Artikel

Vom Umgang mit Formen
Neue Zürcher Zeitung

Junge Schweizer Architekten

Zur Architektur von Sandra Giraudi und Felix Wettstein

6. September 2002 - J. Christoph Bürkle
Die in den siebziger Jahren „Tendenza“ genannte Tessiner Schule ist international bekannt. Längst sind deren Protagonisten - Mario Botta, Aurelio Galfetti, Luigi Snozzi und Livio Vacchini - anerkannte Meister, und jüngere Baukünstler wie Raffaele Cavadini, Michele Arnaboldi oder Roberto Briccola setzen die Tradition fort. „Eigentlich ist es hier für Nachwuchsarchitekten im Moment leichter als in der Deutschschweiz“, meint Felix Wettstein: „Hier sind die Leitfiguren bereits fünfzehn Jahre älter und wollen nicht mehr alles selbst bauen.“ Sandra Giraudi und Felix Wettstein haben 1995 ihr gemeinsames Büro in Lugano gegründet und mit dem Labor- und Informatikgebäude der Universität Lugano soeben ihr erstes grösseres Projekt fertiggestellt.


Ein Laborgebäude in Lugano

Der Campus der neuen Tessiner Universität wurde von Aurelio Galfetti städtebaulich geplant und von ihm sowie einigen jüngeren Tessiner Architekten - Michele Christen, Giraudi & Wettstein, Martini & Fioretti, Giorgio und Michele Tognola - mit einzelnen Gebäuden bestückt (NZZ 2."8."02). Um das Rückgrat des Geländes, ein zwischen 1905 und 1909 errichtetes ehemaliges Spital, gruppieren sich nach der ursprünglichen Idee von Peter Zumthor nicht einzelne Fakultätsgebäude, sondern Bauten für Bibliothek, Hörsäle und Labors sowie die Aula. Mit dem Laborgebäude konnten Giraudi & Wettstein den höchsten Bau des Campus errichten, einen sechsgeschossigen Quader.

Die Luganeser Architekten entwarfen das Gebäude in bester Schweizer Manier: klare Setzung, Eindeutigkeit in Raum und Struktur und wenige, gezielt verwendete Materialien. Konträr zum konventionellen Bürohaus, bei welchem Erschliessungen und Nebenräume im Gebäudekern liegen, befindet sich die Vertikalerschliessung an den Eckpunkten des Gebäudes, und die Wege zu den Arbeitsplätzen der Studenten liegen direkt an der gläsernen Fassade. Pro Geschoss gibt es so einen stützenfreien Raum mit Sichtbezug zur Campusanlage und zur Stadt. Die Arbeitskojen sind durch halbhohe Wände aus Birkenholz getrennt.

Es blieb die Frage des Sonnenschutzes, der die Transparenz nicht beeinträchtigen sollte. Das bei der durchgehenden Glashülle und dem südlichen Klima wichtige Thema haben Giraudi & Wettstein mit einem Clou gelöst, der Schule machen könnte. Um die Glashaut nicht ständig mit Storen zu verdecken, wie es sonst üblich ist, wurde eine Art Gardine montiert, die geschossweise dem Sonnenlauf folgt. An Regentagen bleibt sie an der Ausgangsposition im Norden stehen. Das klingt zwar einfach, der Lamellenvorhang bedurfte aber einer ausgeklügelten Konstruktion, die eigens entwickelt werden musste. Mit Sonnenenergie angetriebene Motoren ziehen den Vorhang auf Schienen. Um die Ecken muss er eine erweiterte Schlaufe fahren, was dem Gebäude die signifikanten „Ohren“ verleiht - ein Lehrstück in Sachen „form follows function“.

Dass die Architekten mit Formen umzugehen wissen, zeigte schon das erste Gebäude, die 1995 am Fusse der Denti della Vecchia errichtete Casa Di Paola. Die Blickachsen gaben den Ausschlag, die Wände zu spreizen, die Räume zu öffnen und vom orthogonalen Entwurfsschema abzuweichen. So entstanden differenzierte Raumbezüge und ein skulpturaler Baukörper, der zudem durch die glatten Wände und den rauen Beton im Inneren die Konvention des Alltäglichen in Frage stellt.


Gefaltete Dachlandschaft in Basel

Ob ihnen das auch bei ihrem bisher grössten Projekt gelingt, wird sich im Herbst 2003 zeigen: Dann wird die Passerelle beim Basler SBB-Bahnhof eingeweiht. Überraschend hatten Giraudi & Wettstein 1996 zusammen mit den spanischen Architekten Antonio Cruz und Antonio Ortiz den Wettbewerb für die neue Perronerschliessung gewonnen. Der Geniestreich liegt auch hier in der Verbindung der freien Form der Perrondächer mit grösstmöglicher Nutzung. Schliesslich handelt es sich in Basel um weit mehr als um eine Fussgängerbrücke; der neue Querriegel über den Geleisen dient nicht nur der Erschliessung der Perrons, er wird auch den jenseits der Gleisanlage gelegenen Stadtteil Gundeldingen besser ans Zentrum anbinden. Zudem wird die Passerelle mit ihren Läden und Dienstleistungsangeboten die alte, kleine und räumlich unbefriedigende Bahnhofhalle in ihrer Funktion ergänzen, ohne deren städtebauliche Situierung zu verändern. Der Bau stellt für Giraudi & Wettstein eine grosse Herausforderung dar, doch die Zusammenarbeit mit dem im Bahnhofsbau erfahrenen Büro Cruz & Ortiz ist sehr gut, wie Luganeser Architekten betonen.

Der Längsriegel besticht schon auf den ersten Blick durch die unregelmässig gefaltete Dachlandschaft, die zwar auf genauester Kenntnis der Perrondächer des SBB-Bahnhofs und des französischen Bahnhofs beruht, die aber zugleich eine freie und starke Form darstellt, die das Stadtbild künftig prägen wird. Das traditionelle Perrondach wird also uminterpretiert in eine räumlich differenzierte „Scheibe“, die zwei Bahnhofs- und Stadtteile verklammert. In der Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen Funktion und Form liegt ein wichtiges Moment des Schaffens von Giraudi & Wettstein. Bei ihnen scheinen räumliche und ästhetische Kriterien einen gleich hohen Stellenwert zu besitzen. Dies kündigt nach Jahren des Primats der Detaillösungen und der Fixierung auf das Material nicht nur für das Tessin eine ernst zu nehmende Tendenzwende an.

[ Giraudi & Wettstein stellen ihre Arbeiten am Mittwoch, 11."September, um 18.30 Uhr im Architekturforum Zürich vor. ]

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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