstadt» erarbeitet, die in einem Ausstellungspavillon gegenüber dem Holocaust-Mahnmal zu sehen ist. Dass diese Ausstellung über Albert Speer und die geplante Umgestaltung Berlins in eine «Welthauptstadt» eine Lücke schliesst, beweist der Publikumserfolg. Man muss die Spuren von Speers Plänen kennen, um sie im heutigen Berlin sehen zu können. Der Krieg verhinderte bekanntlich die Verwirklichung der grössenwahnsinnigen Vorhaben, und so wirkt es wie eine Ironie der Geschichte, dass von Speers monumentalen Entwürfen einzig die Strassenlampen umgesetzt wurden, die heute noch Teile der «Strasse des 17. Juni» beleuchten.

Spuren von Speers Zerstörungen

Der Gendarmenmarkt gilt als schönster Platz Berlins – wer weiss, dass er heute noch so aussieht, wie die Nazis ihn haben wollten? Im 19. Jahrhundert war der Gendarmenmarkt als begrünter, parkähnlicher Schmuckplatz angelegt worden, doch um ihn für Aufmärsche nutzen zu können, pflasterten ihn die Nazis mit quadratischen Steinplatten. Auch der Siegessäule sieht man nicht an, dass sie von ihrem ursprünglichen Standort vor dem Reichstag auf den Grossen Stern verschoben und, aus Gründen der Proportionen, um eine Säulentrommel erhöht wurde. Ein Kuriosum schliesslich ist der «Schwerbelastungskörper», mit dem getestet wurde, ob der märkische Sandboden die Monumentalbauten überhaupt tragen würde. Nach der Versuchsphase hätte der Betonzylinder abgerissen werden sollen, doch den Nazis fehlte dazu das Geld, und später konnte er wegen der umliegenden Wohnbauten nicht gesprengt werden.

Albert Speer stand als Generalbauinspektor einer Behörde mit 1300 Mitarbeitern vor, die direkt Hitler unterstellt war. Damit wurde die Stadtverwaltung ausgehebelt, und Speer hatte freie Hand. Niemand konnte den Abriss ganzer Stadtteile verhindern. Wegen der Wohnungsknappheit hatte Speer ein unmittelbares Interesse an der Deportation der Juden. Er sorgte dafür, dass Wohnungen «arisiert» wurden, und für die gigantischen Bauvorhaben forderte er im KZ Sachsenhausen Zwangsarbeiter an.

Diese politisch brisante Dimension von Speers Wirken wird in der Ausstellung klar deutlich. Dagegen ist es nur sehr begrenzt gelungen, Speers Planungen anschaulich zu machen. Man entziffert Texttafeln, Pläne und Tabellen, man betrachtet das elf Meter lange «Germania-Modell» (ein Requisit aus dem Film «Der Untergang»). Von den Fenstern des Pavillons aus geht der Blick auf das Regierungsviertel, das nach Speers Plänen heute ganz anders aussähe. Trotzdem fällt es schwer, etwa das monumentale «Haus des Volkes», dessen 320 Meter hohe Kuppelhalle 180 000 Menschen hätte fassen sollen, im heutigen Stadtplan zu lokalisieren. Dieser Mangel an Anschaulichkeit liegt zumindest teilweise in der Natur der Sache, denn was nicht gebaut wurde, kann nicht gezeigt werden, zumal die Hinterlassenschaft Speers zu einem grossen Teil aus Zerstörungen besteht. Das Alsen-Viertel etwa wurde nicht im Krieg zerbombt, sondern es hatte «Germania» weichen müssen – einzig die Schweizer Botschaft blieb stehen. Der Verein hofft nun auf ein festes Domizil für die Ausstellung.

[ Bis 31. Dezember; Informationen über den Verein Berliner Unterwelten: www.berliner-unterwelten.de. ]

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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