Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde
Herzog & de Meuron - Eberswalde (D) - 1999
Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde, Foto: Ulrich Schwarz
Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde, Foto: Ulrich Schwarz
Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde, Foto: Reinhard Gömer
Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde, Foto: Ulrich Schwarz

Eine tätowierte Kiste in Eberswalde

Schmucklos Graue Häuser säumen die Einfallstrasse nach Eberswalde. Ihren kubischen Formen eignet jene Poesie des Ärmlichen, wie man sie von den Architekturbildern des deutschen Fotokünstlers Thomas Ruff kennt. Diese Bauten bereiten auf eine minimalistische Betonkiste mit bedruckter Hülle vor, deren karges Aussehen seit Wochen die Gemüter erhitzt. Bei dem umstrittenen Neubau in der nordöstlich von Berlin gelegenen Stadt handelt es sich um die von den Basler Architekten Herzog & de Meuron errichtete Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde.

von Roman Hollenstein

Die campusartige Anlage der ursprünglich auf Forstwirtschaft spezialisierten und nun um die Abteilungen Betriebswirtschaft und Landschaftsgestaltung erweiterten Schule liegt in der von kriegsbedingten Baulücken und pseudo-postmodernen Spekulationsbauten geprägten Innenstadt. In dieser Umgebung würde man kaum interessante zeitgenössische Architektur erwarten, und dennoch konnten Herzog & de Meuron hier dank einem Direktauftrag des Kulturministeriums von Brandenburg zwei Bauwerke der radikaleren Art realisieren: Mit dem Klinkerbau der Betriebswirtschaftsschule betonten sie die Ecke gegenüber dem Park, rückten die Bibliothek wie eine Mauer an die Hauptstrasse heran und verwandelten durch diese gezielten Eingriffe das lose Bauensemble aus den letzten 150 Jahren zu einer in sich geschlossenen und doch transparenten «Stadt in der Stadt».

Überzeugt der Klinkerbau vor allem durch seine urbanistischen Qualitäten, so will die Bibliothek als der öffentlichste Bau des Campus mit ihrer Andersartigkeit die Aufmerksamkeit auf sich lenken: Zur Stadt hin ist sie ein introvertierter, nur durch horizontale Fensterschlitze und Oberlichtbänder strukturierter Kubus, der eine gewisse formale Ähnlichkeit mit den Studentenhäusern der beiden Basler in Dijon aufweist. Allerdings wird in Eberswalde die Architektur durch die Bildfassaden in den Hintergrund gerückt: Denn die von Thomas Ruff ausgewählten Fotos, die - in einer Art Siebdruckverfahren auf Glas- und Betonplatten übertragen - den Baukörper in seriellen Bahnen umziehen, entmaterialisieren das Gebäude fast.

Anders als bei den heute modischen medialen Oberflächen geht es bei dieser «Tätowierung», die ihre Vorstufen in der Aussengestaltung des Ricola-Lagerhauses in Mülhausen hat, nicht nur um eine Attitüde. Vielmehr wollten Herzog & de Meuron das seit Adolf Loos' Pamphlet «Ornament und Verbrechen» geltende Dekorationsverbot der Moderne «entkriminalisieren», indem sie das Sgraffito mit Hilfe einer neuen Technik wiederbelebten. Dadurch fanden sie - wohl unbeabsichtigt - eine geniale zeitgenössische Antwort auf den Fürstenzug am Langen Gang des Dresdner Schlosses.

Auf der strassenabgewandten Seite der Bibliothek sind der von einem Windfang aus bedrucktem Glas gefasste Eingang und ein ebenfalls gläserner, zum Bücherdepot und zur Verwaltung im Nachbarhaus führender Verbindungsgang. Sie deuten an, dass dieser abstrakte Körper mehr ist als eine zum Bild erstarrte Fassade.

Im Innern dann erleben selbst jene eine Überraschung, die in den Bauten von Herzog & de Meuron bisher nur Hüllen sehen wollten. Hier nämlich manifestiert sich das Interesse der Basler am architektonischen Raum in der schon bei der Sammlung Goetz in München erprobten Stapelung identischer Räume. Oberlichtbänder, die bei Sonnenschein die Fassadenbilder nach innen projizieren, tauchen die drei Etagen der Freihandbibliothek in nahezu dasselbe Licht. In diesem reinen Raumgefüge ermöglichen einzig die Kastenfenster mit ihren Ausblicken auf Stadt und Schule die Orientierung - ausser im Erdgeschoss, das durch die hier untergebrachte Buchausleihe einen eigenen Charakter erhält. Die ursprünglich geplante Innenausstattung mit Sichtbeton und Holzregalen fiel leider bibliothekarischen Vorstellungen zum Opfer. Auch ist der blaue Teppich wohl etwas gar aufdringlich.

Dennoch vermögen die Bibliotheksräume in ihrer Funktionalität und Bescheidenheit zu überzeugen. Hier spürt man nichts von jener Detailversessenheit, die die heutige Deutschschweizer Architektur sonst oft so affektiert erscheinen lässt. Für vergleichsweise bescheidene sieben Millionen Mark haben Herzog & de Meuron einen Bau geschaffen, der in seiner ästhetischen Anmutung und seinem theoretischen Ansatz durchaus mit der vor sechzig Jahren von Hannes Meyer, einem anderen Basler, im nahen Bernau errichteten Gewerkschaftsschule verglichen werden darf.

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Für den Beitrag verantwortlich: NZZ-Folio, 01.06.1999

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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