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Lasset uns hoffen
Der Standard

Die Masse des in Österreich Gebauten ist als katastrophal zu bezeichnen. Kleinodien wie die „besten Häuser“ haben zwar Vorbildwirkung, doch der kräftigste Impuls in Richtung Qualität müsste von den Kommunen selbst ausgehen.

29. April 2005 - Ute Woltron
Österreichweit werden pro Jahr laut Statistik etwa 17.000 private Ein- und Zweifamilienhäuser fertig gestellt. Statistiken über deren architektonische Qualitäten fehlen.

Der eben verliehene Architekturpreis „Das beste Haus“, der die vorzüglichsten Einfamilienhäuser bundesweit auszeichnet, wird hier zwar keine flächendeckende Abhilfe schaffen, aber doch ein Schlaglicht auf die qualitativ bemerkenswerteren, also architektonisch engagierteren Privatdomizile werfen - was angesichts der sonstigen flächendeckenden Abscheulichkeiten in Sachen Privatwohn- und andere Häuser höchst begrüßenswert ist.

Lasset uns ehrlich sein: Zieht man von der Summe des Gebauten in Österreich die nicht oft und genug zu lobenden Leistungen der hier wacker für die Sache der Baukultur streitenden Planergilde ab, so blickt man auf ein außerordentlich weites, grässliches Meer letztlich unverantwortlich übler Häuser, deren Existenz durch nichts berechtigt ist.

Die Häuslbauer stellen zwar die in Summe wichtigste Bauherrenschaft der Nation, und die wenigsten von ihnen engagieren Architektinnen und Architekten - doch wer soll es ihnen verübeln, wenn die meisten Bürgermeister als höchste Bauinstanzen und Regionalkaiser ihrer Verantwortung Hohn spotten und in den von ihnen höchstselbst beauftragten und bewilligten Gemeindeaufgaben kulturelle Niederlagen am Fließband in Baumaterialien gießen?

Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel, doch von diesen ist hier ausnahmsweise eben nicht die Rede. Diesmal picken wir uns nicht die Rosinen aus dem Kuchen, sondern bemeckern die überwältigende, alles verkleisternde Masse des misslungenen Teiges.

Lasset uns also träumen: Jeder Bürgermeister, jede Bürgermeisterin wird - am besten gleich vom Nationalrat - zu einem zumindest einwöchigen Architekturgrundkurs verpflichtet und unternimmt - am besten noch vor Amtsantritt - eine Bildungsreise zu den besten und sinnvollsten Gemeinde-Häusern Österreichs. Denn, um nicht ungerecht zu sein, gelungene Beispiele für Rathäuser, Gemeindesäle, Volksschulen etc. finden sich allemal, doch eben noch nicht in befriedigender Dichte und Verbreitung.

Und weiter: Jede Genossenschaft wird gesetzlich dazu verpflichtet, für die im Rahmen von Förderungen errichteten Wohnhäuser zumindest ein kleines Gutachterverfahren abzuhalten. Zuwiderhandlung wird mit saftigen Strafen geahndet. Denn was sich auf diesem Sektor in ländlichen Regionen, also auf 98 Prozent des Bundesgebietes, abspielt, grenzt an menschenverachtende, um nicht zu sagen halbkriminell auftragsschachernde Machenschaften. Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen. Aber nur wenige.

Die Produkte, in denen schließlich Menschen wohnen und Kinder aufwachsen müssen, zum Beispiel solche, für die das Einfamilienhaus auf der Parzelle ein unfinanzierbarer Traum bleibt, zeichnen sich im Schnitt durch Hässlichkeit aus, gepaart mit stupiden Grundrissen und völliger Absenz jeglichen Anspruchs auf zeitgenössische Wohnkultur.

Wenn dann auch noch zumindest jeder Bezirk auf eine Art energischen, best ausgebildeten Gestaltungsbeirat zurückgreifen könnte, der sein Fachwissen in Sachen Baukultur, Nachhaltigkeit, Ökologie - und Ökonomie - im Dauereinsatz und mit dekretgestütztem Nachdruck zur Anwendung brächte: Österreich wäre binnen Kurzem das Schlaraffenland guter Architektur, ohne bedeutend mehr Geld dafür auszugeben - und an dieser Oase würden sich über kurz oder lang auch zehntausende Häuslbauer laben: Stichwort Vorbildwirkung. In anderen Ländern, siehe Finnland, funktioniert so etwas ja auch.

Damit befinden wir uns sogleich wieder bei den nunmehr von s Bausparkasse, dem Staatssekretariat für Kunst und Medien sowie dem Architekturzentrum Wien in Zusammenarbeit mit den regionalen Architekturinstitutionen ausgezeichneten Häusern, ihren Planern und Planerinnen und den Bauherren und Baudamen. Zu sehen sind die neun Projekte - jeweils eines aus jedem Bundesland - seit gestern im Architekturzentrum Wien. Sie haben alle Folgendes gemeinsam: Sie wurden von Fachleuten, also Architektinnen und Architekten, für private Bauherrschaften geplant und errichtet. Und nein, hier gibt es keine goldenen Armaturen und Carrara-Marmorverkleidete Garagen für das Viertauto, sondern gut in die jeweiligen Landschaften eingefügte, mit sinnvollen Grundrissen ausgestattete Häuser. Sehr individualistisch - aber das soll ja ein Schaden nicht sein. Die Architekten sind übrigens im Schnitt sehr jung, auch das ist begrüßenswert.

Franz Morak, der sich hier offensichtlich für Baukultur ins Zeug legt, meint: „Die Beteiligung des Bundes an diesem neu ins Leben gerufenen Architekturpreis der s Bausparkasse stellt eine wichtige Erweiterung des Förderspektrums im Bereich der Architektur dar. Gerade bei den Einfamilienhäusern war es bisher kaum möglich, nachhaltige Initiativen zu setzen. Dieser Preis soll dazu einen Impuls liefern und bei den Bauherren das Bewusstsein schaffen, dass ein Architektenteam das Bauen erleichtert, kostengünstiger macht und Qualität garantiert.“

Sehr gut - nachhaltige Initiativen, bundesweit: Na bitte, wenn wir da jetzt nicht ein paar zusätzliche Vorschläge gemacht haben? Lasset uns hoffen, lasset uns träumen, lasset uns viel, viel gute Architektur machen.

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