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„Das Land“ – was ist das genau?
Spectrum

Stadtluft macht frei? Das war einmal. Derzeit wird Freiheit vor allem auf dem Land gesucht. Über die Zukunft eines lange Zeit vernachlässigten Raums – und Rem Koolhaas' Ideen zur „Countryside“.

25. April 2020 - Ute Woltron
Als ob er es gewusst hätte: Ausgerechnet heuer im Februar, als sich unverhofft eine Pandemie über den Globus zu verbreiten begann, die nur Momente später die Bewohner vieler Städte für Wochen in ihre vier Wände zurückwerfen, die sich als Schockstarre über die Menschheit legen und selbst Straßenzüge in Millionenstädten leerfegen sollte, eröffnete Rem Koolhaas im New Yorker Guggenheim Museum eine Ausstellung mit dem Titel „Countryside: The Future“. Bereits vor zehn Jahren angedacht und in den vergangenen fünf Jahren von einem interdisziplinären Team erarbeitet, stellt der holländische Architekt darin jene 98 Prozent der Erdoberfläche, die Nicht-Stadt sind, ins Zentrum seiner Überlegungen. Denn was anderes als keine Stadt ist „das Land“ heutzutage? Wie kann man definieren oder benennen, was vielfältiger und unterschiedlicher nicht sein könnte?

Insbesondere in den vergangenen Wochen der erzwungenen Eremitage durften sich viele Bewohner des sogenannten Landes deutlich bevorzugt fühlen. Der Wald ums Eck, der Garten vor der Haustüre, die Landstraße noch leerer als zuvor, die eingekochte Ernte des Vorjahrs in der Speisekammer. So die idyllisch überhöhte Vereinfachung einer Situation, die dennoch vielerorts beschauliche Realität ist. Die österreichische Schriftstellerin Tanja Paar brachte die Gefühlslage der Städter auf Twitter während der Quarantäne so auf den Punkt: „Das eigentlich Spannende für mich an Covid-19 ist, dass es in der Stadt nun weniger Freiheiten gibt als auf dem Land. Dafür sind wir nicht in die Stadt gezogen.“

Rem Koolhaas, der jahrzehntelang vor allem das Getriebe der großen, dynamischen Menschenagglomerationen aus allen Perspektiven betrachtete und die Architektur immer wieder mit erfrischendem Querdenken bereicherte, etwa wenn er Themen wie „Shopping“ und wenig beachtete Elemente der Architektur eingehenden Studien unterzog, kam auf die Idee zur Ausstellung, als er über ein paar Jahre hinweg das Verschwinden der Kühe von den Bergweiden seines Urlaubsdomizils in der Schweiz beobachtete. Die Milchkühe verschwanden ebenso wie viele der ursprünglichen Dorfbewohner, dafür kamen neue Zuzügler, viele von ihnen aus der Stadt. Die strikten Regeln des Denkmalschutzes behüteten zwar die vermeintliche Ursprünglichkeit des Dorfes und seiner alten Bauernhäuser, doch, so meint Koolhaas: „Wenn man heute zwischen die Vorhänge blickt, sieht man den typischen zeitgenössischen Konsumstil: Minimalismus.“ Der sei jedoch „mit einer exzeptionellen Menge von Kissen“ ausgestattet.

Als er sich bei einem Bauern über diese Entwicklungen erkundigen wollte, etwa wohin die Kühe verschwunden waren, musste er feststellen, dass er mit einem vormaligen Atomphysiker aus Frankfurt sprach. Der Traktorfahrer auf einer Weide stammte aus Sri Lanka, und die drei Frauen auf dem Stadtplatz waren Asiatinnen, die sich um Haushalt und Kinder der Zugezogenen oder Wochenendbewohner kümmerten. Er entdeckte zudem eine Schriftstellerin, einen Steuerberater, einen Musiker im Dorf.

Die Bauern hingegen findet man längst anderswo. Aus der kleinteiligen Landwirtschaft haben sich, insbesondere in den USA, aber auch in Europa, Megabetriebe entwickelt, die computergesteuert quasi vom Tablet aus bewirtschaftet werden. Wer die Vorstellung des zeitgenössischen Bauern mit der Mistgabel in der Hand pflegt, liegt völlig daneben. Gerade noch zwei bis acht Prozent der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft. Heute produzieren vielmehr riesige Anlagen mit minimalem bis gar keinem Personalstand einen Gutteil der Sonntagsbraten für die Menschheit. Mehr als die Hälfte davon lebt in den Städten, eine rasante Entwicklung, auf die sich in der jüngeren Vergangenheit denn auch die überwältigende Mehrzahl aller Studien konzentrierte.

Doch was, will Koolhaas in seiner mittlerweile natürlich dank Corona längst geschlossenen Guggenheim-Schau fragen, ist eigentlich mit der anderen Hälfte? Das sogenannte Land könne man, so der Architekt, mit den Landkarten zu Beginn des 18. Jahrhunderts vergleichen, auf denen weite Flächen weiß und als Terra incognita ausgewiesen waren. Das Phänomen des sich leerenden Landes, verkündet er, hat wesentlich drastischere Auswirkungen als die Verdichtung der Städte, und diese intelligent zu steuern sei das Gebot der Stunde. Denn das Land sei im Begriff, sich in etwas Neues, nie Dagewesenes zu transformieren, schreibt Koolhaas im Katalog zur Ausstellung, und zwar: „In eine Arena für Genexperimente, industrialisierte Nostalgie, neue Muster saisonaler Migration, massiver Subventionen, steuerlichen Anreiz, digitale Information, von Maschinen beherrschte Landwirtschaft, Homogenisierung von Arten. Es wäre schwierig, eine ähnlich radikale Bestandsaufnahme für die Stadt niederzuschreiben.“

Im Schatten der Corona-Krise haben zahllose Architekturkritiker und Städteplaner ihre Gedanken darüber zu Papier gebracht, ob die in den vergangenen Jahrzehnten gepriesene Verdichtung der Stadt nicht eine Fehlentwicklung gewesen und rasch zu überdenken sei. Die Antwort darauf wird nicht zu finden sein, bezieht man nicht die bislang völlig vernachlässigte Umwelt der Stadt, das Land, in all diese Überlegungen ein. Koolhaas: „Unsere momentane ausschließliche Obsession mit der Stadt ist in höchstem Grad unverantwortlich, denn die Stadt lässt sich nicht verstehen, versteht man das Land nicht.“ Von dort komme Nahrung, dort liege die Industrie, dort formiere sich dank digitaler Vernetzung, Highspeed-Internet und dergleichen eine neue, natürlich völlig disperse Gesellschaft.

Nicht einzelne besonders gelungene, von vermögenden Bauherren irgendwo in die Landschaft gepflanzte Architekturen, sondern intelligente, gesetzlich verankerte Raumplanung und sinnvolle Vernetzung von Stadt und Land könnten, ja sollten den künftigen Umgang mit diesen 98 Prozent Erdoberfläche prägen. Die Vernachlässigung des ländlichen Raumes in Österreich etwa hat unterschiedliche Ursachen, ökonomische wie ideologische. So lässt sie sich in einem aus den Nöten der Nachkriegszeit geborenen, entsprechend veralteten und das Land nach wie vor diskriminierenden Finanzausgleichssystem ablesen. Die Missachtung des ländlichen Raumes könnte nach dem Schock der Krise als weit größere Herausforderung erkannt werden als die letztlich vernünftige Verdichtung der Stadt.

Es dürfte auf jeden Fall spannend werden. Möglicherweise sind wir lernfähig und stellen in einer künftigen Welt der städtischen Bevölkerung vermehrt Architekturen mit klug durchdachten Freiräumen zur Verfügung. Möglicherweise erkennen wir, dass wir erst am Anfang einer vor allem von den Möglichkeiten der digitalen Medien befeuerten Entwicklung stehen, die sinnloses Hin- und Herfahren reduziert. Möglicherweise findet die Architektur dank dieser Krise aus ihrer momentanen Belanglosigkeit und bringt sich mit ihrem chronisch unterschätzten, kostbaren Know-how in dieses weite Feld ein.

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