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Prophet im eigenen Land
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Wer war Hans Adolf Vetter? Architekt, Philosoph, Poet und Womanizer, lebendes Inventar im Café Herrenhof nebst Musil, Broch und Co. Zum Leben und Werk eines wiederzuentdeckenden Wieners (1897–1963).

6. April 2013 - Iris Meder
New York 1982. Der Architekt Felix Augenfeld erinnert sich an seine Wiener Zeit vor 1938. Das Büro in der Wipplingerstraße bestand aus ihm, seinem Partner Karl Hofmann und der Sekretärin Else, der es oblag, „Kaffee zu kochen und mit den beiden Chefs Schach zu spielen, ebenso wie mit Hans Vetter, der fast täglich kam, entweder um auf unserer Maschine ein Gedicht zu tippen oder um sich Geld auszuborgen“. Augenfeld gehörte wie Hans Vetter zum Freundeskreis von Milan Dubrovic, der beide in seinem Buch „Veruntreute Geschichte“ verewigte.

Der Architekt, Poet, Philosoph und Womanizer Vetter war eine der zentralen Figuren des Café Herrenhof, zu dessen lebendem Inventar neben Dubrovic und Augenfeld Köpfe wie Friedrich Torberg, Albert Paris Gütersloh, Leo Perutz, Egon Erwin Kisch, Oskar Maria Graf, Elias Canetti, Joachim Ringelnatz, Hilde Spiel, Gina Kaus, Franz Werfel, Hermann Broch, Robert Musil, Milena Jesenská, Otto Neurath und der junge Peter Lorre zählten. „Patron war nicht mehr Weininger, sondern Dr. Freud; Altenberg wich Kierkegaard; statt der Zeitung nistete die Zeitschrift, statt der Psychologie die Psychoanalyse und statt des Espritlüftchens von Wien wehte der Sturm von Prag“, so Anton Kuh über das legendäre Café. Vetter selbst bemerkte aber auch: „Ich erinnere mich an ganz öde Sonntagnachmittage im Herrenhof, im Sommer – wenn einem das Gehirn verdorrte.“

Die Gefahr des ,Gehirnverdorrens‘ war bei ihm indes kaum gegeben. 1897 geboren, war Hans Adolf Vetter in der von Emil und Yella Hertzka als Komponistenkolonie initiierten, von Josef Hoffmann geplanten Villenkolonie Kaasgraben aufgewachsen, die mit ihren intellektuellen Bewohnern ein Zentrum liberalen Geistes war. Sein Vater Adolf Vetter war Direktor des Gewerbeförderungsamtes, Mitbegründer des Österreichischen Werkbunds, Bundestheater-Chef und erster „roter“ Sektionschef des Landes. Bei Vetters verkehrten Gustav Klimt, Anton Hanak, Egon Schiele und Oskar Kokoschka. Durch sein Elternhaus mit viel Selbstbewusstsein ausgestattet, führte Hans Vetter das improvisatorische Leben eines vielseitig begabten, fantasievollen Bohemiens, basierend ebenso auf einer enormen Allgemein- und Fachbildung wie auf seinem von Witz und Esprit geprägten – so Dubrovic – „lebensfreudigen, bacchantischen Wesen“.

Nach seinem Studium bei Oskar Strnad an der Kunstgewerbeschule war Vetter mit seinem armenischen Kollegen Gabriel Guevrekian bei Robert Mallet-Stevens in Paris tätig. 1924 heiratete er Guevrekians Schwester Lydia. Danach arbeitete er in Wien fallweise mit Strnad oder Hofmann und Augenfeld zusammen und realisierte unter anderem zwei neusachlich schlichte Gemeindebauten. 1931 beteiligte er sich mit Max Fellerer am Wettbewerb für die Siedlung Froschberggründe in Linz. Das Projekt mit zwölf verschiedenen Haustypen errang den ersten Preis – die Typenhausentwürfe der letztlich nicht gebauten Siedlung können heute noch als beispielhafte Kleinhauslösungen gelten.

1932 gab Vetter gemeinsam mit Josef Frank den Band „Kleine Einfamilienhäuser“ mit Entwürfen und Bauten aus dem Werkbund-Umkreis heraus, darunter auch sein 1925 in Mödling gebautes Haus Garay. Vetter konzipierte das terrassierte Flachdachhaus gemeinsam mit dem Bauherrn, der Direktor des Bozner Gewerbeförderungsinstituts und wie Vetters Vater Gründungsmitglied des Österreichischen Werkbunds war. Ebenfalls in Vetters Buch veröffentlicht wurde das gegenüber seinem Elternhaus gelegene Haus Gerzabek.

Der auf ein Arkadengeschoß gestellte würfelförmige Bau mit Zeltdach, der zuletzt im Besitz von Peter Alexander war, ist eine Hommage an Oskar Strnad, der wie Josef Frank ein wichtiges Vorbild Vetters war. In der Wiener Werkbundsiedlung baute Vetter ein quaderförmiges frei stehendes Einzelhaus, dessen zur Straße gewandte Südseite mit ihren dem Goldenen Schnitt angenäherten Proportionen und Symmetrieachsen wie eine Grafik nach allen Regeln der Wiener Moderne komponiert ist, bis hin zur i-Punkt-artigen Rundluke über der Eingangstür. Vetter fand in den Jahren nach 1930 eine schlüssige Semantik für die Bauaufgabe des kleinen Einfamilienhauses Wiener Prägung, das sich trotz seiner bescheidenen Dimensionen als bürgerlich begreift und in seiner selbstbewussten, unspektakulären Modernität auch so definiert.

1933 war Vetter Chefredakteur der neuen Architekturzeitschrift „Profil“, wurde aber bereits nach einem Jahr durch einen mit den ständestaatlichen Doktrinen konformeren Kollegen ersetzt. Nach der Emeritierung Josef Hoffmanns übernahm er dessen Klasse an der Kunstgewerbeschule. Mit dem Anschluss wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ fristlos entlassen, legte er seinen zweiten Vornamen Adolf endgültig ab und emigrierte mit seiner jüdischen zweiten Frau, der polnischen Architekturstudentin Jadwiga Orzul, nach England. 1948 erhielt er einen Lehrstuhl für Architekturphilosophie am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh.

Kontakte nach Österreich bestanden nach wie vor – 1952 begründete Vetter in Salzburg die „Summer School of Architecture“. In dritter Ehe mit der Schweizer Gesangslehrerin Maria Malpi verheiratet, starb Vetter vor 50 Jahren, am 8. Mai 1963, in Pittsburgh. In den USA wird Vetter, einer der vielen vertriebenen Protagonisten des Wiener Kulturlebens, von denen, die ihn kannten, bis heute verehrt.

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