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Räume von atmosphärischer Dichte
Neue Zürcher Zeitung

Zum Werk von Barbara Holzer und Tristan Kobler

4. Februar 2005 - J. Christoph Bürkle
Architektur ist immer auch inszenierter Raum. Mehr als andere Schweizer Architekten haben sich Barbara Holzer und Tristan Kobler diese Maxime für ihre Arbeiten zu eigen gemacht. Das erstaunt nicht, denn beide haben sich intensiv mit der Gestaltung und Konzeption von Ausstellungen beschäftigt. Im Jahr 2004 legten sie ihre vormaligen Büros - d-case (Holzer) und Morphing Systems (Kobler) - zusammen und führen nun ein gemeinsames Unternehmen in Zürich. Doch schon früher realisierten sie Projekte zusammen: etwa für die Expo 02, an der sie für die architektonische Gesamtplanung der Arteplage in Yverdon, aber auch für die Ausstellungen «Biopolis» in Neuenburg, «sWish» in Biel und «Heimatfabrik» in Murten verantwortlich waren.

Erfahrung als Ausstellungsgestalter sammelte Tristan Kobler im Museum für Gestaltung in Zürich. Barbara Holzer hingegen ist seit zehn Jahren für Daniel Libeskind tätig. Zurzeit betreut sie dessen Freizeit- und Einkaufszentrum Westside in Bern. Das sind gute Voraussetzungen, um frischen Wind in die Schweizer Architekturszene zu bringen. Denn allzu lange schon orientieren sich die Jungen am Vorbild der orthogonalen Lochfassade. Holzer und Kobler versuchen stattdessen auf die veränderten Anforderungen, die heute an das Bauen gestellt werden, zu antworten. Dabei interessiert sie die Komplexität der sich rasant verändernden räumlichen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Verhältnisse, die nach neuen Orientierungen verlangt, ganz besonders. Obwohl beide an der ETH Zürich ausgebildet wurden, ist ihre Arbeitsweise weder funktionalistisch noch rein rational. Vielmehr geht es Holzer und Kobler um Atmosphären und Stimmungen, die durch Räume erzeugt werden können, und damit letztlich um die Wirkung der Architektur auf die Menschen.

Zurzeit planen Holzer und Kobler das Freizeit- und Erlebniscenter «EbiSquare» in Ebikon, das zwischen 2007 und 2010 gebaut werden soll. Im «EbiSquare» sollen Wirklichkeit und Virtualität zu einem suggestiven Ganzen vereint werden. Die grosse Halle konzipierten sie als mehrfach gewundenes, sich kreuzendes Möbiusband. In einem neuen Typus szenischer Architektur sollen hier nicht nur Landschaften der Schweiz dargestellt, sondern auch Ausstellungen, Freizeiteinrichtungen und Kaufhäuser zu einem zukunftsweisenden öffentlichen Raum verschmolzen werden. Aber auch mit alltäglicheren Aufgaben wie Umnutzungen oder Revitalisierungen befassen sie sich. So geht es beim Umbau einer ehemaligen Salamifabrik in Dietikon sowohl um die Erhaltung als auch um die Ergänzung des aus verschiedenen Epochen stammenden Baubestandes. Ein siebenstöckiger Hochbau und vier Wohnhäuser sollen einen städtischen Platz eingrenzen und eine Spange zwischen dem Industrieareal und dem Stadtzentrum bilden. Besonders die Wohnbauten dürften mit ihren ungewohnten Geometrien und ihrer zeichenhaften Formensprache den Ort atmosphärisch verändern.

Mit dem der Vollendung entgegengehenden Umbau von zwei Geschäftshäusern an der Eichstrasse im Zürcher Stadtteil Binz wollen Holzer und Kobler dem städtebaulichen Kontext neue Identitäten vermitteln. In dem ehemaligen Globus-Hauptsitz aus den fünfziger Jahren entstehen neben Büros auch 29 unkonventionelle Wohnungen, die man gut unter dem Zauberwort «Loft» vermarkten könnte. Schon die Fassaden weisen mit ihren grossen, dreiflügeligen französischen Fensterkästen auf die vormalige Gewerbenutzung hin. Asymmetrisch angeordnet, treten sie in einen Dialog mit den horizontalen Bandfenstern und konterkarieren so die Fünfziger-Jahre-Ästhetik.

Mit viel Geschick haben Holzer und Kobler die Zwei- bis Vierzimmerwohnungen in den alten Raster eingefügt, so dass sich diese mit unterschiedlichen Grundrissen um die beiden Innenhöfe gruppieren. Die Binnenstruktur führt zu vielfältigen räumlichen Kontakten zwischen den jeweils von zwei Seiten her belichteten Wohnungen. Mit den bald langgestreckten, bald kompakten, immer aber offenen Grundrissen entstehen städtisch anmutende, stimmungsvolle Lebensräume. Innovative Licht- und klare Farbinszenierungen ergänzen das Wohnkonzept und nehmen besonders in den Treppenhäusern den Dialog mit der alten Bausubstanz auf. Atmosphärische Lösungen für spezielle Orte zu realisieren, das ist Holzer und Kobler mit diesem Projekt eindrücklich gelungen.

Im Architekturforum Zürich stellen Holzer und Kobler ihre Arbeiten am Mittwoch, 16. Februar, um 18.30 Uhr vor.

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