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7. Februar 2014 Bauwelt

Zu wild für Wien

Bürogebäude an der Wiener Rathausstraße 1

Der Wettbewerb für einen Büroneubau an einer Schlüsselstelle im Rücken der Wiener Ringstraße ließ den Teilnehmern alle Freiheiten. Wer sie nutzte, wurde nicht belohnt.

1. Februar 2014 Der Standard

38 Sekunden Öffentlichkeit

Im Jahr nach Gezi plant in der Türkei immer noch der Staat die Stadt. Der Istanbuler Stadtforscher Orhan Esen erklärt, warum.

Vor einem Jahr, im Februar 2013, veröffentlichte der Stadtforscher und Aktivist Orhan Esen den Artikel Taksim 5. November, die Codes eines Putsches. An jenem 5. November 2012 hatten über Nacht die Bauarbeiten am Umbau des größten und wichtigsten öffentlichen Platzes in Istanbul begonnen, mit der von Premierminister Erdoggan forcierten Rekonstruktion einer ottomanischen Kaserne im heutigen Gezi-Park. Was danach passierte, ist bekannt.

Inzwischen wurde der Kasernen-Neubau per Gericht vorerst gestoppt. Gleichzeitig begann im Herbst das nächste Großprojekt, wieder beinahe über Nacht: Rund 70 Hektar Land werden in Yenikapi, am Ufer der Altstadt, im Marmarameer aufgeschüttet. Zwar wurde 2010 ein internationaler Wettbewerb für das Areal ausgeschrieben, den Peter Eisenman gewann, doch die Pläne verschwanden in der Schublade. Stattdessen entsteht nun ein gigantischer, auf den Visualisierungen totalitär anmutender Aufmarschplatz für rund eine Million Menschen. Orhan Esen erklärt im Gespräch mit dem Standard, welchen Interessen der öffentliche Raum in der Türkei ausgesetzt ist.

STANDARD: Sie haben sich schon vor der Besetzung des Gezi-Parks für stadtplanerische Belange um den Taksim-Platz eingesetzt. Worum ging es Ihnen dabei genau?

Esen: Taksim ist das unumstrittene Zentrum Istanbuls. Ein junger Ort, auf den symbolisch alles hineinprojiziert wird, ein richtiger Zankapfel. Es ging uns dabei um mehrere Aspekte: um das eigentliche Kasernenareal, um den Straßentunnel, um den Platz vor der Oper sowie um den Gezi-Park. Noch dazu werden in den angrenzenden Vierteln viele der großartigen Häuser aus den Dreißigerjahren abgerissen und durch billig gemachte postmoderne Bauten ersetzt. All das hätte man öffentlich diskutieren sollen. Das ist nicht passiert. Das Projekt enthielt nur Top-down-Entscheidungen.

STANDARD: Der Umbau gilt als Lieblingsprojekt des Premierministers. Warum plant hier der Staat die Stadt?

Esen: Der Bürgermeister, die lokalen Planungsinstanzen sind völlig von der Bildoberfläche verschwunden. Dafür ist Premierminister Erdoggan relativ aggressiv vor die Medien getreten. Von der Kaserne sind nie detaillierte Pläne veröffentlicht worden. Nachdem wir dann endlich 130.000 Stimmen dagegen gesammelt hatten, hat das Denkmalschutzamt bekanntgegeben, dass ein Wiederaufbau dieser Kaserne nicht zulässig ist. Das Original stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde nie aufgemessen. Der Neubau der Kaserne ist also historisch in keiner Weise korrekt, sondern reine Fantasiearchitektur.

STANDARD: Es erinnert an die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses.

Esen: Die gleiche Konstellation, die ähnlichen Argumente! Aber in Berlin waren sie cleverer und haben die Sache zehn Jahre lang auf Eis gelegt, bis die Opposition eingeschlafen ist, und dann stillschweigend angefangen. Hier wollten sie es in einem Jahr durchziehen. Auch das Kulturzentrum am Taksim, eine Ikone der Nachkriegszeit, wollte man abreißen, genau wie den Palast der Republik in Berlin. Was mit diesem Bau geschehen soll, wird seit 1999 diskutiert. Er steht unter Denkmalschutz, aber heute weiß niemand mehr, was Denkmalschutz bedeutet. Das Gesetz steht auf so schwachen Beinen, dass man fast den Topkapi-Palast abreißen könnte. Es richtet sich ein gewisser Hass Erdoggans gegen alles Moderne.

STANDARD: Warum wird die moderne Architektur so emotionalisiert?

Esen: Weil sie einen ideologischen Hintergrund hat. Die kemalistische Republik wollte sich von der angeblich rückständigen Geschichte loslösen. Dass es auch im 18. und 19. Jahrhundert Modernisierungsbestrebungen gab, wurde dabei völlig unter den Tisch gekehrt. Man wollte den Begriff der Moderne ganz für sich allein beanspruchen. Die postislamistische Bewegung von Erdoggans AKP dagegen will eine geschichtliche Kontinuität herstellen. Das ist an sich nichts Schlechtes. Aber es gerät zur Persiflage, wenn man die Eklektizismen des 19. Jahrhunderts schlecht und kommerziell nachbaut. Das ist eine provinzielle Reaktion auf alles Urbane. So ist ein falscher Kulturkrieg entstanden, in dem beide Seiten auf verkehrten Positionen stehen.

STANDARD: Wie äußert sich dieser Kulturkampf beim Taksim-Projekt?

Esen: Es geht um die Nutzung des öffentlichen Raumes. Im November 2012 wurde der Platz mit großem Polizeieinsatz eingezäunt, 150 Bäume wurden abgeholzt, Straßentunnels wurden errichtet. Wir haben von Anfang an alle Aspekte der Planung kritisiert, auch die politische Dimension der Straßenplanung.

STANDARD: Welche Dimension ist das?

Esen: Das Straßenprojekt verhindert, dass große Mengen zu Demonstrationen auf den Platz kommen, weil die Straßen jetzt voller Tunneleinfahrten sind. Das ist eine Militärarchitektur wie die von Haussmann im Paris des 19. Jahrhunderts. Aber als es darum ging, dagegen zu protestieren, zögerten die Leute. Da ist man sehr technokratengläubig. Mit dem Protest gegen den Bau der Kaserne und die Abholzung der Bäume konnten sich Leute leichter identifizieren.

STANDARD: Warum halten Sie das Thema Auto für so elementar?

Esen: Es ist ein amerikanisches Stadtmodell. Istanbul und Ankara sind in der Antike gewachsen, im Mittelalter, in der Gründerzeit. Es sind Urbeispiele der europäischen Stadt. Die kann man nicht mit dem Modell Miami oder Dubai überbauen. Der Witz ist, dass offiziell mit der Fußgängerfreundlichkeit von Taksim geworben wird. Dabei werden im ganzen Viertel massiv Parkplätze gebaut. Das Zentrum wird durch das Auto erobert. Man ist nur dort Fußgänger, wo man sich vermarkten kann. Der öffentliche Raum als politischer Raum wird abgeschafft.

STANDARD: Wer nutzt den Taksim als politische Bühne?

Esen: Jeden Freitag und Samstag gibt es Flashmobs am Laufband - von politischer Demonstration bis zur Kunstperformance. Feministen, Kurden, Arbeiter, Studenten. Das ist seit 20 Jahren so, eine richtige Istanbuler Tradition. Zehn Leute, die verkleidet sind, und sich etwas Cleveres ausgedacht haben. Am Taksim stehen heute rund um die Uhr Polizei, Krankenwagen und Fernsehübertragungswagen - weil immer etwas passiert. Man nimmt es auf, und die Leute wissen genau, dass sie in den Primetime-Nachrichten maximal 38 Sekunden Zeit haben. Darauf stimmen sie ihre Performance und ihre Botschaft ab. Ansonsten landen die Videos sofort auf Facebook.

STANDARD: Wie ist die Situation heute?

Esen: Sie hat sich verschärft. Der Taksim ist heute ein sehr dionysischer Ort, an dem eine internationale globale Jugend auf der Straße feiert. Seit den Protesten vor einem Jahr wird von Regierungsseite ganz konsequent auf jede Art politischer und künstlerischer Demonstration reagiert.

STANDARD: Stattdessen entsteht zurzeit ein 70 Hektar großer, neu aufgeschütteter Platz am Marmarameer.

Esen: Eine Bevölkerung, die diesen riesigen Platz füllt, kann nur die AKP mobilisieren. Dazu braucht man 50.000 Leute, und dort wird man nur gesehen, wenn es die Mainstream-Medien übertragen. Im Taksim wird es durch die Anwesenden getragen. In Yenikapi gibt es nur Möwen.

STANDARD: Welche Planungsgeschichte hat dieser neue Taksim?

Esen: Gar keine! Die Pläne wurden erst bekannt, als das Gelände schon halb aufgeschüttet war. So viel Fläche, wie Amsterdam in zehn Jahren aufgefüllt hat, wurde hier in nur zwei Monaten aufgefüllt. Es wurde nie diskutiert, nie geplant, einfach nur gemacht.

STANDARD: Gibt es dagegen Proteste der Architekten?

Esen: Es ging alles zu schnell, wir wurden überrumpelt. Während am Taksim Proteste liefen, wurde das Land aufgefüllt. Es fügt sich zu einem Bild zusammen, welchen Begriff vom öffentlichen Raum man hat: nur mit Auto zu erreichen, kommerzialisiert, amerikanisiert.

STANDARD: Wie geht es am Taksim weiter? Ist die Kaserne nach dem Gerichtsbeschluss gestorben?

Esen: Das kommt auf die nächsten Wahlen an. Erdoggan macht im Moment eine extreme Konfrontationspolitik. Wenn er bei den Wahlen Erfolg hat, wird das als Legitimierung für sein Projekt gesehen werden.

Orhan Esen studierte Sozial-und Wirtschaftsgeschichte an der Bosporus-Universität in Istanbul und ist heute als Stadtforscher und Buchautor tätig. 2005 veröffentlichte er gemeinsam mit Stephan Lanz „Self Service City: Istanbul“. Er ist Mitglied von INURA (International Network for Urban Research and Action) sowie Mitbegründer der „Taksim Platformu“ und der YSGP (Grüne und Linke Zukunftspartei).

4. Januar 2014 Der Standard

„Meine Eitelkeit ist schaumgebremst“

Sein Büro gründete er Ende 1973. Er baut viel, sehr viel sogar, und das meistens in Wien. Mit Heinz Neumann sprach Maik Novotny unter anderem über 40 Jahre Architekturschaffen.

Vom Wiener Westbahnhof über den Uniqa-Tower bis zu zahlreichen Wohnbauten: Heinz Neumann ist einer der meistbeschäftigten Architekten Österreichs, und unter diesen einer der österreichischsten, denn er baut so gut wie nie im Ausland. Soeben feierte er sein 40-Jahr-Berufsjubiläum. Anlass für ein Gespräch über Hochhäuser, Vorbilder wie Roland Rainer und Karl Schwanzer, seine Aversion gegen „Computerkastln“, Stararchitektinnen, die schiefe Stiegen bauen, und über das Geheimnis, warum er nachts durch sein Büro geistert.

STANDARD: Sie haben kürzlich Ihr 40-Jahr-Bürojubiläum gefeiert. Ist das Arbeiten als Architekt in diesen Jahren leichter oder schwerer geworden?

Neumann: Schwieriger. Die Randbedingungen mögen die gleichen sein, aber die Flut an Vorschriften, die sich dauernd ändernde Bauordnung, die nicht nachvollziehbare Gesetzgebung, was Erdbeben, Brandschutz und Barrierefreiheit betrifft, ist längst nicht mehr auf dem Boden der Realität. Alle Wohnungen behindertengerecht auszuführen ist ein netter sozialer Gedanke, aber nur ein Prozent dieser Wohnungen wird auch tatsächlich so genützt. Wenn das ein gutes Rechenbeispiel ist, na dann Grüß Gott an die Politik, der ich ja sowieso „Grüß Gott“ sagen will.

STANDARD: Sie erheben in der Öffentlichkeit und Architektenszene eher selten das Wort. Warum plötzlich „Grüß Gott“?

Neumann: Ich habe noch immer nicht den Mut verloren, meine Stimme zu erheben, aber ich habe auch 40 Jahre lang erfahren, dass es eigentlich sinnlos ist. Das sind Mechanismen, die anders funktionieren. Man verlässt den Boden der Realität und verordnet Maßnahmen, die vielleicht politisch positiv, in Wirklichkeit aber grundsätzlich falsch sind.

STANDARD: Zum Beispiel?

Neumann: Ich kann unseren Politikern nur raten, nach Holland zu fahren und sich dort anzuschauen, wie man effizient und kostengünstig bauen kann. Dort darf eine Türe noch 60 Zentimeter breit sein! Und wenn sich jemand so ausfrisst, dass er dann nur noch durch eine 80 Zentimeter breite Tür hindurchpasst, dann baut man ihm eben eine Sonderkonstruktion ein. Bei uns wird man schon verklagt, wenn man eine falsche Türschnalle montiert! Als Roland Rainer seinerzeit erfahren hat, dass die Türen nur mehr 65 Zentimeter breit sein dürfen, hat er gesagt: „Jetzt hör i auf! Jetzt interessiert's mi nimmer.“ Da war er sehr konsequent.

STANDARD: Ist Roland Rainer ein Vorbild für Sie?

Neumann: Ich bin in einem Rainer-Haus aufgewachsen, in einem Zimmer mit sechs Quadratmetern: ein Bett, ein Schreibtisch, ein Kasten. Es war traumhaft! Rainer war mit meinem Vater befreundet und ist bei uns ein und aus gegangen. Mein Vater mochte Pflanzen, und Rainer hat zu ihm gesagt: „Warum steht da ein Ficus? Du hast doch draußen einen Garten!“ Er hatte eine genaue Vorstellung davon, wie seine Häuser zu nutzen waren. Das war ein Tyrann! Aber ein sehr lustiger Tyrann. Und für den Wohnbau hat er Unbeschreibliches geleistet.

STANDARD: Hat sich Ihre Art zu arbeiten in den 40 Jahren verändert? Sie gelten ja als nicht besonders computeraffin.

Neumann: Woher wissen S' denn das? Aber ja, es stimmt, ich bin ein architektonisches Urgestein. Und darauf bin ich stolz. Ich setze mich an die Reißschiene und skizziere die Sachen. Die seelenlose digitale Zeichnerei, um ehrlich zu sein, interessiert mich nicht wirklich. Die Seele der Architektur - das sind Entwurf und Details, und die sind immer noch schöner, wenn sie aus dem Kopf kommen und nicht aus dem Computer.

STANDARD: Viele Bauten wären heute ohne Computer weder baubar noch entwerfbar. Stichwort: Zaha Hadid.

Neumann: Das Zeichnen mit dem Computer hat Auswirkungen auf die Ästhetik der Gebäude. Und was Zaha Hadid betrifft, empfehle ich Ihnen, in der neuen WU-Bibliothek die Stiegen anzusehen, über die man im Seitenschritt hinaufgehen muss, und die Geländer, die das Zehnfache eines normalen Geländers kosten! Da frage ich Sie ganz aufrichtig: Hat das noch mit sparsamer Architektur für die öffentliche Hand zu tun, wenn sich jemand aus Jux und Tollerei mit unbrauchbaren Baudetails in Szene setzt? Das bitte schrei- ben S'!

STANDARD: Halten Sie es abgesehen vom finanziellen Aspekt auch für schlechte Architektur?

Neumann: Es ist nicht sinnhaft. Wenn sich irgendeine Bank am Pariser Platz in Berlin eine Wuchtl von Herrn Gehry leistet und dann in Konkurs geht, ist das okay. Bei der öffentlichen Hand aber bin ich dagegen. Schauen Sie sich einmal einen Campus vom Bill Gates an! Das sind die schlichtesten Gebäude, aber dort wird Weltgeschichte der Wissenschaft geschrieben. Bei uns hingegen wird eine Bibliothek gebaut, die von Formalismen und Verschwendungssucht geprägt ist. Das hat mit sinnhafter Architektur nichts zu tun.

STANDARD: Was ist denn sinnhafte Architektur?

Neumann: Eine, die genau dem Zweck entspricht, den sie zu erfüllen hat, und nicht mit überzogenen Architektonismen spielt.

STANDARD: Haben diese Architektonismen in Zeiten der Stararchitektur zugenommen?

Neumann: Ja. Es ist ein Unding.

STANDARD: Sie haben Ihre Laufbahn im Büro eines Stars der früheren Generation begonnen, nämlich bei Karl Schwanzer. Wie haben Sie die Arbeit mit ihm in Erinnerung?

Neumann: Ich war von Schwanzer sehr beeindruckt, weil er eine unbeschreibliche Dynamik und Spontaneität hatte. Bei ihm galt: Architektur ist keine Wissenschaft, sondern Architektur heißt: probieren. Das habe ich von ihm übernommen, und manche Angewohnheiten auch.

STANDARD: Welche?

Neumann: Na ja, wie er sich räuspert, wie er spuckt und so weiter. Und wie Schwanzer geistere ich in der Nacht immer im Büro herum. Nur kann ich heute leider nicht mehr auf die Pläne schauen, weil die alle in dem digitalen Kastl drin sind. Aber ich schaue mir halt an, was an ausgedruckten Plänen so herumliegt.

STANDARD: Sie waren unter anderem an der Planung seines berühmtesten Baus, des Vier-Zylinder-Hochhauses für BMW in München, beteiligt.

Neumann: In der Entwurfsabteilung haben wir damals zu fünft mit dicken Bleistiften herumgekritzelt, so lange, bis wir schwarze Finger hatten. Eines Tages lag dieses Ding (zeichnet den Umriss des BMW-Hauses auf, Anm.) am Papier, und wir sagten uns: „Na, des wär a Hetz!“ Und anschließend landete es wie vieles im Papierkorb. Als ich am nächsten Tag ins Büro kam, hatte Schwanzer den Plan aus dem Mistkübel geholt, glattgestrichen und darüber geschrieben „Weitermachen so! Schwanzer.“ So wurde es dann auch gebaut.

STANDARD: Sie bauen sehr viel, das meiste davon hier in Wien. Gab es in 40 Jahren denn keine internationalen Ambitionen?

Neumann: Das ist sehr leicht zu beantworten. Erstens gibt es in Österreich neun Bauordnungen und in jedem Ausland auch eine eigene. Im Grunde ist es einfacher, wenn man dort baut, wo man die Bauordnung kennt. Zweitens bereitet die Distanz oft Probleme. Und drittens geht es um die Sprache. Solange ich hier genügend zu tun habe, werden sich meine Anstrengungen, in Ägypten oder Brasilien zu bauen, in Grenzen halten. Und nachdem meine Eitelkeit schaumgebremst ist, sage ich Ihnen: Wenn ich hier schöne Sachen bauen kann, dann mache ich das auch.

STANDARD: Gibt es nach 40 Jahren noch unerfüllte Wünsche?

Neumann: Jeder hat unerfüllte Wünsche. Sie werden meinen nicht verstehen, wenn Sie noch niemals in Dubai waren. Ich war schon etliche Male dort und setze mich jedes Mal in ein Hotel, von dem aus man direkt auf den Burj Khalifa blickt. Dieses Haus ist für mich ein Weltwunder von einer unbeschreiblichen Eleganz und Ästhetik. Der Entwurf stammt von Skidmore, Owings & Merrill, einem Büro mit einer sehr langen Architekturtradition, und deshalb ist jedes Detail dort perfekt. Mei, des Haus is schön! Wenn ich die Chance hätte, so etwas zu bauen, und wenn's nur halb so hoch ist - ich würde alles dafür geben.

STANDARD: Und wie? Planen Sie, weiter nachts durchs Büro zu streifen? Oder sagen Sie wie Roland Rainer „Jetzt interessiert's mi nimmer“?

Neumann: Ich werde so lange arbeiten, wie es mir Spaß macht. Das ist eine diplomatische Antwort.

14. Dezember 2013 Der Standard

Oh, wie schön ist . . . Styropor?

Pro und contra Verpackungswahn: Führen schaumgedämmte Fassaden in die Sackgasse? Architekten suchen nach Auswegen.

Es ging hoch her, vor drei Jahren bei der „Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“ in Düsseldorf. Damals gerieten sich ein junger grüner Oberbürgermeister und ein renommierter Großarchitekt in die Haare. Und das über ein so sprödes wie ödes Thema: Wärmedämmung. Der Erste - Boris Palmer aus Tübingen - plädierte dafür, wenn nötig auch die jahrhundertealten Fachwerkhäuser seiner hübschen Altstadt in Styropor zu hüllen. Der andere - Hans Kollhoff - sah das Ende der Baukultur nahen. Es folgten Debatten über den „Dämmwahn“, der Stuck und Klinker hinter Styropor verschwinden ließ.

Seither sind die lauten Streitgespräche in Deutschland und Österreich verklungen, doch das Thema ist nicht vom Tisch, im Gegenteil. Spricht man dieser Tage mit Architekten, hört man immer mehr Stöhnen über die zunehmende Flut an Normen, die Industrieprodukte in den Bau hineinreklamieren. Neben Brandschutz und Barrierefreiheit ist es vor allem die Wärmedämmung, die den Architekten Unbehagen bereitet. Fassaden flächendeckend mit Ölschlamm zuzukleben, das könne es eigentlich nicht sein. Trotzdem kommt man vor allem im Wohnungsbau heute um die 20 oder mehr Zentimeter Wärmeschutz kaum herum.

Dabei ließe sich das einheitliche Verpacken durchaus infrage stellen. Der 2011 vom Bundeskanzleramt veröffentlichte Baukulturreport analysierte, dass Bauten aus den Jahren zwischen 1945 und 1960 energetisch am schlechtesten abschneiden, vor allem Einfamilienhäuser. Hier sei daher durch Sanierungen am meisten herauszuholen. Dicht bebaute Stadtviertel stehen ohnehin nicht zu schlecht da.

„Es stimmt, dass sich die Architekten zurzeit mehr wehren, es ist eine richtige Bewegung entstanden, als Reaktion auf die Vorschriftenflut“, sagt Dietmar Steiner, Direktor des Wiener Architekturzentrums (AzW). Als einer der vehementesten Styropor-Gegner lässt er kein gutes Haar am Hartschaum: „Ich war schon in den 80er-Jahren dagegen, damals war die Technik noch nicht so ausgereift, da ist die Dämmung in nassen Fetzen von der Fassade gehangen.“ Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Technologie zu beenden, weil er sie „tektonisch widerlich“ finde.

Weiter ausgereift ist die Technologie zwar inzwischen, doch das ändere, so Steiner, nichts daran, dass man damit auf dem falschen Weg sei. „Man braucht das Zeug nicht! Es ist ein reines Resultat des Lobbyismus, und es wird obendrein meist falsch verarbeitet. In 20 Jahren wird das ein riesiges Problem, wenn man die ganze Chemie zu entsorgen versucht!“ Die Kritik vieler Architekten resultiert nicht nur aus chemischem Unbehagen, sondern auch aus Sorge um die Ästhetik des Stadtbildes: Proportionen gingen in der Aufschäumung verloren, noch dazu würden die Nordseiten trotz Fungiziden im Putz nach Jahren zu schimmeln beginnen, der Wartungsaufwand sei enorm.

Pro: Besser als gar nichts!

Der grüne Bürgermeister aus Tübingen, Boris Palmer, hält auch heute noch an seiner Position fest: „Wärmedämmverbundsysteme sind für die Häuslebauer am günstigsten, und es ist immer noch besser, als nichts zu tun“, sagt er. „Das heißt nicht, dass man alles zukleistern muss. Ich hatte auch nie vor, unsere ganze Altstadt in Styropor zu packen. Den Rest sind wir aber in den letzten Jahren massiv angegangen, wir verpacken wie die Weltmeister!“

Die Forderung nach Schönheit statt Styropor ist für Palmer zweitrangig, wenn es um Energie geht. „Ich verstehe die Aufregung unter den Architekten, finde es aber unsinnig, wenn sie die Dämmung abschaffen wollen. Was die Ästhetik betrifft, überhöht da die Zunft ihre Leistungen. Die Masse der Bauten aus den 50er- und 60er-Jahren ist ja nicht besonders ästhetisch.“

Auch die Industrie ist in die PR-Offensive gegangen und wirbt inzwischen mit dem Begriff der architektonischen Qualität um die Gunst der Öffentlichkeit: Die „Qualitätsgruppe Wärmedämmsysteme“ lobt jedes Jahr den Ethouse Award aus - mit dem Preis für 2013 wurden im November vier Bauten, darunter ein zum Passivhaus saniertes Wohnhaus in Klosterneuburg-Kierling aus dem Jahre 1979, ausgezeichnet.

Abseits aller bauphysikalischen Fragen geht es nicht zuletzt um das Stadtbild: Will man Straßen für Straßen im dicken Chemiepullover-Look? Der Weg der Architekten, die hier nach Auswegen suchen, führt nicht selten zurück zu den Wurzeln des einfachen Bauens. Sie entdecken den Mehrwert der massiven Wand wieder, die Wärme speichert und dabei optisch in Würde altert. Ein erster experimenteller Ansatz war die Mustersiedlung 9 =12 in Wien-Hadersdorf, die 2007 den Sichtbeton vor das Plastik setzte.

Heute versucht man, den Schaumstoff ganz zu eliminieren. In Berlin bauten Zanderroth Architekten ein Mehrfamilienhaus mit 55 Zentimetern Leichtbeton und sonst nichts. In Österreich tun es ihnen Architekten wie Dietmar Eberle gleich, dessen styroporloses Bürohaus „2226“ in Lustenau ohne Dämmung auskommt (DER STANDARD berichtete).

Ein Münchner Büro wiederum geht einen anderen Weg: Hild und K Architekten haben soeben ein Buch zum Thema herausgegeben. Der Tenor: Wenn man schon nicht um Wärmedämmsysteme herumkommt, sollte man zumindest versuchen, damit zu arbeiten.

„Die Architekten werden durch gesetzliche Vorschriften und wirtschaftliche Zwänge heute gezwungen, Wärmedämmverbundsysteme zu verwenden, gegen die sie zum Teil zu Recht, zum Teil aus Gründen der Sozialisation, Vorbehalte haben“, sagt Architekt Andreas Hild. Das heißt: Sie wurden in der Tradition der Moderne ausgebildet, in der „Echtheit“ höchstes Gebot war. Hild habe selbst auch gewisse Vorbehalte. Trotz dieser Vorbehalte hat er sich dem Thema pragmatisch genähert. Weil es sonst niemand tut. „In Deutschland kann man ein Haus ohne Genehmigung und ohne Architekten dämmen. Wenn sich Architekten nicht zuständig fühlen, führt das zu unkontrollierter Zerstörung. Wir versuchen, konstruktive Lösungen zu liefern.“

Mit ihren Projekten versuchen Hild und K Architekten, aus der Notwendigkeit das Beste zu machen, das heißt den sonst flach verklebten Stoff zu schichten und zu schnitzen, sodass eine Fassade mit baukünstlerischem Mehrwert entsteht: Das Styropor wird dreidimensional. Stilmittel oder nur Fassadenkosmetik? Für Andreas Hild eine Antwort auf die Sachzwänge der Zeit. „Wenn wir dämmen wollen, werden die Bauten sich verändern. Aber auch wer Dämmen ablehnt, muss yeine Maßnahme ergreifen, um Änderungen kommt man nicht herum. Oft genug hat sich die Geschichte durch äußere Vorschriften verändert.“ Ob sie sich ihn nun zunutze machen, ersetzen oder bekämpfen: Das Ringen der Architekten mit dem schön-schiachen Schaum hat erst begonnen.

7. Dezember 2013 Der Standard

Für eine Handvoll Blattgold

Die Sofiensäle leben wieder: Das Alte wurde synergetisch aufgewogen durch einen Neubau, der dagegen eher alt aussieht.

Es war eine Gesellschaft, die man sonst an diesem Ort selten antrifft: Was am Montagabend in der Marxergasse im 3. Bezirk opernhaft betucht den Taxis entstieg, war von eher erstbezirklicher und döblingesker Anmutung, in einer Gegend, in die sich sonst außer den Bewohnern gerade mal Hundertwasser-Touristen verirren. Die Wiedereröffnung der Sofiensäle verdiente es in der Tat, das zu oft verwendete Beiwort „feierlich“.

Eine Feier, die wohl die meisten Gäste vor kurzem für unwahrscheinlich gehalten hatten. „Noch vor drei Jahren hätte niemand daran geglaubt, dass das möglich ist“, so beschrieb es Projektentwickler Erwin Soravia. Exakt zwei Jahre ist es her, dass mit der Restaurierung des Veranstaltungssaals begonnen wurde. Mehr als zehn Jahre war dieser damals schon als dachlose Ruine dem Zahn von Zeit und Witterung ausgesetzt gewesen, nach dem verheerenden Brand im August 2001.

„Die letzten Monate waren absolut herausfordernd“, so Oliver Schreiber vom Denkmalamt bei der Eröffnung. „Es ist nicht gerade alltäglich, ein Objekt in diesem Ausmaß partiell zu rekonstruieren.“ Die Erleichterung über das Happy End eines langen, zähen Ringens war ihm anzumerken. Kein Wunder: Denn in den langen, von Gleichgültigkeit, Vernachlässigung und Rat- und Tatenlosigkeit geprägten Leidensjahren des geschichtsträchtigen Etablissements war es vor allem das Denkmalamt gewesen, das die „Sofie“ mit regelmäßigen Appellen aus dem scheinbar in alle Ewigkeit verlängerten Nahtoderlebnis befreit hatte.

Dabei ist es weniger die Einzigartigkeit der Bausubstanz der Logen, Balkone und Pilaster, die nun in blattgoldverzierter Pracht wiederauferstanden sind, die die Sofiensäle so schützenswert machte, sondern die kumulierte Ereignisdichte aus 163 Jahren, die selbst für das vergangenheitssatte Wien ungewöhnlich ist. Die Namen Johann Strauß, Arthur Schnitzler, Karl May, Heinrich Himmler, Bruno Kreisky, Willy Brandt und Drahdiwaberl seien hier nur als willkürlicher Auszug genannt.

Auch eine Expertise des Architekten Manfred Wehdorn, der auch für die Wiedererrichtung der 1992 ebenfalls durch Brand zerstörten Redoutensäle der Hofburg verantwortlich zeichnete, attestierte den Sofiensälen 2002 vorrangig kulturelle und weniger baukünstlerische Werte. Anders als die höfischen Redoutensäle seien die vorstädtischen Sofiensäle seit je ein Rahmen für die Selbstdarstellung des Bürgertums gewesen. Dennoch war es die bauliche Raffinesse, die den 2700 Personen fassenden Saal so beliebt machte: 1838 als „Sofienbad“ errichtet, wurde es 1848 von den späteren Architekten der Hofburg, August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll, ausgebaut, weitere Umbauten folgten 1870 und 1899 mit der repräsentativen Straßenfassade. Im Inneren war der Bau mit dem temporär abgedeckten Schwimmbecken ein so simpler wie intelligenter Multifunktionssaal mit oft gerühmter Akustik.

All dies endete am 16. August 2001, als der Saal nach Flämmarbeiten am Dach niederbrannte. Schon drei Wochen später stellten die Eigentümer, die Sofiensäle AG des Baumeisters Julius Eberhardt, den Antrag auf Aufhebung des seit 1986 bestehenden Denkmalschutzes.

„Wohnungen sind ein Muss“

Das Bundesdenkmalamt wies den Antrag zurück, die Eigentümer verharrten in demonstrativem Abwarten, unterbrochen durch Beseitigung der nicht denkmalgeschützten Teile des Baus. „Die Ruine bleibt so stehen, wie sie ist. Sie ist dem Zahn der Zeit ausgesetzt, wie es einer Ruine zusteht. Und wenn nicht eine vernünftige Lösung zustande kommt, wird sie irgendwann zusammenfallen“, verkündete Eigentümervertreter Karl Pistotnik im Jahre 2004. Ein städtebaulicher Wettbewerb mit fünf geladenen Architekten brachte zwar Ideen und eine Änderung der Flächenwidmung, doch keinen Investor. Neben dem Denkmalamt schien sich nur noch eine Bürgerinitiative für das Gemäuer zu engagieren.

Dies schien sich 2006 mit dem Kauf des Grundstücks durch die (teils stadteigene) ARWAG zu ändern, doch es folgten noch weitere Jahre Tatenlosigkeit, garniert mit abwechselnden Absichts- und Armutserklärungen. Mal sollte ein Hotel errichtet werden, dann Hotels und Wohnungen, auch universitäre Nutzungen wurden angedacht. Ein manifester Wille oder gar Plan war jedoch nicht zu erkennen. 2010 erwarb die IFA AG, eine Tochter der Soravia Group, das Gelände, die Hotelpläne wurden begraben, stattdessen sollten nur Wohnungen um den restaurierten Saal gruppiert werden. Von 22 Millionen Euro Kosten war die Rede, nach Abschluss der Arbeiten sind es nun 50 Millionen. 109 Einzelinvestoren waren am Bauherrenmodell beteiligt, das die Realisierung möglich machte. 47 geförderte und 21 frei finanzierte Wohnungen wurden von Architekt Albert Wimmer errichtet.

„Wohnungen sind ein Muss, um den Standort zu beleben“, erklärte Erwin Soravia. Hier das Investitionswagnis Sofiensaal, auf der anderen Seite der Wohnbau als sichere Anlage: Das Betongold wiegt das Blattgold auf. An einem Bauplatz mitten im Wohngebiet ist das durchaus sinnvoll, und doch: Betrachtet man die Volumen, die sich beidseits des Saales und straßenseitig auch darüber aufschichten, erinnert dies unweigerlich an die hinter die Spähscharten des Wiener Gasometers geschichteten Wohntorten: sozialer Wohnbau als universale Wiener Verfügungsmasse, die sich unterscheidungslos in jedes beliebige Volumen füllen lässt.

Gehäuse für Erinnerungen

Zumindest scheint die Fassade, die mit ihren Loggien eine steinern-massive quasi Pariser Großbürgerlichkeit ausstrahlen soll, die von den Grundrissen dahinter aber nicht eingelöst wird und hofseits in eine standardisierte Stapelung mündet, zu suggerieren, dass die Symbiose zwischen Alt und Neu in erster Linie eine finanzielle war. Formal ist vom großzügigen Bürger-Glamour des Saales nichts in den Wohnbau hineindiffundiert.

Und der Saal selbst? Manche der ersten Besucher fühlten sich bei der Eröffnung an die weiß-goldene Grellheit neureich-russischer Oligarcheninterieurs erinnert, doch dies war vielleicht nur der Festbeleuchtung geschuldet. Oliver Schreiber vom Denkmalamt war stolz auf die Wiederbelebung in Stuck und Gold: „Die Stukkaturen waren stark beschädigt und verwittert. Zu Projektbeginn waren noch etwa 50 Prozent des Bestandes vorhanden.“ Die auffälligste und angesichts der Projektgeschichte nicht unironische Manifestation der Gegenwart sind die dunklen, überbreiten Rahmen der Türen und Fenster zwischen Saal und Foyer: Deutlicher kann ein Baudetail kaum „Brandschutz!“ rufen. So wirkt jetzt paradoxerweise das ursprünglich Alte - der Saal - brandneu und das Neue - der Wohnbau - vergleichsweise brav. Vielleicht wird sich das über die Jahre nivellieren. Angesichts der schon mehrmals mit letzten Ölungen versehenen Ruine ist jedoch das unverhofft Gerettete und Rekonstruierte schon der größte Wert. Und sei es nur als Gehäuse für Wiener Erinnerungen.

23. November 2013 Der Standard

Hochaktiv in passiver Mission

Sie holen das Passivhaus aus der Häuslbau-Nische: poppe*prehal Architekten aus Steyr haben sich der Energieeffizienz verschrieben und lassen dieses Know-how in kantige Gewerbebauten münden. Da kann ein Logistikzentrum auch mal ganz aus Holz daherkommen.

Spricht man heute von Passivhäusern, haben die meisten noch immer unweigerlich das Bild eines bis zum Anschlag gedämmten Monopolyhauses auf der grünen Wiese vor dem geistigen Auge, energetisch gefinkelt, aber architektonisch brav und unspektakulär. Dabei beschränkt sich die ambitionierte Energieeffizienz heute längst nicht mehr auf Wohnhäuser, und muss auch nicht im Strickpulli-Look daherkommen.

Der Neubau für einen Metallbetrieb in Wien-Liesing, der vor kurzem fertiggestellt wurde, nimmt sich beispielsweise sehr schnittig und fesch aus, mit scheinbar unsparsamem Verglasungsanteil obendrein. Verantwortlich für das heiz- und kühlautarke Gebäude mit Wasserspeicher und Fotovoltaik sind die Architekten Helmut Poppe und Andreas Prehal vom Büro poppe*prehal in Steyr, das sich seit der Gründung vor 13 Jahren dem energieeffizienten Bauen verschrieben hat.

„Schon unser erstes Projekt war ein Passivhaus“, erinnert sich Helmut Poppe. "Damals nannte man das noch „Solararchitektur“, ein richtiges Unwort, das nach Birkenstockschlapfen klingt. Wir wollten zeigen, dass es auch zeitgemäßer geht." Einfamilienhäusern leistet man sich heute noch zweimal pro Jahr, die Mehrzahl der Projekte von poppe*prehal sind inzwischen Gewerbebauten und öffentliche Bauten wie Schulen und Kindergärten. Dafür reizen die Architekten den Tätigkeitsbereich weit aus, agieren als Generalplaner und scheuen auch nicht vor der Entwicklung eigener Prototypen zurück.

2009 entwickelte man im Rahmen eines EU-Projektes in vierjähriger Forschungsarbeit für den Firmensitz der Eine Welt Handel GmbH im steirischen Niklasdorf ein Fassadensystem namens eco²building, was dem Bau eine Nominierung für den Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit bescherte.

„Wir haben uns gefragt, warum eigentlich nur Einfamilienhäuser Passivhäuser sein sollten und nicht auch Gewerbebauten. Gerade dort legen die Auftraggeber Wert auf einen hohen Vorfertigungsgrad und kurze Bauzeit, man kann also technisch einiges herausholen“, sagt Helmut Poppe. In Hightech-Spielereien will man sich jedoch nicht verlieren: „Auch mit weniger Technik kann man erfolgreich sein. Man braucht nur einen gewissen Hausverstand.“

Dies und ambitionierte Auftraggeber. So kann auch ein Logistikzentrum wie jenes der Firma Schachinger in Hörsching (OÖ) komplett als Holzbau errichtet werden - ungewöhnlich, präsentieren sich Lagerhallen in der Regel doch als Trapezblechdesaster.

Die Bauten weisen dabei durchwegs eine kantige Form auf. Helmut Poppe scheut die oft gebrauchte „Kisten“-Vokabel nicht: „Das hat weniger mit Energieeffizienz zu tun oder damit, dass ein Gebäude unbedingt möglichst kompakt sein soll. Diese Stringenz entspricht unseren Vorstellungen von Architektur. Es ist keine Architektur, die schräg sein will.“

25. Oktober 2013 Der Standard

My Home Is My Wonderland

Das Trio Share Architects aus Wien setzt bei seinen Bauten auf Offenheit und Durchblicke zwischen Innen und Außen

Die Anfänge waren geradezu beispielhaft kosmopolitisch. Als sich Hannes Bürger, Silvia Forlati und Thomas Lettner 2003 in Wien zusammenschlossen, kamen zwei von ihnen gerade aus Singapur, studiert hatte man in Italien, den Niederlanden und Japan, gearbeitet unter anderem bei Zaha Hadid. Dazu passend war das erste Projekt das Leitkonzept für die erfolgreiche paneuropäische Wanderausstellung Wonderland, deren pixelgroße Tafeln monatelang durch sämtliche europäische Hauptstädte tourten.

So global hätte es weitergehen können, doch die drei Architekten blieben hier. „Damals habe ich noch nicht einmal Deutsch gesprochen“, erinnert sich die gebürtige Italienerin Silvia Forlati. Von weltläufiger Schnittigkeit allerdings der Büroname: Share. „Ein Gebäude wird ja erst in der Zusammenarbeit ermöglicht. Es ist ein Prozess des gemeinsamen Findens“, erklärt Silvia Forlati den Namen.

Barrierefreie Offenheit

Heute ist das Büro fest im konkret gebauten Österreich verwurzelt. Der Durchbruch kam mit dem Gewinn des Wettbewerbs für die Palliativstation des Wiener Wilhelminenspitals (mit Raum-Werk-Stadt Architekten), die 2012 fertiggestellt wurde. Um den Patienten Schutz vor Einblicken und trotzdem viel Bewegungsradius zu geben, bekam der breit angelegte Bau helle Atrien eingestanzt, und nachdem die Zimmer allesamt Richtung Grün orientiert wurden, gelang es, einen Großteil des Baumbestands zu erhalten - eine barrierefreie Offenheit zwischen Innen und Außen, die mittlerweile so etwas wie ein Markenzeichen geworden ist.

Ihr jüngstes Projekt, das im September eröffnete Bürgerservice-Zentrum in Ossiach, holt ebenso die Landschaft ins Haus. Der multifunktionale Doppelpavillon steht leicht erhöht neben dem altehrwürdigen Stift. „Durch eine faltbare Fassade kann der Saal zum Außenraum geöffnet werden“, sagt Silvia Forlati. „Und die Stufen auf der Terrasse sind als Bühne für Hochzeiten und Veranstaltungen nutzbar, ohne dass man jedes Mal eine Behelfskonstruktion bauen muss.“

Maximale Raumnutzung

Eine Methode, die auch bei Bauaufgaben zur Anwendung kommt, bei denen es für gewöhnlich enger zugeht: den Wohnbauten. Das yachtweiße Badehaus an der Alten Donau, das fast nur aus einer zwischen Innen und Außen oszillierenden Terrasse besteht, ebenso wie Geschoßwohnbauten, die trotz engen räumlichen und finanziellen Korsetts mit großen Loggien und geräumigen Stiegenhäusern Platz und Luft schaffen. „Es geht uns um die maximale Raumnutzung, um eine Großzügigkeit über das Minimum hinaus“, sagt Forlati.

Ist es die Offenheit der globalen Erfahrung, die diese Luftigkeit in die Entwürfe bringt? „Ich weiß nicht, ob man das im Ergebnis sieht“, meint die Architektin. „Es ist mehr ein mentaler Internationalismus. Die Nähe zum Kunden und zur Baustelle sind uns wichtiger. Der österreichische Markt ist spannend genug.“ Wonderland ist eben überall.

Kurz & bündig

Ihr Büro in drei Worten? Offen, verlässlich, spannend.
Der beste Ort für Ideen? Zwischen uns dreien.
Bleistift oder Computer? Beides!
Wie viel arbeiten Sie? 220 Stunden im Monat.
Was würden Sie gerne bauen? Eine Bar (Hannes), mehr Wohnbau (Silvia), etwas Großes (Thomas).
Ihr größter Erfolg? Dass wir noch da sind.
Ihre größte Niederlage? Disqualifiziert beim Wettbewerb wegen einer falsch gespeicherten PDF-Datei.
Ihr Lieblingsurlaubsland? Italien.
Letzter Gedanke am Abend? Was morgen passieren wird.
Alternativjob zur Architektur? Alle drei: keiner!

19. Oktober 2013 mit Wojciech Czaja
Der Standard

Bauordnung muss brennen!

Wir blicken 25 Jahre in die Zukunft: Was wird am 19. Oktober 2038 an dieser Stelle zu lesen sein? Österreichische Architekten und ihre Twitter-Visionen.

heri & salli, Wien
Ökostadt in Weiß: Fantastische Aussichten! Hochgebirgscity in den Alpen für 100.000 Einwohner steht kurz vor dem Spatenstich.

Johannes Baar-Baarenfels, Wien
Schwechat: Terminal 5 eröffnet. Gebäude adaptiv gegenüber Umwelteinflüssen. Neues Bewusstsein für gesellschaftliche Relevanz von Architektur.

Martina Hartl, t hoch n
Energiebewusstes Bauen ohne jegliche sklavische Unterwerfung an die Dämmstärkenvorgaben der Kunststoffindustrie!

Barbara Imhof
Liquifer Systems Group
Die Stadt als Raumschiff: Zusammenleben in verdichtetem Raum, Integration technologisierter Natur, effizientes Haushalten mit Ressourcen.

Sabine Pollak, Köb & Pollak
Im Oktober 2038 berichtet das ALBUM über neueste Bandstadt-Projekte auf funktionslos gewordenen Autobahnen zwischen Wien, Berlin und Paris.

Boris Podrecca, Wien
Kleinkariert war gestern. Hurra! Wien, bislang einzige europäische Hauptstadt ohne herzeigbaren Hauptplatz, eröffnet heute moderne Piazza.

Sandra Knöbl, Labour of Wood, Wien
Breaking News: Österreichische Bauordnung ist endlich einem auf dem Modulor basierenden Manifest für Ästhetik und gebaute Umwelt gewichen.

Wilfried Krammer, Wien
Vom temporären Pilotprojekt zur Realität: Nonmotorisierter Netzplan für Wien fertiggestellt. Ein Projekt von European Smart Cities Austria.

Roland Gruber, nonconform architektur vor ort
In 25 Jahren wird die Architekturseite täglich erscheinen. Sie wird dann „Ein schöner Land“ heißen und brennheiße Lebensthemen aufgreifen.

Wolf Prix, Coop Himmelb(l)au
Die Architekturkritik im STANDARD wird im Wirtschaftsteil in Form von Rechtsgutachten und Bilanzberichten zu lesen sein. Traurig, aber wahr.

Margarethe Cufer, Wien
Egal. Da bin ich tot. Wenn es mit den Vorschriften so weitergeht, ist es ohnehin besser, die Häuser von Juristen planen zu lassen.

Peter Riepl, Riepl Riepl, Linz
Die Erde ist abermals kleiner geworden. Doch die Architektur öffnet neue Spielräume und macht unsere Welt wieder unermesslich.

Gernot Hertl, Steyr
Das Streben nach gutem Raum gab es immer. Doch kaum vorstellbar: Vor 25 Jahren gab's noch Zersiedelung und Kernzonensterben!

Gerhard Saile, Halle 1, Salzburg
Verschandelung gestoppt! Nach Einführung des Unterrichtsfachs „Raumordnung und Architektur“ durch Bundesregierung 2014 Erfolg erkennbar.

Jakob Dunkl, querkraft architekten
Mit neu geschaffenem Ministerium für Baukultur betont die Regierung die gesellschaftspolitische Relevanz von Architektur und Raumordnung.

Markus Bogensberger, HDA Graz
Österreichisches Architekturmuseum feiert 20-jähriges Bestehen. Außenstellen in den Bundesländern haben sich als Publikumshit erwiesen.

Arno Ritter, aut, architektur und tirol
2013: Wenn die Sonne der Baukultur niedrig steht, werfen sogar architektonische Zwerge lange Schatten. 2038: Architektur = Qualität = Alltag

Gerhard Kopeinig, Velden
Österreich wird frei! Frei von architektonischem Getöse.

Patrick Jaritz, IG Architektur
Wünsche mir am 19. Oktober 2038 folgende Schlagzeile: „Erstmals zwei Architektinnen für Friedensnobelpreis nominiert!“

Gernot Ritter, Hofrichter Ritter Architekten, Graz
Friedensnobelpreis an Architektin verliehen!

Martin Haller, Caramel
Wissenschaftlich erwiesen: Wenn Architekten träumen. Gute Architektur ist in kollektivem Bewusstsein gespeichert und wartet auf Erweckung.

Gabu Heindl, Wien
Eröffnung des 200. Wiener Gemeindebaus seit Wiederaufnahme von Gemeindebau im Jahr 2014. Und: Evaluierung des Gesamtschulbau-Programms.

Silja Tillner, Tillner & Willinger
Die Stadt 2038: Vertikale Fassadenbegrünungen und Bäume in allen Straßen haben das Stadtklima verbessert. Alle wollen in der Stadt leben.

Sigfried Loos, polar, Wien
Gehweg und Fahrweg fließen zusammen: Das neue Projekt ist eine urbane Landschaft, die mit den Echtstoff-Gebäuden verwoben ist.

Albert Wimmer, Wien
Die Zukunft gehört dem Universal Design, das für so viele Menschen wie möglich nutzbar ist. Und: Am Cover Baukultur statt Immobilienkultur.

Maria Flöckner und Hermann Schnöll
Neue Möglichkeitsräume! Dafür tut, frei nach Rudofsky, nicht eine neue Bauweise, sondern ein neues Gesellschaftsmodell not.

Karin Triendl, triendl und fessler
Als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen werden lokale Ressourcen bestimmend. Qualitätsvolles und Gutes erhält einen neuen Stellenwert.

Marion Wicher, yes architecture
Das Recht auf Licht, Luft und Architektur in einem schadstoffreinen Lebensumfeld wurde nun schriftlich verankert.

Florian Haydn, 000y0
Bauordnung hat Gültigkeit verloren: Das Bauen wird schwieriger, die Menschen bauen gemeinsam - ohne Architekt.

Edgar Spraiter, Geistlweg Architektur, Oberalm
In 25 Jahren werden Architekten in Dienstleistungsfirmen die Änderungen für das nächste Update von Web-Bauteilkonfigurationen erarbeiten.

Christina Schinegger, soma, Wien und Salzburg
Hoffentlich werden die Konzepte und Baumethoden, die wir zurzeit entwickeln, in 25 Jahren einer breiten Allgemeinheit zur Verfügung stehen.

Verena Konrad, Vorarlberger Architekturinstitut
Meine Vision für 2038: Qualitätsvolle Verdichtung und Verständnis von Baukultur als fixer Bestandteil des Nachdenkens über soziale Räume.

Christoph Achammer, ATP, Innsbruck
Team aus Architekten, Ingenieuren und Geisteswissenschaftlern hat Wien-Bratislava zur lebenswertesten nachhaltigen Stadt der Welt gekürt.

Gerda Gerner, gerner gerner plus, Wien
Anpfiff zur WM 2038 im ersten beambaren Stadion der Welt von gerner gerner plus architekten. DER STANDARD ist live dabei!

Robert Diem, franz architekten
Nach 30 Jahren Fightclub hat sich die Diskussion über Architektur von kleinen Büros in eine breite Öffentlichkeit verlagert.

Matthias Finkentey, IG Architektur
Architektur ist die Entscheidung kompetenter, kreativer und mutiger Bauherren. Möge das Standard werden.

Pia Anna Buxbaum, Archicolor
Angenehmes Raumklima und ressourcenschonendes Bauen sind heute schon selbstverständlicher Teil guten Designs.

Sebastian Illichmann, Wien
Seitdem Normen und Bauordnungen radikal vereinfacht wurden, macht das Bauen wieder Spaß!

Georg Poduschka, PPAG
Leben und Wohnen im Wandel! Ausgerechnet die Architektur, eine bis dahin erzkonservative Disziplin, hat diese Evolution ausgelöst.

Stephan Ferenczy, BEHF
Wettbewerbe wegen Vermögensvernichtung abgeschafft! EU-Steuerfreibetrag für Architekturleistungen wirkt sich positiv auf gebaute Umwelt aus.

Wolfgang Kaufmann, Linz
Renaissance der Immobilienentwicklung: Politik, Bauherren und Nutzer vertrauen wieder auf Qualität und Lösungskompetenz der Architekten.

Heinz Neumann, Wien
Wow-Architektur ist passé! Die Architektursprache spiegelt den verantwortungsvollen Umgang mit knappen Energie- und Rohstoffressourcen wider.

Sonja Gasparin, gasparin & meier, Villach
Auf dass sich eine riesige Verdaumaschine der schlechten Architektur annehme und der so produzierte Humus immun sei gegenüber Bau-Unkultur!

Bettina Götz und Richard Manahl, Artec Architekten
Aufgrund von Verknappung der Mittel wurde eine ganze Reihe widersinniger Bauvorschriften im Bereich der Normen und Gesetze abgeschafft.

Elke Delugan-Meissl und Roman Delugan, DMAA
Mit der Auflösung heutiger Lebensgewohnheiten wird sich der Wohnraum künftig zu etwas Unlesbarem, Ungeplantem, Herausforderndem verwandeln.

Marta Schreieck, henke und schreieck architekten
Heute ist der Kampf härter denn je. Ich wünsche mir daher, dass der Job in 25 Jahren wieder so viel Spaß machen wird wie vor 25 Jahren.

Michael Anhammer, SUE Architekten
In 25 Jahren schauen wir unverbissen und lächelnd auf unser Werk. Die Haftpflicht hat uns nicht gekündigt. Und es gibt Pension für uns!

Dietmar Steiner, Architekturzentrum Wien
Was soll sich ändern? Und warum?

13. Oktober 2013 Der Standard

Wie Menschen wohnen wollen

Ein Film des Urbanisten Reinhard Seiß macht sich auf die Suche nach dem Geheimnis glücklichen Wohnens abseits der Häuslbauer-Siedlungen.

Der Wohnbau ist die älteste und doch komplizierteste Aufgabe der Architektur. Über die Frage, was genau der Mensch wirklich braucht, um glücklich zu hausen, herrscht zwischen Häuserl im Grünen und Wohnblocks von der Stange keineswegs Einigkeit.

Vier Wohnbauten sind es, die der Stadtplaner und Autor Reinhard Seiß in seinem Film Häuser für Menschen - Humaner Wohnbau in Österreich porträtiert. Darunter vermeintlich Bekanntes wie Harry Glücks Wohnpark Alt-Erlaa in Wien und Roland Rainers Gartenstadt Puchenau bei Linz sowie die „Sargfabrik“ in Wien-Penzing von BKK-2/BKK-3 Architekten und die Wohnanlage Guglmugl in Linz von Fritz Matzinger, die beide unter Beteiligung der Bewohner entstanden.

Bewohner, die sich im Film rundum zufrieden zeigen. Reinhard Seiß erklärt im Interview, was das Wohnen in diesen Bauten so besonders human macht.

STANDARD: Ein zweistündiger Film, der sich vier Wohnbauten widmet. Was macht gerade diese Beispiele so besonders?

Seiß: Ich wollte Best Practices zeigen, die etwas Ikonenhaftes haben, und Architekten, die Pioniere waren und eine eigene Philosophie entwickelten. Und ehrlich gesagt: Sehr viele andere Beispiele wären mir da nicht eingefallen. Natürlich haben auch andere Architekten den einen oder anderen guten Wohnbau gemacht, aber nicht in dieser Konsequenz wie die vier porträtierten Wohnbau-Überzeugungstäter.

STANDARD: Was macht das Wohnen in diesen Häusern so besonders human?

Seiß: Ganz wesentlich sind qualitätsvolle private und gemeinschaftliche Freiräume. Die Sargfabrik hat zum Beispiel einen Dachgarten für alle Bewohner. Ebenso wichtig scheint die Förderung sozialer Kontakte sowie die Möglichkeit, das Wohnumfeld selbst gestalten zu können. Bei Rainer und Matzinger kann das jeder Bewohner in seinem kleinen, aber eigenen Garten tun, Harry Glück stellte den Mietern große Pflanztröge auf die Terrassen - und in der Sargfabrik gestaltet jeder seinen Abschnitt des Laubengangs.

STANDARD: Harry Glück begründet das mit elementaren Bedürfnissen wie der Nähe zur Natur. Verändern sich die menschlichen Grundbedürfnisse nie?

Seiß: Ich halte es schon für etwas hysterisch, wenn es heißt: „Wir leben im Internetzeitalter und brauchen daher einen neuen Typus von Haus, eine neue Form von Stadt!“ Der technische und gesellschaftliche Fortschritt im 20. Jahrhundert vor Einzug des Internets war viel gravierender als das, was seither passiert ist. Unser Versagen heute liegt darin, dass wir es nicht schaffen, diese Modelle entsprechend weiterzuentwickeln.

STANDARD: Fritz Matzinger hat sich von Exkursionen nach Afrika inspirieren lassen, Roland Rainer vom informellen Bauen. Sind diese anthropologischen Zugänge zur Architektur heute selten geworden?

Seiß: Nicht viele Architekten verfolgen einen breiteren philosophischen Ansatz. Forderungen wie „Architektur muss brennen“ zielen eher auf baukünstlerische Effekte ab und lassen Architektur als Selbstzweck erscheinen. Das ist allen vier Architekten im Film fremd, für sie ist das äußere Erscheinungsbild ihrer Bauten zweitrangig. Wobei etwa Roland Rainer trotzdem ein begnadeter Ästhet war, der unglaubliche Raumatmosphären geschaffen hat.

STANDARD: Die Zersiedlung wird von allen Beteiligten im Film stark kritisiert. Ist das Einfamilienhaus also inhuman?

Seiß: Inhuman würde ich es nicht nennen. Es ist eher eine finanzielle Falle, in die viele hineintappen. Das Fatale an den vielen Einfamilienhäusern betrifft ja nicht deren Bewohner, sondern unsere Gesellschaft und vor allem die nachfolgenden Generationen. Sprich, die volkswirtschaftlichen Kosten der ineffizienten Infrastruktur, die ökologischen Folgen der Autoabhängigkeit oder der horrende Bodenverbrauch durch Zersiedlung.

STANDARD: Fritz Matzinger sagt im Film: „Wenn es ordentlichen Wohnbau gäbe, bräuchten wir keine Einfamilienhaussiedlungen.“ Wo muss man da ansetzen?

Seiß: Leider bietet der Immobilienmarkt qualitätvolles Wohnen in verdichteter Form so gut wie nicht an. Die Politik könnte und müsste dies forcieren. Unsere Städte zerfallen mehr und mehr in monofunktionale Wohn-, Konsum-, Büro- und Gewerbegebiete und verlieren damit an Lebensqualität.

STANDARD: Ist der Trend zu Baugruppen wie in der Seestadt Aspern ein Schritt in die richtige Richtung?

Seiß: Ja, und es ist ein bedenkliches Zeugnis für die Wohnbauträger, dass immer mehr Menschen dazu bereit sind, mehrere Jahre lang Zeit und Engagement in die Entwicklung eines Wohnbaus zu investieren, anstatt eine schlüsselfertige Wohnung zu übernehmen.

STANDARD: Zeigen die vier Beispiele, dass Tucholskys „Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße“ doch kein Ding der Unmöglichkeit ist?

Seiß: In substituierter Form, ja. Alt-Erlaa ist vielleicht das eindrucksvollste Beispiel für die Möglichkeit einer solchen Synthese aus Stadt und Land. Es handelt sich weder um ein klassisches urbanes Grätzel noch um das herkömmliche Wohnen im Grünen, aber beides wird hier mit nur geringen Abstrichen geboten.

STANDARD: An welche Zielgruppe richtet sich der Film - angehende Häuslbauer oder Fachpublikum?

Seiß: Zuerst hatte ich die Dokumentation für ein breites Publikum konzipiert. Mittlerweile denke ich aber, dass der Film auch den professionellen Wohnbau-Akteuren etwas zu sagen hat. Die Kritik der im Film interviewten Architekten zumindest zielt nicht so sehr auf die Häuslbauer als auf den eigenen Berufsstand ab.

verknüpfte Publikationen
- Häuser für Menschen

28. September 2013 Der Standard

Raue Kleider für den eleganten Kern

Salzburg-Kasern hat sich in den letzten Jahren zum Modestandort für Großhandelskunden entwickelt. Das Gusswerk-Areal setzt dabei auf Industriehallen im Loft-Look und urbane Mischung statt Monokultur.

Salzburg - Dort, wo Salzburg im Nordosten langsam ins ländliche Hügelland übergeht, wächst seit einigen Jahren eine ganz spezielle Monokultur heran. Im Ortsteil Kasern, in unmittelbarer Nähe der Westautobahn, hat sich ein Cluster an Modeunternehmen angesiedelt, die sich vor allem an Großhandelskunden wenden, die auf übersichtlichem Raum auf das Angebot dutzender bekannter und unbekannter Labels zugreifen können.

Während der Großteil dieser insgesamt neun Fashion-Foren auf der grünen Wiese entstand, hat sich ein Unternehmen am südlichen Rand auf einen speziellen Look spezialisiert: Mode im Industrieloft. Auf dem Gelände der ehemaligen Glockengießerei fanden die Investoren Michael Mayer, Marco Sillaber und Erich Walketseder von der Gusswerk Eventfabrik GesmbH einen gut nutzbaren Baubestand vor, der sich mit überschaubarem Aufwand zum Showroom adaptieren ließ. Die Gießerei Oberascher war 1919 in den Ortsteil Kasern gezogen, bis 2003 wurden hier Glocken gefertigt. Nach der Pleite des Industriebetriebs bot sich die Kreativindustrie als Nachnutzerin des preisgünstigen Areals geradezu an.

„Es gab einige Firmen und Labels, die speziell das Industrielle gesucht haben“, erklärt Geschäftsführer Marco Sillaber. „Räume mit rauem Loftcharakter, die architektonisch im Hintergrund bleiben, damit sich der Kunde auf die Mode konzentrieren kann. Gerade für Großkunden ist das attraktiv“. Zur Adaptierung der Bauten wurde 2004 ein geladener Architektenwettbewerb ausgeschrieben, dessen Sieger die Fabrikhallen um jeweils ein bis zwei Bauteile in zeitgemäß edel-industriellen Materialien ergänzten.

„Es sollten keine hübschen, aufwändig herausgeputzten Bürogebäude mit 2,50 Metern Raumhöhe sein, sondern echte Lofts, mit Materialien wie Sichtbeton und transluzenten Glaslamellen“, so Sillaber. 2008 wurde die Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Bauherrenpreis ausgezeichnet. „Man kommt dorthin und fühlt sich nicht in Österreich, schon gar nicht in Salzburg. Eher am Rand einer großen europäischen Stadt“, urteilte damals die Jury über das raue Ensemble.

Die rund 15.000 Quadratmeter Fläche waren bald vergeben, die Nachfrage blieb jedoch ungebrochen. Im August 2012 wurde nach knapp einjähriger Bauzeit mit demselben Architektenteam (CS-Architektur, Hobby A, LP Architekten, Strobl Architekten) die nächste Stufe des Gusswerks fertiggestellt. Rund 13 Millionen Euro nahm man dafür in die Hand, insgesamt 28.500 Quadratmeter vermietbare Nutzfläche stehen nun zur Verfügung. Die Einheiten umfassen 150 bis 800 Quadratmeter, die Mietpreise betragen je nach Lage und Ausstattung 10-15 Euro/ m², alternativ dazu gibt es eine Kaufoption, rund ein Viertel der Kunden hat davon Gebrauch gemacht.

„Es handelt sich vom Typ her nicht um eine Mall, sondern die einzelnen Firmen finden sich in ihren eigenen Bereichen wieder“, so Geschäftsführer Sillaber. „Jedes Objekt ist von außen erkennbar, nicht irgendwo versteckt. Jeder hat seinen eigenen Eingang. So wird für die Firmen eine Adresse geschaffen“.

Und da die Kreativindustrie nicht gut als Monokultur gedeiht, finden hier neben der Modebranche auch Gastronomie, Unternehmen aus der Werbebranche und eine „Hotel-Design-Werkstatt“ für Hoteliers und Architekten Platz. Daneben versucht man mit Events die Stadtbewohner ins Modeviertel zu locken.

Ein Jahr nach der Eröffnung des letzten Bauteils zeigen sich die Betreiber zufrieden - bis auf wenige Restflächen ist man auch hier ausgelastet. Raum für die nächste Stufe wäre vorhanden: „Wir haben noch etwa 7800 Kubikmeter gut auf dem Areal, das sind etwa 2200 Quadratmeter Nutzfläche“.

Mit dem Bau will man aber noch warten - schließlich haben die Gusswerk-Betreiber schon das nächste Industrieobjekt entdeckt: die ehemalige Panzerhalle der Struberkaserne in Salzburg-Maxglan, deren 10.000 Quadratmeter zurzeit in multifunktionale Industrielofts umgebaut werden.

28. September 2013 Der Standard

Bühne frei für das Familienstück!

Einfamilienhaus klingt einfach - doch eine Familie ist eine komplexe Sache. Wie man sie dennoch unter einen Hut bringt, zeigt ein täuschend einfaches Haus von FRANZ Architekten.

Eichgraben - Ein eigenes Haus baut man sich nur einmal, heißt es oft. Wie aber gelingt es, dass ein Haus alle möglichen Konstellationswechsel von Klein- zur Großfamilie und wieder zurück bewältigt, ohne teure, aber ungenutzte Kubikmeter zu produzieren? Erwin Stättner hat sich genau diese Gedanken gemacht, als er mit Frau und kleinem Kind von Wien aufs Land ins niederösterreichische Eichgraben zog. Da er praktischerweise selbst Architekt ist (Büro FRANZ, mit Sitz in Wien), hat er die Lösung gleich umgesetzt. „Wir haben ein kleines altes Haus gesucht, denn wenn ein Architekt sein eigenes Haus komplett selbst plant, braucht das Jahre, und wir wollten rasch einziehen.“

Nicht lange danach kam das zweite Kind, ein Jahr später das dritte. Die Bauherrenmutter bot sich zur Betreuung an und brauchte daher auch zumindest einen temporären Wohnraum. Ein Anbau musste her.

Nach eineinhalb Jahren Planen, Finanzieren und Bauen war es 2012 so weit: Eine knapp über der Grasnarbe schwebende, mit diagonalen Holzlamellen verkleidete Box hat sich dem simplen Satteldachhaus dazugesellt. Dafür war ein Stück Eigenleistung vonnöten: Die Holzfassade, die sich sogar über Dach und an der Unterseite um die Box wickelt, entstand mit tatkräftiger Hilfe der Kollegen. Insgesamt sechs Kilometer Holzlatten wurden ausgemessen, zugeschnitten und montiert.

Das sieht von außen einfach aus, birgt aber eine Flexibilität, die eine ganze Menge familiärer Zukunftsszenarien in sich aufnehmen kann. Szenario Gegenwart: drei Kinder, die in einem 90-Quadratmeter-Spielzimmer herumtollen, darunter eine Einliegerwohnung für die Großmutter.

„Das Erdgeschoß kann später in vier Zimmer geteilt werden“, erklärt Bauherr-Architekt Erwin Stättner, „es hat Anschlüsse für Hochbetten und Bäder, im Boden gibt es eine Sollbruchstelle für eine Stiege ins Untergeschoß und in der Wand für eine Tür in den Garten.“ Clevere Bautechnik im Dienste der Nestwärme: Schließlich soll den Kindern in allen Phasen des Aufwachsens der richtige Raum geboten werden.

„Der Altbau ist ein bescheidenes Haus, dafür sollten die Kinder im Zubau mehr Platz haben, damit sie vielleicht länger bei uns bleiben“, so Stättner. Zurzeit schlafen die Kinder, wenn sie des Spielens müde sind, noch im Altbau unterm Dach, Bauherr und Gattin in einer Nische im Stiegenhaus.

Für die nächsten Schritte ist die Bühne bereit - auch eine Praxis für die Frau des Bauherrn, von Beruf Ärztin, ist möglich. „Man kann die Zukunft nicht vorausplanen, also muss das Haus eben alle Stücke spielen können.“

Ein Jahr nach dem Einzug kündigt sich schon der nächste Akt im Familienstück an: Die älteste Tochter wird zum zehnten Geburtstag nächstes Jahr ihr eigenes Zimmer bekommen. Weitere Bewegungen auf der Bühne werden folgen. Irgendwann, so Erwin Stättner, gebe es dann vielleicht nur noch den Kühlschrank als verbindendes Element zwischen dem Altbau-Nest und der Box für den flügge werdenden Nachwuchs.

7. September 2013 Der Standard

Hinaufgeflogen aus Ruinen

Städte schrumpfen und wachsen, erfinden sich neu. Die Soziologin Anne Power erklärte beim Forum Alpbach, was „Phoenix Cities“ sind.

Wachsende und schrumpfende Städte waren das Thema der diesjährigen Baukulturgespräche beim Europäischen Forum Alpbach. Anhand des akuten Problemfalls Detroit und ausfransender Siedlungsteppiche in Mitteleuropa diskutierten die Fachleute zwei Tage lang darüber, wie man dieser gegenläufigen Trends Herr werden kann.

Die britische Professorin Anne Power forscht seit Jahrzehnten an der London School of Economics über Städte, Wohnungsnot und Armut. 2010 veröffentlichte sie das Buch Phoenix Cities über den Fall und Wiederaufstieg europäischer Industriestädte. Mit dem STANDARD sprach sie in Alpbach über Stadterneuerung, Supermaterialien und Martin Luther King.

STANDARD: Ihr Buch über europäische Industriemetropolen trägt den Titel „Phoenix Cities“. War der Begriff Ihre eigene Idee?

Power: Ja. Die Symbolik des Vogels, der nach Jahrhunderten zu Asche zerfällt und vorher ein goldenes Ei legt, hat mich sehr fasziniert. Ich habe die Mythologie recherchiert, von Ägypten bis Harry Potter. Es ist einfach ein schönes Bild für Städte. Es kommt auch besser an als „kämpfende Städte“ oder „Weak Market Cities“.

STANDARD: Was versteht man unter „Weak Market Cities“?

Power: Städte, die früher von einer bestimmten Industrie dominiert waren, die jetzt scheinbar verschwunden ist. Schiffswerften, Stahlwerke, Logistikzentren, Textilmanufakturen. Sie haben also ihre wesentliche Basis verloren.

STANDARD: Wie können diese Industriemetropolen zu selbsterneuernden Phönixstädten werden?

Power: Das kommt darauf an. Sheffield und Lille waren schon im 19. Jahrhundert industrialisiert, in italienischen Städten wie Turin zum Beispiel passierte das erst in den 1950er-Jahren. In Bilbao ist die Erneuerung am besten gelungen, weil die Stadt schon immer kleine Unternehmen hatte und dazu einen starken Finanzsektor. Städte, die eine solch vielfältige Wirtschaft haben, erholen sich schneller als die, die nur auf ein Pferd gesetzt haben.

STANDARD: Fällt das größeren Städten leichter?

Power: Man kann hier keine klare Grenze ziehen, aber im Großen und Ganzen tun sich Städte unter 100.000 Einwohnern schwerer als Großstädte. Am schwierigsten ist es bei diesen „hingeklotzten Orten“, wie ich sie nenne, also Gegenden, in denen die Regierung beschlossen hat, zusätzliche Wohngebiete hinzustellen. Diese Orte erneuern sich schwer, weil sie kein Evolutionsbewusstsein haben und sich nirgendwo zugehörig fühlen.

STANDARD: Wird sich die Geschichte von Niedergang und Erneuerung in den heute stark industrialisierten Ländern wie China wiederholen?

Power: Das passiert jetzt schon. In China gibt es heute Städte, die genau das sind, was unsere Industriestädte vor 30 Jahren waren, zum Teil ist ihre Infrastruktur jetzt schon veraltet. Städte im Pearl River Delta leiden unter Umweltverschmutzung und problematischen Arbeitsverhältnissen. Manche Industrien wandern schon nach Thailand, Bangladesch oder Malaysia ab. Also: Ja, der Wandel ist dort nur eine Frage der Zeit. Man kann mit Ausbeutung von Ressourcen auf lange Sicht keine Industrie erhalten.

STANDARD: Sind Umweltfragen für die Städte heute wichtiger als früher?

Power: Wir waren vor kurzem im Ruhrgebiet, wo die alten Stahlwerke von den Chinesen auseinandergebaut und nach China abtransportiert wurden. Die Ruhr war 150 Jahre lang biologisch tot - und wenn die Chinesen uns das nachmachen, wird es ihnen ökologisch genauso ergehen. Das ergibt aber wirtschaftlich keinen Sinn.

STANDARD: Warum?

Power: Es gibt im Englischen die schöne Redensart „Mit dem Vorschlaghammer eine Nuss knacken“. Das heißt, man benutzt ein viel zu schweres Werkzeug. Wir haben das in den Zeiten der industriellen Revolution genauso getan. Heute wissen wir es besser. Sheffield und Manchester sind heute Zentren des Advanced Manufacturing.

STANDARD: Was versteht man darunter?

Power: Das heißt, es wird immer noch Stahl hergestellt, aber er ist optimiert und hochtechnisiert, fast unzerstörbar! Man kann ihn präzise schneiden und braucht dadurch weniger Rohstoffe.

STANDARD: Haben Europas Städte also noch einen Vorsprung durch Technik?

Power: Ja. Viele unserer Städte haben sehr alte und einflussreiche Universitäten. Die haben einfach weiter Ingenieure produziert, auch als es keine Industrie mehr gab. Irgendwann hat man entdeckt, dass das ein Vorteil sein kann. Lille, Bilbao und Turin haben gesponserte Arbeitsstätten eingerichtet, um die klügsten Absolventen in der Stadt zu halten. Die Tradition hat sich also ungebrochen erhalten. Das Resultat sind Stadtverwaltungen und Universitäten, die mit der industriellen Vergangenheit verbunden sind und sie zukunftsfähig machen. So kam es, dass in Manchester das Supermaterial Graphen erfunden wurde.

STANDARD: Sind Europas Metropolen also geborene Phönixstädte, die sich selbst erneuern, oder wäre hier auch ein Schicksal möglich, wie es Detroit zurzeit erlebt?

Power: Dafür gäbe es hier gar keinen Platz! Ein Grund, warum Detroit so viele Einwohner verloren hat, ist, weil es drumherum so viel Raum gibt, in dem man sich ansiedeln kann. Und jedes Haus, das dort in den Suburbs gebaut wird, benötigt enorm viel Land, wenn man die Infrastruktur berücksichtigt! Deshalb gibt es in Großbritannien seit dem 19. Jahrhundert Grüngürtel, um die zusammenwachsenden Städte zu trennen. Wir sind eine dicht bevölkerte Insel und können uns keine Zersiedelung leisten. In Kontinentaleuropa ist das nicht viel anders.

STANDARD: Waren Städte und Wohnen schon immer Ihr Forschungsthema?

Power: Wenn man in Stadtvierteln mit niedrigem Einkommen wohnt, schreit einen die Armut geradezu an. In den 1960er-Jahren lebte ich in Chicago, und es war absolut furchtbar. Die Wohnung voller Küchenschaben, die Müllabfuhr streikte, vor dem Fenster sprangen die Ratten im Hof auf Bergen von Abfall herum.

STANDARD: Sie haben in Chicago auch mit Martin Luther King zusammengearbeitet.

Power: Ich studierte an der Universität von Wisconsin und bekam mit, wie schlimm es um die Slums und Ghettos in Chicago stand. Ich wollte nicht nach England zurückkehren, ohne diese Seite Amerikas zu verstehen. Das war 1966, auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung. Es gab Demonstrationen für besseren Wohnraum und Gleichberechtigung der Schwarzen. Martin Luther King begann seine Kampagne gegen Slums, als wir dort waren, also haben wir uns beteiligt. Die repressiven Kräfte und die Rassentrennung waren aber zu stark. Als ich nach Europa zurückkam, wollte ich verhindern, dass hier das Gleiche passiert.

STANDARD: In London forschen Sie über die Armut der Wohnbevölkerung. Wie gravierend sind dort die Probleme durch die enorm gestiegenen Wohnkosten im Stadtzentrum?

Power: Die Abwanderung an den Stadtrand ist nichts Neues. Im Osten Londons kostet das Wohnen auch nicht mehr als im nationalen Durchschnitt. Es geht eher um die Frage, wo die Leute leben wollen, und Familien mit Kindern ziehen eben gerne an den Stadtrand. Es gibt aber auch einen starken Trend in die andere Richtung, also den Zug zurück in die Stadt. Man sieht: Die Stadt hat auch hier die Kraft, sich zu erneuern.

24. August 2013 Der Standard

Mit Liebe auf die Sünde schauen

Hässlich, kitschig, trist: Bausünden sind unsere liebsten Feinde. Die Architekturhistorikerin Turit Fröbe jedoch hat sie ins Herz geschlossen.

„Schaut schiach aus!“, lautet oft der reflexhafte Kommentar auf ungewohnte Baulichkeiten, ein Urteil, das meist nach einer Sekunde feststeht, worauf sich der Betrachter in selbstgewisser Empörtheit dann auch gleich wieder abwendet.

Bausünden sind ein beliebtes Ziel des kollektiven Fingerzeigens. Der Guardian vergibt zurzeit den Carbuncle Cup für das hässlichste Haus Großbritanniens, das Panoptikum flämisch-wallonischen Irrsinns „Ugly Belgian Houses“ ist längst eine Internet-Berühmtheit.

Doch was ist eine „Bausünde“ wirklich? Nachlässigkeit, Planungsbürokratie, Ignoranz der Umgebung gegenüber, Stilunsicherheit oder wild wuchernde Selbstbaupatchworks aus Baumarktmitbringseln: Es gibt Dutzende verschiedene Gründe, warum uns Bauten unangenehm ins Auge stechen.

Vielleicht greift die reflexhafte Häme also doch zu kurz? Die Berliner Architekturhistorikerin und Urbanistin Turit Fröbe sammelt seit Jahren bauliche Ausrutscher aller Art, die jetzt in Buchform erschienen sind. Warum es gute und schlechte Sünden gibt und warum man den liebevollen Blick benötigt, erklärt sie im Gespräch.

STANDARD: Sie dokumentieren seit zwölf Jahren Bausünden. Was hat Sie dazu inspiriert?

Fröbe: Es gab eine Initialbausünde, und zwar einen mit Betonsäulen umstellten Stromkasten in Bielefeld. Dieses Ensemble hat mich in seiner Rätselhaftigkeit völlig fasziniert. Ich habe es meinen Freunden gezeigt, die alle schon mehrmals direkt daran vorbeigegangen waren, keiner von ihnen hatte es bemerkt. So fing ich an, das zu dokumentieren.

STANDARD: Hat sich Ihre Wahrnehmung von Architektur seitdem verändert?

Fröbe: Ja, völlig. Anfangs habe ich mich wie jeder andere geärgert über all das Schrille und Hässliche, ich kannte Bausünden nur vom Wegsehen. Irgendwann fiel mir auf, dass ich bei meinen Fotosafaris immer gute Laune hatte. Beim genaueren Hinsehen entdeckte ich Charme, Schönheit, Charakter und Potenzial. Ich merkte, dass Bausünde nicht gleich Bausünde ist: Es gibt gute und schlechte.

STANDARD: Was kann man sich unter guten Bausünden vorstellen?

Fröbe: Als Faustregel gilt: Je wütender eine Bausünde macht, desto wahrscheinlicher ist es, dass es eine gute ist. Gute Bausünden sagen etwas aus über die Stadt, in der sie stehen, und können auch nur in dieser Stadt stehen. Sie sind sozusagen eine verkannte Architekturgattung! Die schlechte Bausünde, sprich: der durchschnittliche Schrott, überwiegt allerdings.

STANDARD: Was wäre das zum Beispiel?

Fröbe: Schlimm ist der Hotelneubau, der anstelle des trotz Denkmalschutzes abgerissenen „Ahornblatts“ in Berlin errichtet wurde, einer Ikone der DDR-Moderne. Das zeigt, was passiert, wenn gute Architektur für eine Bausünde gehalten wird und durch lieblosen Mist ersetzt wird. Die Bausünden, die richtig wehtun, sind eher Infrastrukturzustände als Gebäude: Ein düsterer Fußgängertunnel, ein Spielplatz an der Schnellstraße, eine Autobahn direkt neben Wohnhäusern.

STANDARD: Hat jede Stadt ihre spezielle Art der Bausünde?

Fröbe: Es gibt gravierende Unterschiede. In Hamburg sind sie am Stadtrand versteckt, in Stuttgart hinter Glas. Nürnberg hat einen eigenen Stil mit Erkern entwickelt. Meine Lieblingsstadt ist Braunschweig: die rekonstruierte Stadtschlossfassade mit einem Shoppingcenter dahinter und ein kreischbuntes Haus gegenüber. Guter Bausündenspirit!

STANDARD: Vor allem die Bauten der 60er- und 70er-Jahre werden oft als Schandflecke geschmäht. Zu Unrecht?

Fröbe: Es gibt sehr gute Bauten aus dieser Zeit. Heute ist das Wissen darüber verloren, sogar Ikonen der Nachkriegsmoderne sind vom Abriss bedroht. Vieles davon ist einfach nur aus der Mode gekommen. Heute fehlt den Städten die Haltung, man ist traumatisiert von den Großbauten der Nachkriegszeit, hat Angst vor Wutbürgern und traut sich weniger zu. Das meiste ist Rekonstruktion und Pseudoklassizismus.

STANDARD: Brauchen wir mehr öffentliche Diskussion über Baukultur?

Fröbe: Ich denke schon. Wenn man die Leute nach Bausünden fragt, sind sie schnell beim Antworten, können dann aber kaum mehr als fünf Bauten aufzählen.

STANDARD: Sie haben auch Privathäuser in Ihrem Buch dokumentiert. Wie unterscheiden sich diese kleinen von den öffentlichen großen Bausünden?

Fröbe: Bei Wohnhäusern gibt es selten Bausünden, die allein stehen, fast alle ziehen andere nach sich wie ein Echo, weil die Nachbarn nachrüsten. Am deutlichsten sieht man das bei Doppelhaushälften, weil sich die Bewohner da abgrenzen müssen. Dieses Phänomen habe ich „Schizo-Häuser“ genannt. Fasziniert hat mich auch, dass bei fast fensterlosen Fassaden das einzige Fenster immer oben rechts angebracht ist - als wäre es dem Bauherren erst ganz am Schluss eingefallen. Einfamilienhäuser würde ich aber generell nicht als Bausünden bezeichnen, eher als Street-Art: Die Besitzer toben sich auf der eigenen Fassade aus.

STANDARD: Sollte man als Architekturhistorikerin nicht lieber das Wahre, Gute, Schöne suchen statt das Hässliche?

Fröbe: Als Architekturhistorikerin wäre das natürlich traumhaft! Ich bin aber auch Urbanistin, und als solche sage ich: Wir müssen die Stadt als Ganzes betrachten, auch das, was uns nicht so gut gefällt. Ich habe gemeinsam mit Bewohnern Bauten in Ruhe angeschaut, die sie furchtbar fanden, und danach sagten viele: Jetzt sehe ich das mit ganz anderen Augen! Der liebevolle Blick auf die Stadt ist ein sehr wertvolles Instrument für die Stadtplanung. Es nutzt nichts, sich nur zu ärgern.

STANDARD: Sind weitere Dokumentationen geplant? Werden Sie möglicherweise Österreichs Bausündenregister erkunden?

Fröbe: Ich war nur einmal dort, aber mein Mann hat mir neulich ein paar sehr schöne Bilder aus einer österreichischen Kleinstadt mitgebracht. Ich werde also sicher weitersammeln.

3. August 2013 Der Standard

Überlebt die Stadt?

Harvard-Ökonom Edward Glaeser erklärt, was wir aus Detroits Bankrott lernen und warum Städte trotzdem das Beste sind, was wir haben.

Als die einstige Motor-City Detroit am 18. Juli Konkurs anmeldete, war dies nur ein weiterer Schritt auf dem langen Weg nach unten. 18,5 Milliarden Dollar Schulden, 78.000 leerstehende Gebäude, ein sinnloser People-Mover, der über leere Straßen schwebt. Hatte die Stadt zu Boomzeiten 1950 noch 1,8 Millionen Einwohner, sind es heute nur 700.000. Für die Kosten für Infrastruktur und Alterspensionen kann Detroit längst nicht mehr aufkommen, Polizei und Rettung funktionieren kaum noch.

Detroit ist mit Abstand die größte der 650 US-Städte, die seit 1937 Bankrott angemeldet haben. Seitdem wird überlegt, das Tafelsilber zu verscherbeln, vom Flughafen bis zu den Kunstwerken am Detroit Institute of Fine Arts. Auf der anderen Seite beginnen einzelne Bewohner, Gärten auf den verwilderten Brachflächen anzulegen, Künstlerkollektive kaufen leere Häuser für eine Handvoll Dollar. Kann sich die Stadt also wieder aufraffen? Und wenn ja, wie?

In seinem Buch Triumph of the City hat der Harvard-Wirtschaftsprofessor und Stadtökonom Edward Glaeser die Gründe für den Niedergang des einst von Erfindergeist erfüllten Detroit beschrieben - und nennt die „wissenszerstörende Idee“ der Fließbandproduktion Henry Fords, Rassenunruhen und die Vernachlässigung von Bildung. Im Gespräch mit dem STANDARD erklärt Glaeser, warum manche Städte sich neu erfinden und andere nicht.

STANDARD: Hat Sie der Bankrott Detroits überrascht?

Glaeser: Ich glaube nicht, dass irgendjemand davon überrascht war. Die Tragödie hat sich seit vier Jahrzehnten vor den Augen der Öffentlichkeit entfaltet.

STANDARD: Wie hätte der Konkurs abgewendet werden können?

Glaeser: Der Niedergang Detroits war unvermeidbar. Die Stadt war ein Shootingstar, dem es an Substanz mangelte, weil man nur auf eine Großindustrie setzte. Ein Bankrott resultiert aber vor allem aus schlechtem Finanzmanagement. Einer wachsenden Stadt kann das genauso passieren. Kalifornien etwa hat enorme Finanzprobleme, obwohl es boomt. Aber Städte, die schon angeschlagen sind, können dadurch den Karren richtig in den Dreck fahren. Wenn eine Industrie schwächelt, würde jeder raten, besonnen zu investieren und zu sparen. Das hat Detroit aber nicht getan.

STANDARD: Ist die Pleite ein weiteres Stigma für die Stadt oder ein Signal für einen Neubeginn?

Glaeser: Sie ist sicher kein Stigma. Das wäre der Fall bei Personen oder Unternehmen, die man eigentlich für wirtschaftlich gesund gehalten hat. Auf Detroit trifft das aber nicht zu. Es ist aber ein notwendiger Schritt, um die Stadt auf stabilere Füße zu stellen, und ein Anlass, sich endlich über eine Verbesserung des Schulsystems Gedanken zu machen.

STANDARD: In Ihrem Buch kritisieren Sie, dass Detroit in der Vergangenheit zu viel in Infrastruktur investiert hat anstatt in seine Bewohner. Warum ist Bildung für Städte wichtiger als Straßen und Häuser?

Glaeser: Detroit hat ein Übermaß an Straßen und Infrastruktur, es braucht sicher nicht mehr. In Entwicklungsländern ist das sicher anders, dort muss man in Wasserversorgung und Verkehrsmittel investieren. Aber Bildung ist für den Erfolg des Einzelnen und damit der Nation unabdingbar - und ist der beste Indikator für gesunde Städte. Boston zum Beispiel war um 1970 eine am Boden liegende Industriestadt und hat sich seitdem als Hochschulmetropole neu erfunden. In Detroit dagegen haben nur elf Prozent aller Bürger einen College-Abschluss.

STANDARD: Weltweit klagen viele Städte über öffentliche Schulden, während der private Reichtum ansteigt. Wie können Städte damit umgehen?

Glaeser: Ich glaube nicht, dass das Einkommen das Problem ist. Es geht darum, vernünftig zu handeln. Viele Städte tun das: New York hat zwar ein verrücktes Steuersystem, aber in seinen politischen Debatten finden sich weniger Tea-Party-Argumente als auf nationaler Ebene.

STANDARD: In den USA werden von konservativer Seite Städte oft als „unamerikanisch“ gebrandmarkt. Woher kommt diese Tendenz?

Glaeser: Der Anti-Urbanismus fing schon bei den Gründervätern an. Damals war es allerdings der liberale Thomas Jefferson, der einen ländlichen Bauernstaat wollte. Das Problem liegt darin, dass die Verfassung den Eigenheimbesitz und das Land gegenüber der Stadt favorisiert. Im Laufe der Zeit wurden diese Gebiete zum Kernland der Rechten. Eine weitere Ursache ist, dass die Leute leichter begreifen, wie Landwirtschaft funktioniert, als was eine Stadtverwaltung tut. Drittens gibt es immer noch den Mythos des einsamen Farmers, deswegen halten sich Leute, die am Stadtrand wohnen, nicht für Stadtbewohner, weil sie eben eine Palme sehen, wenn sie aus dem Fenster schauen.

STANDARD: In attraktiven Städten wie New York, Paris, London und Wien ist das Wohnen inzwischen enorm teuer geworden. Können diese Städte leistbar für alle bleiben?

Glaeser: Die Regeln von Angebot und Nachfrage sind leider schwer zu ignorieren. New York hat in den 1920er- und 1960er-Jahren viele Wohnungen gebaut, aber heute steigt die Nachfrage, und das Angebot bleibt konstant. Die natürliche Lösung aus wirtschaftlicher Sicht wäre also, mehr und höher zu bauen. Dazu muss man die Baugesetze lockern. In Gegenden wie dem Viertel in New York, in dem ich aufwuchs, würde das den Charakter auch nicht sehr ändern. Bei Städten wie Paris ist es natürlich schwieriger. Einen Wolkenkratzer neben Notre Dame fände ich genauso entsetzlich wie jeder andere. Dort muss man also in stadtnahe Gebiete ausweichen.

STANDARD: In Wien sind rund 25 Prozent der Wohnungen in städtischem Besitz. Ist das ein beispielhaftes Rezept für leistbares Wohnen, oder kann der freie Markt das ebenso leisten?

Glaeser: Das kommt darauf an, wie kompetent die Verwaltung ist. In den USA sind viele öffentliche Wohnbauten sehr schlecht, in Singapur wiederum ausgezeichnet. Man sollte es also keineswegs immer dem freien Markt überlassen, in historisch wertvollen Städten wie Wien eher nicht.

STANDARD: Detroit hat rund die Hälfte seiner Bewohner verloren, Liverpool und Leipzig ging es ähnlich. Wie können Städte schrumpfen, ohne zu sterben?

Glaeser: Es kommt darauf an, ob nur die Bewohner wegziehen oder ob auch ihre Wohnungen leerstehen und ob öffentliche Institutionen betroffen sind. Dann wird es problematisch. Wenn die Häuser leerstehen, wie in Detroit, brauche ich eine Strategie für diese Leere. Das kann bis zur landwirtschaftlichen Nutzung gehen, wie es zurzeit ausprobiert wird.

STANDARD: Können Städte sich immer neu erfinden, oder gibt es auch die Option, sie ganz aufzugeben, wenn sie keine Zukunft haben?

Glaeser: Das ist in der Menschheitsgeschichte mehr als einmal passiert! Aber Detroit ist nicht ohne Grund dort, wo es ist: an einer wichtigen Wasserstraße, an der kanadischen Grenze. Dort wird es immer eine Siedlung geben.

STANDARD: Werden Städte also trotz allem triumphieren?

Glaeser: Da bin ich sehr zuversichtlich! Detroit ist ein Beispiel, wie man es auf monströse Weise falsch macht, aber das heißt nicht, dass Städte an sich fehlerhaft sind. Denn gerade dort können Menschen klug, unternehmerisch und kreativ sein. Die Finanzkrise hat noch mehr erkennen lassen, wie wichtig das ist. Städte sind die Basis des zwischenmenschlichen Handelns, und das werden sie immer sein.

27. Juli 2013 Der Standard

Einer für alle

Ein moderner Idealist, ein technologisch versierter Humanist: Der Architekt Richard Rogers feiert seinen 80. Geburtstag.

Der Aufschrei unter den Pariser Bürgern war enorm. Das, was da mitten in ihrer geliebten Stadt aus dem Boden wuchs, war alles andere als prunkvoll. Ein Gewühl und Gewürm aus Rohren und Schloten, bunt wie ein Spielgerüst. „Die Rückseite eines Kühlschranks!“, höhnten die Intellektuellen, und das war noch die harmloseste Schmähung.

In der Tat: Das Centre Pompidou hatte nichts von der steinernen Größe und hochkulturellen Gewichtigkeit, die Museen üblicherweise ausstrahlten. Es war nicht grand, es war im Grunde mehr Gerüst als Gebäude, aber es verfolgte andere, und ebenso französische, Ziele: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

„Ein Ort für alle Menschen, jeden Alters, jeden Glaubens, für Reiche und Arme“ war der erste Satz, den seine britisch-italienischen Architekten Richard Rogers, Renzo Piano und Gianfranco Franchini sich notierten, als sie sich an den Entwurf für den Wettbewerb machten. Damals noch kaum bekannt, setzte sich das Team unter den 681 Einreichungen durch. Sie waren die Einzigen gewesen, die es schafften, das gesamte Programm auf der Hälfte des Baugrundstücks unterzubringen, die andere wurde zum öffentlichen Platz. Man weiß, wie die Geschichte ausging: Das lustige Museum mit der Glasröhrenfront wurde ein ebensolcher Erfolg wie der Platz davor.

Die Architekten gingen nach der Fertigstellung 1977 getrennte Wege, doch vor allem einer von ihnen blieb dem Prinzip der Offenheit treu: Richard Rogers, der diese Woche seinen 80. Geburtstag feierte. Kurz zuvor wurde außerdem an der Royal Academy in London eine Ausstellung über sein Werk eröffnet. Eine singuläre Ehrung, die fast einen Widerspruch darstellt, denn Rogers war nie ein Architekt, der darauf beharrte, seine Werke nur mit dem eigenen Namen zu unterschreiben. Teamarbeit wie die beim Centre Pompidou prägte seine gesamte Karriere.

1933 in Florenz geboren, zog Rogers mit seinen Eltern kurz vor Kriegsausbruch nach England, wo er Architektur studierte. 1963 gründete er mit seiner Frau Su Brumwell, Wendy Cheeseman und deren Gatte Norman Foster das Team 4. Es war die Zeit des Aufbruchs, in der vor allem in Großbritannien aus dem Glauben an eine bessere Zukunft zahllose öffentliche Bauten entstanden.

Norman Foster wurde später ebenso zum Superstar wie Renzo Piano. Rogers etablierte mit drei neuen Kollegen die Richard Rogers Partnership und begann seine produktivste Phase. Bei seinem Meisterwerk, dem Lloyd's Building in London, war zwar die fröhliche Siebzigerjahre-Buntheit des Centre Pompidou einer kühlen Blade Runner-Ästhetik gewichen, das Prinzip des Inneres-nach-außen-Stülpens war jedoch exakt dasselbe. Die wie Orgelpfeifen aus Schraubengewinden an der Außenseite arrangierten Stiegen- und Lifttürme erlauben im Inneren ein riesiges Atrium von erhabener Ruhe inmitten der Londoner City-Geschäftigkeit.

Es folgten Großbauten wie der Flughafen Madrid mit seinem geschwungenen Holzdach, der Londoner Millennium Dome (heute O2-Arena) und das Parlament für Wales in Cardiff. Konstruktionen, in denen Dächer und Stützen wie Haut und Knochen ineinandergreifen, in denen die Technologie nie zum Selbstzweck wird, sondern dazu dient, möglichst große Räume aufzuspannen.

Als Rogers 1987 den Wettbewerb für das Areal des Paternoster Square neben der St.-Paul's-Kathedrale mit einem Hybrid zwischen Gebäude und Stadt gewann, erhoben sich, wie damals in Paris, wieder die Gegenstimmen. Zu neu, zu kompliziert! Diesmal gewannen sie, denn mit Prince Charles, nebenberuflich Verfechter traditionalistischer Bauweisen, hatten sie einen prominenten Fürsprecher. Was stattdessen entstand, ist heute ein hilfloses, konfuses Gemisch aus historischen und modernen Versatzstücken.

An Anerkennung mangelte es Richard Rogers dennoch nicht: 1996 wurde er Lord, 2009 bekam er den Pritzker-Preis. Unter der Labour-Regierung war er Vorsitzender der Urban Task Force, die 105 Empfehlungen aussprach, um die ausblutenden Stadtzentren wieder lebenswert zu machen. „What is the city but the people“, hieß es schließlich schon bei seinem Landsmann Shakespeare.

Auch seine jüngsten Projekte zeigen den Konstrukteur als Menschenfreund. Da ist einerseits der 225 Meter hohe Glaskeil des Leadenhall Building, im Volksmund „Käsehobel“ genannt, das Rogers' eigenes (heute denkmalgeschütztes) Lloyd's Building nebenan zur Blechbüchse schrumpfen lässt. Statt eines von Security-Verteidigungswällen eingekeilten Bürogebirges soll es durch das Freilassen fast des gesamten Erdgeschoßes ein öffentlicher Ort werden. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit im Herzen der Hochfinanz.

Auf der anderen Seite ein kleines Projekt, das Maggie's Centre für Krebskranke in London. Ein terrakottaroter Pavillon in einem üppigen Garten, durch eine Mauer vor der lauten Straße geschützt, darüber ein luftiges, weit überstehendes Dach. Es ist vielleicht der Rogers-Bau, der am unmittelbarsten Begegnung, Schutz und Offenheit vermittelt. Schön ist es selbstverständlich auch. Nicht zufällig lautet der hellenische Eid, der als Motto an der Wand der Londoner Jubiläumsausstellung steht: „Ich werde diese Stadt schöner verlassen, als ich sie betreten habe.“

20. Juli 2013 Der Standard

Er baut? Sie baut. Wir bauen!

Noch immer gilt in der Architektur das Sinnbild des männlichen Genies. Wie steht es um die Gleichberechtigung? Vier Architektinnen berichten.

Eine ältere Dame sorgt zurzeit in der Architektenszene für Aufruhr. Die amerikanische Architektin Denise Scott Brown (81) steht im Zentrum einer Diskussion um Gleichberechtigung und Starkult. Aber der Reihe nach: Mit ihrem Mann und Büropartner Robert Venturi verfasste Scott Brown 1972 das enorm einflussreiche Werk Learning from Las Vegas, heute gilt das Architektenpaar dank Bauten wie des Sainsbury Wing der National Gallery in London als Wegbereiter der postmodernen Architektur.

Eine Leistung, die 1991 folgerichtig mit dem Pritzker-Preis honoriert wurde - allerdings nur für Venturi. Bis zur ersten weiblichen Preisträgerin Zaha Hadid sollte es noch 13 Jahre dauern. Dies wurde mit Verspätung Anfang dieses Jahres Anlass für zwei Harvard-Studentinnen, eine Petition zur nachträglichen Auszeichnung Denise Scott Browns als gleichberechtigter Partnerin ins Leben zu rufen.

Unter den 18.000 Unterzeichnern fanden sich - neben Robert Venturi selbst - eine Reihe Pritzker-Preisträger wie Rem Koolhaas, Richard Meier, Wang Shu und Zaha Hadid. Das Preiskomitee, als weitgehend männlich besetzter „Boys' Club“ bekannt, lehnte das Ansinnen im Juni ab. Was die beiden Initiatorinnen dazu veranlasste, die Plattform Design for Equality zu gründen. Der Grundtenor: Junge Architekten hätten heute ein völlig anderes Verständnis von kreativer Zusammenarbeit, die Zeiten des pompös-elitären Heroismus seien vorbei.

Nun kann man die Relevanz letztendlich von privater Finanzierungswillkür abhängiger und nicht selten der Eigen-PR dienender Ehrungen wie dem Pritzker-Preis durchaus kritisch sehen. Die Resonanz wirft jedoch wichtige Fragen auf: Sind es wirklich vermeintlich geniale (und bevorzugt männliche) Einzelpersonen, die ihre Bauten alleine in die Welt stemmen, oder ist Architektur nicht vielmehr Teamarbeit? Und wie steht es um die Anerkennung der nicht weniger hart arbeitenden Architektinnen?

Und warum sind es so wenige? Bei der österreichischen Architektenkammer sind heute 3536 Architekten, aber nur 606 Architektinnen eingetragen. Höchste Zeit, bei den Architektinnen nachzufragen.

Sabine Pollak, Architektin und Professorin an der Kunst-Uni Linz, sieht in der Diskussion um Scott Brown ein Indiz für mangelnde Gleichberechtigung: „Frauen erreichen Karrierestufen nur bis zu einem gewissen Grad, ab dann ist es vorbei. In der Architektur gilt dies für alle Bereiche, und je mehr Geld, Macht oder Ehre im Spiel ist, desto eher verfestigt sich diese erreichbare Grenze für Frauen.“ Bettina Götz vom Wiener Büro ARTEC urteilt nüchtern: „Wenn Paare gemeinsam arbeiten, müssen sie auch gemeinsam einen Preis bekommen. Es zählt schließlich die Qualität der Arbeit.“

Auch die Lust am Starkult ist nichts Neues, so Anna Popelka vom Büro PPAG Architects: "In der Öffentlichkeit kommt das vereinfachte Bild des heroischen Einzelkämpfers immer gut an. Das Schema „männliches Genie und weibliche Muse“ ist eine Altlast, die wir noch mitschleppen, die aber bald der Vergangenheit angehören wird. Wenn Architektur entsteht, muss heute eine solche Fülle an Informationen verarbeitet werden, dass ein Einzelner das gar nicht alles leisten kann. Teamarbeit ist zwar oft schwieriger, im Ergebnis aber besser."

Eine Einschätzung, die ihre Kolleginnen teilen: „Architektur wird immer komplexer, die Ansprüche immer größer“, so Bettina Götz. „Deswegen haben sich in unserer Generation Partnerschaften etabliert. Bei Einzelstars wie Zaha Hadid ist der Gestus des Genies schlicht und einfach Branding. Man verkauft sich so als Marke. Das hat aber mit der Architektur selbst nichts zu tun“.

Generation Teamgeist

Gerda Maria Gerner, die ihr Büro gerner°gerner plus zusammen mit ihrem Mann Andreas und einem Team aus Partnern führt, sagt: „In unserer Generation und wahrscheinlich auch den folgenden ist der Einzelspieler eher selten anzutreffen. Österreichische Architekten sind, was den Teamgeist betrifft, progressiv. Da geht es keinesfalls mehr um Mann oder Frau oder Star, sondern um gleichwertige Partner.“ Möglicherweise würden jedoch männliche Architekten auf Baustellen und Behörden stärker wahrgenommen.

Traditionelle Rollen sind eben oft langlebiger als gewünscht. Sabine Pollak ist weniger zuversichtlich, was den Rollenwechsel betrifft: „Alles, was mit dem konkreten Bauen zu tun hat, liegt seit jeher in männlicher Hand. Bauen ist auf eine sehr lange Dauer ausgelegt und ist mit Traditionen und Konventionen aufgeladen. Es hat Hunderte von Jahren gedauert, dass Frauen Architektur studieren und bauen durften, es braucht vielleicht noch einmal so lang, bis hier ein Gleichgewicht herrscht.“

Von Zwang und Quote halten die Architektinnen jedoch nicht viel. Der Beruf fordere nun einmal einen hohen Tribut an Zeit und Hochleistung: „In unserem Beruf ist es schwer, nach einer Pause wieder einzusteigen“, sagt Bettina Götz. „Architektur ist etwas sehr Vereinnahmendes, sie entwickelt sich schnell. Wenn man nicht dranbleibt, ist man nach ein paar Jahren raus.“

Architektin zu sein sei nicht nur ein Beruf, sondern eine Lebenssituation, so Popelka. „Natürlich erlebt man ungerechte Bewertungen von außen. Aber es ist heute alles möglich, dank 100 Jahren Vorarbeit in Sachen Gleichberechtigung, Bei Frauen wird oft die Latte höher gelegt, ich habe aber auch nichts dagegen. Man will ja nicht im Mittelmaß leben.“

Einig sind sich die Architektinnen, die alle über Lehrerfahrung an Universitäten verfügen, dass der Nachwuchs mit all dem weniger Probleme hat: „Die junge Generation ist selbstbewusst und wird sich eher durchsetzen können“, so Sabine Pollak, gibt aber zu bedenken: "Neue Bauaufgaben wie Moderationen von Bauprozessen werden überwiegend von Frauen geleitet. Man lässt sie also dort zu, wo man eine vermeintliche „natürliche Begabung“ vermutet, also in „sozialen Belangen“.

Anna Popelka ist optimistischer: „Der Frauenanteil wird sich mit den folgenden Generationen verändern, vielleicht sogar ins Gegenteil umkehren.“ Wann der Pritzker-Preis hier nachzieht, ist dann nur eine Frage der Zeit.

13. Juli 2013 Der Standard

Handwerksstolz in schwarzem Holz

Unter Dach und vom Fach: Peter Zumthors Haus für den Werkraum Bregenzerwald ist Heimat für die Werkenden und Vitrine für deren Werke.

Auf kaum eine austroalpine Gegend passt der Begriff Talschaft so perfekt wie auf den Bregenzerwald: keine Ortschaft, keine Landschaft, sondern ein loser Verband von Individuen. Am ehesten ähnelt diese tatkräftige Region mit ihren Streusiedlungen einem emsig summenden Bienenkorb.

Zahllose Last- und Lieferwägen sausen auf den Straßen hinaus und hinein, beladen mit Rohstoffen und Endprodukten, und vollführen auf den Parkplätzen der Kleinunternehmen rangierend ihre Schwänzeltänze, die von neuen Absatzmärkten berichten.

Der Austausch von Wissen und Waren war hier schon immer eine Spezialität. Angefangen bei den Barockbaumeistern, die von hier ausschwärmten, um Kathedralen und Klöster zu bauen und ihr Können wieder hierher mitbrachten, bis zu den Baumeistern und Architekten von heute, deren hohe Baustandards dem Ländle zu weltweiter Anerkennung verhalfen.

Ungeknechtetes Selbstbewusstsein, Vernetzung und Wissenszufuhr sind auch die Grundpfeiler des 1999 ins Leben gerufenen Werkraums Bregenzerwald, eines Zusammenschlusses von rund 80 Betrieben nach Art der mittelalterlichen Zünfte. Der Verein bemüht sich um gemeinsame Stärke und um kontinuierlichen Fortschritt. Alle drei Jahre lobt man den Wettbewerb „Handwerk+Form“ aus, in dem sich das talschaftliche Handwerk schöpferisch mit Designern von außen vereint.

Einige der preisgekrönten Stücke sind bereits zu Klassikern geworden. 35 davon kaufte das Land Vorarlberg für seine Sammlung an, 20 davon lieh sich der Werkraum wiederum zurück, weil man die Meisterwerke nicht im Lager verstauben lassen, sondern stolz herzeigen wollte.

Hatten die Mitglieder anfangs noch mit großem Aufwand für jede Preisverleihung ein zweiwöchiges Provisorium konstruiert, einigte man sich bald, dass eine dauerhafte Bleibe für Sammlung, Feste und Schauraum nötig war: das Haus Werkraum.

Das Grundstück fand man in Andelsbuch, mitten in der Talschaft, als Architekten wählte man den Schweizer Peter Zumthor, der beim Bau seines Kunsthauses in Bregenz schon beste Kontakte zu Vorarlberger Handwerkern geknüpft hatte. Der als eigensinniger, detailversessener Perfektionist weltbekannte Zumthor sollte eigentlich den Architektenwettbewerb jurieren, wollte aber stattdessen lieber gleich selbst bauen, und bekam 2008 prompt den Direktauftrag.

Einzelgänger und Kollektiv

Hier der Einzelgänger, dort das Kollektiv: Konnte das gutgehen? Als der Architekt die Bauherren wenig später in sein Graubündner Büro lud, um seinen ersten Entwurf zu präsentieren, fiel die Reaktion zunächst verhalten aus.

„Wir waren sprachlos“, erinnert sich Werkraum-Geschäftsführerin Renate Breuß. „Eine riesige Halle mit außenstehenden Betonstützen - es war sehr monumental“. Auch Rosa Gonçalves, Projektleiterin im Büro Zumthor, gibt zu: „Es sah schon ein bisschen aus wie ein Tempel. Der Grundgedanke war aber, dass das Haus nicht dasselbe aussagen soll wie sein Inhalt. Und da die Exponate vor allem aus Holz sind, haben wir das Gegenteil davon gesucht“.

Beton als Material war den „Wäldern“ dann aber doch zu weit vom eigenen Handwerk entfernt. Schließlich wollte man das eigene Haus auch mit eigenem Können bauen. Es wurde emsig zwischen Vorarlberg und Graubünden hin und her gefahren, Stück für Stück näherte man sich an. Vorige Woche wurde das Haus schließlich nach knapp eineinhalb Jahren Bauzeit feierlich eröffnet.

Dem Prinzip, den Exponaten optisch nicht in die Quere zu kommen, blieb der Architekt treu, auch wenn die betonierte Tempeloptik aufgegeben wurde. Von außen besehen, scheint es nicht viel mehr zu sein als ein länglicher Glaskasten mit einer breit ausladenden Dachkrempe. Viel mehr soll es auch nicht sein: Ein 72,6 mal 20,8 Meter großes und 1,80 Meter hohes Dach, unter dem sich Werkende versammeln, und eine Vitrine, hinter der sie ihre Werke ausstellen.

Das Dach wurde aus Holzträgern gefertigt, die im quadratischen Raster angeordnet sind und auf hölzernen, ganz leicht gekrümmten Pendelstützen und auf drei Betonkernen ruhen.

Dach und Stützen wurden schwarz gestrichen, der Beton dunkel lasiert und geölt, was dem Raum zusammen mit dem schwarzen geschliffenen Betonboden eine noble, fast immaterielle Dezenz verleiht. „Beim Juwelier liegen die Schmuckstücke in der Vitrine auch auf schwarzem Samt“, erklärt Projektleiterin Gonçalves die Farbwahl.

Noble Dezenz

Glaskasten, breites schwarzes Dach auf dünnen Stützen: Der Besucher hat ein Déjà vu und denkt an Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie in Berlin, eine Assoziation, die man im Büro Zumthor nicht zum ersten Mal hört. „Die Ähnlichkeit ist uns bewusst“, lacht Rosa Gonçalves. „Aber sie hat sich eher zufällig ergeben“. Dennoch fühle sich Zumthor vom Mies-Vergleich natürlich geehrt.

Doch anders als beim industrieaffinen Mies stand beim Haus Werkraum auch im Bauprozess das Handwerk im Vordergrund. Die Farbe mischte ein Werkraum-Maler selbst, Tischler waren gleich mehrere zugange. Die Gewerke wurden intern ausgeschrieben, insgesamt waren mehr als 40 der 80 Vereinsmitglieder am Bau beteiligt. Eine Woche nach der Eröffnung liegen schon einige Schmuckstücke in der Vitrine: Maßgefertigte Betten und Küchenschränke, Pölster und Rodel, um eine Stütze schlängelt sich eine hölzerne Kirchenkanzel.

„Ein idealer Ort für unsere Handwerker, um sich mit Kunden zu treffen und Hemmschwellen zu überwinden“, freut sich Renate Breuß über den offenen Raum mit edlem Werkstattcharakter. Eine Noblesse, die auch ihren Preis hat: Die anfangs kalkulierten 2,7 Millionen Euro Baukosten wurden um eine Million überschritten. Teils, so Renate Breuß, wegen der zuerst nicht geplanten Unterkellerung, teils wegen der hohen Qualitätsstandards. Finanziert wurde der Bau durch EU, Region, Gemeinde, Sponsoren und die Vereinsmitglieder selbst. Für 500.000 Euro sucht man zurzeit noch Sponsoren.

Wo der Perfektionismus eines Zumthor und der Stolz einer kollektiven Handwerkerzunft zusammenkommen, ist das vielleicht unvermeidbar. Sollte die überdachte Vitrine für noch mehr geschäftiges Gesumme im Bregenzerwälder Bienenstock sorgen, dürfte auch das nur eine vorübergehende Sorge sein.

23. Juni 2013 Der Standard

Schaustück am See

Handwerkliche Finesse und Witz: Das Vorarlberg-Museum in Bregenz bringt PET-Flaschen und Lehmputz zusammen

Der erste Besucher kann es schon nicht mehr erwarten: Beherzt klettert ein kleiner Junge die Fassade des kantigen, weiß leuchtenden Baus ein Stück empor. Schließlich sind das doch Klettergriffe, die da aus dem Beton ragen, nicht? Oder doch etwa steinerne Blumen?

Geheimnisvoll und einladend zugleich steht das Vorarlberg-Museum, das am Freitag nach drei Jahren Bauzeit eröffnet wurde, zwischen Kornmarkt und Seeufer in Bregenz. Es ersetzt das frühere Landesmuseum an derselben Stelle aus dem Jahr 1905, ein typisches Regionalmuseum mit einer Sammlung, die ausgestopfte Vögel und Kisten voller Tonscherben genauso wie herausragende Werke der klassizistischen Malerin Angelika Kauffmann aus dem Bregenzerwald beherbergte.

Weder die Sammlung noch das mehrmals ungelenk umgebaute Museum waren also zeitgemäß. 2007 beschloss die Landesregierung Abriss und Neubau und ein vom damaligen Direktor Tobias G. Natter ersonnenes innovatives Museumskonzept. Den Wettbewerb für den 35 Millionen Euro teuren Bau gewannen die Vorarlberger Architekten Cukrowicz Nachbaur. Tobias G. Natter wechselte während der Bauzeit zum Museum Leopold nach Wien, ihm folgte 2011 Andreas Rudigier nach. Programmatisch stellt man sich breit auf, von den Römern bis zur Oral History von Migranten.

Der Neubau vervollständigt nun die kleine Kulturmeile aus Einzelbauten, die sich am Seeufer aufreihen wie etwa das kristalline Kunsthaus von Peter Zumthor, an dessen scharfkantiger Strenge jede kindliche Fassadenkletterei scheitern würde.

Während das Kunsthaus von seiner Umgebung abgehoben scheint, ist das Vorarlberg-Museum ganz Teil seiner Nachbarschaft. Architektonisch eine komplexe Aufgabe, schon weil es sein Dasein Rücken an Rücken mit dem denkmalgeschützten Bau der ehemaligen Bezirkshauptmannschaft teilen muss, dessen Räume es jetzt nutzt.

Kultureller Januskopf

Wie ein kultureller Januskopf schauen die beiden Fronten nun in entgegengesetzte Richtungen, der Altbau über den See, der Neubau auf den belebten Kornmarkt. Nicht wenige Architekten hätten auf den historistischen Quader lieber verzichtet.

Trotzdem ist es Cukrowicz Nachbaur gelungen, den Museumsbau aus seiner beengten Umklammerung zu befreien: Sie ließen einen Teil des Grundstücks frei, die aufgeweitete Straße ermöglicht nun Blicke zwischen Platz und See. Neu- und aufgestockter Altbau verschmelzen so zu einem freistehenden Solitär, eine Erkennbarkeit, nach der heute jedes Museum strebt: „Ein Landesmuseum, das nicht mit herausragenden Einzelobjekten werben kann, braucht ein Gebäude, das selbst als Zeichen wirken kann“, so Museumsdirektor Andreas Rudigier zum Standard.

Um auch die Fassade zum Sprechen zu bringen, arbeiteten die Architekten mit den Künstlern Manfred Alois Mayr und Urs B. Roth zusammen. „Wir wollten ein unregelmäßiges Muster, etwas Heiteres, Positives“, erklärt Architekt Anton Nachbaur-Sturm. Heraus kam die Kletterfassade, deren Geheimnis sich lüftet, wenn man näher hinschaut: Es sind die Böden von PET-Flaschen, in feinstem Ortbeton nachgegossen.

Aber was haben PET-Flaschen mit Vorarlberg zu tun? „Im Museum gibt es römische Gefäße, von denen in einem Brenndurchgang bis zu 10.000 Exemplare hergestellt wurden“, so Nachbaur-Sturm. „Ein richtiges Massenprodukt also. Wir haben uns gefragt, was die Entsprechung der heutigen Zeit wäre. So sind wir auf die überall verbreiteten Plastikflaschen gekommen.“

Schon vor der Eröffnung gab es also einiges zu deuten und zu assoziieren. „Die Reaktionen auf der Straße sind fast schon irritierend positiv“, berichtet Direktor Andreas Rudigier vergnügt.

Gänzlich blümchenfrei präsentiert sich das Museumsinnere, allerdings ist auch hier eine gewisse Kletterei zu absolvieren: Aufgrund der niedrigen Raumhöhen im Altbau beginnen die neuen, großangelegten Ausstellungsräume erst im zweiten Stock. Man spürt die Mühe, ein modernes Museum in, neben und auf ein denkmalgeschütztes Amtshaus zu platzieren, dessen enge Innenräume die eleganten neuen Ausstellungsmöbel gequetscht wirken lassen. Etwas mehr Luft und weniger Masse hätte hier gutgetan.

Doch der Direktor ist zufrieden: „Die Benutzbarkeit ist ausgezeichnet. Und die Verbindung von Alt und Neu passt zu einem Landesmuseum und auch zu unserem Ausstellungskonzept perfekt“.

Wie man sich mit ganz vorarlbergerischer nobler Bescheidenheit von solchen Zwängen freispielen kann, sieht man im Neubau: edle, fast schon gediegene Materialien wie Messing, Eiche, Terrazzo (aus Vorarlberger Steinen natürlich!) und - ungewöhnlich für Museumswände - zentimeterdicker Lehmputz.

Was dieser an kuratorischen Freiheiten des Bilderaufhängens beschränkt, macht er mit raumklimatischem Wohlfühlcharakter locker wieder wett. „ Unser Haustechniker hat sich sogar beklagt, weil seine Installationen so klein dimensioniert sind. Die Feuchtigkeit regelt der Lehmputz fast von allein“, lacht Anton Nachbaur-Sturm.

So wird das Museum nicht nur von außen, sondern auch im Inneren zu einem maßgefertigten Passstück, handgefertigt in Vorarlberg. „Unser großer Vorteil ist, dass wir hier im Land gute Handwerker haben“, so der Architekt.

Hat der Besucher die Ausstellungsräume erklettert, wird er mit großen, gerahmten Ausblicken auf Kirchturm- und Berglandschaften belohnt. Bei einem Landesmuseum sollte man schließlich auch ins Ländle einischauen können - und darüber hinaus: Ganz oben öffnet sich ein trichterartiger Raum, vom Wiener Künstler Florian Pumhösl als schwarze Camera obscura gestaltet, zum Breitwandgemälde des Bodenseepanoramas. „Wir haben den Schall komplett ausgeblendet, dadurch wirkt die Landschaft wie ein Standbild“, so Architekt Nachbaur-Sturm. „Unten schaut man in die Vitrinen, hier steht man selbst in der Vitrine und schaut hinaus.“

Ein handwerklich ausgetüfteltes Passstück zum Hineinklettern und Herausschauen - eigentlich steckt schon jetzt sehr viel Vorarlberg im Museum.

11. Mai 2013 Der Standard

Die Poesie des Raums

Auch der Iran baut global. Architekt Reza Ghanei setzt dem eine persische Identität orientalischer Räume entgegen. Das ist nicht immer leicht.

Was Pritzkerpreisträger Wang Shu für China ist, leistet Reza Ghanei für den Iran: Er propagiert ein geschichtsbewusstes Bauen mit lokalen Traditionen entgegen den Tendenzen kompletter Globalisierung. Für die drei Jahre in Anspruch nehmende sorgfältige Restaurierung eines 300 Jahre alten Hofhauses in Isfahan, heute der Sitz seines Büros Polsheer Architecture, wurde Reza Ghanei 2002 mit dem Asia-Pacific Heritage Award der Unesco ausgezeichnet. Diese Woche weilte er in Österreich anlässlich eines Vortrags an der TU Wien. Mit dem STANDARD sprach er über die persische Identität, darüber, was einen orientalischen Raum ausmacht, und wie wichtig der Himmel über dem Iran ist.

STANDARD: Welche Tendenzen bestimmen heute die Architektur im Iran?

Ghanei: Sie ist ein Satellit des Westens. Fast alle iranischen Architekten folgen den globalen Trends. Mit zwei, drei Jahren Verspätung bauen sie dieselben Dinge wie etwa Frank Gehry in den USA oder Daniel Libeskind in Berlin. Aber das ist für mich nicht Architektur. Eine Kopie kann keine Kunst sein.

STANDARD: Woher kommt denn diese Sehnsucht nach dem Globalen?

Ghanei: Im Iran hatten wir eine Revolution, das heißt, dass eine andere soziale Schicht an die Macht gekommen ist, eine, die weniger kultiviert ist, die einen anderen Geschmack hat. Wenn diese Leute die Auftraggeber sind, hat man als ambitionierter Architekt also ein Problem.

STANDARD: Trotzdem haben Sie schon zahlreiche öffentliche Gebäude wie Botschaften, Büchereien und Universitäten gebaut.

Ghanei: Ich bin überzeugt, dass ich meinem Land mit meiner Arbeit helfen kann. Deswegen interessieren mich öffentliche Bauten besonders, auch wenn ich ein paar Privathäuser gebaut habe. Ich hatte immer Auftraggeber aus der Regierung, und es war immer sehr schwer, sie zu überzeugen. Man muss ihnen die Bilder der Entwürfe immer wieder zei-gen und erklären, manchmal monatelang, und irgendwann akzeptieren sie sie schließlich.

STANDARD: Wie sehen diese Entwürfe aus?

Ghanei: Ich versuche immer, mit meiner Architektur eine Identität zu transportieren. Ich suche Lösungen, die gleichzei- tig zeitgemäß und iranisch sind, und eben kein Abbild globaler Trends.

STANDARD: Wie setzt man iranische Identität in Architektur um?

Ghanei: Es gibt einen Aspekt, der sich durch alle meine Bauten zieht, und das ist der orientalische Raum. Und mit orientalisch meine ich persisch - das ist etwas anderes als Räume in China oder anderen asiatischen Ländern.

STANDARD: Was zeichnet diese orientalischen Räume aus?

Ghanei: Der Unterschied liegt in der Philosophie. Im Iran leben wir vorwiegend in einer flachen Wüstenlandschaft, von einem wolkenlosen Himmel beherrscht. Im Westen gibt es Vegetation und Berge, dort steht der Mensch oben und sieht herunter, wie ein Gott. Im Iran hält sich der Mensch nicht für Gott, sondern für den Teil ei-nes Ganzen. Unsere Architektur hat nicht die- ses Dominierende, Einschüchternde. Die Proportionen sind anders. Das Gebaute ist immer Teil der Natur, es bleibt flach, sucht Schutz vor der Hitze und ragt kaum über die Bäume hinaus. Natürlich gibt es Ausnahmen, etwa für Monumente und religiöse Bauten.

STANDARD: Wie wichtig ist der religiöse Aspekt in der Architektur?

Ghanei: Es gibt sehr starke Analogien. In meinen Gebäuden gibt es beispielsweise immer kleine Übergangsräume, die zwischen den großen Haupträumen liegen, damit man sich auf den nächsten Schritt vorbereiten kann. Das entspricht dem Zwischenraum, den man in unserer Kultur nach dem Tod erreicht, vor dem Paradies. Das Licht ist dabei besonders wichtig: Es muss etwas Mysteriöses haben, es versetzt einen in eine Traumwelt. Wenn wir über Architektur als Kunst reden, meinen wir die Poesie des Raums.

STANDARD: Auch Städte wie Teheran werden heute von Hochhäusern beherrscht. Werden diese poetischen Prinzipien im Iran heute überhaupt noch berücksichtigt?

Ghanei: Leider nein. Die Firmensitze und Banken wollen sich natürlich zeigen und bauen ihre Hochhäuser, das sind eben die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft. Diese Einzelbauten sind aber nicht das Schlimme, viel gravierender sind die Veränderungen in der Stadtstruktur.

STANDARD: Welche sind das?

Ghanei Wir müssen heute Reihenhäuser bauen, während traditionell immer um einen schattigen Innenhof gebaut wurde. Nach islamischen Regeln soll man seinen Nachbarn nicht direkt ins Haus schauen können. Wenn man aber heute im vierten oder fünften Stock wohnt, sieht man alles. Diese Änderungen haben also enorme soziale und auch klimatische Auswirkungen.

STANDARD: Versuchen die iranischen Architekten, sich dagegen zu wehren?

Ghanei: Wir sind leider noch nicht so weit, dass wir unsere eigenen Lösungen anbieten können. In Isfahan ist kaum noch etwas von der alten Substanz übrig, es wird alles durch sehr hässliche Architektur ersetzt. Das Gebäude, in dem heute mein Büro ist, gehört zu den zehn Prozent alter Bauten, die noch nicht abgerissen wurden. Ich liebe das Haus sehr - wenn man dort arbeitet, erfährt man direkt, was orientalische Räume sind.

STANDARD: Kann man als Architekt also die Gesellschaft beeinflussen?

Ghanei: Ja. Sehen Sie: Nach dem Iran-Irak-Krieg war hier alles schwarz und weiß. Es war eine von Trauer geprägte Gesellschaft. Mit einem meiner ersten Projekte, der Bücherei von Isfahan, wollte ich wieder etwas Farbe in mein Land bringen. Es hatte eineinhalb Jahre gedauert, bis ich die Auftraggeber überzeugte, gelben und roten Stein zu verwenden. Ich habe ihnen sogar versprochen, es abzureißen und auf eigene Kosten in Schwarz und Weiß wieder aufzubauen, wenn die Menschen es nicht akzeptieren. Aber sie haben es akzeptiert. Heute sieht man wieder überall Farben. Ich habe sozusagen mein ganzes Land koloriert. Daher sage ich: Ja, wir können etwas verändern.

27. April 2013 Der Standard

Forschen an der Leichtigkeit

Für die Ausstellung „Splined Spheres“ in Innsbruck loteten zwei junge Frauen das bauliche Potenzial von Schlauch und Pneu aus.

In der von immer perfekteren Bilderfluten dominierten Architekturwelt scheint es oft so, dass zwischen täuschend realem Computerrendering und blitzblank fotografiertem Resultat kaum ein Unterschied besteht. Nicht einmal bei so gewagten Konstruktionen wie den gerne in ehrfürchtigem Staunen als „schwebend“ bezeichneten dynamischen Formen von Hadid, Gehry, Prix oder Delugan Meissl. Schwebend wird es angekündigt, schweben tut's am Ende. Überwältigung geglückt.

Es lohnt sich jedoch, zwischen diesen Zuständen der Schwerelosigkeit die Baustellen unter die Lupe zu nehmen: Enorme Massen an ganz und gar unfuturistischen Materialien werden dort zusammengetragen, um die luftigen Raumideen möglich zu machen: Akrobatisch gezimmerte Schalungen bringen den schweren Beton in die gewünscht gekrümmte Form, ganze Jahresrationen an Stahl müssen die enormen Kräfte bändigen. Die Technik des Eiffelturms für das Gedankengebäude aus dem Computer. Vielleicht wird man diese Bauten dereinst als Zeichen einer Übergangszeit einordnen, in der die räumlichen Ideen des 21. Jahrhunderts noch mit dem plumpen Handwerkszeug des 19. und frühen 20. Jahrhunderts operierten.

Dabei war man schon einmal weiter: In der Leichtigkeit des Münchner Olympiadaches von Frei Otto etwa, das aus technischer Intelligenz - und das noch ohne Computerhilfe - eine konstruktive Schönheit erschuf. An Frei Ottos Werk wurde zuletzt unter dem Titel „Form follows Nature“ am aut (Architektur und Tirol) in Innsbruck erinnert.

Die vorige Woche am selben Ort eröffnete Ausstellung Splined Spheres zeigt, dass auch heute in der Architektur wieder in Richtung Leichtigkeit geforscht wird. Sie bringt zwei junge Frauen zusammen, die im Dienste der Materialökonomie unterwegs sind: Ursula Klein und Valentine Troi. Ausgerechnet am Lehrstuhl von Zaha Hadids Büropartner Patrik Schumacher an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck hat die Südtiroler Architektin Valentine Troi 2008 ihre empirische Forschung begonnen. Ihr Ziel: die am Computer so verführerisch leicht entstehenden Kurven ohne tonnenschweren Aufwand in die Realität zu transportieren.

„Computer können heute enorm viel, aber die bauliche Umsetzung gerät immer öfter zum Finanzdesaster. Uns wurde klar, dass man Ideen materialauthentischer realisieren muss. Das heißt: nicht mit Massen von Stahl und Beton, sondern mit weichen Materialien“, erklärt Valentine Troi.

Riesenbubble mit Mambas

Die Lösung fand sich in Faserverbundstoffen: Schläuchen aus faserverstärktem Kunststoff, die gebogen und mit Harz in die vom Computer gewünschte Kurvenform hineingehärtet werden. Nachdem Troi mit ihren Studenten als ersten Prototyp eine Bar gebaut hatte, die alle Kräfte von Statik und Schwerkraft mühelos in sich aufnahm, flossen die ersten Fördergelder. Es wurde geforscht, produziert, patentiert. 2011 kam es zur Firmengründung von superTEX Composites, heute ist Valentine Troi Unternehmerin.

Ursula Klein ist dies schon längst: Sie führt in dritter Generation das 1952 gegründete Wiener Unternehmen schulteswien, das sich auf die Herstellung von noch Leichterem spezialisiert: der Luft selbst, in Form von aufblasbaren Pneus. Gemeinsam tüftelten die beiden in einem Workshop an möglichen Synthesen aus Schlauch und Blase.

Das Resultat: Eine hauchdünne Riesenbubble steckt nun im kreisrunden Loch im Boden des aut, einer ehemaligen Brauerei. Von oben wird sie umschlungen von bis zu 17 Meter langen dicken Schlingen, wie ein Tanz schwarzer Mambas auf einer Seifenblase. Mag die Blase auch praktisch nichts wiegen, dient sie doch als formgebende Schalung für die Splines. So entstehen Raum, Festigkeit und Konstruktion - Architektur mit Minimalgewicht.

Die weiteren Resultate des Workshops strahlen zwar den leicht spröden Charakter zwischen Kunstinstallation und Industriefachmesse aus, doch genau das ist ihre Bestimmung: Es sind Prototypen. Und es ist auch eine Erleichterung, einmal aufregende Ideen in ihrem Anfangsstadium beobachten zu können anstatt Hochglanzbilder fertiger Bauten.

„Wir wollten mit der Ausstellung absichtlich in Richtung Werkstatt und Experiment gehen“, sagt aut-Leiter Arno Ritter. „Es war ein richtiges Wagnis, denn es war vorher nichts simulierbar.“ Fast schelmisch freut er sich über die Kombination der beiden Raumproduzentinnen: „Ursula Klein setzt in ihrem Betrieb Aufträge von Kunden um, Valentine Troi kommt vom Gestalten. Jetzt spannen sie ihre Kreativkräfte zusammen und machen ihre Potenziale sichtbar.“

Der Schlauch der Weisen

Diese Potenziale haben auch längst andere Akteure entdeckt, die mit Kunstinstallationen eher wenig am Hut haben: „Für unsere Splines interessieren sich Branchen, in denen es wichtig ist, Gewicht einzusparen - die Automobilindustrie, die Luft- und Raumfahrt und die Medizin“, berichtet Valentine Troi. „Sie hat einfach den Schlauch der Weisen gefunden!“, beschreibt es Arno Ritter in euphorischen Worten.

Die eher innovationslahme Baubranche dagegen hat bislang noch wenig Interesse signalisiert. Vielleicht, weil der fugenlose Übergang von der Architektur über empirische Forschung in die Produktion hierzulande - anders als in den USA - eine noch ungewohnte Erfolgsgeschichte ist.

„Die Forschungskultur an den Architekturhochschulen ist sicher noch unterentwickelt“, konstatiert Valentine Troi. Dabei wären die Fördermittel vorhanden, überhaupt sei ihr der Übergang vom Seminarraum zum Start-up nicht besonders schwer gefallen.

Ausstellungspartnerin Ursula Klein sieht das Thema Innovation gelassener: „Valentine hat ein eigenes Material erschaffen, ich arbeite seit meinem zwölften Lebensjahr mit meiner Schweißmaschine an meinen Pneus.“ Doch wer weiß, ob die Zukunft des Bauens nicht im Kleinen und Leichten liegt.

30. März 2013 Der Standard

Die Stadt der offenen Türen

Entwickeln, verändern, verdrängen: Die jetzt eröffnete IBA Hamburg zeigt die Chancen und Gefahren der heutigen Stadtentwicklung.

Hamburg, Waterkant: Obwohl von jeher in Bild und schmachtendem Seemannslieder-Ton zu einem Synonym verschmolzen, sind Stadt und Ufer erst in den letzten Jahren langsam zusammengerückt. Mit der brandneuen Hafencity entsteht, wo früher Docks und Speicher waren, eine kantige Waterfront, hochpreisig, schick und urban, gekrönt von der in Zeitlupe ihrer Fertigstellung entgegenwachsenden Elbphilharmonie (momentaner Hoffnungshorizont: das Jahr 2017).

Damit nicht genug - nun soll es auch über das Wasser gehen: Hamburg will den Sprung über die Elbe wagen. Unsichtbar hinter Brücken, Kränen und dem Gewirr von Hafenbecken liegt auf der anderen Seite der Stadtteil Wilhelmsburg. Ein von der Zeit vergessenes Arbeiterviertel, von Schnellstraßen zerschnitten, mehr als 100 Nationalitäten sind hier zu Hause. Eine Gegend, in die der betuchte Innenstadt-Hamburger nur selten einen Fuß setzt.

Um das zu ändern, beschloss man, eine Internationale Bauausstellung (IBA) in Hamburgs Süden auszurichten - ein bewährtes Mittel, um Städten auf die Sprünge zu helfen. Die erste IBA fand 1901 in Darmstadt statt, es folgten Berlin 1957 und 1987 und das Ruhrgebiet 1999. Seitdem haben IBAs Hochkonjunktur: Heidelberg und Basel sind schon gestartet, Berlin will dieses Jahr seine dritte Bauausstellung beschließen.

In Hamburg will man zeigen, wie man Städten in Randgebieten und Brachflächen wieder Leben injizieren kann. Eine zweite Hafencity soll es auf der Elbinsel nicht geben, auch keine glamouröse, mit plakativen Pavillons protzende Weltausstellung. Stattdessen behutsame Stadtentwicklung, ganz hanseatisch-pragmatisch. Dass diese unter Einbeziehung der Beteiligten stattzufinden hat, ist angesichts des traditionellen Hamburger Bürgerstolzes eine Selbstverständlichkeit.

Ist Stadtplanung sexy?

Nach gründlicher Vorbereitung fiel 2007 der Startschuss. Sechs Jahre und eine Milliarde Euro später sind 46 der insgesamt 63 Projekte und 1300 von geplanten 5000 Wohnungen fertig und herzeigbar. Das Präsentationsjahr 2013 wurde am vorigen Wochenende eröffnet.

„Es geht nicht um einzelne schöne Häuser. Der wichtigste Schritt ist die kulturelle Erweiterung der Stadt, vor allem in den Köpfen. Damit wird es uns gelingen, die trennende Funktion der Elbe zu überwinden“, versicherte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD).

Darüber hinaus will man das als eher akademisch und unsexy geltende Thema Stadtplanung unter die Leute bringen, wie Architekt und IBA-Geschäftsführer Uli Hellweg nüchtern erläuterte: „Stadtentwicklung kann man erst anfassen, wenn sie Architektur geworden ist. Eine Bauausstellung ist das einzige Format, mit dem das möglich ist.“

Damit die Besucher der über 35 Quadratkilometer verstreuten Einzelprojekte nicht die Übersicht verlieren, ersann man die „IBA in der IBA“, einen kleinen Präsentierteller für die Stadt als Labor in beruhigend greifbarer Form, als Stadt der offenen Tür.

Unter dem etwas pompösen Label „Hybrid Houses“ finden sich Modellhäuser, die Wohnen und Arbeiten unter einem Dach verbinden - was von den Mietern, die sich schon gefunden haben, allerdings kaum genutzt wird. Die „Smart Price Houses“ daneben reihen Häuser als Selbstbau-Sets neben Fertighaushersteller, die ihr Walmdachhäusl-von-der-Stange-Reservat verlassen haben.

Die größten Ohs und Ahs der Besucher, die trotz klirrender Kälte zum Tag der offenen Tür gekommen waren, erntete das von den Grazer Architekten Splitterwerk mitentwickelte BIQ-Haus: eine Fassade aus lustig blubbernden Flachaquarien mit rapide wachsenden Algen, die als Biomasse in getrockneter Form das Haus hinter ihnen beheizen sollen - „Die Stadt im Klimawandel“ ist ein weiteres IBA-Leitthema.

So weit die Zukunftsmodelle. Weniger spektakulär, jedoch viel ausschlaggebender für Erfolg oder Scheitern der IBA ist der schnöde Wohnungsbau. Hier wagt man die Gratwanderung, ein bisher benachteiligtes Stadtviertel aufzuwerten, ohne die heutigen Bewohner von der Flut zahlungskräftiger Pionierbohemiens fortschwemmen zu lassen.

Bemüht hat man sich: Im sogenannten Weltquartier mit 1700 Bewohnern aus 30 Nationen wurde ein Arbeiterviertel unter Beteiligung der Bürger modernisiert - auch der migrantischen. „Eine IBA kann nicht einfach wie ein Ufo irgendwo landen“, betont IBA-Chef Uli Hellweg. „Die Bürger müssen erkennen, dass es um sie geht. Wir haben allerdings gemerkt, dass Bürgerbeteiligungen eher mittelschichtsorientiert sind. Also sind wir mit mehrsprachigen Studenten auf die migrantischen Bewohner zugegangen und haben so ihre Herzen geöffnet.“

Eine IBA ist kein Ufo

Dass der Bauausstellung nicht alle Hamburger Herzen zuflogen, war allerdings bei der Eröffnungsfeier nicht zu übersehen. Nicht wenige der beteiligten Bürger kritisierten, dass man zwar mitdiskutieren durfte, die wesentlichen Entscheidungen aber ohnehin schon getroffen waren. „Die Mieten passen sich jetzt schon dem hohen Niveau des nördlichen Hamburgs an“, klagte eine Anwohnerin, die Flugblätter verteilt. Noch lauter protestierten die rot beflaggten Demonstranten, die der IBA vorwarfen, ihr gehe es nur um kurzfristige Injektionen und nicht um die Stadt für alle.

Bürgermeister Olaf Scholz kennt die Kritik: „Es war von vornherein das Konzept, niemanden zu verdrängen. Hamburg wächst, deshalb bauen wir viele neue Stadtteile und nehmen so den Druck von einzelnen Vierteln.“

Was die Angst vor der Gentrifizierung etwas lindern könnte, ist die Tatsache, dass die IBA auch nach sechs Jahren an vielen spurlos vorbeigegangen ist. „Gut 50 Prozent der Hamburger wissen heute nicht, dass es die IBA überhaupt gibt“, gibt Uli Hellweg zu. Daher soll die Internationale Gartenschau, die Ende April auf demselben Areal eröffnet wird, als Publikumsmagnet fungieren. Blumen locken eben mehr als experimentell blubbernde Algen.

Ob es der IBA gelingen wird, Stadtentwicklung so greifbar zu machen, dass sie auch die kritischen hanseatischen Bürger akzeptieren, und ob man Stadt erneuern kann, ohne die Bevölkerung auszutauschen? Die Macher der zahlreichen nächsten IBAs werden sich jedenfalls genau anschauen, ob das Experiment im Labor Hamburg Erfolg hat.

Dominik Schendel, „Architekturführer Hamburg“. € 28,00 / 320 Seiten. DOM Publishers, Berlin 2013

www.iba-hamburg.de

2. Februar 2013 Der Standard

Freiraum im Schraubstock

Verloren im Mahlwerk von Normen und privaten Interessen: Der Umbau des Höchstädtplatzes im 20. Bezirk zeigt, wie in Wien mit öffentlichem Raum umgegangen wird

Warum hat eine so schöne Stadt so durchschnittliche Plätze? Liegt es daran, dass öffentlicher Raum hier vor allem als Arena des Verkehrs und seiner Teilnehmer gesehen wird?

Dreieinhalb Geschoße auf einem massiven schwarzen Betonwinkel, der ein dunkles L über die Straße zeichnet, um an ihrem anderen Ende forsch aufstampfend und fensterlos wieder zu Boden zu kommen. Die Erweiterung der Fachhochschule Technikum Wien im 20. Wiener Gemeindebezirk legt sich schrankenartig in elf Metern Höhe über den Höchstädtplatz und zeigt dem bisherigen Platzhirsch, dem Globus-Hochhaus aus den 50er-Jahren, wer jetzt das Sagen hat.

Der von den renommierten Architekten Neumann und Partner geplante Bau, der im kommenden Juni eröffnet wird, ist das Endstück der Neubebauung entlang der Dresdner Straße und trennt diese vom Platz dahinter.

Als still dämmernde, zerfaserte Gstätten, fristete der Höchstädtplatz früher ein Hinterhofdasein. Nichts Besonderes, nicht unbedingt schön, aber ein Raum mit Charme und Chancen. Dies blieb nicht unentdeckt. 1999 wurde ein städtebaulicher Wettbewerb ausgelobt. Dessen Siegerentwurf von TU-Professor Erich Raith lasse den Platz, so die Jury, „eine Qualität gewinnen, die ihm bisher nicht zukommt.“

Danach nahm das Wiener Platzschicksal seinen Lauf. Die Bebauung am Platzrand wurde vom Wiener Wirtschaftsförderungsfonds WWFF, entwickelt, der das Gebiet „Habitat 20“ taufte, aber am öffentlichen Raum naturgemäß wenig Interesse zeigte.

Mit dem Ergebnis kann Stadtplaner Erich Raith heute durchaus leben. „Ich erkenne meinen Entwurf heute durchaus wieder. Ein Platz braucht eine gewisse Offenheit in der Nutzung - auch wenn man einige Details sicher besser machen könnte.“

Doch in handfester Form zeigt der Platz sich heute als eingekeilter Restraum, geziert von verstreuten Normbankerln, überragt von einer architektonisch banalen Brücke aus gestapelten lukrativen Nutzflächen.

Kennzeichnend für viele öffentliche Räume in Wien ist: Sie ächzen und schwinden unter dem Gewicht der sie bedrängenden Partikularinteressen. Wenn noch dazu eine Armada an Magistratsabteilungen und Bezirksregierungen mitredet, werden Plätze leicht zum Sammelsurium gutgemeinter Regulierungen, mit einem Potpourri an Nutzgerümpel bunt durcheinander möbliert: gebaute Verwaltungskompromisse statt Räume mit Identität.

Nicht wenige starteten mit ambitionierten Ideen, die nach Durchlaufen des magistratischen Mahlwerks kaum mehr zu erkennen sind, wie etwa Boris Podreccas ursprünglich leichte Stahlkonstruktion am Praterstern, die heute eher an ein dickes Gewurl weicher Spaghetti nach halbstündiger Kochzeit erinnert.

Ähnliche Verplumpungseffekte widerfuhren dem Umbauentwurf des Schwarzenbergplatzes, dessen verschwundenen Blumenrabatten, die auf unzugänglichen Verkehrsinseln verloren dahinvegetierten, die „ Betonwüste!“-Rufer heute nostalgisch verklärende Tränen nachweinen.

Warum hat eine so schöne Stadt so durchschnittliche Plätze? Liegt es daran, dass öffentlicher Raum hier vor allem als Arena des Verkehrs und seiner Teilnehmer gesehen wird? Oder daran, dass Freiraum in dieser dichtbebauten Stadt ein knappes Gut ist, das sich schnell in Übernutzung verschleißt?

Drei bis fünf Quadratmeter Park-, Spiel- und Freifläche sollen laut Wiener Stadtentwicklungsplan jedem Bewohner zustehen. Was Kinder und Jugendliche dort tun wollen sollen, regelt eine Ö-Norm, vom Skaten bis zum Rollhockey. Von Eltern, Pensionisten, Mittagspausenjausnern und allen anderen ganz zu schweigen. Ein bissl grün soll es verständlicherweise auch sein.

Ein Platz ist aber nun mal kein Park. Die berühmtesten unter ihnen, vom Campo in Siena bis zur Place Vendôme, haben - ebenso wie zahllose unberühmte - nicht ein einziges Bäumchen vorzuweisen, was ihnen erstaunlicherweise selten vorgeworfen wird. Sie sind Orte mit Charakter.

Dass dieser nicht über Jahrhunderte reifen muss, sondern auch aus dem Nichts herstellbar ist, zeigt das vielgerühmte Beispiel Barcelona. In der dichtbebauten katalanischen Metropole erfuhr der öffentliche Raum, in den Franco-Jahren zwischen Überwachung und Vernachlässigung zu leblosen Zonen verkommen, in den 1990er-Jahren einen Aufschwung ohnegleichen.

Im Stadterneuerungsrausch der Olympischen Spiele wurden enorme Summen in Plätze, Parks und Promenaden investiert. Binnen weniger Jahre entstand eine Fülle eindrucksvoller Räume, mal rau und leer, mal spielerisch und bunt, jeder mit unverwechselbarem Charakter. Seitdem wird das „Barcelona Model“ weltweit emsig kopiert.

Das Erfolgsgeheimnis, erläuterte Stadtarchitekt Oriol Clos 2011 rückblickend, sei, kleine interdisziplinäre Teams unter einem Dach zu haben, die klare Entscheidungen treffen, mit der Maxime, Plätze zu schaffen, die als unzerfasertes Ganzes von allen Bürgern geteilt werden. Gestalterisch galt: lieber weniger, dafür besser, als vieles und mittelmäßig. Man kann Plätze auch leer lassen, ohne immer allen vorauseilend gerecht zu werden.

In Wien scheint man das Problem durchaus erkannt zu haben: 2007 begann die Stadt mit der Erstellung eines Leitbilds für den öffentlichen Raum, das nun auch angewendet werden soll. Man wird sehen, ob dies zu mehr Klarheit im Wollen und Wirken führt oder nur zu einer weiteren Stimme im Entscheidungsgewirr.

Mit ähnlichem Hoffen und Bangen wird man die Bürgerbeteiligung beim ewigen Sorgenkind Schwedenplatz beobachten. 2206 Bürger haben Vorschläge bezüglich Grünflächen, Sitzgelegenheiten und Querungsmöglichkeiten eingebracht. Über die Frage, ob ein Sammelsurium aus dem Best-of-Bürgerwünsche schon einen Platz macht, lagen sich vorige Woche Bezirkschefin Ursula Stenzel und Planungsstadträtin Maria Vassilakou in den Haaren. Bis Ende Mai soll aus der Wunschliste ein Leitbild destilliert werden. Ob dieses auch den zukünftigen Interessen, die auf den Platz einstürzen werden, widerstehen kann? Klar ist: Der Schraubstock, in den der Freiraum für alle gezwängt ist, wird nicht lockerlassen.

19. Januar 2013 Der Standard

„Werdet politischer, Architekten!“

Albtraum Partizipation: der Architekturpublizist Markus Miessen über falschen Konsens, guten Konflikt und die Rolle der Architekten in der Politik.

In seinem 2012 erschienenen Buch Albtraum Partizipation geißelte der Berliner Architekt und Publizist Markus Miessen die romantische Verklärung der Basisdemokratie und die in technokratischem Geplänkel versandeten Liquid-Democracy-Bemühungen der Piratenpartei. Es müsse eben nicht immer „jede letzte Schnarchnase“ an allem beteiligt sein. Anstatt Verantwortung bequem durch Volksabstimmungen abzuwälzen, gelte es, Mut zum Konflikt zu zeigen - eine Rolle, für die Architekten als Generalisten ohne Lobby prädestiniert seien.

STANDARD: In Ihrem Buch „Albtraum Partizipation“ bezeichnen Sie die Occupy-Bewegung, die Piratenpartei und die arabischen Twitter-Revolutionen als Beginn eines neuen partizipativen Zeitalters. Woher kommt das?

Miessen: Das liegt sicher einerseits an den technischen Möglichkeiten des Internets der letzten 15 Jahre, die inzwischen auch Altersgruppen wie der unserer Eltern den Zugang ermöglicht haben. Andererseits gibt es in westlich geprägten Demokratien ein zunehmendes Interesse an demokratischen Prozessen. Das heißt aber nicht, dass das alles ausschließlich gut ist.

STANDARD: Worin liegt der Albtraum in der Partizipation?

Miessen: Ich stelle nicht das System infrage - ich glaube an das Modell der repräsentativen Demokratie. Aber ich misstraue der Vorstellung der Basisdemokratie als Allheilmittel. Das Thema Partizipation ist in den letzten 15 Jahren sehr oft als Ausrede benutzt worden, um sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Es gab viele nebulöse Partizipationskonstrukte, bei denen man das diffuse Gefühl hatte, man habe sich einbringen können. Für Politiker ist das perfekt, um sich der Kritik zu entziehen. Im Nachhinein können sie immer sagen: Ihr habt es doch so gewollt!

STANDARD: Wie sieht die Alternative dazu aus?

Miessen: Partizipation ist für mich die Möglichkeit der Selbstermächtigung. Basisdemokratie kann nicht heißen, dass ich abwarte, bis mich jemand zur Teilnahme einlädt. Sondern initiativ zu agieren, auch und gerade in Situationen, in denen man nicht eingeladen ist. Indem man sich in bestehende Diskussionen, in die man nicht involviert ist, aktiv hineindrängt.

STANDARD: Sie werben in Ihrem Buch für eine neue Rolle der Architekten als „uneingeladene Außenseiter“. Was befähigt die Architekten dazu?

Miessen: Die Architektur ist in der Öffentlichkeit nicht gerade als Hort der Basisdemokratie bekannt. Und ich würde diese Rolle auch nicht exklusiv den Architekten auf den Leib schneidern. Es geht mir mehr darum, als Vertreter der Zivilgesellschaft zu agieren. Man ist als Architekt immer ein Mediator - mit dem Nachteil, dass man immer auf der Suche nach Konsens ist. Ich finde es spannender, wenn man auch bewusst den Konflikt in Kauf nimmt, ohne sich von vornherein auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu verständigen. Der Publizist Carson Chan hat für die Rolle des Architekten die schöne Analogie der Hebamme geprägt. Er muss nicht bis in alle Ewigkeit mitreden, sondern durch kurze Intervention eine Idee auf die Welt bringen.

STANDARD: Also ein neues Tätigkeitsfeld für Architekten in Zeiten, in denen es nicht genug Bauaufträge gibt?

Miessen: Ich würde jetzt nicht allen Architekten empfehlen, Partizipationsmodellen hinterherzurennen. Aber mehr Eigeninitiative, mehr Unternehmertum, mehr Forschung wäre wünschenswert, davon gibt es sehr wenig in der Architektur. Innerhalb der Architektenschaft hat sich in den letzten zehn Jahren eine Art Subkultur herauskristallisiert, die sich mit raumpolitischen Fragen auseinandersetzt. Auch die Feuilletons, die sich sonst nur auf Stararchitekten konzentrieren, haben diese Themen zunehmend aufgegriffen.

STANDARD: Die Partizipation in der Architektur hatte eigentlich ihre Hochphase in den 1970er- und 1980er-Jahren. Verkörpern die Wutbürger von Stuttgart 21 die Renaissance dieser Ära der Bürgerbeteiligung?

Miessen: Mich hat bei dieser Debatte gewundert, dass niemand gesagt hat: Ihr hattet lange genug Zeit mitzubestimmen und habt es nicht getan - Pech gehabt! Ich stehe Stuttgart 21 relativ neutral gegenüber, aber wenn ich vor zehn Jahren dazu eine entschiedene Meinung pro oder contra gehabt hätte, hätte ich mich da eingebracht. Das hat aber damals fast niemand getan. Dazu hätte man auch nicht Architekt sein müssen, das kann auch die Hausfrau oder der Zoodirektor. Jetzt, da es zu spät ist, trifft man sich, polemisch gesagt, protestierend zu einer Party im Park vor dem Bahnhof, und abends um acht geht man brav wieder zum Spätzleessen nach Hause.

STANDARD: Gibt es bessere Beispiele dafür?

Miessen: Es gibt Ansätze, durch die ganz neue Arten von Architektur entstanden sind, etwa die Baugruppen, die ganz auf Eigeninitiative zurückzuführen sind oder von Architekten initiiert wurden. Das verkörpert eine neue Idee, wie man in der Stadt leben kann - ohne dass man das schreckliche Wort „Vision“ bemühen muss. Wenn man sich eine Stadt wie Berlin oder London anschaut, sind es tatsächlich diese Typologien, die im positiven Sinne die größte Veränderung der letzten Jahre darstellen.

STANDARD: Könnte das ein tragfähiges Modell des Zusammenlebens sein, das zukünftig in breiter Form angewendet wird?

Miessen: Ich glaube schon. Für den Großteil der Architekten ist das heute noch uninteressant, weil man nichts daran verdient. Aber einzelne Vorreiter können hier für ein Thema sensibilisieren, das später von größeren Büros aufgegriffen wird. Auch in den Städten können sich Architekten als politische Akteure einbringen, die Institutionen infiltrieren, in denen die Entscheidungen getroffen werden, welche die Stadt beeinflussen. Architekten denken immer, der gebaute Raum habe massiven Einfluss auf die Stadt. Smart Cities zu planen ist natürlich eine gute Sache, aber es gibt viele weiche Faktoren, die das Leben der Bürger weit mehr beeinflussen.

STANDARD: Welche zum Beispiel?

Miessen: In Berlin wird zurzeit ein Gesetz diskutiert, das es verbietet, Eigentumswohnungen das ganze Jahr als Ferienwohnungen zu vermieten. Diese Praxis nimmt rapide zu, mit Wahnsinnspreisen und der Folge, dass ganze Stadtviertel zu Hotels werden und es kein zivilbürgerliches Leben mehr gibt. Das ist also eine Möglichkeit des Eingreifens, die an sich nichts mit Architektur zu tun hat, aber enorme Folgen haben kann.

STANDARD: Ihr Starkollege Rem Koolhaas meinte einst, Architekten würden per se als politisch blind angesehen. Müssen Architekten politisch mutiger werden?

Miessen: Das würde ich mir wünschen! Architekten haben zwar oft politisch-moralische Vorstellungen, werfen diese dann aber gerne über Bord, wenn ein Projekt in Gefahr ist. Das ist zwar kein speziell architektonischer Charakterzug, es fällt bei ihnen aber eher auf, weil sie von den Machtstrukturen öffentlich beauftragt werden. Der Bau des Berliner Bundeskanzleramts zum Beispiel ist die exakt verräumlichte Version von Helmut Kohl! Dessen Architekt muss sich sagen lassen, dass er hier eine ganz bestimmte politische Überzeugung baulich realisiert hat. Gut, vielleicht teilt er ja diese Überzeugung, dann ist es in Ordnung. Kritischer wird es, wenn Architekten in weniger demokratischen Ländern Staatsstrukturen nachbauen.

STANDARD: Architekten sehen sich heute oft als Dienstleister. Sind sie als solche nicht wirtschaftlich viel zu abhängig, um Konflikte mit zu schüren?

Miessen: Ich will niemanden vorverurteilen, nur weil er wirtschaftlich von Aufträgen abhängig ist. Man sollte sich aber dessen bewusst sein, dass jede Entscheidung eine raumpolitische Konsequenz hat. Es dauert nicht nur lange, Architektur zu realisieren, sie hat auch eine lange Halbwertszeit, die Menschen müssen sehr lange damit leben. Man sollte sich dieser Verantwortung auch bewusst sein.

12. Januar 2013 Der Standard

Stillleben im Skizirkus

Die neue Bergstation der Wildspitzbahn in Tirol von Baumschlager Hutter Architekten gibt sich als sanfte Gipfelstürmerin jenseits der Hüttengaudi

Dass der Tourismus in den Tälern Tirols seine Spuren auch in architektonischer Form massiv hinterlassen hat, ist nicht erst seit der Piefke-Saga allgemein bekannt. Neben Hotelburgen ist es vor allem ein visuelles Grundrauschen des permanenten Werbens, Winkens und Wedelns, das auffällt im Weichbild der Siedlungen, die immer mehr zu einem durchwürfelten Ganzen zusammenwachsen und sich gleichzeitig selbstvermarktend immer aufgeregter voneinander abgrenzen müssen, um zu überleben.

Umso mehr fällt es auf, wenn sich dazwischen Bauten finden, die nicht laut nach Kundschaft schreien, die - ob aufgrund ihres Alters oder ihrer Funktion - in einer ruhigen Selbstverständlichkeit einfach nur „sind“. Eine stille Qualität, die sich nicht leicht von null auf neu herstellen lässt, auch wenn „Authentizität“ längst ins Markenportfolio der Touristiker aufgenommen wurde.

In diesem sich beschleunigenden Wettbewerb ist das Pitztal, dessen Gletscherregion erst Anfang der 1980er-Jahre für den Wintersport erschlossen wurde, ein relativer Späteinsteiger. Diese Verzögerung ist ein Glücksfall: Während im benachbarten Ötztal das Skihüttenrambazamba zu Hause ist, geht es hier noch relativ ruhig und familiär zu.

Doch Ansprüche und Besucherzahlen steigen auch hier, so dass die ersten Bauten, die für den Wintersport errichtet wurden, jetzt nach 30 Jahren schon am Ende ihrer Nutzbarkeit angekommen sind. Wenn daher inmitten eines Traumpanoramas auf 3440 Meter Höhe gegenüber der Wildspitze, dem zweithöchsten Gipfel Österreichs, der Neubau einer Seilbahn mit Berg- und Talstation notwendig wird, stellt sich die Frage: Kann an solch prominenter Stelle ein Bauwerk gelingen, das einfach nur ist?

Dass der Bauherr Hans Rubatscher, Geschäftsführer der Pitztaler Gletscherbahn, sich mit dem Büro Baumschlager Hutter für Architekten entschied, die bekannt sind für alpine Dezenz Marke Vorarlberg, wo man dem Gebirge schon immer auf leisen Sohlen entgegengetreten ist, spricht dafür. Eine sachlich rechtwinklige Kiste nach Ländle-Art kam an dieser Stelle, balancierend auf einem Felsgrat mit hohen Windgeschwindigkeiten und Temperaturschwankungen von minus 30 bis plus 20 Grad jedoch nicht infrage.
Kraftakt in der Höhe

„Wir haben eine Form gesucht, die mit der Bergwelt zu tun hat“, erklärt Architekt Carlo Baumschlager. „Auch konstruktiv mussten wir uns der kleinen Fläche von 200 Quadratmetern anpassen: Wenn man alle Bauteile aufwändig hochtransportieren muss, wird Gewicht extrem teuer, man muss also auf Leichtigkeit setzen. Es konnte also keine statische Kiste sein, sondern eine dynamische Form: wie eine Schneewehe.“

Wie ein von Wind und Wetter geformter Gupf balanciert die mattsilberne Bergstation samt zugehörigem Café und Aussichtsterrasse nun auf der Kante des Hinteren Brunnenkogels. Vorteil war dabei, dass man sich auf die Fundamente der alten Bergstation stützen konnte. „Eine komplette Neuerrichtung an einer so exponierten Stelle wäre heute auch aus Naturschutzgründen praktisch unmöglich“, sagt Stefan Richter, Marketingchef der Pitztaler Gletscherbahnen.

Architektur auf solchen Höhen umzusetzen, ist ein Kraftakt: 3350 Fahrten mit der Materialseilbahn waren nötig, größere Bauteile und der Kran kamen Stück für Stück in 700 Hubschrauberflügen auf den Gipfel. Noch dazu war der Zeitdruck enorm: Wo die Wintersaison von September bis April dauert, bleibt nicht viel Zeit für ungestörte Bautätigkeit. Noch dazu verlangte die Dachkonstruktion, bei der kein Teil dem anderen gleicht, höchste Präzision. Trotz Verzögerung durch Wintereinbrüche in den Sommermonaten wurde man in letzter Minute rechtzeitig zum Saisonauftakt fertig.

Zwei Monate nach der Eröffnung am 9. November ist das Café gut gefüllt mit Besuchern, die skibestiefelt ihre Tabletts mit Kaspressknödeln zum Tisch balancieren. Es herrscht gute Laune, aber kein Après-Ski-Gelärme, sondern ein fast meditative Aussichtsruhe. Auf den kleinen Tischen aus massivem Eichenholz ließe sich ohnehin schwer tanzen. Keine rustikal wuchernden Bergstüberlbänke, die Möblierung hinter den bis zu sechs Meter hohen Glasscheiben tritt hinter dem Wesentlichen - der Aussicht - dezent zurück.
Café mit Pistenschwung

Wie man am eleganten Pistenschwung der gekurvten Holzverkleidung des Thekenbereichs sieht, haben die Vorarlberger Architekten Gefallen daran gefunden, ausnahmsweise jenseits des rechten Winkels zu hantieren.

Auch die über den Grat in die Luft ragende Aussichtsterrasse wurde rundum verglast: Nichts soll den schweifenden Blick über das Panorama stören. „Es ist schon lustig, zu sehen, wie sich viele Gäste ganz langsam zum Glas vortasten“, sagt Stefan Richter.

Nicht nur Café und Aussicht sind für den Betreiber, die Pitztaler Gletscherbahnen, ein Mittel, um für die Touristen der Zukunft zu werben, auch die Architektur an sich. Die reine Technik einer Bergstation schlägt mit etwa sechs bis acht Millionen Euro zu Buche - dennoch setzte man mit insgesamt 20 Millionen Investition bewusst auf den Mehrwert von Architektur. Der Grund: Der Wettbewerb zwischen den alpinen Bergbahnen verlangt aufgrund des Überangebots nach Unverwechselbarkeit. „Man muss also ein Highlight schaffen“, erklärt Marketingchef Stefan Richter. „Ein markanter Bau, der zeigt: Das ist etwas ganz Einzigartiges.“

Aus diesem Mehrwert ist mitten in nahezu unberührter Natur tatsächlich ein Bauwerk entstanden, dem es gelingt, einfach selbstverständlich nur zu sein. Wie lange diese stille Existenz angesichts der geringen Halbwertszeit von touristischen Einrichtungen andauern wird?

Architekt Carlo Baumschlager bleibt entspannt: „Technische Gebäude sind grundsätzlich nicht für die Ewigkeit. Wenn sich die Seilbahntechnik ändert, wird sich auch die Station ändern. Ob sich der Tourismus und der Wintersport in dieser Form halten, weiß man heute natürlich auch nicht. Es ist, was es ist: ein kleines punktförmiges Objekt in dieser riesigen Naturwelt. Mehr Bedeutung beansprucht es nicht.“

4. Januar 2013 Bauwelt

Neubau des Paracelsusbads in Salzburg

Das einzige Bad in der Salzburger Innenstadt stammt aus den 50er Jahren. Nach jahrzehntelanger De­batte gab es schließlich grünes Licht für Abriss und Neubau. Im Wettbewerb galt es, das umfangreiche Raum­programm einer Badelandschaft in die Höhe zu stemmen.

Publikationen

2017

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter? Die Ausstellung ist ein Plädoyer für den Fortschritt in Architektur, Wohnungsbau und Städtebau. Wie wir wohnen ist nicht unseren Genen geschuldet, wie wir wohnen ist ein über Generationen an gelerntes Verhalten, dessen Weiterentwicklung von der Dauerhaftigkeit
Hrsg: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell
Autor: Maik Novotny, Kristin Feireiss, Kaye Geipel, Anna Popelka, Georg Poduschka
Verlag: PPAG, Aedes Architekturforum

2014

PPAG: Speaking Architecture
Phenomenology / Phänomenologie

Ein Elefantenhaus, ein Wohnberg, ein Dorf am Dach. Eine offene Schullandschaft, ein barockes Parkhaus, ein silbern schimmernder Windkanal. Das Wiener Büro PPAG architects, 1995 von Anna Popelka und Georg Poduschka gegründet, denkt Architektur mit Scharfsinn, Lust und Erfindergeist immer wieder neu. Ihr
Hrsg: Maik Novotny
Autor: Anna Popelka, Georg Poduschka, PPAG
Verlag: Ambra Verlag

2007

Eastmodern
Architecture and Design of the 1960s and 1970s in Slovakia

Eastern modernist architecture of the 60’s and 70’s is moving away from the specialized focus of international architecture debates and becoming a subject of discussion within the broader context of general interest. The excellent photos in the book convey the flair of an era in which planning was obviously
Autor: Maik Novotny, Hertha Hurnaus, Benjamin Konrad
Verlag: SpringerWienNewYork