Rokko I-III, Foto: Shigeo Ogawa
Rokko I-III, Foto: Shigeo Ogawa
Rokko I-III, Foto: Shigeo Ogawa
Rokko I-III, Plan: Shigeo Ogawa

Die hängenden Gärten von Kobe

Die Wohnüberbauung Rokko I-III im japanischen Kobe ist das wohl grösste Bauwerk des Stararchitekten Tadao Ando und der Traum eines jeden Baumeisters: ein Projekt, das über Jahre hinweg wächst und sich kontinuierlich entwickelt.

von Roderick Hönig

Bisher besteht es aus 244 Wohneinheiten, die zwischen 1981 und 2000 in drei Etappen gebaut worden sind. Rokko I ist - nach einer beachtlichen Reihe von Einfamilienhäusern - das erste grosse Wohnbauprojekt des gelernten Zimmermanns aus Osaka. Die Elemente seines späteren Stils sind hier bereits deutlich sichtbar: Der aus einfachen Verhältnissen stammende Autodidakt verwendet kompromisslos schmucklosen Beton und lässt bewusst Licht und Wind in die geometrisch genau definierten Räume ein. Das Projekt, das 1983 fertiggestellt wurde, machte Tadao Ando endgültig international bekannt.

Die 20 Wohnungen von Rokko I sind am Rande von Kobe situiert. Das Quartier der Millionenstadt ist nobler Wohnort für betuchte Geschäftsleute, von denen die meisten im 20 Zugminuten entfernten Osaka arbeiten. Die Siedlung liegt am Fusse des steil aufragenden Rokko-Gebirges und ist in den nach Süden gerichteten Hang mit einem Gefälle von 60 Grad regelrecht eingegraben. Die Lage ist nach Auffassung der japanischen Geomantik ideal: Der Abstand zum Meer ist kurz und der Blick darauf weit, der Rücken des Hauses ist durch den Berg geschützt, und der leichte Hangwind und die dichte Vegetation verschaffen im Sommer Kühlung.

Der Grundriss des Komplexes basiert auf einem regelmässigen und symmetrischen Grundraster, in diesem Falle von 5,4 × 4,8 Metern. In der Mitte liegt die gemeinsam genutzte Erschliessungstreppe. Die unregelmässige Topographie des Berghangs bricht die Strenge des Plans und sorgt für unterschiedliche skulpturale Gestaltung der Wohneinheiten. Man könnte fast meinen, die Betonkuben plätscherten ganz natürlich den Hang hinunter.

Rokko II liegt etwas oberhalb der Bauten der ersten Etappe und wurde zwischen 1989 und 1993 erstellt. Ando vergrösserte den Grundrissraster minim auf 5,2 × 5,2 Meter. Die Anlage besteht aus 50 Einheiten, ist aber viermal so gross wie Rokko I. Auch das Zielpublikum ist ein anderes: Rokko I richtete sich an junge Leute und ist deutlich der Idee des gemeinschaftlichen Wohnens verhaftet - Rokko II hingegen ist eine Frucht der japanischen Bubble Economy der neunziger Jahre. Es ist Luxus pur. Die für japanische Verhältnisse riesigen Wohnungen mit hohen Räumen und Parkettböden haben grosszügige private Terrassen und Gärten; die Bewohner teilen sich Sauna, Fitnessraum mit Blick über den Hafen und einen grossen Swimmingpool. Der Meister des Lichts und des samtenen Betons erfüllte sich mit Rokko II einen langen Traum und kaufte sich das oberste Appartement im 14. Stock gleich selbst. Heute wohnt der ehemalige Profiboxer jedoch hauptsächlich im Zentrum von Osaka und benutzt die Wohnung vor allem am Wochenende und für repräsentative Einladungen.

Rokko III ist wiederum dreimal so gross wie Rokko II. Obwohl die 174 Wohneinheiten schon lange geplant waren, wurde ihr Bau erst durch das Erdbeben von 1995 ermöglicht. Zwei Jahre nach dem schrecklichen Unglück konnten Ando und ein Investor den Besitzer des Landes vom Verkauf überzeugen. Ziel war diesmal aber nicht teurer und luxuriöser Wohnungsbau, sondern schnell realisierbare Wohnungen für Erdbebenopfer.

Die Anlage liegt auf einem Plateau oberhalb von Rokko I und II und besteht aus fünf siebengeschossigen Wohnscheiben, die zusammen - der Hanglinie folgend - ein grosses L formen. Am Fusse der Längsseite liegen noch vier dreigeschossige Atriumhäuser. Insgesamt verfügt Rokko III über 24 000 Quadratmeter Wohnfläche. Dazu kommen wiederum ein Swimmingpool und ein Gymnastikraum, in einem viertelkreisförmigen Gebäude in der Ecke des L placiert.

Zwischen den Wohnscheiben und den Atriumhäusern liegt ein grosszügiger gemeinschaftlich genutzter Garten, der jedoch nicht öffentlich ist. Überhaupt misst Ando den Grünflächen grosse Bedeutung bei: Im Gegensatz zu den vorhergehenden Projekten sind die Wohnungen nicht mit kargen Betontreppen und urbanen Terrassen miteinander verbunden, sondern mit lauschigen Weglein, die durch einen grünen Park führen. Auch alle einsehbaren Dachflächen sind bepflanzt.

Trotz der deutlich höheren Dichte gegenüber seinen Vorgängern hat man in Rokko III nirgends das Gefühl, eingeengt zu sein. Am schönsten sind die Dachwohnungen der fünf Wohnscheiben hoch über dem Park. Ein riesiges Wohnesszimmer unter dem luftigen Tonnendach gibt den weiten Blick über die Bucht von Osaka und Kobe frei - vergessen sind die üblichen, für unsere Begriffe äusserst engen japanischen Wohnverhältnisse. Zu haben waren im vergangenen April noch rund 50 Wohnungen in den hängenden Gärten von Kobe. Ab umgerechnet 650 000 Franken ist der Traum zu erstehen, so viel kostet eine knapp 80 Quadratmeter grosse Dreizimmerwohnung - allerdings im Parterre.

Aber Tadao Ando wäre nicht Tadao Ando, wenn er die vierte Etappe nicht bereits fertig geplant aus der Schublade ziehen könnte: Das gegenüber Rokko III noch viel grösser geplante Rokko IV wird realisiert, sobald die benachbarte Universität Kobe sich entschliesst, ihre Parzelle zu verkaufen, auf der sich derzeit ihr Sportplatz befindet. Dann steht einer weiteren Hangskulptur aus Sichtbeton wohl nicht mehr viel im Weg.

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Für den Beitrag verantwortlich: NZZ-Folio, 01.10.2001

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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