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Stalinistische Idealstadt als Kultort
Neue Zürcher Zeitung

Krakaus Arbeitervorort Nowa Huta hofft auf eine Renaissance

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im stalinistischen Polen neben dem alten Krakau ein gigantisches Hüttenkombinat mit dazugehöriger Arbeiterstadt errichtet: Nowa Huta. Auf das ungebremste Wachstum in der Zeit des Sozialismus folgte der industrielle und soziale Niedergang. Doch mittlerweile entwickelt sich Nowa Huta zu einem Kultort der Künstler.

17. Februar 2007 - Arnold Bartetzky
Vom Südrand des Zentralen Platzes, der einst Stalinplatz hiess und heute den Beinamen Ronald-Reagan-Platz trägt, schweift der Blick in die Ferne. Eine unberührte Wiesenlandschaft, unlängst zum Ökoreservat erklärt, fällt hier zu den Niederungen der Weichsel ab. Bei guter Sicht sind am Horizont sogar die Gipfel des Tatra-Gebirges zu erkennen. Nur die mächtigen Türme eines dem Fluss vorgelagerten Heizkraftwerks stören das Idyll. An keiner anderen Stelle im heute über 200 000 Einwohner zählenden Nowa Huta, das nach einer Phase postsozialistischen Siechtums allmählich zu neuem Leben erwacht, lässt sich so deutlich wie hier erahnen, dass die Arbeiterstadt vor den Toren Krakaus buchstäblich auf der grünen Wiese entstand. Bis vor einem guten halben Jahrhundert befanden sich auf ihrem immensen Territorium fast nur Weiden, Äcker und einige Dörfer mit hellblau geschlämmten Holzhäusern. Von der ländlichen Vergangenheit sind nur noch wenige Spuren übrig geblieben. Denn ab 1949 rückten auf Geheiss der polnischen Regierung Zigtausende von Bauarbeitern an, um binnen weniger Jahre ein gigantisches Eisenhüttenkombinat mit dazugehöriger Reissbrettstadt aus dem Boden zu stampfen. Was den Plänen im Wege stand, wurde unter den Augen der ohnmächtigen Bauern ohne Federlesens abgebrochen.

SOZIALISTISCHES PRESTIGEPROJEKT

Eine beharrlich tradierte Legende will, dass der Standortwahl für Nowa Huta (Neue Hütte) die Absicht der neuen kommunistischen Staatsmacht zugrunde lag, die stolze, konservative Bevölkerung der einstigen polnischen Hauptstadt Krakau, in der strikt antikommunistisch eingestellte intellektuelle Milieus den Ton angaben, zu demütigen und mit proletarischem Element zu durchmischen. Auf diese Weise, so heisst es, sollte in der Region der Widerstand gegen das Regime ausgehöhlt werden. Der Kunsthistoriker Maciej Miezian, Mitarbeiter am stadtgeschichtlichen Museum von Nowa Huta, hat für derlei Gründungsmythen nur ein müdes Lächeln übrig und verweist auf logistische und geopolitische Gründe für die Standortentscheidung. Der ursprüngliche Plan, die Hütte in Schlesien anzusiedeln, wurde wegen der Unsicherheit über den Verbleib der ehemaligen deutschen Ostgebiete bei Polen verworfen. Für den Ausweichstandort bei Krakau sprach nicht zuletzt die Existenz einer Bergbau- und Hüttenakademie in der Stadt, auf die bei der Rekrutierung des Fachpersonals zurückgegriffen werden konnte.

Warum aber wurde in der Not der Nachkriegsjahre die Errichtung eines riesigen Stahlkombinats in Polen überhaupt für so vordringlich gehalten? Weil Stalin es so befahl und dafür Geld gab. Laut einer historisch verbürgten Anekdote, nachzulesen in der englischen Ausgabe von Miezians heiter-beschwingtem Stadtführer «Kraków's Nowa Huta» (Krakau 2004), schaute der Diktator dem polnischen Staatspräsidenten Bierut bei dessen Besuch in Moskau tief in die Augen und fragte ihn, ob er denn die Bedeutung dieser Aufgabe für die Zukunft der Arbeiterklasse verstanden habe. «Nichts hat er verstanden», raunte Stalin seinem Geheimdienstchef Beria zu, nachdem der Vasall die Frage schüchtern mit Ja beantwortet hatte. Wer den Genossen Stalin nicht verstand, dessen war sich Bierut bewusst, hatte eine denkbar niedrige Lebenserwartung.

Also setzte der polnische Staatschef nach der Rückkehr schleunigst seinen Machtapparat in Gang, um das Grossprojekt im Rekordtempo zu realisieren. Bereits 1954 wurde in der Hütte der erste Hochofen in Betrieb genommen. Ebenso schnell wuchs die zunächst für 100 000 Einwohner angelegte Wohnstadt, die als selbständige Kommune gegründet, aber schon 1951 nach Krakau eingemeindet wurde. Der Mangel an modernem Arbeitsgerät wurde durch Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft kompensiert. So blühte auf Nowa Hutas Baustellen rasch der von der Staatspropaganda gesteuerte Kult der sozialistischen Arbeitshelden auf, die für die Übererfüllung der Normen ihre Gesundheit ruinierten.

Die frühesten Wohnsiedlungen lehnen sich noch mit ihren freistehenden, schmucklosen zwei- bis dreigeschossigen Häusern inmitten von Grünanlagen an die Gartenstadtkonzepte der Jahrhundertwende an. Bald aber machte sich in Nowa Huta die architekturpolitische Wende bemerkbar, die um 1950 mit dem verordneten Import der «Baukunst der nationalen Traditionen» aus der Sowjetunion einsetzte. «Paläste für die Werktätigen» lautete nun die glückverheissende Losung, die der sozialistische Realismus der funktionalistischen Nüchternheit der Moderne entgegensetzte. Im Zeichen des neuen Kurses steht vor allem die Bebauung des Zentralen Platzes und der im Geiste barocker Stadtbaukunst radial auf ihn zulaufenden Strassenzüge. Festungsartig umschliessen die prachtvollen Ensembles grosszügig durchgrünte Innenhöfe, die durch hohe Durchfahrten mit kassettierten Tonnengewölben erschlossen sind. Mit ihren Risaliten, Arkaden, Säulen und Balustraden knüpfen die Bauten vor allem an den universalen Formenschatz der Renaissance an. Zeitgleich entstanden die beiden an Schlösser erinnernden Verwaltungsgebäude des Kombinats.

Ein Grossteil der stalinistischen Projekte blieb indes unausgeführt. Denn schon um 1955 wurde von der Sowjetunion abermals ein radikaler Kurswechsel diktiert. «Besser, schneller, billiger» sollte das Bauen nun werden. In der Folgezeit schossen jene monotonen Plattenbausiedlungen in die Höhe, die heute den grössten Teil Nowa Hutas ausmachen. Das Aussenbild der Stadt wird aber nach wie vor von den repräsentativen Ensembles der frühen Jahre bestimmt. Bis vor kurzem als Erbe einer finsteren Zeit geschmäht, werden sie nun von Architekturhistorikern wiederentdeckt, mitunter zu Kultobjekten stilisiert. Auch im kollektiven Gedächtnis der älteren Bewohner spielt die Pionierzeit eine herausragende Rolle. Dies suggeriert jedenfalls die gegenwärtige Flut von historischen Fotobänden und Ausstellungen.

TYRANNISCH-FÜRSORGLICHER STAAT

Nein, nicht alles sei schlecht gewesen, versichern die meisten der Zeitzeugen erwartungsgemäss, wenn man sie nach ihren Erfahrungen in der Stalinzeit fragt. Zwar ist manch einer der einstigen Dorfbewohner bis heute fassungslos über die lächerliche Höhe der Entschädigungen für niedergerissene Häuser und beschlagnahmtes Land. Den Gegenwert von viereinhalb Kilo Zucker habe seine Familie für einen fruchtbaren Acker erhalten, berichtet etwa Eugeniusz Chmiel, der im Dorf Mogia wohnte. Einen Kulturschock versetzte der Dorfbevölkerung zudem der Zuzug entwurzelter Arbeitermassen, die grossteils aus den von der Sowjetunion annektierten polnischen Ostgebieten stammten. Diebstahl, Schlägereien und Prostitution hätten um sich gegriffen und zur Sittenverwilderung geführt. Gleichzeitig aber brachte der Bau von Kombinat und Stadt eine erhebliche Verbesserung der materiellen Verhältnisse und soziale Aufstiegschancen.

Der Staat kümmerte sich auch um Bildung und Freizeitgestaltung der Arbeiter. Theater- und Kinobauten mit säulengestützten Portiken wurden errichtet. Dagegen war der Bau von Kirchen in einer sozialistischen Idealstadt, die Nowa Huta werden sollte, nicht vorgesehen. Die Gläubigen fanden sich damit nicht ab. Nach langen, zum Teil blutigen Auseinandersetzungen ertrotzten sie 1967, vom damaligen Krakauer Erzbischof Karol Wojtya tatkräftig unterstützt, die Genehmigung zur Errichtung des ersten Gotteshauses. Ein Jahrzehnt dauerten die durch staatliche Obstruktion behinderten Arbeiten an dem architektonisch wie symbolisch bemerkenswerten Bau. Mittlerweile gibt es in Nowa Huta zehn Kirchen.

Während der Kirchenbau einen Aufschwung nahm, ging es mit dem Kombinat, dem Lebensnerv der Stadt, bergab. In den achtziger Jahren wurde es von jenen Streikwellen heimgesucht, die schliesslich zum Kollaps des Sozialismus in Polen führten. Danach folgte die Privatisierung der einstigen Lenin-Hütte. Im Zuge der Gesundschrumpfung wurde die Produktion zurückgefahren und rationalisiert. Arbeiteten in dem Kombinat 1977 fast 40 000 Beschäftigte, so sind es heute weniger als ein Viertel davon. Der Niedergang der früheren Dreckschleuder war für den Ökohaushalt und die Baudenkmäler Krakaus ein Segen, für Nowa Huta aber ein Desaster. Auf den Strassen rund um den Zentralen Platz dominieren heute ärmlich gekleidete Rentner und Grüppchen alkoholisierter Männer. Die schönen Kinos sind geschlossen oder zu schäbigen Billigmärkten umfunktioniert. Das Restaurant «Stylowa» an der Rosenallee, wo einst ein Hauch von grosser Welt wehte, verströmt den Plastic-Charme der späten Volksrepublik.

VORBOTEN EINER RENAISSANCE

Eine Stadt der Wendeverlierer also? Ganz im Gegenteil, meint Miezian, der Nowa Huta seiner altehrwürdigen Geburtsstadt Krakau vorzieht. Damit ist Miezian kein Einzelfall, sondern Exponent einer neuen Begeisterung für den urbanen Raum und das Soziotop von Nowa Huta, die vor allem die Krakauer Künstler- und Intellektuellenkreise erfasst. Darin ist nicht zuletzt eine Abwehrreaktion gegen die Selbstherrlichkeit Krakaus zu sehen, das die Proletarierstadt stets als schmuddeliges Stiefkind betrachtet hat. Derweil profitiert Nowa Huta unübersehbar von seinen neuen Sympathisanten: Künstler erwerben schicke Wohnungen in den stalinistischen Monumentalbauten, Kulturinitiativen schiessen wie Pilze aus dem Boden, ambitionierte Veranstaltungen ziehen ein überregionales Publikum an. Sogar das angesehene experimentelle Theater «ania» zog mittlerweile aus dem pittoresken Krakauer Stadtteil Kazimierz nach Nowa Huta. Gewiss, das sind nur zarte Pflänzchen. Aber sie sind Vorboten eines Strukturwandels, der der totgeglaubten Stadt in Zukunft eine Renaissance bescheren könnte.

[ Dr. Arnold Bartetzky ist Kunsthistoriker am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig. ]

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