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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

17. August 2013 Der Standard

Wir sind nicht am Ende

Gestern glänzende Motor City, seit Juli bankrott. Ein großes Raunen geht um die Welt. Alles schon gehört. Oder doch nicht? Detroit nach der Pleite: wie eine neue Stadt in der Stadt entsteht.

Es ist mucksmäuschenstill. Keine Menschenseele weit und breit. Nur ab und zu entweicht diesem gottlosen Ort ein Vogelgezwitscher, ein Grillengezirpe, irgendein plötzliches unheimliches Rascheln im Busch.

Ob da noch jemand wohnt? Ich meine, nicht in diesem Haus, sondern überhaupt in diesem Viertel? „Ihr mit eurem Ruinenporno! Natürlich leben hier noch Menschen“, sagt Nick Tobier. Der 44-Jährige, eine hagere Gestalt mit Lockenkopf und dem Grinsen eines Hochzeitsplaners, ist Architekturprofessor an der University of Michigan in Ann Arbor und entwickelt Überlebensstrategien für die wenigen noch verbliebenen Einwohner in den Suburbs. „Meist sind es ältere Bewohner ohne Familie, die sich weigern, ihre alten Häuser zu verlassen und in eine bessere, noch funktionierende Gegend zu ziehen. Doch solange diese Menschen hier leben, sind die Neighborhoods noch lange nicht tot.“

Knapp 80.000 Häuser im Stadtgebiet Detroit stehen leer und rotten vor sich hin. Es ist ein Häuserfriedhof bis zum Horizont, gefühlterweise ohne Anfang und ohne Ende. Manche davon, einst klassische Suburbian Homes wie überall in den USA, haben kein Dach, andere keine Fenster und Türen, wiederum andere sind nur noch in eingestürzten, verkohlten Fragmenten vorhanden. Das Abfackeln verwaister Holzhäuschen, muss man nämlich wissen, ist ein beliebter Sport unter Jugendlichen. In der Devil's Night, der Nacht vor Halloween, ziehen sie in Banden durch die Straßen und setzen alte, leerstehende Ruinen in Brand. „Die Zahl der Brandstiftungen war bereits rückläufig“, sagt Nick. „Seit 2010 nimmt die Lust am Zerstören aber wieder zu. Wer will schon Süßes oder Saures, wenn er auch ein kleines Flammeninferno haben kann?“

Von Jahr zu Jahr verändert Detroit sein Gesicht, schrumpft, wird immer toter und toter. Waren es 1950, in der Hochblüte von General Motors, Chrysler und Ford, noch zwei Millionen Menschen, die hier lebten, sind es heute nur noch 680.000. Zwei von drei Einwohnern sind bereits weg. „Der Verfall Detroits ist seit Jahrzehnten zu beobachten, und in den letzten Monaten wusste schon jeder, dass der Bankrott unausweichlich ist“, sagt Nick. „Doch jetzt, seitdem es offiziell ist und Bürgermeister Dave Bing handlungsunfähig und mundtot gemacht wurde, schaut uns das ganze Land dabei zu, wie wir am Ende sind. Es ist demütigend.“

Miserabel: Platz eins für Detroit

18 Milliarden US-Dollar (rund 14 Milliarden Euro) an Verbindlichkeiten hat die Kommune nach Berechnungen des Insolvenzanwalts Kevyn Orr angehäuft. Das ist die mit Abstand größte US-Stadtpleite aller Zeiten. Detroit war einmal die reichste Großstadt Amerikas. Heute ist sie nicht nur die ärmste, sondern auch diejenige mit der höchsten Kriminalität: 2137 Gewaltverbrechen pro 100.000 Einwohner, darunter 344 Morde, Aufklärungsrate weniger als zehn Prozent. Hinzu kommen rund 19 Prozent Arbeitslosigkeit. In einigen Stadtvierteln, schätzt man, ist sogar jeder Zweite ohne Job. Laut Wirtschaftsmagazin Forbes, rankinggeil wie immer, liegt „The D“, wie Detroit von seinen Bewohnern auch genannt wird, aktuell auf Platz eins der miserabelsten Städte Amerikas.

Nick kriegt das Grinsen nicht weg. Seine Stimme ist immer noch von guter Laune getragen. Bei manchen Worten gluckst sie unüberhörbar nach oben. „Aber wir sind nicht am Ende! Denn die jetzige Situation, so dramatisch sie für einen Außenstehenden auch scheinen mag, ist endlich wieder eine Chance für einen Neubeginn. Die Stadt kann sich neu positionieren. So ähnlich wie seinerzeit Berlin.“ An der Ecke Kercheval und Meldrum Street, im sogenannten „Black Bottom“ im Osten der Stadt, wo die wenigen verbliebenen Einwohner fast zur Gänze afroamerikanischer Abstammung sind, ist ein selbstgebasteltes Holzschild in den Boden gerammt: „Earthworks Urban Farm and Soup Kitchen“. Dahinter Büsche und Gemüse, dutzende Meter weit.

„Hey Brother“, sagt Daryl Howard, Latzhose, Wollmütze, Erde unter den Fingernägeln. Was sagt man da zurück? Hey? Hey! Howard kommt frisch von der Arbeit, die Mittagspause hat gerade angefangen. „Hunger? Es gibt Rübensuppe, Organic Sandwich und Salat. Komm rein in unsere kleine Welt!“ Earthworks ist ein selbstfinanzierter Verein, der 1997 gegründet wurde und mittlerweile sieben Farmen in ganz Detroit umfasst. Er kümmert sich um Anbau von Obst und Gemüse, er bietet Kochkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an, vor allem aber verarbeitet er Tag für Tag seine eigene Ernte und bittet Hungrige zu Tisch. „Soup Kitchen“, öffentliche Suppenküche für alle, nennt sich das Ganze. Das Essen ist umsonst.

„Viele von uns kennen Essen nur in Form von Fastfood und eingeschweißtem, vakuumverpacktem Processed Food von der Tankstelle“, sagt Daryl. „Und das ist eine Katastrophe. Erstens wird man davon nicht satt, zweitens führt das über kurz oder lang zu Krankheiten, die keiner haben will.“ Viele Detroiter, die im Black Bottom zu Hause sind, leiden an Diabetes. Die Lage ist dramatisch. „Unser größtes Problem sind in Wahrheit nicht die leeren Häuser und nicht die fehlenden Jobs, über die jeder klagt, sondern die alltägliche Lebensmittelversorgung.“

Detroit ist heute eine sogenannte „Food Desert“. Das bedeutet: Mehr als 75 Prozent aller Einwohner müssen mehr als eine Meile zurücklegen, um an frische, gesunde Nahrungsmittel zu gelangen. Weit und breit kein Supermarkt. Zumindest nicht hier, am schwarzen Boden, wie alle sagen. Hinzu kommt die Tatsache, dass ein Drittel aller Detroiter kein Auto besitzt. Zu teuer. Auf den öffentlichen Bus kann man sich auch nicht mehr verlassen. Einmal pro Stunde fährt er von nirgendwo nach nirgendwo. Wenn er denn überhaupt kommt. Und so haben die Menschen keine andere Wahl als zu Exxon, Texaco, Citgo, Shell oder Mobil zu wandern. Die gibt's an jeder Ecke. Immer noch. Erstaunlich.

Oder sie spazieren zur nächsten Urban Farm. „Ja, ich weiß, bei euch in Europa, in London, Paris und Berlin, gibt's diesen Trend auch“, sagt Daryl. „Doch hier in Detroit ist Urban Farming weder chic, noch legen wir besonders Wert darauf, dass alles bio ist. Wir wollen einfach nur satt werden.“ Mit Erfolg, wie sich unter dem Jeanslatz erkennen lässt. „Ohne die vielen leerstehenden Grundstücke und die Möglichkeit, selbst Obst und Gemüse anzubauen, wären wir hier wahrscheinlich längst verhungert.“ Neben Earthworks gibt es im Stadtgebiet Detroit heute einige hundert Gemüsefarmen. Zusammen produzieren sie rund 170 Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr. Das entspricht einem Marktwert von einer halben Million US-Dollar, rund 375.000 Euro.

Zwei, die schon seit einigen Jahren Urban Farming betreiben, sind Heather und Barry Nelson. Sie ist 58 und ehemalige Spanischlehrerin. Er ist 70 und war früher in der Kommunikationsbranche tätig. Mehr will er nicht verraten. Sie leben in einem Two-Bedroom-Apartment, nicht weit von hier. Regelmäßig stecken sie ihre Hände in die Erde und sind ehrenamtlich für diejenigen tätig, denen es nicht so gut geht. „Wir bauen Tomaten, Kürbis, Kohl, Kraut, Spinat und diverse Salate an, doch am liebsten haben wir Okraschoten. Unglaublich, was man daraus alles machen kann!“

In den letzten 20, 30 Jahren, sagen Heather und Barry, hätten sich die Städte im Rust Belt massiv verändert. Detroit, Cleveland, Pittsburgh, Buffalo, Toledo, Erie und wie sie nicht alle heißen mögen. Allein in den Nullerjahren sind im Rust Belt mehr als 320.000 Arbeitsplätze verlorengegangen. Aber einen Vorteil hat die postindustrielle Transformation, die über die einstigen Stahlhochburgen wie ein rostiger Gewitterhimmel herzieht: „Ich kann mich nicht erinnern, wann man in einer amerikanischen Großstadt zuletzt so unmittelbar in und mit der Natur gelebt hat. You know what I mean?“

Ungewollterweise ist Detroit heute wahrscheinlich die grünste Metropole der Welt. Von den 360 Quadratkilometern Stadtfläche - das entspricht der Fläche von Boston, San Francisco und ganz Manhattan - sind heute mehr als 100 Quadratkilometer leer. Da, wo einst glückliche Vorstadthäuser mit glücklichen Fords und Chevrolets in der Auffahrt standen, ist heute dichtes, dickes Grün. Großstadtdschungel - was für eine verbale Ironie des Schicksals! Die Straßen, die wie eine karierte Matrix durch den grünen Teppich führen, wirken befremdlich. Noch befremdlicher jedoch als die Asphaltschneisen sind die Gehsteige mit ihren abgesenkten Rollstuhlrampen im Kreuzungsbereich und den erdbeerroten, einbetonierten Noppenbelägen für Blinde. Das Bild ist skurril.

„Ach, die Gehsteige in den Suburbs“, stöhnt John Baran, Executive Manager im Department für Planung und Stadtentwicklung der Stadt Detroit. „Eine absurde Story, erinnern Sie mich nicht daran!“ Nach einer Klage, die der Behindertenverband gegen die Stadt Detroit eingebracht hatte, musste diese sämtliche Kreuzungen im Stadtgebiet barrierefrei umbauen, also rollstuhlbefahrbar ausführen und blindentauglich mit einem Tastleitsystem ausstatten. Und zwar überall. Die Umbaumaßnahmen haben sich über Jahre gezogen und haben einige Dollarmillionen verschlungen.

Straßennamen: deleted

„Die Stadt schrumpft in einem rasanten Tempo und verändert sich von Tag zu Tag, man kann dabei förmlich zusehen“, sagt Baran. „Wir kommen mit den Plankorrekturen kaum noch nach.“ Der aktuelle Detroiter Stadtentwicklungsplan stammt aus dem Jahr 1992, als die Stadt noch mehr als eine Million Einwohner hatte. Für einen neuen Masterplan fehlt das Geld. Doch man weiß sich zu helfen: Alle sechs Monate steigen die Mitarbeiter ins Auto und kurven durch die aussterbenden Quartiere, um die leeren Straßenblocks zu scannen. Wo der Verlust verkraftbar ist, werden die Straßennamen einfach aus der Datenbank gelöscht.

„Eigentlich gäbe es für uns so viel zu tun, aber uns fehlt einfach das Geld“, meint Baran. „Das war auch vor der Pleite schon so.“ Nachdem diejenigen, die es sich leisten können, die Stadt verlassen und stattdessen in die Suburbs oder in irgendeine andere Stadt ziehen, wird Detroit nach und nach um seine Steuereinnahmen gebracht. In den letzten zehn Jahren, rechnet Baran vor, seien die Einnahmen in einigen Vierteln um bis zu 78 Prozent zurückgegangen. Früher, als noch ausreichend Geld in der Stadtkasse war, wurden die verlassenen Häuser, die meist einsturzgefährdet sind und somit eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen, noch auf eigene Kosten abgerissen. 7000 Dollar kostet die Abrissbirne samt Entsorgung. Das ist nun Geschichte.

„Wir haben keine Wahl“, erklärt Baran. „Einen Teil der Stadt müssen wir sich selbst überlassen und an die Natur zurückgeben.“ Resizing, Rückdimensionierung, heißt das im Amtsjargon. Dazu gehört auch, dass einige Quartiere, in denen nur noch ein paar vereinzelte Seelen leben, sogenannte Ganglands, von der Stadtverwaltung aufgegeben werden. Buslinien werden gekappt, Schulen werden geschlossen, Straßenlaternen werden ausgeschaltet.

Außerdem werden die urbanen Löcher nicht mehr versorgt, werden weder von der Müllabfuhr noch von der Feuerwehr und Polizei angefahren. Auch dann nicht, wenn Schüsse und Schreie zu hören sind und ganze Häuserreihen in Flammen stehen. 58 Minuten, ist dieser Tage zu lesen, brauchte die Detroiter Polizei heuer im Durchschnitt, um auf einen Notruf zu reagieren. Die schockierende Zahl ist leicht erklärt: In wohlhabenden Stadtvierteln wie Indian Village, Dearborn Heights, Palmer Park und Oakland County war sie schnell wie eh und je. Den Black Bottom aber, den fährt sie gar nicht mehr an.

Viele Detroiter, allen voran junge Kreative, machen sich diese anarchischen Zustände zunutze. Überall hört man: Berlin, Berlin, Berlin, das große Vorbild. „Say nice things about Detroit“, mit einem Herzchen als i-Punkt, ist an eine weiße Hausmauer gesprayt. Und das tun sie, das tun sie alle. Jaclyn Strez, 27 Jahre alt und noch voller Optimismus, leitet den kleinen Non-Profit-Kunstverein Detroit Contemporary. Sie ist Schauspielerin, Künstlerin und lebt seit gut 15 Jahren in Michigan. Das Haus selbst, früher mal ein Supermarkt, wird von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Garten wird Gemüse angebaut, das Erdgeschoß wird für diverse Veranstaltungen genutzt, und oben im ersten Stock pennen ein paar Artists in Residence. Alles hier ist ein bisschen abgefuckt. „Nein, rosig ist es in Detroit nicht“, sagt Jaclyn. „Aber als Künstlerin habe ich genug Fantasie, um mir eine positive Zukunft dieser Stadt auszumalen. Und das Gute ist: So wie ich denken viele hier.“ Auch diverse Privatinvestoren nehmen sich Detroits an. In erster Linie investieren sie dort, wo die Stadt einspart: in Schulen.

Ein paar Blocks weiter liegt die Heidelberg Street, eine bunt bepinselte Straße, die als Outdoor-Galerie genutzt wird. Die Häuser sind gepunktet und gestreift, in einem der Gärten steht ein ausrangierter Saab mit Santa Claus am Steuer (ein schwedisches Auto in Detroit, tatsächlich), an die Bäume sind Teddybären geknebelt, und überall Kunstinstallationen und halb vergrabene Artefakte. Heidelberg Project, so der offizielle Name der 1986 gegründeten Initiative, sieht aus wie die Manifestation eines LSD-Trips.

Notlage: Phönix aus der Asche

„Dafür liebe ich diese Stadt“, sagt Noah Resnick, Designerbrille, Vintage-Sakko, der Typ Young Creative Industrial mit viel Kritik in den Augen und viel Intellekt auf der Stirn. „Natürlich identifiziert sich Detroit offiziell immer noch als Motor City. Das muss sie wohl. Aber hinter diesem abgewrackten, verrosteten Image wächst langsam eine Stadt in der Stadt heran, die in den USA ihresgleichen sucht.“ Das mit dem Motor, so Resnick, ist Geschichte. Das neue Detroit kehrt den Pferdestärken den Rücken und tritt in die Pedale.

Einige Radfabrikanten wie etwa Detroit Bikes, die den kaum ausgelasteten Werken billigen Stahl abkaufen, sind in den letzten Jahren entstanden. Und Wheelhouse, ein 2010 gegründeter Verein, der geführte Radtouren zu den Themen Architektur, Graffitikunst und Urban Farming organisiert, zählt mittlerweile 5000 Mitglieder, Tendenz steigend. „All diese Impulse bringen der Stadt einen Aufschwung“, sagt Noah. „So etwas lässt sich nicht top-down planen. So etwas kann nur bottom-up aus der Not heraus entstehen.“

Mitte 2011 hat das Hostel Detroit aufgesperrt, eine Jugendherberge mit neun Zimmern und psychedelisch bemalter Ziegelfassade. Das kunstsinnige Etablissement liegt im Nordwesten, rund einen Kilometer von der Wayne State University entfernt. Das billigste Bett kostet 27 Dollar pro Nacht. „Wäre Detroit eine bequeme Stadt ohne Probleme, so wie jede andere Stadt in den USA, dann würden wir stagnieren, dann wäre es niemals zu dieser Aufbruchstimmung gekommen“, sagt die 29-jährige Managerin Taylor Kozak. „Doch nun müssen wir kreativ sein, müssen ein Leben nach dem Do-it-yourself-Prinzip führen.“ Die Insolvenz, die vor wenigen Wochen angemeldet wurde, so Taylor, habe diese DIY-Bewegung lediglich beschleunigt. Die Milliardenpleite, man hört es aus ihrer Stimme heraus, hat etwas Großartiges.

Katja Kullmann, eine Hamburger Autorin, die letztes Jahr ein paar Wochen in Detroit verbrachte, schlägt vor, indem sie einen Immobilieninvestor aus New York zitiert: Man solle Detroit einfach mit 100.000 Künstlern aus aller Welt fluten. Kreativität und Bildungsboheme, so lauten die Zauberworte für den Neubeginn. „Die kreative Klasse ist längst im Operation-Mode“, schreibt sie in ihrem 2012 erschienenen Detroit-Buch Rasende Ruinen. „Mit ihren Geistesressourcen und ihrer (potenziellen) Kaufkraft bildet sie die gesellschaftliche Schlüsselmacht der Zukunft.“ Und der amerikanische Sachbuchautor John Gallagher meint: „Keine andere Stadt in den USA bietet eine so große Leinwand für neues Denken wie Detroit.“

Auf dem amtlichen Siegel der City of Detroit sieht man zwei stoische Damen, die im Garten stehen und sich (man möchte meinen: verzweifelt) an den Kopf greifen. Rund um die Zeichnung sind die lateinischen Worte zu lesen: „Speramus meliora. Resurget cineribus.“ Wir erhoffen Besseres. Möge es aus der Asche auferstehen.

17. August 2013 Der Standard

Museum mit Streichelfaktor

Wie zeichnet man ein Haus? Der russische Architekt und Zeichnungssammler Sergei Tchoban machte es vor und baute in Berlin ein kleines, aber feines Museum für Architekturzeichnung. Wojciech Czaja hat hingegriffen.

Da stehen sie wieder, die Macchiato-Mütter und Tonkabohnen-Väter, neben ihnen der Baby-Buggy mit großstadttauglichen Geländereifen, und massieren die Wand. Man kann es ihnen nicht verübeln. Die scheinbar weiche Betonoberfläche sieht aus wie Pannacotta, durch die sich ein paar feine Rillen und Ritzen ziehen. „Ich muss da jetzt endlich einen Zettel an das Haus kleben“, sagt Museumsdirektorin Nadejda Bartels: „Bei Aufkommen von etwaigen Emotionen bitte streicheln!“

Museum? Tatsächlich handelt es sich bei dem ungewöhnlichen Bau, der am Eingang zur ehemaligen Pfefferberg-Brauerei im hippen Berliner Stadtviertel Prenzlauer Berg steht und diesen Sommer eröffnet wurde, um das von der Tchoban Foundation errichtete Museum für Architekturzeichnung. Es ist das erste seiner Art in Deutschland, und auch weltweit wird man wohl lange nach einer Institution suchen, die sich einzig und allein dem fast vergessenen Genre der Architekturskizze widmet.

„Wenn man die Handzeichnungen von Palladio, Piranesi, Schinkel und Le Corbusier anschaut, dann sieht man, wie viel Kraft in diesen Werken steckt“, sagt Bartels. „Da ist einerseits dieser harte, klare Strich, andererseits haben die Zeichnungen zum Teil dramatische Perspektiven und Licht- und Schattenspiele.“ Und, fügt sie schnell noch hinzu: „Architekturzeichnungen sind nicht nur Historie! Auch zeitgenössische Architekten wie etwa Daniel Libeskind, Peter Eisenman, Frank Gehry und Zaha Hadid sind dem Bleistift nicht abgeneigt.“

Konsequent und leidenschaftlich, wie das Museum vom ersten Anblick an erscheint, wurde die Thematik Architekturzeichnung weithin sichtbar in den Bau integriert. Als hätte jemand etwas in den Beton geritzt, sind an der Fassade Säulen, Bögen, Kapitelle und Kassettendecken zu erkennen. Es sind stark vergrößerte Ausschnitte aus einer Zeichnung des italienischen Bühnenbildners Pietro di Gotardo Gonzaga (1751-1831), der erst an der Mailänder Scala und später für den russischen Fürsten Nikolai Jussupow arbeitete. Am Prenzlauer Berg, umgeben von altem Hopfencharme und künstlerischem Flair, kommen Gonzagas Striche zu spätem, unerwartetem Ruhm.

„Das ist die allererste Architekturzeichnung, die ich vor vielen Jahren erworben habe“, sagt Sergei Tchoban. „Mit diesem einen Blatt Papier hat alles angefangen.“ Tchoban, seines Zeichens Architekt mit Büros in Moskau und Berlin, ist selbst „ein recht guter Zeichner“, wie er meint, vor allem aber passionierter Sammler. Er ist besessen von Bleistift, Tusche, Aquarell. Rund 400 Zeichnungen, alte wie neue, liegen bei ihm im Archiv. Außerdem hat er Kooperationen mit dem Sir John Soane's Museum in London, der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris und der Eremitage in St. Petersburg.

„Warum ich das mache?“, fragt Tchoban. „Viele Privatsammler haben das Bedürfnis, ihre Schätze eines Tages der Öffentlichkeit zu präsentieren. Aus diesem Grund habe ich dieses Museum geplant und gebaut. Doch nicht nur das.“ Kunstpause. „Die meisten Architekten können heute kaum noch zeichnen. Sie entwerfen Häuser, bauen Städte und gestalten unsere Umwelt, ohne je auch nur einen Strich mit der Hand gemacht zu haben. Ich finde das traurig. Daher will ich meine Liebe zur Handzeichnung weitergeben.“

Frau Macchiato und Herr Tonkabohne stehen immer noch da, werfen fragwürdige Blicke Richtung Haus. Sie geben das perfekte Bobo-Publikum für Sergei Tchobans Mission ab. Und sie sind bei weitem nicht die Einzigen an diesem Nachmittag. „Was ist das? Wie ist das gebaut? Und guck doch mal da!“ Immer häufiger kommen Gäste in die 1841 gegründete Pfefferberg-Brauerei, die im 20. Jahrhundert als Schokoladenfabrik und Bäckerei genutzt wurde, ehe sie 1991, nach dem Fall der Mauer, in ein Kunst- und Kulturzentrum umgebaut wurde.

Heute umfasst sie die Architekturgalerie Aedes, eine Kunstgalerie, Olafur Eliassons Atelier, ein paar Restaurants und Bars sowie eine Herberge. Sogar Ai Weiwei soll bereits Interesse an diesem Ort bekundet haben. Das Museum für Architekturzeichnung (Baukosten rund vier Millionen Euro) rundet das Repertoire perfekt ab. Und das trotz geringer Fläche von nicht einmal 100 Quadratmetern pro Stock.

Nicht nur die Tatsache, dass mit 2-D-Zeichnungen ein 3-D-Gebilde geschaffen wurde, auch die Bautechnik ist spannend. Vor dem Bau wurde die als Vorlage dienende Gonzaga-Zeichnung eingescannt, grafisch bearbeitet, mittels CNC-Fräse digital in MDF-Platten gefräst und anschließend mit Flüssigkunststoff ausgegossen. Am Ende wurden die gummiweichen Matrizen in die Betonschalung eingearbeitet. Das auf diese Weise entstandene Relief ist eine schöne Ergänzung zu den Altbauten der Brauerei. Da wie dort sind es die Fugen im Material, die das Haus haptisch angenehm erscheinen lassen: hier die jahrhundertealten Bleistiftstriche, dort die Mörtelfugen im gelb und rot gefärbten Backstein. Es ist der vielbeschworene Dialog zwischen Alt und Neu.

Schmerzhafter Museumsbesuch

Auch hier ist der Beton eingefärbt. Die Kolorierung ist der Versuch, dem Haus einen Hauch von altem Papier, von brüchigem, vergilbtem Pergament zu verleihen. „Wir haben viele Farbproben gemacht, bis wir den richtigen Ton gefunden haben“, erklärt Projektleiter Philipp Bauer von nps tchoban voss. Während das Moskauer Büro Speech Tchoban & Kuznetsov nämlich für den Entwurf verantwortlich zeichnet, hat sich die Berliner Dependance nps um die Detailplanung gekümmert. „Für den perfekten Vintage-Touch sorgen natürliche Farbpigmente und gemahlener Stein.“

Ähnlich wie in eine Architekturzeichnung, wie in ihre vielen Konturen und Flächen, kann man sich auch ins Museum hineinvertiefen. Und es wird nie langweilig. Im Foyer findet sich eine Variation der Relieffassade, diesmal in Form von händisch geschnitztem Nussfurnier. Mehrere Wochen dauerte die peinigende Millimeterarbeit, für die ein spanischer Künstler gewonnen werden konnte.

Immer wieder tauchen im kleinen Museumsturm Fragmente von Architekturzeichnungen auf, immer wieder freut sich das Auge über patiniertes Messing und dunkle, geräucherte Nuss, und immer wieder muss man sich durch eine der vielen kiloschweren, luftdichten Türen quälen, denn in die klimatisierten Ausstellungsräume darf weder Tageslicht gelangen noch allzu feuchte Luft. Der eigens von Tchoban entworfene Türgriff, ein riesiges, kantiges Etwas mit vertikalen Rillen wie in einem gebundenen Album dicker, historischer Architekturgrafiken, schneidet ordentlich in die Hand ein. Es tut fast weh. Tchoban, lapidar: „Gute Architektur sollte bei der Annäherung immer noch neue Facetten eröffnen. Da hat die Moderne einiges verlernt. Wir holen das nach.“

17. August 2013 Neue Zürcher Zeitung
10. August 2013 Der Standard

Einer flog übers Wasser

Können Brücken fliegen? Die Projekte des Pariser Architekten Dietmar Feichtinger kommen dem Versuch verdächtig nah, wie eine Ausstellung in Innsbruck beweist.

Es ist eine feuchte Angelegenheit. Und eigentlich will man angesichts der sengenden Hitze da draußen auch gar nicht mehr weg. Wer dieser Tage ins Innsbrucker Architekturhaus aut hineinspaziert, der wird wenige Meter nach dem Eingang freundlich aufgefordert, die Schuhe auszuziehen und die Räumlichkeiten auf natürlicher Sohle zu erkunden. Die ungewöhnliche Bitte liegt im Aggregatzustand des Bodens begründet. Er ist flüssig. Für diejenigen, die sich zieren, ihre bloßhaperte Pracht preiszugeben, stehen übrigens ein paar hübsch ansehnliche Gummistiefel bereit.

Warum Wasser? „Eine Architekturausstellung zu machen ist eine ziemlich frustrierende Angelegenheit“, sagt Arno Ritter, Kurator und Leiter des aut. „Nie ist das da, worüber man diskutieren will, immer muss man sich mit der Abwesenheit der Materie begnügen. Doch sobald man einen Ausstellungsraum flutet, weiß man, spürt man, ahnt man bereits, dass das, was hier gezeigt wird, irgendwas mit Fluss und Meer zu tun haben muss.“

Das tut es. Objekt der Begierde ist nämlich die Brücke. Genauer gesagt die Brücke, wie sie der österreichische Architekt Dietmar Feichtinger begreift. „Eigentlich geht es bei einer Brücke darum, zwei Punkte miteinander zu verbinden“, sagt Feichtinger. „Doch tatsächlich kann man viel mehr daraus machen. Tatsächlich sind Brücken nämlich nicht nur Wege von A nach B, sondern auch Orte mit einer gewissen Aufenthaltsqualität, die eine Perspektive auf die Welt offenbaren, die man ohne den künstlichen Eingriff des Menschen auf diese Weise niemals genießen könnte.“ Diesen Umstand gilt es zu zelebrieren, und zwar anhand von 15 Brückenprojek- ten aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Dänemark und Finnland.

In Feichtingers Portfolio - das ist nach einigen wenigen mentalen Brückenbegehungen im knöchelhohen Nass klar - gibt es mehr Brückenprojekte als bei jedem anderen Architekten in Europa. Mit Ausnahme Calatravas vielleicht, der überall auf der Welt seine immergleichen Dinosaurierskelette hinklotzt. „Ich habe Brücken immer schon faszinierend gefunden“, sagt Feichtinger, der sein Hauptbüro in Paris betreibt und rund 30 Mitarbeiter hat. „Doch leider werden die meisten Brücken heutzutage von Bauingenieuren geplant, was vor allem mit der Befugnis zu tun hat, denn in den meisten Ländern gelten Brücken immer noch als reine Zweckbauten.“

Bei aller konstruktiven Logik: Mit reiner Zweckdienlichkeit haben Feichtingers filigrane Brückenkompositionen nichts zu tun. „Ich möchte Architektur und Konstruktion miteinander verbinden, ich möchte eine Einheit aus äußerer Ästhetik und innerem Kräftefluss schaffen, und ich möchte dabei nach Möglichkeit Leichtigkeit und Eleganz erzeugen. Ich reize aus, was es auszureizen gibt, doch bei jedem einzelnen Entwurf, den ich mache, ende ich damit, dass ich mich immer wieder aufs Neue frage: Warum können Brücken nicht fliegen?“

Manche Fußgänger- und Radfahrbrücken - Überquerungen für motorisierte Verkehrsteilnehmer wird man bei Feichtinger vergeblich suchen - scheinen allen Regeln der Schwerkraft zu trotzen und kommen dem Fliegen verdächtig nah. Die Butterfly Bridge in Kopenhagen, die derzeit errichtet und kommendes Jahr eröffnet wird, kann bei Bedarf ihre beiden Schmetterlingsflügel nach oben ziehen. Sobald sich im Proviantmagasingraven, der links und rechts von alten Lagerbauten gesäumt ist, ein Schiff ankündigt, werden die beiden Stege scheinbar schwerelos hydraulisch hochgeklappt.

Nur eine Frage der Schönheit?

Im Oude Dokken in Gent (Belgien) wiederum kann die Fußgängerbrücke, falls nötig, nach oben gepumpt werden. Mal ist sie flach wie ein Brett, mal ist der Aufstieg steil wie auf einen Bergrücken, in jedem Fall aber kann die Brücke, während sie ihre Gestalt verändert, sogar benutzt und begangen werden. Eine ausgetüftelte Konstruktion im Bereich des Bodens und Geländers macht's möglich. Die Höhendifferenz zwischen flachem und gebuckeltem Zustand beträgt fast fünf Meter.

„Eine Brücke zu entwerfen ist nie nur eine Frage der Schönheit“, sagt Feichtinger. „Sobald man den Stift zur Hand nimmt, muss man bereits eine Ahnung davon haben, wie die Konstruktion funktioniert, wie die statischen Kräfte verlaufen, wie die nötigen Funktionen abgedeckt werden. Die Ästhetik jedoch ist insofern wichtig, als die Konstruktion viel besser sichtbar ist als bei jedem anderen Bauwerk.“

Hinzu kommt, dass sich Brücken meist in eine sehr sensible Umgebung fügen müssen. Bei der Passerelle Simone-de-Beauvoir in Paris, die den Parc de Bercy mit der Nationalbibliothek François Mitterrand verbindet, spannt sich der Weg wie eine leichte Welle über die Seine. Fußgänger und Radfahrer werden nicht stur über den Fluss geschickt, sondern wandern entlang der Zug- und Druckkräfte mal bergauf, mal bergab. In der Mitte der Brücke gibt es einen gedeckten Ort zum Verweilen, eine Art städtisches Wohnzimmer über dem Wasser.

Es plätschert wieder unter den Füßen. Genüsslich begibt man sich zum nächsten ausgestellten Projekt und schiebt dabei das kühle Wasser mit jedem Schritt voran. Wer Stiefelgummi trägt, ist selbst schuld. Noch ist die Jetée, die neue Fußgängerüberquerung nach Mont Saint-Michel, Baustelle, noch muss man sich mit Renderings und Planmaterial begnügen. Kommenden Sommer wird man das wohl jetzt schon bekannteste Projekt Dietmar Feichtingers erstmals bewandern und beradeln können.

Wie ein fast zwei Kilometer langes S windet sich die flache Brücke durch das Watt und überspannt die Flussmündung des zäh fließenden Couesnon. Fast unsichtbar duckt sich die Architektur ins Naturschutzgebiet, nimmt die Farbe von Wattwürmern und Sandkrabben an. Sensibler kann Bauen kaum sein.

Brücke nach Mont Saint-Michel

„Einerseits weicht der Steg aus, damit der Winkel zwischen Flussrichtung und Pfeilern nicht zu steil ist und damit das Wasser besser durchfließen kann. Andererseits schlängelt sich die Brücke durch das Wattenmeer, um unterschiedliche Ausblicke zu ermöglichen. Mal blickt man auf den Atlantik, mal frontal auf den unescogeschützten Klosterberg Saint-Michel.“ Ein Weg, so Feichtinger, ist eben nie nur ein Weg, sondern immer auch ein Ort.

Die Füße sind klatschnass, immer noch nass, wollen nass bleiben. Wie war das nochmal mit dem Fliegen? Dietmar Feichtinger hält kurz inne, spricht von Spinnen, Wasserläufern und Schmetterlingen. „Warum Brücken nicht fliegen können? Das ist ganz einfach“, sagt er. „Im Gegensatz zu Insekten sind Brücken nämlich am Ufer festgemacht, und daher kommen sie nicht weg.“

Die Ausstellung „Dietmar Feichtinger. Wege und Orte“ ist im aut Innsbruck bis 21. September zu sehen. Zeitgleich findet im Haus der Architektur Graz die Partnerausstellung „Dietmar Feichtinger. Orte und Wege“ über öffentliche Bauten statt. Bis 13. September.

28. Juni 2013 Der Standard

Langsam. Unentbehrlich.

Am Dienstag feierte der portugiesische Architekt und Pritzker-Preisträger Álvaro Siza Vieira seinen 80. Geburtstag. Wir gratulierten ihm mit ein paar Fragen.

STANDARD: Sie haben fast immer eine Zigarette in der Hand.

Álvaro Siza Siza: Ja, ich rauche viel, und ich bin süchtig nach dieser Zigarette. Ich halt's nicht lang ohne aus.

STANDARD: Haben Sie eine Lieblingsmarke?

Siza: Camel. Ich mag das Harte, das Wilde.

STANDARD: Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Gesundheit?

Siza: Machen Sie Witze? Ich bin 80, und überall tut's weh. Aber was hat das mit dem Rauchen zu tun? Ich rauche schon seit meinem 18. Lebensjahr. Damals hat kein Mensch über Tabak geredet. Das war normal. Heute macht man sogar schon Interviews zu diesem Thema. Außerdem: Nicht jeder Zug ist ein Lungenzug!

STANDARD: Letzten Dienstag haben Sie Ihren 80. Geburtstag gefeiert. Was haben Sie sich gewünscht?

Siza: Ich habe mit gewünscht weiterzuleben, weiterzuarbeiten und weiterzurauchen.

Standard: Inwiefern hat sich das Leben als Architekt verändert?

Siza: Architekt zu sein hat sich, seitdem ich berufstätig bin, sehr verändert. Aber nicht nur in Portugal, sondern überall auf der Welt. Der größte Einschnitt ist der Computer. Ohne Computer kann man heutzutage kaum noch arbeiten, geschweige denn ein Büro leiten. Aber ich verstehe den Wandel. Es gibt viele Vorteile. Man ist effizienter.

STANDARD: Arbeiten Sie selbst auch am Computer?

Siza: Ich kann Mails verschicken.

STANDARD: Sie zeichnen also noch mit der Hand?

Siza: Das Zeichnen mit der menschlichen Hand ist durch nichts zu ersetzen. Ich verstehe nicht, wie man am Computer ein Haus entwerfen kann. Planen und detaillieren vielleicht. Aber entwerfen? Unmöglich! Das Tragische ist nämlich, dass man am Computer von Anfang an millimetergenau arbeiten muss. Mir fehlt die Ungenauigkeit. Bei mir geht das sogar so weit, dass ich früher den Entwurf oft erst auf der Baustelle abgeschlossen habe. Das geht heute nicht mehr.

STANDARD: Fehlt Ihnen diese Freiheit?

Siza: Ein bisschen. Irgendwie war das Entwerfen früher lustiger.

STANDARD: Wie viele Projekte haben Sie bisher entworfen?

Siza: Ich habe schon befürchtet, dass Sie so etwas fragen werden. Ich habe extra nachzählen lassen. Insgesamt habe ich bisher 420 Projekte gemacht. 136 davon wurden realisiert.

STANDARD: Und? Gibt es Lieblingsprojekte?

Siza: Absolut nicht. Jedes Projekt hat seine eigene Qualität. Zu jedem Projekt habe ich eine ganz bestimmte emotionale Verbundenheit. Und zwar nicht nur zu den schönen, beliebten, erfolgreichen, sondern auch zu denen, die nicht so gut gelaufen sind, zu denen, wo Fehler passiert sind, zu denen, die niemals gebaut wurden. Auch die muss man lieben! So ist das im Leben.

STANDARD: Eines Ihrer Projekte, und zwar das Wohnhaus in Berlin, trägt den Titel „Bonjour Tristesse“. War das Ihre Idee?

Siza: Nein, das ist ein Spitzname. Das Haus steht in Kreuzberg, wo viele Migranten wohnen, nicht weit von der alten Berliner Mauer entfernt. Ich weiß nur, dass die Menschen, die hier wohnen, das Haus sehr lieben. Daher nehme ich an, dass nicht das Gebäude selbst traurig ist, sondern die Gegend und die Sozialpolitik, die das Haus täglich begrüßen muss.

STANDARD: Gefällt Ihnen der Spitzname?

Siza: Er ist okay. Man kann nicht alles planen.

STANDARD: Bei südeuropäischen Architekten scheint es, dass sie besser und sensibler mit der Natur, mit der Landschaft umgehen können als ihre Kollegen aus Mitteleuropa. Warum ist das so?

Siza: Da muss ich Ihnen widersprechen. Die mitteleuropäischen Architekten können genauso gut mit der Natur umgehen und mit ihr kommunizieren wie die südeuropäischen. Nur haben die das Pech, dass die Landschaft nicht so schön ist wie bei uns im Süden.

STANDARD: Mögen Sie Portugal?

Siza: Ich liebe dieses Land. Auch wenn die Politik früher entsetzlich war und die Wirtschaft heute am Boden ist. Schauen Sie sich nur einmal Porto und die Atlantikküste an! Wie kann man Portugal nicht lieben?

STANDARD: Das britische Webportal e-architekt hat Sie, gemeinsam mit Eduardo Souto de Moura, zum größten portugiesischen Architekten des 20. Jahrhunderts ernannt. Was sagen Sie dazu?

Siza: Gar nichts. Ich mag diese Rankings und Superlativen nicht. Ich finde das blöd. Der beste Architekt? Was soll das sein? Wer beurteilt das? Qualität hat immer mit dem Kontext zu tun.

STANDARD: Eduardo Souto de Moura war früher mal Ihr Student. Später dann haben Sie sogar mit ihm zusammengearbeitet.

Siza: Mit dem eigenen Schüler ein Projekt zu machen ist irgendwie lustig. Wir haben uns gut verstanden. Aber die Zusammenarbeit war nur von kurzer Dauer. Heute sind wir gut befreundet. Eduardo ist ein guter Kerl.

STANDARD: Was halten Sie von den jungen portugiesischen Architekten wie etwa ARX, Embaixada, Arquitectos Anónimos oder Kaputt?

Siza: Die neue Architektengeneration ist extrem talentiert. Die jungen Leute machen richtig gute Sachen. Aber natürlich ist die portugiesische Architektur heute eine ganz andere.

STANDARD: Inwiefern?

Siza: Als ich jung war, durfte man beispielsweise nicht verreisen. Das politische Regime war sehr streng. Das Land war verschlossen. Kulturell waren wir völlig auf uns alleine gestellt. Und das hat sich auch in der Architektur niedergeschlagen. Vielleicht ist es das, was weltweit so gut und gerne als portugiesische Architektur aufgefasst wird. Heute ist das Land offener. So gesehen ist die Architektur vielfältiger, vielleicht sogar weniger portugiesisch.

STANDARD: Wie geht es Ihnen mit der Wirtschaftskrise?

Siza: Portugal, und überhaupt der Süden Europas, befindet sich in einem radikalen Wandel. Natürlich spürt man das auch als Architekt. Was soll ich Ihnen sagen? Wirtschaftlich ist es die Hölle.

STANDARD: Machen Sie weiter?

Siza: Natürlich mache ich weiter. Arbeit hält jung. Was soll ich sonst machen? Manchmal denke ich mir im Scherz: Wenn das noch lange so weitergeht, dann werde ich noch auswandern!

STANDARD: Woran arbeiten Sie zurzeit?

Siza: Wir haben gerade eine Kooperation mit einem alten portugiesischen Kloster, das wir demnächst sanieren werden. In Korea haben wir kürzlich eine ganze Reihe von Campus-Gebäuden fertiggestellt. Und in Hangzhou in China plane ich gerade das Bauhaus-Museum. Ein Bauhaus-Museum in China! Können Sie sich das vorstellen? Die Welt ist verrückt.

STANDARD: In einem Vortrag meinten sie einmal: „Ein guter Architekt arbeitet langsam.“ Warum?

Siza: Ach, manchmal muss man die Studenten ein bisschen ärgern und provozieren. Die Jungen mögen es nicht, wenn man ihnen sagt, dass sie langsam arbeiten sollen. Aber das Gute daran ist: Dieser Satz scheint sich wirklich eingeprägt zu haben.

STANDARD: Und? Sind Sie ein langsam arbeitender Architekt?

Siza: Langsamkeit ist unentbehrlich. (Wojciech Czaja, Album, DER STANDARD, 29./30.6.2013)

Álvaro Siza Vieira, 1933 in Matosinhos geboren, gilt als einer der Hauptvertreter der Moderne. Seit 1958 betreibt er ein Architekturbüro in Porto. Zu seinen bekanntesten Projekten zählt das Strandbad Leça da Palmeira (1966), die Sozialsiedlung Bouça II in Porto (1977), das Wohnhaus „Bonjour Tristesse“ in Berlin (1984), die Vitra-Werkshalle in Weil am Rhein (1991), der Portugal-Pavillon auf der Expo in Lissabon (1998), die Fundação Iberê Camargo in Porto Alegre (2010) sowie der Wiederaufbau des Stadtviertels Chiado in Lissabon nach dem Großbrand 1988. Siza Vieira wurde mit dem renommierten Pritzker-Preis (1992) sowie mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk (2012, Architektur-Biennale Venedig) ausgezeichnet.

15. Juni 2013 Der Standard

Turm mit Hüftschwung

Am Mittwoch wird der neue Aussichtsturm auf dem Pyramidenkogel eröffnet. Endlich mal wieder ein Stück Architektur in Kärnten, das Rumba und Samba tanzt.

Rutschsack, Adrenalin, und los. 22 Sekunden dauert die Fahrt. Ein paar Stellen gibt's, da muss man sogar schreien. Wie aus der Waschmaschine geschleudert, wird man unten wieder ausgespuckt und torkelt von dannen. Und dann das Ganze nochmals.

„Es zischt nur so, und die Zentrifugalkräfte sind echt faszinierend“, sagt Dietmar Kaden. Ein leichter Drehwurm sei nicht zu vermeiden. Gemeinsam mit seinem Kollegen Markus Klaura entwarf der Klagenfurter Architekt den neuen Aussichtsturm auf dem Pyramidenkogel mit wunderbarem Blick auf Klagenfurt, Wörthersee und Velden. Die Rutsche, ein Kunstprojekt von Hanno Kautz, ist mit 51 Meter Fallhöhe und 160 Meter Länge aber bei weitem nicht der einzige Kick.

Die Eckdaten: Holztragwerk, 441 Stufen bis zur Aussichtsterrasse, 100 Meter bis zur Antennenspitze. Damit ist das neue Wahrzeichen am Wörthersee, das die Besucher schon von weitem mit einem heißen Hüftschwung begrüßt, der derzeit höchste Holzaussichtsturm der Welt. „Es ging nicht darum, einen neuen Rekord aufzustellen“, erklärt Kaden. „Es ging darum, der Welt zu zeigen, was man mit diesem nachwachsenden Rohstoff dank Vorfertigung und neuer Technologien alles machen kann. Holz ist ein absolut konkurrenzfähiges Produkt. Für mich persönlich ist Holz der Werkstoff des 21. Jahrhunderts.“

Das sieht der Keutschacher Bürgermeister Gerhard Oleschko (FPK) genauso. Er ist derjenige, der den Abbruch des alten Aussichtsturms (1968, Architekt Gustav Wetzlinger) forcierte und sich für einen Neubau aus Holz einsetzte. „Beim alten Betonturm gab es immense Wasserschäden in den Hohlkammern der Aussichtsplattform, es hatten sich bereits Risse gebildet, und wir hatten keine Betriebsgenehmigung mehr“, sagt Oleschko im Gespräch mit dem STANDARD. „Eine Sanierung wäre zwar technisch möglich gewesen, doch das Projekt hätte sich betriebswirtschaftlich niemals gerechnet.“

Der Grund: Der alte Turm hatte keine ausreichenden Fluchtmöglichkeiten, die der aktuellen Norm entsprechen, war nach heutigen Anforderungen we-der erdbebensicher noch barrierefrei, und die Aufzugs- und Funktechnik war auch nicht mehr die jüngste. Rund sechs Millionen Euro hätte die Sanierung gekostet. „Erstens hätte das Bauwerk viel von seiner Schlankheit und Eleganz eingebüßt, und zweitens ist ein wiederaufgewärmtes Projekt auch nicht das Gleiche wie ein attraktiver Neubau“, so Oleschko. Von der fehlenden Rutschpartie ganz zu schweigen.

Jahrelanges Polit-Hickhack

Obwohl der Wettbewerb schon 2007 ausgeschrieben worden war, lag das Projekt lange Zeit auf Eis. Hypo Alpe Adria, Landesverschuldung und ein politisches Hickhack zwischen FPK, SPÖ, ÖVP und Grünen hätten das Bauvorhaben fast zu Fall gebracht. Zudem war die Finanzierung nicht geklärt. Die Opposition befürchtete, die Gemeinde Keutschach könnte sich mit dem Bau des Turms in ein Schuldenloch stürzen.

Schließlich wurde das Budget für das Projekt „Pyramidenkogel neu“ von ursprünglich zehn auf nunmehr acht Millionen Euro eingedampft (und mit ihm der Turm, der mit der Budgetkürzung niedriger und schlanker wurde), wobei 51 Prozent von der Kärntner Tourismus-Holding (KTH), einer 100-prozentigen Landestochter, und 49 Prozent von der Gemeinde selbst getragen werden.

Im Oktober 2012 wurde der alte Turm mit 40 Kilogramm Sprengstoff ins Jenseits befördert und machte auf diese Weise Platz für seinen fast doppelt so hohen Nachfolger. Damit waren sämtliche Fraktionen einigermaßen happy. Bis jetzt. Wie die Kleine Zeitung kürzlich berichtete, wollen die SPÖ-Gemeinderäte und ihre grünen Kollegen bei der Gemeindeaufsicht nun Anzeige gegen den Bürgermeister einbringen. Sie kritisieren Nebenkosten in unbekannter Höhe.

„Ich finde es furchtbar, dass der neue Turm auf dem Pyramidenkogel blau verbrämt ist und auf dem Fundament eines jahrelangen politischen Streits errichtet werden musste“, meint Architekt Markus Klaura. „Denn lieber als auf die nicht ganz so glückliche Entstehungsgeschichte würde ich mich darauf konzentrieren, dass uns allen letztendlich ein wunderbares, innovatives Pilotprojekt gelungen ist, das den Holzbau nicht nur in Österreich, sondern europaweit vorantreiben könnte.“

Wir leisten diesem Wunsch Folge. Insgesamt wurden rund 500 Kubikmeter Lärchenholz verbaut. 16 Steher mit einem Querschnitt von 114 mal 32 Zentimetern scheinen den Turm zum Tanzen zu bringen. Die bis zu 27 Meter langen Holzleimbinder wurden zur Gänze im Werk vorgefertigt und mussten vor Ort nur noch mittels eines eigens entwickelten Epoxidharzes zusammengeklebt und zusammengeschraubt werden. Sie sind zur Gänze für die Lastabtragung verantwortlich. Die elliptischen Stahlringe, die den Turm zusammenhalten, und die Diagonalen dienen lediglich der Aussteifung.

Turm ohne Phallus-Symbolik

„Der Turm wirkt zwar organisch und amorph“, erklärt der zuständige Tragwerksplaner Markus Lackner, der mit der großen Tiroler Architekturlegende Josef Lackner nicht nur den Namen, sondern auch den Stammbaum teilt, „doch tatsächlich verbirgt sich dahinter ein sehr klares, geometrisches Konzept, das viele Wiederholungen aufweist und somit eine clevere und kostensparende Fertigung von immer gleichen Elementen ermöglichte.“

Für Freunde der Mathematik: Beim Grundriss des Turms handelt es sich um eine 18 mal 10 Meter große Ellipse, die sich alle sechs Höhenmeter um 22,5 Grad im Uhrzeigersinn dreht. Die Höhenmarken sind anhand der stählernen Ellipsenringe leicht erkennbar. Oben angelangt, hat der Turm eine Drehung von insgesamt 225 Grad vollzogen - etwas mehr als ein Halbkreis, fünf Achtel, um genau zu sein. Das Resultat ist eine sich in den Himmel schraubende Skulptur, die ihre stringente geometrische Logik hinter einem Schuss erotischer Emotion zu kaschieren weiß.

„Es gibt so viele phallische Türme auf der Welt, die allesamt Symbole männlicher Macht sind“, erklärt Dietmar Kaden, der sich bei der Planung des Pyramidenkogels nicht nur als Architekt, sondern auch als Bildhauer sieht. „Doch hier ist es gelungen, einem hundert Meter hohen Turm erstmals etwas Weiches, etwas Weibliches zu verleihen. Ein Aussichtsturm, der Rumba und Samba tanzt, wo hat man das schon?“

Von den fürwahr maskulinen Kraftanstrengungen während der Montage, von der sportlichen Bauzeit von nur vier Monaten, davon nur eine ganze Woche niederschlagsfrei, und vom 60-Tonnen-Autokran, der bei Schneegestöber in mulmiger Mission die Holzelemente an den dafür vorgesehenen Platz bugsierte, ist heute nichts mehr zu spüren. Mulmig ist einem dennoch zumute. Die Konstruktion ist luftig, und das Lochblech unter den zittrigen Füßen trägt zur Desensibilisierung der Höhenangst nur bedingt bei.

Aufschwung für Holzwirtschaft

Während der alte Pyramidenkogelturm zuletzt nur noch 90.000 Besucher pro Jahr hatte, gehen die Wirtschaftlichkeitsberechnungen nun von 100.000 bis 120.000 Besuchern aus. Bürgermeister Gerhard Oleschko spricht gar von 150.000 Pyramidenkogelfans. Die Zukunft wird weisen, ob der Groll der Opposition berechtigt ist oder nicht.

Doch die größte Freude gilt der Holzwirtschaft. Mit dem neuen Aussichtsturm, der unter Fachleuten schon jetzt für Aufsehen sorgt und das Büro Klaura und Kaden nebenbei in den Architektur-olymp katapultiert hat, könnte der Holzbau einen Aufschwung erleben. Laut Institut für Waldinventur beträgt der Waldanteil in Österreich rund 48 Prozent. Der Holzanteil in der Bauwirtschaft beträgt, bezogen auf das gesamte Neubauvolumen, 18 Prozent. Da gibt's noch viel Luft nach oben.

8. Juni 2013 Der Standard

Wie eine Makrone im Meer

Vor zwei Tagen wurde in Marseille das „Mucem“ eröffnet. Rudy Ricciottis Völkerkundemuseum zollt nicht nur der Historie Tribut, sondern auch der Gegenwart.

„Ein bisschen sieht das Gebäude aus comme un macaron de sardine, wie eine zarte Sardinenmakrone, nicht wahr? Bisschen dunkel, bisschen salzig, und wenn man reinbeißt, dann knackt es auf der Zunge!“ Rudy Ricciotti steht im Foyer, seine Augen fressen das Publikum auf, seine Hände gestikulieren wild, als sei er ein Pantomimekünstler, der wieder zur Sprache zurückgefunden hat.

„Und dann diese Farben! Sehen Sie nur, wie die Makrone schimmert, mit ihrer erotischen Knackigkeit, von Rot bis Blau und Schwarz! Doch dann, als wäre nur noch ein salziger Nachgeschmack da, ist sie plötzlich ganz durchsichtig und verschwindet wieder vor dem obskuren Horizont zwischen blauem Himmel und blauem, blauem Mittelmeer.“

Eine befreundete Architektin Ricciottis kann sich das Lächeln nicht verkneifen. Doch, doch, er sei ein großartiger Architekt. Und die Makrone, alles ganz wunderbar. „Aber er redet zu viel. Man sollte ihm einen Maulkorb verpassen.“ Bei aller Technik und Raffinesse, die das Gebäude zu bieten hat: Am besten erschließt sich einem das neue Mucem, das vorgestern, Donnerstag, in Marseille feierlich eröffnet wurde, schweigsam - ohne Rudy Ricciotti, ohne Worte, ohne Kommentar.

Anlässlich des Marseiller Kulturhauptstadtjahrs 2013, das über der Hauptstadt der Provence heuer mit einem umfassenden Kultur- und Stadtrevitalisierungsprogramm herniederprasselt, beschloss man, direkt neben dem Fort Saint-Jean, einer historischen Befestigungsanlage aus der Zeit des Sonnenkönigs Louis XIV, ein neues Völkerkundemuseum zu errichten. Das Musée des Civilisations de l'Europe et de la Méditerranée - kurz Mucem - versteht sich als Schwesterninstitution des 2006 eröffneten Pariser Musée du Quai Branly (Architekt: Jean Nouvel) und konzentriert sich auf die Kulturanthropologie der Mittelmeerregion.

Die Geschichte dieses Projekts reicht fast so weit zurück wie die im Museum ausgestellten Exponate. 2002 bereits wurde ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, der hier, im Blickfeld des militärischen Forts und der alles überstrahlenden Cathédrale de la Major, eine völlige Neuorganisation des Ufers vorgesehen hat: Die Straße wurde teilweise unter die Erde gebannt, die alten Docks wurden umfunktioniert und zu neuem Leben erweckt, und ein paar Schritte weiter schließt ein neues Kulturviertel mit revitalisierten Lagerhäusern an. Das von Rudy Ricciotti geplante Mucem auf der Joliette 4 ist die Krönung dieser neuen Hafenpromenade.

„Sardinenmakrone“ aus Beton

Von weitem sieht es aus wie ein eckiger, kantiger Schwamm. Die schwarze Fassade wirkt porös, wie vom aggressiven, regelmäßig durch Marseille wütenden Mistral zerfressen. Erst beim Nähertreten beginnt sich hinter der fein ziselierten Betonstruktur das eigentliche Gebäude, eine Glasbox mit drei Ebenen, abzuzeichnen.

Jetzt versteht man, warum Ricciotti von einer „Sardinenmakrone am Mittelmeer“ spricht. Während das Haus von weitem dunkel und abweisend erscheint, wird es mit jedem Schritt wohlschmeckender, mit jedem Schritt besser. Fast wie eine Schmuckschatulle steht es da und kokettiert mit den neugierigen Blicken der Besucher. Technisch betrachtet handelt es sich bei der schwarzen Hülle um eine Matrix aus hochfestem Beton, sogenanntem Ultra-High Performance Concrete (UHPC).

Im Gegensatz zu herkömmlichem Stahlbeton besteht UHPC nicht aus Sand, sondern aus Mikrosilikaten und Quarzmehl und ist mit Millionen von feinen Stahlspänen bewehrt. Damit ist UHPC rund zehnmal belastbarer. Zur Veranschaulichung in Zahlen: Die Tragfähigkeit beträgt drei Tonnen pro Quadratzentimeter. Vorteil an der Sache: Das Material kann entsprechend schlanker dimensioniert werden. Beim Mucem ist die Fassade gerade einmal zehn Zentimeter dick.

„Die Fassade ist nicht nur wunderschön, sondern hat auch einen wunderbaren Zweck“, sagt Tilman Reichert, Mitarbeiter im Büro Ricciottis und Projektleiter des Mucem. Den Charme hat er von seinem Chef. „Die Fassade dient als Verschattung für die dahinterliegenden Ausstellungsräume.“ Unterm Strich beträgt die Verschattung, wie vom Bauphysiker gefordert, rund 50 Prozent. Das wiederum schützt die von Adeline Rispal in Szene gesetzten Exponate auf den Podesten und in den Vitrinen.

„Kommen Sie! Fassaden schauen können Sie später auch noch!“ Herr Reichert drängt mit heimatländlicher Pünktlichkeit ins Innere des Museums. „Und ich kann Ihnen versichern: Beton gibt's hier noch viel zu bewundern.“ Das Versprechen wird sofort eingelöst. Kaum hat man das Foyer betreten, steht man in einem geometrischen Wald aus sich hochwindenden und hochrankenden amorphen Baumstützen. „Nicht schlecht, was?“ Der Journalist blickt fragend um sich, streichelt die babypopoglatten Säulen. Etwa schon wieder UHPC? Herr Reichert grinst.

„Aber auch hier ist die Lösung nicht nur wunderbar, sondern auch zweckdienlich“, erklärt der Projektleiter. Durch das hochfeste Material habe man Gewicht einsparen können, was sich vor allem auf die Konstruktion ausgewirkt hat. In manchen Teilen des Hauses ist sie so schlank, dass es scheint: Ein kleiner Mistralhauch nur, und das Ding wäre dahin. „Das ist das erste Gebäude der Welt, das komplett aus UHPC errichtet wurde“, sagt Reichert stolz. Der mentale Eintrag ins Buch der Rekorde hat seinen Preis: 55 Millionen Euro.

Museum mit Wind und Klima

Weiter geht es in die beiden Ausstellungsgeschoße. Als Besucher hat man die Wahl. Entweder klassisch über Stiegenhaus und Lift. Oder aber man geht hinaus an die frische Luft und erklimmt die oberen Stockwerke mittels einer der beiden Rampen, die sich wie eine Doppelhelix ums Haus winden und dramatisch zwischen Glasbox und Schwammfassade eingespannt sind.

Die Konstruktion ist ein dreidimensionaler Wahnsinn aus Edelstahl und Glas. Es kommt nicht oft vor, dass junge Mütter ihren Kleinkindern eine Lektion in Sachen Architektur erteilen. Doch hier tun sie's. Deuten mit dem Zeigefinger auf einen der vielen Detailknoten und dann: „Schau mal! Siehst du diese Schraube da?“

Die Sonnenstrahlen (in Marseille sind sie bereits angekommen) sickern durch die schwarze Gitterfassade und sorgen für tausende Lichtspiegelungen im Glas. Man weiß nicht mehr, wo Norden und wo Süden ist. Und dann der Wind, der durch die Löcher pfeift. Alles gewollt. „Das war von Anfang an mein Plan“, sagt Rudy Ricciotti. „Wenn man schon am Mittelmeer ist, in diesem feuchten, windigen Territorium, der einem manchmal die Luft zum Atmen raubt, dann muss man das auch spüren. Schließlich ist das Klima Teil der mediterranen Identität und somit auch Teil dieses Museums.“

Oben auf dem Dach gibt es ein Restaurant. Der Ausblick auf das Fort Saint-Jean und das gegenüberliegende Fort Saint-Nicolas, die wie ein steinernes Tor den alten Marseiller Hafen fassen, entlohnt für Wind und Hitze. Wie von Geisterhand gehalten verläuft von hier aus eine schlanke, fast schwerelos wirkende Passerelle zum alten Fort. 130 Meter lang ist der Weg von A nach B, und das alles ohne Pfeiler und ohne Stütze. Auf der - dank UHPC - nur unglaubliche acht Zentimeter dicken Fußgängerbrücke zieht man wieder von dannen und sagt leise Adieu.

„Ich gebe zu, wir sind mit diesem Projekt haarscharf an der Grenze der technischen Machbarkeit vorbeigeschrammt“, sagt der Architekt, der zu viel spricht. „Aber in gewisser Weise ist ja auch Architektur Teil der Kulturanthropologie, nicht wahr? Und schauen Sie sich nur einmal die schlanke, schwarze Brücke an, die wie eine süße Vanilleschote auf der salzigen Makrone balanciert. Eines Tages werden die Anthropologen auf dieses Gebäude schauen und werden sich denken: Unglaublich, diese Konstruktion! Ein echter Ricciotti!“

1. Juni 2013 Der Standard

Klassenbester!

Am Montag wurde der Award „Bessere Lernwelten“ verliehen. Einige tolle Beispiele wurden prämiert. Doch wann kommt von der Politik das Go für die breite Masse?

Die Terrassentür ist weit geöffnet, die Kinder kauern zwischen Fensterbrett und Terrasse, bühnen- reif flattert der Vorhang über die konzentrierten Köpfe hinweg. Lehrerinnentraum? Gebaute Realität! Eine glückliche, wiewohl seltene, wohlgemerkt.

Es gibt in Österreich rund 6300 Schulen. Die meisten davon sind Gangschulen mit standardisierten Klassen, die für den Frontalunterricht entwickelt wurden. Nur die wenigsten Schulgebäude entsprechen den aktuellen pädagogischen Konzepten, die von Wissenschaftern und Lehrern mit Ausdauer und Hartnäckigkeit proklamiert werden. So zum Beispiel die Volksschule Bad Blumau, die letzten Montag in der Kategorie Primarstufe mit dem Award „Bessere Lernwelten 2013“ des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) ausgezeichnet wurde.

„Unser Bildungssystem steht vor großen Veränderungen“, sagt Michael Zinner, Professor an der Kunstuniversität Linz und Forscher auf dem Gebiet Schulraumkultur. „Daher sind wir es den kommenden Generationen schuldig, den Schulraum und seinen Einfluss auf das Lehren und Lernen neu zu reflektieren.“ Zinner ist einer von insgesamt sechs Juroren, die den Wettbewerb begleitet und die drei Siegerprojekte und sieben Anerkennungen - in den Kategorien Primarstufe, Sekundarstufe und Baukulturvermittlung - aus mehr als 50 eingereichten Projekten ausgewählt haben.

Der Award, der nicht nur die Architektur beziehungsweise nicht nur das pädagogische Angebot an Schulen untersucht, sondern sich erstmals der Kombination aus Raumangebot und Unterrichtsmöglichkeiten verschreibt, soll diesen Veränderungsprozess an der Schnittstelle von Architektur und Pädagogik manifest machen. Es ist der erste Preis dieser Art im gesamten deutschsprachigen Raum. Das wurden die Veranstalter, allen voran Bundesministerin Claudia Schmied (SP), am Montag nicht müde zu betonen.

Doch zurück nach Bad Blumau. Die kleine steirische Gemeinde, die vor allem für ihre Hundertwasser-Therme bekannt ist, legte in den letzten Jahren deutlich an Bevölkerung zu. Die alte Volksschule im Ortskern wurde dem großen Schülerandrang nicht mehr gerecht, und so beschloss man, neben dem Sportplatz am Fluss einen Neubau zu errichten. Die Wettbewerbsausschreibung war streng. Keine Gangschule, sondern eine „bewegte Schule“ mit einem „kommunalen Zentrum“ in der Mitte sollte es werden. Der Zuschlag ging an das Grazer Architekturbüro Feyferlik Fritzer. 2010 wurde die Schule nach vierjähriger Planungs- und Bauzeit eröffnet.

Was sieht man heute? Bewegte Schülerinnen und Schüler. Es wird gesessen, gelümmelt und gelaufen, durch die Mitte der Aula zieht sich eine 20 Meter lange Sitzstufe aus knallrotem Kunstleder, und vielleicht wird die Vielfalt der hier anzutreffenden Lernpositionen und Körperposen künftigen Architektinnen und Lehrern als Inspirationsquelle für baulichen Weitblick dienen.

Die Kids hocken in den Fensternischen, knien auf der Terrasse und liegen ausgestreckt am Parapet, während der Stift schnell noch über die Rechenaufgaben fegt. Das Platzangebot ist unermesslich und beweist, dass Lernen heute nicht mehr so aussehen muss, wie es sich Maria Theresia bei der Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1774 vorgestellt hatte. Diese Zeiten sind vorbei.

Bauen wie im Bilderbuch

Zwei weitere Lernwelten-Preise gingen daher an das Innsbrucker Bundesrealgymnasium in der Au, das auf dem Dach eines Shoppingcenters errichtet wurde und dessen Raumangebot in intensiver Zusammenarbeit mit Kinder- und Elternvertretern entwickelt wurde (Kategorie Sekundarstufe, DER STANDARD berichtete), sowie an das Kinderbuch Archi & Turi, das Eltern, Lehrer und Kinder mit niederschwelligen Zeichnungen zur praktischen Arbeit mit Raum und Architektur anspornen soll (Kategorie Baukulturvermittlung, herausgegeben von Monika Abendstein und Judith Prossliner). Die beiden gekritzelten Protagonisten Archi und Turi zeigen vor, wie's geht.

„Es gibt eine ganze Reihe von Pilotprojekten, was neuen, innovativen Umgang mit Raum und Pädagogik betrifft“, sagt Michael Zinner. „Die Frage ist: Was können wir von diesen Pilotprojekten mitnehmen, um die längst schon veralteten Schulbaurichtlinien zu überdenken?“ Ende letzten Jahres bereits veranstaltete er in Zusammenarbeit mit der Kunstuniversität Linz ein „Symposium zu Lernwelten und Baukultur“, bei dem nationale und internationale Beispiele präsentiert wurden.

Es zeigte sich: In Helsinki etwa gibt es seit 1993 die Arkki, eine eigene Architekturschule, in der Kindern und Jugendlichen die Grundbausteine des Planens und Bauens vermittelt werden. „Die meisten Kinder in Finnland verbringen 70 bis 80 Prozent ihres Tages in der Schule“, sagt Pihla Meskanen, Gründerin und Leiterin der Arkki. „Das ist viel Zeit. Daher ist es wichtig, ihnen schon möglichst früh eine Sensibilität für ihre gebaute Umwelt mitzugeben.“ Die Schule wird zu einem Drittel von der Regierung, zu einem Drittel von der Stadt und zu einem Drittel von Spenden und Beiträgen finanziert. Das Projekt ist weltweit einzigartig.

Die „vor ort ideenwerkstatt“, eine Initiative aus Österreich, wiederum begibt sich in Schulen, um dort gemeinsam mit Schülerinnen und Lehrern neue Ideen und Konzepte für den bevorstehenden Schulumbau oder sogar Schulneubau zu erarbeiten. Auf diese Weise kommen nicht nur die Auftraggeber und Architekten zu Wort, sondern auch die Nutzer. Der Bildungscampus Moosburg in Kärnten ist das erste Projekt, das Resultat eines solchen Partizipationsprozesses ist. Das Projekt wurde mit dem Anerkennungspreis „Bessere Lernwelten“ ausgezeichnet.

Der vielleicht radikalste, aber effektivste Vorschlag kommt aus Vorarlberg. Er wurde diese Woche ebenfalls mit einem Anerkennungspreis (Kategorie Sekundarstufe) gewürdigt. Thomas Koch, Direktor der Volks- und Mittelschule Alberschwende, orientierte sich an skandinavischen Best-Practice-Beispielen, warf alle Regelwerke über Bord und ließ den Architekten einen Großteil der bestehenden Wände rausreißen. Das Resultat ist eine offene Lernlandschaft ohne Lehrmittelräume und Gänge, dafür aber mit Platz für unterschiedliche Formen des Unterrichts.

„Durch den Umbau ist es uns gelungen, die Lern-Nettonutzfläche von 55 Prozent auf 90 Prozent zu steigern“, sagt Koch. „Das wäre eine Möglichkeit, den Schulbau in Österreich unter wirtschaftlichen Bedingungen zu revolutionieren. Doch dazu bräuchte es den Mut der Politik.“ Koch fordert von den Gesetzgebern einen Drei-Punkte-Plan. Erstens: kein Schulbau mehr ohne räumlich-pädagogisches Konzept. Zweitens: keine Planung mehr ohne pädagogische Begleitung. Und drittens: keine Wettbewerbsjury mehr ohne Pädagogen.

„Dazu braucht es kein Gesetz“

Kochs Forderungen stoßen im Bundesministerium auf wenig Gegenliebe. Vor allem aber auf widersprüchliche Ansichten. Helmut Moser, Sektionschef Budget und Raum beim BMUKK, meint, er sehe keinen Handlungsbedarf, zumal sich jene Schulen, die so einen partizipativen Planungsprozess wollen, ohnehin selbst dazu aufraffen können. Ein verpflichtender Passus in den Schulbaurichtlinien sei jedenfalls nicht vorgesehen. „Außerdem sind mir als Sektionschef im Ministerium die Hände gebunden. Solange es dafür kein Gesetz gibt, kann ich nichts machen.“

Unterrichtsministerin Schmied wiederum erklärt auf Anfrage des STANDARD: „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns diese drei Forderungen, die mir durchaus sinnvoll erscheinen, in der BIG (Bundesimmobiliengesellschaft, Anm.) zum Grundsatz machen. Aber dazu braucht es doch kein Gesetz. Wir haben genug gute Beispiele, die zeigen, dass innovativer Schulbau auch ohne Gesetz möglich ist.“

Laut Baukulturreport gibt es in Österreich 120.000 Lehrkräfte und 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler. Jahr für Jahr werden rund 200 bis 300 Schulbauten saniert, umgebaut und erweitert. Von den jährlichen Neubauten, die von Bund, Land und Gemeinde errichtet werden, gar nicht erst zu sprechen. Das Tätigkeitsfeld ist enorm.

Dass sich die Betroffenen aus eigenen Stücken organisieren können und in der Lage sind, den Schulbau zu revolutionieren und endlich Pädagogen in die Planung miteinzubeziehen, haben sie mit dem Award „Bessere Lernwelten“ eindrücklich bewiesen. Doch es geht nicht nur um die wenigen herausragenden Beispiele. Es geht um die breite Masse. Jetzt ist die Politik am Zug. Möge sie das Geld, statt in einen weiteren Architekturpreis, in eine - längst überfällige - Schulbaureform investieren.

1. Juni 2013 Der Standard

An der Schnittstelle von Architektur und Pädagogik

Mit dem Award „Bessere Lernwelten“ wurden kürzlich einige tolle Beispiele prämiert. Doch wann kommt von der Politik das Go für die breite Masse?

Die Terrassentür ist weit geöffnet, die Kinder kauern zwischen Fensterbrett und Terrasse, bühnenreif flattert der Vorhang über die konzentrierten Köpfe hinweg. Lehrerinnentraum? Gebaute Realität! Eine glückliche, wiewohl seltene, wohlgemerkt.

Es gibt in Österreich rund 6300 Schulen. Die meisten davon sind Gangschulen mit standardisierten Klassen, die für den Frontalunterricht entwickelt wurden. Nur die wenigsten Schulgebäude entsprechen den aktuellen pädagogischen Konzepten, die von Wissenschaftern und Lehrern mit Ausdauer und Hartnäckigkeit proklamiert werden. So zum Beispiel die Volksschule Bad Blumau, die letzten Montag in der Kategorie Primarstufe mit dem Award „Bessere Lernwelten 2013“ des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) ausgezeichnet wurde.

50 eingereichte Projekte

„Unser Bildungssystem steht vor großen Veränderungen“, sagt Michael Zinner, Professor an der Kunstuniversität Linz und Forscher auf dem Gebiet Schulraumkultur. „Daher sind wir es den kommenden Generationen schuldig, den Schulraum und seinen Einfluss auf das Lehren und Lernen neu zu reflektieren.“ Zinner ist einer von insgesamt sechs Juroren, die den Wettbewerb begleitet und die drei Siegerprojekte und sieben Anerkennungen - in den Kategorien Primarstufe, Sekundarstufe und Baukulturvermittlung - aus mehr als 50 eingereichten Projekten ausgewählt haben.

Der Award, der nicht nur die Architektur beziehungsweise nicht nur das pädagogische Angebot an Schulen untersucht, sondern sich erstmals der Kombination aus Raumangebot und Unterrichtsmöglichkeiten verschreibt, soll diesen Veränderungsprozess an der Schnittstelle von Architektur und Pädagogik manifest machen. Es ist der erste Preis dieser Art im gesamten deutschsprachigen Raum. Das wurden die Veranstalter, allen voran Bundesministerin Claudia Schmied (SP), nicht müde zu betonen.

„Bewegte“ statt Gangschule

Doch zurück nach Bad Blumau. Die kleine steirische Gemeinde, die vor allem für ihre Hundertwasser-Therme bekannt ist, legte in den letzten Jahren deutlich an Bevölkerung zu. Die alte Volksschule im Ortskern wurde dem großen Schülerandrang nicht mehr gerecht, und so beschloss man, neben dem Sportplatz am Fluss einen Neubau zu errichten. Die Wettbewerbsausschreibung war streng. Keine Gangschule, sondern eine „bewegte Schule“ mit einem „kommunalen Zentrum“ in der Mitte sollte es werden. Der Zuschlag ging an das Grazer Architekturbüro Feyferlik Fritzer. 2010 wurde die Schule nach vierjähriger Planungs- und Bauzeit eröffnet.

Was sieht man heute? Bewegte Schülerinnen und Schüler. Es wird gesessen, gelümmelt und gelaufen, durch die Mitte der Aula zieht sich eine 20 Meter lange Sitzstufe aus knallrotem Kunstleder, und vielleicht wird die Vielfalt der hier anzutreffenden Lernpositionen und Körperposen künftigen Architektinnen und Lehrern als Inspirationsquelle für baulichen Weitblick dienen.

Die Kids hocken in den Fensternischen, knien auf der Terrasse und liegen ausgestreckt am Parapet, während der Stift schnell noch über die Rechenaufgaben fegt. Das Platzangebot ist unermesslich und beweist, dass Lernen heute nicht mehr so aussehen muss, wie es sich Maria Theresia bei der Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1774 vorgestellt hatte. Diese Zeiten sind vorbei.

Bauen wie im Bilderbuch

Zwei weitere Lernwelten-Preise gingen daher an das Innsbrucker Bundesrealgymnasium in der Au, das auf dem Dach eines Shoppingcenters errichtet wurde und dessen Raumangebot in intensiver Zusammenarbeit mit Kinder- und Elternvertretern entwickelt wurde (Kategorie Sekundarstufe, DER STANDARD berichtete), sowie an das Kinderbuch „Archi & Turi“, das Eltern, Lehrer und Kinder mit niederschwelligen Zeichnungen zur praktischen Arbeit mit Raum und Architektur anspornen soll (Kategorie Baukulturvermittlung, herausgegeben von Monika Abendstein und Judith Prossliner). Die beiden gekritzelten Protagonisten Archi und Turi zeigen vor, wie's geht.

„Es gibt eine ganze Reihe von Pilotprojekten, was neuen, innovativen Umgang mit Raum und Pädagogik betrifft“, sagt Michael Zinner. „Die Frage ist: Was können wir von diesen Pilotprojekten mitnehmen, um die längst schon veralteten Schulbaurichtlinien zu überdenken?“ Ende letzten Jahres bereits veranstaltete er in Zusammenarbeit mit der Kunstuniversität Linz ein „Symposium zu Lernwelten und Baukultur“, bei dem nationale und internationale Beispiele präsentiert wurden.

Sensibilität für gebaute Umwelt

Es zeigte sich: In Helsinki etwa gibt es seit 1993 die Arkki, eine eigene Architekturschule, in der Kindern und Jugendlichen die Grundbausteine des Planens und Bauens vermittelt werden. „Die meisten Kinder in Finnland verbringen 70 bis 80 Prozent ihres Tages in der Schule“, sagt Pihla Meskanen, Gründerin und Leiterin der Arkki. „Das ist viel Zeit. Daher ist es wichtig, ihnen schon möglichst früh eine Sensibilität für ihre gebaute Umwelt mitzugeben.“ Die Schule wird zu einem Drittel von der Regierung, zu einem Drittel von der Stadt und zu einem Drittel von Spenden und Beiträgen finanziert. Das Projekt ist weltweit einzigartig.

Die „vor ort ideenwerkstatt“, eine Initiative aus Österreich, wiederum begibt sich in Schulen, um dort gemeinsam mit Schülerinnen und Lehrern neue Ideen und Konzepte für den bevorstehenden Schulumbau oder sogar Schulneubau zu erarbeiten. Auf diese Weise kommen nicht nur die Auftraggeber und Architekten zu Wort, sondern auch die Nutzer. Der Bildungscampus Moosburg in Kärnten ist das erste Projekt, das Resultat eines solchen Partizipationsprozesses ist. Das Projekt wurde mit dem Anerkennungspreis „Bessere Lernwelten“ ausgezeichnet.

Mehr Lern-Nettonutzfläche

Der vielleicht radikalste, aber effektivste Vorschlag kommt aus Vorarlberg. Er wurde diese Woche ebenfalls mit einem Anerkennungspreis (Kategorie Sekundarstufe) gewürdigt. Thomas Koch, Direktor der Volks- und Mittelschule Alberschwende, orientierte sich an skandinavischen Best-Practice-Beispielen, warf alle Regelwerke über Bord und ließ den Architekten einen Großteil der bestehenden Wände rausreißen. Das Resultat ist eine offene Lernlandschaft ohne Lehrmittelräume und Gänge, dafür aber mit Platz für unterschiedliche Formen des Unterrichts.

„Durch den Umbau ist es uns gelungen, die Lern-Nettonutzfläche von 55 Prozent auf 90 Prozent zu steigern“, sagt Koch. „Das wäre eine Möglichkeit, den Schulbau in Österreich unter wirtschaftlichen Bedingungen zu revolutionieren. Doch dazu bräuchte es den Mut der Politik.“ Koch fordert von den Gesetzgebern einen Drei-Punkte-Plan. Erstens: kein Schulbau mehr ohne räumlich-pädagogisches Konzept. Zweitens: keine Planung mehr ohne pädagogische Begleitung. Und drittens: keine Wettbewerbsjury mehr ohne Pädagogen.

„Dazu braucht es kein Gesetz“

Kochs Forderungen stoßen im Bundesministerium auf wenig Gegenliebe. Vor allem aber auf widersprüchliche Ansichten. Helmut Moser, Sektionschef Budget und Raum beim BMUKK, meint, er sehe keinen Handlungsbedarf, zumal sich jene Schulen, die so einen partizipativen Planungsprozess wollen, ohnehin selbst dazu aufraffen können. Ein verpflichtender Passus in den Schulbaurichtlinien sei jedenfalls nicht vorgesehen. „Außerdem sind mir als Sektionschef im Ministerium die Hände gebunden. Solange es dafür kein Gesetz gibt, kann ich nichts machen.“

Unterrichtsministerin Schmied wiederum erklärt auf Anfrage des STANDARD: „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns diese drei Forderungen, die mir durchaus sinnvoll erscheinen, in der BIG (Bundesimmobiliengesellschaft, Anm.) zum Grundsatz machen. Aber dazu braucht es doch kein Gesetz. Wir haben genug gute Beispiele, die zeigen, dass innovativer Schulbau auch ohne Gesetz möglich ist.“

Politik am Zug

Laut Baukulturreport gibt es in Österreich 120.000 Lehrkräfte und 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler. Jahr für Jahr werden rund 200 bis 300 Schulbauten saniert, umgebaut und erweitert. Von den jährlichen Neubauten, die von Bund, Land und Gemeinde errichtet werden, gar nicht erst zu sprechen. Das Tätigkeitsfeld ist enorm.

Dass sich die Betroffenen aus eigenen Stücken organisieren können und in der Lage sind, den Schulbau zu revolutionieren und endlich Pädagogen in die Planung miteinzubeziehen, haben sie mit dem Award „Bessere Lernwelten“ eindrücklich bewiesen. Doch es geht nicht nur um die wenigen herausragenden Beispiele. Es geht um die breite Masse. Jetzt ist die Politik am Zug. Möge sie das Geld, statt in einen weiteren Architekturpreis, in eine - längst überfällige - Schulbaureform investieren.

25. Mai 2013 Der Standard

Der Herr der Dörfer

Vor zehn Jahren zog Architekt Johannes Liess von Wien nach Norddeutschland, ins fast ausgestorbene Lüchow. Seine Mission: Dorfrettung.

STANDARD: Vor zehn Jahren kehrten Sie der Stadt den Rücken und zogen in ein Dorf mit fünf Einwohnern. Warum?

Liess: Wir hatten in Lüchow schon seit einigen Jahren ein Ferienhaus, in dem wir unsere Sommer verbracht haben. Eines Tages haben wir beschlossen, hierher zu ziehen und im Urlaub zu bleiben. Permanent Vacation sozusagen.

STANDARD: Würden Sie sich als Aussteiger bezeichnen?

Liess: Ganz im Gegenteil. Wir haben ja nicht aufgehört zu arbeiten, um ab dem Tag X nur noch im Gemüsebeet zu stöbern und Karotten zu ziehen. Wir hatten die Vision, Lüchow zu beleben und wieder neu zu besiedeln.

STANDARD: Mit welchen Mitteln?

Liess: Das Wichtigste für jede Siedlungsstruktur ist eine Schule. Als wir 2003 nach Lüchow gezogen sind, waren gerade mal drei Häuser bewohnt, und zwar von fünf Rentnern. Das Dorf war kurz vorm Aussterben. Mit der Schule ist es gelungen, Jungfamilien nach Lüchow zu locken. Heute hat Lüchow 42 Einwohner. Die Hälfte davon sind Kinder.

STANDARD: 2006 wurde die Schule gegründet, 2011 wurde Ihnen die Betriebserlaubnis entzogen. Warum?

Liess: Das ist ein Politikum. Der Staat will das Schulsystem zentralisieren. Da passen Privatschulen auf dem Land nicht ins Konzept, weil man sie dann nicht mehr kontrollieren kann. In den letzten Jahren wurden in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt acht Privatschulen geschlossen. Es sind vor allem die kleinen Schulen, die einen Schließungsbescheid erhalten. Die Lage ist dramatisch.

STANDARD: Wie geht's weiter?

Liess: Wir haben uns einen Anwalt genommen und geklagt. Wenn alles gutgeht, werden wir nächstes Jahr wieder unterrichten können.

STANDARD: Ihr Buch „Artgerecht leben. Von einem, der auszog, ein Dorf zu retten“ liest sich wie eine Ode an Mutter Natur, fast ein bisschen naiv, wenn Sie von herumirrenden Mammuts und heulenden Wölfen erzählen. Ist wirklich alles so toll auf dem Land?

Liess: Mit kleinen Kindern ist es sogar sehr toll. Doch das Beste ist: Wir führen ein eigenverantwortliches Leben. Wir gestalten unsere Umwelt nach unserem eigenen Geschmack und nach unseren eigenen Vorstellungen. Wo kann man das schon?

STANDARD: Und die Infrastruktur?

Liess: Infrastruktur bedeutet für mich, dass das Dorf funktioniert und dass man sich selbst versorgen kann. Ein gutes Leben auf dem Land muss möglich sein, ohne regelmäßig in die Stadt zum Arbeiten oder zum Einkaufen fahren zu müssen. Bei uns in Lüchow gibt es einen kleinen Dorfladen, in dem man das Wichtigste für den Alltag einkaufen kann, wir haben eine Gärtnerin, die uns mit Obst und Gemüse versorgt, es gibt ein Gemeinschaftshaus, und kommenden Sommer werden wir ein Hotel beziehungsweise Gästewohnhaus realisieren. Und was mich besonders freut: Es gibt im Dorf keinen einzigen Arbeitslosen. Jeder hat einen Job.

STANDARD: Sie sind Architekt. Wovon leben Sie?

Liess: Vor Ort gibt es nur wenig zu tun. Davon könnte ich nicht leben. Ich habe Projekte in Berlin und Hamburg sowie in größeren Städten in Mecklenburg-Vorpommern.

STANDARD: Wie weit entfernt liegt die nächste größere Stadt?

Liess: Das ist Rostock. Circa 60 Kilometer.

STANDARD: Sie fahren also viel mit dem Auto.

Liess: Das ist unvermeidlich. Leider gibt es keinen öffentlichen Verkehr. Wir sind auf Individualverkehr angewiesen. Aber wir haben Car-Sharing im Dorf. Immerhin.

STANDARD: Die Erhaltungskosten abgelegener, dünnbesiedelter Strukturen sind sehr hoch. Kann oder soll sich das die öffentliche Hand überhaupt noch leisten?

Liess: Alles nur eine Frage der Organisation. Wenn man schon über Amazon und Zalando auf einen Klick Einkäufe erledigen kann, warum dann nicht auch Verwaltung und Behördenwege? Und was die Hardware betrifft: Wir haben Schotterstraßen, das reicht, das Trinkwasser kommt aus einem kleinen Brunnen im Nachbardorf, Gas gibt es nicht, für die Stromverlegung sind wir selbst aufgekommen, das Abwasser wird bei uns im Dorf in einer selbstgebauten Pflanzenkläranlage gereinigt, und was die Müllabfuhr betrifft, so reicht es, wenn man doppelt so große Container aufstellt und die Müllabfuhr halb so oft fährt. Dann kostet das keinen Cent mehr. Man muss nur wollen.

STANDARD: Gegenfrage: Was ist denn so schlimm daran, wenn Dörfer wieder von der Landkarte verschwinden? Wachstum und Schrumpfung sind natürliche Dynamiken, seit es menschliche Besiedelungskultur gibt.

Liess: Gar nichts ist schlimm daran! Ich habe nichts gegen natürliche Schrumpfung. Ich habe nur etwas dagegen, dass in weiten Teilen Ostdeutschlands ganze Landstriche infrastrukturell ausgetrocknet werden, und zwar künstlich und mit politischem Nachdruck. Von mir aus können auch zehn Dörfer verschwinden, wenn auch nur eines übrig bleibt, das funktioniert.

STANDARD: Weil?

Liess: Es ist wichtig, dass eine minimale Bevölkerungsdichte im ländlichen Raum erhalten bleibt. Nur so kann eine Gesellschaft aufrechterhalten werden. Andernfalls bleibt die Frage zu klären: Was machen wir mit unserem Land? Überlassen wir es sich selbst? Oder verhökern wir es an ein paar Agrarkonzerne? Ist das die Zukunft des Landlebens? Das wäre eine Entwicklung mit fatalen agrarpolitischen und wirtschaftlichen Folgen.

STANDARD: 2050 werden 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Wie geht es Ihnen mit dieser Prognose?

Liess: Ich finde das okay.

STANDARD: Ihr Traum für die Zukunft?

Liess: Mein größter Wunsch wäre, dass die Politik die Menschen darin unterstützt, ihre Initiativen und Visionen eigenhändig umzusetzen. Ich träume von umgekehrter Globalisierung. Ich träume von einem Dorf, das sich selbst genug ist.

25. Mai 2013 Der Standard

Baujuwele im Nirgendwo

Diese Woche fand im Kloster Volkenroda in Thüringen das Symposium Baukultur in ländlichen Räumen statt. Das Setting hätte nicht besser sein können. Rund hundert Architekten, Bürgermeister und Entscheidungsträger aus Österreich und Deutschland tuckerten durch Wiesen und Felder und fanden sich schließlich mitten im dünnbesiedelten Nirgendwo ein, um über die Zukunft ländlichen Bauens zu diskutieren. Konsens aller Teilnehmer: Kaff-Architektur hat durchaus Potenzial - und regionale Raumplanung sowieso.

„In Großstädten und Ballungsräumen gehört hochwertige Architektur längst zum Alltag“, sagt Roland Gruber, Initiator und Vorstandsvorsitzender des 1999 gegründeten Vereins LandLuft. „Doch niemand kümmert sich um die Baukultur auf dem Land. Dabei gibt es bei genauerem Hinsehen viele Gemeinden, die mit unglaublichem Elan Unmögliches vollbringen.“

Im Rahmen eines vom deutschen Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung geförderten Forschungsprojekts nahm LandLuft neun außergewöhnliche Gemeinden unter die Lupe. Das kleine Lüchow ist eine davon. Neben Baiersbronn, Burbach, Leiferde und Baruth/ Mark sind es vor allem die folgenden vier Ortschaften, die als Beweismittel mentaler Möglichkeiten verstanden werden mögen:

Bürgerbeteiligung und regelmäßig stattfindende Architekturmessen sind in Biberach an der Riß mittlerweile fester Bestandteil der Gemeindepolitik. Der Gestaltungsbeirat, der über alle Neubauprojekte im Stadtkern mitbestimmt, tagt öffentlich. Derzeit findet ein Wettbewerb für ein Jugendhaus statt, an dem sich die Jugendlichen mit ihrer Stimme beteiligen können. Weyarn in Bayern hat für Bürgerbeteiligungen ein fixes Jahresbudget von 100.000 Euro. Die größte Errungenschaft ist das seit 1992 praktizierte Erbbaurecht, bei dem das Grundstück nicht gekauft, sondern für 149 Jahre gepachtet wird. Das entlastet vor allem junge Familien, die auf diese Weise mehr Geld für Alltagsleben und hochwertiges Bauen haben. Die schrumpfende Stadt Luckenwalde setzt auf die Wiederbelebung historischer Architekturjuwele und ist Weltmeisterin im Lukrieren von Förderungen, um den Stadtgrundriss an die neuen demografischen Gegebenheiten anzupassen. Und Volkenroda war zu DDR-Zeiten eine lebensgefährliche Bauruine. Nach jahrelangem Engagement von Bürgern und Architekten zählt die revitalisierte Klosteranlage, in der auch das zweitägige Baukultur-Symposium stattfand, heute zu den beliebtesten Seminarstätten Deutschlands.

18. Mai 2013 Der Standard

Pariser Stadtmusikanten

Delogierung mal anders: Architekt Édouard François stapelte für den Bauträger Paris Habitat verschiedene Wohnhäuser zu einer urbanen Collage

Die Straßen sind geprägt von Kinderwagen, Einkaufswagen und tiefergelegten Renaults, deren Kofferräume mit Subwoofern ausgefüllt sind. Das Savoir-vivre ist nicht zu überhören. Trist wachsen dahinter abgewohnte, unansehnlich gewordene Plattenbauten in den Himmel. Gelegentlich noch ragt aus dem planlosen Nichts das eine oder andere Einfamilienhaus, die eine oder andere historische Stadtvilla, die von den rigorosen Stadtbaumaßnahmen der Sechziger- und Siebzigerjahre verschont geblieben ist.

Champigny-sur-Marne, rund zehn Kilometer südöstlich von Paris gelegen, ist das etwas andere Frankreich, fernab von Tour Eiffel und Champs-Élysées, eine Mischung aus Stadtrandgrün und Banlieue. 23 Prozent der Bevölkerung sind Migranten, die meisten davon stammen aus Nordwest- und Zentralafrika, die Arbeitslosigkeit ist exorbitant. Ein Drittel der Menschen unter 25 ist ohne Job.

Oder, wie es der Pariser Architekt Édouard François ausdrückt: „Das ist eine furchtbare und unattraktive Stadt mit vielen Problemen. Niemand will hier wohnen, niemand will darüber sprechen. Doch die Wahrheit ist: Champigny ist ein weltweites Phänomen, denn die sozial benachteiligten Wohnquartiere an den Peripherien der Großstädte sehen überall gleich aus. Die Infrastruktur ist eine Katastrophe, die Mobilität ist nicht gelöst, und das Stadtbild ist schlichtweg eine Beleidigung für die Augen.“

Das Wohnhaus „Urban Collage“, das vor rund einem Jahr fertiggestellt wurde, ist als aufmunternder Beitrag gedacht. François verschließt sich nicht vor der Realität, sondern schnappt sich die für diesen Ort typischen Wohntypologien und stapelt sie zu einer architektonischen Variante der Bremer Stadtmusikanten. Unten Stadtvilla, in der Mitte Plattenbau und oben drauf, quasi als surreales Sahnehäubchen im siebenten Stock, ein paar Einfamilienhäuser von der Stange. 114 Wohnungen gibt es insgesamt.

„Manche Leute werfen mir vor, dass ich mich mit diesem Projekt über die Wohnsituation armer Leute lustig mache“, meint François. „Aber das stimmt nicht - ganz im Gegenteil. Ich will die Architektur, die in Champigny-sur-Marne vorzufinden ist, als Baustein verwenden, um etwas anderes daraus zu machen, keines dieser 08/15-Wohnhäuser, sondern ein witziges, fröhliches Ding, das ein Spiegelbild der kulturellen Vielfalt dieser Stadt ist.“

Dass sich hinter dem Witz, den der eine lustig finden mag und der andere nicht, ein aufwändig geplantes Delogierungsprojekt verbirgt, ist den Beteiligten erst auf gezieltes Nachfragen zu entlocken. Paris Habitat, größter gemeinnütziger Wohnungserrichter und Immobilienverwalter der Hauptstadt, besitzt eine Handvoll Plattenbauten in Champigny. Die meisten davon sind marod, entsprechen längst nicht mehr den bautechnischen und energetischen Anforderungen und sind am Markt kaum noch zu vermieten. Nicht zuletzt sind die Wohnungen, nachdem sich die Suchkriterien in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben, für die meisten Wohnungssuchenden zu groß.

„Urban Collage ist das erste Teilprojekt einer langen Serie, in der die alten, leer stehenden Plattenbauten nach und nach durch attraktivere Neubauten ersetzt werden sollen“, erklärt Karin Sallière-Trayssac, Projektleiterin im Büro Édouard François. „Nachdem wir das Haus fertiggestellt haben, wurden die bestehenden Mieter in ihre jeweilige Wunschwohnung umlogiert. Danach wurde der alte Plattenbau abgerissen, um Platz für einen weiteren Neubau zu machen.“ So, meint Sallière-Trayssac, solle das sozial benachteiligte Wohnquartier nach und nach umgekrempelt werden.

Hier einziehen? Schock!

Eine der betroffenen Mietparteien ist Familie Laidi. Seit und 35 Jahren leben Vater Laid und Mutter Aichi, beide aus Algerien, in Champigny. Elf der insgesamt zwölf Kinder sind bereits ausgezogen, die 23-jährige Nachzüglerin Asma lebt noch bei ihren Eltern. „Die Umlogierung war ein wunderbarer Schritt für uns“, erinnert sich Asma. „Die alte Wohnung war schlecht gedämmt, undicht, feucht, kalt im Winter, und man hat ständig alles durchgehört. Und manchmal hatten wir tagelang kein Wasser, weil die Steigleitung wieder einmal kaputt war. Ich bin froh, dass wir umgezogen sind.“

Und, wie gefällt Asma das neue Haus? Sie rollt mit den Augen. „Als uns Architekt Édouard François das erste Mal die Pläne und das Modell unseres neuen Wohngebäudes präsentiert hat, in das wir alle umziehen sollten, waren wir geschockt. Das war eine Katastrophe.“ Der 75-jährige Vater mischt sich ins Gespräch ein und schimpft. Irgendwann fällt der Begriff Disneyland Paris. Der erste Eindruck sitzt den Laidis noch tief in den Knochen. „Doch mittlerweile haben wir unsere neue Wohnung richtig liebgewonnen.“

Familie Laidi lebt in einem der kleinen Einfamilienhäuser, die etwas deplatziert auf dem Dach zum Landen gekommen sind, Fensterläden und schmiedeeiserne Scharniere inklusive. Die Wohnfläche beträgt 90 Quadratmeter, hinzu kommt eine riesige Dachterrasse vor dem Wohnzimmer. Die Miete ist zwar teurer, doch nachdem die Heizkosten nur noch einen Bruchteil von früher betragen, ist die Bruttomiete mit rund 600 Euro um keinen Cent teurer als im Vorgängerbau.

„Eine neue Wohnsituation verlangt immer auch nach einer gewissen Lebensumstellung“, sagt Mutter Aichi. „Das ist schon okay. Was ich allerdings kritisiere, ist der offene Wohnungsgrundriss, wo Wohnzimmer, Küche und Vorzimmer ohne Wände und Türen übergangslos ineinanderfließen. Auch wenn das nicht so aussieht, aber wir sind eine progressive und moderne Familie. Doch nicht alle sind so wie wir. Es gibt einige arabische Familien im Haus, die mit der neuen Situation nicht umgehen können.“

Lebensgefühl wie in einem Dorf

Der Grund: Durch den Wegfall von Wänden sei die Abgrenzung von Männerräumen und Frauenräumen verlorengegangen. Manche Parteien hätten nachträglich Wände eingezogen. „Ich verstehe von moderner Architektur nicht viel“, meint Aichi. „Aber wenn Sie mich fragen, ist das eine Zwangsbeglückung, weil die Wohn- und Lebenstraditionen der Zielgruppe nicht respektiert wurden.“

Ganz anders draußen auf den Laubengängen. Kinder rennen hin und her, Wäsche ist von einer Hauswand zur anderen gespannt, wacker kämpfen sich Nanaminze und Petersilie aus der Erde. „Früher waren die Wohnungen alle an einem langen, dunklen Gang aufgefädelt, und jeder lebte für sich allein“, sagt Aichi Laidi. „Heute ist alles offen, und endlich sieht man die Nachbarn, die rundherum wohnen. Man fühlt sich hier wie in einem Dorf. Ich mag das.“

Nicht alle sind so glücklich wie die Laidis. „Sozialer Wohnbau in Paris ist ein trauriges Kapitel“, sagt Édouard François. „Immer noch wird in Frankreich Segregation nach sozialen Schichten und Klassen betrieben, und zwar mehr als in anderen Ländern. Es entsteht ein Ghetto nach dem anderen. Was fehlt, ist kulturelle Durchmischung und menschliches Durcheinander.“

Wäre die Stadt eine nicht nur oberflächlich, sondern auch substanziell durchwebte soziale Collage, so François trotzig, dann würde dieses Haus niemandem mehr auffallen.

15. Mai 2013 Der Standard

Ein Stararchitekt und seine griechische Liebe

Erinnerungen an eine Architekturinstanz: Am 13. Juli wäre Theophil Hansen, der Erbauer des österreichischen Parlaments, 200 Jahre alt geworden - Grund genug, dieses Jubiläum mit ein paar Ausstellungen zu begehen

Kein anderer Wiener Architekt war in den letzten Monaten so präsent in den Medien wie Theophil Hansen, dessen Hauptwerk, das österreichische Parlament, nach 130 Jahren demnächst umgebaut und saniert werden soll. Aus Anlass seines Geburtstags, der sich heuer am 13. Juli zum 200. Mal jährt, wurde in Wien nun eine ganze Serie an Architektur-, Design- und Kunsthandwerk-Ausstellungen aus der Taufe gehoben. Eine davon, Theophil Hansen. Ein Stararchitekt und seine Wohnbauten an der Wiener Ringstraße, ist nun im Kassensaal der Otto-Wagner-Postsparkasse zu sehen.

„Theophil Hansen war für damalige Verhältnisse ein Stararchitekt, er war die Zaha Hadid des 19. Jahrhunderts“, sagen die beiden Ausstellungskuratoren Wolfgang Förster und Monika Wenzl-Bachmayer. „ Schon in jungen Jahren errichtete er ein Haus nach dem anderen und prägte die Wiener Ringstraße und die Wiener Blockrandbebauung wie kein anderer nach ihm.“

Auch der Musikverein

Nicht nur das griechisch anmutende Haus mit der Pallas Athene ist auf sein Konto zu verbuchen, sondern auch die Börse, das Musikvereinsgebäude, die Akademie der bildenden Künste, das Palais Epstein, das Palais Ephrussi, das Heeresgeschichtliche Museum im Arsenal, die Griechisch-Orthodoxe Kirche am Fleischmarkt sowie das kürzlich - als Luxushotel Kempinski - wiedereröffnete Palais Hansen am Schottenring.

Der von Hansen geprägte, klassizistische Architekturstil - auch bekannt als „Wiener Neo-Renaissance“ - hat einen guten Grund: Hansen, 1813 in Kopenhagen geboren, erhielt nach seinem Architekturstudium ein Reisestipendium, das ihn nach Südeuropa führte. Im Alter von 25 landete er in Athen, wo er die nächsten acht Jahre verbrachte und einige bedeutende Bauten errichtete.

Er plante die Athener Sternwarte, die Akademie der Wissenschaften, die Bibliothek, das Zappeion sowie einige Wohnhäuser und Hotels im griechisch-byzantinischen Stil. Vor allem aber nutzte er seinen Griechenland-Aufenthalt zum Studium der Antike.

Er machte Farbanalysen und aquarellierte sich durch die gesamte Akropolis. Bis 1853 war er sogar Zeichenprofessor an der Polytechnischen Schule.

1846 wird er von Stadtbaumeister Ludwig von Förster und Baron Simon Sina, einem der reichsten Unternehmer der österreichisch-ungarischen Monarchie, nach Wien eingeladen, um sich am Aufbau der Wiener Ringstraße zu beteiligen. Es jagt ihn ein Auftrag nach dem anderen. Doch Hansen plant nicht nur repräsentative öffentliche Bauwerke. Es sind vor allem die Privatbauten und Zinshäuser, die er in Wien in den ersten Jahren entwirft. Der griechische Einfluss ist unverkennbar.

„Hansen ist wesentlich moderner, als man auf den ersten Blick vermuten würde“, erklärt Kurator Wolfgang Förster. „Seine Wohnbauten waren schon damals in mehrere Bauteile und Stiegen unterteilt, sodass die Eigentümer bei der späteren Verwertung der Immobilie flexibler auf die Wünsche der Kaufinteressenten sowie auf die Marktsituation reagieren konnten.“ So wie zum Beispiel der 1861 bis 1863 gegenüber der Wiener Staatsoper im Auftrag des Ziegelindustriellen Heinrich von Drasche errichtete Heinrichhof (1945 teilweise zerstört, 1949 abgerissen), der damals als „ modernstes und schönstes Zinshaus der Welt“ galt.

Professor an der Akademie

Dem antiken Stil bleibt Theophil von Hansen, der später auch Professor an der Akademie wird und 1884 in den österreichischen Freiherrenstand erhoben wird, bis zu seinem Tod 1891 treu. Und er entwickelt sich zu einem Gesamtkünstler. Es reicht ihm nicht, Häuser zu planen, er dringt immer weiter ins Design vor.

Wie ein Besessener entwirft er für seine Auftraggeber Fresken, Möbel, Lampen, Kandelaber, Gläser, Tischgeschirr und sogar Besteck. Bis hin zum hellenisch anmutenden Eierbecher. Einige dieser Gegenstände, die meisten davon stammen von Schloss Hernstein, sind in der Postsparkasse ausgestellt

Zu sehen bis 17. August. Georg-Coch-Platz 2, 1010 Wien.

Die Ausstellung „Theophil Hansen. Klassische Eleganz im Alltag“ im Ringturm, ist noch bis 14. Juni zu sehen.

Und am 28. Mai wird im Mak die Ausstellung „Theophil Hansen. Kunsthandwerk“ eröffnet.

11. April 2013 Der Standard

Vom verstoßenen Architekten zum Opernvater

Der Name des Londoner Architekten nach vier Jahren geschäftlicher Funkstille als Feigenblatt vor die nunmehrige Steinfassade des Linzer Mammutprojekts gehängt

In Österreich war der hagere Brite mit graumelierter Igelfrisur bisher völlig unbekannt. Das hat sich nun geändert. Heute, am Tag der offiziellen Eröffnung der neuen Linzer Oper, ist der Londoner Architekt ein „big name“. Die oberösterreichische Landespolitik schmückt sich mit seiner Internationalität und reicht ihn als den großen „Vater des Musiktheaters“ herum. Dabei ist die Vergangenheit eine ganz andere.

2006 gewann Pawson, der bisher eine Pfarre in Wimbledon, ein zeitgenössisches Museum im irischen Carlow sowie ei ne Handvoll Wohn- und Bürohäuser gebaut hat, den internationalen Wettbewerb für den Bau des neuen Musiktheaters in der Blumau. Von einem „Wohnzimmer für Linz“ war die Rede. Von der „Kernidee, Volksgarten und Haus miteinander zu verbinden“. Doch den Linzer Stadtvätern, die seit Jahren alles Erdenkliche daran setzen, sich vom verrosteten Voest-Image ihrer Stadt zu lösen, gefiel Pawsons Idee einer voroxidierten Stahlfassade so wenig, dass das Londoner Architekturbüro plötzlich zu weit weg und die Planungsressourcen (17 Mitarbeiter, immerhin) zu gering schienen. 2008 kam die Trennung.

Heute sind sie wieder Freunde, der Josef Pühringer und der Pawson. Obwohl die beiden österreichischen Architekturbüros Architektur-Consult und Archinauten das Projekt im noch groben Einreichstadium übernahmen und mit technischer Perfektion bis zur letzten Vorhangfalte umsetzten, wird der Name Pawson nach vier Jahren geschäftlicher Funkstille als Feigenblatt vor die nunmehrige Steinfassade des Linzer Mammutprojekts gehängt. Über die tatsächlich ausführenden Architekten spricht niemand. Die Vorgehensweise ist Beispiel etablierter Unsitte in diesem Land.

„Das ist ein schwieriges Thema“, sagt Thomas Königstorfer, kaufmännischer Vorstandsdirektor des Linzer Musiktheaters. „Terry Pawson ist definitiv der geistige Urheber dieses Projekts. Die anderen beiden Büros haben seine Pläne nach seinen Vorstellungen bestmöglich umgesetzt.“ Und was sagt Pawson selbst, der in den Achtzigerjahren zwei Jahre in Italien lebte und sich damals um den Wiederaufbau nach dem großen Irpinia-Erdbeben (Kampanien) 1980 kümmerte, zu dieser Causa? „Es ist ziemlich so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe“, so der Architekt. „Das Team hat gute Arbeit geleistet. Das Haus ist riesig und sehr komplex. Das zu managen ist schon eine Leistung.“ Immerhin einer, der den Anstand besitzt, große Namen nicht gleich mit großen Leistungen gleichzusetzen.

8. April 2013 deutsche bauzeitung

Tod und Strichcode

Unternehmenszentrale Bestattung in Wien (A)

Seit der Liberalisierung des Bestattungsmarkts müssen auch städtische Unternehmen um ihre Kunden werben. Die neue Unternehmenszentrale der Bestattung & Friedhöfe Wien macht das auf ungewöhnliche Weise. Das Wiener Büro Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) hat es geschafft, die Themen Tod und Trauer aus ihrem dunklen, klischeebehafteten Mief zu befreien. Ein Lichtblick. Zumindest für den Kunden.

Wien hatte immer schon einen Hang zum Makabren, zum Morbiden, zum Gänsehautschauer im Ausnahmezustand. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass der Wiener Zentralfriedhof mit seinen 2,5 km² zu den größten, aber auch schönsten Nekropolen Europas zählt. Viele Gräber werden als ultimatives Statussymbol erachtet, in dem so mancher Toter besser »haust« als seine lebenden Zeitgenossen. Die Tore und Portalgebäude sind dramatische Gesten, die einen Sterblichen schon mal das Fürchten vor dem Sensenmann lehren können. Und sogar der österreichische Architekturvater Clemens Holzmeister, der das sakrale Österreich zwischen 1920 und 1980 wie kein anderer prägte, hinterließ mit der 1922 errichteten Feuerhalle seine pompfünebrischen Spuren. (Pompfüneberer = österreichisch für Bestatter, Anm. d. Red.)

Doch plötzlich taucht zwischen all dem Pomp ein modernes, zeitgenössisches Stück Architektur auf. Das Gebäude – 50 x 57 m in seinen Dimensionen – ist neutral und entzieht sich einer funktionalen Zuordenbarkeit durch den Betrachter. Am ehesten würde man hinter dem hellen, umlaufenden Fassaden-Strichcode eine Schule oder ein Museum vermuten. Tatsächlich jedoch handelt es sich um die neue Unternehmenszentrale der Bestattung & Friedhöfe Wien (B&F). Die Planung für diesen außergewöhnlichen, so gar nicht nach Trauer gelaunten Bau stammt vom Wiener Büro Delugan Meissl, das zuletzt das EYE Filmmuseum in Amsterdam und das Tiroler Festspielhaus in Erl plante.

»Früher waren unsere Büros auf zwei in die Jahre gekommene Altbauten in der Stadt verteilt«, erinnert sich Florian Keusch, Pressesprecher der B&F. »Die Lage war zwar gut, aber organisatorisch und atmosphärisch waren die Büros für die Mitarbeiter und v. a. für die Kunden nicht mehr zumutbar.« Seit rund einem Jahr ist die neue B&F-Zentrale am Zentralfriedhof nun in Betrieb. Geschäftiges Treiben hat sich eingestellt. Fast erinnert die große Kundenhalle im EG mit ihren schlichten, eleganten Möbeln an ein nobles, gehobenes Reisebüro, das auf luxuriöse Fernreisen ins Paradies spezialisiert ist. So falsch ist diese Assoziation nicht. »Wir haben uns einen hellen, freundlichen Empfangsraum gewünscht«, meint Keusch. »Ein Trauerfall ist unangenehm und schmerzlich genug. Da muss man die Besucherinnen und Besucher nicht auch noch mit schwerer, düsterer Architektur konfrontieren, wie man sie aus diversen Klischee-Bestattungsinstituten kennt.«

Der Fußboden der Zentrale ist aus hellen, gebleichten und gekalkten Eichendielen, die Möbel aus weiß lackiertem MDF, die Wände weiß verputzt beziehungsweise mit Holz beplankt, und an der Decke gibt es 12 Oberlicht-Schlitze, die den großen Empfangsbereich in diffuses Westlicht tauchen. »Mit dieser luftigen, modernen Gestaltung können wir der Trauer vielleicht etwas entgegensetzen.«

Sich wandelndes Fassadenbild

Doch zurück zum Anfang, hinaus auf die viel befahrene Straße. »Ein zentraler Entwurfsgedanke dieses Projekts war, an diesen sensiblen Ort kein konventionelles Bürogebäude zu stellen, sondern den neuen Baukörper in eine übergeordnete, ruhige Form zu fassen«, erklärt Architekt Martin Josst, Partner bei DMAA. Aus diesem Grund sind die oberen zwei Geschosse von der umlaufenden, segmentierten Fassade umgeben, die der äußeren Erscheinung des Gebäudes Rhythmus und Abstraktion verleiht.

Nicht zuletzt ist die Fassade eine Maßnahme, um den Verkehr der angrenzenden Simmeringer Hauptstraße optisch und akustisch auszublenden. Während es sich beim Haus selbst um einen konventionellen Stahlbetonbau in Ortbeton mit Stützen und aussteifenden Wandscheiben handelt, verbirgt sich hinter der umlaufenden Strichcode-Fassade eine Stahlkonstruktion, die als Fachwerk mit biegesteifen Ecken fungiert und mit hellgrauem Alucobond bekleidet ist.

An einer einzigen Stelle, an der die Fassade weit aus der thermischen Hülle hinauskragt, muss der Stahlbau mit einem horizontalen Balken gestützt werden. Die statische Krücke tut dem visuellen Gesamteindruck aber keinerlei Abbruch. »Alucobond hat den Vorteil, dass man das Material knicken und daher auf unschöne Eckfugen verzichten kann«, erklärt Josst den Umgang mit dem Fassadenbaustoff. »Dadurch entsteht ein plastischer Eindruck.« Durchaus von plastischen Ausmaßen ist auch die Wandstärke dieser scheinbar schwebenden Fassade. 50 cm misst der Vorbau an der dicksten Stelle. Genau dieser Kniff ist es, der dem sonst so statischen Bauwerk beim Vorbeifahren oder Vorbeispazieren eine gewisse Dynamik verleiht. Mit dem sich ändernden Blickwinkel variiert auch der Transparenzgrad. Von der Seite gibt sich das Haus hermetisch und abgeschlossen, von vorne betrachtet ergibt sich eine Luftigkeit und Leichtigkeit. Man will sofort hinein. Der Weg zum Haupteingang führt vorbei an zwei holzbekleideten Sitzpodesten, die zugleich als Fahrradständer dienen.

Auf der anderen Seite des Zugangs befindet sich eine Open-Air-Ausstellung mit Grabsteinen, Grabeinfassungen, Blumenvasen und Laternen. Hier wird man wieder in die Realität des europäischen Sterbens und Trauerns zurückgeholt. Totenkult und Architektur passen nicht zusammen, werden auch niemals eine Einheit bilden. »Wir haben dem Bauherrn sogar vorgeschlagen, uns mit dem Thema Sarg oder Grabstein entwerferisch auseinanderzusetzen«, erzählt Martin Josst. »Doch das wurde abgelehnt.« Das Bedürfnis nach einer klassischen, altmodischen Formensprache, hieß es seitens Bestattung & Friedhöfe Wien, sei in dieser Branche nun mal sehr groß.

Hinter der Glasfassade – das gesamte EG ist transparent und ermöglicht Einblicke ins Innere – sieht man bereits das großzügige helle »Nichts« hinausleuchten. Es ist ausgerechnet der Empfangsbereich, der einen etwas unfertigen Eindruck hinterlässt. Die beiden von DMAA entworfenen Sitzbänke im gläsernen Eck des Hauses wirken nicht besonders einladend. Man starrt auf eine große weiße Wand und fühlt sich bald exponiert. Eine etwas »heimeligere« Gestaltung, ja vielleicht Kunst an der Wand würde dem Wartebereich gut tun. Hinter dem großen Kundenraum, in dem behördliche Angelegenheiten wie etwa Grabstättenpflege und Mietverlängerungen abgewickelt werden, befinden sich die Einzelbüros, in die sich die Kunden mit aktuellen Sterbefällen und Bestattungsplanungen zurückziehen können. Holz und weiße Vorhänge verleihen diesem Bereich des Hauses Diskretion und Zurückhaltung. Daneben gibt es einen kleinen Ausstellungsbereich, in dem ein paar Sargmodelle und Urnen ausgestellt sind. Wieder einmal drängt sich die Disharmonie zwischen Diesseits- und Jenseits-Design auf. Auf der anderen Seite der Kundenhalle schließlich befinden sich die verglasten Büros der Gärtner und Steinmetze. Ein wenig, so scheint es, leiden sie unter der zurückhaltenden Farbgestaltung ihres Arbeitsplatzes. Im Gärtnerbüro soll die vorherrschende Schwarz-Weiß-Holz-Ästhetik mit einer knallroten Lavalampe aufgebrochen werden. Eine einläufige Treppe führt hinauf ins 1. OG. Der hölzerne Handlauf und die indirekte Beleuchtung, die in die Treppenwangen integriert sind, sprechen unmissverständlich die Sprache von Delugan und Meissl. Nach 22 erklommenen Stufen ist man bereits unmittelbar vor der Kantine angelangt. Der hölzerne Fußboden zieht sich weiter in den Speisesaal hinein, hinter einer folierten Glasscheibe wird gegessen und getrunken. Räumliche Anordnung und Materialwahl haben einen guten Grund: »Ursprünglich war geplant, diesen Bereich des Hauses auch für Kundenveranstaltungen zu nutzen«, sagt Keusch. »Doch davon sind wir wieder abgekommen. Die logistische und organisatorische Abwicklung hat sich im Alltag als zu kompliziert erwiesen.«

Neben dem Speisesaal liegen zwei Terrassen. Hier spielt das Haus seinen größten Trumpf aus. Als würde man einen Zwischenraum zwischen innen und außen betreten, beginnt man plötzlich, die innere Logik der architektonischen Konzeption zu verstehen. Strichcode-Fassade und schwarzer Bürotrakt sind zwei völlig unabhängige Gebilde, deren Konturen zufälligerweise mal deckungsgleich sind und mal nicht. Dort, wo sich die äußere Schale wie eine Haut von der Architektur löst, ergeben sich spannende Freiräume für einen Aufenthalt an der frischen Luft. Geböschte Sichtbetoneinfassungen trennen den Aufenthaltsbereich von den Hochbeeten. Eine schlichte, elegant detaillierte Holzbank »zischt« durchs Raumkontinuum.

Banalität in den Büros

Gleichzeitig ist dieser Bereich auch die Schnittstelle, an der die Qualität des Projekts bricht – weg vom öffentlichen Vorzeigebau hin zu einem klassischen Bürogebäude mit langen, schmalen Fluren, Zellenbüros, Fensterbandfassade, Doppelboden und gläsernen Türen mit Milchglasstreifen. Die Arbeitsräume sind homogen und uninspiriert. Interessant ist lediglich die haustechnische Komponente: Gekühlt wird das Gebäude mit einer Rückkühlanlage auf dem Dach, geheizt wird mit der Abwärme aus dem benachbarten Krematorium.

Einige Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, vertrauen ihre Meinung dem Mikrofon an: Man arbeite gerne hier, die Architektur sei modern, die Aufgabe sei durch und durch innovativ gelöst. Doch ein Problem macht der sonst so angenehmen Arbeitssituation einen Strich durch die Rechnung: Sonneneinstrahlung und Überhitzung. Die gesamte hofseitige Südfassade des schwarz verputzten Bürotrakts weist keine Doppelglasfassade, keine Hinterlüftung, kein Vordach und keinen außenliegenden Sonnenschutz auf. Das ist nicht nur ein, das ist gleich eine ganze Summe von »No-Gos«. Zeitgemäße Office-Architektur sieht anders aus. Letzten Sommer, so hört man, sei die Überhitzung so hoch gewesen, dass man sich in einigen Büros bereits mit einer stark reflektierenden Sonnenschutzfolie beholfen habe. Ein Trauerspiel. Von dem unvorhergesehenen Gebäude-Tuning wusste man bei DMAA nichts.

Die neue Unternehmenszentrale ist ein inhaltlich und formal überzeugender Zugang zu den Themen Tod und Trauer. Wäre das Thema ethisch nicht schon längst determiniert, könnte man von einem erfreulich spielerischen Ansatz sprechen. Allein, die hohe architektonische Qualität beschränkt sich auf den öffentlichen Bereich, in dem sich das städtische Unternehmen als Mitbewerber auf einem längst liberalisierten, immer stärker umkämpften Markt präsentiert. Hinter den Kulissen regiert die Normalität mit all ihren Sympathien und Problemen.

6. April 2013 Der Standard

Linzer Musiktheater: Ganz große Oper

Kommenden Freitag wird in Linz das neue Musiktheater eröffnet. Das riesige Gebäude ist in erster Linie riesig und in zweiter Linie voller Überraschungen

„Dort! Ein Licht!“, sagt der eine. „Ein Haus!“, entgegnet der andere. Dies sind die ersten Worte von Philip Glass' Oper Spuren der Verirrten, die kommenden Freitag zur Eröffnung des Linzer Musiktheaters im Großen Saal uraufgeführt wird. Es geht um ziellos herumirrende Gestalten auf der Bühne, um Zuschauer, Protagonisten und Passanten. Glaubt man den Worten David Pountneys, der für die Inszenierung des Verirrungsdebüts verantwortlich ist, „so wissen wir nicht, wo wir herkommen, und schon gar nicht wissen wir, wo wir hinwollen.“

Schon ist über das neue Musiktheater am Rande des Volksgartens, nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, alles gesagt. Man kann sich kaum erklären, wie dieses enorme, megalomanische Bauwerk mit seinen 150 Metern Länge zustande kam. Und schon gar nicht hat man eine Erklärung dafür, wie die neue Spielstätte mit ihren mehr als 1700 Sitzplätzen und ihren zahlreichen Nebenbühnen in den noch viel zahlreicheren Pausenfoyers in Zukunft kontinuierlich bespielt werden soll.

„Stimmt schon, das ist ein großes Gebäude“, sagt Reinhard Mattes, Landeskulturdirektor Oberösterreich, dem Standard, „aber wir haben mit diesem Haus auch Großes vor. Erstmals gibt es in Linz ein Opernhaus für große Inszenierungen, von Operetten über Musicals und Ballett bis hin zu großen Opernproduktionen. Wir rechnen mit einem Einzugsgebiet mit 300 Kilometern Radius.“ Das wird man auch brauchen. Denn mit knapp 11.000 Quadratmetern Grundfläche ist das Linzer Musiktheater gerade mal um ein paar Ecken kleiner als die 1875 eröffnete Opéra Garnier in Paris. Das ist ein Statement.

30 Jahre Geschichte, ein Drama

Mehr als 30 Jahre lang reichen die Pläne für ein Linzer Opernhaus zurück. Das Vorgängerprojekt „Oper im Berg“ vom Wiener Architekten Otto Häuselmayer befand sich bereits in Bau, als die FPÖ im November 2000 eine Volksbefragung machte und das gesamte Bauvorhaben auf einen Schlag zu Fall brachte. „Mir hat der Baustopp damals extrem leidgetan“, meint Mattes, „doch heute im Vergleich sehe ich, dass das neue Musiktheater architektonisch und funktionell eindeutig die bessere Lösung ist.“

Tausende von Dirigenten waren an der Planung dieses Gebäudes beteiligt. Der Grundentwurf geht auf den britischen Architekten Terry Pawson zurück, der aus dem 2006 ausgeschriebenen Architekturwettbewerb mit einem zeitlos eleganten Projekt als Sieger hervorgegangen war.

Sein Fehler: Den Bauherren, Stadt Linz und Musiktheater Linz (MTL) GmbH, schlug er eine Fassade aus verrosteten Stahlplatten vor. Der oberösterreichischen Landeshauptstadt, die sich von ihrem staubigen Voest-Charme schon seit Jahren mit aller Kraft zu trennen versucht, war diese Lösung ein Dorn im Auge. Alles, nur kein „Klotz mit Rosthülle“ (O-Ton Josef Pühringer)! Die Kompromisse gestalteten sich schwierig. Abgang Pawson.

Auftritt Architektur-Consult (Wien, Graz, Klagenfurt) und Archinauten (Linz). Die beiden österreichischen Büros übernehmen von nun an die Planung. Unzählige Fassadenentwürfe werden erarbeitet, erst nach etlichen Varianten ist eine Lösung gefunden, die auch Landeshauptmann Pühringer zufriedenstellt: Beton, Travertin und dunkles, fast schwarzes vorpatiniertes Messing. Allein, die rund ein Meter dicke Außenwandkonstruktion wirkt sich auf die Zartheit des Gebäudes nicht gerade begünstigend aus.

„Die Fassade ist der Idee eines umlaufenden Vorhangs nachempfunden“, erklärt Architekt Christian Halm, Projektleiter bei Architektur-Consult, kleines, schelmisches Grinsen inklusive. „Die hellen Betonpfeiler kann man im weitesten Sinne als Faltenwurf eines Vorhangs betrachten. Aber das ist Interpretationssache.“ Tonnenschwer hängen zwischen den 698 Lisenen aus Weißzement gespaltene, gebrochene Platten aus italienischem Travertin. Das Bildmetapher eines wollig weichen Bühnensamtes ist fast überzeugend. Ende des ersten Aktes. Pause.

Da kommt Deus ex Machina!

Bis zu diesem Zeitpunkt ist das neue Linzer Opernhaus eine dramatische Enttäuschung, ein stadtplanerisches und gestalterisches Malheur in Übergröße. Kostenpunkt: 150 Millionen Euro (nicht indexiert, Stand 2006). Doch mit dem Eintreten ins Innere offenbart sich auf einmal, wie aus dem Nichts, eine wohltemperierte Material- und Detailsymphonie, die das Auge für alles bisher Gesehene gebührlich entschädigt. Hier ist den Architekten ein Deus ex Machina geglückt.

Da fügen sich Eichenböden und gedämpfte Akazie zu einer feinen Terz aus Hell und Dunkel, da wird hochglanzpolierter Untersberger Marmor mit kleinen, feinen Accessoires aus matt poliertem Messing kombiniert. Und immer wieder Rauchglas und feines, mondänes Seventies-Flair. Fehlt nur noch Cord und moccabrauner Hahnentritt.

„Wir wollten keine schreierische Architekturikone bauen“, meint Andreas Dworschak, Projektleiter bei den Linzer Archinauten. „Stattdessen wollten wir ein Theater schaffen, das viele Jahrzehnte Gültigkeit bewahren kann. Der Stil ist klassisch, pragmatisch, zurückhaltend. Ich denke, man könnte die Innenraumgestaltung als britisches Understatement bezeichnen.“

Highlight im Foyer ist, neben weiteren Kunstwerken von Klaus Pinter und Oliver Dorfer, die Riesenorgel Tangosaurus des Grazer Künstlers Constantin Luser. Die in die Holzwand integrierte Klanginstallation aus hübsch geführten Messingleitungen wird mit Druckluft gespeist und bittet auf diese Weise das Publikum mit wunderbarem Klang, sich in den Saal zu begeben und die Plätze einzunehmen.

Der Weg dorthin ist eine Freude. Der Große Saal, der je nach Bestuhlung zwischen 970 und 1250 Sitzplätze fasst, gleicht einer dunklen Nussschale mit knallroten Plüschfauteuils und güldenen Rängen rundherum. Die Farbe ist eigentlich eine Flüssigmetallbeschichtung aus 90 Prozent Metall und zehn Prozent Bindemittel. Die Beschichtung, für die erst ein Fertigungsunternehmen mit entsprechenden Qualifikationen gesucht werden musste, war ein Experiment - gelungen.

Und über allem hängt die Neuinterpretation eines klassischen Lusters, eine Art Licht-Donut mit Kunststoffmembran und 48.000 LEDs. Der Saal ist großes Theater.

Alles unter einem Dach

„Doch die wahre Besonderheit dieses Saals ist die Erschließung“, sagt Dworschak, „die Auf- und Abgänge zu den einzelnen Rängen befinden sich nämlich alle innerhalb der Saalmauern. Dadurch entsteht ein räumliches Ganzes, in dem die Musik bis in die letzten Stiegenecken vordringt.“ Dem Klang tut dies keinen Abbruch. Die Akustikplanung stammt von Bernd Quiring, der auch schon den Konzertsaal der Wiener Sängerknaben und das kürzlich eröffnete Festspielhaus Erl geplant hatte.

Letzte Szene. Was bleibt, ist der Eindruck eines überdimensionalen Opus magnum, an das man sich nicht und nicht gewöhnen kann. Doch zur Rechtfertigung sei gesagt, dass die Größe nicht zuletzt auch ein geschickter infrastruktureller Schachzug für Linz ist. Erstmals in der Geschichte der Stadt werden Theater, Produktion, Werkstätten und Depot zentral gebündelt und unter einem Dach vereint. Es gibt Produktionssäle für Tischler, Schlosser, Maler, Näher und Kaschierer. Damit wird die Logistik in Zukunft einfacher und billiger.

Für die Besucher ändert das nichts. Spurlos werden sie weiterhin in der Verirrung herumwandern und ob der schieren Orientierungslosigkeit den Kopf schütteln. Philip Glass. Letzter Auftritt der Passanten. „Wo sind wir?“ Vorhang fällt.

23. März 2013 Der Standard

Ein Knaller aus alten Steinen

Vorletztes Wochenende wurde das Kunstmuseum Ravensburg eröffnet. So viel Qualität kann Investorenarchitektur haben

Fachwerkhäuser, gotische Prachtbauten und mittelalterliche Stuben. Ravensburg, den meisten als Heimat von Brettspielen und enervierenden Puzzles bekannt, ist ein entzückendes Städtchen, nur wenige Kilometer vom Bodensee entfernt. Doch so manch belgische Ordensfrau könnte hier, sollte sie jemals ihren Weg hierherfinden, ein großes Déjà-vu erleben.

Beim Anblick des kürzlich eröffneten Ravensburger Kunstmuseums könnte sie dann irritiert in den Himmel rufen: „Mais c'est pas possible! Ces briques me semblent sacrément connues.“ (Das gibt's doch nicht! Diese Ziegel kommen mir verdammt bekannt vor.) Kein Wunder, könnte man dann antworten, stammen sie doch alle von einer unlängst abgerissenen Klosteranlage in Wallonien. Hier, in den mittelalterlich nachempfundenen Mauern der Kunst, fristen sie ihr zweites Dasein als Recycling-Baustein. Und das tun sie mit Sinn und Würde.

„Wieso produzieren wir Baustoffe am laufenden Band, obwohl wir sie eigentlich auch wiederverwenden können?“, fragt Arno Lederer. Gemeinsam mit seinen beiden Partnern Marc Oei und Jórunn Ragnarsóttir ist der Stuttgarter Architekt für die Planung des ungewöhnlichen Museums verantwortlich. „Die Kosten für Neubau und Recycling sind in etwa gleich, doch was das Bauen betrifft, haben wir offenbar jegliches Bewusstsein für Kreislaufprozesse verloren. Dabei hat das Recycling von Baumaterialien gerade in Mitteleuropa immer schon Tradition gehabt. Daran möchten wir mit unserem Museum anknüpfen.“

Lederers Vorliebe für das Alte, für das Gebrauchte ist kein Selbstzweck, sondern hat mit Stadtkultur zu tun. „Wir verstehen Architektur als Baustein der Stadt, als Puzzlestück in einem gebauten Kontinuum. Gerade in einem so sensiblen Bereich wie der historischen Innenstadt von Ravensburg hat ein lautes, schreiendes Gebäude nichts verloren. Da geht es um Integration und Respekt.“
Puzzlestück in der Stadt

Dass viele Leute ahnungslos an diesem vor zwei Wochen fertiggestellten Bauwerk vorbeilaufen und es womöglich nicht einmal als Neubau wahrnehmen, stört Lederer, der dem gebrannten Lehm von jeher zugetan ist, nicht im Geringsten. „Ach, wenn Architektur nicht schon beim ersten Hinsehen ins Auge springt, sondern sich unaufgeregt in die Stadt fügt und vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick auffällt, dann ist das durchaus ein Kompliment für uns. Das ist ein Knaller!“

In beinahe romanischer Manier stemmt sich das Haus gegen den Ravensburger Hausberg, Mehlsack genannt, und präsentiert sich all jenen, die nicht die Mühe gescheut haben, den steilen Weg nach oben zu erklimmen, mit einer hübschen, buckeligen Dachlandschaft aus mal schmalen, mal breiten Tonnengewölben. Preußische Kappe, Platzlgewölbe nennt sich diese seit Jahrhunderten praktizierte Bauweise, die bis zur Gründerzeit üblicherweise über Kellern und Erdgeschoßen errichtet wurde. In diesem Fall wurde die ingenieurmäßige Konstruktion ins Dachgeschoß gehoben.

Schmankerln wie diese bietet das Haus noch und noch. Da gibt es zum Beispiel die steinernen Regenrinnen, die wie auf die Urfunktion reduzierte Wasserspeier aus der Fassade ragen - die vielen kleinen Details, die sich wie neu interpretierte Versatzstücke aus Bauhaus und Moderne durchs Gebäude ziehen. Und die unzähligen kupfernen Spenglerarbeiten, die immer wieder aus der ziegelbraunen Masse aufblitzen. Noch glänzt das Material. Doch plötzlich: „Sehen Sie diese grüne Verfärbung da unten?“, fragt der Architekt, mit dem Zeigefinger auf eine Bodenleiste deutend, „da hat bereits ein Hund hingepinkelt - oder vielleicht war's ein Bauarbeiter.“

In Ravensburg selbst wird das neue Kunstmuseum mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Opposition und Steuerzahlerbund wittern schon seit Jahren gegen das fünf Jahre lang geplante Bauvorhaben: zu groß, zu teuer, zu unnötig. Dabei ist die Stadt nur Mieterin. Eigentümerin und Errichterin ist die Baufirma Reisch, die das Haus (Gesamtinvestition rund sechs Millionen Euro) für die Dauer von 30 Jahren an die Stadt vermietet - klassisches Public Private Partnership.

„Ich bin mit dieser Lösung sehr zufrieden“, meint der Ravensburger Oberbürgermeister Daniel Rapp (CDU), „einen Neubau dieser Art hätten wir uns niemals leisten können. So allerdings war es möglich, dieses Projekt zu realisieren und der Bevölkerung nach langer Zeit ein Haus für Kunst zur Verfügung zu stellen. Das ist ein wichtiger Bildungsaspekt.“

Glücklich ist auch Gudrun Selinka. Die Witwe des verstorbenen Kunstsammlers Paul Selinka und nunmehrige Leiterin der Peter und Gudrun Selinka Stiftung freut sich, endlich ein Heim für ihre mehr als 200 Werke umfassende Sammlung gefunden zu haben: Gruppe Cobra, Gruppe Spur und diverse andere expressionistische Maler, die nun unter ebenso ausdrucksstark geflecktem Ziegelgewölbe öffentlich zugänglich sind. Die Symbiose aus Kunst und Architektur ist perfekt. Leider war der Fotograf schneller als die Ausstellungsmacher.
Erstes Passivhaus-Museum

Bedeutung für die internationale Architekturdebatte hat das Kunstmuseum Ravensburg jedoch in ganz anderer Hinsicht: Es gilt offiziell als das erste Passivhaus-Museum der Welt. Geheizt und gekühlt wird das Haus über Geothermie. 180 Meter in die Tiefe reichen die Bodenbohrungen unter dem Fundament. Der jährliche Heizwärmebedarf liegt bei 13,4 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Die Berechnungen stammen vom Energieinstitut Vorarlberg. Eine Zertifizierung nach DGNB liegt bereits auf dem Tisch.

Doch wozu der ganze Aufwand? „Wenn wir schon als Investor ein Museum errichten, dann wollen wir auch zeigen, wie Baukultur in Zukunft aussehen könnte“, sagt Andreas Reisch, Geschäftsführer des Bauunternehmens Reisch. Mit den heute so modernen Glaskisten, die man aufwändig temperieren und reinigen müsse, werde man nicht weit kommen. „ Dieses Haus jedoch ist ein Exempel für Materialrecycling, für schadstoffarmes Bauen, für die Förderung regionaler Ressourcen, für die Erhaltung einer lokalen Wertschöpfungskette sowie für niedrigen Energiebedarf. Ich denke, hier ist uns ein Prototyp gelungen.“

Nicht alles ist in Hinsicht auf Energieverbrauch clever geplant. „Diese riesige Drehtrommeltür! Und noch dazu komplett aus Kupfer! Ganz ehrlich, das hat uns und den Bauphysiker den letzten Nerv gekostet, denn da geht ein unglaublicher Wärmeertrag verloren“, meint Reisch, „aber so sind sie nun einmal, die Architekten. Über weite Strecken logisch argumentierend, im Detail dann aber Sturschädel.“

Arno Lederer streicht mit der Hand über den nackten Ziegelstein. Jahrhundertealte Baugeschichte kribbelt unter seinen Fingerspitzen. Auf seinem Gesicht macht sich ein wunderbares Grinsen breit. „Das passt schon so. Normalerweise sind es die Architekten, die über die Investoren lästern, und das zu Recht, denn die Qualität lässt oft zu wünschen übrig“ , sagt er, „doch dieses Projekt ist der Gegenbeweis. Da hat der Investor eine hohe Qualität an den Tag gelegt. Da darf er ruhig einmal über den Architekten schimpfen.“

16. März 2013 Der Standard

Gustav Peichl: „Ich bin der Pausenclown“

Der Architekt und Zeichner über Peichltorten, Süppchen und Ironie - Am Montag feiert er seinen 85. Geburtstag

STANDARD: Montag werden Sie 85. Was ist heute anders als früher?

Peichl: Ich mache heute nicht mehr so viel. 2002 habe ich mein Büro umgekrempelt und die Geschäftsführung abgegeben. Aber ich habe immer den Büroschlüssel in der Tasche. Wenn's mich freut, gehe ich hin.

STANDARD: Das heißt, Sie entwerfen nicht mehr selber?

Peichl: Das ist mir zu anstrengend geworden. Nur manchmal mache ich noch eine Skizze. Meistens aber schaue ich mir die Entwürfe der Kollegen an, und wenn's mir gefällt, dann zeige ich „thumbs up“, und wenn's mir nicht gefällt, dann mache ich „thumbs down“.

STANDARD: Und dann?

Peichl: So ganz ernst nimmt mich heute keiner mehr mit meiner Meinung. Aber das passt schon so. Man muss der nächsten Generation den Platz überlassen.

STANDARD: In Ihrem persönlichen Arbeitszimmer scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es sieht hier aus wie in den Sechzigern.

Peichl: Wie Sie sehen, habe ich nicht einmal einen Computer im Büro. Ich kann damit nicht umgehen. Und ich will auch nicht. Tatsache ist: Die Architekten heute können nicht mehr zeichnen. Das ist die Mausklick-Generation.

STANDARD: Sie aber zeichnen fast jeden Tag eine Karikatur.

Peichl: Ja. Bei mir kommt alles direkt vom Hirn über die Hand in die Zeichnung. Ich sage immer: Ich bin ein zeichnender Journalist.

STANDARD: Mit welchem Beruf können Sie sich mehr identifizieren? Mit dem Architekten Peichl oder mit dem Zeichner Ironimus?

Peichl: Ich bin Architekt. Punkt. Die Karikaturen waren ein Hobby, mit dem ich mein Studium finanziert habe. Im Laufe der Zeit ist das Hobby zum Zweitberuf geworden. Und der Peichl zum Ironimus.

STANDARD: Und wie wichtig ist Ironie in der Architektur?

Peichl: Na total! Die richtig großen Architekten haben alle darauf aufgebaut: Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius, Jørn Utzon und wie sie nicht alle heißen mögen. Und was mich betrifft: Ironie ist mein Hang und Drang. Ich mag es zum Beispiel, wenn Häuser Spitznamen verpasst bekommen. Meine ORF-Landesstudios werden in den Bundesländern immer nur Bachertorte und Peichltorte genannt. Ich finde das wunderbar.

STANDARD: Bei Ihren älteren Projekten wie der Bonner Kunsthalle, dem Karikaturmuseum in Krems und den ORF-Bauten ist diese Ironie gut erkennbar. Bei den neueren Projekten fehlt sie. Warum?

Peichl: Ja, es gibt viele, die das sagen. Vielleicht ist das eine Abnützungserscheinung, die sich im Laufe der Zeit einstellt. Und vielleicht hat sich der Peichl im Laufe der Zeit im Unterbewusstsein darum bemüht, etwas ernsthafter zu werden. Das wäre möglich. Das kann ich nicht beurteilen. Cicero sagte einmal: Minime sibi quisque notus est. Jeder kennt sich selbst am wenigsten.

STANDARD: Das heißt, mit dem Alter wird man ernster?

Peichl: Ich sagte vielleicht!

STANDARD: Hat der Ironimus dem Peichl je die Show gestohlen?

Peichl: Vielleicht bei Menschen, die die Karikaturen lieben und zur Architektur keine Beziehung haben. Die meisten wissen aber, dass ich in meinem Leben nicht besonders viel gebaut habe.

STANDARD: Ein Alterskollege von Ihnen, Wilhelm Holzbauer, hat bisher rund 500 Projekte realisiert. Bei Ihnen sind es gerade mal 30.

Peichl: Der Holzbauer ist ein Millionär, ein Multi! Der Peichl hingegen, der kämpft ums Überleben.

STANDARD: Woran liegt das?

Peichl: Leider ist es so: Ich bin eine Art Pausenclown. Immer wenn ich den Mund aufmache, steht das sofort irgendwo in der Zeitung. Dadurch entsteht fälschlicherweise der Eindruck, dass ich tüchtig im Geschäft bin. Mitnichten! Mitnichten! Es ist schwierig geworden, an Aufträge zu kommen.

STANDARD: Inwiefern hat sich der Architektenberuf verändert?

Peichl: Der Beruf ist technischer, juristischer und vor allem wirtschaftlicher geworden. Man muss schon ein ziemlich guter Manager sein, um sich in diesem Metier zu profilieren.

STANDARD: Und man muss Wettbewerbe gewinnen.

Peichl: Alles ein Schmäh! Alles eine Lüge! Die Wahrheit ist doch: Jeder kocht sein Süppchen, und alle sind sie irgendwie miteinander verbandelt und verstrickt. Bevor ein Wettbewerb überhaupt juriert wird, sind sich schon alle darin einig, wer gewinnen wird.

STANDARD: Sie haben auch schon an einigen Wettbewerben in China teilgenommen, sind aber noch nie zum Zug gekommen.

Peichl: Na ja, das ist ja kein Wunder. Die wollen keinen Architekten, sondern einen Ausführungsgehilfen. Und das ist der Peichl nicht.

STANDARD: Und wie ist das in Österreich mit der Ausführungsgehilfenschaft?

Peichl: Genauso, bloß schlimmer, weil sich niemand traut, die Sache beim Namen zu nennen. Die Tragik an Wien ist, dass es in dieser Stadt keine Stadtplanung gibt, sondern nur Stadtorganisation. Man wartet darauf, bis ein Investor daherkommt und sagt: „Ich würde da gern was hinbauen, und ich bräuchte dafür so uns so viele Quadratmeter. Also bitte widmen Sie mir das Grundstück, dann kommen wir ins Geschäft!“ Die großen Projekte in Wien basieren alle auf solchen Freundschaftsumwidmungen.

STANDARD: So wie der von Ihnen geplante Millennium Tower, der eigentlich viel niedriger hätte sein sollen?

Peichl: Das stimmt so nicht. Das haben die Zeitungen damals alle voneinander abgeschrieben. Die Wahrheit ist: Wir haben das Projekt gemacht, haben der Stadt Wien aber vorgeschlagen, den Turm ein bissl schlanker zu machen. Und so wurde er halt um ein paar Meter höher. Meine Aussage bezieht sich vor allem auf kleinere Projekte. Schauen Sie sich nur einmal die Wiener Dachgeschoße an! Das ist reine Geschäftemacherei. Eine der schauderhaftesten Akkumulationen findet man Am Hof mit dem Generali-Haus und dem Hotel vom Benko. Ein Malheur! Das ist nicht Architektur, das ist Immobilienwirtschaft.

STANDARD: Macht man sich in der Architektur mehr Freunde oder mehr Feinde?

Peichl: Sowohl als auch. Ich habe gute Freunde und gute Feinde. Aber die guten Feinde sind viel wichtiger. Sie sind es, die einen groß machen.

STANDARD: Ihr hoher Bekanntheitsgrad ist also der Feindseligkeit zu verdanken?

Peichl: Aber natürlich! Und meinem Talent. Das ist eine gute Mischung.

STANDARD: Wer sind denn Ihre Feinde?

Peichl: Ich bin ein offener Typ, komme mit allen ganz gut aus und gehöre keinen Seil- und Machenschaften an. Allein damit macht man sich schon Feinde.

STANDARD: Welchen Stellenwert nimmt Gustav Peichl in der österreichischen Architektur ein?

Peichl: Eitel wie ich bin, gefällt mir das meiste, was ich bisher fabriziert habe, im Großen und Ganzen sehr gut. Aber wirklich zufrieden bin ich nie.

STANDARD: Vor zehn Tagen wurde Ihnen das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse verliehen.

Peichl: Ich habe schon so viele Auszeichnungen bekommen, so viele Ehrenkreuze, Verdienstzeichen und Ehrenmitgliedschaften, dass ich gar nicht mehr mitzählen kann. Vor ein paar Jahren wollte mich das Ministerium wieder einmal auszeichnen, aber dann hat man plötzlich gemerkt, dass der Peichl von Bronze bis Gold schon komplett ausdekoriert ist. Und so hat man mir damals den Goldenen Rathausmann gegeben. Missverstehen Sie mich jetzt bitte nicht! Ich freue mich darüber. Das stärkt mein Ego. Doch die tatsächliche Bedeutung dieser Auszeichnungen hält sich in Grenzen.

STANDARD: Was machen Sie mit all diesen Verdienstzeichen?

Peichl: Meine Frau sammelt die alle und legt sie in der Wohnung schön zurecht.

STANDARD: Abschlussfrage: Haben Sie einen Geburtstagswunsch?

Peichl: Das mit den Wünschen ist so eine Sache. Man will jeden Tag was anderes. Ich kann mich nicht entscheiden. Aber gut: Ich wünsche mir, dass der Architektur endlich mehr Respekt entgegengebracht wird, als das heute der Fall ist. Das ist zwar ein komischer Wunsch, aber das ist auch eine komische Frage.

9. März 2013 Der Standard

Auf der letzten Stufe zum Bauhaus

Henry van de Velde war ein Tausendsassa. Zum 150. Geburtstag widmet Thüringen dem besessenen Jugendstil-Architekten ein ganzes Themenjahr.

Mit Weimar verbindet man Schiller, Goethe, Schopenhauer, Nietzsche, Luther, Wagner, Liszt und Bach. Und natürlich Bauhaus sowie Thüringer Klöße. Dass diese mit berühmten Söhnen und mehr oder weniger bedeutsamem Kulturgut keineswegs geizende Stadt auch eine Hochburg des Jugendstils ist, wird dabei oft vergessen.

Das aktuelle Jubiläumsjahr, in dem der 150. Geburtstag des Designers und Architekten Henry van de Velde begangen wird, bietet die Möglichkeit, dieses Versäumnis nachzuholen. Gefeiert wird in vollen Zügen: mit etlichen Ausstellungen, Führungen, Tagen der offenen Tür sowie mit Henry-van-de-Velde-Torten und Henry-van-de-Velde-Kaffee auf und in Henry-van-de-Velde-Porzellan. Das Partybudget beträgt rund 3,2 Millionen Euro. Ein beträchtlicher Teil kommt von Privatstiftungen.

Eines der bekanntesten Gebäude des in Antwerpen geborenen Universalgenies ist die Kunstgewerbeschule im Süden der Innenstadt, nur wenige Schritte vom Liszt-Haus entfernt, errichtet zwischen 1904 und 1910. Robert Verch, Architekturabsolvent und bekennender Van-de-Velde-Fan, organisiert Führungen durch die Bauten des Jubilars. Und er versteht es, sein Publikum mit den kleinsten Details zu faszinieren.

Schon steht er mitten im Stiegenhaus seiner ehemaligen Schule, blickt hinauf in die Treppenspindel, und während er zu den ersten Worten ansetzt, heben sich hinter seiner Nickelbrille langsam die Augenbrauen: „So etwas haben Sie noch nie gesehen! Normalerweise ist ein Betonbalken dazu da, um die Last nach allen Seiten abzutragen. Aber sehen Sie diese herausgebissene Mulde da oben, die den Kurven der Wendeltreppe folgt? Ist das nicht dreist? Henry van de Velde hat es doch glatt gewagt, die Optik der Statik vorzuziehen!“

Dass Van de Velde nur ein Fall für die verkopfte, intellektuelle Oberschicht war, lässt sich beim besten Willen nicht sagen. Ganz im Gegenteil. Der ausgebildete Maler und Kunsthandwerker, der schon zu Beginn seiner Karriere vorwiegend für deutsche Kunden tätig war und daher bald von Belgien über Berlin nach Weimar emigrierte, war ein Tausendsassa und ein regelrechtes Arbeitstier. Mehr als 10.000 realisierte Entwürfe gehen auf ihn zurück.

„So ein großes OEuvre wie bei Henry van de Velde kennt man von keinem anderen planenden Menschen auf der Welt“, sagt Thomas Föhl. Der 58-jährige Kunsthistoriker ist Leiter der Klassik-Stiftung Weimar. „Es gibt wohl keinen Gegenstand, dem dieser Alleskönner nicht irgendwann in seinem Leben Gestalt verliehen hat.“ Zu seinen Arbeiten zählen Haushaltsartikel, Geschirr, Möbel, Einfamilienhäuser, Schulen, Bücher, Schuhe, Kleidung, Kutschen, Automobile, Schiffskabinen, Fährschiffe und ganze Zuggarnituren. Sogar das berühmte B-Logo der Belgischen Staatsbahn aus dem Jahr 1936 stammt aus Henry van de Veldes Feder. Im Archiv der Klassik-Stiftung ist alles ganz genau dokumentiert und katalogisiert. 55.000 Fotos seiner Werke liegen in den Laden.

Bei einem Spaziergang durch den Park an der Ilm kann man wieder frische Luft schnappen. Das romantisch angelegte Wäldchen mitten in der Stadt ist quasi der Central Park Weimars. Man geht vorbei an Ruinen, mitunter auch an wilden Rehen, und mit einem kleinen Schlenkerer gelangt man sogar zu Goethes kleinem Gartenhaus, das er als Refugium und Klausur für seine Arbeit nutzte. Hier erblickten unter anderem Iphigenie auf Tauris und Torquato Tasso das Licht der Welt. Es ist wohl einer der wenigen Orte in der ganzen Stadt, an dem der belgische Henry, der sich sogar über das Wohnhaus Friedrich Nietzsches hermachte, keine baulichen Spuren hinterließ.

Hightech statt Ornament

An der Belvederer Allee 58 liegt, hinter Bäumen und Büschen verborgen, das Haus Hohe Pappeln, zur Gänze errichtet aus lochzerfressenem Travertin. Henry van der Velde baute das Haus 1907 für sich und seine Familie. Heute wird die Jugendstilvilla als Museum genutzt. Zumindest im Erdgeschoß. Man sieht die originalen Stoffbespannungen und Vertäfelungen, die alten Lüftungslöcher, durch die die beheizte Luft in den Raum strömte, und die originalen Lichtschalter, die in den hölzernen Türrahmen versteckt sind. Hier war ein Hightech-Freak und Besessener am Werk.

Oben im ersten Stock ist ein weiterer Besessener daheim: Thomas Föhl von der Klassik-Stiftung. „Ich habe mich 20 Jahre lang darum bemüht, dieses Haus kaufen zu können. Eines Tages hat es dann endlich geklappt“, sagt er. Und dann ist da plötzlich dieses unschwer zu deutende Grinsen in seinem Gesicht: „Mittlerweile habe ich schon mehr Jahre in diesem Haus verbracht als Van der Velde selbst!“ Der Bau, der schon ein Dutzend Male den Besitzer wechselte und während der DDR-Zeit als Wohnheim für Bedürftige und Obdachlose diente, steht seit 1985 unter Denkmalschutz. Ab dem 24. März kann es wieder besichtigt werden.

Man braucht kein Kenner der Materie zu sein, um sich über den Thüringer Jugendstil zu wundern. Mit den verspielten, verschnörkelten Kreationen eines Gustav Klimts, Otto Wagners oder Josef Maria Olbrichs, der etwa die Wiener Secession plante, haben die Häuser des belgischen Zeitgenossen nichts gemein. Die Architektur ist sachlich und nüchtern. In Fachkreisen wird Van de Velde, der intensive Kontakte zu Walter Gropius und Oskar Schlemmer pflegte, sogar als Brücke zwischen Jugendstil und Bauhaus gesehen. Das ging so weit, dass er selbst es zutiefst ablehnte, als Jugendstilarchitekt bezeichnet zu werden. In seinen Weimarer Jahren soll er sich einmal über die floralen Auswüchse seiner Kollegen echauffiert haben: „Es reicht! Die Zeit des Ornaments aus Ranken, Blüten und Weibern ist vorbei!“

Von Blütenduft und Weiblichkeit ist außerhalb Weimars zur Jahrhundertwende nicht viel zu bemerken. Die umliegenden Städte, die im Krieg massiver als Weimar bombardiert wurden, waren damals Hochburgen von Industrie und Gewerbe. Jena war bekannt für seine Optik- und Feinmechanikindustrie. Die Backsteinbauten der Jenaer Glasschmiede Schott und von Carl Zeiss prägten das Stadtbild. Zudem prosperierte in Gera die Elektronik- und Textilindustrie. Die baulichen Spuren sind nicht zu übersehen.

Einer, der von der industriellen Blüte zur Jahrhundertwende besonders profitierte, war der Geraer Textilfabrikant Paul Schulenburg. Für ihn errichtete Van de Velde 1913 bis 1915 am Rande des Stadtwalds eine riesige Villa samt umliegendem Garten, in dem einst die größte, prächtigste Orchideensammlung Deutschlands gedieh. Sogar Möbel, Stoffe und Geschirr wurden eigens für dieses Haus entworfen. Nach der Enteignung 1946 diente das Haus als Schwesternschule. Nach der Wende 1989 stand es jahrelang leer und war dem Verfall preisgegeben.

Heute erstrahlt die Villa Schulenburg, wohl eines der schönsten Schmuckstücke Henry van de Veldes, nach 15-jähriger Sanierung und Renovierung im neuen Glanz. Zu verdanken ist dies dem Psychiater und Neurologen Volker Kieselstein. „Mit neun Jahren war ich bereits von Henry van de Velde fasziniert, ich bin hier als Schulkind regelmäßig vorbeigegangen, und so konnte ich gar nicht anders, als mich dieses verfallenen Hauses endlich anzunehmen“, sagt Kieselstein. „Ich führe ein Doppelleben. Van de Velde ist meine zweite Liebe.“

Briefe an Friedrich Nietzsche

In einer Dauerausstellung sind Fotografien und Briefwechsel zwischen Henry van de Velde und Friedrich Nietzsche zu sehen. Die beiden konnten sich gut leiden. Zwischen den Zeilen sticht plötzlich ein jugendstilsicher gestaltetes Büchlein aus der Vitrine. Gold auf weiß: Ecce Homo. Doch das eigentliche Exponat ist das Haus selbst. „Die Rekonstruktion dieses Gebäudes hat mich in seinen Bann gezogen“, erzählt Kieselstein. „Für mich ist das ein Stück Kulturgut. Wo sonst sieht man schon solche ausgeklügelten Fensteröffnungsmechanismen und so eine schöne handwerkliche Präzision? Das gibt es heute nicht mehr! Davon können wir heute viel lernen.“

Finanziert wird das herrliche Haus, in dem heute die Europäische Vereinigung der Freunde Henry van de Velde beheimatet ist und das immer wieder als Hochzeitslocation angemietet wird, unter anderem von der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz. Ein zweifelsfrei aufwändiges finanzielles Engagement, aber: „Über Einzelheiten rede ich nur mit meinem Steuerberater“, sagt Volker Kieselstein. Er zieht ein Stofftaschentuch aus seiner Jackentasche und poliert den Türknauf im Salon. „Ich sagte Ihnen ja gerade: Es ist eine Liebe.“

Van-de-Velde-Jahr 2013: In ganz Thüringen gibt es Ausstellungen und Veranstaltungen, unter anderem in Weimar, Erfurt, Jena, Gera, Apolda, Chemnitz sowie in der Keramikstadt Bürgel. Darunter „Leidenschaft, Funktion und Schönheit. Henry van de Velde und sein Beitrag zur europäischen Moderne“ im Neuen Museum Weimar (www. klassik-stiftung.de, ab 24. März) und „Der Architekt Henry van de Velde“ in der Bauhaus-Universität Weimar (ab 29. März). Empfehlenswert sind außerdem das Nietzsche-Archiv und das Haus Hohe Pappeln sowie das Haus Schulenburg in Gera (www.haus-schulenburg-gera.de). Infos: www.vandevelde2013.de

Das kulinarische Glück in Thüringen hält sich bisweilen in Grenzen. Eine große Ausnahme ist das deftige Traditionsgericht Rindsroulade mit Rotkraut und Thüringer Klößen, das auf keiner Speisekarte fehlt und so schmeckt wie aus Omas Kochtopf. Besonders empfehlenswert sind die beiden lokalen Restaurants Köstritzer Schwarzbierhaus in Weimar (www.koestritzer-schwarzbierhaus-weimar.de) und Schwarzer Bär in Jena (www.schwarzer-baer-jena.de). Stilvoll residieren kann man in Weimar im Hotel Elephant (www.hotelelephantweimar.com) - und das zu angemessenen Preisen. Man muss dort ja nicht unbedingt in der Udo-Lindenberg-Suite absteigen.

Entweder mit dem Flugzeug über Leipzig (Direktflug mit Austrian Airlines ab Wien, www.austrian.com) oder mit der Bahn direkt nach Weimar, Jena oder Gera. Die Fahrt dauert sieben bis acht Stunden, wobei man je nach Destination einige Umstiege in Kauf nehmen muss. Doch dafür gibt es zwischen Weimar, Jena und Gera sehr gute, regelmäßige Zugsverbindungen. Bei Bedarf werden Routen zu diversen Jugendstil- und Bauhaus-Sehenswürdigkeiten zusammengestellt. Infos auf www.weimar.de und www. thueringen-tourismus.de. Ansonsten lockt Weimar mit Museen und Ausstellungen zu Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe und Co.

16. Februar 2013 Der Standard

Schüler aus Bodenhaltung

Vorgestern, Donnerstag, wurde der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit vergeben. Eines der fünf prämierten Projekte ist das hölzerne Agrarbildungszentrum am Traunsee.

„Ich finde die Schule voll cool und voll gemütlich“, sagt Sophie Smolle. „In jeder anderen Schule gibt's kahle weiße Wände und einen kalten, grauslichen Fliesenboden, hier aber ist alles aus warmem, angenehmem Holz. Und außerdem riecht's hier super.“

Die 15-Jährige ist Schülerin im Agrarbildungszentrum Salzkammergut in Altmünster, das vor eineinhalb Jahren fertiggestellt und eröffnet wurde. Wie ihre Klassenkameraden aus der 1D, deren Birkenstockschlapfen allesamt quer über die Klasse verstreut sind, bevorzugt sie es, sich auf besockten Sohlen durchs Gebäude zu bewegen. In der Pause liegt und lümmelt sie mit ihren Freunden und Freundinnen auf dem Boden. „Einen Makel hat das Ganze allerdings“, sagt sie. „Man muss schon aufpassen, dass man sich nicht ständig einen Schiefer einzieht.“

Die Nachteile der Agrar- und Berufsfachschule, von der es nur ein paar Schritte zum schuleigenen Strand am Traunsee sind, halten sich fürwahr in Grenzen. Vorgestern, Donnerstag, wurde das außergewöhnliche Projekt der Vorarlberger Architekten Fink Thurnher im ORF-Radiokulturhaus Wien mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Nach 2006 und 2010 wurde der Preis, mit dem auch vier weitere Bauwerke in Wien, Krems, Graz und Linz ausgezeichnet wurden (siehe unten), heuer zum dritten Mal vergeben. Auslober ist das Lebensministerium.

„Die Stimmung in diesem Gebäude ist fantastisch, ich habe so etwas noch nie erlebt“, sagt Schuldirektorin Barbara Mayr. Das Lodenjankerl mit Hornknöpfen, das sie an diesem Tag trägt, während sie dem STANDARD eine Führung durch die hölzernen Räumlichkeiten des Lehrens und Lernens gibt, zeigt, wie groß der Bogen landwirtschaftlicher Denkinterpretationen sein kann. „Ach, diese furchtbaren Klischees mit den sprechenden Schweindln in der Werbung machen die Branche à la longue kaputt. Ich bin daher froh darüber, dass es uns gelungen ist, unseren Schülerinnen und Schülern in diesem Haus ein modernes, zeitgenössisches Bild der Arbeitstätigkeiten im primären Sektor zu vermitteln.“

Unterrichtet werden Bodenkultur, Landwirtschaft, Holzverarbeitung, Landschaftsgestaltung, Floristik, Kochen, Kellnern und Jagen. Außerdem gibt's eine Molkerei, Fleischerei und Obstverarbeitungsanlage. Und sogar Schnaps wird in dieser Schule gebrannt. „Ja, ich habe eine Brennkonzession“, sagt die Direktorin stolz. Im eigenen Genussladen im Erdgeschoß werden all diese Produkte schließlich zum Verkauf angeboten. Doch zur wahren Vermittlung der agrarischen Genüsse und Qualitäten - das ist nicht zu überhören - trage auch und vor allem die Architektur bei.

Von außen betrachtet, folgt das Agrarbildungszentrum der Idee eines traditionellen oberösterreichischen Vierkanthofs, maßstäblich aufgeblasen bis zu einer Größe von drei Geschoßen und 60 Metern Seitenlänge. Dass es sich bei diesem Bau nicht nur um einen Neubau, sondern auch um die Einverleibung und Sanierung zweier Bauteile aus den Fünfziger- und Siebzigerjahren handelt, ist dem Haus kaum anzusehen.

Baustoff als Hülle und Fülle

„Die Integration des Altbestandes war gar nicht so einfach“, meint Architekt Markus Thurnher. „Aufgrund der Holzbauweise und der Passivhaustechnologie, die im Wettbewerb gefordert war, mussten wir bereits von Anfang an sehr genau planen. Es war mühsam, aber ich verstehe die symbolische Aussage des Bauherrn, den Bestand erhalten und sanieren zu wollen. Und natürlich profitiert auch die Schule insofern davon, als das Gebäude schon jetzt eine gewisse Geschichte hat.“

Allein, die wahren Werte des Agrarbildungszentrums (Gesamtinvestitionskosten 28 Millionen Euro) entfalten sich im Inneren, sobald man Boden, Wand und Decke mit Nase, Händen und Füßen erfasst hat. Das bestätigen auch die Schülerinnen und Schüler. „Außen gefällt mir die Schule überhaupt nicht“, meint Andreas Gerstner, 1D. „Sie wirkt viel größer und viel wuchtiger, als sie in Wirklichkeit ist. Aber innen finde ich sie richtig toll.“ Und Lena Purrer, 2A, meint: „Schön, dass hier alles mit Holz gebaut wurde, schließlich ist der Baustoff in unserer Gegend in Hülle und Fülle vorhanden. Ich finde, das ist nachhaltig.“

Die konstruktiven Bauteile sind aus Fichte, alle sichtbaren Oberflächen im Innen- und Außenbereich sowie die Möbel und Wandverbauten wurden aus Weißtanne gefertigt. Das gesamte Holz stammt aus einem Umkreis von 150 Kilometern. Insgesamt wurden 95 Prozent aller Handwerksarbeiten und Gewerke im Salzkammergut vergeben. Das heißt: Die Wertschöpfungskette bleibt bei Klein- und Mittelbetrieben in der Region.

Hinzu kommt, dass das gesamte Gebäude mit Zellulose, also mit einem Recycling-Gemisch aus Holz und Altpapierflocken, sowie mit Schafwolle gedämmt ist. Auf dem Dach gibt es eine Solaranlage mit 90 Quadratmetern sowie eine Fotovoltaikanlage mit 73 Quadratmetern Fläche. Die Toiletten werden mit Regenwasser gespeist. Gekühlt wird das Haus, das Platz für rund 300 Schüler und 150 Internatsplätze bietet, mit einer Rohrleitungsanlage im Fundament. Geheizt wir mit Hackschnitzeln aus den umliegenden Holzverarbeitungsbetrieben. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Fazit: Gegenüber dem Altbau konnte der Energiebedarf durch die Summe all dieser Maßnahmen um 90 Prozent reduziert werden.

Medizin gegen Aggression

„Dieses Schulgebäude ist zwar durch und durch ökologisch, aber dieser Aspekt ist keineswegs aufdringlich“, meint Schuldirektorin Barbara Mayr. „Was man als Nutzerin mitkriegt, ist die pure Gemütlichkeit, die das Haus ausstrahlt. Man fühlt sich hier wie daheim.“

Pausenbeginn. Schon sitzen und liegen sie wieder alle auf dem Boden und frönen dem Nichtstun. Die kollektive Ruhe wird jäh unterbrochen. „Schon wieder der Journalist mit dem Fotoapparat! Oida! Noch nie Menschen aus Bodenhaltung gesehen?“

Architektonische Qualität und Nachhaltigkeit schließen einander nicht aus. Diesen Beweis zu erbringen ist die eigentliche Intention dieses Staatspreises. „Vor zehn oder 20 Jahren konnte man einem Gebäude noch gegen den Wind ansehen, ob das ein Passivhaus ist oder nicht“, erklärt Roland Gnaiger, Staatspreisbeauftragter und Vorsitzender der Jury. In der Vergangenheit habe die bauliche Qualität unter den Kriterien der Ökologie oftmals gelitten. „Aber das ist heute anders. Nachhaltigkeit ist heute unsichtbar.“

„Unsichtbare Nachhaltigkeit? Also das würde ich nicht behaupten!“, entgegnet die Direktorin des Hauses. „Sie wissen ja, wie wild und aggressiv Kinder in der Pubertät sein können. Doch seitdem wir hier im neuen Schulhaus sind, ist der Aggressionspegel dramatisch gesunken. Und Vandalismus ist bei uns ein Fremdwort.“ Es ist schön, dass die Behörden gelernt haben, den jungen Leuten mit Wertschätzung zu begegnen. Das ist eine sinnvolle Investition in die Zukunft. Voll cool.

verknüpfte Auszeichnungen
- Staatspreis Architektur & Nachhaltigkeit 2012

9. Februar 2013 Der Standard

Schladming, Opus magnum

Gestern Bauwut, heute WM-Fieber, und was kommt morgen? Ein Lokalaugenschein aus der anabolikagefütterten Sporteventmetropole Schladming.

„When we all give the power, we all give the best“, dröhnte es Mittwochabend auf der Medal Plaza in der Schladminger Innenstadt. „Every minute of an hour, don't think about a rest. Na na na na na.“ Besser hätte Opus die Bauwut, die den WM-Austragungsort am Fuße der Planai in den letzten Jahren erfasst hat, nicht ausdrücken können. Die Worte schienen wie frisch gedichtet für diese Massenveranstaltung, die den einst kleinen, beschaulichen Wintersportort in ein überdimensionales Dorado für Anhänger der niederschwelligen Unterhaltung verwandelten.

Rund 400 Millionen Euro wurden investiert, um Schladming für die Alpine Ski-WM 2013 fit zu machen. Etwa die Hälfte davon stammt aus öffentlichen Geldern. Skilifte wurden gebaut, der Bahnhof wurde erweitert, Hotels und Pensionen mit rund 1000 Betten wurden errichtet, ein Kongresszentrum für 2000 Menschen wurde aus dem Erdboden gestampft, außerdem bekam Schladming eine Biofernwärmeanlage, ein modernisiertes Abwassersystem und eine neue Umfahrungsstraße mitsamt Lärmschutz, Unterführungen und autobahnartig anmutenden Auf- und Abfahrten.

Größter Stolz der Schladminger ist der sogenannte Skygate, eine 35 Meter hohe Stahlkonstruktion, die sich wie ein gigantisches Kipferl über die Planai beugt. Die unübersehbare Landmark, die abends in allen möglichen und unmöglichen Farben erstrahlt, beherbergt eine Aussichtsplattform für sehr wichtige Leute und dient als eine Art optische Endstation der Planai.

„Mich hat immer schon fasziniert, wie die Skipiste in diesem Hexenkessel mitten im Stadtzentrum endet“, sagt Gernot Ritter vom zuständigen Architekturbüro Hofrichter Ritter. „Aber bislang gab es kein Symbol, das auf diese abschließende Situation hingewiesen hätte. Es gab einfach nur eine Ziellinie, das war's.“ Mit dem Skygate, in dessen Errichtung rund zwei Millionen Euro flossen, habe sich das nun geändert. Nach Auskunft des Bürgermeisters soll das Stahlcroissant nach der Weltmeisterschaft erhalten bleiben.

„Ja, es stimmt schon“, meint Ritter, der auch für die Planung der futuristischen Talstation Planet Planai sowie für die benachbarte Riesengarage am Berghang verantwortlich ist. „Die meisten neuen Bauwerke sind Solitäre, die wenig Rücksicht auf das Rundherum nehmen. In Summe ist in Schladming in den vergangenen Jahren viel Unkoordiniertes passiert.“ Verantwortlich für dieses Unglück sei unter anderem die Tatsache, dass viele Projekte lange Zeit on hold waren, weil die Finanzierung noch nicht gesichert war. Und dann musste alles Schlag auf Schlag gehen. „Gute Stadtplanung braucht vor allem Zeit“, meint Ritter. „Und die hat hier eindeutig gefehlt.“

Davon kann auch Josef Hohensinn ein Lied singen. Vor einigen Jahren ging der Grazer Architekt als Sieger eines Wettbewerbs für das neue Hotel Schladming der Falkensteiner Michaeler Tourism Group (FMTG) hervor. Und dann passierte lange Zeit nichts. „Letztendlich haben wir erst im April 2012 zu bauen begonnen“, sagt Hohensinn. „Schon im Dezember haben die ersten Gäste eingecheckt. Das war ein Stress!“

Acht Monate Bauzeit für ein Vier-Sterne-Superior-Resort mit 130 Zimmern und allerhand Design-Appeal und Hüttenzauber-Chicness, ist in der Tat rekordverdächtig. Gearbeitet wurde in zwei Schichten, täglich standen die Bauarbeiter bis Mitternacht auf dem Gerüst, erinnert sich Hotelmanagerin Julia von Deines. Von der Hektik ist heute nichts mehr zu spüren. Die Lodenfauteuils und großkarierten Teppiche des Wiener Interior-Architekten Arkan Zeytinoglu versprühen winterliche Romantik. Hinter der Glasplatte knistert das Kaminfeuer. Und Assinger und Hinterseer spazieren durch die Lobby, als seien sie hier schon Stammgäste seit vielen, vielen Jahren.

Kongressstadt Schladming?

Wenige Meter weiter steht die neue Kongresshalle von Riepl Riepl Architekten. Der Holzbau, der während der WM als Mediencenter dient, wurde ebenfalls in weniger als einem Jahr errichtet. Ein Lamellenkleid aus Lärchenholz verleiht dem sonst schlichten, zweckmäßigen Bau ein Minimum an Eleganz. Innen dominieren Stein, Holz und roter Loden an der Wand. In der großen Mehrzweckhalle sitzen Journalisten, Reporter und Kameramänner aus aller Welt. Später einmal sollen hier Kongresse und Großveranstaltungen abgehalten werden.

„Ich glaube, wir haben die Bauaufgabe in architektonischer Hinsicht sehr gut gelöst, aber unter einer nachhaltigen Stadtplanung stelle ich mir etwas anderes vor“, meint Architekt Peter Riepl. „Als wir zu planen begonnen haben, da wussten wir nicht einmal noch, wie das Gelände rundherum aussehen wird. Wir mussten quasi ins Nichts hineinplanen.“

Und das sieht man auch. Dem neuen Stadterweiterungsgebiet im Nordosten der Stadt, in das man durch ein kleines Nadelöhr unter der Ennstalstraße gelangt, fehlt jedes übergeordnete Konzept. Die für sich betrachtet schönen und angesichts des engen Zeitplans durchaus hochwertig gelösten Bauaufgaben stehen völlig zusammenhanglos in der Landschaft herum. Der Städtebau gleicht einem Würfelhusten mit hinausgeschleuderten Brocken aus Holz und Beton.

„Schladming ist ein Chaos geworden“, sagt Riepl. „Und das ist schade, denn obwohl es sich hier um einen klassischen Wintersportort mit all den dazugehörigen Bausünden handelt, hatte die Stadt von jeher einen historischen Kern, der eindeutig die Mitte war. Diese Mitte ist nun verlorengegangen. Schladming sieht heute aus wie eine Tourismusretorte.“

In der Bevölkerung, die sich von der WM und ihren Folgen einen wirtschaftlichen Ruck erhofft, stoßen die Baumaßnahmen nicht nur auf Gegenliebe. „Der Ort ist moderner geworden, und das finde ich sehr gut“, sagt Theresa Schlager, Verkäuferin bei Royer Kosmetik am Hauptplatz. „Allerdings ist der Kontrast zwischen Alt und Neu teilweise doch recht heftig.“ Und Susanne Schuster, Optikerin in der Innenstadt, meint: „Ich find's brutal, was in Schladming passiert ist. Man war wie geblendet von der WM. An die langfristigen Folgen scheint hier niemand gedacht zu haben. Und das, obwohl alle die ganze Zeit von Nachhaltigkeit reden. Aber ich sehe hier keine Nachhaltigkeit.“

Architekten an der langen Leine

Doch, die gibt es, meint Bürgermeister Jürgen Winter, im Gespräch mit dem STANDARD. „Natürlich hat in den letzten Jahren eine gewisse Dynamik vorgeherrscht, und wir mussten der architektonischen Ausformulierung der einzelnen Gebäude eine ziemlich lange Leine lassen“, so Winter. „In Stadtplanungsbelangen kann ich diese Kritik jedoch nicht nachvollziehen. Wir haben intensiv mit Raumplanern zusammengearbeitet und waren sehr darum bemüht, die Zersiedelung zu stoppen und den dörflichen Charakter Schladmings zu erhalten.“

Das bauliche Resultat dieser Bemühungen ist wohl Auslegungssache. Doch wie geht es nach der WM weiter? Fix ist: Schladming will Kongressstadt werden. Die dazugehörige Veranstaltungshalle und die neuen Hotels im Ort eigneten sich dafür perfekt, so Winter. „Es sollte uns gelingen, dass wir das Kongresszentrum weiterhin gut bespielen können. Ich denke, neben Salzburg, Innsbruck und Wien ist Schladming durchaus eine ernstzunehmende Alternative für Kongresse.“

Für 2013 und 2014 gebe es bereits Interessenten. Der Fokus richte sich vor allem auf Firmen und größere Unternehmen. Sie sollen Schladming als Destination für Fortbildungen mitsamt Verwöhnpaketen für ihre Mitarbeiter nutzen. „Nein, wir denken nicht nur bis zur Weltmeisterschaft, sondern weit darüber hinaus“, sagt Bürgermeister Winter. „Die Bauten, die wir errichtet haben, und die Infrastrukturmaßnahmen, die wir getroffen haben, sind eine Investition für die nächsten 20, 30 Jahre.“

Ob dieses Konzept aufgeht, ist fraglich. Für die Alpine Ski-WM 2013 hat Schladming eine gehörige Portion Anabolika geschluckt, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste und Zerstörungen. Den rund 4400 Einwohnern stehen nach Auskunft Winters heute fast 5000 Gästebetten gegenüber. Nicht alle werden gebraucht. Sogar in den zwei Wochen während der WM liegt die Nachfrage weit unter dem Angebot. Die neuen Lifestyle-Hotels sind ausgebucht, die alten Innenstadthotels sind leer.

Schladming ist der Beweis dafür, dass die Summe mittelmäßiger und bisweilen sogar sehr guter Architektur noch lange nichts mit Stadtqualität zu tun hat. Die urbanen Bausünden, die offenbar nicht einmal durch die aktuelle Ski-WM zu rechtfertigen sind, werden der Stadtgemeinde noch lange nachhängen. Das wahre Ausmaß wird sich erst in den nächsten Jahren weisen. Wie sang doch Opus-Frontsänger Herwig Rüdisser am Mittwoch? „And you call when it's over, you call it should last. But every minute of the future is the memory of the past. Live is life.“

25. Januar 2013 Der Standard

Der Architektenflüsterer

Was haben Wolf Prix, Rem Koolhaas und Ben van Berkel gemeinsam? Sie alle jetten regelmäßig nach Boston, um den Unternehmensberater Paul Nakazawa zu treffen.

Er unterrichtet an der Harvard Graduate School of Design, wohnt in einem kleinen Vorort von Boston und berät von seinem kleinen Kabäuschen aus die größten und bekanntesten Architekturbüros der Welt. Die Rede ist vom 62-jährigen Paul W. Nakazawa. Zu seinen jahrelangen Kunden zählen etwa Rem Koolhaas, Moshe Safdie, Ben van Berkel, Rafael Viñoly, Thom Mayne, Martha Schwartz, Snøhetta sowie das Wiener Büro Coop Himmelb(l)au. Worin seine Arbeit genau besteht und was er beim Blick in die Kristallkugel immer wieder zu sehen bekommt, verriet er in einem kostenlosen Gespräch.

STANDARD: Sie arbeiten als Unternehmensberater für Architekten. Was kann man sich darunter vorstellen?

Nakazawa: Meistens ruft mich irgendein Architekt an, der selbst nicht so recht weiß, warum, nur weil ihm irgendein anderer Architekt geraten hat: „Du, ruf einmal den Nakazawa an, der ist echt gut, der kann dir helfen!“

STANDARD: Und dann helfen Sie.

Nakazawa: Ich habe in meinen frühen Jahren schon so viel erlebt und habe selbst schon so viele finanzielle Flugzeugabstürze überlebt, dass ich eines Tages beschlossen habe, mich selbstständig zu machen und meine Expertise einem breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen. Konkret ist es so, dass ich mir anschaue, wie das Büro performt, was das genaue Problem ist und wie man da wieder rauskommt.

STANDARD: Und? Was sind die häufigsten Probleme?

Nakazawa: Reagieren auf die Wirtschaftskrise, Panik vor Veränderung, Fehleinschätzung und generelle Fehlentwicklungen.

STANDARD: Wie wird man Unternehmensberater?

Nakazawa: Ich habe begonnen wie viele andere Architekten auch: in einem Architekturbüro. Mein erster Job war in New York City bei Edward Larrabee Barnes. Das war damals eines der größten Architekturbüros der Stadt. Doch nach einem halben Jahr habe ich gemerkt, dass die Arbeit für mich uninteressant ist, weil ich das Gefühl hatte, zum Erfolg dieses Büros nicht mehr beitragen zu können. Es war schon längst etabliert. Also habe ich Edward Larrabee Barnes verlassen und bin ein Mann des Abenteuers geworden.

STANDARD: Welche Abenteuer zum Beispiel?

Nakazawa: Ach, so viele! Ich habe Jungarchitekten bei der Bürogründung geholfen, habe ganze Unternehmen aufgebaut und habe sogar ein Architekturbüro aus Charlotte in North Carolina an die Londoner Börse gebracht. Das war das erste Mal in der Geschichte, dass ein Architekturbüro an die Börse ging. Wir sprechen hier von 1986! Doch der Erfolg währte nicht lange. Das Büro ging bankrott.

STANDARD: Sie sind also ein Experte fürs Auf und Ab.

Nakazawa: Ja. Meine Spezialität ist das Chaos. Ich bin ein Meister für Höhenritte und für abgrundtiefe Stürze. Wenn man das nicht verkraftet, dann ist man falsch in diesem Job.

STANDARD: Wo fühlen Sie sich wohler? Ganz oben oder ganz unten?

Nakazawa: Ganz oben und ganz unten zu sein fühlt sich eigentlich ziemlich gleich an. In beiden Fällen hat man die Kontrolle verloren. In beiden Fällen ist man in Panik, weil es fast keine Konstanten, sondern fast nur noch Variablen gibt. Ich sage meinen Kunden immer: „Wissen Sie, wenn man Erfolg hat, dann fühlt sich das keineswegs wie das Paradies an! Das ist die Hölle!“

STANDARD: Und wo ist das Paradies?

Nakazawa: Im Bereich der Nulllinie. Im ganz normalen Alltag. In der Komfortzone. Nur wissen das die wenigsten. Da schließe ich mich selbst nicht aus.

STANDARD: Wer sind Ihre Kunden?

Nakazawa: Meine Kunden reichen von kleinen Smart-ups über große Corporate-Unternehmen bis hin zu weltbekannten Designern und Architekten.

STANDARD: Wie finden Sie Ihre Kunden?

Nakazawa: Gar nicht. Die Kunden finden mich.

STANDARD: Wie viele Kunden haben Sie?

Nakazawa: Es gibt weltweit rund 80 Architekturbüros, die ich regelmäßig betreue und begleite.

STANDARD: Wie lauten Ihre Spielregeln für eine Zusammenarbeit?

Nakazawa: Erstens: Wenn du kein Talent in diesem Job hat, dann kann ich dir nicht helfen - auch nicht für viel Geld. Das wäre nur unfair, weil ich ja sowieso nicht behilflich sein kann. Zweitens: Wenn du zwar bankrott und finanziell komplett am Ende, aber dafür auch ein bisschen talentiert bist, dann ist das kein Problem. Bankrott zu sein ist ein temporärer Zustand. Das kriegen wir schon hin. Und drittens: Es interessiert mich nicht, im Notfall einzuspringen, wenn gerade der Hut brennt. Das ist keine Basis für eine funktionierende Zusammenarbeit. Ich will Partner und Begleiter sein.

STANDARD: Schon einmal mit Zaha Hadid oder Frank O. Gehry zusammengearbeitet?

Nakazawa: Die beiden sind schon so weit mit ihrer Karriere, was soll ich da noch tun? Frankie und Zaha sind schon im Olymp. Noch höher geht's nicht.

STANDARD: Stehen Sie nie in Konflikt, wenn Sie mehrere Architekturbüros gleichzeitig beraten?

Nakazawa: Prinzipiell nicht. Jedes Büro tickt anders. Da sehe ich keine Konkurrenz - mit einer einzigen Ausnahme: Wenn sich zwei Büros um das gleiche Projekt bewerben, zum Beispiel in Form eines Wettbewerbs oder Verhandlungsverfahrens, dann muss ich mich zurückziehen. Das wäre ein Verstoß gegen mein eigenes Verständnis von Loyalität.

STANDARD: Wie lange dauert es, bis Sie die Eckdaten und Probleme eines Architekturbüros erfasst haben?

Nakazawa: Bei einem kleinen Büro würde ich sagen: drei, vier Stunden. Bei einem großen Unternehmen vielleicht ein, zwei Tage.

STANDARD: Das reicht für eine Diagnose?

Nakazawa: In der Regel ja. Und das Schönste an dieser Arbeit ist: Die Symptome können sehr ähnlich sein, doch die Diagnose ist immer wieder anders. Es ist wie in der Medizin. Man geht zum Arzt, weil man Rückenschmerzen hat und eigentlich nur eine Tablette gegen Rückenschmerzen braucht, und dann erfährt man, dass man die Rückenschmerzen nur deswegen hat, weil die Nieren nicht in Ordnung sind, weil man Plattfüße hat oder weil man zu viel vor dem Computer sitzt. Ich finde das sehr spannend.

STANDARD: Was war Ihr bisher bester Riecher?

Nakazawa: Es muss 2000 oder 2001 gewesen sein, da habe ich Martha Schwartz, Landschaftsarchitektin und eine Kundin von mir, angerufen und ihr gesagt: „Martha, bau vor! Das nächste Jahrzehnt gehört dir! Mach was draus!“

STANDARD: Das heißt?

Nakazawa: In den Neunzigerjahren haben sich die Auftraggeber vor allem auf singuläre Gebäude konzentriert. Viele tolle Bauwerke sind in dieser Zeit entstanden. Die Architekten wurden in den Medien groß abgefeiert. Ich dachte mir damals: Stimmt schon, wir Menschen wohnen zwar in Bauwerken, aber wir wohnen doch auch zwischen den Bauwerken! Wir leben auf der Straße, im Park, in der Haltestelle. Ich war mir damals sicher, dass die Gesellschaft früher oder später die fachgerechte Planung ihrer Städte einfordern wird. Und so kam es dann auch.

STANDARD: Wo stehen wir heute?

Nakazawa: Wir befinden uns heute in einer Epoche, in der die Bedeutung des Gebäudes mehr und mehr zurückgeht. Der Fokus lautet: Freiraumgestaltung und Infrastruktur.

STANDARD: Wessen Verantwortung ist es, das Dazwischen zu planen?

Nakazawa: Das ist die Verantwortung der öffentlichen Hand! Doch bis die Politik sich dieser Verantwortung und somit auch ihrer Aufgabe als Auftraggeberin öffentlicher Lebensräume wirklich bewusst geworden ist, kann ich jedem Architekten auf dieser Welt nur raten: Carpe diem! Schlagen Sie Ihr Kapital daraus!

STANDARD: Sind Sie Kapitalist?

Nakazawa: Natürlich bin ich Kapitalist. Ich lebe davon! Aber ich bin ein großer Gegner dessen, wie Kapitalismus heute in den USA verstanden wird. Das Wirtschaftssystem in diesem Land polarisiert. Und das ist nicht gut.

STANDARD: Wie viel kostet Paul Nakazawas Blick in die Kristallkugel?

Nakazawa: Nicht viel. Ich stelle meinen Kunden einen ähnlichen Betrag in Rechnung, den sie auch ihren eigenen Kunden verrechnen. Ich habe einen Tagsatz von etwa 5000 Dollar. Wenn jemand durch meine Hilfe an einen Auftrag in der Höhe von fünf Millionen Dollar kommt, dann halte ich mein Honorar für durchaus angemessen.

STANDARD: Wie lauten Ihre nächsten Prophezeiungen?

Nakazawa: Der Immobilienmarkt hat sich dramatisch verändert. Es gibt eine Schieflage. Der Bau von Nordamerika und Europa ist weitestgehend abgeschlossen. Die Gesellschaft stagniert oder geht zurück. Der Bedarf an neuer Architektur hält sich in Grenzen. Die Zukunft liegt in anderen Gesellschaften: in Südamerika, im Nahen Osten, in Indien, Indonesien und China.

STANDARD: Was raten Sie also?

Nakazawa: Ich rate Ihnen, mir so eine Antwort nicht gratis abzuverlangen. Das ist mein Job!

3. Januar 2013 Der Standard

Architekt Johnny Winter gestorben

Vor allem für die von ihm geplante „Sargfabrik“ bekannt

Wien - Wie erst jetzt bekannt wurde, ist der Wiener Architekt Johnny Winter am 26. Dezember im Alter von 63 Jahren seiner Krebserkrankung erlegen. Den meisten Wienern ist Winter wegen der von ihm geplanten „Sargfabrik“ bekannt. Das orangefarbene Wohnheim in der Penzinger Matznergasse, das er 1996 gemeinsam mit dem Büro BKK-2 abwickelte, ist mit seinem türkischen Bad und seinem Veranstaltungszentrum, in dem regelmäßig Konzerte stattfinden, ein auch aus heutiger Sicht innovativer Beitrag zum sozialen Wiener Wohnbau.

29. Dezember 2012 Der Standard

Und ein Schuss Anomalie

Im Parlament haben sich heuer die Ereignisse überschlagen. Es wurde geklagt, angefochten und neu ausgeschrieben. Ob das ein gutes Licht auf die Republik und ihr Verhältnis zu Wettbewerben wirft?

Manche Bauteile sind morsch und durchgerostet. Aufzüge und Stiegenhäuser sind zum Teil schon gesperrt. Und im Sommer letzten Jahres war der Nationalratssaal bereits eingerüstet, um das Dach nach unerwartetem Regensouvenir wieder dicht zu kriegen. Die Opposition ist außer sich.

Die einen sprechen von einer Bude, die bald nur noch für Denkmalschützer und Höhlenforscher zu begehen sei (Werner Kogler, Grüne), die anderen erklären vor laufender Kamera, dass es mitunter gefährlich sei, sich in diesen Räumlichkeiten zu bewegen (Stefan Petzner, BZÖ). Fest steht jedenfalls: 2015 laufen Betriebsgenehmigungen aus. Sollte der Zustand des Parlaments bis dahin nicht deutlich verbessert werden, droht dem Hohen Haus die Sperre durch die Baupolizei.

Der desolate Zustand von Österreichs wohl wichtigstem Gebäude ist Grund dafür, dass der 2008 entschiedene Architekturwettbewerb zur Sanierung des Nationalratssaals in der Zwischenzeit für null und nichtig erklärt wurde. Als vor vier Jahren in seinem Linzer Büro die Sektkorken knallten, ahnte der Wettbewerbssieger Andreas Heidl noch nichts davon, dass ihn die Republik eines Tages schassen würde.

Jahrelang wurden Vorarbeiten geleistet, jahrelang wurde gezeichnet und getüftelt, und nachdem klarwurde, dass im Parlament mehr im Argen liegt als nur der Zustand des Sitzungssaals, wurde Heidl in einem sogenannten „Memorandum of Understanding“ im Februar 2012 zugesichert, dass sein Siegerprojekt in einen großen, weitaus umfassenderen und neu auszuschreibenden Parlamentsumbau selbstverständlich integriert werde. Das Schreiben trägt den Stempel der Republik Österreich und die Unterschrift der Parlamentsdirektion.

„Das wird nicht funktionieren“

Doch daraus wird nun nichts. In einer offiziellen Stellungnahme des Parlaments heißt es plötzlich, dass „geteilte Zuständigkeiten für die Gesamtsanierung und die Teilsanierung des Nationalratssitzungssaales gravierende Schnittstellenprobleme mit hohen Qualitäts- und Kostenrisiken nach sich gezogen hätten“. Im ORF-Report am 30. Oktober erklärte Nationalratspräsidentin Barbara Prammer: „Ich habe lange versucht, das Projekt aufrechtzuerhalten. Doch mir liegt eine ganze Reihe von Rechtsgutachten vor, die mir alle sagen, dass das nicht funktionieren wird.“

Heidl hat die Entscheidung des Parlaments, ein neues Verfahren auszuschreiben und seinen Entwurf nun komplett fallenzulassen, zwar angefochten. Allerdings vergeblich. Am 7. Dezember hat das Bundesvergabeamt seinen Einspruch gegen den Widerruf des Auftrags abgewiesen. Da helfen auch die 675 kürzlich gesammelten Unterschriften der sich solidarisch zeigenden Architekturkollegen nicht weiter. Das einst von der Jury als „sensibel, freundlich und zurückhaltend“ gepriesene Projekt des Linzer Architekten ist tot.

„Das Vorgehen der Republik ist juristisch betrachtet zwar korrekt“, sagt die auf Wettbewerbsausschreibungen und Verfahrensorganisation spezialisierte Wiener Architektin Lisa Zentner. „Allerdings wirft die ganze Parlamentsgeschichte nicht gerade ein gutes Licht auf die Wettbewerbskultur in diesem Land. Wenn das ein Spiegel dessen ist, wie es in Österreich generell abläuft, dann werfen die Geschehnisse der letzten Monate viele, viele Fragen auf.“

Mit offenen, EU-weiten Architekturwettbewerben hat man sich im Parlament schon einmal die Finger verbrannt. Ein Enfant terrible wie dereinst Andreas Heidl als Planungs- und Gesprächspartner? Nicht nochmal! Statt eines anonymen Wettbewerbs soll nun ein nonymes Verhandlungsverfahren mit wettbewerbsähnlichem Charakter - so der offizielle Duktus - ausgeschrieben werden. Ende Jänner soll die Ausschreibung publik gemacht werden.

„Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden“, so Zentner. „Ein solches Verfahren ist durchaus legitim und wird bei großen, komplexen Bauvorhaben oft angewandt. Allerdings frage ich mich, warum man das nicht schon von Anfang an gemacht hat, ohne erst einen EU-weiten, offenen Architekturwettbewerb und die jahrelange Arbeitsleistung eines Architekten zu verprassen.“

Alexis Wintoniak, Parlamentsvizedirektor und Leiter des Projektteams Sanierung, erklärt auf Anfrage des STANDARD: „Zum Zeitpunkt des Architekturwettbewerbs wussten wir über den Gesamtzustand des Gebäudes noch nicht Bescheid. Man kannte zwar punktuelle Zonen, es gab jedoch noch keinen umfassenden Scan. Erst 2010 wurde eine systematische Analyse vom Keller bis zum Dach gemacht. Da kam das ganze Ausmaß zum Tragen.“

Zuerst ein Wettbewerb mit allem Brimborium und danach erst die Auftragserteilung für eine Studie über den baulichen Zustand des gegenständlichen Objekts? Experten halten die Chronologie für wenig nachvollziehbar. „So etwas hätte das Parlament als Auslober natürlich schon von Beginn an wissen müssen“, meint der ehemalige Juryvorsitzende Boris Podrecca, der nun als Fachrichter abermals in der Jury sitzt. „Alles in allem ist in der Reihenfolge der Geschehnisse ein Schuss Anomalie drin.“

Auch das Bundesdenkmal beobachtet schon seit Ewigkeiten die Reparaturarbeiten am Hohen Haus. „Der bauliche Zustand ist schon seit langer Zeit bekannt“, sagt Friedrich Dahm, Landeskonservator für Wien. „Ich bin schon seit 15 Jahren in die laufende Instandsetzung des Parlaments involviert. Seit damals ist schon viel passiert.“

Und Manfred Essletzbichler, Equity Partner und Leiter des Bereichs Vergaberecht bei Wolf Theiss Rechtsanwälte, meint, dass auf dem Projekt ein Riesendruck laste. Die längst überfällige Sanierung sei jahrelang hinausgezögert worden. „Das Neuaufrollen des gesamten Wettbewerbs verstehe ich dahingehend, dass man offenbar eine Höllenangst vor der Opposition hat und nun bemüht ist, die Kosten für die Sanierung des gesamten Hauses niedrig zu halten. Das geht mit einem versierten und abgebrühten Generalplaner, den man im Rahmen eines Verhandlungsverfahrens findet, viel einfacher als in Form eines baukünstlerisch fokussierten Architekturwettbewerbs.“

Kein Segen der Kammer

Am unglücklichsten mit dem Prozedere der Republik ist jedoch die Architektenkammer. Wurde Kammerpräsident Georg Pendl im ersten Wettbewerb 2008 noch mit offenen Armen in die Jury eingeladen, verzichtet das Parlament beim bevorstehenden Verhandlungsverfahren nun lieber auf die Dienste des Standesvertreters.

„Letztendlich haben wir uns mit dem Parlament auf verhältnismäßig gute Teilnahmebedingungen ohne allzu große Präqualifikationshürden einigen können“, so Pendl. „Aber dennoch fürchte ich, dass nicht sehr viele österreichische Büros in der Lage sein werden, bei diesem Wettbewerb mitzumachen.“ Untergrenze für die Teilnahme am Verfahren: zwei Millionen Euro Jahresumsatz.

Wenige Tage vor Weihnachten wurde eine Rochade gemacht. In einer konstituierenden Sitzung am 20. Dezember wurde beschlossen, dass man den Großteil der Juroren „im Sinne der Kontinuität“ (O-Ton Parlament) zwar aus dem ersten Architekturwettbewerbsverfahren übernehmen, den Juryvorsitz aus Gründen der Voreingenommenheit und Bekanntheit der bisherigen Siegerprojekte allerdings tauschen werde. Statt Boris Podrecca wird nun Ernst Beneder an der Juryspitze sitzen.

„In den letzten Monaten ist es uns gelungen, den Schwerpunkt des Verhandlungsverfahrens von einem technokratischen zu einem baukünstlerischen zu verschieben“, so Beneder. „Nach einer ersten nonymen Bewerbungsrunde werden wir zehn Teilnehmer auswählen, die dann anonym ihren Entwurfsvorschlag zur Sanierung des Parlaments ausarbeiten werden. Ohne Hearing und ohne Gesichtsbad. Ich bin zuversichtlich, dass das zu einer ganzen Reihe von hochwertigen Projekten führen wird.“

Zurück an den Start

Ende Jänner startet das Verfahren. Die Auswahlrunde soll im Frühjahr 2013 stattfinden, die Entscheidungsrunde ist für Ende des Jahres anberaumt. 311 Millionen Euro Nettobaukosten gilt es nach heutigem Stand der Dinge einzuhalten.

Am Ende nimmt die Provinzposse um die Sanierung des Hohen Hauses doch noch ein gutes Ende. Durch das Verhalten des Parlaments tun sich jedoch einige ernst zu nehmende Fragen auf:

1. Wie kann es sein, dass ein Auslober erst einen Wettbewerb ausschreibt, um dann im Nachhinein festzustellen, dass alles umsonst war, weil doch mehr zu tun ist als anfänglich gedacht? Das ist nicht nur eine Verschleuderung von kreativen Ressourcen, sondern auch von Steuergeldern.

2. Wie kann die Republik verantworten, dass ein Architekturbüro, das jahrelang Vorarbeiten im Dienste der Öffentlichkeit gemacht hat, nun kurz vor dem finanziellen Ruin steht?

3. Wie will man Bürgermeister und kleine Gemeinden davon überzeugen, in Architekturwettbewerbe zu investieren und auch den Jungen und Unbekannten eine Chance zu geben, wenn selbst Vater Staat vor einem solchen Verfahren ob qualitativer und organisatorischer Bedenken zurückschreckt?

4. Welches Licht wirft es auf Österreich, wenn das wichtigste Bauwerk der Republik, Symbol der Demokratie schlechthin, in der Wettbewerbsabwicklung derartige Brösel macht? Kein anderes Gebäude hätte so sehr eine einwandfreie, saubere und transparente Abwicklung verdient.

5. Die Antikorruptionsorganisation Transparency International ist ab sofort mit an Bord. Und erstmals in der Geschichte der Republik kontrolliert der Rechnungshof nicht rückblickend, sondern begleitend. Eine derartige Armada an Monitoring ist ein Novum. Ist das die Zukunft österreichischer Baukultur?

Tatsache ist: Am Ende des Jahres 2012 ist die Wettbewerbsethik der öffentlichen Hand in Österreich stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Reparatur dieses Bildes wird viel Zeit und Sensibilität in Anspruch nehmen.

22. Dezember 2012 Der Standard

Bühne frei für die Herren Kuhn und Schuller

Kommenden Mittwoch wird in Erl das neue Festspielhaus eröffnet. Der Wohlklang zwischen altem und neuem Bauen ist nicht zu überhören

Am 25. November vor zwei Jahren hat's in Erl, um mit den Worten des Leiters der Tiroler Festspiele, Gustav Kuhn, zu sprechen, gescheppert und gewackelt. An diesem Tag nämlich wurde die erste Tranche der 110.000 Tonnen Fels in die Luft gesprengt. Es sollte dies der brutalste und lauteste Eingriff in das historische Ensemble am Westhang des Eibergs bleiben.

Denn trotz eckigen, kantigen Tarnkappenbomber-Auftritts des neuen Winterfestspielhauses, das da wild entschlossen aus der Waldlandschaft hinausschießt, wird das 1959 von Robert Schuller errichtete Passionsspielhaus, das die Erler Bevölkerung längst in ihr Herz geschlossen hat, in keinster Weise berührt. Mehr noch ist zwischen Altbau und Neubau so etwas wie ein feiner Dialog gebauter Materie entstanden. Kommenden Mittwoch wird das neue Festspielhaus feierlich eröffnet.

„Das Ding ist eine Wucht“, sagt Gustav Kuhn. Stoischen Glücks steht der Festspielchef im hell erleuchteten Foyer seines neuen Hauses und blickt mal nach links und mal nach rechts. „Schauen Sie sich das nur einmal an! Diese zwei Häuser unterhalten sich miteinander! Und trotzdem ist jedes für sich allein betrachtet ein schönes Stück Architektur.“

Kurzes Räuspern. „Dabei muss ich zugeben, dass mir Architekten mit ihrer Sprache manchmal ganz schön auf die Nerven gehen. Das ist, als würde man in der Musik nur mit Adorno sprechen. Grauenvoll! Das will doch niemand hören! Doch in diesem Fall hat die Kommunikation wunderbar geklappt. Wir haben uns gut zu verständigen gewusst.“

Planender Gesprächspartner Kuhns war das Wiener Büro Delugan Meissl Associated Architects (DMAA), das 2007 unter 15 Wettbewerbsteilnehmern als Sieger hervorgegangen war. Die von Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner geforderte Aufgabe war nicht einfach, galt es doch, dem von jeher unbeheizten und im Winter unbenützbaren Passionsspielhaus mit seiner einzigartigen Einbettung in die Natur und seiner ebenso einzigartigen Akustik einen ebenbürtigen Konterpart hinzustellen.

„Das alte Passionsspielhaus von Schuller scheint sich mit seinen weichen Formen in den Berg hineinzudrehen“, erklärt Sebastian Brunke, Projektleiter bei DMAA. „Unser Bau arbeitet auch mit dem Hang, bricht jedoch eher aus dem Bergmassiv heraus.“ Besonders stolz ist man auf das Farbspiel zwischen Schwarz und Weiß: „Es ist ein kontextualisiertes Spiel mit den Jahreszeiten“, so Brunke. „Im Sommer ist es das Passionsspielhaus, das aus der Landschaft hervorsticht, während das Winterhaus unauffällig vor dem dunklen Wald verschwindet. Im Winter, wenn der Schnee liegt, ist es umgekehrt.“

DMAA wäre nicht DMAA, hätte man den vielen Fassadenflächen nicht auch einen mathematisch-geometrischen Algorithmus übergestülpt. Das gesamte Gebäude ist mit dunkelgrauen Faserzementplatten verkleidet, die in zwei unterschiedlichen Formaten auf die Baustelle geliefert wurden. 14.000 Stück dieser viereckigen Puzzleteile, die man als Laie niemals in Verbindung zueinander bringen würde, gibt es insgesamt. Das Vexierspiel ist raffiniert. Ein bisschen erinnert die Struktur an gespaltenen Kalkstein.

Der Raumfluss gibt den Ton an

Ohne Schriftzug und ohne Pomp und Trara findet man mühelos den Weg ins Foyer. Die Architektur - und da würde sich Adorno wahrscheinlich gelangweilt abwenden - spricht eine klare und unmissverständliche Sprache. Nach 43 Stufen hat man das Innere erreicht: weiße Wände, heller Boden, dramatische Geometrie in allen Dimensionen. Hier kommen Delugan und Meissl so richtig auf Hochtouren und setzen die ihnen innewohnende Raumflussidee wie aus dem Effeff in die Realität um.

Trotz Raffinesse haftet dem Foyer etwas Karges, etwas Nacktes an. Ob man auf diese Weise dem unbeheizten, archaischen Schuller-Bau Reverenz erweisen wollte? „Karg? Also, ich weiß nicht so recht“, meint der Projektleiter bass erstaunt und lenkt korrektiv ein: „Lieber bezeichnen wir unsere Architektur als zeitlos elegant und schlicht.“ Ein Interpretationsschuss ins Leere also.

Weder schlicht noch leer, sondern durchaus von einer gewissen feierlichen Mächtigkeit getragen ist schließlich der Zutritt in den hölzernen Festspielsaal. „Es ist, als würde man ein Musikinstrument betreten“, sagt Gustav Kuhn. Entgegen dem weltweiten Trend, multifunktionale Säle für unterschiedliche Nutzungseventualitäten zu schaffen, hat man sich in Erl voll und ganz auf Opern und Konzerte konzentriert. Die Akustikplanung stammt von Bernd Quiring. „Ich halte nichts von diesen mittelmäßigen Mehrzwecksälen“, so Kuhn. „Wir haben hier klipp und klar einen Saal mit einer schönen, langen Nachhallzeit gefordert. Hier ist kein Platz für Sprechtheater und für Kongresse. Hier wohnt die Musik.“

An Boden, Wand und Decke ist gebeiztes Akazienholz verlegt, wobei Zuschauerraum und Bühne fast nahtlos ineinandergreifen. Kein Portal, kein Guckkasten, kein eiserner Vorhang trennt die Musizierenden von den Zuhörenden. Ein bisschen erinnert der Innenraum an einen auseinandergesägten und wieder neu zusammengefügten Geigenkasten. Aus den Spalten der zackigen Holzschuppen dringt gedämpftes LED-Licht. DMAA metaphoriert nicht ganz uneitel von einem „freigelegten Juwel“. Maestro Kuhn: „Akustisch in der Tat!“

Die Gesamtinvestitionskosten des neuen Festspielhauses, das den Erler Betrieb nun auch auf die kalte Saison ausweitet, belaufen sich auf 36 Millionen Euro. 20 Millionen davon stammen von der Haselsteiner-Familien-Privatstiftung, je acht Millionen schossen Land Tirol und Bund zu.

Mit einem jährlichen Heizwärmebedarf von 13 kWh pro Quadratmeter erreicht das Gebäude fast Passivhausstandard. Doch von den technischen Anstrengungen, die in dem fast 37 Meter langen Dachüberstand versteckt sind, ist nichts zu merken. Ganz im Gegenteil. Das Projekt zeugt nicht nur von einem befruchtenden Gespräch zwischen Architekten, Nutzern und Mäzen, sondern ist auch Beispiel für eine respektvolle und zugleich originelle Zusammenspannung von Gegenwart und Geschichte. So gesehen folgt die Arbeit von DMAA und Gustav Kuhn denselben Prinzipien.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag