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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

4. September 2010 Der Standard

Der alte Mann und seine Feinde

Gestern, Freitag, feierte Wilhelm Holzbauer seinen 80. Geburtstag. Architekt zu sein, sagt er, das ist nicht gerade ein Job, in dem man sich Freunde macht. Schon gar nicht, seitdem die Plebejer am Werk sind.

Standard: Wie feiert ein Architekt seinen Achtziger?

Holzbauer: Bei meinem Siebziger, da hat meine Frau in der Albertina eine große Party organisiert. Und beim Fünfundsiebziger auch. Das war dann im gläsernen Saal im Musikverein. Aber jetzt, wo ich 80 bin, ist mir nicht wirklich zum Feiern zumute. Ein nettes Abendessen mit meinen Freunden, das reicht mir vollkommen. Und zwar in einer kleinen und beschaulichen Runde. Plinius hat einmal gesagt, die perfekte Anzahl der Freunde am Tisch, das ist mehr als die drei Grazien und weniger als die neun Musen.

Standard: Andere sind in dem Alter schon seit 15 Jahren in Pension. Denken Sie manchmal daran, sich zur Ruhe zu setzen?

Holzbauer: Ich wüsste nicht, wie Ruhe aussehen soll. Selbst wenn ich nichts zu tun habe, erwische ich mich dabei, wie ich dann anfange, ein Buch zu schreiben. Ja, eigentlich habe ich in letzter Zeit vor allem geschrieben.

Standard: Worum geht es in Ihrem Buch?

Holzbauer: Über den Aufstieg und Fall der Moderne in der Architektur.

Standard: Die ist doch schon vor Jahrzehnten gefallen!

Holzbauer: Ja, aber die Thematik ist immer noch aktuell.

Standard: Seit dem großen Rambazamba rund um das Haus für Mozart haben sich die Wogen wieder geglättet. Es ist stiller geworden um Sie.

Holzbauer: Ja, das stimmt. Es ist stiller geworden. Ich mache nicht mehr so viel wie früher. Das liegt daran, dass ich in den letzten Jahren nicht mehr zu den Aufgaben gekommen bin, die mich wirklich interessieren. Das letzte große Projekt war ein Konzerthaus für Konstanz. Wir haben den Wettbewerb gewonnen, aber dann gab es eine Abstimmung. Die Bevölkerung hat das Projekt bei 63 Prozent Wahlbeteiligung und 67 Prozent Gegenstimmen abgewählt.

Standard: Woran arbeiten Sie zurzeit?

Holzbauer: Wir planen viele Bürobauten. Das hat sich in den letzten Jahren so ergeben. Aber das mache ich nicht mehr selber, weil mich das nicht so interessiert. Ich leite die Projekte direkt an meine Mitarbeiter weiter. Lieber würde ich Musik- und Theaterbauten planen. In letzter Zeit bin ich auch im Thermenbereich tätig. Ich habe etwa die St. Martins Lodge im Seewinkel im Burgenland gebaut, zusammen mit meinen jungen Partnern. Das ist ein ganz schönes Projekt geworden. Und nicht zu vergessen ist die U1. Im Rahmen der AGU, der Architektengruppe U-Bahn, machen wir jetzt die neuen U-Bahn-Stationen auf der Südstrecke Richtung Rothneusiedl. Es ist ganz lustig, nach über 40 Jahren an das eigene Projekt wieder anzuknüpfen. Der Wettbewerb damals war 1969!

Standard: Wie hat sich der Beruf in den letzten Jahren verändert?

Holzbauer: Es ist schwieriger geworden. Allein der Umstand, dass Österreich die ganzen EU-Spielchen mitspielt, ist eine deutliche Verschlechterung der Branche.

Standard: Was meinen Sie damit?

Holzbauer: In Spanien etwa werden freihändig Opernhäuser und Museen vergeben. In Großbritannien auch. Nur bei uns sind die Politiker und Auftraggeber so unglaublich ängstlich und schreiben für jedes einzelne Kleinprojekt einen öffentlichen, EU-weiten Wettbewerb aus.

Standard: Wettbewerbe sind der Versuch, Architektur zu demokratisieren.

Holzbauer: Wenn ich mir meine Schüler anschaue, wie zum Beispiel Delugan Meissl oder BEHF, dann kann ich sagen: Ja, die können mit diesem System umgehen und beherrschen die Spielregeln perfekt. Die bauen einen Wettbewerb nach dem anderen. Da bin ich vielleicht ein bisschen unflexibel geworden.

Standard: Ach was! Sie kommen mit dem Modell Wettbewerb doch auch ganz gut zurecht. Im Gegensatz zu den anderen bauen Sie sogar dann, wenn Sie nicht gewonnen haben!

Holzbauer: (lacht) Sagen wir mal so, ich baue dann, wenn ich nicht ganz oben war. Aber man darf nicht vergessen: Dieses Freispiel hat es immer schon gegeben. Allein, wenn in Wien jedes Siegerprojekt realisiert worden wäre, glauben Sie mir, dann würde diese Stadt heute anders aussehen! Beispiele gibt es genug.

Standard: Ihr Argument führt das Prinzip Wettbewerb ad absurdum.

Holzbauer: Let's face it! Die ersten Preise sind nicht immer die besten. Man denke nur an das Kriegsministerium in Wien, wo sowohl Otto Wagner als auch Adolf Loos durchgefallen sind.

Standard: Mit dieser Aussage entziehen Sie den Jurys jede Kompetenz.

Holzbauer: Manchmal muss man sich eben wehren! Zum Beispiel das Haus für Mozart in Salzburg! Das war ja alles ein abgekartetes Spiel. Ich hatte den Auftrag praktisch schon in der Tasche. Und plötzlich gewinnen Hermann & Valentiny. Da war ich dann natürlich unglaublich verärgert. Trotzdem ist es in der weiteren Entwicklung zu einer hervorragenden Zusammenarbeit mit Valentiny gekommen. Schließlich war er ja einer meiner besten Schüler.

Standard: Sie waren heuer bei den Salzburger Festspielen. Wie geht es Ihnen, wenn Sie das Gebäude einige Jahre nach Fertigstellung sehen?

Holzbauer: Alles ganz wunderbar. Es können alle froh sein, dass es so gekommen ist, wie's ist. Das Haus ist offen, die Leute sind überall, die Stimmung bei den Festspielen ist großartig. Ich habe mit der Netrebko gesprochen. Die Künstler, sagt sie, finden das Haus und die Akustik ganz hervorragend.

Standard: War der Preis für dieses Projekt nicht hoch? Selbst Friedrich Kurrent, in Zeiten der „arbeitsgruppe 4“ noch Ihr Partner, hat sich von Ihnen distanziert. In einem Interview meinte er: „Die Freundschaft würde bestehen, wenn er das Salzburger Festspielhaus nicht verhaut hätte. Doch er hat sich das Projekt erstritten, und das ist schlimm.“

Holzbauer: Sie kennen doch den Kurrent! Der schreibt sogar Briefe an den Papst, dass er die Bernini-Kollonaden schließen soll. Und dieser Kurrent, der mir die Freundschaft gekündigt hat, der war letzte Woche bei mir, und wir hatten ein wunderbares Abendessen, zusammen mit Puchhammer, Achleitner und Gsteu. Wir haben uns prächtig unterhalten und gut gespeist. Die Freundschaft besteht nach wie vor, nur haben wir uns ausgemacht, dass wir über den Fall Salzburg nicht mehr reden. Vor fünf Jahren hat er mir eine Glückwunschkarte zum Geburtstag geschickt. Da hat er dann geschrieben: „Mit 75 hat der Holzmeister das große Festspielhaus gebaut, und mit 75 hast Du sein kleines ruiniert.“

Standard: Macht man sich in der Architektur mehr Freunde oder mehr Feinde?

Holzbauer: Ich habe mir ziemlich viele Feinde gemacht. Das kann man wohl so sagen. Das ist kein Beruf, in dem Freundschaften geboren werden. Aber interessanterweise sind meine Klienten durch die Bank sehr zufrieden mit dem, was ich ihnen hingestellt habe. Im Landtagsgebäude in Vorarlberg - das ist 1981 fertiggestellt worden - sieht es heute noch genauso aus wie am ersten Tag.

Standard: 1978 bis 1981 haben Sie das „Haus eines Kunstsammlers“ gebaut. So lautet zumindest der Titel auf Ihrer Homepage. Es ist das Haus des kürzlich verstorbenen „Krone“-Chefs. Welches Verhältnis hatten Sie zu Hans Dichand?

Holzbauer: Ganz ehrlich, die Zusammenarbeit war schwierig. Er hat damals einen Einflüsterer gehabt, und zwar den Architekten Peter Czernin. Der hat mir immer wieder hineingefunkt. Aber trotzdem ist das Haus so geworden, wie ich es wollte. Wir sind in Harmonie auseinandergegangen.

Standard: Sie haben in den letzten 55 Jahren rund 500 Projekte entworfen. Wie viele schlechte sind darunter?

Holzbauer: Das schlechteste Projekt war für mich die Fußgängerzone in der Kärntner Straße in Wien. Das Projekt hat nicht den Maßstab der Stadt getroffen. Das ist in die Hose gegangen.

Standard: Ein persönlicher Rückblick zum Achtziger: Welchen Stellenwert nimmt Wilhelm Holzbauer im österreichischen Architekturgeschehen ein?

Holzbauer: Diese Rolle ändert sich ständig. Zu Zeiten der Wiener U-Bahn und der großen Projekte in Salzburg und in Amsterdam, da war ich auf meinem absoluten Höhepunkt. Jede Zeit hat ihren Star. Damals war ich das, heute ist das der Prix. Doch bei den meisten Architekten, die heutzutage tätig sind, habe ich den Eindruck, frei nach Rousseau, dass wir den großen Einzug der Plebejer in die Architektur erleben.

28. August 2010 Der Standard

Revolution in Schwebe

12. Architekturbiennale in Venedig: Gelungen ist ein Balanceakt zwischen Kunst und Kritik. Die Architektur muss man suchen

Und dann das. Dramatisch beleuchtet, dramatisch in Szene gesetzt, dramatisch über den Köpfen der Besucher hinwegschwebend, als wäre die tonnenschwere Masse da oben leicht wie eine Feder, die in einer süßen Windböe vom Himmel fällt. Antón García Abril, Architekt und Autor der Installation Balancing Act, ist ein Meister des Gleichgewichts. In der Corderie-Halle des Arsenale setzte er zwei 20 Meter lange Betonträger übereinander, aber nicht irgendwie, sondern anhand einer fein berechneten Choreografie aus der Welt der physikalischen Kräfte.

„Ich kann mir nicht helfen. Ich habe das Bedürfnis, mit schweren Elementen leichte Räume zu gestalten“, sagt der 41-jährige Spanier. Wie schon bei seinem eigenen Wohnhaus in Las Rozas, Madrid, verblüfft er den Betrachter mit Unerwartetem. Normalerweise werden industriell gefertigte Elemente im Brückenbau eingesetzt. Hier tanzt das 25 Tonnen schwere Ding auf einer selbstgeschweißten Stahlfeder und ist der perfekte Auftakt für die 12. Architekturbiennale in Venedig, die heute, Samstag, eröffnet wird.

„People meet in architecture“ lautet der übergeordnete Titel der Schau. Und selbst wenn der Großteil der Exponate eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem beauftragten Thema vermissen lässt, gebührt der Direktorin Kazuyo Sejima - erstmals wird die Biennale von einer Frau angeführt - eine gehörige Portion Respekt. Nach vielen gescheiterten Versuchen ist die Biennale, die in den letzten Jahren nicht durch Subtilität auffiel, endlich wieder ein Hort des Neuen, endlich wieder ein Hort des feinen Experiments - ohne Zaha und ohne Frankie O.

„Wir leben in einer Zeit radikaler Änderungen“, sagt Sejima, „deswegen ist es wichtig, dass die Architektur auf diese Änderungen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln reagiert. Am Ende würde ich mir wünschen, dass wir dank dieser Ausstellung etwas genauer wissen, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln wird und welche Träume die Zukunft für uns birgt.“

Und tatsächlich: Von Träumen (und Albträumen) sind auf dieser kunstaffinen Architekturbiennale so viele Exponate geprägt wie nie zuvor. Die Bandbreite ist groß. Die Volksrepublik China zog sich zurück ins letzte Eck des Arsenale, bearbeitete die alten Stahltanks mit Brecheisen und Stange und lässt daraus viele kleine, allem Anschein nach unzensurierte Schwalben aus durchsichtigem Acrylglas entfliehen.

Griechenland baute eine Holzarche, jawohl: eine Arche, und packt mit ein, was nötig ist, um die Reise in die Zukunft zu überstehen: einen Laptop mit Navigationssystem und MP3-Player, eine ganze Batterie an Pflanzensamen und Gewürzen und einen Backbordmotor zur Flucht.

Deutschland wiederum lässt in seinem Pavillon die „Sehnsucht“ walten - so das umschweifende Motto des diesjährigen Beitrags von Cordula Rau, Eberhard Tröger und Ole W. Fischer. Gestillt wird vor allem jene nach einer bequemen Sitzgelegenheit in dunkelrotem Plüsch. Mehr ist nicht drin.

Neben ein paar Pavillons, die sich - wie übrigens auch der österreichische Beitrag unter Kommissär Eric Owen Moss - im krampfhaft pluralistischen Ausstellen vieler einzelner Projekte verzetteln, ist die Summe der unscheinbaren und wenig in Erinnerung bleibenden Länderbeiträge damit bereits erreicht. Der ganze große Rest ist zumeist simpel und einprägsam, bisweilen berührend und radikal, in jeder Hinsicht aber aufschlussreich und interessant.

Rumänien stellt einen einfachen White Cube in seinen Pavillon. „Ich wünsche mir, dass jeder einzeln hineingeht und den Raum auf sich wirken lässt“, sagt Architekt Tudor Vlasceanu. Mit exakt 94,4 Quadratmetern entspricht er dem Lebensraum eines durchschnittlichen Bukaresters. Mit einer Bevölkerungsdichte von 8500 Einwohnern pro Quadratkilometer zählt die rumänische Hauptstadt zu den dichtesten Ballungsräumen Europas. Vlasceanu: „Ich weiß schon, dass Bukarest nicht die wichtigste und spannendste Stadt Europas ist. Aber wir haben ein Problem, das auf diesem Kontinent recht selten ist. Wir wissen nicht, wohin mit den Menschen.“

Obwohl die Niederlande auch nicht gerade dünn besiedelt sind, stellt sich dort ein Problem ganz anderer Art dar: „In den Niederlanden stehen 4326 architektonisch wertvolle, historisch bedeutende oder sich unter Denkmalschutz befindliche Bauwerke seit Jahren leer“, sagt Ole Bouman, Kurator und Direktor des Niederländischen Architekturinstituts (NAI). „Das ist nicht nur eine Verschwendung wertvoller Flächenressourcen, sondern auch eine Vernachlässigung unserer kulturellen Verantwortung.“ Jedes einzelne dieser Gebäude wurde nachgebaut und schwebt nun als federleichte Styroporskulptur über den Köpfen der Besucher. Der Aufstieg in den ersten Stock lohnt, ganz gleich, wie viele Blasen an den Füßen einen davon abzuhalten versuchen.

Nicht entgehen lassen sollte man sich übrigens auch den Hylozoic Ground im kanadischen Pavillon. Der Torontoer Architekt und Designer Philip Beesley verliert sich in den Abgründen kinetischer Architektur und baut technoide Lebewesen aus Plastik, Gummi und Papier. Die frei hängenden Skulpturen bewegen sich wie Farne in der Meeresströmung, wie Tiefseequallen und Kraken.

„Auch wenn das viele beunruhigen mag - ich bin davon überzeugt, dass wir mit der uns vertrauten statischen Architektur nicht mehr weit kommen werden“, sagt Beesley, ein Anhänger des Hylozoismus, des Glaubens daran, dass Materie lebt. „In ein paar grundlegenden Bereichen wie etwa in der Nahrungsmittelversorgung brauchen wir dringend Unterstützung. Je früher wir uns damit anfreunden, desto besser. Es muss sich etwas in Bewegung setzen.“

Auf der Architekturbiennale ist vieles in Bewegung. Pritzker-Preisträgerin Kazuyo Sejima hat bewiesen, dass verkrustete Systeme dazu da sind, aufgebrochen zu werden. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten dürfte überstanden sein.

21. August 2010 Der Standard

Alles Baustelle

Kommenden Donnerstag wird in Venedig die 12. Architekturbiennale eröffnet. Österreich zeigt sich als Land „under construction“. Gespräch mit dem Kommissär Eric Owen Moss.

Die japanische Architektin und Pritzker-Preisträgerin Kazuyo Sejima (54) hat Großes vor. „Es fühlt sich an, als lebten wir in einer post-ideologischen Gesellschaft“, sagt sie. „In so einer schnelllebigen Welt stellt sich die dringende Frage, ob es der Architektur gelingen kann, neue Werte und womöglich sogar einen neuen Lebensstil zu verankern.“

Als erste Direktorin in der Geschichte der Architekturbiennale Venedig gibt sie demzufolge ein Thema vor, das so menschelt wie noch nie zuvor: „People meet in architecture“. Sejima: „Die Idee ist, dass man Menschen darin unterstützt, eine Verbindung zur Architektur, aber auch eine Verbindung zueinander aufzubauen.“

Die österreichische Antwort auf den Bindungswunsch fällt grenzüberschreitend aus: Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ), eine Freundin überraschender und wenig transparenter Personalentscheidungen, spähte über den Großen Teich und entschied, den Österreich-Pavillon zur Abwechslung einmal von einem nicht-österreichischen Architekten befüllen zu lassen.

Der kalifornische Befüller und Kommissär Eric Owen Moss wiederum greift das Thema auf, indem er „Austria under construction“ zeigt und den Josef-Hoffmann-Pavillon prompt in ein Baugerüst hüllt. Präsentiert werden 64 Projekte österreichischer Architekten im Ausland sowie ausländischer Architektin in Österreich. Anlass zu einem Gespräch.

Standard: Jetleg?

Moss: Venedig, Los Angeles, Venedig, Los Angeles, Venedig, Los Angeles. Ich bin mittlerweile so müde, dass ich gar nicht mehr weiß, was der Unterschied zwischen Müdigkeit und Nichtmüdigkeit ist. Alles dreht sich.

Standard: Erstmals wird Österreich von einem ausländischen Architekten repräsentiert. Was ist der Vorteil an der Sache? Die Mobilität kann's ja nicht sein.

Moss: Angeblich, das habe ich mir sagen lassen, ist das auf der Biennale überhaupt das allererste Mal, dass ein Land von einem ausländischen Architekten vertreten wird. Und das wundert mich! Denn in der Kunstszene ist es gang und gäbe, dass man auf Blickwinkel von außen zurückgreift. In der Architekturszene jedoch bevorzugen es die Leute, in der eigenen Suppe zu schwimmen und für sich selbst Werbung zu machen. In meinen Augen ist das altmodisch und chauvinistisch. Der Blick von außen hingegen ist objektiver und distanzierter. Und riskanter. Claudia Schmied legt die Latte sehr hoch. So eine Entscheidung braucht Mut.

Standard: Warum gerade Eric Owen Moss?

Moss: Das müssen Sie Claudia fragen.

Standard: Ich frage Sie!

Moss: Ich glaube, ich habe eine etwas unorthodoxe Sicht auf die Dinge.

Standard: Was macht Sie so unorthodox?

Moss: Ich bin ein unverbesserlicher Optimist. Die Art und Weise, wie ich Architektur mache, erfolgt aus meiner tiefsten Überzeugung, dass ich damit etwas verändern und verbessern kann. Wenn Sie als Bauherr glauben, dass eh alles in Ordnung ist, dann bin ich mit Sicherheit der falsche Architekt für Sie. Nein, es ist nicht alles in Ordnung, bei Weitem nicht! Aber Architektur kann den Prozess beschleunigen, kann die Diskussion in Gang setzen. Man muss nur daran glauben.

Standard: Der Architekt als Weltverbesserer?

Moss: Architektur ist wie ein Zuckerl. Sie ist ein kleiner Bestandteil des Lebens, aber wenn sie gut ist, dann ist das Leben gleich um so viel wohlschmeckender und schöner! Und das Wichtigste: Architektur ist ein kinetischer Prozess. Sie muss sich jede Minute weiterentwickeln. Sonst ist Stillstand.

Standard: Wie gut kennen Sie Österreich?

Moss: Ich war schon circa 25-mal in Österreich. Vielleicht auch 20-mal, vielleicht auch 30-mal. Keine Ahnung.

Standard: Sie haben beschlossen, „Austria under construction“ zu zeigen. Das bedeutet?

Moss: Österreich ist, was seine Größe und Einwohnerzahl betrifft, ein sehr kleines Land, doch relativ betrachtet ist es riesig! Diesen Umstand wollte ich darstellen. Die Fülle an guter Architektur ist enorm, die Strahlkraft nach außen ist mit kaum einem anderen Land dieser Größe vergleichbar. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass Österreich in Sachen Baukultur einer der wenigen internationalen Leader ist. Wo sich viel tut, da wird auch viel gebaut. Baustellen sind gut. Das kann man auch als Metapher sehen.

Standard: Insgesamt werden 64 Projekte gezeigt. Haben Sie Berater vor Ort gehabt oder haben Sie die Auswahl allein getroffen?

Moss: Ich habe gute Kontakte nach Wien, unter anderem weil auch einige Freunde von mir hier leben. Zu sagen, dass mir bei der Auswahl niemand geholfen hat, wäre also gelogen. Worauf wir allerdings besonderen Wert gelegt haben, war der Blick hinter das Bekannte und Bewährte: Wir haben die 64 Projekte, die wir in der Ausstellung zeigen, ausschließlich nach ihrer Qualität beurteilt - und nicht nach dem Bekanntheitsgrad ihres Verfassers. Deswegen sind auch viele Junge und Unbekannte dabei. Hauptsache, sie sind gut! Natürlich kann es sein, dass wir in einigen Fällen daneben gegriffen haben. Und mit Sicherheit ist uns auch das eine oder andere wichtige Projekt durch die Lappen gegangen. Was soll's. Ein Amalgam ist nie zu 100 Prozent perfekt.

Standard: Das Motto dieser Biennale lautet „People meet in architecture“. Ohne Zweifel ist Kazuyo Sejimas gewählter Titel eine der wichtigsten Aufgaben des Bauens überhaupt. Sind sich Architekten dieser Bürde bewusst?

Moss: Das weiß ich nicht. In unserer Ausstellung haben wir alles Mögliche unternommen, um so einen Treffpunkt zu schaffen. Natürlich nicht ohne ein zwinkerndes Auge: Wir haben eine Art Publikum aufgebaut, doch dabei haben wir die Menschen durch Objekte ersetzt. Die Kommunikation erfolgt nun durch die ausgestellten Arbeiten.

Standard: Wird es tatsächlich gelingen, dass die Architekturbiennale zum Treffpunkt eines größeren Publikums wird? Oder werden sich hier Architekten, Künstler und Kulturjunkies treffen wie jedes Jahr?

Moss: Darüber haben wir uns im Büro lang unterhalten. Architektur spricht nur ein kleines Publikum an. Das ist nun mal so und dafür braucht man sich auch nicht zu entschuldigen. Selbst wenn man sich auf den Kopf stellt: Diese Materie wird niemals so viel Interesse auf sich ziehen wie Politik, wie Wirtschaft, wie Wissenschaft und Forschung. Aber das stört mich nicht. Wenn nur drei Leute Kafka lesen und wenn sich nur vier Leute ein Gemälde von Lucian Freud anschauen, doch diese Leute machen das mit ernsthaftem Interesse und mit Genuss, dann ist schon viel erreicht. So ähnlich ist das auch mit der Architektur. Aber natürlich habe ich mich bemüht, mit meinem Ausstellungskonzept den Bogen so weit wie möglich zu spannen und ein Maximum an Publikum damit anzusprechen. Ob das gelingen wird ... Das ist der Job von Euch Journalisten!

Standard: Fragt sich nur, ob das Modell der Biennale prinzipiell noch zeitgemäß ist!

Moss: Was ist schon zeitgemäß? Ich halte die Diskussion, ob etwas zeitgemäß ist oder nicht, für völlig übertrieben. In den USA machen Sie etwas, und dann kommen die Leute zu Ihnen und sagen: Oh, that's so 80ies! Oder: Oh, that's so 90ies! Oder: Oh, that's so 99! Ich finde das schrecklich. Schauen Sie sich einmal Venedig an! Ist an dieser Stadt noch irgendwas zeitgemäß? Gar nichts. Und doch lieben wir sie und fahren immer wieder hin.

Standard: Meine Frage bezieht sich nicht auf die Stadt, sondern auf die Ausstellung.

Moss: Ich bin zufrieden mit dem Format. Mit einer einzigen Einschränkung: Immer nur in der eigenen Suppe zu schwimmen, da gebe ich Ihnen recht, ist ganz bestimmt nicht zeitgemäß. Ich denke daher, dass Österreich heuer eine neue und sehr interessante Stoßrichtung vorgegeben hat: Architekturpräsentation aus einem fremden Blickwinkel. Das könnte die Biennale wieder spannend machen.

Standard: Ein Wunsch: Was sollen die Leute empfinden, nachdem sie „Austria under construction“ besichtigt haben?

Moss: Mein Wunsch ist, dass sich das Publikum der einzigartigen Rolle Österreichs bewusst wird. Österreichische Architektur ist ein großartiger Exportartikel. Das Land hat Power! Daher auch das Baugerüst. Es ist Symbol dafür, dass sich etwas in Bau befindet, dass etwas ständig in Prozess ist.

14. August 2010 Der Standard

Im Land der kleinen Spediteure

Das Ebbser Unternehmen Tirolia Spedition erweiterte seinen Firmensitz um eine Silberkiste mit freizeitlichem Inhalt. Das Haus verfügt über eine Lounge sowie über den kleinsten Betriebskindergarten weit und breit.

Wer Tirol sagt, der muss auch Transit sagen. Rund zwei Millionen Lkw-Fahrten werden im gesamten Bundesland und am Brenner Jahr für Jahr verzeichnet. Es ist das Paradies der Spediteure. Neben den großen Marktführern wie Schenker, Gebrüder Weiß und Lkw Walter sind hier viele, vor allem kleinere Speditionsunternehmen tätig. Die meisten davon haben ihren Firmensitz entlang der Inntal-Autobahn.

Ein solches Unternehmen ist die Tirolia Spedition GesmbH, die auf die Organisation von sogenannten Komplettladungen spezialisiert ist. Das bedeutet: Die Ware wird ohne Umschlag in voll beladenen Lkws von A nach B geführt, ohne dass sie dabei mit anderen Waren kombiniert werden muss. Rund 50.000 Transporte werden jährlich von der Ebbser Zentrale aus abgewickelt.

Als das Stammhaus, 2001 nach Plänen des Tiroler Büros Architekturhalle erbaut, eines Tages zu klein wurde, dachte man laut über einen Zubau nach. „Die Zusammenarbeit hat in der Vergangenheit sehr gut funktioniert, also war für uns klar, dass wir auch das neue Projekt wieder mit denselben Architekten durchziehen wollen“, erinnert sich Michael Lukasser, Geschäftsführer des Speditionsunternehmens.

Der Neubau, eine silbrig schillernde Kiste aus Edelstahl und Glas, beinhaltet keine fixen Büroarbeitsplätze, sondern dient ausschließlich dem Service und der Infrastruktur. Neben einem Bar- und Loungebereich, der den Mitarbeitern zur Verfügung steht, gibt es Schulungsräumlichkeiten und einen Betriebskindergarten.

Besonders auffällig ist die Fassade. Die haushohen Paneele aus Edelstahlgitter sind an Licht- und Windsensoren angeschlossen und können sich auf diese Weise je nach Sonneneinstrahlung vollautomatisch öffnen und schließen. „Wir wollten das Gebäude klimatechnisch in den Griff kriegen, ohne dabei auf komplizierte Hightech-Lösungen zurückgreifen zu müssen“, sagt Architekt Manfred König. Gekühlt wird das Haus über einen Grundwasserbrunnen, die Beheizung im Winter erfolgt über das lokale Fernwärmenetz.

Mini-Kindergarten inklusive

Das Außergwöhnlichste am gesamten Projekt ist jedoch der Kindergarten. Obwohl die Tirolia Spedition nur 60, vorwiegend weibliche Arbeitskräfte beschäftigt, wollte Lukasser eine eigene Betreuungsstätte für Babys und Kleinkinder einrichten (siehe Interview). Für einen Betrieb dieser Größe ist das Vorhaben ungewöhnlich. Meist ist so eine Einrichtung nur in größeren Unternehmen anzutreffen. Beim Pharmakonzern Sandoz in Kundl etwa, rund 20 Kilometer entfernt, eröffnet kommenden September ein Kindergarten mit 22 Betreuungsplätzen. Allerdings verfügt der Standort auch über rund 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

7. August 2010 Der Standard

Die fabelhafte Welt der Manuelle

Die Pariser Architektin Manuelle Gautrand hat nur Ornament im Sinn. Wenn die Wirklichkeit nicht ausreicht, zieht sie sich zurück in die Welt der Bits und Bytes.

Adolf Loos sagte einst, Ornament sei Verbrechen. „Ach, Loos würde mich hassen“, sagt die Pariser Architektin Manuelle Gautrand, zuckt mit den Schultern und rollt unschuldig ihre kullernden Teddybär-Augen nach oben. „Aus seiner Sicht wäre ich wohl so etwas wie eine Schwerstkriminelle. Unverbesserlich. Ab hinter Gitter.“

Die 49-Jährige, die seit 1991 ein eigenes Büro in der Nähe der Opéra Bastille betreibt, hat nämlich nur eines im Sinn: Ästhetik um jeden Preis. „Ich will, dass Architektur etwas Schönes ist. Ich will, dass die Menschen die Häuser nicht nur mit den Augen wahrnehmen, sondern dass sie sie auch angreifen, streicheln, in die Hand nehmen wollen. Und das geht nur, indem man den Gebäuden so etwas wie eine emotionale Hülle verleiht.“

Das Gefühlskleid der Gautrand'schen Gebäude nennt sich Ornament. „Die meisten französischen Architekten haben Angst vor Expression und machen einen auf cool und emotionslos“, sagt Gautrand, die auf die Errungenschaften der Moderne pfeift und die Belle Époque zu neuem Leben erwecken will. „Aber das interessiert mich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich brauche das Ornament, um mich zu artikulieren.“

Auf eines legt die Architektin allerdings Wert: Die ornamentale Oberfläche ist im Gegensatz zu den historischen Vorbildern nie Selbstzweck, sondern übernimmt stets eine bauphysikalische, statische oder marketingtechnische Funktion. Bei ihrem Citroën-Showroom C42 auf der Avenue des Champs-Élysées in Paris ist die kristalline Glasfassade Konstruktion und Kommunikationsoberfläche zugleich. Gautrand: „Der typische Doppel-Chevron, den jeder vom Kühlergrill dieser französischen Autos kennt, ist in die Fassade integriert und macht es so überflüssig, das Wort Citroën an die Wand zu schreiben. Die Architektur selbst wird hier zum Wiedererkennungsmerkmal.“ Gebäude und Marke seien untrennbar miteinander verbunden. „Sollte Citroën seine Niederlassung eines Tages aufgeben, dann müsste man das Gebäude wohl ohne jeden Zweifel zerstören.“

Allein, die meisten realisierten Bauwerke der Pariser Architektin, die für ihren Citroën-Showroom sogar mit dem Future Project Award 2005 ausgezeichnet wurde, kommen schlicht und schnörkellos daher. Das ist der Preis der Wirklichkeit. „Ich fürchte, viele Auftraggeber und Bauherren sind noch nicht so weit“, erklärt Gautrand. „Sie sehen Architektur in erster Linie als eine funktionsorientierte Dienstleistung und nicht so sehr als Ausdrucksmittel einer kulturbeflissenen Gesellschaft. Das ist zwar legitim, aber schade, denn es ist dringend an der Zeit, Architektur neu zu definieren und den Bedürfnissen der Gegenwart und Zukunft anzupassen.“

Fazit: Im Gegensatz zum Gros ihrer französischen Kollegen flüchtet Gautrand in die Backstube der Bits und Bytes, zieht sich Kochschürze und Mütze über und wälzt ihre digitalen Wolkenkratzer, Wohnhäuser und Kulturbauten in einer Panier aus Blumenstreusel und geometrischem Dekor. Beim Wettbewerbsentwurf für ein Bürocluster in Issy-les-Moulineaux in Westparis lässt sie die Wolkenkratzer wie Bäume aus dem Boden wachsen. Das Tragwerk in der Fassadenebene ist Stämmen und Ästen nachempfunden, die Fensterflächen weisen die Form organisch geschwungener Blätter auf.

„Manchmal eignet sich die Architektursprache eben, um einen Stadtteil unverwechselbar zu machen und mit Identität aufzuladen“, sagt Gautrand. Oder mit Emotionen. Für den Businessbezirk La Défense, der von jeher an gestalterischer Unterkühlung leidet, schlug sie einen 300 Meter hohen Office-Tower vor, der an seiner Außenseite in ein ornamentales Kleid aus Stahl gewickelt ist.

„Das Ornament ist auch in diesem Fall nicht nur ein Ornament, sondern in erster Linie die nach außen gekehrte Tragstruktur des Gebäudes“, sagt Gautrand. „Meist wird die Arbeit der Baumeister und Stahlbauer hinter Fassaden und Verkleidungen versteckt. Ich wollte ihre Arbeit klar sichtbar belassen. Wenn Sie so wollen, wird an der Fassade eine kleine Geschichte des Bauens erzählt.“

Architektonische Anekdoten wie diese seien dringend nötig. „Vor allem in der Hochhausarchitektur dominiert eine sterile, gesichtslose, männlich geprägte Sprache. Ich wollte beweisen, dass auch ein Wolkenkratzer weich und weiblich wirken kann.“ Ob sie die Einteilung in Geschlechterrollen nicht als störend empfindet? „Mag sein, dass Ornament etwas Feminines ist. Aber was soll's, ich bin eben eine Frau.“

Unter Umständen könnte demnächst auch in Wien ein archetypisch weiblicher Bau aus der Erde ragen. Im Auftrag der Wien 3420 Aspern Development AG wurde Gautrand vor zwei Jahren eingeladen, um mit Studenten der TU Wien Projekte für die neue Seestadt Aspern zu entwickeln. „Das war einmal ein erster Schritt“, heißt es bei Wien 3420. „Wir haben vor, Manuelle Gautrand bei einem der nächsten großen Projekte in der Seestadt zu einem Wettbewerb einzuladen.“ - Ein weiterer Versuch, um das Ornament aus der fabelhaften Welt in die Wirklichkeit zu hieven.

31. Juli 2010 Der Standard

Zur Untermiete in meiner Galerie

Museum oder Wohnung? Ein New Yorker Kunstsammler wollte ein Leben inmitten von Bildern und Büchern. Architekt Ben van Berkel nahm sich dieses Wunsches an.

Der Hund ist ein Kunstwerk für sich. Mit einem fürwahr beunruhigenden Hecheln und Röcheln, ganz in der Art eines kurz bevorstehenden Atemstillstands, trottet der achtjährige Köter seinem Herrchen hinterher. „Ich weiß schon, Leo wird niemals einen Schönheitswettbewerb gewinnen“, sagt der glückliche Bewohner dieser 440 Quadratmeter großen Immobilie mitten in Manhattan. „Aber ich habe diesen Bulldog-Kerl einfach liebgewonnen. Auch wenn er ausschaut wie ein nass gewordener Gremlin.“

Leo ist das einzige - sagen wir einmal - Element, das völlig aus dem Rahmen fällt. Denn abgesehen von Leo ist das geschmeidig geschwungene Loft in Greenwich Village wohl die schönste Kombination aus Architektur, Wohnen und Kunst, die man sich nur vorstellen kann. „Ich habe immer davon geträumt, inmitten von Kunst zu wohnen“, sagt der 62-jährige Wahl-New-Yorker, der es bevorzugt, anonym und unerkannt zu bleiben. „Ich sammle schon seit 25 Jahren und habe Kunstwerke und Bücher vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Was lag also näher, als nach einem Architekten zu suchen, der mir meine ganz persönliche Wohngalerie mit Sofa, Bad und Bett entwirft?“

Und er fand. Ben van Berkel, Boss des holländischen Architekturbüros UN Studio und Freund seit vielen Jahren, wurde nach New York eingeflogen, sah sich das heruntergekommene Rattenloch im neunten Stock eines recht unscheinbaren Backsteinbaus an und nahm sich schließlich seiner Verwandlung in eine Residenz für Kunst und Hausherr an.

„Die Wohnung war groß, aber sonst nur dunkel und schrecklich“, erinnert sich van Berkel an seinen ersten Besuch zurück. „Ich war schockiert und dachte mir: Wir müssen alles niederreißen und so viel Licht wie nur möglich in den Innenraum bringen.“ Gesagt, getan. Anstelle ein paar kleiner Gucklöcher in der Außenmauer prangt nun ein Panoramafenster mit atemberaubenden Blick auf Lower Manhattan. „Ich finde die Kunstwerke in diesem Loft ja fantastisch“, sagt der Architekt. „Aber diese Aussicht auf die Stadt ist für mich persönlich das schönste Kunstwerk überhaupt.“

Leo keucht. Der Weg durch das Loft ist weit. „Greifen Sie nur mal diese glattgespachtelten und geschwungenen Wände an“, sagt der Bauherr. „Ja, ich bin obsessiv, aber die Art und Weise, wie Ben mit diesem Raum umgegangen ist, finde ich einfach faszinierend.“ Wochenlang seien die Handwerker vor Ort gewesen, um mit Schleifpapier und feiner Spachtel das hinzukriegen, was durchaus als perfekte organische Oberfläche in die Annalen der Architekturgeschichte eingehen könnte.

Neben schönen und edlen Materialien - der Holzboden etwa besteht aus drei Zentimeter dicken Dielen aus massiver Fichte - ist einer der Hauptprotagonisten jedoch das künstliche Licht. „2,80 Meter Raumhöhe sind nicht viel“, sagt Ben van Berkel, „daher haben wir versucht, möglichst weich zu arbeiten und mit hinterleuchteten Deckenelementen eine Art Zwischengeschoß anzudeuten.“ Als befände sich über dem Geschoß noch eine Empore, sind Teile der Decke mit transluzenten Kunststoffsegeln bespannt. Für den optischen Kick sorgen 18.000 LED-Lampen, die die Decke - wie es unter Architekten so schön heißt - entmaterialisieren.

Das Licht ist unsichtbar

„Die Beleuchtung zu verstecken war jedenfalls eine gute Idee“, sagt der Bauherr, „ich hasse nämlich Lampen.“ Nur ab und zu baumeln von der Decke ein paar vereinzelte Strahler, die die Werke von Josef Albers, On Kawara und Sol LeWitt ins rechte Licht rücken. Die dazugehörigen stromführenden Aluminiumschienen ziehen sich wie Gleise eines Güterbahnhofs über den gesamten Plafond.

„Auf manche Leute mag ich mit meinen Wohnvorstellungen einen eigenwilligen Eindruck machen“, sagt der Herr des Hauses charmant und freundlich. „Was soll's, das ist kein öffentliches Museum, sondern eine Wohnung für zwei Menschen, einen keuchenden Leo und viel, viel Kunst.“

Am liebsten wollte er das Bett überhaupt nur in die Mitte des Ausstellungsraumes stellen. Und Küche? Wozu! Es bedurfte erst einiger Überzeugungsarbeit durch den Architekten, um die Sinnhaftigkeit einer solchen Nahrungsmittelaufbewahrungs- und Kochstelle im Wohnverband zu untermauern. Mit mäßigem Erfolg. Von den 440 Quadratmetern Nutzfläche nimmt die Küche gerade mal deren sieben ein. Der Esstisch von Eero Saarinen, hübsch zwischen den Bildern platziert, dient heute als Sockel für die Kunst. Die Stühle sind im Lastenlift verstaut.

„Ach, essen“, sagt der passionierte Sammler am Ende. „Wenn ich von Kunst umgeben bin und die Kraft dieser Werke spüre, dann ist mein ganzer Hunger schon gestillt.“

24. Juli 2010 Der Standard

Ein Leben nach dem Pinselstrich

Tirana befindet sich mitten in einer zweiten Renaissance. Im Wiener Ringturm wird der bunten Hauptstadt Albaniens derzeit eine eigene Ausstellung gewidmet. Ein Lokalaugenschein.

Farbe. Sehr viel Farbe. Tonnen- und hektoliterweise einfach nur knallig bunte Farbe. Als der ausgebildete Künstler Edi Rama im Jahr 2000 mit 57 Prozent zum Bürgermeister Tiranas gewählt wurde, hatte er nur eines im Sinn: Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln - und viele waren das nicht - wollte er die Hauptstadt Albaniens nach Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur und einem viel zu abrupten Wechsel in die freie Marktwirtschaft endlich wieder aus ihrem anarchischen Chaos befreien.

„Wir hatten damals überhaupt kein Geld, aber wir mussten unbedingt was machen“, sagt er im Gespräch mit dem Standard. Und schon spielt er mit einem seiner vielen bunten Filzstifte, die zuhauf auf seinem Schreibtisch herumrollen, zieht Linien und Kreise damit, malt eingeschlossene Flächen aus. „Das Problem war: Wir waren damals erschlagen von den verheerenden ersten zehn Jahren in Freiheit, in denen es keine Ordnung gab und in denen alles Öffentliche als Reaktion auf die kommunistische Ära abgelehnt wurde.“

Rama räumte auf. Unbewilligte Hütten und Kioske wurden abgerissen, dafür erhielten die Geschäftstreibenden entsprechende Ersatzflächen in den Erdgeschoßen bestehender Wohnhäuser. Die frei gewonnenen Parkflächen wurden wieder renaturiert.

Auch entlang der Lana, dem einzigen Flüsschen der Stadt, wurde Tabula rasa gemacht. Hunderte illegal errichteter Baracken wurden mit dem Bulldozer weggeschaufelt, gleichzeitig wurde das einst zähflüssige Gewässer vom Müll befreit. Eine Wiederholung dieser Aktion würde dem Fluss, der allmählich wieder DeponieQualitäten aufweist, nebenbei bemerkt, nicht schaden.

Die am stärksten wahrgenommene Aktion war jedoch die Bemalung von Tiranas Hausfassaden in den irrsten und aberwitzigsten Mustern. „Farbe kostet nicht viel“, blickt Rama heute zurück. „Die Aktion war simpel, aber extrem wichtig, denn sie hat der ganzen Stadt einen richtigen Schubs nach vorn verpasst. Das war ein dramatischer Moment!“ Für seine radikale Offensive wurde Edi Rama von der Internet-Community City Mayors 2004 zum „Bürgermeister des Jahres“ gekürt.

Zehn Jahre nach seiner ersten stadtplanerischen Amtshandlung holt Rama nun zum zweiten Mal aus - und beschert der Stadt nicht nur erstklassige Architektur, sondern nimmt sich auch all jener weitreichenden Probleme an, bei denen man mit Pinsel und Bagger nicht mehr weiterkommt: Ausweitung und Gestaltung öffentlicher Räume, Anreizschaffung für internationale Investoren, Ausbau der städtischen Infrastruktur.

Tirana platzt aus allen Nähten

„Nach der Wende hat die Stadt viele Menschen aus dem Umland angelockt“, sagt Edi Rama. „In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Bevölkerungszahl Tiranas mehr als verdoppelt. Die Stadt ist ihren 700.000 Einwohnern heute kaum noch gewachsen. Wir können nicht mehr länger tatenlos zusehen.“

Als vor ein paar Jahren die ersten internationalen Wettbewerbe ausgeschrieben wurden, hätte sich kein Mensch gedacht, dass aus den vielen Visionen aus dem Ausland jemals etwas werden wird. Und tatsächlich: Der ambitionierte Entwurf „Tirana Rocks“, mit dem das niederländischen Revoluzzerbüro MVRDV 2008 den Vogel abgeschossen hatte, landete letztendlich in der Schublade. Bei Baukosten in der Höhe von 600 Millionen Euro bekamen selbst die kühnsten albanischen Investoren plötzlich kalte Füße.

Schade eigentlich, denn mit dem Mammutprojekt aus Rotterdam hätte sich Tirana sicherlich mit einem Mal zur Architekturpilgerstätte hochkatapultiert. „Auf den ersten Blick wirkt der Trümmerhaufen ungeordnet und chaotisch“, sagt Architekt Winy Maas, „aber im Grunde genommen ist es doch genau dieses Chaos, das eine so unkontrolliert und illegal gewachsene Stadt wie Tirana ausmacht. Wir haben diese Unordnung in eine neue Form gebracht. Stellen Sie sich doch mal vor, was für wunderbare öffentliche Räume zwischen und unter den Gebäuden entstehen würden!“

Neue Türme, neue Bim

Doch „Tirana Rocks“ ist nur ein Projekt von vielen. Alle anderen Wettbewerbe, die in den letzten Jahren ausgeschrieben und prämiert wurden, befinden sich bereits in Planung, manche sogar schon in Bau.

Das Pariser Büro Architecture Studio schlug vor, sämtliche Brachflächen innerhalb des Ringes - heute parken darauf meist nur Autos - zu begrünen und zu attraktiven Plätzen mit Sitzgelegenheiten und Beschattung auszubauen. Hauptbestandteil des innerstädtischen Masterplans ist der Bau einer Straßenbahnlinie auf der Nord-Süd-Hauptachse Bulevardi Dëshmorët e Kombit. Bis heute wird der gesamte öffentliche Verkehr Tiranas mit ausrangierten Bussen aus dem Ausland abgewickelt. Auch die Wiener Busflotte ist in einem nicht mehr ganz so rost- und dellenfreien Zustand prominent vertreten.

Die Liste ließe sich endlos fortführen: Das Brüsseler Büro 51N4E baut ein arabisch anmutendes Hochhaus direkt hinter der Moschee; die Fassade wird bereits montiert. Henning Larsen aus Kopenhagen baut einen Öko-Wolkenkratzer mit klimaregulierenden Pflanzenatrien. Und das italienische Büro Archea Studio setzt einen Hochhausturm in die Stadt, dessen Dachterrasse im 22. Stock zum höchstgelegenen Park der albanischen Hauptstadt avancieren soll.

MVRDV baut ein Shoppingcenter im feschen Nullerjahre-Pixeldesign; die Baugrube für den sogenannten Toptani-Komplex ist bereits ausgehoben. Valerio Olgiati entwarf ein poetisch anmutendes Wohnhaus am Ufer des Tiranasees, dessen Rohbau schon seit einiger Zeit zu bewundern ist. Weiters gibt es Pläne von Mecanoo, Erik van Egeraat, Bolles & Wilson, Daniel Libeskind, David Chipperfield und vielen, vielen mehr.

Jedoch: Nirgendwo sonst manifestiert sich der Tatendrang des Bürgermeisters so klar und deutlich wie auf dem prominenten Hauptplatz Sheshi Skënderbej. Die Reiterstatue des albanischen Nationalhelden Skanderbeg steht einsam und allein auf einem Steinsockel, rundherum ist wüsteste Baustelle. Der Platz wird nach Plänen von 51N4E topografisch modelliert und verkehrsberuhigt. Das Herz Tiranas wird künftig wieder den Bewohnern gehören.

Tirana ist eine liebenswerte und baukulturell wertvolle Stadt, die im Laufe des letzten Jahrhunderts viele dunkle Stunden durchlitt. Nach den ersten zehn Jahren im Amt sagt Edi Rama: „Jetzt fangen wir erst so richtig an. Tirana wird zwar immer eine Stadt mit Problemen bleiben, aber ich wünsche mir, dass die Touristen und Bewohner sie für ihren Charme noch mehr lieben werden, als das heute schon der Fall ist.“

„Tirana. Planen, Bauen, Leben“, Ausstellung im Wiener Ringturm. Zu sehen bis 17. September. Mo bis Fr 9 bis 18 Uhr.

Zur Ausstellung ist ein Buch erschienen. Adolph Stiller, „Tirana. Planen, Bauen, Leben“. Müry-Salzmann-Verlag. € 27,-

22. Juli 2010 Der Standard

Bestattung und Friedhof auf ewig vereint

Die zwei städtischen Unternehmen Bestattung und Friedhöfe Wien haben sich zusammengeschlossen. Künftig sollen sie auch im selben Gebäude untergebracht sein: in einem Neubau beim Zentralfriedhof.

Wer einen nahestehenden Verblichenen zu seiner letzten Ruhestätte begleitet, der muss sich zurzeit noch an die Zentrale in der Goldegggasse 19 im 4. Wiener Gemeindebezirk wenden. Wer nach Ablauf von zehn Jahren hingegen das Grabnutzungsrecht verlängern will, der muss wiederum in die Innenstadt pilgern, genauer gesagt in die Werdertorgasse 6. Das wird sich bald ändern.

Mit 1. Juli 2010 wanderten die Bestattung Wien GmbH und die Friedhöfe Wien GmbH, beide hundertprozentige Töchter der Wiener Stadtwerke, in die neu gegründete B&F Wien Bestattung und Friedhöfe GmbH. Anfang 2012 soll die neue Allianz mit einem entsprechenden Büroneubau am Wiener Zentralfriedhof besiegelt werden.

„Wir wollten klare Verhältnisse schaffen“, sagt Christian Fertinger, Geschäftsführer der B&F Wien. Die Zusammenlegung der beiden Unternehmen habe vor allem strategische und administrative Gründe. „Bisher war die Bestattung den Friedhöfen übergeordnet. Theoretisch hätte die Bestattung den Friedhöfen, die ihre Infrastruktur auch Mitbewerbern anbieten, sagen können, was sie zu tun haben.“ Diese Möglichkeit bestehe nun nicht mehr. Durch die Neustrukturierung agieren Bestattung und Friedhöfe gleichrangig nebeneinander. Mit den Sargerzeugern in Wien-Atzgersdorf und den rund 200 Saisonarbeitern beschäftigen Bestattung Wien und Friedhöfe Wien derzeit knapp 1000 Mitarbeiter.

Trotz der Zusammenlegung von Abteilungen - vor allem im Bereich Human Ressources, Rechnungswesen und Kommunikation - sei derzeit kein Abbau von Mitarbeitern vorgesehen. Fertinger: „Bei Nachbesetzungen werden wir in Zukunft sicherlich genauer hinschauen, aber vorerst bleibt für die Mitarbeiter alles beim Alten.“

Nach der Neuorganisation erfolgt Anfang 2012 dann der Umzug in die neue gemeinsame Unternehmenszentrale. Das Bürohaus nach Plänen des Wiener Büros Delugan Meissl Associated Architects, das als Sieger aus einem EU-weiten offenen Wettbewerb hervorgegangen ist, entsteht am Zentralfriedhof, genau gegenüber von Tor 2. Ende August ist Spatenstich. „Es gibt in Wien zwar 52 Friedhöfe, doch rund ein Viertel bis ein Drittel aller Bestattungen finden am Zentralfriedhof statt“, sagt Fertinger.

„Bei so einer Bauaufgabe muss man als Architekt sehr sensibel vorgehen“, sagt Projektleiter Philip Beckmann. „Wir wollten die Außenform bewusst schlicht belassen und werden daher rund um den Baukörper eine einheitliche weiße Fassade mit Glas- und Sichtschlitzen ziehen.“ Die expressive Architektur, für die Delugan Meissl - die Erbauer des Porsche-Museums in Stuttgart - sonst bekannt sind, wird in diesem Fall zugunsten der Ethik gezähmt und gebändigt.

Eine Besonderheit ist die Haustechnik: Geheizt wird mit der Abwärme der nahegelegenen Feuerhalle. Berechnungen zufolge reicht die Wärmemenge dafür vollends aus. Gemeinsam mit zwei weiteren Teilprojekten am Zentralfriedhof - einem neuen Werkstättengebäude (Arge Johannes Kaufmann und Riepl Riepl Architekten) und einem unterirdischen Bestattungsmuseum samt Infopoint (Architektin Elsa Prochazka mit Baumschlager & Eberle) - belaufen sich die Gesamtinvestitionskosten auf rund 30 Millionen Euro.

26. Juni 2010 Der Standard

Wenn die Schulbank drückt

Das 2007 errichtete Fran-Galovic-Gymnasium in Kroatien wäre an sich ein toller Schulbau. Die baulichen Mängel jedoch veranschaulichen die Schattenseiten von Public Private Partnerships.

Die Straßen von Koprivnica haben Schlaglöcher, groß wie Melonen, die Häuser sind grau und heruntergekommen, in der Luft liegt ein Schleier von Melancholie. Von der einstigen Pracht der 30.000-Einwohner-Stadt im Norden Kroatiens, keine zehn Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt, ist bis auf den herausgeputzten Hauptplatz mit seinen hübschen Blumenbeeten und Straßencafés wenig geblieben. Die Staatskasse macht um diesen Teil des Landes einen großen Bogen. Lieber investiert man in Gegenden, aus denen man sich große Gewinne aus der Tourismusbranche zurückerhofft: in die Küstenregion und in die Inseln.

„Oprostite! Wo finde ich die Gimnazija Fran Galoviæ?“ Den futuristischen Schulbau kennt hier jeder. „Gradaus und vorne links“, sagt ein Mann am Straßenrand, „ist nicht zu verfehlen, schaut aus wie ein Ufo.“ Das zeitgenössische Gymnasium des Zagreber Jungbüros Studio Up, fertiggestellt 2007, geisterte durch sämtliche internationale Gazetten und bescherte seinen Planern auf diese Weise Lob und Anerkennung. Für Studio Up war das die Abschussrampe in den architektonischen Olymp.

Zuletzt wurde die Schule beim europäischen Mies van der Rohe Award 2009 mit der Sonderauszeichnung für den Emerging Architect ausgezeichnet. Eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien, die vor wenigen Tagen eröffnet wurde, stellt Europas beste Bauten vor. Das Gymnasium in Koprivnica ist als zweitplatziertes Projekt prominent vertreten.

Ein Schulbau am Puls der Zeit, möchte man meinen. Doch abseits des planerischen Wollens spricht der Bau eine ganz andere Sprache. „Ich mag die Architektur“, sagt Mira Soldiæ, Psychologielehrerin an der Fran-Galoviæ-Schule. „Die Funktionalität der Räume, die Größe der Klassen, die dazwischengeschalteten Kabinette für die Lehrerinnen und Lehrer, mit einem Wort das gesamte Raum- und Funktionsprogramm ist absolut perfekt. Diesbezüglich sind wir mit dem Bau sehr glücklich. Nur an der Umsetzung, ich sag Ihnen, an der Umsetzung beißen wir uns Tag für Tag die Zähne aus.“

Ein Großteil der Räume ist dunkel. Manche Klassenzimmer verfügen nicht einmal über ein öffenbares Fenster ins Freie. Eine Lichtkuppel im Plafond, eine Milchglasscheibe in der Außenwand, ein kleines Guckloch in die Aula sind in diesen Unterrichtshöhlen das höchste der visuellen Gefühle. Die Akustik in den Gruppenräumen für den Sprachunterricht ist eine Katastrophe. Die Worte des Deutschlehrers hallen immer und immer wider. Wie man unter solchen Umständen eine Fremdsprache erlernen soll, bleibt ein Rätsel.

Ein Fünfer, ach was, ein Fetzen auch für die Technik: Laut behördlicher Baubewilligung entsprechen Bauphysik, Haustechnik und Wärmedämmung den regionalen Bauvorschriften. Alles ist im grünen Bereich. Rechnerisch. Theoretisch. Praktisch jedoch knallt im Sommer die Sonne durch das transluzente Dach aus Polycarbonat und wärmt die Klassenzimmer auf 38 Grad Celsius auf. „Wir ersticken hier drin“, so Soldiæ. „Und wenn's regnet, dann prasselt der Regen so laut gegen das Kunststoffdach, dass man sich bei Unwetter in der Klasse kaum noch unterhalten kann.“

PPP-Partner tut, was er will

Doch wie ist all das möglich? Und noch dazu beim angeblich zweitbesten Neubau dieses Kontinents? „Die Baukosten waren limitiert, also mussten wir sehr clever und effizient planen“, erklärt Architekt Toma Plejiæ. „Beispielsweise haben wir bei der Fassade gespart, indem wir statt herkömmlicher Wände und Fenster teilweise Industrieglas verwendet haben. Das gesamte Dach der Schule wiederum ist aus Polycarbonat. Im Winter wirkt das Schulgebäude wie ein Glashaus, im Sommer hingegen ist das Volumen so groß und so hoch, dass die warme Luft nach oben entweichen und kalte Luft nachströmen kann.“

Das alles hätte perfekt funktioniert. Theoretisch. Wäre da nicht die Baufirma, die im Laufe der Planung und des Baus kontinuierlich Einsparungen vorgenommen und das eine oder andere Detail verändert, verkleinert oder überhaupt ersatzlos gestrichen hat. Die Lüftungsanlage wurde reduziert, Beleuchtungskörper wurden eingespart, Fenster, die laut Plan noch zu öffnen waren, wurden plötzlich zu billigen Fixverglasungen ohne jegliche Zufuhrmöglichkeit von Frischluft.

Schuld an diesem gigantischen Malheur ist das Public Private Partnership, kurz PPP, das diesem Schulbauprojekt zugrunde liegt. Nachdem der Staat für den Neubau des dringend benötigten Gymnasiums in Koprivnica keine einzige Kuna beisteuern wollte, waren Stadt und Gespannschaft auf die Kooperation mit einem privaten Investor angewiesen. Mit der Zagreber Baufirma Tehnika d.d. fand sich rasch ein williger PPP-Partner.

Die gesamten Investitionskosten wurden auf diese Weise auf den Privatinvestor abgewälzt. Die öffentliche Hand mietet das Bauwerk nun 25 Jahre lang zurück, und zwar für satte 100.000 Euro pro Monat. Nach Ablauf der Vertragsdauer wechselt die Schule ihren Besitzer und wird von dann an zu 40 Prozent der Gespannschaft und zu 60 Prozent der Stadt gehören. Das Modell ist hinlänglich bekannt. Und es ist eine faire Lösung, von der normalerweise alle profitieren. In diesem Fall jedoch hat der private Partner Tehnika die Baukosten zugunsten des eigenen Profits bis zum äußersten Minimum strapaziert.

Technischer Ausbau überfällig

„Ja, das war ein sehr günstiger Bau“, bestätigt der Schuldirektor Vjekoslav Robotiæ. „Normalerweise betragen die reinen Baukosten für eine Schule dieser Größenordnung in Kroatien rund zehn bis zwölf Millionen Euro. In diesem Fall hat die Schule zwölf Millionen Euro gekostet, und zwar nicht nur in der baulichen Errichtung, wie das üblicherweise kalkuliert wird, sondern mitsamt Möblierung und technischer Ausstattung bis hin zur allerletzten Computermaus. Ich kenne keinen anderen Schulneubau, der um so wenig Geld errichtet wurde.“ Vor dem Hintergrund, dass die Rückzahlung in Form von 300 Monatsmieten ohnehin ein Vielfaches der Baukosten ausmache, sei die finanzielle Daumenschraube umso schwieriger nachvollziehbar.

Das Bauunternehmen ist vertraglich dazu verpflichtet, das Gebäude zu betreiben, instand zu halten und gegebenenfalls zu sanieren. Theoretisch. Praktisch will die Tehnika d.d. von einem längst überfälligen Ausbau der Lüftungsanlage, um zumindest mal das größte Manko zu beheben, nichts wissen. Stadtgemeinde, Gespannschaft und Schulleitung prozessieren bereits seit einem Jahr gegen den Übeltäter.

„Eigentlich ist dieses PPP-Modell perfekt“, sagt Robotiæ. „Nachdem der Erhalt der Schule im Verantwortungsbereich des privaten Partners liegt, können wir uns voll uns ganz auf die Bildung konzentrieren. Jetzt müssen wir die Firma Tehnika nur noch dazu bringen, ihren Part zu übernehmen und die Haustechnik aufzufetten. Dann sind wir schon zufrieden.“ Die Chancen stehen schlecht. Der zuständige Projektleiter bei der Tehnika d.d. verweigerte dem Standard gegenüber die Aussage: „Kein Kommentar.“

Das Fallbeispiel in Koprivnica veranschaulicht die Gefahren von Public Private Partnerships: Jede noch so gute Architektur, mit der wir es hier zweifelsohne zu tun haben, verliert ihre Kraft und Qualität, wenn nicht alle Partner an einem Strang ziehen. PPP im öffentlichen Bildungsbau ist ein Abwälzen von Verantwortung und Kontrolle von der öffentlichen Hand auf die Privatwirtschaft. Den Schaden zahlen die Kinder. Die ersten PPP-Schulbauten in Österreich sind bereits in Bau.

19. Juni 2010 Der Standard

Halle mit wenig Strom und viel Zufriedenheit

Die Produktionshalle des oberösterreichischen Betriebs Obermayr wurde 2005 errichtet. Kürzlich wurde das Passivhaus-Objekt mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

Die Firma Obermayr Holzkonstruktionen GmbH im oberösterreichischen Schwanenstadt ist ein Traditionsunternehmen seit vielen Jahrzehnten. Vergangenheit und Gegenwart schließen einander nicht aus. Seit dem Jahr 2005 ist der auf passivhaustaugliche Holzelemente spezialisierte Fertigungsbetrieb der Zukunft ein Stückchen näher. Bedingt durch stärkere Absatzzahlen musste das Unternehmen expandieren und baute sich eine Fertigungshalle im Passivhaus-Standard.

„Mit 4500 Quadratmetern ist das die erste Passivhaushalle dieser Größenordnung in ganz Österreich“, sagt Markus Fischer vom zuständigen Büro F2 Architekten. „Die Entscheidung des Bauherrn, passiv zu bauen, war von Anfang an eine klare Vorgabe.“ Auf diese Weise könne das Unternehmen in Form einer Visitenkarte die Werte vorleben, für die es steht.

Ende Mai wurde die Halle mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit 2010 ausgezeichnet. Grund für diese Prämierung, die vom Lebensministerium in Zusammenarbeit mit klima:aktiv vergeben wird, ist die simple und effiziente und somit kostengünstige Konstruktion.

„Wir haben viel experimentiert und simuliert, weil es keine passenden Vorbilder dafür gab“, erinnert sich der Architekt. Zum Beispiel die großen Fensterflächen: Da es am Markt nur passivhaustaugliche Fenster in den Dimensionen des Wohn- und Bürobaus gibt, musste man spezielle Glasaufbauten entwickeln. Zum Beispiel die großen Rolltore für Lkws: Im Passivhaus-Standard gibt es ein derartiges Produkt nicht zu kaufen. In Zusammenarbeit mit dem Hersteller wurde der Anpressdruck der Elemente und die Geschwindigkeit des Öffnens und Schließens erhöht. Und zum Beispiel die Sache mit der Dämmung. Fischer: „Wir mussten Geld sparen und wollten ökologisch sein. Die Fertigteilelemente sind nun mit Sägespänen gefüllt. Das ist ein massenhaftes Abfallprodukt aus eigenem Haus.“

Halle ohne Heizung

Fazit der planerischen Anstrengungen: Die neue Halle kommt ganz ohne Heizung aus. Zur Sicherheit wurde während des Baus vor fünf Jahren eine eigene Heizungsleitung zum bestehenden Biomasse-Kraftwerk am eigenen Gelände verlegt. Sie wurde nie angeschlossen. „Wir hatten eine Beobachtungsperiode von einem Jahr“, sagt Hans-Christian Obermayr, Geschäftsführer des Unternehmens. „Danach haben wir gewusst, dass wir darauf verzichten können.“

Der größte Clou am ganzen Projekt ist die Beleuchtung. In das Betriebssystem wurde eine eigens entwickelte Software eingespielt, die alle Sonnenstände des gesamtes Jahres gespeichert hat und die je nach Tageszeit und Monat die elektrische Beleuchtung in der Halle vollautomatisch dimmt. Zusätzlich applizierte Sensoren reagieren auf Abweichungen infolge von Schlechtwetter oder Bewölkung.

Die aufwändige Anlage habe sich bereits nach drei Jahren amortisiert, die finanziellen Einsparungen seien enorm, meint Obermayr (siehe Interview). Doch der größte Profit lasse sich ohnehin nicht in Zahlen fassen: Die Mitarbeiter sind motivierter als je zuvor, die Leistungsfähigkeit hat nach Auskunft des Chefs deutlich zugenommen.

19. Juni 2010 Der Standard

„Wir sparen rund 12.000 Euro im Jahr“

Die Passivhaushalle war in der Errichtung keinen Cent teurer als eine herkömmliche Industriehalle, meint Geschäftsführer Hans-Christian Obermayr im Gespräch mit Wojciech Czaja.

Standard: Was war der Ausschlag gebende Impuls für den Neubau?

Obermayr: In den letzten Jahren hat der Trend zum Holzbau weiter zugenommen. Das schlägt sich auch auf den Fertigteilbau nieder. Mit den vorhandenen Hallenressourcen konnten wir unsere Bauvorhaben nicht mehr realisieren. Wir mussten erweitern.

Standard: Ein häufig gehörtes Argument lautet, dass nachhaltige Architektur mehr kostet. Können Sie dem zustimmen?

Obermayr: Nein, überhaupt nicht. Fakt ist: In die Planung fließt mehr Know-how ein, sie dauert länger und ist dementsprechend teurer. Der Energiesparverband Oberösterreich hat uns diesbezüglich mittels Förderungen unterstützt. Die Errichtung selbst hat nicht mehr, sondern eigentlich sogar weniger gekostet. Wir haben zum Teil Recyclingmaterial verwendet: Auf Heizung beispielsweise haben wir gänzlich verzichten können. Der einzige Bereich, bei dem wir tiefer in die Tasche greifen mussten, war die komplexe Kunstlichtsteuerung in der Halle.

Standard: Wie groß sind die finanziellen Einsparungen?

Obermayr: Wir hatten kalkuliert, dass die Mehrkosten für die Lichttechnologie innerhalb von sieben Jahren wieder herinnen sein werden. Durch die gestiegenen Energiepreise hat sich die gesamte Anlage schon nach drei Jahren amortisiert. Die Stromersparnisse betragen heute rund 70 Prozent, also 6500 Euro pro Jahr. Zusammen mit dem Wegfall der Heizkosten sind das rund 12.000 Euro im Jahr. Das ist viel Geld.

Hans-Christian Obermayr (39) studierte Wirtschaftsingenieurwesen. Seit 2008 ist er Geschäftsführer bei Obermayr Holzkonstruktionen GmbH.

19. Juni 2010 Der Standard

Don Giovanni und Hendrix im Eis

Kommenden Donnerstag eröffnet in München der temporäre „Pavillon 21 Mini Opera Space“. Coop Himmelb(l)au ließ die Musik erstarren.

Es schnürlregnete an jenem bedeutungsvollen Montag, doch der Begeisterung des Auftraggebers tat dies keinen Abbruch. Nikolaus Bachler, einst Burgtheaterchef und nun Intendant der Bayerischen Staatsoper in München, erklomm wohlgelaunt das rote Trottoir, klopfte mit der Faust kräftig gegen das metallene Garagentor und schritt sodann durch das wohl modernste Theaterportal, das man im deutschsprachigen Raum je zu Gesicht bekam.

„Seit dem 19. Jahrhundert wurde in München kein Neubau für darstellende Kunst mehr errichtet“, sprach er vor den Journalisten ins Mikrofon. „Nach 150 Jahren ist dies der erste zeitgenössische Impuls in diesem Kunstbereich. Das ist ein Schrei in Richtung Gegenwart.“ Neuinszenierungen und futuristische Bühnenbilder, das mache man als Intendant natürlich immer wieder, sagte Bachler. Doch im Grunde genommen, versicherte er, sei das nur ein Spiegel seiner Sehnsucht, endlich, endlich, endlich mal neu zu bauen.

Wie ein grantiger, zorniger Meteorit aus dem All schlug der temporäre Opernpavillon mitten auf den Marstallplatz ein. Die Reise aus der Zukunft war lang und eisig, denn die schroffen Kristalle haften dem Klumpen noch wochenlang an. Zwischen Nationaltheater und Leo von Klenzes klassizistischer, ehemaliger Hofreitschule setzte das Wiener Büro Coop Himmelb(l)au dieses silbergraue Gebilde, das vom 24. Juni bis einschließlich 25. Juli einen Monat lang einen Teil der Münchener Opernfestspiele beherbergen wird.

Die Zacke als akustischer Trick

„Das hat nichts mit Zukunft zu tun, das ist eine Architektur, die ihrer Zeit entspricht“, entgegnet der himmelblaue Pavillonerbauer Wolf D. Prix. „Aber natürlich war das ein herausforderndes Projekt, das nicht leicht zu planen war, weil es ein technisches Paradoxon birgt.“ Gemeint ist die Kunst der Töne: „Um eine gute Akustik hinzukriegen, braucht man normalerweise viel Masse. Ein mobiler Pavillon, der in kürzester Zeit auf- und wieder abgebaut werden muss und der noch dazu schalltechnisch perfekt ist - das ist ein Widerspruch in sich.“

In Zusammenarbeit mit dem Londoner Akustikplaner Arup gelang die zackige Realisierung des Unmöglichen. Während der Aufführungsraum selbst - er fasst je nach Bestuhlung und Bestehung zwischen 300 und 700 Personen - eine einfache Black Box ist, kamen die rechnerischen Errungenschaften der Schalljongleure auf der Fassade zum Einsatz. Prix: „Der Raum bleibt dadurch simpel und flexibel, die Akustikpyramiden sind je nach Aufstellungsort adaptierbar, und natürlich trägt das auch zum Image des Gebäudes bei. Gerade bei einem temporären Bau wie hier muss man einprägsame Bilder erzeugen.“

Und nein, die sonderbaren Aluminium-Spikes, die da nach allen Richtungen ragen, seien nicht nur Blickfänger, versichert Prix in seiner Ansprache. „Die haben auch eine Funktion!“ Durch die eigens entwickelte Geometrie der Pyramiden wird der Straßenlärm an manchen Flächen absorbiert, an manchen reflektiert. Doch nicht nur der Lärm wird abgehalten, sondern auch die Bauteile selbst schwingen dadurch anders, was sich wiederum direkt auf die Akustik im Raum auswirkt.

„Wir haben einige Simulationen durchgeführt. Die Unterschiede waren eklatant.“ Die Inspiration für die eigenwillige Formensprache lieferte übrigens die Musik: Purple Haze von Jimi Hendrix sowie eine Passage aus Mozarts Don Giovanni wurden durch die Computer-Software gejagt und anschließend in eine geometrische Sprache verwandelt. Arthur Schopenhauers berühmter Ausspruch ist damit perfekt in Szene gesetzt: „Architektur ist gefrorene Musik.“ Eiskalt.

Schön und gut, doch für einen temporären Pavillon, der in einem Monat wieder Geschichte sein wird, ist der konzeptionelle und technische Aufwand doch recht mächtig, könnte man an dieser Stelle nun einwerfen. Hier kommt die Finanzierung ins Spiel: Die Baukosten von 2,1 Millionen Euro kommen zu einem Drittel vom Freistaat Bayern, zu einem Drittel aus dem Budget der Bayerischen Staatsoper sowie von kleineren Geldgebern und Sponsoren und zu einem Drittel vom Projektpartner BMW Group / Mini, die auch für den etwas sperrigen offiziellen Namen des Hauses verantwortlich ist: Pavillon 21 Mini Opera Space.

„Ich habe mit Public Private Partnerships, von denen alle Seiten profitieren, überhaupt kein Problem“, sagt Nikolaus Bachler zum Standard, „nicht in wirtschaftlich ausgewogenen Zeiten und schon gar nicht in der Krise.“ Ohne einen potenten Hauptsponsor sei das Projekt niemals zu schaffen gewesen.

Die Münchner selbst können davon nur profitieren: Neben den abendlichen Aufführungen im Rahmen der Opernfestspiele wird der Pavillon auch untertags und in der Nacht genutzt: Auf dem Programm stehen Tanzkurse, Gesangstunden und Yoga, an den Wochenenden verwandelt sich der Kunstraum in einen Clubbing-Tempel mit DJs aus aller Welt: Frankie Knuckles, Paul Oakenfold und DJ TBC. Highlight ist wohl das Mini-Autokino am 19. Juli, bei dem man sich - erraten - in bereitgestellte Minis setzen und der Filmkunst frönen wird.

Um die Baukosten langfristig wieder einspielen zu können, soll der Pavillon nach Abbau an Kultureinrichtungen und Kommunen weitervermietet werden. „Natürlich wird der Mini Opera Space nicht jeden Tag woanders stehen“, sagt Bachler, „das ist ein Gebäude und kein Zirkuszelt.“ Die ersten Interessenten stünden bereits auf der Liste: ein Designfestival in London, eine Messe in Paris, das Theater in Augsburg.

Der Auf- und Abbau des Pavillons dauert zwei Wochen und kostet nach Auskunft der Architekten rund 200.000 Euro. Das gesamte Haus passt in zehn bis zwölf Seecontainer oder auf ebenso viele Lkws mit Tieflader. „Ich wünsche mir nur eines“, sagt Wolf Prix am Ende: „Wenn der Pavillon wieder abgebaut ist, möchte ich, dass den Münchnern etwas fehlt.“

14. Juni 2010 Der Standard

Die hohe Schule der Camouflage

Eduardo Arroyo baut am WU-Campus - Vortrag am Montag im Wiener Odeon

Es ist ein lustiges, ein befremdliches Bild, wenn ein spanischer Architekt plötzlich beginnt, Roberto (sic!) Musil zu zitieren. „Unsere Bauten sind so ähnlich wie der Mann ohne Eigenschaften“, erklärt Eduardo Arroyo (46), Chef des Madrider Architekturbüros No.Mad. „Sie weisen die Präzision der Wissenschaft auf, haben aber auch die Empathie einer weichen Materie wie etwa Ästhetik oder Poesie.“

Was er damit konkret meint, zeigt ein Blick auf seinen jüngsten Entwurf, der in Österreich realisiert wird. Der Spatenstich ist bereits erfolgt. Auf dem neuen WU-Campus im Wiener Prater baut No.Mad die Executive Academy, eine Weiterbildungseinrichtung für Führungskräfte, Fachleute und High Potentials aus aller Welt. Die Baukosten belaufen sich internen Quellen zufolge auf 13 Millionen Euro.

„Wir wollten eine Landmark für den Campus bauen“, beschreibt Arroyo den eckigen, achtstöckigen Turm. „Dadurch, dass rundherum schon so viele Bauwerke mit unterschiedlichen Handschriften realisiert werden, mussten wir uns zurücknehmen. Daher haben wir an der Fassade dunkle, reflektierende Materialien eingesetzt, in denen sich die Umgebung spiegelt. Man schaut auf das Haus und sieht Himmel und Natur.“

No.Mad zählt zu den radikalsten Büros Spaniens. Die bekanntesten Projekte sind die Arquia Bank in Bilbao sowie das Lasesarre Fußballstadion in Barakaldo. Augenfällig ist, dass sowohl Visualisierungen wie auch das Gebäude selbst schwarz-weiß sind. Arroyo: „Ich liebe die Verschmelzung mit der Landschaft, ich bin ein Fan von Camouflage.“

12. Juni 2010 Der Standard

Der Bleistift ist mein Ziegelstein

Lebbeus Woods ist Architekt. Vor mehr als 30 Jahren beschloss er, nie wieder zu bauen. Morgen, Sonntag, diskutiert er mit Kollegen aus den USA über Utopie und Realität.

Standard: 1976 haben Sie den Entschluss gefasst, nie wieder zu bauen. Warum?

Woods: Ich habe früher bei Eero Saarinen gearbeitet und habe in dieser Zeit tolle Projekte gemacht. Nur ein Beispiel: Von Ende der Fünfziger- bis Anfang der Sechzigerjahre war ich Projektleiter beim TWA-Terminal am John F. Kennedy Airport in New York. Viele lieben das Gebäude, weil es so futuristisch ist. Mein persönliches Problem aber war, dass meine Ideen immer noch viel utopischer waren als all die Avantgarde, die damals gebaut wurde. Ich habe gemerkt, dass meine Wunscharchitektur nicht baubar ist. Also habe ich beschlossen, das Bauen an den Nagel zu hängen und nur noch zu zeichnen und zu schreiben. Am besten beides.

Standard: Vermissen Sie denn niemals Ziegelstein und Mörtel?

Woods: Ich lebe in einer Stadt, die heißt New York. Da sind so viele Ziegelsteine und Mörtelfugen übereinandergestapelt wie an kaum einem anderen Ort auf dieser Welt. Jetzt werden Sie sagen: Die sind aber nicht von Ihnen! Und ich werde Ihnen recht geben und antworten: Ja, das stört mich aber nicht. Hauptsache, sie sind da! Aber jetzt ganz im Ernst: Doch, manchmal fehlt mir das Bauen. Aber man kann im Leben eben nicht alles haben. Manchmal muss man sich entscheiden.

Standard: Sie bauen nichts. Wovon zahlen Sie Ihre Rechnungen?

Woods: Ich lebe vom Unterrichten. Von daher kenne ich übrigens auch Raimund Abraham. Darüber hinaus lebe ich vom Verkauf meiner Zeichnungen und Modelle. Ich habe nicht viel Geld, aber ich habe genug zum Überleben. Der französische Künstler Eugène Delacroix hat einmal gesagt, dass ein guter Maler nicht mehr als 6000 Francs im Jahr verdienen dürfe, denn ein Künstler müsse bescheiden leben, fernab von Luxus und Materialität. Auch wenn das schon 150 Jahre her ist, ich sehe das ehrlich gesagt genauso: Ein guter Architekt, der mit beiden Beinen im Leben steht, verdient genauso viel, wie er zum Leben braucht - und keinen Cent mehr. Alles, was darüber hinausgeht, ist nur noch eine Sache von Ruhm und Prestige.

Standard: Wenn jeder nur noch zeichnet, dann gibt's bald keine neuen Häuser mehr.

Woods: Wunderbar, so soll es sein! Es wurde eh schon viel zu viel gebaut. Es gibt weltweit einige Millionen Architekten, und alle wollen sie bauen, bauen, bauen. Es gibt so viele Gebäude, dass wir zum Teil schon gar nicht mehr wissen, was wir mit all der herumstehenden Bausubstanz machen sollen. Ich plädiere daher dafür umzudenken, neue Nutzungen zu finden und Bauwerke mit neuen Funktionen zu belegen, anstatt immer nur abzureißen und wiederaufzubauen.

Standard: Wie stehen Sie zur Architektur heutiger Tage? Sind wir auf dem richtigen Weg?

Woods: Nein, wir sind weit davon entfernt. Die heutige Architektur lebt nur noch von Kapitalismus und Kommerz. Der globalwirtschaftliche Aspekt ist für mich in der Zwischenzeit unerträglich geworden. Auf die Gefahr hin, dass das jetzt pathetisch klingen mag: Doch die Architektur hat ihre Wurzeln längst verloren. Es geht nicht mehr um Shelter, nicht mehr um Baukunst, sondern nur noch darum, Werbung und in letzter Konsequenz Kohle zu machen.

Standard: Was schlagen Sie vor?

Woods: In der jetzigen Generation wird sich das nicht mehr ändern. Wir können nur noch abwarten und zuschauen. Ändern können wir das Verständnis bestenfalls noch bei der Jugend. Aber wahrscheinlich ist es auch da schon zu spät.

Standard: Wie genau wollen Sie das machen? Ihre Zeichnungen verkörpern Schmerz, Krieg und Gewalttätigkeit. Bei solchen Bildern wird einem auch nicht wohler.

Woods: Mit Schmerz und Gewalt ist jeder mal konfrontiert, die meisten auch mit irgendeiner Form von Krieg. Diese dunklen Seiten sind Teil unserer menschlichen Existenz. Man muss der Realität ins Auge sehen. Nur so kann man den Schmerz angesichts von Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit überwinden.

Standard: Sind Ihre dunklen Zeichnungen eine Art Ventil für Sie?

Woods: Ein Architekt ist in meinen Augen ein Entwerfer des Lebens. Insofern darf er diesen Aspekt nicht ausblenden. Was mich aber am meisten fasziniert, ist die Tatsache, dass Schmerz, Krieg und Gewalttätigkeit immer schon die größten Motoren für den Fortschritt waren. Sie brauchen sich nur mal anschauen, in welchen Epochen sich am meisten getan hat, in welchen Epochen am meisten gebaut und geschaffen wurde!

Standard: Anfang der Neunzigerjahre haben Sie an der Filmarchitektur des Science-Fiction-Horrorfilms „Alien 3“ mitgewirkt. Ein Ausdruck Ihrer Schmerzüberwindungssucht?

Woods: Die Idee des fiktiven Bauens war sehr reizvoll. Wenn Sie so wollen, war das eine Art Ausflug in die Zukunft. Mittlerweile weiß ich, dass ich mit Hollywood nichts zu tun haben will. Erstens ist mir dieses System zu profitorientiert, zweitens weiß ich spätestens seit Alien 3, dass ich kein Teamworker bin, sondern ein Soloarbeiter im stillen Kämmerlein. Ich will zeichnen und schreiben. Mehr nicht.

Standard: Fühlen Sie sich als Architekt oder als Künstler?

Woods: Ich bezeichne mich als Architekten. Doch die meisten Architekten erachten mich als Künstler. Die Künstler wiederum sagen Architekt zu mir. Ich bin nirgends zu Hause. Das kann manchmal ganz schön zermürbend sein.

Standard: Diese Gefühlswelt ist doch Ihr Revier!

Woods: Ja. Es ist nicht alles immer nur rosarot.

Standard: Karsten Harries, Philosophieprofessor an der Yale University, hat Sie einmal als Sohn des Daedalus bezeichnet. Wir alle wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist.

Woods: Da hat er schon recht. Ich fliege mit meinen Ideen manchmal zu hoch, viel zu hoch. Vielleicht sind meine Zeichnungen zu utopisch für diese Welt. Utopisch nicht nur im Bauen, sondern auch im Denken. Ich weiß es nicht. Ich werde es niemals erfahren.

8. Juni 2010 Der Standard

Blumen für die Harmonie

Für Kim Il-sung war Pjöngjang ein aus Ruinen entstandenes „Paradies auf Erden“. Heute Abend, 19 Uhr, findet im Mak ein Vortrag über Mega-Architektur in Nordkorea statt.

Pjöngjang ist eine der meistzerbombten Städte der Welt. Bis auf ein paar historische Überbleibsel blieb nichts stehen. Nach dem Koreakrieg (1950-1953) wurde die nordkoreanische Hauptstadt nach dem Vorbild chinesischer und sowjetischer Städte wiederaufgebaut - mit imposanten Magistralen und Boulevards, mit gigantischen Monumenten, vor allem aber mit einer Unmenge an Plattenbauten für eine Unmenge von Menschen.

„Das Problem an Pjöngjang ist, dass die Stadt nach dem Krieg ursprünglich für zwei Millionen Einwohner konzipiert wurde“, sagt Jong Myong-ho , Oberarchitekt der Architekturakademie Pjöngjang. „Bei dieser Bevölkerungszahl sind wir in der Lage, Wohn- und Lebensqualität aufrechtzuerhalten. Alles, was darüber hinausgeht, stört die Harmonie.“ Heute zählt Pjöngjang fast 3,3 Millionen Einwohner. Ho Jong: „Wir kennen das Problem. Die Harmonie ist gestört.“

Viel mehr ist aus dem Chefarchitekten nicht herauszuholen. Als er und zwei seiner Kollegen, Ok Pak vom Zentralkomitee des Bundes der Architekten Koreas und In So Pak von der Architekturakademie Pjöngjang, im November 2007 von der Galerie Aedes zu einer Vortragsreihe nach Berlin eingeladen werden, hält sich der verbale Output der streng gekleideten Herren in Grenzen. Es ist die erste Bildungsreise nach Deutschland, die offiziellen Architekturorganen der Volksrepublik je genehmigt worden ist. Und sie dient nicht zuletzt der Imagepolitur der Diktatur.

„In keinem Land der Welt entwickelt sich das Bauwesen so schnell wie in Nordkorea“, hatte der 1994 verstorbene Präsident Kim Il-sung in einer bis heute ideologisch maßgebenden Rede „Über die Baukunst“ am 21. Mai 1991 festgehalten. Der Glaube ist nach wie vor aufrecht. Immer noch wird Pjöngjang als ein aus den Ruinen erstandenes „Paradies auf Erden“, als ein Gesamtkunstwerk der Moderne erachtet.

Hotel des Verderbens

Einige der herausragendsten Bauten Pjöngjangs sind in der aktuellen Ausstellung Blumen für Kim Il Sung im Mak zu sehen. Zum Beispiel der große Studienpalast des Volkes, das mit einem Fassungsvermögen von 150.000 Zuschauern größte Fußballstadion der Welt oder etwa die 170 Meter hohe Juche-Säule, die als das neue Wahrzeichen der Stadt gilt. Das Propaganda-Monument mit der steilen Flamme an der Spitze ist ein Entwurf des Chefarchitekten höchstpersönlich. „Die wichtigste Aufgabe der Architektur unserer Prägung ist die Würdigung der Taten des Führers“, sagt Jong Myong- ho kurz und bündig.

Nicht immer gereicht der Respekt bis zur Vollendung. Das 1987 begonnene Ryugyong-Hotel, eine dreiseitige Pyramide mit 105 Stockwerken und 330 Metern Höhe, stand jahrelang als halbfertiger Rohbau leer. Mittlerweile wurden die Bauarbeiten am Prestigeprojekt wieder aufgenommen. Bis 2012, zum 100. Geburtstag Kim Il-sungs, soll der Rohbau zumindest eingeglast und äußerlich beendet sein. Ob das „Hotel des Verderbens“ - so der inoffizielle Name - jemals den Betrieb aufnehmen wird, ist allerdings fraglich.

29. Mai 2010 Der Standard

Gute Besserung!

Die Expo in Schanghai ist eine Muskelschau der Superlative. Einige Ideen zum gewählten Motto „Better City, Better Life“ sind aber durchaus erfrischend. Ein Spaziergang durch die Länder.

Die Niederländer haben kapiert, wie's geht. Sie sind die einzige Nation auf der ganzen Expo, die den Mumm hat, sich am Krawattl zu nehmen und sich eigenhändig durch den Kakao zu ziehen. Geboten wird ein Pavillon mit Lachgarantie, eine köstliche, dreidimensionale Karikatur der holländischen Seele. 28 Miniaturhäuser - vom Barockpalais übers Bauhaus bis zum Glashaus voller Plastiktulpen - sind entlang einer 400 Meter langen, serpentinenartig aufgewickelten „Happy Street“ aufgereiht und gewähren Einblick in witzige, bisweilen abstruse Beiträge aus den Bereichen Landwirtschaft, Kunst und Industrie.

Ein kleiner globaler Zeigefingerwink darf nicht fehlen: Eine Kuh sitzt in einem Haus im ersten Stock fest und presst Gouda-Laibe aus dem Euter - direkt ins Käseregal. Andernorts sieht man eine Tankstelle mit Zapfsäulen, aus denen man kostbares und sündhaft teures Trinkwasser entnehmen kann. Und als wäre das alles nicht genug, ist quer über die Parzelle ein grüner Kunstrasen ausgebreitet, auf dem 200 synthetische Schafe weiden und den erschöpften Expo-Chinesen als Sitzskulptur und Rückenlehne dienen. Was für ein apokalyptisches Bild aus Plastik und PVC!

„Auf einer Expo muss man auffallen und provozieren“, sagt John Körmeling, Architektenvater des holländischen Hüttenspektakels. „Wenn man das Publikum nebenbei auch noch unterhalten und ihm die Möglichkeit zu einem gemütlichen Nickerchen zwischendurch bieten kann, dann hat man bereits gewonnen.“ Dutzende von Sonnenschirmen, in den landestypischen Farben direkt in die „Happy Street“ gerammt, tun ihr Übriges. Der Stahl wird nach Ablauf der Weltausstellung übrigens an chinesische Bau- und Industriebetriebe weiterverkauft.

Nicht alles ist so clever konzipiert und gleichzeitig witzig wie der Beitrag aus dem Goudaland. Ganz im Gegenteil: Die Expo 2010, die heuer unter dem Motto „Better City, Better Life“ steht, ist über weite Landstriche eine Show der Eitelkeiten, ein Rambazamba aus Pathos und Pein. Mit 5,3 Quadratkilometern Fläche, 192 teilnehmenden Nationen und weiteren 50 internationalen Organisationen ist sie die größte Weltausstellung aller Zeiten. Sogar eine neue U-Bahn-Linie mit drei Stationen, die das Expo-Gelände unterfährt, wollte man sich bei der 43 Milliarden teuren Veranstaltung in der Megametropole Schanghai nicht nehmen lassen.

Die Mentalität der Gastgeber zeigt sich in ihrem eigenen Pavillon: Während die Bauhöhe für sämtliche Länderpavillons mit 20 Metern streng limitiert war, erwächst die chinesische Pagode bis zu einer Höhe von alles überragenden 69 Metern empor. Die Inhalte des zwölfstöckigen Wahrzeichens umfassen Pferdeparaden in Glitzer und Glamour, eine sich an Lichtstärke überbietende Muskelschau der einzelnen Provinzen sowie einen schmalzig triefenden Film über die, na ja, grüne Zukunft im Reich der Mitte.

China will grün sein, irgendwie

Die Andeutungen bleiben vage: Statt konkreter Vorschläge zum Expo-Motto liefern die Chinesen bloß kitschige, in den Film nachträglich hineinaquarellierte Symbolik. Begleitet von Trommelwirbel und Panflötengedudel beginnen Peking, Schanghai und Chongqing plötzlich zu sprießen und verschwinden am Ende in einem Blättermeer aus Zeichentrick und Gigantomanie. Kraniche, Sternenhimmel und Applaus.

Von besserer Stadt und besserem Leben keine Spur - zumindest nicht in der kaiserlich rot gestrichenen, sogenannten „Krone des Orients“, wie der Entwurf des chinesischen Architekten He Jingtang heißt. Ökologisch sind einzig und allein die Elektromobile, mit denen man um 10 Yuan (rund 1,20 Euro) geräuschlos übers Expo-Gelände chauffiert werden kann. Auch die Omnibusse fahren mit Strom. Ob die grüne Technologie jemals auf die Stadt außerhalb der Expo-Tore umgelegt wird, erfährt man allerdings nicht.

Man fährt vorbei an Thailand, Libyen und Usbekistan. Folklore und Touristik drücken sich die Klinke in die Hand. Besonders schlimm hat's die USA erwischt, die sich von den Weltausstellungen der letzten Jahre kategorisch distanziert hatten. Es wäre besser gewesen, hätte Amerika auch diesmal erfolgreich an seinem Prinzip festgehalten: Gezeigt werden etwa Impressionen aus Las Vegas, die einzelnen Themenbeiträge hingegen sind gesponsert und dienen als Werbefläche für Visa, Motorola, American Airlines und Co.

Das kleine Europa erscheint dagegen als Segen: Die Schweiz entführt auf eine humorvolle Fahrt mit dem Sessellift hinaus aufs grüne Dächermeer. Die müde herunterbaumelnden Füße streifen Dotterblumen und Löwenzahn. Großbritannien hält fest, was festzuhalten ist, und stellt eine sogenannte Samenkathedrale ins Gelände. In den 60.000 Acrylstäben, die sanft im Wind wippen und in außerirdischer Schönheit erstrahlen, sind Samenkapseln aus dem Kunming Institute of Botany eingegossen; es ist die größte Samenbank der Welt. Und Spanien platziert in seinem weithin duftenden Pavillon aus Weiden und Bast ein entrisch anmutendes, sieben Meter großes Riesenbaby namens Miguelín. Das sitzt.

Brückenschlag aus Porzellan

Österreich punktet mit dem wohl geschmeidigsten Pavillon aller Zeiten. Das von span architects in Zusammenarbeit mit Arkan Zeytinoglu entwickelte Gebäude (Baukosten fünf Millionen Euro) ist eine wunderbare Skulptur aus dem Windkanal, umhüllt von 10 Millionen weißen und roten Fliesen aus Porzellan. „Das ist ein gewisser Brückenschlag zwischen Österreich und China“, sagen Sandra Manninger und Matias del Campo. „In China gibt es von jeher eine große Porzellankultur, in Österreich wiederum steht die zweitälteste Porzellanmanufaktur Europas.“

Kalt und warm gibt sich der futuristische Bau dann innen: Mal können Schneebälle an die Wand geworfen werden, mal gibt's Geigenquartett und zeitgenössisches Ballett. Es sind traditionelle Klischees, die hier bedient werden, doch die Performance ist erstklassig - ein kurzer Genuss im internationalen Tumult. „Wenn Chinesen zu Österreich befragt werden, dann denken sie als Erstes an Musik“, erklärt die österreichische Expo-Kommissärin Birgit Murr. „Wir haben die Erwartungen der Leute mit neuen Elementen wie etwa elektronischer Musik in Beziehung gesetzt.“ 1200 Besucher pro Stunde werden gezählt. Der Erfolg spricht für sich.

Die Expo Schanghai ist noch bis 31. Oktober geöffnet. Danach werden die Pavillons, für deren Bau rund 270 Betriebe und 20.000 bestehende Haushalte delogiert werden mussten, wieder abgebaut. Das wertvolle Bauland soll gewinnbringend veräußert und in ein modernes Wohnviertel verwandelt werden. Der chinesische Pavillon aber, der bleibt.

28. Mai 2010 Der Standard

Auszeichnung im Wandel der Mentalität

Österreichische Staatspreise für Architektur und Nachhaltigkeit

„Nachhaltigkeit war immer schon ein wichtiger Bestandteil der Architektur“, sagt der Linzer Architekturprofessor Roland Gnaiger. „Wahrscheinlich ist der Stephansdom landweit das nachhaltigste Gebäude.“ Gnaiger war Jury-Vorsitzender für den Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit 2010, der heuer zum zweiten Mal vergeben wurde. Aus 93 Einreichungen wurden zehn für den Staatspreis nominiert und vier ex aequo gestern in Anwesenheit von Umweltminister Nikolaus Berlakovich mit der grünen Plakette ausgezeichnet: das Gemeindezentrum St. Gerold in Vorarlberg (Architekten Cukrowicz Nachbaur), die Volksschule Mauth in Wels (Marte Marte Architekten), die Elementfertigungshalle Obermayr in Schwanenstadt (F2 Architekten) sowie die Passivwohnanlage Samer Mösl in Salzburg (sps architekten). Der Sonderpreis ging an das Forschungs- und Dienstleistungsgebäude HIT der ETH Zürich (Architekten Baumschlager und Eberle).

Für ihr Gemeindeamt samt angeschlossenem Kindergarten und Dorfladen realisierte die kleine Gemeinde im Großen Walsertal den ersten viergeschoßigen Vollholzbau des Landes - sogar der Aufzug ist aus Holz gebaut.

Die Weißtannen für den Rohbau stammen großteils aus den gemeindeeigenen Wäldern und wurden im Winter geschlägert und luftgetrocknet, um die Langlebigkeit des Materials zu verbessern und jene Energie zu sparen, die bei der mechanischen Trocknung feuchten Holzes anfallen würde. Auf PVC, Silikone und verpackungsintensive Materialien wurde verzichtet. Die strengen Vorgaben kamen sogar bei den Elektroverrohrungen und Verkabelungen zum Tragen.

Die Welser Volksschule als sogenannte „Bewegte Schule“ besticht durch ihr flexibles Raumprogramm mit überdimensionierten Gängen und Freiräumen zum Spielen und Toben. Die Industriehalle Obermayr, in der passivhaustaugliche Wand-, Boden- und Deckenelemente hergestellt werden, zeichnet sich durch ihre Lichtführung aus. Auf Kunstlicht kann während der Produktion über längere Zeit verzichtet werden. Und die Wohnhäusern Samer Mösl sind ein soziales Passivhaus-Integrationsprojekt.

„Projekte wie diese sind extrem wichtige Multiplikatoren“, sagt Umweltminister Nikolaus Berlakovich. „Mit diesem Preis wollen wir zeigen, dass nachhaltiges Bauen und herausragende Architektur sich nicht ausschließen, sondern sich im Gegenteil perfekt ergänzen.“ Der Weg sei noch weit, doch das Wichtigste sei bereits erreicht: ein Mentalitätswandel unter Fachplanern und Architekten, vor allem aber auch in der Bevölkerung.

verknüpfte Auszeichnungen
- Staatspreis Architektur & Nachhaltigkeit 2010

20. Mai 2010 Der Standard

„Einfach nur Yin und Yang sagen, ist zu wenig“

Stefan Behnisch, Stuttgarter Architekt, wird beim „Schwitzenden Symposium“ einen Vortrag halten - in der Therme. Mit Wojciech Czaja sprach er über Plastiksteine und Freizeitgelüste.

Standard: Schwitzen Sie gern?

Behnisch: Es ist lebensnotwendig!

Standard: Bei den Kärntner Architekturtagen werden Sie in der Sauna der Römerbad-Therme in Bad Kleinkirchheim einen Vortrag halten. Kann man sich bei diesen Temperaturen überhaupt noch konzentrieren?

Behnisch: Es kommt darauf an, wie man veranlagt ist. Ich persönlich vertrage trockene Hitze nicht sonderlich gut. Ich kann mir vorstellen, kurz in einen heißen Vortrag eines Kollegen oder einer Kollegin reinzuhören, aber selbst reden? Nein. Ich gehe davon aus, meinen Vortrag in der Halle zu halten. Wenn ich eine Mathematikarbeit schreiben müsste, würde ich mich ja auch nicht in eine Saunakabine setzen.

Standard: Es gibt in Österreich nur wenige Thermen mit architektonischem Anspruch. Meistens handelt es sich um überfrachtete Wellness-Tempel zwischen Asia-Kitsch und Drachenrutsche. Woran liegt das?

Behnisch: Ich glaube, dass der Anspruch der Besucher und Nutzer auf eine anspruchsvolle Umgebung in Wellnessbereichen nie ernst genommen wurde. 50 Jahre lang waren Thermalbäder ein Beiprodukt der Tourismusbranche. Man hat irgendwas gemacht und konnte sich sicher sein, dass irgendwer schon kommen wird. Das hat sich nun geändert. Die kritische Masse im Tourismus ist erreicht: Die Zuwachsraten stagnieren, die Konkurrenz steigt, ein unerbittlicher Verdrängungswettbewerb hat angefangen. Jetzt geht es nicht mehr nur um Angebot und Menge, sondern um Qualität.

Standard: Was bedeutet das für die Gebäude?

Behnisch: Früher hat man hässlich-kitschige Bäder gebaut, ein paar warme Steinchen auf den Boden gelegt, Yin und Yang gesagt - und die Sache war erledigt. Seitdem jedoch Peter Zumthor in Vals in der Schweiz die Felsentherme errichtet hat, haben sich die Ansprüche des Publikums verändert. Mit Furnier-Architektur und hohlen Felsen aus Gipskarton, Pappmaché und Plastik können Sie heute keine Besucher mehr gewinnen - zumindest nicht solche, die bereit sind, die meist happigen Eintrittspreise zu zahlen.

Standard: Ist man in der Freizeit wirklich so kritisch, dass man zwischen einem Felsen aus Stein oder Plastik unterscheidet?

Behnisch: Nicht beim ersten Mal. Aber beim zweiten und dritten Mal, da sieht man so etwas! In ein Bad mit hochgeschminkten Plastikpalmen will ich persönlich kein zweites Mal hinein. Als Kunde fühle ich mich da ausgenommen. Ich glaube, dass die Investoren und Thermalbadbetreiber das Publikum unterschätzen.

Standard: Sie haben schon etliche Thermalbäder geplant. Wo liegt der goldene Mittelweg zwischen Architektur und Freizeitgenuss?

Behnisch: Ich will Orte schaffen, wo die Menschen jedes Wochenende aufs Neue wieder hinfahren wollen. Das geht nur, wenn man das persönliche Wohlbefinden jedes Einzelnen im Auge behält.

Standard: Und zwar wie?

Behnisch: In einer Therme hat man Badehose und Badeanzug an, oder aber man ist ganz nackt. Man ist schutzlos und verletzlich. Hinzu kommt, dass man die Sommerfigur noch nicht erreicht und am Rücken womöglich gerade einen Pickel hat. Wohlfühlen kann man sich in so einem Fall nur, wenn die Architektur authentisch ist, wenn ein Stein auch wirklich ein Stein ist, wenn die Räume Schutz und Geborgenheit bieten. Bestes Beispiel ist das Felsenbad in Bad Gastein von Gerhard Garstenauer. Eine gute Atmosphäre.

Standard: Wir verbringen rund 90 Prozent unserer Zeit in Gebäuden. Auch in der Freizeit. Das Interesse an Baukultur ist trotzdem gering. Warum?

Behnisch: Wenn man durch schlechte Umgebung geprägt ist, dann lernt man auch nie, anspruchsvoll zu sein. Sehen Sie sich doch mal all die Städte an, in denen wir aufwachsen und leben!

Standard: Was ist mit Rom, Paris, Istanbul?

Behnisch: Ausnahmen! Die schönen Bauwerke, die diese Städte ausmachen und die bis heute erhalten sind, galten auch damals schon als erhaltenswerte Unikate. Der ganze mittelmäßige Rest wurde zerstört und ersetzt. Oder aber es kommt den wenigen pragmatischen Zweckbauten, die erhalten wurden, eine große Bedeutung zu.

Standard: Die Architektur des Alltags hat also immer schon ein stiefmütterliches Dasein geführt?

Behnisch: Nicht in der Antike! Da war Architektur bereits eine eigene Kunstgattung - und zwar noch lange vor der Musik, die den Durchbruch erst in der Renaissance hatte. Mir wird immer ganz anders, wenn ich mir vorstelle, dass man in 1000 Jahren zufällig auf die Ausgrabungen von Stuttgart stoßen wird, das eines Tages durch Erdbeben oder Vulkanausbruch untergegangen sein könnte. Als Erstes wird man auf irgendeine Betonbude aus den Achtzigern stoßen. Man wird daraus schließen, dass ganz Stuttgart so ausgesehen haben muss. Das macht mich traurig.

Standard: Wie kann man das Interesse für Architektur stärken?

Behnisch: Mit Schulbildung. Wir unterrichten unsere Kinder in Wissenschaft, in Musik, in Malerei. Aber von Architektur, die einen substanziellen Stellenwert in der Kulturgeschichte der Menschheit einnimmt, bekommt man fast gar nichts mit. Die meisten glauben, Architektur, das sei der Eiffelturm, das Empire State Building, bestenfalls ein Museum von Zaha Hadid. Dass wir jedoch 99 Prozent unserer Zeit in einer Umgebung voller menschlicher Artefakte verbringen, daran denkt niemand. Im Erwachsenenalter zu beginnen, Bewusstsein zu schaffen, ist definitiv zu spät.

Standard: Ich habe gehofft, dass Sie die Architekturtage erwähnen.

Behnisch: Und natürlich die Architekturtage! In Deutschland haben wir eine vergleichbare Veranstaltung, den Tag der Architektur. Wir sind da also etwas zurückhaltender. Einen Tag lang sind sämtliche öffentlichen Gebäude für jeden zugänglich. Das Interesse ist groß.

Standard: Wie werden Sie die Architekturtage verbringen?

Behnisch: Ich muss einen Vortrag halten. Danach werde ich mich in ein Freibecken legen, in den Himmel schauen und mich auf höchstem Niveau entspannen.

20. Mai 2010 Der Standard

Das Haus als Ansichtsexemplar

Am 28. und 29. Mai stehen rund 1000 Veranstaltungen auf dem Programm

Die Architekturtage finden heuer zum fünften Mal statt. Unter dem Motto „Ansichtsexemplar. Architektur eins zu eins erleben“ werden Gebäude und Baustellen sowie 270 Architekturbüros an zwei Tagen öffentlich zugänglich gemacht. Am Programm stehen außerdem geführte Touren, Ausstellungseröffnungen, Preisverleihungen und Diskussionen - nicht nur in der Sauna. „1:1 als Motto, das sagt ja schon viel aus“, meint Gerhard Buresch, Präsident des Vereins Architekturtage. „Es wäre allerdings schön, wenn man bei diesem Schlagwort nicht nur an Fußball, sondern eines Tages womöglich auch an unsere gebaute Umwelt denken würde.“

Nirgendwo sonst seien die Berührungen mit Kunst im Alltag größer als in der Architektur: Die Qualität eines Bauwerks übertrage sich eins zu eins auf das Wohlbefinden der Menschen. Berührungsängste gibt es trotzdem. Diese Furcht zu nehmen ist das Ziel der Architekturtage 2010, einem Kooperationsprojekt der Kammern der Architekten und Ingenieurkonsulenten und der Architekturstiftung Österreich. Insgesamt werden am 28. und 29. Mai rund tausend Veranstaltungen angeboten. Ein neuer Webauftritt verschafft nicht nur Klarheit, sondern bietet auch die Möglichkeit, unterschiedliche Programmpunkte der Architekturtage individuell zusammenzustellen.

„Architekturkonsum ist keine Sache des Wochenendes, des Urlaubs oder des singulären Theaterbesuchs“, sagt Georg Pendl, Präsident der Bundeskammer der Architekten, „er findet immer und überall statt.“ Mittlerweile lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Der bewusste Umgang mit künstlich geschaffenen Räumen werde immer wichtiger. Anreize und positive Ansichtsexemplare sind gefragt - und können nächste Woche besichtigt werden.

20. Mai 2010 Der Standard

Von der Baggerschaufel ins Soletti-Atelier

Das Wiener Programm schreckt vor miachtelnden Baustellen nicht zurück. Zum Ausgleich öffnen rund 70 Architekturbüros ihre Pforten. In der slowakischen Nachbarkapitale steht Dramatisches auf dem Programm.

Wien - Jahrzehnte lang fristete der Donaukanal ein Dasein als unattraktives Rinnsal am Rande der Innenstadt. Das ist vorbei. Nach dem Ansiedeln saisonaler Einrichtungen wie Summerstage, Strandbar, Badeschiff und Tel-Aviv-Beach ist nun die Architektur an der Reihe. Im Bereich des Schwedenplatzes entstehen gleich zwei Bauwerke, die sich in einem Kopf-an-Kopf-Rennen um Lärm und Staub duellieren. Der Schiffsterminal des Wiener Büros fasch & fuchs wird am 15. Juli eröffnet, das Hotelhochhaus des Pariser Architekten Jean Nouvel nimmt den Betrieb im November auf.

Wer nicht so lange warten will, der kann am Samstag, den 29. Mai, im Rahmen einer geführten Tour durch Estrich und Mörtel waten. Insgesamt können während der Architekturtage rund 60 Bauwerke besichtigt werden - von miachtelnden Baustellen über kürzlich fertiggestellte Häuser bis hin zu historischen Ikonen, die für gewöhnlich nicht oder nur schwer zugänglich sind - etwa das nagelneue Geriatriezentrum in der Leopoldstadt, innovative Bürobauten im Prater sowie die Baustelle des 20er-Hauses im Schweizer Garten.

Bunker in Bratislava

Dank der Kooperation mit der Slowakischen Akademie der Wissenschaften können auch Bauwerke in der nahegelegenen Twin-City Bratislava besichtigt werden. Rund 20 Führungen durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden angeboten. Auf dem Programm stehen Wohnbauten, Kulturbauten und Fernsehtürme, aber auch sinistre Einrichtungen aus dem Zweiten Weltkrieg wie etwa der BS8-Militärbunker in Petrzalka oder die 800 Meter lange Untertunnelung des Schlossberges.

Fröhlicher und ausgelassener wird die Stimmung in den offenen Ateliers in Wien sein. Knapp 70 Architekturbüros öffnen am Freitag ihre Pforten und lassen sich bei der Arbeit und beim kollektiven Weintrinken und Soletti-Knabbern über die Schulter schauen. Vorträge, Einzelgespräche und kostenlose Tipps von Passivhausprofis gewähren Einblick ins aktuelle Baugeschehen der Stadt.

Während im Wien-Museum und im Architekturzentrum Wien speziell geschmiedete Programme für Kinder angeboten werden, können sich Eltern derweil über Baugemeinschaften und Baugruppen (Info-Abend am Freitag) oder über CO2-neutrale Baumaterialien der Zukunft informieren (Pecha-Kucha-Night am Samstag). Zwei Filmvorführungen im Top-Kino beenden die Architekturtage. In einem der beiden gezeigten Filme sieht man, wie eine Putzfrau einer zeitgenössischen Villa des holländischen Architekten Rem Koolhaas zu Leibe rückt. Alltag und Architektur vertragen sich nicht immer. Zum Schießen.

20. Mai 2010 Der Standard

Mission: Anecken

Niederösterreich im Richtungswechsel

Krems - Im Rahmen der niederösterreichischen Architekturtage wird eine zweitägige Exkursion nach Ungarn angeboten. Nach einem kurzen Zwischenstopp im Arnulf-Rainer-Museum in Baden sowie beim Haus am See (Preis „Bestes Haus 2009“) geht es weiter zu Kaufhäusern, Bürozentren und Headquarters in Budapest. Auch dem Zoo wird ein Besuch abgestattet. Eine umfangreiche Reise. Einziger Nachteil: Es entgeht einem der ganze gute Rest. Der da wäre: 15 Ateliers öffnen am Freitag ihre Pforten. Was in all diesen Büros an innovativer Denkarbeit geleistet wird, wenn sie nicht gerade von Architekturtage-Besuchern gestürmt werden, ist in der Ausstellung „New Frontiers. Experimental Tendencies in Architecture“ im Wiener Zumtobel Lichtzentrum zu sehen.

Sommerfrische an der Donau

Während am Freitag der Internationale Architekturpreis „Daylight Spaces“ verliehen wird, steht der Samstag ganz im Zeichen der Sommerfrische. Elke Krasny geht in Greifenstein spazieren und nimmt ihre Mitgeher zu den neuesten und spannendsten Badehütten an der Donau mit.

Ein Filmabend im Kremser Kesselhaus rundet das Programm ab: „Pessac. Leben im Labor“ über die Architektur Le Corbusiers sowie „Schindlers Häuser“, ein stoischer Doku-Film von Heinz Emigholz. 40 Häuser zwischen Chicago und Los Angeles werden mit der Kamera bewandert. Stille Bilder. Geduld.

„In den letzten Jahren sind in Niederösterreich viele sehenswerte Bauten entstanden, ein Milieu für das Neue und Moderne gibt es aber bis heute nicht“, sagen Franz Sam und Irene Ott-Reinisch, zwei in Niederösterreich viel bauende Architekten. „Vieles entsteht nach dem Motto: ,Nur nicht anecken'.“ Der nötige Richtungswechsel ist bereits im Gange.

20. Mai 2010 Der Standard

Ein Tag im pannonischen Eierparadies

Das Burgenland lädt zu einer zehnstündigen Tour zwischen Eisenstadt und Seewinkel

Trausdorf an der Wulka - Mit großen Bauwerken kann das bevölkerungsärmste Bundesland wahrlich nicht aufwarten. Es sind die kleinen und feinen Preziosen, die quer übers Land verstreut sind. Mehr als irgendwo sonst, scheint es, lebt die regionale Architektur vom Spiel mit der Natur. Kaum ein Einfamilienhaus, ein Weingut, ein Museum, das nicht auf dramatische Weise die Landschaft in den Innenraum holt.

Die sogenannte „Architektour“ liefert den Beweis: Der ganztägige Ausflug von Eisenstadt bis in den Seewinkel führt zu Einfamilienhäusern von Adolf Krischanitz und PPAG sowie zu neuen Obst- und Weingütern von Architects Collective. Kupferbleche, aufgespritzte PU-Fassaden und chamäleonartige Aluminiumplatten mit changierendem Effekt - „bekannt von den angeberisch lackierten Autos, die im Vorbeifahren die Farbe ändern“, wie PPAG dies ausdrückt - beweisen, dass die Zukunft längst schon die pannonische Tiefebene erreicht hat.

Eines der Highlights ist gewiss das Eiermuseum in Winden am See. Ja, auch das gibt es. „Die Kugel ist die absolute Form. Wenn man die Kugel jedoch zusammendrückt, dann entsteht ein Ei“, sagt der Sammler und Eierfanatiker Wander Bertoni. 4000 Exponate vom handbemalten Osterovulum bis zum eingeritzten Unikat vom Ende der Welt werden in einem von gaupenraub geplanten Eierpavillon ausgestellt.

Architektur als großes Kino

Stationäres Programm wird ebenfalls geboten. Im Flugplatz-Turm in Trausdorf an der Wulka werden am Freitag, den 28. Mai, zwei Dokumentarfilme gezeigt: Bird's nest ist ein Film über das Pekinger Vogelnest-Stadion der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron. My architect. A son's journey ist ein episches, berührend erzähltes Porträt über den US-amerikanischen Architekten Louis Kahn, einen der einflussreichsten und bedeutendsten Planer des 20. Jahrhunderts.

Eine Ausstellungseröffnung im Architektur Raum Burgenland mit anschließendem Fest beendet die Architekturtage und entführt die Besucher abermals raus an die frische Luft. Diesmal nicht in die wilde Natur, sondern auf sorgfältig gestaltete Freiräume und Dorfplätze.

20. Mai 2010 Der Standard

Die Messlatte liegt immer höher

Ein Staatspreis mit strengen Kriterien: 93 Einreichungen, 10 Nominierungen

Wien – 2006 wurde der Österreichische Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ins Leben gerufen. 60 Projekte wurden damals eingereicht. Heuer wird der Ökologie-Baupreis zum zweiten Mal vergeben. Und diesmal sind es schon 93 Einreichungen.

„Wir haben diesen Staatspreis als eine Art große Versöhnungsinitiative konzipiert“, sagt Roland Gnaiger, Juryvorsitzender und Architekturprofessor an der Kunstuniversität Linz, „als Versöhnung zwischen Kunst und Gesellschaft, aber auch zwischen Schönheit und Sinnhaftigkeit.“ Der Preis solle den Beweis antreten, dass Nachhaltigkeit nicht hässlich und Architektur nicht selbstgefällig sein muss.

Aus den eingereichten Projekten schafften es zehn Bauwerke in die finale Runde: öffentliche und private Bauten, Schulen, Gemeindezentren, Wohnhäuser und gewerbliche Betriebe. Nachhaltig sind sie alle. Anhand von errechneten und empirisch nachgewiesenen Energiekennzahlen lässt sich der Erfolg belegen.

Nominiert wurden: Allgemeine Sonderschule Linz, Elementfertigungshalle Obermayr in Schwanenstadt, Freihof Sulz in Röthis, Gemeindehaus Raggal, Gemeindezentrum St. Gerold, Lager und Verwaltungszentrum Eine Welt Handel in Niklasdorf, Passivwohnhausanlage Samer Mösl in Salzburg, Passivhaus-Volksschule Mauth in Wels, Pfarre St. Franziskus in Wels sowie die Wohnanlage Fussenau in Dornbirn.

Ungleich verteilt

Auffällig ist die Verteilung auf die Bundesländer. Der Großteil der Nominierungen stammt aus Vorarlberg und Oberösterreich. Der Grund ist einfach: Das Land hinter dem Arlberg verfügt schon seit langem über strenge Förderkriterien, die an bautechnische und ökologische Nachhaltigkeit gekoppelt sind. Oberösterreich holt auf: Gemeinden wie Wels, die sich 2008 per Gemeinderatsbeschluss dazu verpflichtet haben, öffentliche Gebäude nur noch als Passivhäuser zu planen, gehen beispielhaft voran.

„Die Zeiten, als Nachhaltigkeit die Nische unbegabter Gestalter war, ist endgültig vorbei“, stellt Gnaiger fest. „Die ökologischen Kriterien werden immer strenger, die Architektur immer besser, die Latte immer höher.“ Der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit wird vom Lebensministerium ausgelobt. Die Preisträger werdenkommendeWoche,am27. Mai 2010, bekanntgegeben und durch Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) ausgezeichnet.

verknüpfte Auszeichnungen
- Staatspreis Architektur & Nachhaltigkeit 2010

17. April 2010 Der Standard

Rezept zur grünen Tablette

Das Krankenhaus Wien Nord wird von einem üppigen Garten umgeben sein. Die US-amerikanische Architektin Martha Schwartz will damit die Heilung der Patienten beschleunigen.

Das geplante Bauvorhaben Krankenhaus Wien Nord sorgte bisher nicht nur für gute Schlagzeilen. Zuerst verzögerte sich das Projekt um zwei Jahre. Die ehemaligen ÖBB-Werkstätten hätten schon Anfang 2008 abgerissen werden sollen. Sie stehen noch immer. Dann stellte sich heraus, dass man ins künftige Hightech-Spital mit der Bim wird tuckern müssen, weil sich die Wiener Linien partout weigern, die U6 entlang der Brünner Straße zu verlängern. Und nun, keine drei Wochen ist es her, platzte der PPP-Deal mit dem Bieterkonsortium Porr/Siemens/Vamed. Ein guter Stern sieht anders aus.

Allerdings: Hinter den Geburtsschwierigkeiten im Kreißsaal der Politik versteckt sich ein neues und innovatives Modell der mitteleuropäischen Krankenhausarchitektur. Von Anfang an wünschte sich der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) ein sogenanntes Wohlfühlspital. Sonja Wehsely, Stadträtin für Gesundheit und Soziales, sprach gar von einem „Beitrag zur Steigerung der Effizienz im Wiener Gesundheitswesen“. Und die Wettbewerbsjury unter Vorsitz der hospitalerprobten Schweizer Architektin Silvia Gmür stellte schon am ersten Tag ihrer Auswahltätigkeit fest: Egal wie, doch das Krankenhaus Wien Nord müsse als „Lokomotive der Krankenhausentwicklung in Wien“ hervorgehoben werden.

In der Tat sieht das gesundmachende Zuggespann ziemlich vielversprechend aus. Architekt Albert Wimmer, gut vernetzter Zampano im Wiener Baugeschehen, gewann den Wettbewerb nicht im Alleingang, sondern zusammen mit der US-Landschaftsarchitektin Martha Schwartz. Die bisherigen Errungenschaften der beiden Büros, alle im planerischen Embryonalstadium befindlich, könnten die Erwartungen des KAV und der Stadt Wien gewaltig sprengen. Voraussetzung ist natürlich, dass sie so realisiert werden, wie Schwartz es vorgesehen hat.

„Es soll nicht nach Spital riechen“, sagt die in Massachusetts und London tätige Architektin. „Das soll ein emotionaler, glücklichmachender und üppig grüner Garten sein, der den Stress der Patienten lindert und sich auf den Heilungsprozess positiv auswirkt.“ Was sich anhört wie ein naiver Fantasiesatz aus dem Wunschalmanach der Architektur, ist wissenschaftlich längst belegt. „Das ist nicht nur ein schön gestalteter Garten, sondern eine heilende Landschaft, die anhand der bisherigen Erkenntnisse von Wissenschaftern und Forschern mit Wald- und Wiesenflächen, mit Sitzgelegenheiten und Pavillons, mit Hochbeeten zum Bepflanzen und mit Wegen zum Flanieren ausgestattet sein wird“, so Schwartz.

Die Planung für den Landschaftsgarten ist die mittel- bis langfristige Rechnung, dass ein sorgfältig geplanter Krankenhausgarten den Heilungsprozess der Patienten beschleunigt, den Spitalsaufenthalt verkürzt und die Krankenstandstage des Personals erheblich reduziert. Zahlreiche Studien der letzten Jahre, zum größten Teil in den USA durchgeführt, belegen das: Steve Mitrione von der University of Minnesota beobachtete, dass bei Patienten, die auf eine grüne Hecke blicken, mehr Alpha-Aktivität zu verzeichnen ist. Sprich: Sie empfinden Entspannung. Bei Patienten hingegen, die auf eine Betonwand schauen, nimmt die Beta-Aktivität zu. Sie haben Stress.

Roger Ulrich, Architekturprofessor an der Texas A&M University und Partner am Center for Health Systems & Design, stellte fest, dass Patienten mit Aussicht in den Garten schneller gesund werden als solche, die auf eine Ziegelwand blicken müssen. Der Aufenthalt im Krankenhaus werde dadurch verkürzt.

Und Clare Cooper Marcus - sie ist Professorin für Landschaftsarchitektur in Berkeley - erkannte in einer 1995 durchgeführten Studie, dass Patienten in grüner Umgebung viel weniger Schmerzmittel benötigen und im Schnitt um ein paar Tage früher das Krankenhaus verlassen als Patienten ohne natürliche Umgebung. Auch die Zufriedenheit und Gesundheit des Personals nimmt zu, die Krankenstandstage werden weniger. Alles in allem eine hieb- und stichfeste Beweislage für die grüne Architektur. Fragt sich nur, wie viel so ein Garten kosten darf. „Falsche Frage“, entgegnet Architekt Albert Wimmer, „die Baukosten eines Krankenhauses mitsamt Infrastruktur und Nebenflächen sind im Vergleich zu den Betriebskosten absolut vernachlässigbar. Innerhalb von wenigen Jahren wird die Investition vom laufenden Betrieb eingeholt.“

Maximilian Koblmüller, stellvertretender Generaldirektor des KAV, bestätigt: Innerhalb von zwei bis zweieinhalb Jahren betragen die Betriebskosten eines Krankenhauses so viel wie die anfänglich getätigten Errichtungskosten. Das muss man sich einmal vorstellen! Die Baukosten fallen also gar nicht so ins Gewicht. Viel wichtiger ist es, die Betriebskosten zu reduzieren." Im Falle des Krankenhauses Wien Nord heißt das: Das Gebäude wird 825 Millionen Euro in der Errichtung kosten und rund 350 bis 400 Millionen Euro im laufenden Betrieb - pro Jahr.

„Für den Garten von Martha Schwartz haben wir als Obergrenze 130 Euro pro Quadratmeter angenommen, mehr als in jedem anderen Park in Wien“, sagt Astrid Zimmermann, KAV-Pressesprecherin für das Krankenhaus Wien Nord. Bei 70.000 Quadratmetern Freifläche würde die Errichtung der gesamten Gartenanlage somit 9,1 Millionen Euro kosten. Das sind gerade mal 2,6 Prozent der jährlichen Betriebskosten. Ein Klacks.

Setzen wir die Rechnung fort: Laut Gesundheitsstadträtin Wehsely kostet ein Wiener Spitalsbett im Durchschnitt 266.392 Euro pro Jahr. Unter der Annahme, dass in einem Krankenhaus mit 850 Betten - so viele soll es in Wien Nord ab 2015 geben - rund 2000 kranke Menschen rascher genesen und um nur zwei Tage früher heimgeschickt werden könnten, wäre die budgetäre Einsparung so groß, dass sich der ach so teure Garten von Martha Schwartz innerhalb von drei Jahren amortisiert haben könnte. Ab dann würden KAV und Stadt Wien Gewinn schreiben. Eine volkswirtschaftliche Rechnung mit gutem Ausgang - und glücklichen Beteiligten.

„Ich glaube fest an die Heilkraft eines solchen Gartens, die Beweise könnten nicht eindeutiger sein“, sagt Martha Schwartz. „Bisher wurden all diese Studien jedoch nachträglich an bereits realisierten Krankenhäusern in den USA durchgeführt. Nun gibt es erstmals die Möglichkeit, so eine Healing Landscape vorausblickend zu planen. Dieses Projekt könnte die Krankenhausarchitektur revolutionieren. Und die Stadt Wien wäre als Pionier vorne mit dabei.“

Bleibt den Auftraggebern zu wünschen, dass sie sich von der bisherigen Münzenzählerei befreien. Sowohl KAV und Stadt Wien als auch jeder sozialversicherte Mensch in diesem Land könnte davon profitieren, wenn den wissenschaftlichen Studien und dem sogenannten „evidence-based design“ endlich Glauben geschenkt würde. Lebenszyklusdenken lautet das Geheimnis. Mit 130 Euro kommt nach nicht weit.

3. April 2010 Der Standard

Wellenreiten ins Labor

Im Rolex Learning Center in Lausanne sind kräftige Wadeln gefragt. Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa vom japanischen Architekturbüro SANAA wurden diese Woche mit dem Pritzker-Preis 2010 ausgezeichnet.

Eine Gruppe von Studenten hopst den Hügel auf und ab. Im Ohr die üblichen weißen Stöpsel, unterm Arm den Apple, im Mund ein Ricola. Andernorts sitzen zwei grau melierte Professoren auf einem zerknautschten Sitzsack aus Styroporgranulat und blättern eifrig im Terminkalender. Hier wird telefoniert, da wird geschlafen, hoch oben im letzten Eck der Aula - auch das ist Alltag auf diesem Campus - wird mit peitschendem Zungenschlag geschmust und geknutscht.

Wenn man es mit den eigenen Augen nicht gesehen hat, dann glaubt man es kaum. Aber nein, wir befinden uns hier nicht etwa auf einem Rummelplatz der ewig Junggebliebenen, sondern mitten im neuen Rolex Learning Center der EPFL, der École Polytechnique Fédérale in Lausanne.

Der freizeitliche Geist, der diesen heiligen Hallen des Forschens und Wissens innewohnt, scheint zu beflügeln. Laut dem Shanghai Academic Ranking of World Universities liegt die EPFL - gemeinsam mit dem britischen Cambridge - auf Platz 1 der europäischen Universitäten mit Schwerpunkt Ingenieurwesen, Technologie und Computerwissenschaft.

„Wir wollten darüber nachdenken, wie ein moderner und zeitgemäßer Universitätscampus des 21. Jahrhunderts aussehen kann und ob man die traditionellen Denkschemata von Bildungseinrichtungen aufbrechen und überdenken kann“, sagt Kazuyo Sejima vom Tokioter Architekturbüro SANAA. Man kann. Und wie man kann.

Nachdem Sejima und ihr Partner Ryue Nishizawa ihr Talent in den letzten Jahren nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder unter Beweis gestellt hatten, wurde das Büro SANAA Anfang der Woche mit dem diesjährigen Pritzker-Preis für Baukultur ausgezeichnet. Mit 100.000 US-Dollar Preisgeld handelt es sich dabei um die weltweit höchst dotierte Auszeichnung für Architekten (der Standard berichtete). Das Learning Center in Lausanne, vor einem Monat fertiggestellt, ist der jüngste Wurf der beiden.

Wie ein weiches Gebilde aus Glas und Beton liegt das Gebäude in der Wiese am südlichen Rand des EPFL-Campus, nur wenige Schritte vom Genfer See entfernt. Mit Ausmaßen von 160 mal 120 Metern, ein Riesending das Ganze, würde man unter normalen Umständen wohl das Fürchten bekommen.

Das Gegenteil ist der Fall: Als säße die Muse der Wissenschaft hoch im Himmel und zöge an ein paar unsichtbaren Schnüren nach oben, macht das Haus an manchen Stellen einen Katzenbuckel, steigt um fünf Meter an und zeigt der Schwerkraft, allen physikalischen Gesetzen zum Trotz, die kalte Schulter. Wem danach ist, der kann es unterwandern, kann unter dem entwurzelten Fundament feierlich hindurchflanieren.

Hügel statt Wände

Um das Gebäude mit Tageslicht zu versorgen, ist es von kleineren und größeren Atrien durchdrungen. Runder und geschmeidiger als hier kann ein Innenhof nicht sein. Übrig bleibt eine Art fliegender Teppich mit 20.000 Quadratmetern Nutzfläche - durchlöchert und zerbissen von anspruchsvollen Motten mit einem Sinn für Ästhetik.

„Wir wollten einen einzigen offenen Raum auf einer Etage schaffen“, sagt Sejima, „das ermöglicht eine ganz andere, hierarchielosere Kommunikation als etwa ein Gebäude mit voneinander getrennten Stockwerken, mit ganz normalen Gängen und Zimmern.“ Durch die Belebung der Topografie, durch das Auf- und Abwiegen der 3,50 Meter hohen Innenräume sieht man selbst aus dem Zentrum des Gebäudes auf den See hinaus. An schönen Tagen reicht der Blick bis zum schneebedeckten Alpenkamm.

„Ich finde das Learning Center schlichtweg genial, es ist beachtlich, dass ein Projekt mit einer derartigen Konsequenz realisiert werden kann“, erzählt eine angehende Neurobiologin, die gerade in der Ecke lümmelt. „Der einzige Nachteil hier drin ist, dass man ohne Navigationssystem bisweilen die Orientierung verliert.“

Geschätzt werde der Bau vor allem für seine Offenheit und Transparenz. „Man trifft ständig auf Freunde und Mitstudentinnen. Eigentlich ist man zum Lernen und Lesen hier, schon findet man sich mitten in einer hitzigen Diskussion wieder.“ Alles beabsichtigt und gewollt. „Coffee-Effect“ nennt sich das im Fachjargon der EPFL.

Bemerkenswert ist das Bauwerk auch in technischer Hinsicht. Der gesamte Innenraum - und dazu gehören Bibliothek, Buchhandlung, Lernbereich, Restaurant, Kantine, Café, Media and Science Lab, Verlagsbüros und Portier - kommt ohne Wände und ohne räumliche Trennung aus. Einzig und allein die Sanitärgruppen und anmietbaren Besprechungszimmer sind in runden Bubbles aus Glas und Gipskarton untergebracht. Doch wirklich laut wird's hier nirgendwo. Kaum hat man einen Hügel erklommen, eine Talsohle erreicht, eine Kurve gekratzt, verstummt der eben noch gehörte Lärm zu einem dumpfen Nichts.

„Mit der Akustik haben wir uns sehr lange beschäftigt“, sagt Manfred Grohmann vom Wiener Ziviltechnikerbüro Bollinger Grohmann Schneider. „Die gute Schalldämmung liegt zwar auch an den absorbierenden Oberflächen, die hier eingesetzt wurden, vor allem aber an der speziellen Gebäudegeometrie.“ An den gewölbten Böden und Decken bricht sich der Schall so oft, dass vom lautstarken Mittagessen in der Kantine 50 Meter weiter nichts mehr zu hören ist. In der Bibliothek ist es ... mucksmäuschenstill.

Ökologischste Uni Europas

„Für mich als Techniker ist das ein absolutes Once-in-a-Lifetime-Projekt“, sagt Grohmann, „so was kommt nicht wieder.“ Hunderte weitere Dinge gäbe es zu sagen: von der Betonkernaktivierung mit dem Wasser aus dem Genfer See über die riesigen Spannglieder im Boden, die die flachen Kuppelbögen aus Stahlbeton zusammenhalten, bis hin zu der überaus erfolgreichen Zusammenarbeit mit Schweizer Blinden- und Behindertenverbänden. Das ganze Haus ist von Rampen und Rollstuhlliften durchzogen und sogar mit einem Blindenleitsystem ausgestattet. Am Ende erfüllt das neue Learning Center alle Kriterien für den nationalen Minergie-Award und gilt laut Fachleuten als das umweltfreundlichste und energieeffizienteste Universitätsgebäude Europas.

Mit einem Wort: ein Traum in Weiß. Doch wie ist all das möglich? Die Baukosten von insgesamt 110 Millionen Fränkli (rund 77 Millionen Euro) teilen sich EPFL und private Investoren. Ein klassisches PPP-Modell also. „50 Millionen Franken, fast die Hälfte des Budgets, kommt von Unternehmen, die in der Schweiz ansässig oder zumindest hier tätig sind“, sagt Michael Mitchell, internationaler Pressesprecher der École. Mit an Bord sind Nestlé, Novartis, Logitech, SICPA, Bouygues Construction, Credit Suisse - und zum größten Teil natürlich der Namensgeber Rolex.

„Das Besondere an diesem Public Private Partnership ist, dass die Firmen die riesigen beigesteuerten Geldmengen nicht als Sponsoring, Spende oder reine Beteiligung auf Basis eines Contracting-Modells sehen, sondern dass sie ganz genau wissen, wie sehr sie von dem Know-how dieser Schule, von dem dichten Think-Tank, der hier herrscht, profitieren können - und natürlich umgekehrt!“

Wie man sieht, trägt die langjährige Zusammenarbeit von Universität, Forschung und Wirtschaft pralle, schmackhafte, ja wahrlich exotische Früchte. Man muss sie nur früh genug säen. In Österreich hingegen sind die PPP-Projekte, sofern sie überhaupt zustande kommen, ein absolutes Trauerspiel. Der neue Campus der WU Wien, universitäres Aushängeschild der Nation, wird ohne PPP realisiert.

In der Schweiz ticken die Uhren eben anders. „Das Rolex Learning Center entspricht unserer Vorstellung einer Universität der Zukunft“, sagt Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne, „einer Universität, die keine Schranken zwischen den Disziplinen kennt und die durch wissenschaftliche Arbeit zum Fortschritt der Gesellschaft beitragen kann.“

Das Rolex Learning Center ist von sieben Uhr in der Früh bis Mitternacht geöffnet. Sieben Tage die Woche. Für alle.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag