Diese Stadt sagte Nein zu 20.000 Quadratmetern Einkaufszentrum – und das war gut so
Österreichs größter Lebensmittelhändler wollte in Lienz ein Einkaufszentrum mit 20.000 Quadratmetern Verkaufsfläche errichten. Das Rathaus sagte nein. In einem 15 Jahre dauernden Prozess wurde eine Alternative entwickelt.
Aufmerksame Follower der Familie Putz glauben aus der Fernsehwerbung zu wissen, dass XXXLutz seine 50. Filiale nicht in der Wüste eröffnet hat, sondern in Lienz. Wobei der aufmerksame Zuseher am Ende des Spots erfährt, dass das neue Möbelhaus keineswegs direkt in der Bezirkshauptstadt steht, sondern im Nachbarort Nußdorf-Debant.
Der ist für Lienz das, was Vösendorf für Wien, Seiersberg für Graz, Pasching für Linz oder Eugendorf für Salzburg ist: jene Stadtumland-Gemeinde, die Abholmärkten, Auslieferungslagern und Verteilzentren bereitwillig auf der grünen Wiese Platz gibt – samt all den Straßen, Kreisverkehren und Parkplätzen, ohne jede Verantwortung für Ortsbild und Landschaft, Bodenverbrauch und Versiegelung, Verkehrsprobleme und Klimawandel. Somit steht der neue Lutz irgendwie doch in der Wüste, zumindest in nachhaltigkeitspolitischer und baukultureller Hinsicht.
Lebensqualität statt Parkplatzquantität
Im Unterschied zu vielen anderen Städten hat Lienz aber gar nicht erst versucht, das Großprojekt selbst an Land zu ziehen – weil es nicht zu seiner Entwicklungsstrategie passt. Seit rund 25 Jahren tut man hier das, wovon andernorts bestenfalls geredet wird: nämlich die Vitalität des Zentrums stärken, den kleinstrukturierten Handel mit seiner Vielfalt und Durchmischung fördern, Fußgängern und Radfahrern Vorrang gegenüber Autos einräumen – und damit auf Lebensqualität statt Parkplatzquantität achten. All dem stünde ein Drive-in-Möbelhaus mit einem Flächenbedarf von 10.000 Quadratmetern diametral entgegen.
Diese Haltung mussten schon andere Konzerne zur Kenntnis nehmen: Österreichs größter Lebensmitteleinzelhändler Spar wollte in Lienz ein Einkaufszentrum mit 20.000 Quadratmetern Verkaufsfläche errichten. Das Rathaus sagte nein, nicht zuletzt im Wissen um die Folgen für die bestehende Handelsstruktur. In einem 15-jährigen Prozess entwickelte die Stadt mit dem Investor stattdessen ein multifunktionales Quartier mit Wohnungen, Büros, einem bereits in Bau befindlichen Hotel – und einem Supermarkt mit rund 1000 Quadratmetern.
Bedürfnisse einer Stadt
Um solches politisch durchzustehen, braucht es Rückgrat, Engagement und Kenntnis der tatsächlichen Bedürfnisse einer urbanen Stadt. In Lienz stehen dafür die studierte Architektin Elisabeth Blanik, seit 2011 Bürgermeisterin, sowie der langjährige, jüngst pensionierte Leiter des Stadtmarketings, Oskar Januschke. Beide wissen, dass eine qualitätvolle Stadtentwicklung immer aufs Neue argumentiert, errungen und verteidigt werden muss – gegenüber tradierten Ängsten, kurzfristigen Begehrlichkeiten und oft unsachlicher Kritik von Unternehmer- oder auch Bürgerseite.
Anfang der 2000er-Jahre hatte die 12.000-Einwohner-Stadt genau dieselben Probleme wie viele andere auch: Die Straßen und Plätze gehörten den Autos, der Handel verließ das Zentrum, immer mehr Erdgeschoße standen leer – und bald auch ganze Häuser, was zu einer Verödung der Altstadt führte. 2002 setzten sich Politik und Verwaltung mit den Hauseigentümern sowie den Handels- und Gewerbetreibenden der Oberen Altstadt an einen Tisch und begannen in einem kooperativen Prozess mit der Analyse des Niedergangs, einer gemeinsamen Zielfindung sowie der Erarbeitung eines ganzen Maßnahmenbündels. 2004 startete die Aufwertung dieses Altstadtviertels: Die Hauseigentümer investierten in die Sanierung ihrer Gebäude, in die Neugestaltung von Fassaden und Auslagen, die Stadt sorgte für eine attraktive Straßen- und Platzgestaltung, neue Stadtmöblierung, Beleuchtung und Begrünung, und die Kaufleute schlossen sich für ein gemeinsames Marketing zusammen, wie es in jedem Einkaufszentrum gang und gäbe ist. Das Wichtigste aber war laut Bürgermeisterin Elisabeth Blanik, dass man die Autos aus dem öffentlichen Raum verdrängte.
Die Kundenfrequenz stieg
Nach nur vier Jahren gab es in der Oberen Altstadt keinen einzigen Leerstand mehr. Die Kundenfrequenz stieg um 61 Prozent, und der Umsatz um durchschnittlich acht Prozent. Die Investitionen führten zu einer merklichen Wertsteigerung der Liegenschaften – und selbst in die unscheinbarsten Lokale zogen anspruchsvolle Geschäfte. Kein Wunder, dass bald auch andere Stadtquartiere einen solchen Erneuerungsprozess starten wollten.
Heute finden sich in der neuen Lienzer Fußgängerzone neben vielen Familienbetrieben auch die Filialen jener Handelsketten, die man andernorts nur mehr auf der grünen Wiese sieht. Offenbar kann man selbst ohne einen einzigen Parkplatz vor der Tür Gewinne machen. Auch die Warenanlieferung klappt in den engen Gassen reibungslos – der Handel ist da durchaus flexibel. Einfacher und bequemer ist es natürlich am Stadtrand. Wenn die Politik ihn dort aber nicht haben will, kommt er problemlos auch im Zentrum zurecht. Ähnliches gilt für die Geschäftslokale: In den suburbanen Fachmarktzentren hat jede Kette ihre eigene, maßgeschneiderte Wellblechkiste, was in Summe ein Ensemble der Geschmacklosigkeit ergibt. In der Lienzer Altstadt dagegen passen sich dieselben Unternehmen den historischen Gebäuden an, und teilen sie sogar noch mit anderen Nutzern. Nicht selten findet man in Lienz Häuser mit einem Geschäft im Erdgeschoß, einer Zeitungsredaktion oder einer Arztpraxis im ersten Stock, darüber Büros und im Dachgeschoß Wohnungen. Je größer die Vielfalt auf engstem Raum, desto kürzer die Wege.
Kaum etwas läuft von selbst
Freilich, auch nach zwei Jahrzehnten erfolgreicher Stadtentwicklung läuft kaum etwas von selbst. So hatte sich Oskar Januschke vom Stadtmarketingleiter zum „Multifunktionär“ im Rathaus entwickelt, der sich über die Jahre so ziemlich aller Aspekte angenommen hat, die er für die Zukunft von Lienz als maßgeblich befand: Standort- und Regionalpolitik, Infrastruktur- und Verkehrspolitik, auch sanfter Tourismus und Digitalisierung. „Wenn eine Verwaltung nur das tut, was die Gemeindeordnung von ihr verlangt, dann verwaltet sie den Status quo. Das ist zu wenig, um eine Stadt am Leben zu halten. Wir müssen uns um ihre Zukunft kümmern, mit demselben Einsatz wie um das eigene Unternehmen oder die eigenen Kinder.“
Man kauft selbstverständlich in der Altstadt ein
Die Re-Urbanisierung des historischen Zentrums hat die Gewohnheiten vieler Bürger verändert – sei es ihr Verkehrsverhalten, sei es ihr Konsumverhalten. Man kauft selbstverständlich in der Altstadt ein, und fährt selbstverständlich mit dem Rad dorthin. In keiner anderen Stadt Österreichs sieht man so viele Fahrräder mit Einkaufskorb. Wobei viele ihr Rad schieben, denn man trifft hier ständig Bekannte, bleibt stehen, plaudert ein wenig – und ohne sich in einen der Schanigärten zu setzen und etwas zu trinken, geht so ein Einkauf selten zu Ende. Das alles belebt die Stadt und macht den früheren Verkehrsraum zum Aufenthalts- und Kommunikationsraum. Natürlich gibt es auch Rückschläge. Etwa beim Versuch, das geplante Paketzentrum der Post am Lienzer Bahnhof anzusiedeln, damit der wachsende Versandhandel künftig mehr über die Schiene läuft. Nach langem Hin und Her hatte sich die Post dann aber doch für die grüne Wiese entschieden, ohne Bahnanschluss. Wo? Na, in der Nachbargemeinde Nussdorf-Debant.