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Damit der Stiefel steht
Spectrum

Susanne Thomaneks „Airmici“ oder: Wie macht man eine gute Design-Idee auch wirtschaftlich flügge? Neues aus den heimischen „Creative Industries“.

2. Dezember 2005 - Judith Eiblmayr
Weihnachten naht, und die all jährlich gleiche Frage drängt sich auf: Was soll ich schenken? Die guten Vorsätze - entweder rechtzeitige Absprache („Heuer schenken wir uns nichts!“) oder Besorgung alles Nötigen bereits im Oktober - sind längst vergessen, und so bleibt nur die Flucht nach vorne, nämlich ein möglichst originelles Geschenk zu finden. Heutzutage wird man diesbezüglich gut bedient, gibt es doch abseits der Einkaufsstraßen die traditionellen Christkindlmärkte, wo man - nebst Punschtrinken - dem reinen Kitsch frönen kann, die alternativen Adventmärkte, wo man - nebst Punschtrinken - im Selbstgebastelten gustieren kann, aber auch jene Design-Weihnachtsmärkte, wo professionelle Kreativarbeiter ihre schicke Ware feilbieten und man sich gemeinsam „mit allen Interessierten auf die Weihnachtszeit einstimmen will“ - natürlich unter anderem auch in diesem Fall durch Punschtrinken.

Hier stehen die Chancen gut, dass man ein Objekt findet, das auch jenen gefällt, die im Prinzip schon alles haben; eine witzige Idee, gekonnt umgesetzt und durch eine selbstbewusste Preisgestaltung als wertig definiert, zeugt vom kreativen Potenzial der - übrigens vorwiegend weiblichen - Ich-AGs und deren Professionalität bei der Selbstvermarktung. Neben den bereits institutionalisierten Bazars schließen sich Designer und Designerinnen kurz und besetzen neue Orte, zum Beispiel leer stehende Geschäftslokale wie in der Gumpendorfer Straße 11, wo unter dem Namen „Vitamin Design“ ein Weihnachtsgeschäft für die Adventwochenenden implementiert wurde. Man kann nicht nur unter originellen Einzelstücken wählen aus den Sparten Textil, Schmuck, Keramik und anderen, sondern es wird zum Beispiel auch ein Produkt des klassischen Industrial Design angeboten, das sich in seiner Funktion nicht jedem Kunden unmittelbar erschließt. „Ist das eine Nackenstütze?“ fragt eine interessierte Kundin, und man muss zugeben, dass es das durchaus auch sein könnte.

„Airmici“ heißen die luftigen Freunde, sind aufblasbare Stiefelstrecker und das Endprodukt einer zielgerichteten Überlegung, wie man sie anderen Vertretern der „Creative Industries“ in Österreich nur wünschen kann. Die Architektin Susanne Thomanek begann sich nach langjähriger Tätigkeit für ein Architekturbüro, wo sie bei der Shop-Planung für eine österreichische Schuhhandelskette Routine erlangte, zunehmend für Schuhe per se zu interessieren. Sie hatte die zündende Idee, wie Stiefel intelligent „geschient“ werden könnten, damit diese beim Aufstellen im Geschäft oder beim Abstellen im Schuhschrank zu Hause nicht einknicken. Das aufblasbare „Schuhflügerl“ war schnell gezeichnet, wurde als Prototyp in Wien gebaut, in Pressbaum bedruckt, umgehend patentrechtlich geschützt und verlieh vor allem Thomaneks Berufswunsch als selbstständige Unternehmerin - sei es als Architektin oder als Designerin - Flügel. Nachdem ein führendes Unternehmen der österreichischen Schuhhandelsbranche als Kunde gewonnen war, begann sie, ihr Projekt ernsthaft zu verfolgen. Das strukturierte Denken des Architektenberufs war dabei natürlich sehr hilfreich und gewährleistete eine professionelle Projektplanung bei der Aufbauarbeit.

Der Finanzprofi Jürgen Schnabl wurde ins Team geholt, und weil man daran dachte, die Ware eventuell im Fernen Osten produzieren zu lassen, stieg der Asienexperte Wolfgang Reithofer ein, der Kenntnis der mitunter eigenen Gesetze des chinesischen Marktes einbringen konnte. Nachdem das Produkt bei der Präsentation auf der größten europäischen Fachmesse in Düsseldorf auch international auf reges Interesse gestoßen und die Entscheidung für eine Produktion in großer Stückzahl gefallen war, leistete Reithofer monatelang in China Aufbauarbeit, die, um erfolgreich sein zu können, ganz wesentlich von persönlichen Kontakten abhängig ist. Schließlich geht es nicht nur darum, einen Betrieb zu finden, der produzieren will und kann, sondern auch zu kontrollieren, ob alles so funktioniert wie geplant. Es ist natürlich ratsam, fehlerhafte Ware direkt in der Sprache und Tonart der Betreiber zu reklamieren und wieder „einstampfen“ zu lassen, bevor sie aus einem Container in Europa entladen wird. Eine entgrenzte Baustelle nennt Thomanek das Projekt, und da ist sozusagen eine örtliche Bauaufsicht absolut notwendig - gerade wenn der Ort in China liegt.

Nach einem Jahr, in dem ohne finanzielle Förderungen in Kreation und Produktion investiert wurde, folgt jetzt die Distribution, und auch diese ist wieder stark von persönlichem Einsatz geprägt: von Island, Skandinavien und Estland über Italien bis Zypern meldeten sich Interessenten und sollten womöglich von der Chefin selbst besucht werden um die Vorzüge des Produkts in überzeugender Weise vermitteln zu können.

Außerdem müssen halbjährliche Messeauftritte in Deutschland und Italien absolviert werden, um auf dem internationalen Schuhmarkt präsent zu bleiben. Denn solange Geschäfte nicht en gros abgeschlossen wurden, verdient man nichts - auch wenn die Idee noch so gut ist.

Das nächste unternehmerisch anzustrebende Ziel ist, möglichst viele große Schuherzeuger davon zu überzeugen, den Stiefeln im Karton individuell bedruckte „Airmici“ beizulegen - als „Marketingartikel mit Hirn“ und mit dem Mehrwert der intelligenten Kundenbindung.

Neben dem internationalen Umsatz mit der Massenware möchte Thomanek aber auch auf die Produktion von „limited editions“ setzen, um den speziellen Anforderungen von kleineren, exklusiven Schuhhandelsfirmen gerecht zu werden. Um schnell und flexibel auf Modetrends reagieren zu können, soll eine eigene „Airmici“-Produktionseinheit in Österreich installiert werden.

Bei der Designmesse „Blickfang“ im Wiener Museum für angewandte Kunst erhielten die „Airmici“ im vergangenen Oktober den „MAK Design Shop Award 2005“, eine Auszeichnung, die nicht nur das Objekt selbst, sondern eben das Konzept an sich, seinen Innovationsgehalt und die Marktchancen bewertet. Wenn die Designerin in Personalunion auch die Firmengründerin ist, haben die Creative Industries und das Industrial Design in höchst produktiver Weise zueinander gefunden. Jetzt bleibt nur zu wünschen, dass das Projekt auch wirtschaftlich abhebt, denn nur vom Detailverkauf auf dem Weihnachtsmarkt wird so ein Produkt nicht flügge werden.

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