Restaurant am Caumasee
Valerio Olgiati - Flims (CH) - 1998

Ephemer und sublim

Valerio Olgiatis Projekt für ein Restaurant am Caumasee

von Hubertus Adam

Zeitgenössische Tourismusarchitektur überzeugt selten: Zwischen der Erfüllung funktionaler Erfordernisse und der Inszenierung nostalgischer Kulissen bleibt kein Spielraum für architektonische Qualität. Ein wegweisendes Projekt für ein Restaurant am Caumasee bei Flims zeigt, dass es auch anders geht. Valerio Olgiatis Intervention schärft die Sinne für den Wechsel der Jahreszeiten, für das Verhältnis von Architektur und Natur.

Wie andere Wintersportorte sucht auch Flims nach Strategien, um Besucher ausserhalb der Skisaison anzulocken. Mut und Initiative hat man vor einigen Jahren mit dem Umbau des «Gelben Hauses» durch Valerio Olgiati zu einem Ausstellungsgebäude bewiesen. Das schlohweiss gestrichene, bis auf den Mauerkranz ausgekernte Gebäude erscheint als eine minimalistische Skulptur, welche aus der Nähe betrachtet die Spuren der Vergangenheit wie in einem Palimpsest erkennbar werden lässt, und ist zu einem Wahrzeichen des Ortes geworden. Flims hat mit dem «Gelben Haus» nicht nur ein kulturelles Zentrum erhalten, sondern darüber hinaus auch ein international beachtetes Beispiel zeitgenössischer Architektur. Nun könnte die Gemeinde - den Segen des Souveräns vorausgesetzt - bald einen zweiten spektakulären Bau ihr eigen nennen: ein Restaurantgebäude am Ufer des Caumasees, das nach einem Wettbewerbserfolg ebenfalls von Olgiati ausgearbeitet worden ist.

Der idyllische waldgesäumte See unterhalb des Ortsteils Waldhaus besitzt eine Eigentümlichkeit: Auf Grund des Schmelzwassers weist er im Sommer einen hohen Wasserspiegel auf und wird als Badesee genutzt, während der Pegel im Winter um fünf Meter sinkt, so dass die Felsblöcke des Grundes zwischen den Eisschollen aufragen. Olgiatis Projekt sieht vor, die den heutigen Erfordernissen nicht mehr genügende Uferbebauung zu entfernen, die Garderoben des Bades zwischen den Bäumen zu verstecken und als architektonischen Akzent ein neues Gebäude vor der Seeterrasse zu placieren. Während dieses im Winter auf dem Ufersand steht, wird es im Sommer von Wasser umspült. Wie ein Lackmuspapier lässt der weiss durchgefärbte Beton die Spuren des Pegelstandes an der Fassade erkennen.

Der besondere Reiz des durch die einheitliche Materialität und den Verzicht auf einen Dachüberstand auf die primäre Geometrie reduzierten Pavillons - es handelt sich um einen Kubus mit Zeltdach - besteht in der Differenzierung von Basis und Hauptgeschoss. Riesige, in den warmen Monaten aufschiebbare Panoramascheiben von bis zu elf Metern Länge öffnen das Restaurant zur Umgebung - eine extravertierte Konzeption, welche durch die zur Mitte des Restaurants hin abgesenkte Decke noch verstärkt wird. Die im Untergeschoss angeordnete, eher introvertierte Bar hingegen besitzt nur eine breite Fensterscheibe, die im Sommer überspült ist. Schaut man von hier in der kalten Jahreszeit über die Eislandschaft des Caumasees, so fällt im Sommer der Blick wie in einem Aquarium auf das Unterwasserszenario, welches durch das von oben eindringende Sonnenlicht magisch erhellt wird.

Olgiati, dem mit seinem Schulhaus in Paspels und dem «Gelben Haus» zwei eigenständige Beiträge zur zeitgenössischen Schweizer Architektur gelungen sind, enthält sich bei seinem Caumasee- Projekt aus gutem Grund aller imitativen Anbiederungen, zu dem ein «Bauen in der Natur» bisweilen fähig ist. Es bedarf der Distanz, um vor der Natur bestehen zu können. Dabei gelingt dem Architekten ein intelligentes Vexierspiel zwischen dem Ephemeren und dem Sublimen: Im Sommer wirkt das Gebäude wie ein leichter, beinahe schwimmender Pavillon, im Winter hingegen massig, wie die artifizielle Variante der Felsen auf dem Seegrund. Angesichts der Banalität üblicher Tourismusarchitektur, die sich gemeinhin in klischeehaft-nostalgischen Kulissen erschöpft, setzt das Projekt neue Massstäbe.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung, 06.05.2002

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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