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12. September 2026 mit Francesca Prader
Neue Zürcher Zeitung

«Man muss den Leuten die Angst vor Hochhäusern nehmen»

Ende September stimmen die Zürcher über Hochhäuser ab. Der Architekt Philipp Fischer baut Wohntürme in der grössten Stadt der Schweiz. Er erklärt im Interview, warum mit hohen Gebäuden Abrisse verhindert und Grünräume erhalten bleiben.

Die Beziehung der Stadt Zürich zu hohen Häusern ist kompliziert. Von den linken Parteien werden Hochhäuser als Renditebauten verschrien, die die Verdrängung von Familien und die Gentrifizierung beschleunigen, die SVP fürchtet um das Ortsbild. Eine ungewöhnlich zusammengesetzte Mehrheit im Gemeinderat hat den Vorschlag des Stadtrats für die Revision der Hochhausrichtlinien zerpflückt und die Gebiete für bis 40 Meter hohe Gebäude gestrichen.

Dagegen ergriffen FDP, GLP und Mitte das Referendum. Der Stadtrat hat seinen ursprünglichen Entwurf als Gegenvorlage eingebracht.

Ende Monat entscheiden die Stimmberechtigten. Die emotional geführte Debatte um Luxuswohnungen, die Herausforderungen einer wachsenden Stadt und den Klimawandel beschäftigt nicht nur die Politik, sondern auch Architekten wie Philipp Fischer. Der Mann, der das Zollhaus unweit des Zürcher Hauptbahnhofs entworfen hat, baut derzeit ein 85-Meter-Hochhaus für die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) auf dem Koch-Areal.

Frage: Herr Fischer, als Architekt haben Sie das Zürcher Stadtbild mitgeprägt. Die kommende Abstimmung zu den Hochhausrichtlinien hat die Architektenszene aufgeschreckt – was treibt Sie um?

Antwort: Philipp Fischer: Die bevorstehende Abstimmung bereitet mir Sorgen. Der Stadtrat hat in einem langjährigen Verfahren durchdachte Richtlinien erarbeitet, die klar definieren, wo und wie in Zürich langfristig Hochhäuser gebaut werden können. Die Linken und die SVP haben daraus eine Vorlage gemacht, die so schlecht ist, dass man meinen könnte, sie sei am Stammtisch entstanden. Viele Kolleginnen und Kollegen, unter ihnen namhafte Architekten, die auch im Ausland tätig sind, wurden ähnlich aufgeschreckt von der Vorlage des Gemeinderats.

Frage: Der Gemeinderat will die Gebiete für bis zu 40 Meter hohe Häuser fast vollständig aus den Hochhausrichtlinien streichen. Was stört Sie daran?

Antwort: Die Mehrheit im Gemeinderat setzt Hochhäuser pauschal mit Renditeobjekten gleich. Deshalb will sie Hochhäuser aus der Stadtplanung verbannen. Doch dieses «Streichkonzert» greift zu kurz und beantwortet keine der grundlegenden Fragen, die wir uns jetzt stellen müssen. Darin sind sich Architektinnen und Architekten weitgehend einig.

Welche Fragen sind das?

Antwort: Zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Klimawandel, aber auch Themen wie Verdichtung und Hitzeminderung in Wohnquartieren. In Zürich wird zu viel abgerissen, es gibt zu viele versiegelte Böden und zu wenig Grünraum. Die Politik stand lange hinter diesem Vorgehen, in den letzten fünf bis zehn Jahren hat ein Umdenken stattgefunden. Hochhäuser können dazu beitragen, dieser Veränderung Rechnung zu tragen. Mit einem Ja zum Vorschlag des Gemeinderats wird es aber genauso weitergehen wie bisher.

Frage: Und der Gegenvorschlag des Stadtrats bietet Antworten?

Antwort: Ja. Es ist ein ausgewogenes Regelwerk. Das Prinzip ist einfach: Wer höher baut, muss am Boden mehr Grün- und hochwertige Freiräume schaffen und mit gut gestalteten, öffentlich wirksamen Erdgeschossen zur Qualität des Quartiers beitragen. Gleichzeitig ermöglichen die Richtlinien es Investoren und Genossenschaften, Siedlungen gezielt weiterzuentwickeln, ohne alle bestehenden Bauten abzureissen.

Mit den linken Parteien und der SVP ist eine Mehrheit des Gemeinderats der Meinung, dass genau das Umgekehrte der Fall sein wird. Der Gegenvorschlag des Stadtrats werde dazu führen, dass noch mehr Gebäude abgerissen und viel graue Energie freigesetzt werde. Zudem seien Bau und Betrieb hoher Häuser extrem unökologisch.

Antwort: Die Devise: «Hochhaus böse, Regelbau gut» hält sich hartnäckig. Obwohl es so viele Beispiele für Ersatzbauten gibt, die aus 24 Meter hohen, bis an die Baulinien reichenden Regelbau-Riegeln bestehen. Dabei wäre es oft sinnvoller, ein unternutztes Grundstück zu verdichten, indem beispielsweise mittig ein Hochhaus erstellt wird und die bestehenden Häuser rundherum erhalten bleiben. Das bietet auch Platz für Grünraum. Viele Genossenschaften, aber auch Investoren würden gerne so bauen. Auch sie haben gemerkt, dass sie in der Stadt Zürich Projekte eher realisieren können, wenn sie nicht alles abreissen. Mit dem Vorschlag des Gemeinderats würden die Möglichkeiten, im Bestand zu verdichten, extrem eingeschränkt.

Sehen Sie das nicht zu pessimistisch? Die SP betont, dass Gebäude bis 40 Meter nach wie vor möglich seien: mit Gestaltungsplan.

Antwort: Wenn eine Genossenschaft Bauherrin ist, kann das mit der linken Mehrheit in Stadtrat und -parlament durchaus funktionieren. Investoren werden hingegen sorgfältig abwägen, ob sich dieser zeit- und kostenintensive Prozess für sie lohnt. Viele dürften sich dafür entscheiden, Gebäude in der Regelbauweise zu ersetzen. Das Ergebnis solcher Überlegungen sieht man gut bei den Ersatzbauten in Seebach oder Schwamendingen: massive Gebäuderiegel, dazwischen Tiefgaragen, auf denen man mit grossem Aufwand Bäume pflanzt, die aber nie so gedeihen können, wie man sich das wünschte.

Frage: Die Gebiete für bis 60 oder 80 Meter hohe Häuser hat das Parlament beibehalten. Sehr hohe Gebäude könnten also weiterhin entstehen.

Antwort: Ja, diese Gebiete sind noch drin. Sowohl der Stadtrat als auch das Parlament wollen sie aber stark reglementieren. Je höher ein Hochhaus ist, desto mehr muss es für die Stadt leisten. Gerade im Erdgeschoss müssen die richtigen Nutzungen vorhanden sein. Zudem enthalten beide Vorschläge Anforderungen für gemeinnützigen Wohnraum. Das ist richtig so. Die Frage ist, wie weit diese Reglementierungen gehen sollen. Der Stadtrat will, dass bei einer Mehrausnützung mindestens 75 Prozent der so zusätzlich ermöglichten Wohnungen preisgünstig sind. Das ist eine klare Ansage. Das Parlament geht noch weiter und verlangt, dass 100 Prozent der Mehrausnützung preiswert vermietet werden.

Frage: Warum ist das ein Problem? Das 2011 an der Urne verabschiedete Drittelsziel verpflichtet den Stadtrat, dafür zu sorgen, dass bis 2050 ein Drittel aller Mietwohnungen in Zürich gemeinnützig ist.

Antwort: Ich bezweifle, dass sich Investoren finden, die eine Mehrausnützung anstreben, wenn sie damit keinerlei Gewinn erzielen dürfen. Nur schon deshalb geht der Vorschlag des Gemeinderats nicht auf.

Frage: Denken Sie, das Drittelsziel ist mit der Vorlage des Parlaments erreichbar?

Antwort: Nein. Nur schon weil sie gemeinnützigen Bauträgern – Genossenschaften, aber auch der Stadt – eine Riesenchance verbaut, ihre Siedlungen weiterzuentwickeln, ohne alles abzureissen. Ein grosser Teil der Gebiete, die der Gegenvorschlag für 40 Meter hohe Gebäude vorsieht, sind städtische oder genossenschaftliche Grundstücke. Es erschliesst sich mir nicht, warum das Parlament sich auf diese Gebäudehöhe eingeschossen hat – und das sage ich als liberaler SP-Wähler.

Frage: Gemäss einer Studie der ZKB sind die meisten Wohnhochhäuser in Zürich für Gutverdiener gedacht. Oft entstehen grossflächige Wohnungen mit wenigen Zimmern, die sich nicht für Familien eignen. Dafür werden günstige Wohnungen abgerissen. Was sagen Sie dazu?

Antwort: Ich bin absolut überzeugt, dass es nach einem Ja zum Gegenvorschlag des Stadtrats nicht zu einem Rendite-Bauten-Boom kommen wird – ich rechne eher mit dem Gegenteil. Wird die Vorlage des Gemeinderats angenommen, geht es genauso weiter wie in den letzten 25 Jahren, also in der Zeit, in der die Stadt intensiv umgekrempelt wurde und ein grosser Riegel mit wenig Grünraum entstand. Dabei wäre es viel besser, einen Teil der Gebäude zu erhalten und ein Hochhaus als Akzent zu erstellen. Das bietet den Vorteil, dass man den bestehenden Mietern, meist älteren Leuten, die in zu grossen Wohnungen leben, eine neue, altersgerechte Wohnung anbieten kann. Dafür werden grössere, ältere und somit günstigere Wohnungen für Familien frei. Genau da drückt der Schuh, und genau dafür bietet die Vorlage des Stadtrats enorme Chancen. Wichtig ist auch: Es heisst bis 40 Meter. Diese Limite wird bei ganz vielen Projekten nicht ausgenutzt werden. Die meisten Bauherren werden nur bis 30 Meter hoch bauen.

Frage: Warum?

Antwort: Ab 30 Metern Höhe gelten spezielle Brandschutzvorschriften. Sie sind ein Grund dafür, dass der Bau eines Hochhauses etwa 8 bis 15 Prozent teurer ist als der eines Gebäudes in der Regelbauweise. Es ist komplizierter, es braucht mehr Lifte. Aber gerade die ABZ zeigt mit ihrem Hochhaus auf dem Koch-Areal, dass es auch anders geht. Wir beweisen, dass so zahlbarer Wohnraum entstehen kann.

Frage: Sie sind der Architekt dieses Hochhauses. Wie schaffen Sie es, dass dort Mieten möglich sind, die für eine Genossenschaft funktionieren?

Antwort: Die wichtigsten Hebel sind das Bauland und die Effizienz der Grundrisse. Die ABZ erhält das Land von der Stadt im Baurecht. Der Preis ist anständig hoch, aber nicht in den Dimensionen, die man sonst auf dem Markt sieht. Dann haben die Architekten gelernt, zu rechnen. Wir planten sieben Wohnungen auf einem Geschoss mit einem Treppenhaus und drei Liften. Das ist ein hocheffizienter, kostenoptimierter Gebäudetyp. Die Mehrkosten für die erhöhten Brandschutzanforderungen und die aufwendigere Bauweise werden durch diese Effizienz mehr als kompensiert. Eine 5½-Zimmer-Wohnung für 2400 Franken pro Monat, inklusive Nebenkosten. Subventioniert 2000 Franken – das sind harte Fakten.

Frage: Die ABZ hat also den entscheidenden Vorteil, dass sie das Bauland günstig erhält. Wie teuer wären die Wohnungen bei einem privaten Investor?

Antwort: Das sieht man auf dem Nachbargrundstück mit dem Alto Tower, einem Hochhaus mit einer innovativen, nachhaltigen Tragstruktur und sehr guten Grundrissen. Die Mieten sind doppelt so hoch wie bei der ABZ. Interessant ist, dass es bei der Erstvermietung bereits eine Korrektur gab, weil sich keine Mieter fanden. Die Preise sind eklatant heruntergekommen, die Wohnungen inzwischen vermietet. Das zeigt: Je mehr Wohnungen wir bauen, umso mehr spielt der Markt.

Frage: Hinter der Vorlage des Gemeinderats stehen nicht nur die Linken, die sagen, dass damit Renditebauten verhindert werden, sondern auch die SVP. Sie befürchtet, dass der Gegenvorschlag des Stadtrats die Zuwanderung befeuern und zu Banlieues wie in Frankreich führen wird. Wie sehen Sie das?

Antwort: Das ist reine Polemik. Natürlich gibt es in hohen Häusern auch Menschen mit sozialen Problemen – das ist ein statistischer Fakt. Solche Probleme haben vielfältige Ursachen. Die Höhe des Wohngebäudes gehört aber nicht dazu. All das Negative, was viele Menschen spezifisch mit Hochhäusern verbinden, kann auch im Einfamilienhaus mit Umschwung oder im dreigeschossigen Gebäude im idyllischen Wohnquartier auftreten. Man muss den Leuten die Angst vor Hochhäusern nehmen, statt Vorurteile zu bedienen.

Frage: Wie nimmt man den Leuten die Angst?

Antwort: Indem wir beweisen, dass Hochhäuser nicht mit trostloser Anonymität gleichzusetzen sind. Bei der ABZ tun wir das, indem wir jeweils 21 Wohnungen um einen dreigeschossigen Gemeinschaftsraum angeordnet haben. So entstehen überschaubare Nachbarschaften innerhalb des Hochhauses. Hinzu kommt eine grosse, begrünte Dachterrasse, die so konzipiert ist, dass Kinder dort auch selbständig spielen können.

Frage: Das heisst also, dass die Klischees der anonymen Wohntürme bei bestehenden Bauten durchaus zutreffen?

Antwort: Nein, es gibt gute Beispiele, die ohne Gemeinschaftsräume funktionieren. Etwa das Lochergut. Da trifft man sich im Coop, in der Waschküche oder auf der grünen Terrasse. Und man muss auch sagen: Es gibt auch Leute, denen es völlig reicht, wenn man sich im Treppenhaus grüsst und dann weitergeht.

Frage: Würden Sie mit Ihrer Familie in ein Hochhaus ziehen?

Antwort: Absolut. Ich habe einen siebenjährigen Sohn und eine zehnjährige Tochter und würde sofort in ein Hochhaus ziehen. Gerade für Kinder kann diese Wohnform auch sozial sehr bereichernd sein: Viele Familien leben nahe beieinander, man begegnet sich im Alltag, und Freundschaften können unmittelbar im Haus entstehen.

Frage: Warum wohnen Sie nicht in einem Hochhaus?

Antwort: Momentan stellt sich diese Frage für mich nicht, denn ich bin sehr glücklich mit meiner Wohnsituation. Ich lebe in einem Haus eines bekannten Zürcher Architekten aus den 1960er Jahren. Interessanterweise hat dieses Haus bereits damals den üblichen Massstab des Quartiers überschritten. Gerade dadurch konnten aber viel Grün und Freiraum erhalten bleiben – eine Qualität, die man heute vielleicht noch stärker schätzt als damals. Inzwischen steht das Gebäude im Inventar der Denkmalpflege. Es wird also, solange ich lebe, sicher nicht abgerissen.

Frage: Die Beziehung der Stadt Zürich zu hohen Häusern ist kompliziert. Ab den 1950 Jahren wollten alle hoch hinaus, in den 1980 Jahren wurden Hochhäuser praktisch verboten, in den 2000ern kamen sie wieder zurück. Und jetzt fürchten viele, Zürich werde durch Hochhäuser verschandelt. Wie sehen Sie die Zukunft des Hochhauses in Zürich?

Antwort: Wir sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. So kommt es mir gegenwärtig vor. Der Vorschlag des Gemeinderats würde Hochhäuser praktisch verunmöglichen, nicht nur bis 40 Meter hohe. Auch für Häuser bis 60 und 80 Meter gäbe es massive Einschränkungen. Zürich hat eine Tradition, vor allem mit 40 Meter hohen Hochhäusern, um die uns Architektinnen und Architekten aus der ganzen Welt beneiden.

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: Etwa die von Albert Steiner erstellte Siedlung Heiligfeld beim Letzigrund. Sie entstand in den 1950er Jahren, einer Zeit, in der einige schöne 30 bis 40 Meter hohe Häuser mit wunderbaren Grünanlagen gebaut wurden. Auch aus der heutigen Zeit gibt es schöne Beispiele. Ich mag den Prime Tower, er sieht immer etwas anders aus und vermittelt ein grossstädtisches Gefühl – in Sachen Grünraum hat der Ort aber Luft nach oben. Die nachträgliche Aufwertung und Verdichtung von Grünräumen ist eines der zentralen Themen für unsere Stadt. Und auch in diesem Punkt ist die Vorlage des Stadtrates klar besser als jene des Gemeinderats.

Welche mögen Sie nicht?

Antwort: In Zürich gibt es wenige, die mir nicht gefallen. In Zürich-West zum Beispiel das Renaissance-Hochhaus. Es ist ein solides Haus und ein Zeitzeuge. Mir ist es aber zu monoton – auch von innen. Es umfasst fast nur Kleinwohnungen. Aber diese nicht so gelungenen Hochhäuser sind ja auch der Grund, weshalb der Stadtrat mehr Qualität einfordern will. Es wäre sehr schade für die Stadt, wenn wir der Vorlage des Gemeinderates zustimmen würden, die Hochhäuser verunmöglicht und mit der Zürcher Tradition mittelgrosser Hochhäuser bricht.