Café Gloriette, Foto: Margherita Spiluttini
Café Gloriette, Foto: Margherita Spiluttini

Café Gloriette

Beitrag von Az W

Die Schönbrunner Gloriette ist als Touristenattraktion weltweit bekannt und beliebt. Als Architekturmonument wird sie - vielleicht gerade wegen ihrer Popularität - unterschätzt. Ihr Schöpfer, Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg, ist heute praktisch unbekannt. Dennoch war er einer der interessantesten Wiener Architekten seiner Zeit. Er bildet gleichsam einen „missing link“ zwischen Barock und Empire, zwischen Fischer von Erlach und Joseph Kosnhäusel. Die vielschichtigen, romantischen Partien aus seiner Hand gelten bei Kennern als das Beste an Schönbrunn: die Römische Ruine, die Obelisken-Kaskade, und die Gloriette - die Kulminationspunkt des gesamten Ensembles. Vom Schloßgarten aus, mehr noch in der Fernwirkung aus dem Stadtbild, entfaltet die Silhouette des an sich nicht besonders großen Baues, eine magische, schwerelose Raumstrahlung, allen Maßstäben und Bezugsgrößen entrückt.
Hätte Fischers 2. Entwurf das bergseitige Belvedere nur mit einem einzigen erhöhten Triumphbogen als Ventil der hier in die Unendlichkeit hinausschießenden Schloßachsen gedacht - den zentralperspektivischen Sog noch durch seitlich heranschwingende Exedren verstärkt - so relativiert Hohenberg diese Eindeutigkeit mit der Dreiteilung des Triumphtores, dessen Durchsichtigkeit noch durch die Verglasung zurückgenommen wurde, während die Flügel links und rechts sich in grazile Arkaden auflösten und gegenüber der Schloßachse die Querrichtung des Bergrückens ins Spiel brachten. Der ebenfalls über Fischers Plan hinausreichenden Ambivalenz der Doppelrolle als Belvedere und Ruhmeshalle entsprach auch morphologisch die Brechung des barocken Gestus mit antikisierenden Details, die Einfügung von Renaissance-Spolien aus dem Neugebäude sowie die die bereits klassische Haltung des Baukörpers insgesammt.
Durchwandert und bestiegen vermittelt der Bau freilich die Konvergenz all der großangelagten Längs-, Quer- und Diagonalachsen des kaiserlichen Lustschlosses. Nur von hier aus wird der Bezug über das Schloß „im Tal“ zum Paradeplatz auf der Schmelz-Höhe wirksam, wird der Bezug zur fernen Karlskirche, zum Hietzinger Zentrum erlebbar. Auf den mit Holzbohlen belegten Dachplateaus fällt schließlich alle Zeithaftung von deser Architektur ab, und man fühlt sich wie an Deck eines Luftschiffes, das beiderseits vom aufsteigenden Dunst der Glorietteteiche - in denen sich nur noch der Himmel spiegelt - umwirbelt und gekühlt wird.
War diese Anlage zuletzt ziemlich vergammelt und von biederen Würstelbuden, von verrotteten Abfallbehältern, Hinweisschildern und altersschwachen Bänken umlagert, so musste man als Gegenschlag das Aufmascherln in eine unverblümt touristische k.u.k. Nostalgie- und Neppkulisse befürchten. Die Probeverglasung des Mittelrisalts verhieß zunächst Problematisches. Der Vergleich mit historischen Fotos - der „schöne Saal“ war von 1780-1925 verglast - überzeugte jedoch. Die Organisation und das Design des Cafés stellten jedenfalls das ungleich heiklere Problem dar. Architektin Franziska Ullmann hat dies Herausforderung bewältigt. Ihr Entwurf, in einem Gutachterverfahren ausgewählt, reagiert völlig richtig auf die großen Seh- und Gehachsen des Gebäudes, integriert und intensiviert diese Thematik sowohl in der Art der Erschließung als auch in der Detailgestaltung. Die Mittelachse bleibt an der Schloßseite der Gloriette versperrt, die Aussichtsterrasse ist hier von der kommerziellen Nutzung ausgeklammert und weiterhin allen Besuchern frei zugänglich. Die von den Seiten über die Kolonnaden geführten Zugänge unterstreichen die Quertendenz, mit der hier die Hauptachse des Schlosses Schönbrunn „gefiltert“ wird. Der Kreuzungspunkt dieser Längsachse der Gloriette mit der Mittelachse von Schönbrunn ist auch in Inneren des Saales freigehalten. In entsprechenden „Karrees“ sind die neuen Nutzungen aufgeteilt: Bartheke, Stehbartische und Caféhausbereich.
Die neue Möblierung ist frei in den Raum gestellt und versucht durch Staffelung der Höhen - vom Tisch bis zum Dach der Bar - in den weiten, fast nüchternen Saal eine neue Maßstäblichkeit einzubringen. Die Sitznischen auf den Podesten entlang der Außenwände greifen mit ihren glatten, massiven Rückwänden in den Raum ein und bilden so für die freistehenden Loom Chairs und Tische einenRahmen, definieren quasi einen Nutz-Raum im größeren Schau-Raum. Auch die Lichtwandschirme von Akelei Sell und Rainer Füreder tragen dazu bei, die Saalebene zu gliedern, faßbar zu machen und den Lichthorizont zu halten.
Die aktuellen Kommentare reichen von „zu klotzig“ bis „zu billig“, die massiven Fronten der Sitznischen hätten sich zweifellos auch anders gestalten lassen. Die Schwierigkeit aber - auch in der kritischen Wertung - liegt hier darin, dass dieses Café im „kaiserlichen Frühstückspavillon“ einerseits eine Erwartung von Exklusivität und High-Style auslöst, dass dies aber in der Realität ein Ort des äußerst durchschnittlichen Massentourismus ist, den täglich Tausende von Besuchern und Benutzern beanspruchen werden, der also eine gewisse Robustheit und Alltagsverträglichkeit benötigt. Einstweilen kämpfen die Betreibeer noch mit den üblichen Anfangsproblemen, steht manches noch nicht oder nicht mehr am richtigen Ort. Mein Lieblingsort, in dem insgesamt angenehm unprätentiösen Raum - leider nur in der „Winterversion“ verfügbar - wär die Sitznische am Westende, mit Blick nach Hietzing. (Text: Otto Kapfinger)

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Für den Beitrag verantwortlich: Architekturzentrum Wien, 14.09.2003

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Martina Frühwirth