Aronoff College of Design
Peter Eisenman - Cincinnati (USA) - 1996
Aronoff College of Design, Foto: Jeff Goldberg
Aronoff College of Design, Foto: Jeff Goldberg
Aronoff College of Design, Foto: Jeff Goldberg
Aronoff College of Design, Foto: Jeff Goldberg

Ein bonbonfarbener Tausendfüssler

von Roman Hollenstein

Als All American City wird Cincinnati gern bezeichnet. Doch seit die Durchschnittsstadt am Ohio River wirtschaftlich auf Erfolgskurs segelt, regt sich ein neues Selbstbewusstsein, das sich, wie schon einmal kurz nach 1900, auch architektonisch ausdrückt. So kann das Zentrum nicht nur mit einem bedeutenden Art-déco-Hochhaus, dem Carew Tower, aufwarten, sondern ebenso mit Cesar Pellis noblem Aronoff Center for Performing Arts von 1995. Ganz ähnlich heisst ein zweiter Bau, der unlängst wie kein anderer in den USA Furore machte und - gleichsam über Nacht - Cincinnati als Architekturstadt etabliert hat.

Es handelt sich dabei um das vom 65jährigen New Yorker Peter Eisenman im Auftrag der University of Cincinnati realisierte Aronoff College of Design, Architecture, Art and Planning (DAAP). Die renommierte Universität ist dank dem Engagement von Jay Chatterjee, dem Dean der Architekturabteilung, mit Bauten und Projekten von SOM, Michael Graves, Harry Cobb und Frank Gehry zu einem Zentrum der Baukunst geworden. Damit erweist sich einmal mehr ein Campus als blühende Oase in der sonst von Investoren geprägten amerikanischen Baulandschaft, in der den Architekten meist nur noch die Rolle von Fassadendesignern zukommt.

An der Architekturbiennale von Venedig im Jahre 1991 konnte Eisenman, der damals gerade mit seinen ersten grösseren Werken, dem Wexner Center for the Visual Arts und dem Convention Center (beide in Columbus, Ohio), im Gespräch war, das Interesse der Fachwelt am Aronoff-Projekt wecken. Kritiker zweifelten zwar, ob sich der 1986 am Computer generierte, aus hochkomplexen Faltungen, Rotationen, Verschiebungen, Überlagerungen und Torsionen bestehende Entwurf des von Baudrillard und Derrida wie von der Topologie und vom antikartesianischen Raum faszinierten Theoretikers realisieren liesse.

Doch im Oktober 1996 konnte das Gebäude, das Philip Johnson, der Doyen der US-Architekten, als weltweit «unvergleichbar» lobte, eröffnet werden. Bei diesem Meisterwerk, das neben Unterrichtsräumen und Büros auch eine Bibliothek, eine Galerie und ein Theater beherbergt, handelt es sich um die Erweiterung und Umgestaltung von drei Bauten aus den fünfziger bis siebziger Jahren zum neuen Sitz des DAAP-College, das zurzeit von 1800 Studenten besucht wird.

Eisenmans Neubau schmiegt sich, dem Geländeprofil folgend, wie ein bonbonfarbener Tausendfüssler an die zickzackförmigen Altbauten, so dass zwischen den beiden Bauteilen ein entfernt ans Wexner Center erinnernder, fast 300 Meter langer zentraler Erschliessungsraum entsteht, der zum Erstaunlichsten zählt, was die Architektur seit Michelangelos Biblioteca Laurenziana hervorzubringen wagte. Diese manieristisch zwischen Kubismus, Schwitters' Merzbau und Dekonstruktivismus oszillierende Raumkollision, die man als Metapher für das Aufeinanderprallen der hier vereinten Schulen lesen kann, spiegelt sich in der Eingangsfassade. Mit ihren schiefen Flächen demonstriert diese anschaulich, warum Eisenmans Bauten gerne als «Erdbebenarchitektur» bezeichnet werden.

Den trichterförmig in die Stirnwand eingelassenen Haupteingang erreicht man über eine Freitreppe, die fast ein wenig mediterran anmutete, führte sie nicht über eine halboffene Tiefgarage. Von Brücken überquert, weitet sich der Innenraum zum Eingangsfoyer und zur Cafeteria und zieht sich dann - oft höhlenartig eng - wie ein zartfarbener Cañon über drei Geschosse hin. Die von einem labilen Ausgleich zwischen Chaos und Ordnung bestimmte, an Piranesi gemahnende Raumsequenz gibt Rätsel auf, vermag aber auch zu verunsichern.

Für Perfektionisten dürfte dieser Bau mit seinen oft allzu düsteren Gängen problematisch sein, doch ist er eine Offenbarung für all jene, die sich von Architektur mehr als nur eine funktionale Antwort erhoffen. Eisenman selbst fand hier von seinem dekonstruktivistisch überhöhten Rasterdenken zum gekrümmten Raum, der über den Möbiusband-Entwurf des Berliner Max-Reinhardt-Hauses weiterwirkte bis hin zu seinem ersten grossen New Yorker Projekt, dem jüngst präsentierten Institute of Arts and Sciences beim Ferry Terminal auf Staten Island.

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Für den Beitrag verantwortlich: NZZ-Folio, 28.07.1997

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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