
Städtebauliche Präzision, amerikanisches Interior
Manchmal kommt zusammen, was nicht zusammengehört: Verantwortlich für das Raumkonzept und das äussere Erscheinungsbild des Fünf-Sterne-Hotels ist das Zürcher Büro Meili/Peter, die Innenraumgestaltung hingegen wurde von einer amerikanischen Firma entworfen und realisiert – ein Konflikt und seine Lösung.
Nach mehr als zwölf Jahren ist die Geschichte des Park Hyatt Hotels in Zürich erfolgreich abgeschlossen: Und in der Tat scheint es eine Erfolgsgeschichte zu werden – das Hotel ist gut ausgelastet, der Hyatt Konzern, der 2004 sein 50-jähriges Jubiläum feierte, verbuchte eine der erfolgreichsten Hoteleröffnungen. Auch die Architekten Marcel Meili und Markus Peter sind zufrieden, konnten sie doch ihr räumlich-konstruktives Konzept nahezu ohne Einschränkungen durchsetzen. Viel Freude also bei einem Projekt, das für hiesige Bauschaffende mehr als ungewöhnlich ist: Erstmal wurde bei einem städtebaulich so bedeutenden Gebäude die Gestaltung der Gebäudehülle von der Innenraumgestaltung abgekoppelt. Neben der räumlichen Struktur konnten die Architekten Meili und Peter lediglich die Fassaden des Hotels entwerfen. Die gesamte Innenausstattung hingegen stammt von den amerikanischen Innenarchitekten Hirsch Bedmer Associates aus Atlanta.
«Schliesslich können Schweizer Architekten keine Hotels bauen», führt der Vizepräsident von Hyatt International als Begründung an, um dann sogleich einzuschränken, dass er natürlich nur Fünf-Sterne-Hotels gemeint hätte, denn davon seien in der Schweiz in den letzten Jahren kaum welche gebaut worden.
Diese «Amerikanisierung» des Bauens, hier als Erfolgsmodell gewertet, zeigt, dass die Veränderung des Berufsbildes für Architekten auch in der Schweiz kaum aufzuhalten sein wird. Der unvermeidliche Weg hinaus aus der geschützten Werkstatt?
Fünf Sterne und ein Windrad
Im November 1992 wurde der Projektwettbewerb für das Park Hyatt ausgeschrieben; von zehn ausgewählten Bewerbern gaben neun ihren Beitrag zur zweiten Runde ab: Francesco Venezia; Skidmore, Owings & Merill; Hilmer + Sattler; Gonthier und Gonthier; Theo Hotz; Gigon/Guyer; Adolf Krischanitz; Meili/Peter; Willi Egli. Als Preisrichter fungierten neben den Vertretern des Bauherrn unter dem Vorsitz von Stadträtin Ursula Koch die Architekten Hans Kollhoff, Arthur Rüegg, Martin Spühler, Wilfrid Steib und Stadtbaumeister Hans R. Rüegg. Zu bemerken bleibt, dass in der Ausschreibung der Vorbehalt des Betreibers unerwähnt blieb, die Innenausstattung von einem Büro eigener Wahl ausführen zu lassen. Vorgesehen war zudem eine «enge Zusammenarbeit mit dem Kongresshaus». Dies ist denkwürdig im Zusammenhang mit der derzeitigen Debatte um ein neues Kongresshaus für Zürich, denn das Park Hyatt sollte «ein Stadthotel der Fünf-Sterne-Klasse werden, welches sich vor allem an Kongressteilnehmer und an internationale Geschäftsleute wendet ». Wie so oft in Zürich wurden Parameter bei der Ausschreibung vorgegeben, die später nicht zum Tragen kamen. Heute ist das Park Hyatt ein Fünf-Sterne-Hotel der Oberklasse und für Kongressteilnehmer zu teuer, weshalb laut Bauamt ein neues Kongresshotel geplant werden müsse.
Zwei Querstrassen entfernt vom Zürichsee liegt das Grundstück des Hyatt, auf dem sich zum Zeitpunkt der Ausschreibung ein Parkplatz befand. Es handelt sich um einen der wenigen grossstädtischen Bezirke von Zürich, der von geschlossener Blockrandbebauung und einheitlicher Traufhöhe geprägt ist. Nach städtebaulichen Prämissen bedeutete dies entweder die Anpassung der Bebauung an den städtebaulichen Kontext oder die Realisierung eines öffentlichen Parks oder Platzes, und da Geldverdienen in Zürich auch oberstes öffentliches Interesse ist, kam eine rein öffentliche Nutzung des städtischen Geländes nicht in Frage. Bestehen aber blieb die Forderung der Stadt, dass das neue Hotel dem «städtebaulichen Grundmuster» entsprechen müsste und als «Schlussstein» das Vorhandene komplettieren sollte.
Alle Wettbewerbsteilnehmer hielten sich an die Vorgaben und lieferten Beiträge, die den Blockrand mit möglichen Höfen in verschiedenen Ausprägungen variierten. Das Büro Gigon/Guyer erhielt den ersten Rang. Sein Projekt setzte den geschlossenen Block am konsequentesten um, was bei den Preisrichtern entsprechend den damaligen restriktiven städtebaulichen Leitbildern den grössten Anklang fand. Gelobt wurden seinerzeit die textile Ausstattung des Lichthofs und die farbigen Lichtstimmungen der Aussenfassaden. Bald jedoch machte das Hyatt-Management deutlich, dass die Innenausstattung von Gestaltern ihres Vertrauens ausgeführt werden sollte. Für Gigon/ Guyer, die gerade erst das Kirchner-Museum in Davos realisiert hatten, war die innere Gestaltung des Hotels nicht trennbar vom Gesamtprojekt. Sie zogen ihren Entwurf zurück – ein klassischer Konflikt zwischen künstlerischer Haltung und rendite- orientierter Verantwortung. Somit rückte das zweitrangierte Projekt von Marcel Meili und Markus Peter an die erste Stelle. Der Entwurf ist gegenüber jedweder Vereinnahmung resistenter, da der Schwerpunkt in der konstruktiven und räumlichen Dichte und nicht so sehr in der formalen Ausprägung liegt.
Der freie Umgang mit dem Bauvolumen unterschied sich von den übrigen Wettbewerbsentwürfen, die nahezu ausnahmslos den geschlossenen Blockrand favorisiert hatten. Zwei u-förmige Riegel sind wie eine modernistisch anmutende Figur eines halben Windrades den ersten beiden Stockwerken aufgesetzt und erzeugen in den oberen Stockwerken zwei dreiseitig umschlossene und zu zwei unterschiedlichen Seiten hin ausgerichtete Höfe. Mithilfe dieser Einschnitte in das Gebäudevolumen bietet das Hyatt ruhig gelegene Zimmer mit gleichzeitigem Sichtbezug zur Stadt. Das untere Geschoss hingegen ist bis auf die zurückspringende Vorfahrt für Hotel- und halböffentliche Räume vollständig ausgenutzt, und zugleich bleibt auf Strassenniveau der Eindruck des geschlossenen Blockes erhalten. Das Projekt generiert den wohl bestmöglichen Kompromiss aus den Bedürfnissen eines Hotelbaus und städtebaulichen Ansprüchen.
Des Hyatts Kern
Der entwerferische – und zugleich auch räumliche – Kern des Hotels ist die doppelgeschossige zentrale Halle, die gleichsam als Verweilraum für den Hotelgast angelegt ist und nicht als überhöhtes, von oben belichtetes Atrium amerikanischer Grosshotels. Vom Haupteingang aus gelangen Besucher und Gäste direkt hierher, in die Mitte des Gebäudes, und zur Rezeption des Hotels. Ebenfalls werden von hier aus die Nebenbereiche wie der Ballsaal, das Restaurant, die Bar und die Konferenzräume erschlossen, die um das Foyer gruppiert sind. Im Erdgeschoss sind somit all jene privaten und halböffentlichen Bereiche versammelt, die ein städtisches Fünf-Sterne-Hotel aufweisen sollte. Besonders das Restaurant formuliert mit seinem hohen Volumen sowie dem offenen und transparenten Bezug zur Stadt einen städtischen Raum, wie er in Zürich nur selten zu finden ist.
Mit den klaren, für die Gäste dauerhaft identifizierbaren Räumen wollte das Büro Meili/Peter ein Hotel realisieren, das sich nicht nach aussen hin mit labyrinthhaften Raumfluchten abschirmt, wie man sie in internationalen Hotelketten findet. Vielmehr kommuniziert es mit der Stadt, versteht sich selbst als städtische Bühne, auf der internationaler Standard inszeniert wird. Damit bei wechselnden Bühnenbildern oder Inneneinrichtungen die räum- liche Struktur erhalten bleibt, entspricht das statische System des Hauptgeschosses einem Kartenhaus, bei dem die Hauptwände tragend sind und somit resistent gegen bauliche Veränderungen.
Im Gegensatz zum klar bestimmten Konzept des Kernes ist die Hülle des Park Hyatt eher auf die Kommunikation mit dem städtischen Umfeld angelegt. Bei den vollständig verglasten Fassaden verzichteten die Architekten auf eine ästhetisierende Hotelinszenierung zugunsten einer analogen Aufnahme unterschiedlicher Typologien der umliegenden Bauten. Mittels grosser Kastenfenster werden für den Gast der Ausblick und das Hotelzimmer an sich inszeniert, von aussen betrachtet vermitteln sie den Typus eines gehobenen städtischen Apartment- oder Bürohauses.
Für Meili/Peter ist die Fassade die Schnittstelle zwischen der Privatheit der Räume und der Nähe zum städtischen Leben. Und so bestimmen die grossen Kastenfenster unaufgeregt die äussere Erscheinung des Hotels. Bewusst wurde auf individualisierende Gestaltung verzichtet, vielmehr nehmen die horizontalen Reihungen bei näherer Betrachtung viele Elemente der umliegenden Fensterfronten wieder auf. Auch hier vermittelt erst die genaue Wahrnehmung, dass es sich bei den farbigen, siebbedruckten Rahmungen und dem ausgetüftelten Storensystem um Fassadenelemente eines Hotels handelt. Neben der luxuriösen Ausstattung haben die Fenster einen grossen Anteil an der räumlichen Qualität der Hotelzimmer. Leicht vorgesetzt, geben sie den Zimmern eine erkerartige Zone, zugleich reichen sie bis zum Boden, so dass der Bezug zur Stadt verstärkt wahrgenommen wird. Gleichzeitig bergen die Rahmungen ein ausgeklügeltes Belüftungssystem, und die über den Fenstern liegenden Brüstungen wiederum schützen vor zu viel Licht und schaffen trotz grosser Fensteröffnung eine räumliche Anbindung. Einen weiteren, sowohl ästhetischen als auch architektonischen Akzent setzt das aufwändige Storensystem; die textil anmutenden Jalousien sind wie eine Zeltbahn konisch über das Fenster gespannt. Die Bänder, auf denen die unter den jeweils darüberliegenden Fenstern montierten Storen geführt werden, erwiesen sich jedoch als Geräusche erzeugende «Flatterbänder». Trotz eingehender Prüfungen an einem 1:1-Modell musste das System nach Beschwerden von Nachbarn und Hotelgästen ausgetauscht werden. Ein kostspieliger Planungsfehler, den das Park Hyatt aber gelassen hinnimmt, nicht zuletzt weil die Zusammenarbeit von Stadt, Totalunternehmer und Architekten gut war.
Getrennte Wege
Es ist lange her, dass in Zürich ein Luxushotel neu gebaut wurde, dass in «punkto Ambiance und Funktionalität» wegweisend ist, schwärmte die Steiner AG in grossformatigen Anzeigen. «Der Investor hat mittlerweile die Macht übernommen», resümiert hingegen Marcel Meili und meint damit einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel im Baugeschehen. «Die Kontrolle über das Bauen wird den Architekten langsam entzogen», und für diese Amerikanisierung des Bauens ist das Hyatt Hotel ein zukunftweisendes Beispiel.
Dass die Innenausstattung eines Hotels – also das, was letztlich den Charakter eines Hotels ausmacht – von anderen Architekten entworfen wird als die äussere Hülle, ist für Hyatt ein völlig gewöhnlicher Vorgang, denn schliesslich muss der Hotelkonzern die weitreichende finanzielle Verantwortung tragen und nicht die Architekten. Dennoch ist die Trennung von Architektur, Fassade und Innenausstattung eine nicht alltägliche Planungsstrategie. Als sich die unterschiedlichen Vorstellungen zwischen den Planenden bemerkbar machten, haben Meili und Peter sogar auf ihr Vetorecht bei der Innenausstattung verzichtet. So gibt es heute einige Ungereimtheiten wie den diagonal in den Raum stossenden Grill- und Buffettresen, die konterkarierende Lichtführung in den Räumen der Lobby oder die plüschige Möblierung und einiges mehr. Aber Hyatt International weiss, was seine Kunden wünschen, und schliesslich sind vierzig Prozent der Gäste internationale Hyatt Kunden. Immerhin müssen 142 Gästezimmer und Suiten gefüllt, 180 Mitarbeiter bezahlt und ein Investitionsvolumen von 100 Millionen Franken amortisiert werden. Da scheint die Verbindung von qualitätsvoller städtischer Architektur mit internationaler Innenausstattung in Zürich eine etwas zweifelhafte, aber wohl zukunftsweisende Verbindung eingegangen zu sein.
Für den Beitrag verantwortlich: archithese, 15.04.2005
AnsprechpartnerIn für diese Seite: Hubertus Adam
Bauherrschaft
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