Zeitschrift

tec21 2006|6
Stadtreparatur
tec21 2006|6
zur Zeitschrift: TEC21
Verlag: Verlags-AG
Stadtreparatur – drei Beispiele

Was können partizipative, «sanfte» Erneuerungsprojekte für eine nachhaltige Stadtentwicklung leisten? In Zürich Wiedikon steht das heutige Vorzeigeobjekt «Dreieck». Der genossenschaftlich organisierte Häuserblock ist in den letzten Jahren zu einer beliebten Adresse für Wohnen und Kleingewerbe geworden. Auch in anderen Städten gibt es einstige Problemgebiete, die sich aus eigener Kraft zu Garanten sozialer Stabilität und kleinen Motoren wirtschaftlichen Lebens entwickelt haben. Wie entstehen solche Projekte? Kann die Planung von ihnen lernen? Martin Albers und Res Keller, die als Architekten und Planer bzw. Bauherrenvertreter am Dreieck beteiligt waren, vergleichen den Ilot13 in Genf, das Obere Murifeld in Bern und das Dreieck in Zürich. Christian Schwager hat die drei Orte fotografiert.

Architektur kann Menschen Möglichkeiten bieten und sie anziehen – oder sie verscheuchen. Weil Renovieren und neu Bauen den Wohnraum verteuert, werden dabei in der Regel ärmere Leute vertrieben und wohlhabendere angezogen. Das kann Vorteile bringen, wenn dadurch in einem Quartier, wo sich Probleme ballen, die Bewohnerschaft wieder vielfältig genug wird, um die nötigen Funktionen selbst zu organisieren. Doch Sanieren allein löst natürlich soziale Probleme nicht, sondern verteilt sie nur anders. Wenn Kontrolle und Unterstützung durch langjährige Nachbarn wegfallen, werden schwierige Hausgenossen zu teuren Patienten. Eine kostengünstige Sozialpolitik und eine nachhaltige Stadtentwicklung suchen deshalb funktionierende soziale Netze zu erhalten und, wo sie am Reissen sind, zu verstärken. Das kann ein Grund sein, Altbauten stehen zu lassen und sanft zu sanieren. Die Architektur kann dabei eine wichtige Rolle spielen.

Nun mag heute der Ersatzneubau aus ökologischer Sicht die bessere Lösung sein, dazu ökonomisch mit weniger Risiko behaftet und in der Regel sozial einfacher als Instandstellungen zusammen mit der betroffenen Bevölkerung. Aber die Erhaltung von Altbauten hat einen positiven Effekt, der meist zu wenig hoch bewertet wird: die kulturelle oder städtebauliche Nachhaltigkeit. Es ist auffällig, wie oft heute in Wettbewerbsprogrammen «Identität» verlangt wird. Alte Häuser haben sie bereits. Am Altbestand hängen kulturelle Werte, die nicht in kurzer Zeit herstellbar sind: Ästhetische und räumliche Merkmale haben sich über lange Zeit mit Biografien von Menschen zu so komplexen soziokulturellen Phänomenen wie Identität und Identifikation verwoben. Dank dieser Qualität kann Altbestand zum Motor für Entwicklungen werden. Die bewusste Überlagerung von Alt und Neu veranschaulicht Geschichte. Altes macht Heimat konkret. Droht sein Verlust, mischt sich die Bewohnerschaft nicht selten ein. Daraus kann eine produktive Organisation und schliesslich ein kreatives Projekt entstehen.

Warum sind solche Projekte nicht häufiger? Altbestand und Bevölkerung in die Planung zu integrieren ist umständlich. Es ist verständlich, wenn Investoren den Mehraufwand partizipativer Ansätze scheuen. Doch die Sorgfalt, die nötig ist, um beispielsweise die vitale Dichte an Kleingewerbe zu organisieren, wie sie das Dreieck heute aufweist, kann fast nur mit Bewohner-Engagement aufgebracht werden. Um dieses Potenzial konsequenter nutzen zu können, wäre es nötig, den Aufwand von Fachleuten in partizipativen Verfahren als Planerleistung kalkulierbar zu machen und zu honorieren.

Ruedi Weidmann, weidmann@tec21.ch

Die Collage
Martin Albers
Renovieren und neu Bauen, zusammen mit der Bevölkerung: Der dichte Block Ilot13 am Hauptbahnhof Genf ist eines von drei Beispielen erhaltender Stadterneuerung, die in dieser Nummer vorgestellt und verglichen werden.

Die Siedlung
Orm Bonsma
Im Oberen Murifeld in Bern bestimmten die Hausgemeinschaften den Standard ihres Hauses nach der Renovation. Die kommunale Siedlung wurde dadurch vielfältiger. Sie erhielt den SIA-Preis für nachhaltiges Bauen.

Der Hof
Priska Ammann
Das Dreieck in Zürich ist heute eine begehrte Adresse zum Wohnen, Arbeiten und Einkaufen. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben den Block samt Hofgebäuden sanft renoviert und mit zwei Neubauten ergänzt.

Die Stadt weiterbauen – ein Vergleich
Martin Albers, Res Keller
Die vorgestellten Projekte wollten ein Stück Stadt nicht ersetzen, sondern mit den vorhandenen Häusern und Leuten weiterentwickeln. Was bieten sie für eine auch sozial und kulturell nachhaltige Stadtentwicklung?

Wettbewerbe
Neue Ausschreibungen und Preise / Kreis und Kubus in Feuerthalen / Werkstätten in Chur / Knifflig: Sanierung Spital Aarberg / Strandbad Jona: Langbau oder Rundbau?

Magazin
FSC-zertifiziertes Holz / Europäische Städte im Vergleich / Energiequelle am Meeresgrund / Buwal wird Bafu / Olympiastadion St. Moritz / Leserbrief: Zweifel an Erdbebentauglichkeit; mit einer Stellungnahme der Caritas

Aus dem SIA
Anfragen an den Rechtsdienst / SIA als Anlaufstelle für Medien /
Erfolgreiche Verhandlungen zum KBOB-Vertrag / Dachverband der baugewerblichen Zeichnerberufe gegründet / Wahlen in Kommissionen im 2. Semester 2005

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