Bauwerk

Hotel Silken Puerta América
Jean Nouvel, John Pawson, Marc Newson, Christian Liagre, Zaha M. Hadid, Lord Norman Foster, David Chipperfield, plasmastudio, Ron Arad, Kathryn Findlay, Jason Bruges, Richard Gluckman, Arata Isozaki, Javier Mariscal - Madrid (E) - 2005
Hotel Silken Puerta América, Foto: Hubertus Adam

Alles Design

Das nunmehr seit zwei Jahrzehnten erfolgreiche Konzept des Design-Hotels hat mit dem Hotel Puerta Américaeine neue Dimension erhalten. Unter Leitung von Jean Nouvel arbeiteten 18 weitere Architekten und Designer an der Ausstattung. Der Aufwand hat sich gelohnt: Faszinierend ist die Vielfalt von möglichen Lösungen für die Ausstattung eines Zimmers oder Flurs.

21. April 2006 - Ahmed Sarbutu

"Grand Hotel Salone – Il design alberghiero" hiess eine Sonderausstellung auf der Fiera Milano im Rahmen des Salone Internazionale del Mobile 2002. Unter der Oberleitung des New Yorker Designers Adam D. Tihany, der in den letzten Jahren vor allem durch Restaurantgestaltungen international bekannt geworden ist, entwarfen zehn prominente Architekten und Designer jeweils ein Hotelzimmer – Tihany selbst war für die verschiedenen öffentlichen Bereiche verantwortlich, also Restaurant, Lounge, Lobby, Wine Bar. Als Vorgabe erhielten die Gestalter jeweils den Namen einer Weltmetropole zugewiesen, auf deren Atmosphäre sie mit ihrem Interior Design reagieren sollten. So setzten sich Ricardo und Victor Legoretta mit Berlin, Matteo Thun mit Hongkong, Vico Magistretti mit London, Ron Arad mit Mexico City, Gaetano Pesce mit Moskau, Toyo Ito mit New York, Richard Meier mit Paris, Arata Isozaki mit Rom, Jean Nouvel mit Tokio und Zaha Hadid mit Sydney auseinander.

Die Veranstalter der Mailänder Möbelmesse hatten damit einen Trend gleichsam potenziert, der 1984 mit dem von Andrée Putman für Ian Schrager eingerichteten Hotel Morgans in New York begonnen hatte: den Trend des Boutique- oder Design-Hotels. Schragers weitere Hotels, für die seit dem Royalton (1988) in New York Philippe Starck verantwortlich war, bewiesen, dass ein opulentes, intelligent und ironisch entworfenes Interieur durchaus nicht nur ein Nischenpublikum der Kunst- und Designszene ansprach. Begünstigt wurde der Trend des Design-Hotels zweifelsohne durch ein zunehmendes Interesse an Architektur und Design, das seit der Postmoderne weltweit zu verzeichnen und mit dem Starphänomen gekoppelt ist: Bekannt sind einem breiten Publikum vor allem die big namesder Gestaltungswelt. Firmen wie Alessi, die verschiedentlich die internationale Designprominenz zu gemeinsamen Projekten zusammengeführt haben, aber auch die Architekturkollektion von Vitra- CEO Rolf Fehlbaum oder das Museum in Groningen, an dem Michele de Lucchi, Alessandro Mendini, Philippe Starck und Coop Himmelb(l)au gemeinsam arbeiteten, mögen das Vorbild für das Grand Hotel Salonegewesen sein.

Die spanische Unternehmensgruppe Silken, die 1995 mit drei Hotels begann und zehn Jahre später 26 Häuser vorweisen kann, hat nun die Idee des Design-Hotels mit dem Puerta Américain Madrid in eine neue Dimension überführt. 75 Millionen wurden in das Gebäude investiert, das sich im Osten der Innenstadt an der viel befahrenen Avenida de América befindet. Das Gebäude mit seinen 14 Stockwerken besteht aus zwei in einem stumpfen Winkel von 150 Grad aufeinander stossenden Flügeln – mit den vier Lifts, welche in der Mitte der Fassade auf- und abfahren, gelangt man auf die einzelnen Stockwerke. Dort zweigen von dem kreisrunden Empfangsbereich jeweils zwei Korridore mit insgesamt 28 Zimmern ab; dazu kommen pro Geschoss zwei Juniorsuiten an den Gebäudestirnen.

Die Struktur des Hotels stammt ursprünglich von SGA Estudio, wurde dann aber von Jean Nouvel überarbeitet. Der Fassade verpasste er ein Schuppenkleid aus gelben, orangen und roten Sonnenstoren, auf welche die Verse von Paul Eluards Gedicht Libertéin verschiedenen Sprachen aufgedruckt sind. Überdies war Nouvel für das Dachgeschoss mit Spa-Bereich, Bar-Restaurant und Sonnenterrassen verantwortlich – sowie für die zwölf Suiten in der Ebene darunter. Mit der Einbeziehung von Fotografien knüpft der Franzose an The Hotel in Luzern an; der eigentliche Reiz der Räume besteht aber in Schiebepaneelen, welche es erlauben, die Suite in verschiedene Kompartimente zu unterteilen. Der Badbereich lässt sich somit wahlweise schliessen oder in das Raumkontinuum integrieren.

Die bizarr gewundene Lampe Vortexx, die ihre Farben wechselt, empfängt zusammen mit aus den Wänden herausschiessenden Wänden die Besucher im Entrée des Geschosses von Zaha Hadid. Die skulpturale Konzeption setzt sich überzeugend in den zum Teil weissen, zum Teil schwarzen Zimmern fort, wo Boden, Wände, Decken und Möbel nahtlos ineinander übergehen. Ebenso bilden Waschbecken und Badewanne eine grottenartige Einheit. Möglich war die konsequente Gestaltung dank dem neuen Material LG Hi-Macs, einem acrylgebundenen Mineralwerkstoff, der fugenfreie Verarbeitung in jeglicher Form erlaubt. Verwendet wurde es auch von einigen anderen Beteiligten: so von Kathryn Findlay, die ein organisch-futuristisches Interieur realisierte, oder von Ron Arad, der seine Zimmer durch eine Kombination kreisförmiger und elliptischer Räume gliederte. Ein irritierendes Ambiente aus spiegelnden Splittern hat Studio Plasma inszeniert, distinguierter und zurückhaltender zeigen sich die Zimmer von David Chipperfield, deren Geometrie auf den Raster der Terrakottafliesen des Bodens abgestimmt ist, oder von Norman Foster, der auf Ledermobiliar setzte und die Duschkabine als linsenförmiges gläsernes Volumen ausbildete.

Man kann das Konzept des Puerta América vorschnell als zeitgenössischen Manierismus abtun. Gewiss gibt es manche Zimmer – die von Victorio & Lucchino oder von Javier Mariscal und Fernando Salas –, die zum Kitsch tendieren, doch insgesamt überzeugt das Hotel. Hier wurden keineswegs Standardzimmer modisch aufgepeppt, hier durften Architekten und Designer tatsächlich experimentieren und sonst als unumstösslich geltende Gewohnheiten in Frage stellen. So ist das Puerta Américaein Befreiungsschlag gegen die Macht der Konvention und ein Plädoyer für mehr Mut im Bereich der Hotellerie. Wählen sollte man die Räume nicht zuletzt nach der Betätigung, der man sich in den nächsten Stunden hinzugeben gewillt ist. Wer beispielsweise am Laptop arbeiten will, ist mit dem Raum von Kathryn Findlay, der nach Aussagen der Architektin als gebauter Orgasmus zu verstehen ist, eher schlecht bedient, fände aber mit dem überlangen Tisch bei David Chipperfield beste Bedingungen.

Dass verschiedene Handschriften durchaus harmonisch zusammenfinden können, beweist das Erdgeschoss: Die stabartige Holzstruktur der Rezeption stammt von John Pawson, das Restaurant Lágrimas Negras von Christian Liaigre, die durch einen Screen aus Aluminiumstäben und eine Bar aus einem Block Carrara-Marmor akzentuierte Bar von Marc Newson. Der Wille zur Gestaltung bricht sich selbst in der Tiefgarage (Teresa Sapey) Bahn – oder im Garten (Bourne and Bell), in dem überdies eine sichelförmige Plastik von Oscar Niemeyer steht.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese

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