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    Das Buch im Schilf
    Neue Zürcher Zeitung

    Die neue Universitätsbibliothek in Utrecht

    Der nach Plänen von Rem Koolhaas erweiterte Utrechter Universitätscampus «De Uithof» ist eines der spannendsten Architekturlaboratorien der Niederlande. Jüngst wurde dort die Bibliothek des Maastrichter Architekten Wiel Arets eröffnet.

    01. April 2005 - Robert Uhde

    Mehr als drei Jahrhunderte lang war die Universität Utrecht im Zentrum der Stadt angesiedelt. Erst gegen Ende der sechziger Jahre wurde der grösste Teil der Institute auf den rund fünf Kilometer entfernten neuen Campus «De Uithof» ausgelagert. Inzwischen ist das weitläufig angelegte Ensemble nach einem Masterplan von Rem Koolhaas sukzessive verdichtet und neu strukturiert worden. So hat es sich ganz allmählich in eine regelrechte «Stadt in der Stadt» verwandelt. Zu den interessantesten Bauten zählen die Fakultät für Wirtschaft und Management von Mecanoo (1995), das von Koolhaas als Mensa und Auditorium errichtete «Educatorium» und das «Minnaertgebouw» von Neutelings Riedijk (beide 1997). Dann folgten ein Laborgebäude von Ben van Berkel (2001) und die 2003 unter einem aufgeständerten Sportplatz eingerichtete «BasketBar» der Amsterdamer NL Architecten.

    Als Letztes wurde unlängst die nach Plänen von Wiel Arets realisierte Universitätsbibliothek eröffnet. Der direkt gegenüber einem 80 Meter hohen Veranstaltungsgebäude aus den siebziger Jahren errichtete und damit nach dem Masterplan von Koolhaas am Ort der grössten städtebaulichen Verdichtung placierte Neubau fügt die zuvor an verschiedenen Stellen über die gesamte Stadt verstreuten Institutsbibliotheken unter einem Dach zusammen und schafft so endlich einen zentralen Wissenstempel für sämtliche Studierenden der Stadt. Auf insgesamt neun Ebenen stellt die neue Bibliothek mehr als 100 Regalkilometer mit rund 4,2 Millionen Büchern zur Verfügung - den grössten Teil davon als Magazinbestand, der hier nicht, wie sonst üblich, unter die Erde verbannt wurde, sondern in unterschiedlich grossen, scheinbar frei im Raum schwebenden Boxen aufbewahrt wird. Als weitere Funktionen bietet der rund 45 Millionen Euro teure Neubau eine kleine Ladenzeile und ein Lesecafé mit Aussenterrasse im Erdgeschoss sowie eine östlich angrenzende fünfgeschossige Parkgarage.

    Wiel Arets zählt zu den international renommiertesten niederländischen Architekten. Zu seinen zentralen Themen gehört das raffiniert inszenierte Spiel von Transparenz und Opazität, von Zeigen und Verhüllen - zu sehen etwa bei der mit aufeinander gestapelten Glassteinen und Betonplatten gestalteten Akademie für Kunst und Architektur in Maastricht (1993) oder bei dem mit grünlichem Industrieglas eingehüllten, fast ätherisch scheinenden Hauptsitz des niederländischen Möbelherstellers Lensvelt in Breda (1999). Beim Bibliotheksneubau in Utrecht hat Arets sein an der klassischen niederländischen Moderne geschultes und durch die minimalistischen Skulpturen von Richard Serra, Donald Judd oder Sol LeWitt beeinflusstes Vokabular jetzt erstmals um einen deutlich ins Ornamentale reichenden, an Herzog & de Meuron erinnernden Akzent erweitert. Denn der langgestreckte, über eine Laufbrücke mit der gegenüberliegenden Hochhausscheibe verbundene Bau wird weitgehend durch eine partiell doppelte Glasmembran umhüllt, auf deren automatisch sich öffnender oder schliessender Aussenhaut sich die endlos wiederholten, als Sonnenschutz fungierenden Aufdrucke von Schilfhalmen zeigen. Das bildhafte Stück Natur schafft nicht nur einen intelligenten Bezug zu dem hinter dem Neubau sich anschliessenden Grüngürtel, sondern wirkt auch als poetisches Symbol für die stille Präsenz des Buches im Vergleich zum elektronischen Konkurrenten Internet. Das gleiche, vom Fotografen Kim Zwarts eingefangene Motiv findet sich als dreidimensionaler Negativabdruck in den in Beton ausgeführten Fassadenabschnitten sowie in den schwarzen Ortbetonflächen im Inneren des Gebäudes.

    Kaum weniger überraschend präsentiert sich das über eine zehn Meter breite Treppe erschlossene und in sämtlichen Details durch Arets selbst entwickelte Innere der Bibliothek, in welchem die Besucher eine labyrinthartig verschachtelte gebäudehohe Halle mit schwindelerregenden Treppen und Galerien, offenen Lesesälen sowie den scheinbar frei im Raum schwebenden Büchermagazinen erwartet. Unterstützt wird der imposante Eindruck durch den schon im Äusseren wirksamen, hier aber bis ins Dramatische gesteigerten Einsatz der Farben Schwarz, Grau und Weiss: Schwarz wählte der Architekt für die bedruckten Betonwände sowie für sämtliche Decken und für die Regale, Weiss findet sich vor allem im Schilfmotiv der grossen Fensterflächen. Erweitert wird der Kontrast durch die hellgrauen Böden, in deren hochglänzender Oberfläche sich die signalroten Theken für die Ausleihe als die einzigen bunten Akzente widerspiegeln. Eine perfekt inszenierte Kulisse als architektonische Hommage an das Buch.

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    Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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