Geschäftshaus Elsässertor
Herzog & de Meuron - Basel (CH) - 2004
Geschäftshaus Elsässertor, Foto: Margherita Spiluttini
Geschäftshaus Elsässertor, Foto: Margherita Spiluttini
Geschäftshaus Elsässertor, Foto: Margherita Spiluttini
Geschäftshaus Elsässertor, Foto: Margherita Spiluttini

Grossstädtisches Ensemble

Das «Elsässertor» von Herzog & de Meuron in Basel

Mit dem «Elsässertor», ihrem neusten Gebäude in der Schweiz, haben Herzog & de Meuron dem Centralbahnhof in Basel eine neue Westflanke verliehen. Dieses Glashaus bildet zusammen mit den Bauten von Richard Meier, Diener & Diener sowie von Cruz & Ortiz und Giraudi & Wettstein ein beeindruckendes städtebauliches Ensemble.

von Lutz Windhöfel

Im Jahre 1929 wurde in Basel durch die Entfernung der letzten Gaslaterne die öffentliche Elektrifizierung abgeschlossen, und man weihte die neue Markthalle am Centralbahnhof von Alfred Goenner und Hans Rhyhiner ein. Mit einem Durchmesser von 60 Metern spannte die elegante Betonkuppel einen stützenfreien Raum auf, der in Europa nur von Konstruktionen in Leipzig und Breslau übertroffen wurde. Baubedarf gab es auch für den Autoverkehr, der so zugenommen hatte, dass die Architekten Emil Baumgartner und Hans Hindermann auf der anderen Strassenseite der Markthalle 1928 die Schlotterbeck-Garage errichteten, die mit einer doppelgängigen Wendelrampe von der zwischen 1922 und 1927 erbauten Fiat-Fabrik «Lingotto» in Turin inspiriert war. Gegenüber der Markthalle lagen die Perrons der Bahnstrecke nach Paris und ein Lagerschuppen.

Städtebauliche Strategie

Als man Ende der achtziger Jahre einen Masterplan für das rund 1,2 Kilometer lange Gelände des schweizerischen und französischen Bahnhofs in Basel vorlegte, präsentierten der Kanton Basel- Stadt und die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) eine städtebauliche Entwicklungsstrategie, die auch die Westflanke des Areals mit Halle und Garage betraf. Die Halle wurde von der Denkmalpflege sorgsam beobachtet und galt als sakrosankt. Die Garage war mit ihrer eigenwilligen Typologie nicht umnutzbar und musste dem ersten Haus des New Yorker Architekten Richard Meier in der Schweiz weichen (1998). Vis-à-vis von Meiers «White Plaza» hatten die Architekten Diener & Diener 1994 ein Schulungs- und Konferenzzentrum einweihen können. Für den unternutzten Teil der französischen Bahnhofsanlage lobten die SBB schon in den achtziger Jahren einen Wettbewerb aus, den Herzog & de Meuron gewannen. Das Projekt blieb lange in der Schublade, doch als man 2001 mit dem Bau der benachbarten Bahnhofspasserelle begann, gab man in Bern auch für die Realisierung des «Elsässertors» grünes Licht. Herzog & de Meuron ergänzen nun mit ihrem soeben vollendeten neusten Schweizer Bau die Westflanke des Bahnhofs mit der kühlen Eleganz eines Glasriegels zu einem imponierenden Architekturquadrat.

Das «Elsässertor» von Herzog & de Meuron ist ein fünfgeschossiger Bau mit dem Grundriss eines langgestreckten, gestauchten und gekappten Pentagons. Die Glasfront im Sockelgeschoss ist zur Strassenseite eingezogen. Die Doppelschichtfassade der Obergeschosse besteht auf der Aussenhaut aus vier parallelen Glasbändern, die im Osten rot, im Westen blau eingefärbt sind und an den Längsseiten im Norden und Süden normales, «weisses» Glas haben: eine gebaute Tricolore als Hommage an die Grande Nation. Das Haus wirkt wie ein eigenwillig geschliffener Kristallspiegel, denn die schlanken, geschosshohen Glastafeln sind in unzähligen Neigungswinkeln montiert. Die Fassade kann variantenreich und vital auf alle Formen des Lichts reagieren. Nachts etwa erscheinen die Leuchtreklamen der Markthalle. Die rund 15 000 Quadratmeter Nutzfläche sind um einen kleinen Innenhof gruppiert. Das Parking in den Untergeschossen umfasst 174 Plätze.

Das Grundstück des «Elsässertors» liegt auf der abgesenkten Ebene der Gleisanlagen und wurde durch die Erschliessung der neuen Kubatur auf das Niveau der Viaduktstrasse angehoben. Das Trottoir hat Boulevardcharakter und wurde vom Zürcher Büro Vogt Landschaftsarchitekten mit einem kleinen Birken- und Robinienwald bepflanzt. Passanten können nun zügig geradeaus oder mäandrierend durch die Baumgruppen gehen. Die Fahrspur zur Markthalle wurde verbreitert, und es entstand ein urbaner Strassenraum. Denn seit 1907, als man den heutigen Bahnhofskomplex bezog, führte der Blick von der Markthalle nach Süden immer auf ein heterogenes Geleisefeld und den Stadtteil Gundeldingen. Dieser wird seit 2003 durch einen grosszügigen Indoor-Flanierweg mit dem Bahnhof, dem Vorplatz und einem direkten Zugang zur Innenstadt verbunden, der in rechtem Winkel vom «Elsässertor» über die Geleise führt. Diese Bahnhofspasserelle des sevillanischen Meisterduos Cruz & Ortiz und des jungen Luganeser Büros Giraudi & Wettstein führt die Glasfront von Herzog & de Meuron in eines der eigenständigsten Stadtviertel weiter. Dieses Quartier ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Es entstand in nur 30 Jahren und hat ein konsequentes, rechtwinkliges Strassennetz, womit es den modernsten Grundriss der Stadt aufweist.

Urbanistisches Patchwork

Am westlichen Ende des Gundeldinger Quartiers stösst die Bahnhofspasserelle in diesen Stadtraum, wo sie mit einer nahezu fensterlosen, sechsgeschossigen Fassade an der Güterstrasse endet. Diese durchzieht als langes Band das ganze Quartier und strukturiert es mit zwei parallelen, gleich langen Strassenachsen. Den Wettbewerb für die beiden Kopfbauten der Passerelle an der Güterstrasse (den «Süd-Park») haben ebenfalls Herzog & de Meuron gewonnen (gegen Bétrix & Consolascio, Burckhardt Partner, Cruz & Ortiz mit Giraudi & Wettstein, Gmür & Vacchini, Ingenhoven Overdiek, Miller & Maranta sowie Morger & Degelo). Sie wollen im Westen der Bahnhofspasserelle einen Büroturm mit 18 Geschossen errichten.

Östlich der Passerelle planen Herzog & de Meuron ein Wohn- und Ladenrechteck mit abgetreppter Geschosszahl zwischen Strassenfront und Geleisefeld. Die projektierte Glasfront dieses Bauwerks, für das bereits die Baueingabe läuft, wird nun von der Stadtbildkommission Basel- Stadt zurückgewiesen, ein Vorgang, der an die städtebauliche Kontroverse im Berlin nach der Wiedervereinigung (1989) erinnert. Die geschlossene Strassenflucht der Güterstrasse weist hier seit 100 Jahren ein rund 300 Meter langes Loch auf, das mit temporären Bahnhofsbauten, Handwerkerateliers und einer Ladenzeile nie über den Status eines zufälligen Patchworks hinauskam. Obwohl es hier um Stadtreparatur geht, gebärdet sich der (im Modell) elegante Baukörper von Herzog & de Meuron als Solitär. Denn er füllt eine Lücke, ohne diese zu schliessen - ein Eindruck, den eine reine Glasfassade logischerweise unterstreicht.

In ein urbanistisches Patchwork franste vor 16 Jahren auch der westliche Zipfel des stadtseitigen Bahnhofareals aus, bevor Diener & Diener hier zu bauen begannen. Ihr Schulungs- und Konferenzzentrum für den Schweizerischen Bankverein (heute UBS) umfasst mit 56 000 Quadratmetern Nutzfläche ein imposantes Volumen, welches die Architekten kammartig mit Längs- und Querriegeln um offene Höfe und einen geschlossenen Innenhof organisierten. Der Betonstruktur wurde ein rotbrauner Klinkerbau aufgemauert, der zur lärmigen Strassenfront nahezu fensterlos ist und sich zu lärmgeschützten Zonen nach Süden und Westen öffnet. Die Hermetik des Gebäudes stiess auf ungewohnt heftige Ablehnung in der Stadt. Dabei darf man es als ein städtebauliches Meisterwerk bezeichnen. Die Ruhe und Souveränität der Architektur von Diener & Diener machte bald darauf den grandiosen Auftritt des New Yorker Architekten Richard Meier auf der anderen Strassenseite und macht nun - auf einer weiteren Strassenseite - die leichte und elegante Architektur des «Elsässertors» von Herzog & de Meuron möglich. Vielleicht ist es im Städtebau wirklich wie beim Eiskunstlauf. Durch die Pflicht von Diener & Diener können Herzog & de Meuron nun eine unbeschwerte Kür laufen. Beides muss man können.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung, 03.06.2005

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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