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Von Typologien und Bildern
Neue Zürcher Zeitung

Bauten von HuggenBerger Architekten aus Zürich

2. März 2007 - J. Christoph Bürkle
Bekannt wurden HuggenBerger Architekten mit der Sanierung der Tramhaltestelle Paradeplatz in Zürich. Der Wettbewerb sollte zunächst eine Lösung für neue Tramwartehallen auf dem Bürkli-, dem Parade- und dem Bahnhofsplatz aufzeigen - ein Gesamtkonzept also, wie es Planer so gerne verwirklicht sehen. Als Einzige der Teilnehmer schlugen HuggenBerger vor, am Paradeplatz den 1928 von Stadtbaumeister Hermann Herter realisierten Bau nicht abzureissen, sondern zu sanieren. Die Stadt nahm die Idee auf, rückte von ihrem Abbruchvorhaben ab, und so entstanden unterschiedliche Lösungen auf den verschiedenen Plätzen.

Bauen im Kontext

Hinter dem Büronamen HuggenBerger Architekten stehen Adrian Berger, Lukas Huggenberger und Erika Fries, die seit dem Jahr 2000 ein eigenes Büro mit inzwischen zehn Mitarbeitern führen und mit konzeptuell durchdachten Projekten auf sich aufmerksam machen. Das Bauen im Kontext ist ihr vielleicht wichtigstes Anliegen, das sie immer wieder neu definieren und das nicht von einer übergeordneten Regelhaftigkeit determiniert wird. Das brachte ihnen bei der Tramwartehalle Kritik ein, weil sie den Altbau weiterbauten, gleichsam schärften und die historische «Modernität» in baulichen Bildern ergänzten. So sind die dynamischen Fensterrundungen im Geist der zwanziger Jahre weitergedacht. Die architektonischen Elemente bekamen ein präzis detailliertes, aber immer auf den Altbau bezogenes Eigenleben. Das Dogma, dass man einen Altbau nur klar erkennbar durch Anbauten ergänzen darf, lassen die Architekten, die alle erst Mitte dreissig sind, nicht gelten - auch wenn ihnen vorgeworfen wurde, «dass man nicht mehr weiss, was alt und was neu ist».

Das kann einem beim jüngsten Projekt von HuggenBerger, einem vielbeachteten Wohnhaus an der Zurlindenstrasse in Zürich, kaum passieren (NZZ 30. 9. 06). Aber auch hier haben die Architekten es verstanden, einen Altbau mit einem Neubau auf bemerkenswerte Weise ineinander zu verschleifen. Das Haus liegt nahe beim Idaplatz in einem Quartier, das von einer bürgerlichen Blockrandbebauung geprägt ist. Blöcke, die - typisch für Zürich - nicht geschlossen, sondern zumeist an einer Seite durchbrochen sind, um innen liegende Bauten zu erschliessen. Auf diese Weise ergeben sich Innenhöfe und Durchgänge, deren Typologie vom neuen Haus wie selbstverständlich aufgenommen wird. Das Kopfgebäude schliesst eine Baulücke an der Zurlindenstrasse und erzeugt mit starker formaler Geste eine das Quartier prägende Architektur. Das wird erreicht mit dynamischen Balkonschlitzen und einer gestaffelten Kubatur, die bildhaft an die Architektur der klassischen Moderne erinnern. Mit den versetzten Fenstern aber, mit deren breiten Laibungen und mit der eleganten Textur aus schwarz glasierten Keramikkacheln ist das Haus eindeutig in der Gegenwart verankert.

Auch wenn das Haus aus dem herkömmlichen Raster fällt, gliedert es sich in Grösse und Bauvolumen städtebaulich nahtlos ein. Mit ornamentalen Fenster- und Balkongeländern, der vertikalen Wandstruktur und der Gesamtvolumetrie wird der Bezug zur gründerzeitlichen Umgebung hergestellt, so dass eine subtile Zeitcollage den eigenwilligen Ausdruck des Hauses bestimmt. Von aussen nicht ablesbar ist die Verbindung zum hofseitig anschliessenden Gebäude: Die Wohnungen der unteren vier Geschosse ziehen sich durch beide Häuser. Ein solches Unterfangen kann mitunter zu fragwürdigen Resultaten führen. Doch bei diesem Stadthaus schafft die Verzahnung von Alt und Neu sinnvolle Lebensräume.

Kristalliner Kubus

Interessante Räume mit differenzierten Geometrien entwickeln HuggenBerger aus der jeweiligen von der Form oder dem Kontext bestimmten Situation. Gleichzeitig beschäftigen sich die Architekten (ähnlich wie andere Vertreter der jüngern Generation) mit fliessenden Räumen, nicht orthogonalen Zimmern und vielschichtigen Volumen - eine Entwicklung, in der man die vielbeschworene Abwendung von der Kiste erkennen kann. Dass das jedoch keineswegs willkürlich ist, zeigt das Schulhaus Mitte, welches sie 2005 in Uetikon am See realisierten. Hier setzten sie einen kristallinen Kubus ins Zentrum der bestehenden Schulanlage und gaben so dem Quartier eine sinnfällige Mitte. Die vorgehängten Fassadenelemente aus Zement und Marmor verleihen dem Schulhaus einen eleganten Charakter, der mit der nach aussen durch die grossen Fenster sichtbaren, gerasterten Tragstruktur der Decken fast schon das Bild eines Industriegebäudes vermittelt. Das Ganze erhält dann dank den ornamentalen Fenstergittern eine geradezu klassizistische Attitüde. Diesen unbeschwerten Umgang mit Bildern und Typologien beherrschen Lukas Huggenberger, Adrian Berger und Erika Fries souverän, was bei einem relativ jungen Team erstaunt. Es gelingt ihnen, bleibende Werte zu schaffen, die das derzeitige Architekturschaffen in der Schweiz nachhaltig beleben.

[ HuggenBerger Architekten stellen ihre Arbeiten am 14. März um 18.30 Uhr im Architekturforum Zürich am Neumarkt 15 vor. ]

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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