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Artikel

1. Dezember 2010 Neue Zürcher Zeitung

Inszenierte Bürowelt

Die Architekten Holzer Kobler in Berlin

Im Werkraum der Architektur Galerie Berlin, die immer auch Schweizer Positionen vermittelt, haben die Zürcher Baukünstler und Ausstellungsgestalter Barbara Holzer und Tristan Kobler ihre Bürowelt inszeniert. Doch sind gerade alle Mitarbeiter in der Mittagspause? Oder auf der Baustelle? An den Schreibtischen, die in der „Mise en scène“ betitelten Ausstellung zu sehen sind, sitzt jedenfalls gerade niemand. Leer sind die Arbeitsplätze dennoch nicht: Bücher, Pläne und Modelle sind darauf verstreut, von irgendwoher klingen Stimmen und Geräusche. Selbst die Computer laufen. Sie zeigen ausgewählte Projekte von Holzer Kobler. Daneben liegen einige Exemplare des ebenso bunten wie informativen, gerade im Niggli-Verlag erschienenen Buches über Holzer Kobler.
Mit ihren ambitionierten Ausstellungsgestaltungen haben sich Holzer Kobler längst über die Schweizer Grenze hinaus einen Namen gemacht – etwa mit der frischen Präsentation der Style-Sapin Schau in La Chaux-de-Fonds oder der Dauerausstellung im Landesmuseum Zürich. Der Dialog zwischen Alt und Neu auf dem Cattaneo-Areal in Dietikon hat ihnen ebenso Lob eingetragen wie die „Arche Nebra“ in Sachsen-Anhalt, ein Besucherzentrum am Fundort der bronzezeitlichen Himmelsscheibe von Nebra. Nun konnte auch das von Holzer Kobler verwirklichte Besucherzentrum der Grube Messel bei Darmstadt seine Pforten öffnen.

Die Berliner Ausstellungscollage spielt mit der Wahrnehmung der Besucher, lockt sie an und entführt sie in den Raum. Und plötzlich entdeckt man auch die Mitarbeiter. Auf Liliput-Format geschrumpft, sitzen sie auf Architekturmodellen oder versteckt zwischen Aktenordern und blicken auf die Gulliver-grossen Betrachter. „Im Mittelpunkt unserer Betrachtung steht immer der Mensch und seine Wahrnehmung, die ihn zu einem Spiegel von Raum und Zeit macht“, schreiben Barbara Holzer und Tristan Kobler in ihrem Buch. Und weiter: „Architekturen sind für uns immer auch Expeditionen in neue Gestaltungs- und Wissenswelten, die den Besucher in ihren Bann ziehen.“ Auf diese Weise wird der Betrachter zu einem Teil der Installation. In seinem Kopf setzen sich die einzelnen Fragmente neu zusammen. Wer mag, der sollte diese Fragmente durch die Lektüre der Werkmonografie ergänzen. Es lohnt sich.

20. Oktober 2010 Neue Zürcher Zeitung
23. September 2010 Neue Zürcher Zeitung
2. September 2010 Neue Zürcher Zeitung
31. Juli 2010 Neue Zürcher Zeitung
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15. Oktober 2009 Neue Zürcher Zeitung
12. Oktober 2009 Neue Zürcher Zeitung
3. Oktober 2009 Neue Zürcher Zeitung
2. Oktober 2009 Neue Zürcher Zeitung
24. Juli 2009 Neue Zürcher Zeitung
21. Juli 2009 Neue Zürcher Zeitung
1. Mai 2009 TEC21

Schattenspiel oder Spiegelfechterei?

Mit seinem hohen Satteldach und dem grauen Putz fügt sich das unscheinbare Einfamilienhaus in der Dessauer Ebertallee ins Bild einer harmlosen Vorstadtidylle. Nach seinen ehemaligen Besitzern «Haus Emmer» genannt, hätte das Gebäude kaum überregionale Bekanntheit erlangt, stünde es nicht auf dem Keller des einstigen Wohnhauses des Bauhausdirektors Walter Gropius. Dieses ist zum Spielball geworden in der Debatte um Rekonstruktion oder abstrakte Komposition schwarzer Kuben.

Nachdem das Bauhaus 1925 Weimar verlassen musste, fand es in Dessau seine neue Heimat. Hier entstanden neben dem Meisterhaus für Gropius 1925 / 26 auch drei Doppelhäuser für die legendären Bauhausmeister Lyonel Feininger, Lazlo Moholy-Nagy, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Georg Muche und Oskar Schlemmer. Es waren programmatische Bauten, ineinandergeschachtelte Kuben mit mächtigen Atelierfenstern und Terrassen, an denen genauso wie beim nahen Bauhaus selbst der Duktus der Bauhaus-Moderne zele briert wurde. Die Geschichte ging freilich nicht sonderlich sorgsam mit diesen Inkunabeln der Moderne um: So verschwand in den 1970er-Jahren die «Trinkhalle», die Eduard Ludwig nach einem Entwurf des letzten Bauhausdirektors Ludwig Mies van der Rohe 1932 als Auftakt zur Meisterhaussiedlung verwirklicht hatte, ebenso wie das angrenzende Meisterhaus von Gropius. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, genauso wie die Moholy-Nagy- Hälfte des benachbarten Meisterhauses. Doch zu diesem Zeitpunkt war das Bauhaus längst aufgelöst worden, nachdem Mies van der Rohe in Berlin einen letzten vergeblichen Versuch zur Wiederbelebung unternommen hatte: Mit seiner offi ziellen Schliessung am 10. August 1933 war Mies dem Druck der Nationalsozialisten erlegen. Das Bauhaus war Geschichte. 1956 entstand in Dessau anstelle von Gropius’ Meisterhaus, von dem nur Garage und Keller – samt eingemauertem Weinregal – überdauerten, das schlichte Haus Emmer im traditionellen Stil. Schliesslich hatte das Neue Bauen nicht nur im Dritten Reich einen schweren Stand, sondern auch in der Frühzeit der DDR.

Damals bestimmte der sozialistische Bruder in Moskau die Richtung in Architekturfragen. Ab 1950 war in der DDR daher statt klassischer Moderne das Bauen im «nationalen Stil» gefordert. Kein Wunder also, dass auch die erhaltenen Meisterhäuser zu DDR-Zeiten kaum noch eine Ähnlichkeit mit ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild aufwiesen: Die skulpturale Wirkung der weissen Kuben war unter Anbauten, Kaminen, Sprossenfenstern und Rauputz so gründlich versteckt, dass kaum mehr zu erahnen war, dass es sich hier um die Vorreiter eines befreiten Wohnens inmitten einer grosszügigen Parklandschaft handelte. Eine Wende in der Wertschätzung der Meisterhäuser brachte erst die deutsche Wiedervereinigung 1990: Danach wurden die erhaltenen Meisterhäuser aufwendig restauriert und saniert. Dabei mangelte es jedoch am wünschenswerten denkmalpfl egerischen Fingerspitzengefühl, das ihnen aufgrund ihrer hohen künstlerischen und geschichtlichen Bedeutung hätte zukommen müssen. Doch im strukturschwachen Dessau erschien es offenbar besonders wichtig, vorrangig die optische Wirkung des Ensembles Meisterhäuser zurückzugewinnen, um mit diesem Pfund touristisch wuchern zu können.

Gropius' Rückkehr

Nachdem es der «Stiftung Meisterhäuser» nach der Jahrtausendwende gelang, das Haus Emmer aus Privatbesitz zu erwerben, wurde auch überregional lange und intensiv über die Zukunft des Ensembles diskutiert. Drei grundsätzliche Möglichkeiten waren dabei denkbar: das Satteldachhaus als beredtes Zeitzeugnis für die Rezeption der Moderne an seinem Ursprungsort zu belassen, ein neues, zeitgenössisches Eingangsgebäude zur Siedlung zu errichten oder das Gropius-Direktorenwohnhaus weitgehend zu rekonstruieren. Im Dezember 2007 wurde ein als «Städtebauliche Reparatur» ausgeschriebener internationaler Wettbewerb für die zukünftige Gestaltung des Entrées der Meisterhaussiedlung ausgelobt. Hier wird dringend eine Anlaufstelle für die Besucher des Ensembles benötigt, samt Buchladen, Sonderausstellungsraum und Vortragssaal. Dabei handelt es sich um ein Raumprogramm, das – auch aus konservatorischen Gründen – in keinem der anderen Meisterhäuser Platz fi ndet. Doch das Wettbewerbsergebnis war in den Augen der Preisrichter offenbar nicht befriedigend, denn anstelle eines ersten Preises vergab man lediglich zwei zweite Preise. Mit der weiteren Ausarbeitung wurde daraufhin das Zürcher Büro Nijo von Nina Lippuner und Johannes Wick beauftragt. Ihr Entwurf sah eine abstrakte Komposition schwarzer Kuben anstelle der Häuser Moholy-Nagy und Gropius vor, deren Abmessungen sich zwar am verlorenen historischen Bestand orientieren, sich ansonsten aber wie die Schatten der verlorenen Originale ausnahmen.

Mit Argwohn hat der «International Council on Monuments and Sites» (Icomos), der die Unesco in Welterbefragen offi ziell berät, auf die Welterbestätte Meisterhäuser geblickt. Noch ehe der Wettbewerb entschieden war, kam das Ensemble auf die Liste der gefährdeten Welterbestätten: So plädierte der damalige Icomos-Weltpräsident Michael Petzet im Jahresreport 2006/07 dafür, den aktuellen Zustand des ehemaligen Direktorenwohnhauses beizubehalten, während er für eine Rekonstruktion der Trinkhalle und der fehlenden Hälfte des Hauses Moholy-Nagy eintrat. Intern allerdings machte sich Icomos dagegen für eine deutlich weiter gehende Rekonstruktion stark. So wurde betont, dass es wünschenswert wäre, auch das Gropius-Wohnhaus 1:1 zu rekonstruieren.

Inzwischen sind Nijos schwarze Kuben mit ihrer geplanten Fiberglasoberfl äche vom Tisch, und die Architekten verweigern mit Hinweis auf den Bauherrn die Auskunft über den aktuellen ProjektstandAnstelle des hintergründigen Schatten-Schwarz wird sich der Siedlungsauftakt nämlich künftig im klassisch modernen Weiss des Bauhauses präsentieren – wie seine Nachbarbauten. Doch man geht in Dessau noch einen Schritt weiter. So bestätigt Giulio Marano, der von Icomos mit der Beobachtung der Dessauer Welterbestätte betraut ist, dass die Trinkhalle, der fehlende Hausteil Moholy-Nagy und das Direktorenwohnhaus in ihren Abmessungen rekonstruiert werden sollen. Etwas verschämt wirkt es, wenn der Dessauer Kulturamtsleiter Gerhard Lamprecht, der als Geschäftsführer auch für die Stiftung Meisterhäuser zuständig ist, die Rekonstruktion von Atelier- und Treppenfenstern sowie der Terrassen und Balkone als das «Einfügen von Zitaten» umschreibt. Zumal – so Giulio Marano – die ursprüngliche Verteilung der Fenster in allen Wandfl ächen des Gebäudes angelegt werden soll, jedoch ohne sie jetzt zu öffnen. So solle künftigen Generationen die Möglichkeit gegeben werden, das Erscheinungsbild des Bauwerks von 1925 / 26 (vollständig) zu rekonstruieren!

Verlust der Zeitspuren

Im Inneren der Doppelhaushälfte Moholy-Nagy soll der Grundriss dagegen der neuen Nutzung angepasst werden. Schliesslich werden hier künftig keine Bauhausmeister mehr wohnen, sondern Ausstellungen zu sehen sein. Aus diesem Grund erhält der Bau anstelle eines zweiten Vollgeschosses eine Galerie. Beim Direktorenhaus von Gropius bleibt das erbauungszeitliche Kellergeschoss erhalten. Aus statischen Gründen könnten darüber laut Lamprecht keine zwei Vollgeschosse errichtet werden, wie zunächst gewünscht, sondern lediglich ein grosser Raum. Hier soll künftig über Gropius und die Meisterhaussiedlung informiert werden. Auch Veranstaltungen sollen hier stattfi nden, um so die «originalen» Meisterhäuser zu entlasten. Rund 2.6 Millionen Euro sind für die Rekonstruktion eingeplant, die im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen-Anhalt erfolgt. Bis dahin sollen die Bauten fertiggestellt sein. Die meisten Besucher der Welterbestätte wird es kaum stören, dass sie mit dem idealtypischen Bild der Meisterhaussiedlung konfrontiert werden. Der schwierige Umgang mit dem Erbe der Moderne in den beiden deutschen Diktaturen lässt sich künftig nur noch über Fotos nachvollziehen, die meisten Zeitspuren sind in der Meisterhaussiedlung bis dahin dank dem Rekonstruktionslifting getilgt.

28. April 2009 Neue Zürcher Zeitung
17. März 2009 Neue Zürcher Zeitung
2. März 2009 Neue Zürcher Zeitung

Publikationen

2021

Münchner Volkstheater
Lederer Ragnarsdóttir Oei

Wie baut man eigentlich ein Volkstheater? So einfach wie nötig, um beim Publikum keine Schwellenangst aufkommen zu lassen, und so schick wie möglich, weil Theater nicht nur auf der Bühne Inszenierung bedeutet. So lautet die Antwort des Architekturbüros Lederer, Ragnarsdóttir, Oei (Stuttgart) und des
Hrsg: Hans-Jörg Reisch, Andreas Reisch
Autor: Jürgen Tietz
Verlag: avedition GmbH

2021

Essenz
Winking · Froh Architekten

Seit 20 Jahren bearbeiten Bernhard Winking und Martin Froh in Europa und China das gesamte Spektrum architektonischer und städtebaulicher Aufgaben. Mit ihrer preisgekrönten Sanierung der Spiegel-Insel sowie der Ergänzung der Esplanade in Hamburg zeigen Winking · Froh Architekten vorbildlich, wie es gelingt,
Hrsg: Jürgen Tietz
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

TXL. Berlin Tegel Airport

Berlin-Tegel TXL ist der Flughafen der kurzen Wege, eine Ikone der modernen Architektur. Mit seiner markanten sechseckigen Form und dem Prinzip des Gate-Check-in hat Tegel Luftfahrtgeschichte geschrieben. Tegel, das war das heiss geliebte Fenster der ummauerten Inselstadt Berlin (West) in die weite Welt.
Hrsg: Jürgen Tietz, Detlef Jessen-Klingenberg
Verlag: Park Books

2015

Meinhard von Gerkan – Biografie in Bauten 1965–2015
Die autorisierte Biografie

Über 200 Projekte hat Meinhard von Gerkan als Mitgründer des Architekturbüros gmp – von Gerkan, Marg und Partner realisiert, angefangen vom berühmten Drive-to-your-gate-Flughafen Berlin-Tegel über den Berliner Hauptbahnhof bis hin zum Chinesischen Nationalmuseum in Peking. Weniger bekannt, doch nicht
Autor: Jürgen Tietz
Verlag: JOVIS

2015

Meinhard von Gerkan - Vielfalt in der Einheit
Die autorisierte Biografie

Die Biografie Meinhard von Gerkans beschreibt eine beeindruckende deutsche Nachkriegskarriere, die vom Flüchtlingswaisen bis zum internationalen Stararchitekten geführt hat. Zusammen mit seinem Partner Volkwin Marg, mit dem er 1965 in Hamburg das Architekturbüro gmp gründete, zählt Meinhard von Gerkan
Autor: Jürgen Tietz
Verlag: JOVIS

2004

Botschaften in Berlin

Die zweite, aktualisierte Auflage präsentiert auch die jüngst fertiggestellten Gebäude des Oman und der Vereinigten Arabischen Emirate sowie die Botschaft der Niederlande von Rem Kohlhaas. Mit dem Umzug von Bundesregierung und Parlament nach Berlin verlegten die meisten ausländischen Vertretungen ihre
Hrsg: Jürgen Tietz, Kerstin Englert
Verlag: Gebr. Mann Verlag