Kann Architektur die Seele heilen? Ein Blick in Salzburgs neue Psychiatrie
Eine Psychiatrie der anderen Art: helle Korridore, begrünte Höfe und Terrassen, Betten mit Blick in die Baumkronen. Kann Architektur die Seele gesund machen?
Im 19. Jahrhundert herrschte die Überzeugung, dass Krankheiten durch schlechte, verdorbene Luft – sogenannte Miasmen – übertragen würden. Die bauliche Antwort darauf war das Pavillonkrankenhaus. Um frische Luft und Zirkulation zu garantieren, brachte man die Stationen in weitläufig verteilten, solitären Gebäuden im Grünen unter.
Auch wenn sich die Miasmentheorie unter dem Einfluss der Erkenntnisse von Medizinern wie Ignaz Semmelweis und Robert Koch bald als wissenschaftlicher Irrtum erwies: Das räumliche Prinzip funktionierte aus hygienischer Sicht hervorragend. Dennoch würde heute kein Planer mehr ein Pavillonspital errichten. Die Logistik ist hochgradig problematisch, die Wege für Personal, Patienten und Material sind zu lang und ineffizient. Ab den 1930er-Jahren dominierten im Krankenhausbau kompakte, mehrgeschoßige Lösungen, angelegt nach dem Prinzip der kurzen Wege.
Parkähnliche Anlagen
Dennoch werden die historischen Pavillonkrankenhäuser bis heute geliebt. Man schätzt ihre parkähnlichen Anlagen, verdichtet sie punktuell und verbindet sie, wie etwa im Landeskrankenhaus Graz, mit enormem Aufwand über unterirdische Tunnel miteinander. In ein solches, von prächtigen Altbäumen und großzügigen Freianlagen geprägtes Pavillonspital bettet sich das neue Psychiatriegebäude der Christian Doppler Klinik in Salzburg ein. Es fungiert als moderner Ersatzbau für einen in die Jahre gekommenen Bestandspavillon aus der Zeit um 1900. Das Denkmalamt gab den Abbruch des historischen Vorgängers frei, unter einer Bedingung: Der Neubau musste als kompakter Solitär konzipiert sein, der sich in das wertvolle historische Ensemble einfügt.
Die Architekten Habeler & Kirchweger entwarfen einen kompakten, quadratischen Grundriss mit einem zentralen Innenhof und mehreren Einschnitten in den Baukörper. Vier raffinierte Lichtbrunnen, in denen sich als Kunst am Bau Skulpturen von Werner Feyersinger eingenistet haben, durchdringen den dreigeschoßigen Baukörper und versorgen das Gebäude bis ins Erdgeschoß mit natürlichem Tageslicht. Auf rund 5000 Quadratmetern Bruttogeschoßfläche finden knapp 60 Betten Platz: Akutfälle liegen im Erdgeschoß, die geriatrische Station im ersten Obergeschoß, während die allgemeine Psychiatrie den zweiten Stock belegt. Die geriatrischen Patienten haben direkten Zugang zum begrünten Innenhof. Ein zentraler Erdkörper erlaubt es, hier sogar tief wurzelnde Bäume zu pflanzen. Für die Stationen im 2. Obergeschoß gibt es großzügige Terrassen für den Aufenthalt im Freien. Um den notwendigen Schutz für die Patienten ohne eine gefängnisartige Atmosphäre zu gewährleisten, wurden Stahlnetze in filigrane Konstruktionen gespannt, die dem vertrauten Bild normaler Glashäuser nachempfunden sind. Die gibt es auf dem Areal auch, nur ein paar Schritte entfernt: Ein Team angestellter Gärtner arbeitet dort mit Patienten, für die Gartenarbeit Teil der Therapie ist.
Therapeutischer Charakter des Hauses
Materialtechnisch zeigt sich der Baukörper in feiner Abstimmung mit seiner Umgebung. Die äußeren Fassaden sind weiß verputzt und durch große, horizontal betonte Fensteröffnungen gegliedert, während der Innenhof und prägnante Einschnitte in den Baukörper mit einer warmen Holzverkleidung versehen sind. Im Inneren setzt man auf eine zurückhaltende, beruhigende Farbgebung und natürliche Materialien, die den therapeutischen Charakter des Hauses unterstützen. Das herausragende gestalterische Moment ist jedoch der Ausblick in die Natur, der von fast jedem Punkt des Hauses gegeben ist, auch auf den Gängen, die sich an neuralgischen Punkten zu kleinen Aufenthaltszonen aufweiten und zusätzliches Licht aus dem Innenhof holen.
Die Patientenzimmer sind länglich proportioniert und so angelegt, dass jedes Bett gleich nahe an der Außenwand mit Blick in die Baumkronen liegt. Hier scheint man in den Bäumen zu schweben, zumindest in den oberen Geschoßen. Im Erdgeschoß zeugen einige abgeklebte Fenster davon, dass Offenheit in beide Richtungen wirkt und nicht immer willkommen ist.
Mit diesem herausragenden Projekt beweisen Habeler & Kirchweger einmal mehr, dass sie zu den besten Architekten des Landes gehören. Auch fand sich in Salzburg ein engagierter und kompetenter Bauherr in Person des Klinikleiters Wolfgang Josef Aichhorn, der vom Salzburger Gestaltungsbeirat unterstützt wurde. Der Beirat war mit Marina Hämmerle und Dominik Beuckers bereits in der Jury des Architekturwettbewerbs für das Projekt vertreten und betreute es in der Folge auch weiter. Dass dieses 1982 geschaffene Gremium nach wie vor ein Erfolgsmodell darstellt, das zur bundesweiten Nachahmung empfohlen werden kann, lässt sich gar nicht oft genug betonen. Es ist bezeichnend für den hohen Anspruch am Standort, dass sich hier mit der bereits realisierten Kinder- und Jugendpsychiatrie und der aktuell in Bau befindlichen forensischen Psychiatrie zwei weitere ambitionierte Projekte finden, die dem rein funktionalen Pragmatismus, der heute den Krankenhausbau dominiert, einen starken architektonischen Gedanken entgegensetzen.
Weniger Schmerzmittel nach Operationen
Bleibt die Frage nach der tatsächlichen Wirksamkeit solcher Architektur: Trägt der Blick ins Grüne nachweislich zur Heilung bei? Oft wird als Antwort auf diese Frage eine Studie von Roger S. Ulrich aus dem Jahr 1984 zitiert. Ulrich konnte empirisch nachweisen, dass Patienten nach einer Operation eine schnellere Genesung zeigen und signifikant weniger Schmerzmittel benötigen, wenn ihr Zimmerfenster den Blick auf eine natürliche Baumlandschaft bietet und nicht, wie in der Vergleichsgruppe, auf eine Ziegelwand. Bis heute ist Ulrichs Forschung eines der Fundamente der „Healing Architecture“-Bewegung. Etwas Skepsis ist angebracht. Bei schweren und vor allem psychischen Erkrankungen sind die Wirkungszusammenhänge wahrscheinlich wesentlich komplexer als bei den von Ulrich für seine Studie verwendeten Daten von Gallenblasenoperationen. Aber selbst wenn es keine eindeutigen Beweise für den therapeutischen Wert der Architektur im Gesundheitswesen gäbe: Wo sonst sollten wir uns schöne, menschenwürdige und poetische Räume wünschen, wenn nicht an jenen Orten, die ohnehin von existenziellen Extremsituationen und menschlicher Verletzlichkeit geprägt sind?