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    Ja nur kein Licht ins All
    Spectrum

    Ja nur kein Licht ins All

    Ein Bau von höchster Qualität hätte es werden sollen, gar ein „Flagship“ der Wiener Kindergärten. Heißt es in der Ausschreibung. Doch keine der 100 Bewerbungen für den Bau im Stadtpark soll die Vorgaben erfüllt haben. Wirklich nicht? Chronik eines Scheiterns.

    28. Dezember 2009 - Christian Kühn

    S eit ein paar Jahren gefällt es der Redaktion des „Spectrums“, mich für einen Termin im späten Dezember einzuteilen. Silvester ist leicht: Im Jahresrückblick findet die Kritik immer genug Material. Schwierig ist der Heilige Abend: Welches Architekturthema passt schon zu Weihrauchduft und Wunderkerzen?

    Heuer ist mir die ideale Weihnachtsgeschichte quasi in den Schoß gefallen, eine Feel-good-Story über die menschenverbindende Kraft der Baukultur in kleinen Landgemeinden Österreichs. Der Baukultur-Gemeindepreis 2009 wurde zwar schon im November verliehen, aber die schöne Publikation dazu gehört unter den Christbaum jedes österreichischen Bürgermeisters, jeder Bürgermeisterin und aller Architekturinteressierten. Verantwortlich für Preis und Buch ist LandLuft, ein interdisziplinärer Verein unter dem Vorsitz von Roland Gruber, dem ein Beirat zur Seite steht, in dem unter anderem Friedrich Achleitner, Roland Gnaiger und Erich Raith mitwirken.
    Das Buch ist eine Revue geglückter Beispiele und glücklicher Bauherren aus zehn preisgekrönten Gemeinden, umflort mit schönen Sätzen wie „Baukultur schafft Freunde“ oder „Baukultur rechnet sich“. Der Bürgermeister der Gemeinde Zwischenwasser in Vorarlberg, die den Hauptpreis gewann, wird mit der Aussage zitiert, Architektur sei „keine Geschmacksfrage“, und Helmut Mödlhammer, der Vorsitzende des Österreichischen Gemeindebunds, nennt in seinem Beitrag Baukultur gar eine „Philosophie des ländlichen Raumes, die soziale Vernetzungen der örtlichen Gesellschaft abbildet und fördert“.

    Weil der Gemeindepreis so viel unglaublich wunderbare Stimmung macht, dass es für zwei Weihnachten reichen würde, und er im Übrigen auf der Homepage www.landluft.at umfassend dokumentiert ist, bleibt noch ein wenig Platz, sich der Frage zu widmen, ob sich Aussagen wie „Baukultur schafft Freunde“, „Baukultur rechnet sich“ oder „Architektur ist keine Geschmacksfrage“ auch auf Wien übertragen lassen.

    Der Weihnachtsfriede in der Wiener Architekturszene ist nämlich getrübt durch das vorläufige Scheitern eines kommunalen Bauprojekts, dessen Dimension selbst kleinen Landgemeinden üblicherweise keine Probleme bereitet. Es galt, für einen achtgruppigen Kindergarten mit 3,5 Millionen Euro Bausumme einen Entwurf und einen Generalplaner zu finden. Prominent ist die Lage im Wiener Stadtpark, an dessen östlichstem Eck sich bereits ein Kindergarten aus dem Jahr 1948 befindet. Das schlichte Bauwerk hat ausgedient und soll durch ein außergewöhnliches ersetzt werden, „ein Gebäude von höchster Qualität, das der Bedeutung des Ortes Rechnung trägt und als ,Flagship‘ der Wiener Kindergärten wirken soll“, wie es in der Ausschreibung zum Wettbewerb vollmundig hieß.
    100 Projekte wurden eingereicht. Die Jury unter dem Vorsitz von Elsa Prochazka tagte zwei Tage lang und gab schließlich zu Protokoll, dass zwar mehrere Einreichungen die hohen Anforderungen „in Teilbereichen ausgezeichnet erfüllt“ hätten. In Summe habe jedoch keine einzige diesen Anforderungen „auch nur annähernd“ entsprochen, weshalb kein erster Preis verliehen werde, sondern nur ein zweiter und dritter. Das Preisgericht wolle mit dieser Entscheidung ein Signal an die Planer setzen, „dem Auslober auf ambitionierte Fragestellungen innovative Konzepte anzubieten“. Nach kurzer Ratlosigkeit beschließt die Stadt, den Wettbewerb als geladenes Verfahren mit fünf Teilnehmern zu wiederholen, der Träger des zweiten Preises, der als bestgereihter ein Anrecht auf Auftragsverhandlungen hätte, wird abgefunden.

    Kein einziges Projekt? Unter 100? Die Teilnehmer machen ihrem Ärger in Foren, Aussendungen und wütenden Briefen an die Architektenkammer Luft. Realisierbare Projekte habe es genügend gegeben. Und von einer „ambitionierten Fragestellung“ könne abgesehen von ein paar schönen Worten keine Rede sein. In den konkreten Vorgaben sei nichts anderes als der bisherige Standard gefordert worden.

    Tatsächlich beginnt das Elend dieses Wettbewerbs bei der Ausschreibung. Wer Außergewöhnliches will, muss es auch zulassen. Ein paar Schlagworte und das Gerede vom „Flagship“-Gebäude reichen nicht aus. Im Detail wurde explizit auf die Raumbücher der Stadt Wien für Kindergärten hingewiesen, ein Gemeinschaftsprodukt von fünf Magistratsabteilungen, 70 Seiten Vorbemerkungen und 130 Seiten Raumblätter, in denen alles geregelt ist, von Details wie der Anzahl der Wandleuchten bis zum kosmischen Maßstab: „Bei Außenbeleuchtungen ist unnötige Lichtimmission (sic!) in das Weltall zu vermeiden.“ Dass es der Stadt nicht gelungen ist, ihre Erfahrung aus dem Betrieb ihrer Hochbauten in etwas Sinnvolleres zu gießen als solche detailversessenen Regelwerke, ist ein beachtliches Versagen.

    Die Enttäuschung der Jury über das Fehlen außergewöhnlicher Projekte hätte also ruhig verhaltener ausfallen können. Vor diesem Hintergrund sind auch die beiden bestgereihten Projekte durchaus akzeptable Entwürfe. Beide stammen von jungen Büros, swap aus Wien und riccione aus Innsbruck. Das swap-Projekt (dritter Preis) erfüllt die funktionellen Vorgaben exakt und zieht sich formal durch eine amöbenartige Kurvatur aus der Affäre. Der zweite Preis von riccione überzeugte die Fachjuroren vor allem durch seine städtebauliche Antwort, die einen Übergang zwischen Stadt und Park erlaubt und den Kindergarten um einen schönen Gartenhof bereichert hätte.

    Dass die Vertreter der Stadt – vor allem der stellvertretende Bezirksvorsteher Rudolf Zabrana – lieber eine Amöbe im Park gesehen hätten und ihre Zustimmung zu einer Gartenmauer, der noch dazu ein paar Bäume weichen müssten, kategorisch ausschlossen, ist verständlich, aber genau jenes Geschmacksurteil, das ein Wettbewerbsverfahren verhindern soll. Eine Überarbeitung der beiden Projekte, um ihre Defizite zu korrigieren, wäre in dieser Situation der einzig richtige Schritt gewesen. Offenbar war die Stimmung in der Jury aber bereits so verfahren, dass man mit dem Verzicht auf den ersten Preis die eigentliche Entscheidung an eine höhere Instanz delegieren wollte.

    Diese Taktik ist gründlich danebengegangen. Jetzt wurschtelt man sich wie so oft in Wien aus der Affäre. Konsequenzen? Außer Schuldzuweisungen hat man bisher wenig gehört. Vielleicht sollten die Wiener Architekten, Politiker und Beamten gemeinsam nach Zwischenwasser pilgern, um zu lernen, dass Baukultur eine Ressource ist. Wer sie verschwendet, bekommt die Rechnung spätestens bei den nächsten Wahlen.

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