Veranstaltung

2nd International Architecture Biennale Rotterdam: The Flood
Ausstellung
2nd International Architecture Biennale Rotterdam: The Flood © IARB
26. Mai 2005 bis 26. Juni 2005
International Architecture Biennale Rotterdam
Westersingel 52
NL-3014 GV Rotterdam


Veranstalter:in: International Architecture Biennale Rotterdam

Glücklich am Wasser

Die zweite Architekturbiennale von Rotterdam

Das Bauen am Wasser, das von jeher die Basis des niederländischen Städtebaus bildet, steht im Zentrum der zweiten Architekturbiennale von Rotterdam. Daraus entwickelt das Nederlands Architectuur Instituut (NAI) die Vision einer neuen Wasserstadt.

2. Juni 2005 - Klaus Englert
Wer dieser Tage durch Rotterdam streift, wird vielleicht verdutzt vor einem Plakat Halt machen, das eine riesige, aufschäumende Welle zeigt. Weisse und blaue Lettern geben Auskunft, was uns droht: De Zondvloed (die Sintflut). Was wie die Warnung einer Weltuntergangssekte klingt, entpuppt sich schnell als skurrile Werbung für die zweite, vom Nederlands Architectuur Instituut (NAI) organisierte Architekturbiennale von Rotterdam, die sich dem Thema Wasser und Stadt widmet. Der Landschaftsarchitekt Adriaan Geuze, Kurator der diesjährigen Biennale, meinte während der Eröffnungsveranstaltung, er habe die Flutwelle vor der holländischen Küste aufgenommen. Er versteht sie als Hinweis auf die wind- und wettergeprüften Niederlande, keinesfalls aber als Anspielung auf die Umweltkatastrophe in Südostasien. Wer also bei der Architekturbiennale an Tsunamis denkt, der liegt falsch. Die Ausstellung präsentiert zwar «Flood Resistant Housing» von Greg Lynn und West 8, entworfen sind diese Häuser jedoch für das Überflutungsgebiet entlang der IJssel. Der amerikanische Architekt und die Rotterdamer Landschaftsarchitekten entwickelten ein neues Siedlungsmodell für wassernahes Wohnen, das weiter führt als das traditionelle Bauen auf Poldern und Deichen. Wenngleich es auf der Biennale um die Neuerfindung von Landschaft, Stadt und Architektur geht, so dreht sich doch alles um die «Hollandse Waterstad». Geuze möchte diese holländische Tradition wachhalten und zeitgemäss deuten.

Holländische Wasserstadt

Es ist nicht zufällig, dass Geuze zwei Jahre nach Francine Houbens aufregender erster Rotterdamer Architekturbiennale zum Thema «Mobilität» zu den holländischen Grundlagen von Städtebau und Landschaftsplanung zurückkehrt. Denn Geuze, der 1996 den Masterplan für die brachliegenden Amsterdamer Pieranlagen Borneo und Sporenburg entwickelte, gilt als entschiedenster Erneuerer der «Hollandse Waterstad». Der von ihm neu geplante Teil des östlichen Hafengebiets von Amsterdam zählt weltweit zu den überzeugendsten Hafenumwandlungen der letzten Jahre. Hier ist Wohnen am Wasser in stark verdichteten Apartmenthaus-Anlagen und hoch aufragenden architektonischen Landmarken möglich. Im Gespräch erklärt Geuze, dass er dieses Hafengebiet als «eine zeitgenössische Antwort auf die alten Amsterdamer Kanäle» verstehe. Entsprechend lasse der Masterplan für Borneo-Sporenburg klare Vorbilder erkennen: «Wir sollten uns daran erinnern, dass man im Amsterdam des 17. Jahrhunderts bestens wusste, wie Strassen und Wasserwege im Städtebau anzulegen sind. Doch in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ging dieses Wissen verloren. Erst in unseren Tagen besinnen sich die Stadtplaner Amsterdams wieder auf das Erbe ihrer Stadt, das Erbe des 17. Jahrhunderts.»

Zukunftsträume

In der Ausstellung im NAI wird dargelegt, wie es in 700 Jahren zu insgesamt 3500 Poldern gekommen ist. Ganz nebenbei werden einige der zahllosen Landschaftsplaner dem Vergessen entrissen und andere - etwa Aldo van Eyck, Gerrit Rietveld oder Cornelis van Eesteren - mit der Besiedlung der Poldern in Verbindung gebracht. Die Wasserstadt hingegen wird in den grossen Ausstellungshallen des alten Speichergebäudes «Las Palmas» thematisiert. Hier, auf dem Wilhelminapier, schlendert man an zahllosen Maquetten von Hafenstädten vorbei, die alle belegen, wie vielgestaltig deren Bindefunktion zwischen Land und Wasser ist. An Modellen für Utrecht, Gouda oder Delft aus dem 11. bis 17. Jahrhundert möchte Geuze aufzeigen, dass die Handelshäfen mit ihren Bewehrungen, Lagerhallen, Handelsniederlassungen und öffentlichen Einrichtungen im Stadtleben verankert waren. Diese Tradition gelte es zu reaktivieren. Allerdings suggeriert die Ausstellung, die Geschichte der Wasserstadt unterliege einer bruchlosen Entwicklung. Natürlich hat es diese - darüber weiss Geuze selbst am besten Bescheid - niemals gegeben. Denn bevor Rotterdams Kop van Zuid und Amsterdams östliches Hafengebiet zu weithin beachteten Modellen der Hafenumnutzung wurden, bewirkte die Zeit der Industrialisierung, dass der Hafen von der Stadt getrennt und zum Zentrum der Schwerindustrie wurde - bis sich im 20. Jahrhundert der Industriehafen zur Stadt in der Stadt wandelte, der öffentliche Zugang zum Ufer blockiert wurde und Stadt und Hafen völlig auseinander brachen. Diese lange Geschichte überspringt Geuze. Lieber weicht er, zwecks Würdigung seiner Idealstädte, auf «Seaside Resorts» wie Brighton und Ostende oder militärische Wasserstädte wie Naarden aus.

Geuzes Steckenpferd ist die «New Dutch Watercity». Zu diesen Zukunftsstädten gehört das IJssel-Projekt von Greg Lynn und West 8, das die alte Tradition der Halligenhäuser auf Warfen aufgreift. Mit den Überschwemmungsgebieten der IJssel nahe Kampen beschäftigt sich auch das Rotterdamer Avantgarde-Team MVRDV. Die Architekten wollen hier simple Einfamilienhäuschen ansiedeln, die zum Schutz vor Überschwemmung auf Stelzen stehen. Zum staatlichen Vinex- Programm, das seit Jahrzehnten den Bedarf an neuen Siedlungen regelt, gehört nicht nur das Leben am Wasser, sondern auch das Leben im Wasser. Weil den Holländern die Aufschüttung des künstlichen Archipels IJburg östlich von Amsterdam nicht ausreicht, wollen sie das eigene Heim zur Insel machen. Die unzähligen Hausboote auf den Amsterdamer Kanälen dürfen als ihre Vorläufer gelten. In Flevolands Huizen, auf Amsterdams Steigereiland und Roermonds Marina sollen «schwimmende Häuser» wieder die verschüttete Seefahrerleidenschaft der sesshaft gewordenen Holländer wecken. Doch bevor Geuze die Niederlande zur «Floating Society» umwandelt, steht erst einmal der pragmatischere Plan «Rotterdam 2035» zur Realisation an. In dreissig Jahren wird man dann von der Flussstadt, der Wasserwegstadt und der Kanalstadt reden. Geuze träumt von einer Zukunftsstadt mit weitverzweigten Wasseradern, die eine ungeahnte städtische Lebensqualität bieten soll.

Geuze will offenbar zeigen, dass sich seit den frühen Projekten wie etwa der «City on Pampus», die Bakema und van den Broek 1964 als östliche Erweiterung Amsterdams für 350 000 Bewohner errichteten, die Zeiten grundlegend geändert haben. So soll «Valencia Litoral», ein in den nächsten dreissig Jahren durchzuführendes Projekt, die gesamte städtische Meeresfront der spanischen Mittelmeerstadt urbanisieren. Und in Dubai werden mehrere Milliarden Dollar in ein touristisches Eldorado in Form von zwei palmenförmigen Inseln (NZZ 5. 3. 04) investiert. Trotz Tsunamis und aufgrund der Klimaerwärmung drohender Sintflut ist offenbar die Angst vor dem Wasser gewichen. Die Niederlande machen es der grossen Welt wieder einmal vor. Nur wer nah am Wasser baut, lässt Adriaan Geuze verkünden, ist der Glückliche.

Die 2. Internationale Architekturbiennale Rotterdam dauert auf «Las Palmas» und im Niederländischen Architekturinstitut bis zum 26. Juni. Katalog: The Flood (engl./niederl.). Euro 14.50.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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