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Haus aus Stroh
Neue Zürcher Zeitung

Ein architektonisches Experiment in London

5. April 2002 - Ursula Seibold-Bultmann
In den USA bauten Architekten wie Bruce Goff, Frank Gehry und Michael Reynolds schon vor Jahrzehnten mit Materialien, aus denen sonst nur die Hütten der Ärmsten bestehen. Mit dem ökologisch durchdachten „Straw House“ in London zeigen Sarah Wigglesworth und Jeremy Till, wie kostengünstige und rezyklierte Baustoffe heute für einen experimentellen Bau in einer westlichen Grossstadt genutzt werden können.

Kurz nach dem Verlassen des Londoner Bahnhofs King's Cross in Richtung Norden - auf der Fahrt nach Cambridge, Newcastle oder Schottland - erblickt man linker Hand direkt am Bahndamm eine Hausfassade aus grauen Sandsäcken. Will sich da jemand vor Hochwasser schützen? Offenbar nicht, denn erstens gibt es in der Nähe weder Fluss noch Meer, und zweitens ist das Gebäude hochgeständert auf Gabions, Metallgitterkörben also, die hier mit Brocken wiederverwendeten Altbetons und nicht - wie bei der Dominus Winery von Herzog & de Meuron im Napa Valley (1996-98) - mit dunkelgrünem Basalt gefüllt sind. Vom Zug aus sieht man jedoch weder dieses Detail noch die Fensterrahmen aus alten Eisenbahnschwellen, sondern höchstens noch einen schlanken Turm mit kanzelartigem Ausguck.


Tisch und Bett

Von nahem betrachtet, ist das Gebäude grösser als erwartet: An den parallel zur Bahn gelegenen Flügel, der zwei Architekturbüros beherbergt, schliessen sich im rechten Winkel ein langgezogener, auf Stahlstützen aufgeständerter Wohntrakt mit ansteigendem Grasdach sowie ein kompakter Schlafzimmer-Annex mit einer Ummantelung aus Wellblech und transparentem Kunststoff an. Letzterer gibt den Blick auf die Strohballen frei, aus denen hier die Wände bestehen (im Zimmer selbst ist das Stroh verputzt). Wendet man sich von diesem ländlich anmutenden Anbau nach Osten zurück, so reibt man sich erneut die Augen: Die zweistöckige Rückwand des Büroflügels ist mit einer gepolsterten Glasfasermatte verkleidet. Derweilen schwankt das ganze Ensemble unmerklich vor sich hin, denn die durch den Bahnverkehr verursachten Vibrationen werden von Metallfedern unter sämtlichen Stützen des Wohntraktes sowie unter dem Stahlrahmen des Büroflügels gedämpft (hier verbergen sich die Federn in den Gabions, die aus feuerpolizeilichen Gründen mit Betonkernen verstärkt sind). Zum akustischen Schutz gegen den Lärm der vielen Schnellzüge tragen die Sandsäcke bei.

Als Wigglesworth und Till damit anfingen, das Gebäude in eigener Bauherrschaft und zur eigenen Nutzung zu entwerfen, gingen sie vom Anblick ihres Esstisches aus. Architekturfans werden da vielleicht an die interaktive Installation „Indigestion“ denken, welche die New Yorker Architekten Diller & Scofidio 1997 publizierten und in der der Blick auf eine festlich gedeckte Tafel zum Minikrimi wird. Aber Wigglesworth und Till geht es nicht um das unheilschwangere Knistern des Film noir, sondern um lebensvolle Alltäglichkeit: Statt mit Designerbesteck und schön gefalteten Damastservietten rechnen sie mit beweglichen Häufchen aus liegen gelassenem Kleingeld, Schlüsseln und Postwurfsendungen neben Kaffeetassen, die halb leer auf Arbeitsunterlagen balancieren. Mit anderen Worten: Ihr Entwurf für das Straw House war in erster Linie ein Aktionsplan, der sich gegen alles richtete, was ihnen in der Gegenwartsarchitektur als gefrorene Verfeinerung oder verfestigte Ideologie erscheint.


Grüne Ideen

Mit Gusto unterläuft das ästhetische Programm herrschende Erwartungen jeder Art. Das beginnt bei den widerborstigen Kombinationen ökologisch korrekter Materialien mit industriellen Billigprodukten (zum Beispiel Stroh und gewellten Kunststoffplatten) und endet bei der Verbindung einer spannungsvoll geometrischen Formensprache - wie jener der aus Zedernholz und Glas komponierten Südwand des Wohntraktes - mit einer provozierend rauen Detailbehandlung vor allem in den Interieurs. Manche Besucher sehen dennoch Bezüge zur Moderne, insbesondere zu Le Corbusier: einmal in den Pilotis, die den Baukörper nach oben stemmen, dann im offenen Plan, der im Wohntrakt zur Anwendung gekommen ist, oder in den „Façades libres“ und schliesslich im Dachgarten. Doch dürfte sich der Meister mehr als wundern, wenn er vom beabsichtigten Verrotten der Sandsäcke an der Ostfassade wüsste (deren Inhalt, eine Mischung aus Sand und Zement, soll sich mit der Zeit durch die eindringende Feuchtigkeit verfestigen). Das Straw House ist - man kann und soll es nicht anders sagen - hybrid.

In die Ökobilanz eines Baus müssen verschiedenste Grössen eingehen: beispielsweise die für seine Herstellung und seinen Betrieb erforderliche Energiemenge, die Transportwege, die Lebensdauer der einzelnen Komponenten, deren Wiederverwendbarkeit oder auch der Beitrag, den ihr Einsatz zum Abbau der Müllberge leisten kann. Mit geradezu didaktischer Klarheit verdeutlichen Wigglesworth und Till all diese Aspekte durch ihren Bau - eine Tatsache, die sich ihrer Lehrtätigkeit an der Architekturfakultät der Universität Sheffield verdanken mag. Was die Temperaturregelung betrifft, so erfolgt diese mittels sowohl traditioneller als auch moderner Techniken. Während zum Beispiel Solarenergie das Warmwasser aufheizt, ist die vertikal belüftete Speisekammer als kühler Kegel aus geweissten Ziegeln konzipiert, der den Wohnsaal durchstösst und den halb offenen Küchenbereich abgrenzt. Dabei wurden die Architekten von einem mit nordafrikanischen Bauten vertrauten Maurer unterstützt.


Bücherturm und Holzofen

Der Turm - sein Treppenhaus beherbergt die Bibliothek - dient der Belüftung und Kühlung des Gebäudes. Warm gehalten wird dieses im Winter vor allem durch die Strohballen, die - eingefügt ins Holzfachwerk - die Wände der Schlafzimmer und die Nordwand des Wohntraktes bilden. In den USA hat man mit Stroh als Baumaterial schon Erfahrungen gesammelt, in einem feuchtmilden Klima wie dem englischen hingegen noch nicht. So wird das Straw House zum Forschungsobjekt, bei dem vom Energieverbrauch bis zur Haltbarkeit der Wände alles systematisch beobachtet werden soll. Und die Finanzen? Teuer waren Haus und Büro für ihre Grösse nicht: Die Baukosten betrugen rund 550 000 Pfund, was 1200 Pfund pro Quadratmeter entspricht. Das nötige Darlehen kam von einer Bausparkasse, die ausschliesslich ökologische Projekte finanziert. Auch die Planungsbehörde machte kaum Probleme; allein die Versicherung verlangt aus Furcht vor Feuer eine erhöhte Prämie. Vielleicht liegt das mit am Holzöfchen im Wohnzimmer. Verlässt man das Haus, denkt man dennoch: Wer wagt, gewinnt.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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