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    Ein Fenster zum Wald
    Neue Zürcher Zeitung

    Ein Fenster zum Wald

    Die Villa «Aurora Borealis» von Paul de Ruiter

    Als der Amsterdamer Architekt Paul de Ruiter mit dem Bau einer Seniorenvilla für ein älteres Ehepaar in der niederländischen Gemeinde Moergestel bei s'Hertogenbosch beauftragt wurde, liess er sich von Le Corbusiers «petite maison» am Genfer See inspirieren. Entstanden ist eine kleine Hommage eines Jungarchitekten an den grossen Meister.

    09. April 1999 - Robert Uhde

    Die Villa La Roche in Paris war gerade bezogen und «Vers une architecture» soeben erschienen, da machte sich der 37jährige Le Corbusier daran, seinen Eltern ein einfaches Haus in Corseaux bei Vevey am Ufer des Genfersees zu entwerfen. «Unser Haus ist einfach, so einfach wie sein Architekt», sollte seine Mutter später über die kleine Villa sagen. Le Corbusiers Vater lebte nur ein knappes Jahr in der «petite maison», er verstarb schon 1925. Seine Mutter, sollte jedoch noch 35 Jahre hier verbringen, bis zu ihrem Tod im Alter von 100 Jahren. Kurz darauf wurde die Villa unter Denkmalschutz gestellt. Eine späte Ehrung für die «längliche Kiste auf der Erde», wie der Meister das Haus nannte.

    Ein Haus fürs Alter

    Als der 1962 geborene Amsterdamer Architekt Paul de Ruiter vor einigen Jahren mit dem Entwurf einer Villa für ein etwa sechzigjähriges Ehepaar betraut wurde, erinnerte er sich an das Haus in Corseaux. Ihm schwebte kein originalgetreues Abbild, kein einfaches Zitat vor, sondern eine zeitgemässe und freie Übersetzung, die das Vorbild Le Corbusiers eher als assoziativen Hintergrund denn als konkrete Handlungsvorgabe begreifen wollte. Schon die Kulisse der «Villa Aurora Borealis», der «Morgenröte des Nordens», hätte kaum besser gewählt werden können: Der kompakte und fast minimalistische flache Bau aus Glas, Backstein und Zedernholz fügt sich sensibel in die waldige, leicht hügelige Landschaft Brabants ein. Dem Grundgedanken folgend, dass die Bewohner unabhängig bis ins hohe Alter in der Villa leben können sollten, hat Paul de Ruiter den 230 Quadratmeter grossen Grundriss des Hauses in zwei rechteckige, ineinander gedrehte Baukörper aufgeteilt. Beide Bereiche sind so angelegt, dass sie sich jederzeit zu zwei getrennten Wohnungen umstrukturieren lassen. Bei Pflegebedarf können also etwa die Kinder oder andere Personen mit in die Villa einziehen.
    Um die Möglichkeit der Aufteilung in zwei getrennte Wohnungen auch nach aussen sichtbar werden zu lassen, haben beide Volumen eine eigene Materialsprache und Detaillierung erhalten: Nach Norden hin, wo Le Corbusier die Villa seiner Eltern in futuristische Blechschindeln hüllte, schliesst sich die Brabanter Villa durch anthrazitfarbenen Backstein und ein mit Kupfer beschichtetes Schrägdach von der Aussenwelt ab. Hier befindet sich der Gästebereich mit eigenem Bad und ein Arbeitszimmer. Der nach Süden zum Wald hin sich anschliessende «eigentliche» Wohnbereich mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und grossem Bad ist dagegen in rötlichem Zedernholz gehalten. Für ausreichend Licht im langen Flur zwischen beiden Baukörpern sorgt ein 16 Meter langes Oberlicht, das den Höhenunterschied zwischen dem flachen Wohnbereich und dem schrägen vorderen Bereich ausgleicht.

    Nach Süden schafft viel Glas offene und helle Räume in der waldigen Umgebung. Besonders schön ist der Blick auf die Bäume aus dem vier Meter breiten Fenstervorsprung aus rahmenlosem, verleimtem Isolierglas – eine Spezialanfertigung, die für ein Höchstmass an Transparenz und Abstraktion sorgt und in diesen Ausmassen in den Niederlanden bisher noch nicht realisiert worden ist. Vom Garten aus wird dann ein weiteres Detail sichtbar: Hier hat de Ruiter den Höhenunterschied des Grundstückes genutzt, um einen Teil des in Holz gehaltenen Baukörpers spielerisch über dem Boden schweben zu lassen.
    Um den Bewohnern im Alter ein möglichst barrierefreies Wohnen zu ermöglichen, weisen die einzelnen Räume der Villa keine Höhenunterschiede und keine Treppen auf und gehen fliessend ineinander über. Sämtliche Türen wurden dabei so verbreitert und proportional erhöht, dass man sie auch mit dem Rollstuhl benutzen kann. Wenn die mattgläsernen Türen offen sind, entsteht quer durchs Haus eine 15 Meter lange Sichtachse, die vom Badezimmer zum äusseren Ende des Wohnzimmers reicht. Im Zentrum befindet sich dabei das Schlafzimmer, «denn auch bei einer eventuellen Bettlägerigkeit sollen sich die Bewohner nicht an den Rand des Hauses abgeschoben fühlen», meint der Architekt.

    Ästhetik und Ökologie

    Paul de Ruiter, der nach seinem Studium an der TU in Delft zwischen 1991 und 1992 im renommierten Amsterdamer Büro van Berkel & Bos gearbeitet hat, sucht in seiner Arbeit nach einem ästhetisch wie energetisch sinnvollen Zusammenspiel von Gebäude, Fassade und Umraum. «Es imponiert mir, wie Jean Nouvel moderne Technologie als selbstverständlichen Teil von Kultur betrachtet», meint er und erwähnt dann auch den Minimal-Künstler Donald Judd und dessen Verständnis von Raum und Licht. Für das soeben fertiggestellte Mercator-1-Gebäude, das erste von insgesamt sechs Gebäuden, die Paul de Ruiter für den neuen Wissenschafts- und Technologiepark der Universität Nijmegen plant, hat er eine neuartige zweischalige Fassade aus Glas und transparentem Stoff entwickelt, deren abstrakte Rahmeneinteilung in der Tat interessante Bezüge zu Judd erkennen lässt. Aber Paul de Ruiter denkt schon weiter: «Mercator 6 soll dann ausschliesslich mit Wind- und Sonnenenergie auskommen. Gebäude können auf diese Weise zu Energieproduzenten umgestaltet werden.»

    Neben der Villa «Aurora Borealis» und dem Mercator-1-Gebäude hat Paul de Ruiter in den vergangenen vier Jahren die Orchard Business Area in Wageningen, den ebenfalls in Nijmegen gelegenen Houtlaan Technology & Science Park und das Unternehmerzentrum Simon Stevin in Arnheim realisiert – eine beachtliche Referenzliste für einen erst 36jährigen Architekten, die aber in den Niederlanden keinen Einzelfall darstellt. Während andernorts über die schwierige Lage von Berufseinsteigern geklagt wird und Architekten noch mit vierzig als «jung» gelten, sorgen in den Niederlanden neben kurzen Studienzeiten vor allem der gegenwärtige Wirtschaftsboom und eher günstige Baukosten dafür, dass eine beachtliche Zahl junger, innovativer Büros sich profilieren kann. Paul de Ruiter jedenfalls muss sich kaum Gedanken über die Zukunft seines Büros machen: Mit dem Mercator-Projekt in Nijmegen wird er die nächsten acht Jahre beschäftigt sein, noch in diesem Jahr wird er ausserdem drei weitere Senioren-Villen bauen. Was ihn stört, ist, dass dieser Bautypus noch immer mit einem negativen Image behaftet ist, «dabei sind ältere Menschen heute oft erstaunlich aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen».

    Die Entwurfsarbeiten zur ersten der drei Villen sind so gut wie abgeschlossen; im Zentrum des Hauses hat Paul de Ruiter ein kleines Atrium mit einem Schwimmbecken vorgesehen. Noch nicht entschieden hat er dagegen über das Dach der Villa. Gegenwärtig beabsichtigt er, erneut Kupfer zu verwenden. «Im Verlauf von etwa 20 Jahren wechselt das Dach dann seine Farbe und erhält dabei seine typische leuchtend-grüne Patina.» Ein schönes Bild des Alterns.

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    Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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