Byker Wall
Ralph Erskine - Newcastle (GB)
Byker Wall, Foto: historische Aufnahme
Byker Wall, Foto: Hubertus Adam
Byker Wall, Foto: Hubertus Adam
Byker Wall, Foto: Hubertus Adam

Wohnmauer über dem Tyne

von Hubertus Adam

Überbauung Byker, Newcastle upon Tyne, England
1968-75

Von den Tyne-Brücken im Zentrum Newcastles aus schweift der Blick Richtung Osten. In einiger Entfernung fällt auf einem Hügel oberhalb des Flusses ein markantes winkelförmiges Gebäude ins Auge: das Altenwohnheim Tom Collins House am Westende von Byker. Der Stadtteil entstand in seiner heutigen Form zwischen 1968 und 1981, und zwar nach Plänen des 1914 in England geborenen Architekten Ralph Erskine.

Wenige Minuten nur dauert die Fahrt mit der Metro in die Siedlung für 7850 Menschen, die als Musterbeispiel partizipatorischen Bauens gilt. Von der Metrostation her kommend, sieht sich der Besucher zunächst mit einer gewaltigen, nahezu eineinhalb Kilometer langen Wohnmauer konfrontiert, der «Byker Wall», die das Areal nach Norden gegen Wind und Verkehrslärm abschirmt.

Mit bis zu neun Geschossen ragt die ondulierend geführte Häuserschlange auf und folgt dem nach Südwesten hin abfallenden Gelände. Bastionsartige Vorbauten lassen den Eindruck einer bewohnten Stadtmauer von archaischer Wucht entstehen, ein Eindruck, der durch die spärlichen Fensteröffnungen verstärkt wird: nur Küchen, Badezimmer und Abstellkammern befinden sich auf der unbelichteten Nordseite. Rhythmisiert wird die schier endlose Hauszeile durch die leuchtend gelben und roten Klimakästen neben den Fenstern, durch die in erdigen Tönen gehaltene Backsteinverblendung sowie durch die hellblauen Aufsätze der Liftschächte.

Tritt man durch einen der schmalen Durchgänge in das Innere der Siedlung, weicht die hermetische Kompaktheit des Äusseren der Offenheit der Südfassade: mit bunten Holzlatten verkleidete und von transparenten Wellplasticdächern überdeckte Balkone, Kanzeln und Erschliessungsgänge sind der weissgestrichenen Wandzone vorgelagert und verleihen dem Ensemble einen Akzent des Provisorischen. Von dort eröffnet sich ein grandioser Panoramablick über die Stadt mit ihren Tyne-Brücken.

1968 hatte der in Schweden lebende Ralph Erskine von der Stadtverwaltung den Auftrag erhalten, das marode Stadtviertel Byker zu restrukturieren. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts als Siedlung für Werft- und Minenarbeiter angelegt, galt Byker wegen des geringen Wohnstandards, der hohen Bevölkerungsdichte und Kriminalität als ein dringend erneuerungsbedürftiger Teil der vom wirtschaftlichen Strukturwandel ohnehin stark betroffenen Grossstadt. In einer Umfrage sprachen sich 80 Prozent der Bevölkerung Bykers dagegen aus, die monotonen Reihen der vorhandenen Backsteinhäuser zu sanieren, und plädierten für den Abbruch der verkommenen Siedlung.

Erhalten blieben lediglich die vormaligen Bauten der Gemeinschaft: Pubs, Kirchen und ein Schwimmbad. Als Traditionsinseln und identitätsstiftende Orte integrierte Erskine diese Gebäude in die neue Siedlungsstruktur: an der Nordostecke des Areals, im Quartier Grace Lee, verminderte er die Byker Wall auf drei Stockwerke, um Schiff und Turm der Kirche bei einem Blick von aussen - wie in einer mittelalterlichen Stadt - in Erscheinung treten zu lassen.

Erskine erarbeitete ein Siedlungskonzept, das es erlaubte, auf einen unverzüglichen Totalabbruch zu verzichten. Die Notwendigkeit temporärer Unterbringung entfiel damit; sukzessive siedelten die Bewohner in die neuen Viertel um und räumten ihre angestammten Quartiere, die anschliessend ebenfalls neu bebaut wurden. Der propagierte Slogan «Byker for Byker people» liess sich trotzdem nur ansatzweise realisieren. Gemäss einer Analyse von 1978 setzte sich die Bevölkerung des Neubaugebietes nur ungefähr zur Hälfte aus Bewohnern des alten Byker zusammen.

Das in Byker praktizierte Prinzip einer schrittweisen Stadterneuerung ermöglichte es, die Bewohner am Planungsprozess zu beteiligen. Erskine, dessen Hauptbüro sich weiterhin im schwedischen Drottningholm befand, installierte in Byker eine Dépendance, die als Anlaufstelle für Fragen und Klagen diente. Den zukünftigen Bewohnern wurde weitgehendes Mitspracherecht eingeräumt: Gebäudekonfiguration, Grundrisse, Farb- und Materialwahl erfolgten in Abstimmung mit den Nutzern. Um Einsicht in die Probleme und Bedürfnisse zu gewinnen, wohnten einige Mitarbeiter des Erskine-Büros zeitweilig in Byker.

Während in Byker Wall - dem architektonisch interessantesten Teil des Ensembles - etwa 20 Prozent der Bevölkerung des Quartiers Unterbringung gefunden haben, leben die übrigen Bewohner in dem westlich anschliessenden, kleinteilig mit vorwiegend zweigeschossigen Häusern bebauten Areal. Es zerfällt in einzelne der Geländemodellierung folgende Baugebiete, die sich in verschachtelte Strukturen gliedern; der intime Charakter soll Nachbarschaftskontrolle ermöglichen und dem Vandalismus entgegenwirken.

Auf Wunsch der Bewohner wurde der Autoverkehr aus Byker verbannt, ein System aus Fussgängerwegen, Pfaden und schmalen, fast privat anmutenden Durchlässen erschliesst die ruhige, üppig begrünte Siedlung, die mit ihren bunten Häusern und dem ephemeren Charme der Holzverkleidungen wie eine Mischung aus skandinavischem Vorort und englischem Gartenstadtkonzept wirkt. Auch Byker offenbart die strikte Funktionstrennung der Moderne und stellt sich primär als Schlafsiedlung dar, in der sich tagsüber Rentner, Kinder und Erwerbslose aufhalten. Trotz anfänglichen Versuchen ist es kaum gelungen, Geschäfte in Byker anzusiedeln. Selbst eine vergleichsweise hohe Identifikation der Bewohner mit ihrem architektonischen Umfeld vermag vor sinnloser Verwüstung nicht zu bewahren, wie einzelne hinter Stacheldraht verborgene Gebäude beweisen.

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Für den Beitrag verantwortlich: NZZ-Folio, 15.05.1997

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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