Bauwerk

Werkbundsiedlung Wiesenfeld
Kazunari Sakamoto - München Schwabing-West (D) - 2009
Werkbundsiedlung Wiesenfeld, Plan: Kazunari Sakamoto
Werkbundsiedlung Wiesenfeld, Plan: Kazunari Sakamoto

Hoch die Massen

Die Werkbundsiedlung München trägt neues Leben in die Stadt Im Jahr 2007 feiert der Deutsche Werkbund seinen 100. Geburtstag. Nicht zuletzt mit den Werkbundsiedlungen, so 1927 in Stuttgart und 1929 in Breslau, setzte die Organisation Massstäbe im zeitgenössischen Wohnungsbau. Mit der Werkbundsiedlung Wiesenfeld in München möchte man nun an diese Tradition anknüpfen. Das prämierte Projekt von Kazunari Sakamoto sucht jenseits von Zeile und Block nach einer neuen urbanen Identität und nach einer neuen Vorstellung vom Wohnen.

21. Oktober 2006 - Oliver Herwig

München, du hast es besser. Die Hochhausdebatte von 2004 ist vergessen, neue, spektakuläre Architekturen entstehen, und die Stadt wächst. Sie bleibt wohl über Jahre Traumland für Immobilienanleger, ein Standort, der durch Wachstum, Zuzug und geringen Leerstand bei Immobilien gekennzeichnet sein wird. Die bayrische Landeshauptstadt «steht erneut deutlich an der Spitze der deutschen Bürostandorte», jubelt der aktuelle Immobilienbericht von Atisreal, hier habe sich die «Trendwende deutlich vollzogen». Besonders Luxusimmobilien gehen wieder. Zugleich wächst die Nachfrage nach preiswertem Wohnraum und nach neuen Wohnmodellen, die über Zeilenbauten hinausgehen. Genossenschaftsprojekte boomen. Urbanes Wohnen heisst eine Initiative, die mit Hilfe der Freisinger Architekten A2 einen viel beachteten Neubau am Ackermannbogen geschaffen hat, einen Dampfer für neue Gemeinschaften, mit Decks und Gemeinschaftsräumen. Gegenüber, jenseits der Strasse, entsteht ein noch gewagteres Projekt, die neue Werkbundsiedlung mit 400 Wohnungen. Sie verspricht nichts weniger als neues Leben in der Stadt.

Dichte und Öffnung

Der Japaner Kazunari Sakamoto hat das Areal der Luitpold- Kaserne mitten in München-Schwabing als wogendes Feld von Hochhäusern, Pavillons und Punkthäusern gedacht. Eine wunderbare Vision von rund 40 Einzelhäusern mit je vier, acht und elf Geschossen. Skulptural gedacht, poetisch – und so undurchführbar. Sakamoto, Gewinner des Stadtplanungs- Wettbewerbs Werkbundsiedlung Wiesenfeld, trat gegen zwei ortsansässige Büros an, die gleichfalls Sieger der ersten städtebaulichen Runde waren: Allmann Sattler Wappner sowie 03 München. Die Ergebnisse waren sehr verschieden. Das jüngste der drei Planungsteams, 03 München, verabschiedeten sich vollständig vom utopischen Erbe der grossen Werkbundsiedlungen der Vergangenheit. Kein zweiter Weissenhof, keine Experimente. Ihre pragmatische Wende setzte auf Zeilenbebauung, auf sauber gereihte und zusammengefügte Areale rund um kleine Central Parks. Allmann Sattler Wappner hingegen versuchten die klassische Blockrandbebauung durch frei schwingende Baukörper optisch so aufzubrechen, dass ein tänzerisches Ballett-Band um ein zentrales Kiefernwäldchen entstand. Vielleicht ist Sakamotos Erfolg so zu erklären: Er hatte den Mut, gegen die Bauordnung zu planen, indem er gegen Blockrandbebauung und Zeile ein offenes Raumgefüge schmaler Kuben entwarf – ästhetisch und stadträumlich ein Genuss, durchaus problematisch, was Kosten und Ökobilanz der vielen Bauten angeht. Sakamoto wagt einen Tanz aus Dichte und Öffnung. Das Arrangement der drei Typen von Häusern – intern San Gimignano genannt – setzt auf Verhandlungsspielräume und offene Prozesse, wie sie Japan prägen. Ein Tanz um eine Mitte, die in Deutschland vor allem durch juristische Finesse geprägt ist. Sakamotos partielle Dichte verkörpert die Suche nach neuer Urbanität, seine Elfgeschosser sind also nicht Herren des Luftraums und Stadtzeichen, sondern Bestandteil eines ungewöhnlichen Arrangements, das sich in der Praxis bewähren muss. Denn noch immer gilt: Das Bewusstsein prägt das Quartier. Bauten können keine neuen Sozialstrukturen initiieren, wohl aber fördern.

Eigentlich ist Sakamotos wogendes Feld von Punkthäusern nicht zu verwirklichen, zumindest nicht mit dem deutschen Baurecht. Der Japaner stellt zu viel in Frage: Abstandsflächen, Erschliessung der Wohnungen, öffentliche Freiflächen und Strassenbreiten. Dabei setzt er auf Vielfalt, Freiheit und Entwicklungsmöglichkeiten. Er liefere «Massstäbe für modernes Wohnen in der Stadt», betont Christian Böhm, Projektleiter der Arbeitsgemeinschaft Werkbundsiedlung. Böhm betreut das, was nach dem Wettbewerb ansteht: die Mühen der Ebenen. Ein Dutzend Architekten, eingeteilt in Teams, versuchen bis Oktober, den locker schwingenden Entwurf aus Stadtvillen, Mehrfamilienhäusern und kleinen Hochhäusern zu erden, das heisst auf deutsche Massstäbe anzupassen. Fünfeinhalb Hektar und 40 Häuser «auf Genehmigungsstand zu bringen», könne selbst manches einheimisches Büro überfordern, meint Böhm. Zusammen aber böten sich neue Möglichkeiten.

Münchner Sandkastenspiele

Um das Werkbundprojekt zu verstehen, lohnt der Blick auf Siedlungen der vergangenen Jahre: München hat sich in den letzten 20 Jahren schneller verändert als in den vier Dekaden zuvor. Die Stadt sprengte das Nachkriegskorsett und schloss Lücken, die Bundeswehr, Behörden und Bahn hinterliessen. Die Ressourcen freilich sind nun fast aufgebraucht mit der Theresienhöhe, dem Arnulfpark, der Parkstadt Schwabing und der Messestadt Riem. Sie legen den Massstab fest, an dem sich jedes neue Quartier messen lassen muss. Zum ersten Mal zeigt sich, dass die neuen Stadtteile sehr verschieden ausfallen. Hoch über der Wiesn herrscht Aufbruchsstimmung. Die alten Messehallen sind verschwunden oder zum Museum geworden. Die Theresienhöhe greift nach Süden aus und parzelliert mit einem Schachbrett aus Punkthäusern ein gewaltiges Areal.

Endlich besitzt auch die Messestadt Riem ein Zentrum. Der Bauch der Neubausiedlung auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens, Riem Arcaden genannt, könnte freilich auch in Bottrop stehen. Investorenbauten prägen den Willy- Brandt-Platz. Das Hotel zur Linken müht sich noch, dem Eindruck der Beliebigkeit mit seiner schillernden Doppelfassade entgegenzutreten, das Einkaufszentrum schafft es nicht mehr. Selten hat Stadtplanung trotz ambitionierter Vorgaben – kompakt, urban und grün – so wenig bewirkt wie hier. In der Schwebe bleiben noch die anderen grossen Projekte: die durch die Rezession amputierte Parkstadt Schwabing, die dichte Nordheide sowie das Entwicklungsgebiet entlang der Bahntrasse nach Stuttgart. Zwischen Hauptbahnhof und Donnersberger Brücke – Arnulfpark genannt – zeichnet sich freilich schon jetzt die Ödnis reiner Wohnrendite ab. Einzig der neue Petuelpark über dem Mittleren Ring übertrifft alle Erwartungen. Er wirkt wie ein Geschenk an die lärmgeplagten Anwohner zwischen Milbertshofen und Nordschwabing. Hier leistete sich die Stadt den Luxus neuen Grüns. Ein entscheidender Hinweis, der auch Sakamotos Verwirbelung von privat und öffentlich berührt.

Zurück ins Zentrum

Hannes Rössler, Vorsitzender des Werkbundes Bayern, ist froh über den Prozess, der in Gang gekommen ist. Er sagt aber auch, die Diskussion müsse sich aus dem engen Fachkreis in die Öffentlichkeit verlagern. «Die Werkbundsiedlung hat eine andere Dimension.» Das ist die eigentliche Vision des Werkbundes, der das utopische Potenzial des Bauens wieder in die Stadt trägt. Es hat in Teilen bereits funktioniert. Alle ziehen mit: Architekten, Bauträger, das Stadtplanungsamt. «Wir wollen, dass es ein Erfolg wird», sagt Stadtbaurätin Christiane Thalgott. Die 2007 scheidende Stadtplanerin spielt eine Schlüsselrolle, ihr Ressort wird darüber befinden, wie die Regeln der Bauordnung ausgelegt und mit Sakamotos Entwurf in Einklang gebracht werden können. Denn das ist die einzige Chance: das Korsett der Regeln dort zu lockern, wo der Entwurf Luft bietet, ohne Fragen des Brandschutzes etwa zu vernachlässigen. Architekten, Bauträger und Fachplaner werden an Grenzen gehen. «Wir müssen uns bewegen », beschwört auch Matthias Ottmann, Geschäftsführer der Südhausbau den Aufbruchsgeist der Mustersiedlung. Dass Bauträger nicht bei allen Vier-, Acht- und Elfgeschossern die maximale Rendite erwirtschaften, ist für ihn klar. Sakamoto bietet ein verwobenes Geflecht kommunizierender Röhren. Wer ein Haus aufbläht, um es wirtschaftlicher zu machen, muss auch alle anderen anpassen. Die zwölf Architekten, die nach seinen Vorgaben das neue Wohnen entwickeln, sind nicht zu beneiden. Einer sagt, er verstehe nicht, wie Japaner denken, werde sich aber bemühen. Genau darum geht es. Der irritierend schöne, aber auch irritierend andersartige Ansatz darf nicht zerredet werden. Es wird kein zweiter Weissenhof, auch wenn Wiesenfeld danach klingt. Es wird den historischen Siedlungsprojekten nicht einmal ähneln. Hier entsteht ein Quartier aus 400 Wohnungen mitten in München, mitten in den Gräben von Pragmatismus und Utopie, mitten im demografischen Umbruch, der neue Wohnformen und -gemeinschaften fordert. Und fördert. Deutschland ist offenbar gar nicht so reformunfähig, wie viele meinen.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese

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