nextroom.at

Artikel

13. Februar 2009 Der Standard

Millionengrab Küniglberg

Das Feststellungsverfahren über den Denkmalschutz des ORF-Zentrums ist eingeleitet. Übersiedeln wird die Anstalt wohl dennoch. Ihr bleibt wenig anderes übrig.

Die in den vergangenen Jahren von unterschiedlicher Seite immer wieder gestreute Meldung, das ORF-Zentrum auf dem Wiener Küniglberg stehe bereits unter Denkmalschutz, war falsch. Wie der Standard berichtete, wird ein entsprechendes Feststellungsverfahren für die letztgültige Unterschutzstellung des Roland-Rainer-Baus eben eingeleitet - und damit gilt die Unterschutzstellung ab sofort.

Der entsprechende Bescheid wird demnächst an den Grundstücks- und Immobilienbesitzer ORF gehen. Die Dauer des Verfahrens ist nicht absehbar, es kann sich gegebenenfalls um Jahre handeln. Denn: Der ORF hat nun erstmals offiziell die Möglichkeit, im Zuge des Verfahrens seinerseits Gutachten über Bauzustand und Benutzbarkeit des morschen Gemäuers vorzulegen - und weder das eine noch das andere entspricht zeitgemäßen Standards.

Die Einleitung des Verfahrens, das von der MA 19 initiiert wurde, macht Sinn und erklärt sich laut Planungsstadtrat Rudolf Schicker auf Anfrage des Standard folgendermaßen: „Wir brauchen Rechtssicherheit darüber, welche Möglichkeiten der Veränderung auf diesem Areal überhaupt gegeben sind.“

Die mit einer Bruttogeschoßfläche von 150.000 Quadratmetern nachgerade gigantische Anlage ist größtenteils rund 40 Jahre alt und bautechnologisch mehr als überholt. Und: Sie entspricht auch in Architektur und innerer Gebäudelogistik in keiner Weise einem zeitgenössischen Medienunternehmen. Die Burg am Berg hat ihre Lebenszeit bei weitem überschritten, so avanciert ihre Architektur zur Zeit ihrer Entstehung auch gewesen sein mag.

Eine Generalsanierung des Gebäudes würde an die 80 Millionen Euro verschlingen - eine Summe, die vom ORF auf Anfrage weder dementiert noch bestätigt wurde, die sich aber nach gängigen Indizes leicht errechnen lässt. Die dem Standard vorliegenden Studien dokumentieren jedenfalls eine Mängelliste, die schier endlos ist.

Sie beginnt beim Tragwerk, das aktuellen Normen nicht entspricht, weil die Auflager der tragenden Struktur nach heutigen Kriterien viel zu kurz dimensioniert sind. Das setzt sich fort bei einer Betondeckung von gerade einem Zentimeter, was über die Jahre die Bewehrungseisen formschön rosten, den Beton abplatzen ließ.

Rost und abplatzender Beton

Dabei wurde noch nicht einmal eingerechnet, dass die der EU-Norm angepasste Erdbebennorm im Falle einer Generalsanierung zu berücksichtigen wäre. Der Bereich Küniglberg wurde von Zone 1 auf Zone 3 gewertet, nachzuweisen wären also zumindest dreifache Horizontallasten - ein konstruktives Ding der Unmöglichkeit, soll das Gebäude in seiner baulichen Charakteristik dem Denkmalschutz entsprechend erhalten bleiben.

Weiters im Argen liegen Haustechnik und Wärmedämmung, Brandschutz sowie Belastbarkeit der Decken; und dass die Gebäudehülle an mehreren Stellen immer wieder Lecks aufweist, sollte ebenfalls noch Erwähnung finden.

Das Gutachten eines Schweizer Unternehmens empfahl bereits vor einiger Zeit, die Nutzlast sicherheitshalber auf zwei Kilonewton (entspricht etwa 204 Kilogramm) pro Quadratmeter zu reduzieren, was laut ORF aufgrund der logischerweise im Gebäude befindlichen Maschinerien und technischen Infrastrukturen eher schwierig werden dürfte. O-Ton einer ORF-Führungskraft: „In längstens fünf Jahren erreichen die Schäden eine kritische Größe, dann müssen wir bis zu den Grundfesten absichern, um die Substanz zu erhalten. Die Angelegenheit wird zu einem Fass ohne Boden und steuert in ökonomische Dimensionen, die nicht finanzierbar sind.“

Aus diesem Grund ist der ORF längst auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück, auf das mithilfe einer Errichtungsgesellschaft ein maßgeschneidertes Haus hingestellt und vom ORF gemietet werden könnte. Dieses wäre mit 80.000 Quadratmetern de facto nur noch halb so groß wie die Burg und würde pro Jahr allein an Betriebskosten rund drei Millionen Euro sparen.

Kleine Berechnung: Bei einem günstigen Zinssatz von fünf Prozent, auf 25 Jahre gerechnet, ließe sich mit dieser Differenz bereits die Errichtung des halben Gebäudes finanzieren. Fazit: Wenn der ORF nach betriebswirtschaftlichen Kriterien agiert - oder vielmehr, wenn ihn Politik und Stiftungsräte agieren lassen - siedelt er besser heute als morgen in eine adäquate Neubehausung um.

Von den 14 derzeit beäugten Grundstücken ist nach wie vor jenes im Bereich Baumgasse, St. Marx, das am probatesten erscheinende, nicht zuletzt weil die Stadt Wien dort einen Mediencluster plant und den ORF an diesem Standort als Flaggschiff mehr als begrüßen würde. Finanzstadträtin Renate Brauner äußerte sich unlängst sehr entgegenkommend zu einer Neuansiedlung: „Wir würden das sehr gerne unterstützen.“

Auch Stadtchef Michael Häupl hält einen Umzug des ORF in das „Media Quarter“ für „vernünftig“, und Rudolf Schicker rundet die stadtpolitisch traute Einigkeit folgendermaßen ab: „Um eine rasche Lösung zu ermöglichen, würden wir, was Widmung und Baubewilligung anlangt, deutlich hilfreich sein.“

Was aber geschieht mit der Burg am Berg? Ein denkbares, aber unangenehmes Szenario: Der ORF siedelt aus, engagiert einen Wachdienst und überlässt das Haus ansonsten seinem Schicksal. Die Umwidmung in ein Pensionistenheim schließt Schicker aus: „Der Bedarf ist bis 2030 gedeckt.“ Er kann sich jedoch eine Nutzung als Bürobau oder als Hotel vorstellen, merkt aber vorsichtig an, dass die Angelegenheit jedenfalls „schwierig wird“.

Gewinn kann der ORF aus der Latifundie kaum schlagen: Ein Abriss der Anlage würde fast so viel kosten, wie das Grundstück wert ist. Nur wenn eine neue Flächenwidmung eine hohe Verdichtung zuließe, bliebe bei einer Veräußerung ein- geringer - Gewinn übrig.

17. Januar 2009 Der Standard

„Design für die reale Welt“

Endlich: Victor Papaneks revolutionäres, teils visionäres und in seinen Grundsätzen zeitloses Buch liegt in deutscher Übersetzung vor.

Vor knapp 40 Jahren wurden folgende Passagen von einem Mann zu Papier gebracht, der behauptete, es gäbe zwar Berufsgruppen, die mehr Schaden anrichteten als Designer - aber viele seien es nicht:

„Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass erwachsene Menschen sich hinsetzen und ernsthaft elektrische Haarbürsten, strassbesetzte Schuhlöffel und Nerzteppichböden für Badezimmer entwerfen, um dann komplizierte Strategien auszuarbeiten, wie man diese erzeugen und an Millionen Menschen verkaufen kann.“

Sehr viel scheint sich auf diesem Gebiet also innerhalb der vergangenen vier Jahrzehnte nicht geändert zu haben. Doch es geht noch weiter: „In einer Umwelt, die visuell, physisch und chemisch vermurkst ist, wäre es der größte Gefallen, den die Architekten, Industriedesigner, Planer usw. der Menschheit tun könnten, wenn sie einfach zu arbeiten aufhörten.“ Das Buch, dessen Vorwort diese erstaunlich angriffslustigen Passagen entnommen sind, erschien erstmals 1970 und gilt heute noch als eines der einflussreichsten Bücher, die je über Design geschrieben wurden. Über ein Planen, Bauen, Konstruieren, Designen wohlgemerkt, das stets den Menschen in seinem sozialen, ökonomischen und ökologischen Umfeld zum Mittelpunkt hat, ein Design, das nachgerade selbst aktiv Verantwortung für Mensch und Umwelt übernimmt, und zwar gleichrangig für Erste wie Dritte Welt.

In „Design for the Real World“ malte der Architekt und Designer Papanek in kräftigen Farben seine Vision vom vernünftigen Umgang mit Produkten und Bauten: „Design muss zum innovativen, kreativen und interdisziplinären Instrument werden, das den wahren Bedürfnissen der Menschen gerecht wird. Es muss sich mehr an der Forschung orientieren, und wir dürfen unseren Planeten nicht länger mit schlecht gestalteten Objekten und Bauten verschandeln.“ Und - derzeit aktueller denn je: „Wir haben gelernt, große Autos als Benzinfresser zu betrachten; auf ähnliche Weise gilt es nun, unsere Häuser als die Raumfresser zu sehen, die sie sind.“ (aus dem Vorwort zur Ausgabe 1984)

Eine deutsche Fassung dieses Opus, das mittlerweile mehrere Generationen von Architektur- und Designstudenten begleitet hat, hatte es zwar zu Beginn der 70er- Jahre gegeben, doch zum einen war die längst vergriffen, zum anderen war Papanek selbst mit der damaligen Übersetzung nie einverstanden gewesen.

Jetzt, zehn Jahre nach seinem Tod im Jänner 1999, liegt die von ihm noch teils akkordierte Neuübersetzung vor. Verantwortlich dafür sind Florian Pumhösl, Thomas Geisler, Martina Fineder und Gerald Bast, also eine hochkarätige Truppe der Universität für angewandte Kunst.

Man darf sich dafür bedanken - zumal dem Folianten nicht zuletzt „eine biografische Annäherung an eine unbekannte Kultfigur“ beigefügt ist, sowie eine angemessen kritische Auseinandersetzung mit Papanek und dessen Thesen.

Die Herausgeber überprüfen quasi den Zeitlosigkeitsgehalt der papanekschen Aussagen und kommen, wie Martina Fineder beispielsweise, zu dem Schluss: „Im Designbereich erfährt Design for the Real World, und somit Victor Papanek, ja fast automatisch seine Aktualisierung, weil die großen Problemgebiete, die er anspricht, heute präsenter sind denn je, vor allem medial.“

Angewandte-Rektor Gerald Bast sieht nicht zuletzt die Verantwortung all jener Ausbildungsstätten durch Papaneks Schrift angesprochen, die Architekten und Designer hervorbringen: „Er stellte sowohl als Lehrer als auch als Designer in bewundernswerter Konsequenz immer wieder die Kardinalfrage: Worin liegt der Beitrag des Designs und der DesignerInnen im Wettbewerb der Ideen für die Zukunft unserer Gesellschaft?“ Im vorliegenden Buch sind dafür eine Fülle von Beispielen angeführt.

Der berühmteste Entwurf Papaneks, gemeinsam mit einem Studenten entwickelt, ist sicherlich sein Radioempfänger für die Dritte Welt: Den konnte jeder, der wusste, wie es funktioniert, selbst aus einer mit Paraffin gefüllten Getränkedose, einer handgemachten Antenne, einem Nagel, einer Tunneldiode und einem „Ohrstöpsel“ zusammenbauen. Kostenpunkt 1966: Etwa neun Cent.

Da Papanek kein Schreiber, sondern ein Diktierer war, ist sein Ausdruck von brachialer Vitalität. Das Buch ist also kein diszipliniert-wissenschaftliches Werk, sondern die mit Energie und Überzeugung quasi hinausgesungene Botschaft: Lasst uns, verdammt nocheinmal, gründlich nachdenken, bevor wir Ressourcen verschwenden, bevor wir sündig teuren, gleichwohl schlecht funktionierenden angeberischen Schwachsinn produzieren, und denken wir, bitte, darüber nach, wie wir die Lebensumstände mehrerer Milliarden Menschen in den Drittweltländern durch Innovation, Design, Architektur schnell, preisgünstig, sinnvoll verbessern können.

Victor Papanek wurde 1923 in Wien geboren und emigrierte als 15-Jähriger mit seiner Mutter nach New York. Er studierte Kunst und Architektur an der Cooper Union, arbeitete ab den späten 40er-Jahren bei Frank Lloyd Wright in Taliesin, verlegte sich ab Mitte der 50er-Jahre auf „Engineering & Product Design“ am MIT. Er lehrte an Universitäten weltweit, wurde für seine angriffige Designkritik von der Industrial Designers Society of America erst ausgeschlossen, später zum „guiding light“ rehabilitiert. In Österreich hätte er immer gern gelehrt. Dazu ist es bedauerlicherweise nicht mehr gekommen.

[ Victor Papanek, „Design für die Reale Welt. Anleitungen für eine humane Ökologie und sozialen Wandel“, Reihe: Edition Angewandte, € 39,95/ 424 Seiten, Springer, Wien/New York, 2008. ]

10. Januar 2009 Der Standard

Die schönen Blumen der Macht

Die Debatte, ob Architekten für fragwürdige politische Systeme bauen dürfen, ist relativ jung - die Tatsache, dass sie es tun, so alt wie die Baugeschichte selbst.

In den vergangenen Monaten hat die Frage, was in dieser schönen Welt als gut und als böse zu betrachten sei, gezwungenermaßen allerlei Ernüchterung und Umdeutung erfahren, und wenn man jetzt im Nachhinein - oder besser, mittendrin - eines ganz genau weiß, dann wenig mehr, als dass alles noch viel komplizierter und über alle Grenzen hinweg miteinander verschlungener ist, als man je angenommen hätte. - Weil selbst im vermeintlich Guten unweigerlich viel Böses versteckt sein kann.

In einer Zeit, in der über Nacht gefeierte Helden der Ökonomie als fettgefressene Böcke geoutet werden, die sich selbst zum Gärtner gemacht und außerdem die Weiden nachhaltig versaut haben, in Zeiten also, in denen ein heilloses Geschrei um den Niedergang jeglicher Wertesysteme ertönt, welchselbige ganz offensichtlich grundlegend und beileibe nicht nur in pekuniärem Sinn wertberichtigt gehören, nimmt sich die Debatte um die Moral in der Architektur doch ein klein wenig fadenscheinig aus.

Die aufgeworfene Frage in den einschlägigen Feuilletons lautet derzeit jedenfalls: Dürfen „westliche“ Architekten für fragwürdige politische Systeme bauen, oder machen sie sich dadurch nicht untolerierbarer moralischer Vergehen schuldig? Der großformatige Stein des Anstoßes steht als Chinesisches Nationalstadion in Peking, trägt den Spitznamen „Vogelnest“ und ist das zweifelsohne interessanteste Gebäude, das im vergangenen Jahr fertiggestellt und der Welt medial zur Kenntnis gebracht wurde.

Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die Architekten dieser technischen Fingerübung, die vergangenen Sommer zur Ikone der Olympischen Spiele Pekings wurden, mussten sich in der Folge recht häufig den Vorwurf anhören, als Büttel eines ganz üblen diktatorischen Systems hergehalten zu haben.

Die Schweizer begegneten den Anwürfen in großer Gelassenheit mit dem Argument, dass eine Vermittlung zwischen den Kulturen erstens notwendig sei, zweitens nicht zuletzt über Architektur erfolgen könne, und dass drittens all diejenigen, die nunmehr die moralische Keule schwingen würden, durch reines Nichtstun auch nicht eben zur Verbesserung der Welt beitrügen.

Auch Kollege Rem Koolhaas aus Rotterdam steht schwer unter kollegialem Beschuss, seit er dem staatlichen chinesischen Fernsehen CCTV ein kolossales neues Headquarter verpasst, das übrigens ebenfalls in Peking entsteht.

Ob er nicht innere ethische Konflikte mit sich selbst auszutragen habe, wenn er einen Staatsfunk gebäudemäßig befördere, der Milliarden von Menschen durch manipulative Berichterstattung unterdrücke, wurde er wiederholt gefragt.

Seine Antwort war stets lapidar: Das chinesische Politsystem ändere sich derzeit so schnell, meinte der kühle Holländer, dass der Staatsfunk wahrscheinlich schon privatisiert und die Unterdrückung des Volkes bereits Vergangenheit sein werde, wenn das CCTV-Gebäude einmal vollendet sei.

Diese Koolhaas'sche Kalkulation dürfte sich allerdings nicht ausgehen, das konstruktiv gewagte und den Begriff „Hochhaus“ betont neu interpretierende Konstrukt soll heuer eröffnet werden. Es hat jetzt bereits gute Chancen, zum meistdebattierten Gebäude des Jahres 2009 zu werden.

Der Yen, der Euro und der Dollar, schrieb Koolhaas noch vor wenigen Jahren in seinem „Harvard Guide to Shopping“, seien die zeitgenössischen Regime, unter denen wir alle ohne Aufbegehren und Angst leben würden. Möglich, dass er sich mit den letzten Attributen ein wenig verschätzt hat, im Grunde aber hat er natürlich recht, wenn der Begriff des Regimes ein wenig weiter als nach überkommenen Definitionen gesteckt werden darf.

Und die Architekten? Die haben stets die schönsten und sichtbarsten Blumen der Macht hervorgebracht, und das über Jahrtausende hinweg. Es wurden Pyramiden gebaut und Paläste, Tempel und Kirchen, und ob die Bauherren Staats- oder Kirchenmänner waren, Bankdirektoren oder die Hochobersten multinationaler Luxuskonzerne, ist letztlich egal: Die Baumeister, zumindest die erfolgreichsten ihrer Zunft, zählten immer zu den Bütteln im Gefolge der Macht, was per se ja nicht zwingend unmoralisch sein muss, sondern in der Natur dieses mit Geld doch stets sehr eng verknüpften Geschäftes liegt.

Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Epochen lässt sich allerdings ausmachen. Die Baumeister selbst sind nunmehr aus der Anonymität herausgetreten und zu „Stararchitekten“ geworden - zu medial vielbespiegelten Ikonen und damit zu angreifbaren Größen aus Fleisch und Blut.

Und: Der globale Transfer von architektonischem Know-how hat sich gerade im vergangenen Jahrzehnt exorbitant beschleunigt und in zuvor architekturmäßig vom „Westen“ gerade einmal müde belächelte Weltgegenden verschoben.

Als im Jahr 1996 das höchste Gebäude auf dem Erdenrund plötzlich nicht mehr aus den USA herausragte, sondern mit Trara in Kuala Lumpur eröffnet wurde, hielt die Architekturwelt für eine Schrecksekunde inne und schaute betroffen über die Grenzen der Ersten in eine andere, unbekannte, gefährlich neue Welt: Eine nach arrogant westlicher Wahrnehmung quasi von Bloßfüßigen besiedelte Stadt hatte Chicago den Rang als führende Hochhausstadt abgelaufen, und es war klar, dass man auf eine neue Epoche zusteuerte.

Mit dem Bau der Petronas-Türme hatte der damalige Premierminister Malaysias, Mohammed Mahatir, treffsicher das angepeilte Ziel erreicht: Mit einem aufsehenerregenden Gebäude auf der internationalen Landkarte Revier zu markieren und als Machtgröße wahrgenommen zu werden.

Der Architekturzirkus hat die Konsequenzen gezogen und ist sofort nachgefolgt. Er tourt jetzt durch Asien, China, den Nahen Osten. Er wird sich weiterdrehen und Blüten treiben - wie gehabt.

Die Baumeister selbst sind aus der Anonymität herausgetreten und zu „Stararchitekten“ geworden - zu medialen Ikonen und damit zu angreifbaren Größen aus Fleisch und Blut.

13. Dezember 2008 Der Standard

Versteckerlspielen im Paragrafenwald

Wolf D. Prix würde im nächsten Leben lieber Rechtsanwalt für Planer werden als Architekt. Vorher muss allerdings die Europäische Zentralbank gestemmt werden

Vor drei Jahren gewann Coop Himmelb(l)au den Wettbewerb für ein neues Hochhaus der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt: Ein gigantisches Projekt, ein avancierter Entwurf - und nicht zuletzt ein Kristallisationspunkt für Neid und Häme unter den Kollegen, die dieses Ding allesamt sehr gern gebaut hätten.

Als vergangenen Sommer mit Züblin nur ein einziger Anbieter auf die Ausschreibung für Generalunternehmer ein Anbot legte und den zuvor von den Wiener Architekten mit rund 500 Millionen Euro kalkulierten Preis auf kolportierte 1,6 Milliarden pushte, raschelte es nur so im deutschen Blätterwald. Das Projekt sei zu kompliziert, hieß es, und - eine derartige Architektur, das habe man immer schon gewusst, könne eben nur um völlig abartige Summen errichtet werden.

Die Zentralbank legte eine Denkpause ein. Coop Himmelb(l)au blieben derweil cool. Denn, wie Wolf D. Prix sagt: „Wir konnten nachweisen und durch Marktrecherchen feststellen, dass unsere Kostenrechnung plus/minus dennoch richtig war.“ Die EZB beauftragte in der Folge die Wiener Architekten mit der Ausführungsplanung und mit einer neuerlichen Ausschreibung. Die wird im Laufe des kommenden Jahres allerdings nicht als Gesamtpaket für Generalunternehmer, sondern in Häppchen erfolgen, also auf die einzelnen „Gewerke“ verteilt. Nachvollziehbar und nachkalkulierbar.

Prix: „Ende 2009 wird es eine Entscheidung der Bank geben, wenn es uns gelingen wird, die Kosten zu halten - woran aber kein Zweifel besteht. Dann gäbe es Anfang 2010 den Baubeginn und die Fertigstellung 2013/14.“

Wie kann es allerdings in den Berechnungen der Bauindustrie zu einer derartigen Kostensteigerung kommen? Und warum bietet überhaupt nur ein einziges Unternehmen an? Prix verweigert aus gutem Grund bei laufenden Verhandlungen jegliche Aussagen über das spezielle EZB-Verfahren, außerdem seien die kolportierten 1,6 Milliarden sowieso falsch.

Doch generell lassen sich ein paar Faktoren heraussezieren, die derlei Preisexplosionen plausibel machen - und die vielleicht in Betracht gezogen werden sollten, bevor Kostensteigerungen immer und ausschließlich den Architekten in die Schuhe geschoben werden. Beispiele dafür gibt es genug. So wirft man etwa derzeit den gewöhnlich überaus korrekten und des Kalkulierens durchaus mächtigen Schweizern Herzog & de Meuron die Kostenexplosion ihrer Elbphilharmonie im Hamburger Hafenviertel vor.

Doch in Wirklichkeit ist das Spiel weitaus komplizierter als die simple Annahme, Architekten würden sich eben chronisch verrechnen. Dass es tatsächlich völlig untransparent abläuft, hat gleich mehrere Gründe: Nicht zuletzt liegt das an den verschlungenen Strukturen einer mächtigen, politisch normalerweise sehr gut abgefederten Bauindustrie.

Zur Erinnerung: Gerade die Bauwirtschaft ist diejenige, mit der Volkswirtschaften in Krisenzeiten bis zu einem gewissen Grad abgepuffert werden können. Außerdem befasst sie sich mit einer für Außenstehende so gut wie nicht nachvollziehbaren, nicht kontrollierbaren Materie.

Auf der anderen Seite sitzen Auftraggeber, die ab einer entsprechenden Größe selbstverständlich über mit allen Wassern gewaschene Rechtsabteilungen verfügen, deren Auftrag es ist, jedes auch nur erdenkliche Risiko zu minimieren, wenn nicht zu eliminieren. Jeder Anbieter, der diesen von den Paragrafenfuchsern geschnitzten ungeheuerlichen Vertragswerken entsprechend kalkuliert, lässt seinerseits erst einmal eine Heerschar der eigenen Juristen das Feld durchkämmen.

Schließlich und endlich sind alle Beteiligten - bis auf die Architekten natürlich - von derartigen Sicherheitswällen in Form von Auf- und Zuschlägen und unsichtbar hineingerechneten Sicherheitsspannen umgeben, dass die Kosten zu gewaltigen Gebirgen angewachsen sind. Generalunternehmer schlagen ihre Spannen auf die Subunternehmer, ein insgesamtes Spannen-Addieren findet statt, das eben in ordentlich Summen mündet.

Prix bestätigt das, und meint zudem: „Man kann die Preise selbstverständlich darüber hinaus noch mit allem Möglichen weiter erhöhen, zum Beispiel indem man unmöglich kurze Bauzeiten verlangt.“ Und: „Dazu kommt, dass in unserer Gesellschaft das I-win-Prinzip zum obersten Gebot geworden ist - sprich: Je toller man den anderen übers Ohr haut, desto größer ist das eigene Heldentum. Das Ausbalancieren von gemeinsamem Erfolg ist nicht mehr das Ziel - und bei solchen Großprojekten schon gar nicht.“

Doch gewinnen wollte doch immer schon jeder. Was hat sich also verändert im turbokapitalistischen System? Prix ist überzeugt: „Die frühere Handschlagqualität zwischen Architekt und Handwerker, die eine für beide gute Situation darstellte, weil beide etwas davon hatten, die hat sich aufgehört. Durch den Turbokapitalismus und die Ich-AGs ist das völlig verlorengegangen.“

Dazu kommt, dass die rechtliche Situation es oftmals verbietet, dass Architekten und Anbieter gemeinsam an der Lösung einer technischen Herausforderung arbeiten, bevor die Anbote gelegt werden. Auch das erhöht oftmals die Preise enorm. Wie man sich als Architekturbüro gegen all diese Tendenzen stellt und dennoch nicht verliert, liegt für Prix ebenfalls auf der Hand: „Ich denke, das Einzelkämpfertum, also der geniale Architekt, der ganz allein alles kann, das ist endgültig vorbei. Man muss lernen, die Aufgaben wie in einem guten Fußballteam zu verteilen. Als guter Architekt ist man dann halt der Zidane, der den tollen Querpass schlägt, der zum Ziel führt. Aber dass das einer allein schaffen kann - unmöglich!“

Die Verteidigung würden die Juristen stellen. Allein am EZB-Projekt arbeiten derzeit an die 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Prix: „Das sind nicht nur Architekten, sondern eine Vielzahl von Konsulenten, wie Bauphysiker, Haustechniker, die koordiniert, gemanagt werden müssen. Das ist eine hochkomplexe Aufgabe.“ Und die Juristen? - "Klar! Die arbeiten ordentlich mit."Auf die Frage, ob er selbst, so er noch einmal 18 wäre, wieder Architektur studieren würde, sagt er: „Nein. Ich würde Rechtsanwalt für Architekten werden. Weil die mehr verdienen.“

6. Dezember 2008 Der Standard

Jørn Utzon 1918-2008

Eine Huldigung des dänischen Architekten, der Australien mit einem grandiosen Gebäude ein architektonisches Gesicht gab - und der selbst an dieser Aufgabe ebenso grandios scheiterte.

Vergangene Woche starb Jørn Utzon. Er war 90 Jahre alt. Er starb in der Nacht auf Sonntag im Schlaf in seinem Haus auf Mallorca, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Mit einem einzigen Gebäude hat sich der Däne einen Platz im Olymp der Unsterblichen gesichert. Er selbst hat es gleichwohl nie betreten: das Sydney Opera House.

Die Geschichte dieses Gebäudes und die Lebensgeschichte des eigenwilligen Ausnahmearchitekten waren miteinander verflochten wie ein Zopf, den nur Schicksalsgöttinnen schlingen können. Denn das Haus machte den Dänen weltbekannt, doch seine unendlich mühsame Entstehungsgeschichte verfolgte ihn letztlich bis ans Ende seiner Tage.

1956 gewann der damals junge und unbekannte Architekt völlig überraschend den weltweit ausgerufenen Wettbewerb für ein neues Opernhaus in Sydney. Sein Entwurf war atemberaubend, die Jury, der unter anderem der Finne Eero Saarinen angehörte, war hingerissen. Wie ein elegantes Segelschiff mit einer Kaskade weißer, gewagt geblähter Segel hatte Utzon das Haus direkt an der Wasserkante des Hafens von Sydney vor Anker gehen lassen. Eine Architektur scheinbar außerhalb von Zeit und Raum.

Ganz Australien befand sich damals in einer Art Operntaumel, hatte das Land doch mit Joan Sutherland aus dem kulturellen Nichts eine weltberühmte Operndiva hervorgebracht. Während oben im Norden der städtische Erzrivale Melbourne gerade die Olympischen Spiele zelebrierte, fasste in New South Wales die gerade am Ruder befindliche Labor-Partei den Entschluss, der Weiße der kulturellen Landkarte mittels eines ordentlichen Opernhauses endgültig zu entfliehen.

Die Bauarbeiten begannen 1958. Mit dem dänischen Titan der Konstruktion, Ove Arup, holte man sich den Besten seiner Zunft mit an Bord. Denn Utzons Design reizte die Möglichkeiten des technisch Machbaren bis zum Letzten aus. In einer Zeit vor dem Computer als Hilfsmittel musste jedes Detail händisch gezeichnet, musste die komplizierte Tragstruktur des Gebäudes mühsam in unendlich vielen Schritten berechnet werden.

Konstruktive Probleme in Kombination mit einer ans Störrische grenzenden Kompromisslosigkeit Utzons prägten die erste Bauphase. Parallel dazu kam die Liberale Partei ans Ruder und damit Bob Askin, ein Mann, der laut Thomas Keneally, dem australischen Autor von Schindlers Liste, „eher an zeremoniellen Eröffnungen illegaler Kasinos in Sydney interessiert war als an den schönen Künsten.“

Hatte Utzon bis dahin die Bauherrschaft hinter sich gewusst, so schlug ihm nun heftiger Gegenwind ins Gesicht. Die Überschreitung der Baukosten und seine Unwilligkeit, Planungsänderungen vorzunehmen, weil er damit seinen Entwurf entwertet sah, führten zu einem Dauerkonflikt, den der Architekt 1966 wütend beendete, indem er ein Flugzeug bestieg und Australien verließ, um während seines gesamten Lebens nie wieder in das Land Down Under zurückzukehren.

Als die Oper in Sydney 1973 schließlich von der Queen höchstselbst eröffnet wurde, lud man den Architekten zur Eröffnungsgala ein. Er kam nicht. Als ihm das Royal Australian Institute of Architects im selben Jahr die Goldmedaille für Architektur umhängen wollte, akzeptierte er diese Auszeichnung zwar, doch bei der Zeremonie glänzte er durch Abwesenheit.

Zwischenzeitlich war das Opernhaus durch alle Gazetten und Medien dieser Welt gegangen, war als Wunder der Technik und der Architektur gepriesen worden, und zwischenzeitlich hatte man auch in Sydney erkannt, dass man hier einen Volltreffer gelandet hatte. Die Stadt, eigentlich ganz Australien hatte plötzlich ein Wahrzeichen bekommen, das in der Folge zu einer der bekanntesten und meistfotografierten Architekturikonen der Welt avancieren sollte. Die Offiziellen der Stadt suchten um Versöhnung an. Doch Jørn Utzon blieb, wo er war, nämlich fern.

Das Opernhaus wurde in seinem Inneren damals nicht getreu den Plänen des Dänen ausgeführt. Auch das wollte man in späteren Jahren wiedergutmachen. Utzon nahm den Auftrag zwar an, doch er selbst kam nicht, um die Baumaßnahmen vorzunehmen. Er schickte vielmehr seine Söhne, die ebenfalls als Architekten arbeiteten. Und als er 1998 zu seinem 80. Geburtstag die Ehrenbürgerschaft Sydneys verliehen bekam, musste sich der Bürgermeister persönlich mit dem Goldenen Stadtschlüssel auf die weite Reise von Australien nach Dänemark machen. Denn Jørn Utzon blieb wieder, wo er war.

Ob er sich mit seinem Stolz, mit seiner Kompromisslosigkeit eine große Architektenkarriere vertan hat - wer mag das sagen? Diejenigen, die ihn kannten, beschreiben ihn jedenfalls als Einzelgänger, als jemanden, dem die Form, das Projekt, die architektonische Aufgabe stets wichtiger waren, als das Geschäft.

Jørn Utzon hatte nie die Ambition, ein florierendes, mächtig Gewinn abwerfendes Architekturunternehmen zu führen. Und wenn er Auszeichnungen zugesprochen bekam, vergaß er nicht anzumerken, Architekten wären besser bedient mit Aufträgen als mit Goldplaketten. Fotos und Filmaufnahmen zeigen einen charismatischen Mann, der so, wie er aussah, genauso gut auf eine Kinoleinwand gepasst hätte.

Sydney blieb zwar ein Lebenstrauma, doch Utzon zeichnete später dennoch für ein paar weitere Gebäude verantwortlich, die seinen Ruf als Ausnahmetalent abseits aller gängiger Moden und Ismen festigten - zum Beispiel eine Kirche im dänischen Bagsvaerd (1976) und die National Assembly (1983) in Kuwait.

Jørn Utzon wurde 1918 in Kopenhagen geboren, er studierte ebendort an der Royal Academy of Fine Arts und arbeitete im Architekturbüro des Finnen Alvar Aalto, bevor er sich 1950 mit einem eigenen Architekturbüro in Kopenhagen selbstständig machte. 2003 bekam er für sein Lebenswerk mit dem Pritzker-Preis die renommierteste Auszeichnung verliehen, die es für Architekten gibt.

Das Opernhaus von Sydney blieb bis heute Ikone. Wer Bilder von Australien in seinem Gedächtnis abruft, sieht unweigerlich die strahlend weißen, geblähten Segel am blauen Meer unter blauem Himmel.

„In einem Hafen voller Schiffe liegt es als unser kultureller Schoner“, schrieb der australische Schriftsteller Thomas Keneally im vergangenen Jahr in einem Essay über das Opernhaus in Sydney: "Seine Fracht ist Ibsen, Strindberg, O'Neill, Mozart, Händel, Bach, the Wiggles und Captain Feathersword. Wenn Leute aus Sydney von ihrer Stadt erzählen, erwähnen sie stets „die Segel“ des Opernhauses. Das bedeutet, sie verstehen seine Botschaft. Sie befinden sich auf einer Reise, wie ihre Vorfahren. Sie schätzen den Ort dafür, dass er sie daran erinnert. Ich kann immer noch nicht wirklich fassen, dass dieses Opernhaus tatsächlich existiert."

29. November 2008 Der Standard

Der Maßstab

Architekturkritiker Friedrich Achleitner wird Ehrenmitglied der Wiener Secession

Lediglich sechs Ehrenmitglieder hat die KünstlerInnenvereinigung Wiener Secession im Laufe ihrer Geschichte in ihre Mitte gebeten, das siebente wird am Dienstag aufgenommen: Friedrich Achleitner - Architekt, Schriftsteller, Lehrer und Gründervater der österreichischen Architekturkritik.

Diese Ehrung wird jenem zuteil, der sich „außergewöhnliche Verdienste für die Kultur der Gegenwart“ erworben hat. Achleitner wurde - für die streitbaren Secessionsmitglieder ungewöhnlich - einstimmig auserkoren. Abseits aller Institutionen ist diese kompakte Persönlichkeit des heimischen Kunst- und Kulturbetriebs mit bewundernswerter Beharrlichkeit ihren Weg gegangen. Sehr oft ganz allein.

Doch was heißt hier Kulturbetrieb. Achleitner war nie nur ein Rädchen in einem bestimmten Getriebe. Er war sich selbst stets Maschine und Antrieb genug, um durch Widerstände durchzuackern, bis dato nichtgepflügte Felder urbar zu machen.

Ohne Friedrich Achleitner hätten viele wichtige öffentliche Debatten um Architektur und die dazugehörige Kultur in diesem Land nicht stattgefunden. Ohne ihn hätte die Wiener Gruppe in den 50erJahren eine bedeutende Dimension weniger gehabt. Ohne den Mann mit der Corbusierbrille gäbe es kein Archiv der österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts.

Kurzum: Achleitner hat im Laufe seines langen produktiven Lebens ein vielschichtiges Werk produziert, von der Literatur über die Lehre bis hin zu einem der wichtigsten Güter einer für Soziales sowie Kulturelles aufgeschlossenen Gesellschaft: verständlich zu machen, was ge- und belebte Architektur für die Menschen leisten kann.

1930 geboren, in Oberösterreich aufgewachsen, besuchte er die Hochbaugewerbeschule in Salzburg. Eigentlich wollte er Maler werden, hatte schon als Bub auf dem Fahrradpackelträger immer den Skizzenblock mit, weil er gerne Bauernhäuser skizzierte. Doch es hieß: „Werd Baumasta, kannst aa zeichnen!“

Gemeinsam mit den Schulkollegen Wilhelm Holzbauer, Hans Puchhammer, Friedrich Kurrent und Johann Gsteu haute er 1950 endlich nach Wien ab und studierte bei Clemens Holzmeister Architektur.

Schreiben wurde ihm schließlich wichtiger als Zeichnen. Gemeinsam mit H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener gründete er die Wiener Gruppe und mischte die miefige Wiener Szene der 50er Jahre auf.

Nebenbei begann er über Architektur zu schreiben. Erst unter Pseudonym in der Abendzeitung, bald schon in der Presse. Seine Kritiken und literarischen Abhandlungen über Architektur sind Legende. 1985 bekam er den Staatspreis für Kulturpublizistik. In seiner Rede sagte er, was heute noch gilt: „Architektur entstand überall dort, wo sich Einzelne gegen den Trott oder die Ignoranz ihrer Organisation durchsetzen konnten, meist in dem Bewusstsein oder der Gewissheit, damit ein persönliches Risiko einzugehen.“

Er selbst gilt dafür als eines der erfreulichsten Beispiele. Das klare Wasser, das er predigte, das hat er selbst immer getrunken.

29. November 2008 Der Standard

An ein paar Schräubchen drehen

Der Wiener Wohnbau ist gut, er soll aber noch besser werden. Ein Gespräch mit dem Wohnbaustadtrat und den beiden neuen Grundstücksbeiräten.

Seit 1989 gibt es in Wien einen Grundstücksbeirat, der die Aufgabe hat, Wohnbauprojekte, „für die Förderungsmittel beansprucht werden, einer Qualitätsprüfung zu unterziehen“. Ausgelotet werden planerische, ökonomische und ökologische Qualitäten.

Mit Dietmar Steiner (Architekturzentrum Wien) und der Architektin Bettina Götz hat dieses Schlüsselinstrument ab Beginn 2009 einen neuen Vorsitzenden und eine neue Stellvertreterin. Denn Wohnbaustadtrat Michael Ludwig peilt sowohl eine qualitative als auch eine quantitative Offensive in seinem Ressort an. Wie soll sich also der Wohnbau, die unbestritten wichtigste Bauaufgabe, in der Bundeshauptstadt künftig entwickeln?

Michael Ludwig: Wir müssen entsprechend den demografischen Veränderungen an ein paar Schräubchen drehen. Vor allem die soziale Dimension des Wohnbaus ist elementar. Wir haben künftig verstärkt die Frage zu beantworten, wie sich gesellschaftliche Veränderungen im sozialen Wohnbau umsetzen lassen.

Standard: Welche Veränderungen zeichnen sich ab?

Ludwig: Die Menschen werden erfreulicherweise älter, die Familienstrukturen und Arbeitsgewohnheiten ändern sich, der Bedarf nach flexiblem Wohnraum steigt. Wir sind angehalten, auf diese Entwicklungen verstärkt zu reagieren.

Stichwort Wirtschaftskrise: Wird der Wiener Wohnbau Teil eines Konjunkturpakets?

Ludwig: Wien arbeitet tatsächlich gerade an einer Investitionsoffensive. Der Wohnbau, sowohl Neubau als auch Sanierung, soll dabei eine große Rolle spielen. Zudem gehen wir davon aus, dass die Wiener Bevölkerung wachsen wird. Seit drei Jahren gibt es erstmals wieder Geburtenüberschüsse, es gibt nach wie vor Zuwanderung - verstärkt aus EU-Staaten -, und die Bevölkerung wird zunehmend älter.

Was bedeutet das ausgedrückt in Zahlen und Wohneinheiten?

Ludwig: Wir haben bisher rund 5000 Wohnungen pro Jahr errichtet, wir wollen diese Zahl auf 7000 steigern. Parallel zur Neubauoffensive wollen wir im Bereich der Sanierung Schwerpunkte setzen und in den nächsten Wochen eine Sanierungsverordnung verabschieden, um vor allem auch im privaten Bereich Anreize zu schaffen. Denn im geförderten Wohnbau wurden bis dato 70 Prozent aller Häuser thermisch saniert - im privaten Bereich sind es erst 15 Prozent.

Sowohl Bauen als auch Mieten kosten Geld. Wohnbau ist ein elementares Steuerinstrument für die soziale Durchmischung einer Stadt. Welche Pläne gibt es in dieser Hinsicht?

Bettina Götz: Österreich ist eines der wenigen Länder Europas, die das Instrument des sozialen Wohnbaus überhaupt kennen. Gerade Wien definiert sich städtebaulich über qualitativ hochwertigen Wohnbau. Doch unsere Wohnbauförderung funktioniert nur so lange gut, solange Baulücken in gewachsenen Strukturen gefüllt werden. Doch wenn es um Stadterweiterung geht, um größere flächendeckende Strukturen, dann stößt die Förderung rasch an ihre Grenzen.

Welche Probleme ergeben sich in gänzlich neu geplanten Stadtteilen?

Götz: Mit reiner Wohnraumförderung kann man keine funktionierende Stadt bauen. Nur mit neuen Inhalten und neuen Programmen und mit der Einbeziehung des öffentlichen Raumes entsteht benutzbare neue Architektur. Wir brauchen neue Inhalte und neue Programme.

Ludwig: Diese Fragen der Vernetzung wollen wir stärker aufbereiten, wir müssen mittelfristig über Ressorts hinausgehende Konzeptionen andenken. Das ist durchaus als Schwerpunkt gedacht.

Dietmar Steiner: Der Wiener Wohnbau hat unbestritten ein hohes, international herzeigbares Niveau. Im überwiegenden Teil der Welt hat Wohnbau mit Architektur absolut nichts mehr zu tun, da erfolgt reine Bedarfsdeckung. Die einzige Qualitätskontrolle ist eben die Wohnbauförderung, und die bietet die Chance der intensiven Zusammenarbeit mit der Wohnbauforschung und in der Folge des gezielten Einsatzes architektonischer Intelligenz.

Götz: Vieles lässt sich derzeit im modernen Wohnbau, wie ihn die Förderung erlaubt, aber nicht umsetzen, und genau daran müssen wir arbeiten. Wir haben das Problem, gerade in Stadterweiterungsgebieten nur sehr schwer andere Nutzungen unterzubringen. Wenn es im Erdgeschoßbereich nur mehr Mietergärten und Garageneinfahrten gibt, ist der Anschluss an den öffentlichen Raum auf ewig vertan.

Steiner: Umgekehrt kann man bemerken, dass es auch in innerstädtischen Lagen verstärkt verdichteten Flachbau geben sollte. Junge Familien wurden lang genug hinaus in den Speckgürtel der Stadt getrieben.

Architekten berichten stets von Auflagen und Normen und ungeheuerlichen ökonomischen Zwängen, die den geförderten Wohnbau für Planer so schwierig machten.

Steiner: In bestimmten Fragen, etwa was Lärmschutz und bautechnische Ausbildung von Details anlangt, haben wir die Grenze dessen, was wirklich notwendig ist, tatsächlich überschritten.

Götz: Die Schallschutzanforderungen an Innenhöfe sind beispielsweise dieselben wie auf der Straßenseite. Das ist unsinnig und teuer. Doch das gesamte System sollte neu durchdacht werden. Untersuchungen über Nutzbauten in Wien haben gezeigt, dass auf 40 Jahre gerechnet die Baukosten einen Anteil von gerade einmal 15 Prozent ausmachen. Der Rest setzt sich aus Erhaltungskosten und Betriebskosten zusammen. Das zeigt, wie unwesentlich die Errichtungskosten letztlich in der Gesamtbetrachtung von Gebäuden sind. Könnten die nur um ein paar Prozent erhöht werden, würde das einen enormen qualitativen Sprung bedeuten.

Ludwig: Exakt. Die Frage der Nachhaltigkeit von Wohnbauten in dieser Kostenrelation zu sehen ist enorm wichtig. Denn das Entscheidende ist: Was kostet ein Gebäude langfristig in der Erhaltung?

Was aber nicht heißen darf, dass ab sofort nur noch Wohnhäuser im Passivstandard gebaut werden.

Steiner: Wir wissen aus allen Untersuchungen, dass ein erheblicher Teil der Einsparung nur mit dem Engagement der Nutzer selbst realisierbar ist. Nicht alles, was technisch herstellbar ist, wird auch entsprechend genutzt.

Ludwig: Obwohl wir mittlerweile zehn große Passivhausprojekte fertiggestellt haben, bin ich dagegen, diesen Standard für alle Wohnhäuser verpflichtend zu machen. Das soll den Bewohnerinnen und Bewohnern überlassen bleiben, wofür sie sich entscheiden. Auch ist es durchaus möglich, mit Niedrigenergiestandards den klimaschutzrelevanten Kennziffern zu entsprechen. Man muss den Einsatz der Mittel in Relation setzen, das gilt für Neubau genau so wie für Sanierung.

Der geförderte Wohnbau ist nicht zuletzt ein wichtiges Instrument zur Steuerung der Sozialstruktur einer Stadt und ihrer Viertel. Wie wollen Sie in Zukunft Ghettoisierungen entgegenwirken, wie wir sie aus anderen europäischen Städten kennen?

Ludwig: Durch attraktive Angebote. Wir haben in Wien eine gute Mischung aus Subjekt- und Objektförderung. Wir müssen auch jenen, die es sich eigentlich nicht leisten können, attraktiven Wohnraum bieten können. Dabei ist es wichtig, dass Angebot und Nachfrage in einem guten Verhältnis stehen, und das muss zeitgerecht erfolgen. Es muss allen sozialen Gruppen möglich sein, im geförderten Wohnbau die entsprechende Wohnung zu finden, sodass man nicht schon allein anhand der Wohnadresse feststellen kann, welchen sozialen Hintergrund ein Mensch hat.

Steiner: Das ist allerdings ein politischer Prozess, der in Wien lange Tradition hat und bereits in den 20er-Jahren begonnen hat. Zum Beispiel mit der Adresse Karl-Marx-Hof im 19. Bezirk.

[ Der WienerWohnbaustadtrat Michael Ludwig peilt trotz „international
herzeigbaren Niveaus“ eine qualitative wie auch quantitative
Offensive seines Ressorts an.

Architektin Bettina Götz ist neue stellvertretende Vorsitzende des Wiener Grundstücksbeirat. Sie sieht auf den Wiener Wohnbau auch Herausforderungen zukommen.

Dietmar Steiner ist neuer Vorsitzender des Grundstücksbeirats. Er setzt auf „gezielten Einsatz von architektonischer Intelligenz“ - jetzt auch für den Wiener Wohnbau. ]

21. November 2008 Der Standard

Cineastische Gedankenräume

Heinz Emigholz' Film über Adolf Loos ist ein kontemplativer Spaziergang durch Architektur

„Die Architektur projiziert einen Raumentwurf in die dreidimensionale Welt“, sagt Heinz Emigholz, „Der Film nimmt diesen Raum und übersetzt ihn in zweidimensionale Bilder, die uns in der Zeit vorgeführt werden.“

So könne der Betrachter im Kino Neues erleben, und zwar „einen Gedankenraum, der uns über das Gebäude meditieren lässt“.

Tatsächlich ist Emigholz' Film über Adolf Loos eine dermaßen kontemplative, betont langsame Angelegenheit, dass man spätestens nach einer Viertelstunde in eine Art Trance der langsamen Bilder verfällt.

Gezeigt werden 27 noch existierende Gebäude des österreichischen Architekten (1870-1933) in peniblen, nur scheinbar fotogleichen Stills. Denn wer genau schaut, sieht Lampenschirme in feinem Lufthauch pendeln und Zweige hinter den Fenstern im Wind schwanken.

Auch Blätterrauschen und Vogelgezwitscher sind gelegentlich vernehmbar, denn die spezifischen Soundarchitekturen rund um und in den präsentierten Häusern wurden eingefangen und den Filmsequenzen hinterlegt.

Raffinierte Raumwelt

Loos Ornamental ist eine sicherlich eigenwillige Arbeit, die nicht ungeteilte Begeisterung hervorrufen dürfte. Doch der Film vermag es tatsächlich, seine Betrachter einzusaugen und in die raffinierte Formen-, Raum- und Materialwelt des Adolf Loos zu schleusen.

Die Häuser werden in logischer Konsequenz in der Chronologie ihrer Entstehung gezeigt. Zu sehen ist natürlich der heutige Zustand mit allen Wunden und aller Patina, die ihnen die Zeit verpasst hat.

Doch in der zwar entschleunigten, aber konzentrierten Masse an Interieuransichten beginnen auch Nicht-Loos-Kenner die Qualitäten dieser fantastischen Architektur zu spüren. Das mag in der Tat der „Gedankenraum“ sein, den Emigholz mit seinem Film entstehen lassen will.

Man schließt gewissermaßen Bekanntschaft mit den eleganten Holzmeublagen, die als ein- oder mitgebaute Elemente die Architektur stets mitbestimmen, mit Steinflächen, Maserungen, Spiegeln.

Der Weg durch das Werk von Adolf Loos beginnt im Café Museum, führt in Wohnhäuser und Villen und endet mit dem Grabmal des Architekten auf dem Wiener Zentralfriedhof. Von Heinz Emigholz stammen nicht nur Konzept und Regie, er ist auch für Kamera und Schnitt verantwortlich - und damit quasi dem Gesamtkunstwerk im Loos'schen Sinn verpflichtet. Hervorzuheben sei zu guter Letzt die offensichtlich präzise Recherche sowie die Beharrlichkeit, mit der der Deutsche in Gebäude vordrang, die der Öffentlichkeit gewöhnlich nicht zugänglich sind: ein Spaziergang durch Reales im Virtuellen.

31. Oktober 2008 Der Standard

Die Familie Laokoon und ihre Schlangen

Die diversen Würgegriffe, in der sich die Architektur zurzeit befindet, waren zwar nicht das Hauptthema des ersten World Architecture Festivals in Barcelona - aber das wichtigste. Ein Szenebericht.

Paul Finch ist ein Kämpfer. Der Herausgeber des traditionsreichen britischen Magazins Architectural Review kämpft für das Gute in der Architektur, und jetzt gerade schaut er aus, als ob er die Mutter aller Schlachten hinter sich hätte.

Oder vor sich - so genau weiß man das nicht. Das World Architecture Festival in Barcelonas Kongresszentrum hält in der Halbzeit. Finch hat dieses Get-together von knapp tausend Architekten aus aller Welt vergangene Woche quasi im Alleingang organisiert. Er hat einen bestechenden Cocktail aus Superstars und Developern, aus Architekturtheoretikern und Praktikern gemixt und mit einem Präsentationsstakkato der neuesten Architekturen aus aller Welt gewürzt. Er hat das Recht, jetzt rund um den Bart ein wenig zerzaust zu wirken.

722 Projekte aus 63 Ländern wurden eingesandt und ausgestellt, analysiert, in Kategorien gefasst, juriert. Die besten davon werden gerade von ihren Architektinnen und Architekten vor großem Publikum im Detail vorgestellt. Am Ende soll das World Building of the Year stehen.

Finch moderiert, der Saal ist proppenvoll, die Jury sitzt mit auf dem Podium und stellt Fragen. Oberster Scharfrichter ist der US-Grande Robert A. M. Stern. Er redet nicht viel, aber was er sagt, sitzt wie der Schnitt eines Skalpells. Jurykollege Charles Jencks (USA) hat dagegen den Mund dauernd offen, was dem restlichen Gremium, bestehend aus Cecil Balmond (Arup, London), Richard Burdett (London School of Economics) und Suha Ozkan (Türkei), Zeit gibt, um nachzudenken und die präziseren Fragen zu stellen.

Wer heute zwar anwesend ist, aber nicht dort oben, sondern im blaugetüpfelten Hemd und mit der frischen Aura einer eben geschälten Kastanie in der ersten Reihe sitzt, ist Norman Foster. Der darf nicht, wie geplant, mitjurieren, weil eines seiner Projekte in die Endrunde gekommen ist. Dafür nimmt er wohlgelaunt an den gewissermaßen nebenbei stattfindenden Diskussionsrunden des Festivals teil. Und so spannend die Präsentationen der Architekturprojekte auch sein mögen: Die Highlights des Kongresses sind genau diese Vorträge und Gespräche dazwischen, die sich irgendwann in stets engerem Kreis um eine Frage zu drehen beginnen: Welche Rolle spielen wir Architekten heute eigentlich? Und was tun wir, damit wir als eigenständige Branche weiterbestehen können?

Denn das Schlachtfeld der Architektur hat sich in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren dramatisch verändert. In der globalisierten Schlangengrube findet ein Ringen ohne Ende statt. Zwischen Auftraggeber einerseits und Architekt andererseits - den eigentlich wichtigsten Partnern in diesem Spiel - hat sich eine regelrechte Industrie aus Developern, Investoren, Fonds, diversen Public-Private-Partnerships und What-nots breitgemacht, die das Optimierungspotenzial von Projekten oftmals ausschließlich in Zahlen- und Kostenkolonnen und der gekonnten Reduktion derselben sieht. Sprich: Die Architekten sitzen derzeit ein wenig klamm wie die Kaninchen vor gleich mehreren Anakondas und überlegen, wie diesen Würgegriffen denn beizukommen sei.

„Exakt darum geht es hier“, sagt Paul Finch in einer seiner klitzekleinen wohlverdienten Pausen zum Standard: „Dieses Festival soll aufzeigen, dass die Architekten in diesem Spiel nicht Zuschauer, sondern aktive Mitspieler sind, und zwar als eine eigene, ernstzunehmende Branche.“ Und wer zwar das Übel wittert, wie seinerzeit der Trojaner Laokoon die Griechen im hölzernen Pferd, sich aber nur auf mahnende Worte beschränkt, anstatt in Windeseile die eigenen Kräfte zu stärken, der wird auf kurz oder lang erwürgt.

Gerade die Briten und die Amerikaner haben das längst erkannt. Die großen „Architekturfirmen“, wie sie dort heißen, holen sich die besten Finanzjongleure, Projektmanager, Juristen und Techniker aller Sparten ins eigene Team. Damit ein Gleichgewicht der Kräfte herrscht, und damit man auch als Architekt ungestraft das Maul aufreißen und mitreden darf, wenn die Anakondas den strengen Blick aufsetzen. Und - damit Architektur entsteht, die ihren Namen verdient und sich nicht auf das schlichte Übereinandertürmen von Beton und Glasflächen reduziert.

Denn wirklich gute Architektur hat immer irgendeinen weltverbesserischen Ansatz, daran mag rütteln wer mag. Ob sie besseren Lebens- und Arbeitsraum schafft oder ob sie die zwingenden energetischen Probleme unserer Zeit aufgreift - gute Architekten denken eben nicht nur in Zahlenkolonnen, sondern in Menschen und Benutzern, in Arbeitsprozessen und Stadtsystemen, in Umweltthemen und Zukunftsszenarien. Aber das kann, wenn man's richtig anstellt, gut kalkuliert und glaubhaft in die Sprache der Geldmenschen übersetzt, auch ein gutes Geschäft sein.

Es beginnt wieder eine Diskussion, und Charles Jencks bleibt seiner Rolle als Lästermaul treu. „Wenn sogar Architekturfirmen wie SOM, die 50 Jahre lang nichts als hermetische Boxen gemacht haben, plötzlich auf ökologische Nachhaltigkeit setzen, dann sollte uns das was sagen“, wirft er in die Runde. Kollege Suha Ozkan pflichtet ihm bei. Die globale Ikonografie der Architektur würde künftig sehr stark von diesem Thema geprägt sein, nicht zuletzt aus folgendem Grund: „Wir fürchten uns. Alle. Und wenn nicht für uns, so für unsere Kinder und Enkel.“

Doch dass die Architekten einerseits als Weltenzerstörer gehandelt werden, weil sie überall ihre hässlichen Klötze hinsetzen, und andererseits als Weltenretter auftreten sollen, die nun ruck, zuck das Heil in Form energieoptimierter Häuser bringen, mag in dieser Runde keiner angehen lassen. Denn gerade einmal drei bis fünf Prozent aller weltweit gebauten Häuser gehen auf das Konto von Architekten. „Warum“ poltert Jenks, „sollen die dann eigentlich immer für alles verantwortlich sein?“ „Genau“, wirft Norman Foster mit feinem Lächeln ein, „die Richtung muss die Politik angeben, erst dann können die Architekten folgen.“

Foster hat zu diesem Thema viel zu sagen, weil er ist gewissermaßen die Königskobra unter den Planern - eine extrem auratische und elegante noch dazu. Der 72-jährige zum Lord geadelte Arbeitersohn hat sie alle in der Tasche, Investoren genau so wie Politiker und Developer. Foster & Partners produzieren mit mehr als 900 Mitarbeitern erstens einen Honorarumsatz von 190 Millionen Dollar (2007), und zweitens liefert diese präzis getunte Maschinerie weltweit Qualität, die vom Allerfeinsten ist und immer wieder Standards setzt, auch in technologischer Hinsicht. „Doch bleiben wir besser realistisch“, meint der Brite: „Im Vergleich zu den anderen in diesem Gewerbe sind wir Architekten, auch wenn wir Büros mit an die 1000 Mitarbeitern haben, gerade einmal Peanuts.“

Stimmt, sagt Suha Ozkan - und deshalb solle man keineswegs auf die vielen hervorragenden, aber weniger bekannten Kollegen vergessen, die nicht auf der „Payroll der globalen Szene“ stünden und trotz allem vorzügliche Arbeit leisteten. Foster: „Zum Teufel, wir sind uns alle einig - was für eine langweilige Debatte!“

Doch für Abwechslung ist sogleich gesorgt, denn nun muss endlich das World Building of the Year aus den letzten Finalisten herausdestilliert werden. 17 Projekte sind übriggeblieben. Die Jury erstreckt sich über den gesamten letzten Tag. Am Abend gibt es eine große Show im Kongresssaal, mit Fanfaren und Trommelwirbel, mit Multimediascreens und Trophäenüberreichungen in den einzelnen Kategorien. Und den großen Preis bekommt aus diesem, im übrigen unglaublich männerlastigen Pulk das Projekt zweier Frauen: Die Luigi Bocconi Universität in Mailand - geplant, durchgeboxt, gebaut von den Grafton Architects aus Dublin. Die freuen sich, manch anderer, der sich bereits im Finale wähnte, knirscht mit den Zähnen.

Und dann beginnt, wie es sich gehört, ein ordentliches Fest, und alles strömt zu Sekt und Brötchen und Gesprächen. Paul Finch taucht in der Menge unter und ward nicht mehr gesehen. Er kann zufrieden sein, diese Schlacht hat er bravourös geschlagen. Nächstes Jahr soll die zweite Runde des World Architecture Festivals stattfinden. Viele Architekturstudenten waren hier, haben aufmerksam zugehört, haben von den Besten der Branche ein paar elementare Regeln des Spiels erklärt bekommen, in dem sie bald mitmischen wollen. Es gibt viele Ebenen, auf denen es sich lohnt, für gute Architektur zu kämpfen.

15. Oktober 2008 Der Standard

„Architektur muss wieder mehr Spaß machen“

Der japanische Architekt Toyo Ito bekommt in Wien den Friedrich-Kiesler-Preis - und hält einen Vortrag

Nach Frank O. Gehry, Cedric Price, Olafur Eliasson u. a. erhält heute Toyo Ito (67) den mit 55.000 Euro dotierten Friedrich-Kiesler-Preis für Architektur und Kunst von Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny überreicht.

Er habe sich, so der japanische Architekt zum Standard, bereits Ende der 1960er-Jahre mit Friedrich Kiesler auseinandergesetzt, dessen Arbeiten aber erst unlängst anlässlich der Preisverleihung wieder eingehender studiert: „In der Art, wie Kiesler mit Körper und Sinnen in seinen Räumen umgegangen ist, fühle ich mich seinem Denken durchaus sehr nahe.“

Toyo Ito zählt zu den bekanntesten Architekten Japans. Seine Gebäude zeichnen sich nicht nur durch die in diesem Land traditionell atemberaubend präzise Materialverarbeitung, sondern auch durch neue, überraschende Konstruktionen aus.

Die außergewöhnlichen Raumkonzeptionen, die sich daraus ergeben, zählen zum Feinsten und Avantgardistischsten, was die zeitgenössische Architektur zu bieten hat. Eines der raffiniertesten Beispiele ist Itos 1986 eröffnete Mediathek in Sendai, Japan: Ein vermeintlich einfacher Kubus wird von 13 Gitterröhren unterschiedlichen Durchmessers durchstoßen und getragen und gleichzeitig mit Licht und allen erforderlichen Installationen versorgt.

Die Mediathek setzt ein meisterliches Exempel dafür, dass Architektur über geeignete Räume neue Handlungs- und Kommunikationsformen ermöglicht, ja geradezu herausfordert. Und eben darum geht es dem Japaner: Architektur ist für ihn nichts weniger als die Übersetzung von kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen in das Medium des Bauens.

„Im übergeordneten Sinn“, so Ito, „ist die Architektur Teil der sozialen Ordnung, im besten Fall macht sie diese sichtbar.“

Außerdem glaube er, dass Architektur prinzipiell wieder mehr Spaß machen müsse: „Die Menschen suchen danach, speziell was öffentliche Gebäude anlangt.“ Gemeint sei damit allerdings nicht die weitverbreitete oberflächliche Spektakelarchitektur, sondern die tatsächliche räumliche Abbildung gesellschaftlicher Prozesse.

Ito: „Man muss als Architekt versuchen zu verstehen, was gerade passiert, dann noch einen Schritt weitergehen und auch in der Architektur eine neue Ordnung finden.“ Es reiche nicht, wenn Häuser lediglich interessant ausschauen.

Im Fall der Mediathek habe er persönlich den unbedingten Glauben an die Benutzer von Architektur zurückgewonnen, denn vom Eröffnungstag an sei das Gebäude angenommen worden.

Weitere bekannte Projekte des Japaners sind etwa das TOD's-Gebäude in Tokio, dessen Hülle an die Struktur dort heimischer Bäume erinnert. Internationalen Ruhm brachte ihm aber vor allem der 1986 eröffnete, temporär konzipierte Turm der Winde in Yokohama: ein gläserner Zylinder mit oszillierenden Lichtelementen, die auf Windstärke und -richtung reagierten, und der 1990 wieder abgerissen wurde.

Er fühle sich all dem, was die Natur biete, sehr nahe, und er wolle in seinen Arbeiten keineswegs zu expressiv sein, sagt der Architekt. „Wir können etwas gemeinsam erfahren, die Leute, die meine Architektur benutzen, und ich selbst.“

Toyo Ito wird heute um 19 Uhr im Audi Max der TU Wien einen Vortrag mit Titel Generative Order halten. In der Kiesler Stiftung ist bis 13. 2. die Ausstellung Fluid Space zu sehen. Der Kiesler-Preis wird seit 1998 biennal abwechselnd von Republik und Stadt Wien vergeben. Er wurde auf Wunsch von Kieslers Witwe Lillian 1997 etabliert.

3. Oktober 2008 Der Standard

Schnittiger Bolide aus Fels

Günther Domenigs Steinhaus in Steindorf am Ossiacher See wurde nach mehr als zwei Jahrzehnten tatsächlich fertiggestellt. Am kommenden Sonntag, zu Mittag, wird es mit einem großen Fest eröffnet.

Ob er auf das Fest kommen wird, steht noch nicht fest. Viele Leute werden da sein, viele Ansprachen und Huldigungen internationaler Architekturgrößen wird es geben, Live-Musik aus Kuba wird die Stimmung befördern. Doch Günther Domenig, 74 und einer der kantigsten Architekten Österreichs, hat sich in letzter Zeit eher rargemacht. Er hat mit heurigem Sommer sein Steinhaus fertiggebaut, sein Lebenswerk vollendet - und es ist, als ob er mit der Vollendung dieses Kraftakts all das, wofür er steht, jetzt freigibt an die Welt. Es ist wie ein Loslassen, ein Hinausschicken seiner selbst in die Weltenläufe.

Das anfangs heftig umstrittene, von Anrainern und Gemeindehäuptlingen so ungern gelittene Stück wilder freiheitsliebender Architektur, an dem der in Kärnten geborene Architekt seit den frühen 80er-Jahren für sich gearbeitet hat, wird nicht allein sein Haus sein. Der mit keinen gängigen Maßstäben der Architekturkritik auslotbare Bau wird öffentlich genutzt werden: Als Seminarstätte für internationale Architekturschulen, als exquisiter Tagungs- und Veranstaltungsort für Unternehmen, die das Denken ihrer Mitarbeiter in etwas andere Richtungen lenken wollen.

Dafür eignet sich das Gebäude bestens, in allen Ecken, Kanten, Kurven und Niveaus legt es bloß, dass alles ganz anders gedacht und gemacht werden kann, als der Mainstream vorgibt. Es hat in sich eine Art Raserei, die am besten live erlebt werden muss. Es wirkt wie eine spektakuläre Landschaft aus Fluchten, Schluchten, Felsen und Höhlen, gemacht aus Beton, Stahl und Glas. Nackt, ohne Farbe, ohne jedes Vertuschen. Räume und Geschoßebenen fließen ineinander, üben eine Sogwirkung auf die Betrachter aus, der sich keiner entziehen kann.

Schockierend radikal

Das Steinhaus ist wie ein Architektur gewordener Bolide, wie die in eine andere Dimension transformierte Geschwindigkeit und Bewegung. Man mag es expressionistisch nennen oder dekonstruktivistisch. Tatsächlich ist es „ein Spiegelbild von Domenig selbst“, wie es der kalifornische Architektur-Superstar Thom Mayne ausdrückt: „Indem es ihm gelingt, eine Brücke zwischen Poesie und räumlicher Erfahrung zu schlagen, verlässt Domenigs Architektur die nüchterne Sachlichkeit und lädt uns zum Träumen ein.“

„Die Menschen“, sagt Domeninig, „sind nicht viereckig. Sie denken und fühlen nicht viereckig. Sie bilden auch als Gesellschaft nicht Gruppen von Stapelware.“ Welcher Architekturschule er sich zugehörig fühle, fragte ihn der Standard einmal. Er antwortete: „Das ist mir im Prinzip wurscht. Ich habe mich nie besonders für Architekturgeschichte interessiert oder daraus Ansätze bezogen. Ich mache einfach meine Arbeit.“

Im Falle des Steinhauses machte er sie ohne die normenden Kräfte einer Bauherrschaft. Die Baustelle am Ossiacher See war stets Experimentierfeld und Labor für den charismatischen Mann. Als Architekt, so meint er, würde man für Klienten arbeiten, deren Wünschen und Bedenken man kritisch oder als Erfüllungsgehilfe begegnen könne: „Ein Künstler hingegen bestimmt die Dimension des Inhalts allein. Letzteres erlebe ich mit meinem Steinhaus.“

International bekannt wurde er Anfang der 70er-Jahre mit der für ihre Zeit schockierend radikalen Z-Filiale in der Wiener Favoritenstraße. Weitere Meilensteine sind das T-Mobile Haus an der Wiener Südosttangente, vor allem aber das großartige NS-Dokumentationszentrum in Nürnberg.

Domenig unterrichtete an der TU-Graz, machte Bühnenbilder und Skulpturen, blieb ein brachialer, sympathischer Einzelgänger.

[ Steinhaus-Eröffnungfest, Steindorf/Ossiacher See, Uferweg 31, 5. Oktober, 12.30 Uhr. ]

13. September 2008 Der Standard

Odyssee in den Weltenräumen

Die 11. Architekturbiennale in Venedig eröffnet dieses Wochenende: Sie führt perfekt vor Augen, wie diese vormals kompakte Disziplin auseinanderdriftet, um sich in unterschiedlichsten Galaxien neu zu manifestieren.

Einem wirklich guten Gebäude liegt vor allem eines zugrunde: ein klares, durchdachtes Konzept. Und wenn dieses gedankliche Konstrukt robust und in sich hundertprozentig schlüssig ist, kann nicht mehr viel schiefgehen.

Doch exakt diese gedankliche Entschlossenheit fehlt der Architektur zusehends. Zwischen bunten Renderings und künstlerischen Installationen, zwischen investitionsschweren Kommerzkatastrophen und Ökologiebemühungen wurde die Idee, was Architektur denn tatsächlich sei, ja welche Aufgabe sie zu erfüllen habe, oftmals zu schalem Nichts zerrieben. Wirklich gute Projekte blieben Ausnahme.

Die Architekturbiennale in Venedig führt diesen Prozess klar vor Augen. Nie zuvor war eine Schau zerrissener, waren die Unterschiede des jeweils Demonstrierten größer. Doch das ist gut so, jetzt lichtet sich das Chaos, der kathartische Moment der Klarheit dämmert herauf. „Out there. Architecture beyond buildings“ - unter diesem Motto rief Biennale-Chef Aaron Betsky in der von ihm selbst kuratierten Abteilung die architektonische Elefantenrunde zu Getröte auf. Frank Gehry, Zaha Hadid, Asymptote, Ben van Berkel und all die anderen Mitglieder der wohlbekannten Architektenfamilie dürfen sich selbst präsentieren und zeigen, was man bereits hundertfach von ihnen gesehen hat.

Coop Himmelb(l)au sind auch dabei. Ihre aus den 60er-Jahren ins Heute katapultierte Feedback-Installation verstärkt den Herzschlag der Besucher zu einer Art akustischem Kammerflimmern, was seinen Reiz hat und bei den Besuchern noch am besten ankommt. Ganz neu ist es nicht.

Spannende Länderpavillons

Betskys Promi-Parcours bleibt eine autistisch-arrogante Machtdemonstration der Arrivierten, denen der Rest der Menschheit herzlich wurst scheint. Und wenn Greg Lynn Plastikspielzeug vermeintlich im Dienste des Recyclings zu unmöglichen Möbelkonstruktionen morpht, dann wendet sich der Gast mit Grausen anderem zu.

Wie die Länderpavillons mit dem Thema umgehen, ist großteils erfreulich. Eine schallende Ohrfeige verpassen etwa die Russen dem Architekturzirkus, der gerade ihr Land zu verwüsten droht: Sie stilisieren ihren Pavillon zu einem Schachspiel der Architektur hoch. Auf den roten Feldern die russischen Architekten, auf den weißen die ausländischen Stars, die Terrain erobern wollen. Als Schiedsrichter fungieren die Developer und Investoren. Eine lebensnahe Schlacht, die durch wunderbare Land-Art-Projekte von Nikolaj Polissky im Untergeschoß poetisch-zynisch abgefedert wird.

In den Pavillons zeigt sich, dass klare, durchdachte Konzepte, so unterschiedlich sie sein mögen, der Weg zum Ziel der Erkenntnis sind. Meisterlich die Japaner: Ein weiß ausgepinselter, zart mit Bleistift behandelter Innen-, feine Glaspavillons im Außenraum, Pflanzengerank dazwischen veranschaulichen subtil, wie Architektur, Topografie, Natur als Einheit betrachtet werden können.

Die Mexikaner thematisieren eindringlich anhand von Interviews mit illegalen Siedlern sowie Planern, wie Menschen in diesem Land um Wohnraum ringen, und wie die sinnvolle Unterstützung durch Architektur/Infrastruktur funktionieren kann.

Sie liefern ein Beispiel für eine gelungene, weil knappe multimediale Installation, während andernorts sinnlose Farbspektakel und Soundgetöse die Betrachter nur verwirren. An Klarheit ebenfalls kaum überbietbar sind die Chinesen: Sie schicken die Besucher durch eine Abfolge großformatiger Fotografien, die kommentarlos die Wachablöse zwischen alter chinesischer Architektur und neuen Großprojekten zeigen.

Auch die Dänen verzetteln sich nicht lang mit hirnerweichenden Intellektualitäten, sondern werfen die Frage auf, wie es denn mit dieser irre gewordenen Welt in Sachen Ökologie und Klima weitergehen soll. Welchen Beitrag können Architekten und Städtebauer dazu leisten? Schließlich wird Kopenhagen im kommenden Jahr die UN-Klimakonferenz beherbergen. Der Österreich-Beitrag, kuratiert von Bettina Götz, zeichnet sich durch eine gelungene räumliche Interpretation des schwierig zu bespielenden Pavillons aus. Gezeigt werden Arbeiten von Josef Lackner, von Pauhof - jeweils besonders konzeptorientierte scharfe Denker - sowie eine Reihe von Interviews mit Architektinnen und Architekten zum Thema Wohnbau.

Klare Konzepte

Letzterer wird Anfang Oktober anhand eines international besetzten Symposiums im Pavillon breiter debattiert, denn dieser Erneuerungsprozess soll nicht in Venedig formschön enden, sondern sich zuhause konkret fortsetzen.

Fazit: Diese Biennale zeigt auf, dass die Architektur längst nicht mehr als die eine, kompakte Disziplin funktioniert, sondern gewaltig diversifizieren muss, will sie künftig weder als Appendix des Kunstbetriebs noch als Spielball finanzkräftiger Investoren ihr Auslangen finden.

Mit Optimismus kann man eine Professionalisierung in verschiedene Richtungen orten, sie bleiben aber Teil des architektonischen Universums. Die elementare Aufgabe ist der Städtebau und die Suche nach großen, funktionierenden Konzepten. Klare Themen bearbeiten, sich nicht in Formalismen verlieren, das Leben der Menschen verbessern: Es geht wieder aufwärts mit der Architektur.

21. Juni 2008 Der Standard

Landmark per Diktat?

Fußgehersteg erregt Gemüter

Eine Calatrava-Direktvergabe wäre rechtlich fragwürdig

Kommenden Mittwoch soll der Wiener Gemeinderat darüber entscheiden, ob der spanische Architekt Santiago Calatrava mit einem Fußgängersteg am Wienerberg direkt und ohne vorgeschaltetes Wettbewerbsverfahren beauftragt werden kann.

Die Idee, die Brücke als „Kunstwerk“ zu titulieren und damit das Bundesvergabegesetz zu umschippern, stammt vom Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker.

Der lernte den Spanier im vergangenen Jahr in New York kennen und ließ damals bereits über die Rathauskorrespondenz verkünden, er hoffe, Calatrava „schon demnächst“ für ein Wiener Projekt gewinnen zu können.

Doch die Idee der Direktbeauftragung stößt nicht nur bei Architekten und Ingenieuren auf Unverständnis.

In einer dem Standard schriftlich vorliegenden Rechtsansicht von Petra Rindler von der Wiener Anwaltskanzlei Pflaum Karlberger Wiener Opetnik, heißt es: „Es geht der Stadt Wien bei diesem Bauwerk selbstverständlich vorrangig um einen allen Regeln der Technik sowie den baurechtlichen Bestimmungen entsprechenden Brückenbau und nicht um ein Kunstwerk, das vielleicht zufällig auch begeh- und befahrbar ist.“

Brücke ist kein Kunstwerk

Zur selben Ansicht gelangte vergangenen Herbst bereits ein spanisches Gericht im Falle einer Calatrava-Brücke in Bilbao.

Rindler ist in die Vergabematerie derzeit gut eingearbeitet, sie hatte auch jene Architekten vertreten, die erst vor kurzem über das Bundesvergabeamt das ÖBB-Hauptbahnhof-Verfahren aushebelten.

Sie bezieht sich in ihrer Rechtsansicht auf ein von Anwalt Walter Schwarz im Auftrag der Stadt Wien erstelltes Rechtsgutachten, das dem Standard ebenfalls vorliegt und einen Planungsauftrag an Calatrava „für gut argumentierbar“ befindet.

Schließlich, so Schwarz, sei die Situation „mit anderen Vergaben im künstlerischen Bereich durchaus vergleichbar“: Operndirektor Ioan Holender wolle immerhin auch Nina Stemme als Brünhilde, und Ex-Nationalratspräsident Andreas Khol dürfe sich ein von Josef Kern gestaltetes Porträt für das Parlament wünschen.

Gefahr eines Präzedenzfalls

Fazit: „Da sich die Beweggründe der Stadt Wien qualitativ nicht von denen des Herrn Holender oder des Herrn Khol unterscheiden“, müsse eine Direktvergabe möglich sein.

Die Grüne Gemeinderätin Sabine Gretner ortet in Schickers Wünschen eher einen „Mitterand-Effekt“ und sieht eine „klare Umgehung der Vergabegesetze“ sowie „die Gefahr eines Präzedenzfalls, der weiteren Vergaben dieser Art Tür und Tor“ öffne: „Die Idee der Direktvergabe reiht sich nahtlos in die Vergabepannen Wiens, wie Bahnhofcity und Prater.“

Andreas Gobiet, Präsident der Kammer der Architekten- und Ingenieurkonsulenten Wien, Niederösterreich, Burgenland, pocht ebenfalls auf einen Wettbewerb.

Es gehe immerhin um eine „optimale Lösung für die Stadtbewohner und nicht um prominente Architektennamen“. Und: „Ein Politiker kann nicht einfach hergehen und diktieren, er mache ein Projekt halt so, wie er glaube, immerhin wird mit Steuergeldern agiert.“

Rindler kommt in ihrer Rechtsschrift ebenfalls zur Ansicht, vergaberechtlich habe die Funktionalität und die Nutzung eines Bauwerks - in diesem Fall einer Brücke - samt Einhaltung der Bauordnung rechtlichen Vorrang, „und nicht, ob die darüber hinaus vielleicht auch ein Kunstwerk ist.“

Vera Layr aus Schickers Büro zum Standard: „Wir möchten in Wien ein Landmark von Calatrava haben, das ist der Wunsch der Stadt. Wir stehen dazu, und da fährt die Eisenbahn drüber.“

7. Juni 2008 Der Standard

Willkommen in Arkadien

Die Stadt ist der Raum zwischen Häusern und Mauern - aber wem gehört der? Denen, die ihn erobern.

Der amerikanische Architekt und Künstler Vito Acconci lieferte von all den unzähligen Definitionen, was denn nun der „öffentliche Raum“ sei, eine der treffendsten, wenngleich auch pessimistischsten. Was man in Städten als öffentlichen Raum bezeichne, meinte er, sei von den Behörden geplant: „Was gebaut wurde, ist eine Produktion: ein Spektakel, das das Unternehmen oder den Staat verherrlicht - beziehungsweise beide gleichzeitig. Der Raum ist also nur an die Bevölkerung verliehen, nur geborgt - an Menschen, die als eine organisierte Gesellschaft, als Angehörige des Staates und als potenzielle Konsumenten angesehen werden.“

Tatsächlich - der öffentliche Raum ist, nach „westlicher“ Sichtweise, die große Spielwiese politischer und wirtschaftlicher Kräfte, ein langsam rollendes überdimensionales Billboard, an dem sich die jeweiligen Machtverhältnisse nur allzu genau ablesen lassen: Unternehmensarchitekturen auf entgegenkommend gewidmeten Bauparzellen hier, grelle Markenlogos da, Shoppingmalls dort, Geschäftsarkaden und Überdachungen auf vom Kommerz eroberten Freiflächen, auf denen früher, vor Urzeiten sozusagen, vielleicht einmal die Kinder dem Fetzenlaberl nachgesprintet sind. Dieser Raum zwischen den Häusern wird besetzt, erobert, definiert, und es hängt von der Potenz und der Weitsicht der jeweiligen Stadtplanung ab, wer dieses Match gewinnt - oder ob es im Idealfall ex aequo für Wirtschaft und Bevölkerung ausgeht.

Denn „borgen“ sollte sich Letztere gar nichts müssen - der öffentliche Raum sind wir alle, nicht die von Acconci ins Spiel gebrachte „Behörde“. Woran es in überregulierten Stadtgebilden mangelt, ist höchstens die Erkenntnis dessen.

Zweites Heim

Ein paar Beispiele: Als die spanische Franco-Diktatur im Jahr 1975 endete, war die Rückeroberung des öffentlichen Raumes für die Bevölkerung eine der ersten Maßnahmen, die landauf, landab ganz bewusst gesetzt wurden - von Großstädten ebenso wie von kleinen Gemeinden.

Beth Gali, Architektin in Barcelona, meint dazu: „Man wollte damals den Bürgerinnen und Bürgern zuallererst das zurückgeben, was ihnen lange genommen worden war: Öffentlichkeit. Die offenen Räume der Stadt sollten als eine Art zweites Heim begriffen werden, als Wohnzimmer für alle.“

Die spanischen Freiraum- und Landschaftsplaner, die derzeit wohl besten international, hatten sowohl genug Zeit als auch genug öffentliche Mittel, um dieses anspruchsvolle Feld der Architektur zu einer außergewöhnlichen Kultur zu entwickeln. Und die funktioniert vorzüglich: Kaum ein Platz, ein Freiraum, der nicht rund um die Uhr aktiv belebt ist. Mitten in Barcelona stehen Parcours für Skater zur Verfügung, die Stadtmöblierung ist von feinstem Design, allerorten kann man sich auf Bänken und anderen sinnig gestalteten Sitzgelegenheiten niederlassen, den Freiraum benutzen und genießen, ohne sofort einen Spritzer oder einen Kaffee konsumieren zu müssen.

Wie es ausschaut, wenn nicht die Öffentlichkeit, sondern einzelne Unternehmerinteressen im Vordergrund stehen, lässt sich - ein anderes Extrembeispiel - an Mumbais „Slum“ Dharavi derzeit trefflich ablesen: Was hundert Jahre lang sumpfiges Niemandsland war, wurde von der zuziehenden ländlichen Bevölkerung zu einem regelrechten Stadtteil aufgebaut. Das Land war öffentlich, es musste nicht „erobert“ werden, da die längste Zeit kein anderer daran auch nur das geringste Interesse hatte.

Doch Mumbai wächst, die Immobilienpreise klettern, der Lebensraum von an die 400.000 Menschen wurde unlängst international von einer willfährigen Stadtregierung an die Bestbieter verschachert. Dieser von der Öffentlichkeit mühsam eroberte Raum wird bald von Cricketstadien und Bürotürmen zubetoniert sein, von Shoppingoasen und Lifestylerestaurants. Die Einwohner Dharavis werden abgesiedelt, sprich vertrieben.

Ganz anders agierten die sozialistischen Häuptlinge der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, allen voran Bürgermeister Enrique Peñalosa. Um den wilden Zuzug der Landbevölkerung städtebaulich in den Griff zu bekommen, zogen sie durch jene Areale der voraussichtlichen Besiedelung vorsorglich breite Fahrradwege. Damit strukturierten sie nicht nur die künftige Stadt mit ringförmig angeordneten unbebauten Zonen, sondern schufen auch Freiflächen für die Leute einerseits, für Infrastrukturmaßnahmen andererseits.

Ähnliche Projekte, die die kreativen Kräfte der Zivilbevölkerung aktiv als Motor nutzen, gibt es beispielsweise auch in Mexiko-Stadt.

Der südamerikanische Kollege Gilberto Kassab wiederum hatte als Bürgermeister von São Paulo vor zwei Jahren die, wie er meinte, „optische Verschmutzung“ der brasilianischen Megacity durch Reklametafeln und Leuchtanzeigen dermaßen satt, dass er von 2007 an ein Werbeverbot verhängte. Das sei „einer der seltenen Siege des öffentlichen gegen privates Interesse“, jubelte nicht nur der Schriftsteller Roberto Pompeu de Toledo. Die Bevölkerung, so die Stadtregierung, habe einfach klargemacht, dass sie den Plakat- und Inseratirrsinn nicht mehr länger dulden wolle, und dem habe man nun mit dieser Radikalmaßnahme entsprochen.

Letztes Beispiel: Als der Künstler und Aktivist Edi Rama im Jahr 2000 zum Bürgermeister von Albaniens Hauptstadt Tirana gewählt wurde, war eine seiner ersten Handlungen die Initiative eines Kunstprojekts, mittels dessen er dem grauen Stadtkonstrukt ein buntes, farbenfrohes Fassadenkleid verpasste. Er ließ zudem tausende Parkbäume pflanzen und eine funktionierende Stadtbeleuchtung installieren. Einfache Maßnahmen, die griffen: 2004 wurde er zum „World Mayor“ gewählt, gefolgt übrigens vom Bürgermeister von Mexiko-Stadt, Andrés Manuel López Obrador.

Flucht ins Subversive

Zu guter Letzt eine Kritik, die nicht als ein Jammern über das Elend in Palästen missverstanden werden sollte: Die gewachsenen, funktionierenden und so ungeheuer saturierten europäischen Städte müssen aufpassen, dass sie nicht zu überregulierten Orten der Fadesse und des wohlgesteuerten Konsumdumpfgummitums verkommen. Wo jeder Türgriff Bauordnungen und Reglements unterliegt, regt sich bald gar nichts mehr.

Und wenn der öffentliche Raum zur Shoppingmall verkommt, bleibt nur noch die Flucht ins Subversive. Die subtilsten Duftmarken in den Städten setzen dann illegale Künstler wie der britische Schablonen-Graffiti-Meister Banksy. Oder jener Sprayer, der sich irgendwann vor geraumer Zeit in Wien beglückenderweise an der Ecke Freyung/Renngasse betätigt hat. Dort stand plötzlich über Nacht, klein und zierlich an die Wand gesprüht, ein Zebra auf dem Eckstein des Hauses und betrachtete die Passanten.

Jemand war da gewesen, jemand hatte ein paar Quadratdezimeter Raum erobert - und etwas blieb da. Und die, die vorbeigehen und es bemerken, fangen vielleicht an, darüber nachzudenken, wem die Stadt, ihre Räume, ihre Fassaden wirklich gehören.

Als die spanische Franco-Diktatur endete, war die Rückeroberung des öffentlichen Raumes für die Bevölkerung eine der ersten Maßnahmen, die landauf, landab gesetzt wurden.

24. Mai 2008 Der Standard

Wie man den Phönix anlockt

Ein Kinofilm über Architektur: Herzog & de Meurons Olympiastadion für Peking spielt die Hauptrolle in „Bird's Nest“, der demnächst auch hierzulande anläuft.

„China“, sagt Michael Schindhelm, „ist eine Provokation: die älteste Kultur der Welt, politisch ein für uns Westler undurchschaubares Gelände, wirtschaftlich die kommende Weltmacht.“ Und: „Keine andere Nation macht deutlicher, dass unsere Gesellschaftskonzeption nicht universell ist und wir uns an Konkurrenten gewöhnen müssen, von denen wir immer noch wenig wissen und die wir kaum verstehen.“

„Verstehen wollen“ gehöre für ihn aber zu den Grundantrieben, warum ihn etwas interessiere - und deshalb hat der deutsche Theater- und Filmmann gemeinsam mit Regisseur Christoph Schaub in den vergangenen vier Jahren einen Dokumentarfilm über die Entstehung eines komplizierten Gebäudes unter schwierigen Bedingungen gedreht: Das Olympiastadion der Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron in Peking. Architektur in Film zu übersetzen ist eine harte Aufgabe, weil die Kameralinse zwar Bilder, nie aber die dritte Dimension und das Raumgefühl einfangen kann. Doch Bird's Nest, so der Filmtitel, nähert sich dem Gebäude ohnehin vielmehr über die persönlichste Schiene der Architektur: über die Menschen, die sie ausgedacht haben und schließlich bauen. Und über die Menschen, die sie benutzen werden.

Der Film, der ab 6. Juni in den heimischen Kinos zu sehen sein wird, entspricht in seinem vernetzten Aufbau der Architektur seines Hauptdarstellers. Schaub und Schindhelm verweben die Bilder des gebauten und belebten Peking mit den Bildern der architektonischen Vision, mit den Modellen, und mit den Aufnahmen der wachsenden Baustelle.

Das erzählende Traggerüst bilden aber die Gespräche mit den beiden Architekten, die Interviews mit grashalmfein lächelnden Baufirmenbossen und die Momentaufnahmen der Hektik, der Freude und der Verzweiflung im Architekturbüro vor Ort. Und an exakt diesen Punkten legen die Filmemacher einerseits die Spannungen und Querkräfte frei, die zwischen Europäern und Chinesen laufen, und andererseits die Drehmomente, die Projekte so schnell zum Kippen bringen können, und von denen die der Architektur- und Bauwelt Fernstehenden so gar keine Ahnung haben können. Die aber eben wichtig sind, um die Angelegenheit zu verstehen.

Zum Beispiel jener Moment, in denen die grashalmfein Lächelnden den Architekten erklären, dass das Baubudget nun doch um 230 Millionen Euro gekürzt werde. „Wir können die europäischen Klos durch chinesische ersetzen, die kosten nur ein Achtel“, sinniert ein Mitarbeiter. Wir können das enorme Schiebedach ersatzlos streichen, sagen schließlich die Architekten. Man müsse mit der Baufirma gewissermaßen ein wenig dealen, meint Pierre de Meuron, aber nur dort, wo es konstruktiv-architektonisch zu verschmerzen sei. Dass die Schweizer selbst die längste Zeit ohne Vertrag, also auf gut Glück gearbeitet haben, macht die Angelegenheit auch nicht gemütlicher.

Um die chinesische Geschäfts- und Lebensphilosophie in allen Momenten richtig zu interpretieren, engagierten sie sicherheitshalber den chinesischen Architekten und Künstler Ai Weiwei - einen Dolmetsch zwischen den Welten. Einen solchen hätte zum Beispiel auch der französische Kollege Jean Nouvel schon vor der Wettbewerbsabgabe für das Olympiastadion im Jahr 2003 bitter nötig gehabt.

Denn Nouvels Stadionentwurf hatte eine grüne Glaskuppel zum Abschluss, und hätte Weiwei oder ein anderer Eingeweihter nur einen Blick darauf getan, so hätte er dem Architekten folgende zu erwartende Assoziationskette erläutern können: Die Kuppel erinnert an eine Schildkröte. Schildkröten verheißen in der chinesischen Volksmeinung nichts Gutes. Und wenn die Schildkröte noch dazu grün ist, steht sie für eine Frau, die ihrem Mann Hörner aufgesetzt hat. Nicht genügend, danke, setzen.

Die gebänderte, verschlungene Stahlkonstruktion hingegen, die sich Herzog & de Meuron unter anderem von den Craquelé-Glasuren alten chinesischen Porzellans abgeschaut haben, erinnert an ein Vogelnest. Vogelnester kommen gut an in China. Nicht nur in Suppen. Ein vielgebrauchter Spruch sagt: Du musst ein Nest bauen, wenn du den Phönix anlocken willst. Und genau das will China auch. Es will die ganze Welt anlocken.

Dass es unmoralisch sei, für ein Regime wie das chinesische zu bauen, hat man Herzog & de Meuron vorgeworfen. Das sei eine arrogante und unüberlegte Ansicht, kontert Pierre de Meuron ganz ruhig. „Wir glauben nicht an eine kulturelle Globalisierung“, sagt er, und tatsächlich zählen die Schweizer zu jenen Architekten, die sich Ort, Lage, Kultur, Landschaft, in der ein Gebäude entstehen soll, jeweils sehr gründlich anschauen und diese Studien in ihre Entwürfe einfließen lassen.

Man hat den beiden auch einen Hang zum Dekorativen vorgeworfen, ein gewisses Fassadenkünstlertum ohne Inhalt. Angesichts der präzisen Erklärungen im Film, warum das Vogelnest genau so ausschaut, wie es eben ausschaut, mag es demnächst diesbezügliche Meinungsumschwünge geben.

„Auf eine seltsame Art und Weise“, sagt Jacques Herzog an einem Punkt des Filmes mehr zu sich selbst als zur Kamera, „wissen wir nicht immer, was wir tun.“ Es könnte sein - nicht immer, aber mitunter -, dass genau an dieser Stelle das Bauen aufhört und die Architektur beginnt.

[ Kinostart: 6. Juni. http://verleih.polyfilm.at ]

17. Mai 2008 Der Standard

Jenseits kann alles sein

Die Architekturbiennale Venedig verspricht heuer alles und nichts, kuratiert wird sie jedenfalls erstmals von Aaron Betsky.

Unlängst war Aaron Betsky, der diesjährige Direktor der Architekturbiennale Venedig, im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) zu Gast, um über „Architektur jenseits von Gebäuden“ zu referieren. Denn genau dieses Thema verhängt der US-Amerikaner und langjährige Leiter des Rotterdamer Architekturinstituts NAI heuer von September bis November über die Traditionsschau in der Lagunenstadt.

Ein etwas seltsames Thema, das alles und nichts sein kann: „Out There: Architecture Beyond Buildings“.

„Ich dachte eigentlich“, meinte Betsky zum Standard , „ich hätte die Architektur schon hinter mir.“ Schließlich leitet der eloquente Mittfünfziger seit knapp zwei Jahren das renommierte Cincinnati Art Museum - und Kunst und Architektur sind gegebenenfalls doch nicht so ganz eins.

Aber als ihn vergangenen Dezember ein Anruf des ebenfalls gerade hastig installierten Biennale-Präsidenten Paolo Baratta ereilte, der auf der anderen Seite des Telefonkabels händeringend erklärte, er brauche jemanden, der ihm die wichtigste Architekturschau der Welt kuratiere, und zwar schnell, konnte der gebauchpinselte Betsky auch schlecht „Nein danke“ sagen.

Eine sehr überstürzte Angelegenheit alles in allem, was mit inneritalienischen Kunst- und Politwickeln zusammenhängt. „Tatsächlich haben wir sehr wenig Zeit“, gibt Betsky zu, „ich habe noch am Telefon zu Baratta gesagt, eine Biennale sei ebenso eine Performance wie eine Ausstellung, wir sollten also glatt eine Architekturschau ohne Architektur machen.“

Es sei sowieso stets ein wenig mühsam, Häuser in Häusern zu präsentieren, und er selbst stelle sich seit vielen Jahren außerdem immer wieder die Frage, was Architektur sein könne, wenn man sie von den Zwängen und Normen der gelebten Wirklichkeit befreie.

Was wiederum ganz stark in Richtung Künstlichkeit, wenn nicht gar Kunst geht - und die Frage nach sich zieht, warum dieser nicht zwingend originelle Ansatz ausgerechnet in den Giardini und im Arsenale zur Anwendung kommen muss, wo zwischen den Architekturbiennalen sowieso jeweils deren Kunstschwestern das Sagen haben.

Doch zu früh gemeckert ist schnell verstummt, deshalb ein kurzer Abriss des zu Erwartenden. Betsky will, dass die Besucher „in ein Bad von Images eintauchen“, in eine multimediale Traumwelt aus alten und aktuellen Science-Fiction-Filmen, aus utopischen Architekturentwürfen diesseits und jenseits der Architekturbürozeichentische und Computer.

„Ich will, dass die Menschen verstehen, wie sich jeder von uns die Welt anders zu denken vermag, als sie wirklich ist. Ich hoffe, das Ergebnis davon wird die Erkenntnis sein, dass alles möglich ist.“

Betsky mischt frische junge Architekturkräfte mit den eher schon älteren Hasen wie Frank Gehry, Zaha Hadid, Herzog & deMeuron, Coop Himmelb(l)au et al, die entweder alte Ideen oder neue Installationen zeigen. Er lässt die Besucher gemeinsam mit Base-Jumpern die Stadtwelten erfühlen und bringt die MTV-Ästhetik als architektonischen Faktor mit ins Spiel. Irgendwie hat man den Eindruck, er ergreife von allem, was zu kriegen sei, ein wenig, um es sodann mit der Spange einer etwas frei interpretierbaren, um nicht zu sagen: kräftig hingebogenen Theorie einzufangen.

Architektur sei nicht gleich Bauen, sagt er, sondern all das Denken und Theoretisieren rundherum, das Abbilden und Zeigen von Architektur, bis hin zu den Gesprächen über Gebautes. Und die fertiggestellten Häuser selbst seien allzu oft nur noch die Grabmäler einer vormals vielleicht brillanten architektonischen Idee, die an all den Normen und Zwängen, an den ewigen Preisdrückereien und Energie- effizienzdebatten ihre Strahlkraft ausgehaucht hätten.

Dieser Eindruck mag völlig richtig sein, aber möglicherweise tut sich an exakt dieser Stelle eine interessante Kluft in der Denkweise innerhalb der Architektenschaft auf. Die einen, so könnte man das interpretieren, meinen, die Umstände wären sowieso immer so dermaßen widrig, dass Architekturmachen heutzutage so gut wie unmöglich und sogar so etwas wie eine Zumutung sei. Die anderen, die übrigens keineswegs alle zwingend auf dem Trampelpfad der Pragmatik unterwegs sein müssen, meinen, die Architektur sei aber doch auch eine Disziplin des gerade noch Möglichen, was man eben jeweils auszureizen habe.

Wenn Betsky ein wenig verträumt zum Ausdruck bringt, er selbst habe beispielsweise über die italienische Architektur noch am meisten aus den Filmen Michelangelo Antonionis gelernt, so mag das auf ihn zutreffen. Doch wenn es schon um Architektur gehen soll, auf der Architekturbiennale, so könnte man als ausnehmend inspirierende Lehrmeister beispielsweise auch Architekten wie den Briten Cedric Price hervorkramen.

Nur so zum Beispiel, aber ganz unbedingt sogar: Denn Cedric Price war exakt einer derjenigen, die schon allein anhand der Konstruktion einer Zigarre Montecristo No 2 das Wesen alles Architektonischen zu erklären imstande waren. Die Zeppelinform der gesegneten Montecristo, so sagte er kurz vor seinem Tod im Jahr 2003 zum Standard, sei immer dieselbe und sehr einfach. Doch dank der variabel wählbaren Querschnitte samt deren unterschiedlichen Durchmessern könne die Rauchintensität gewissermaßen individuell angesteuert werden.

Price war fleischgewordener Vertreter einer Architecture Be-yond Buildings, aber er war dabei total realitätsbewusst und jeglicher architektonischer Jammerei zutiefst abgeneigt. Kein klar denkender Mensch, so meinte er, seine Zunft vernichtend, käme auf die Idee, Waffen, Helikopter oder Flugzeugträger von selbstverliebten Architekten designen zu lassen, „denn diese Dinger müssen perfekt, sofort und ununterbrochen funktionieren, sonst werden Kriege verloren.“

Jede Generation, sagte Price, brauche ihre eigene Architektur. Zeit, Geschwindigkeit, Veränderung, Bewegung seien Begriffe, die in der Schnellebigkeit dieser Epoche auch von der Architektur nicht unter den Tisch gekehrt, missachtet werden dürften. Als Denkmalschützer für die Erhaltung eines Kulturzentrums in London eintraten, das er gebaut hatte und das er bewusst nur für einen bestimmten Zeitrahmen konzipiert hatte, schritt er entrüstet ein und forderte das Recht dieses Gebäudes auf seinen zeitgerechten Abriss.

Cedric Price, wie gesagt, ist nur einer von denjenigen, die Architektur auch jenseits von Gebäuden gedacht haben, aber die eigentliche Disziplin dabei nicht aus den Augen verloren. Und genau das macht einen außerordentlich wichtigen Unterschied aus, allein den zu demonstrieren schon ein Biennale-Thema für sich wäre.

Selbstverständlich werden wir alle Anfang September gern und erwartungsvoll nach Venedig reisen. Aber ein bisschen bang darf einem heuer davor schon auch sein, oder?

6. Mai 2008 Der Standard

Styropor für die Ewigkeit

Das Feine am neuen Eingang zum Wiener Wurstelprater: Man kann ihn umgehen - was aber gar nicht notwendig ist, denn die stümperhafte Klischeeorgie dort ist weltweit einzigartig und als solche würdig, genauer betrachtet zu werden.

Was für ein Segen, dass sich die Erneuerungsbestrebungen der Wiener Vizebürgermeisterin Grete Laska (SPÖ) für den Prater letztlich doch nur auf den Eingangsbereich beim Riesenrad konzentriert haben. Dort türmt sich jetzt eine schaumrollenhafte Kulissenarchitektur zu einem Entree, wie es die Welt wahrlich noch nicht gesehen hat - und eigentlich auch nie sehen wollte.

Doch die Angelegenheit, die wie eine ungewollte Verulkung einer Designeroutlet-Fassadenarchitektur aussieht, bleibt kompakt und ein in sich geschlossener Mikrokosmos. Damit wird sie verschmerzbar, weil für die Besucher aktiv vermeidbar.

Das, was den Prater tatsächlich ausmacht, bleibt glücklicherweise von diesem hässlichen Appendix verschont. Und an dem so gut wie unbeschreiblichen Konzentrat an Abgeschmacktheit lässt sich mit wundervoller Klarheit ablesen, wie hilflos die Stadt Wien mit ihren ungehobelteren Zonen umgeht, wenn sie diese - zum Beispiel für das EM-Fußballpublikum von Welt - zu neuem Glanz aufpolieren will.

Einfassung für das Wilde

Der Prater ist und war seit jeher ein ärgerlich wilder, unpolierter Edelstein am Revers der Stadt - und dem wollte man nun eine ordentliche Fassung verpassen, endlich eine deutlich ablesbare offizielle Grenze setzen: Da hört das seriöse Stadtleben auf, hier fängt diese von vornherein verdächtige Zwischenwelt halbseidener Vergnügungen an. In Wirklichkeit ist es natürlich genau umgekehrt.

Das Entree präsentiert sich dem vom Praterstern kommenden Betrachter zuerst in Form von zwei Portalhäusern erstaunlich ungeschickten Formats, zwischen die eine Art Otto-Wagner-Brücke gespannt zu sein scheint. Doch wen oder was die trägt, bleibt ungewiss, wiewohl jedes einzelne gestaltende Element hier weder Inhalt noch Zusammenhang erkennen lässt.

Die Häuser sind in zu hellem Schönbrunner Gelb gepinselt und zwischen grünen Kunststofffenstern mit allerlei schnörkeliger Fassadenmalerei ausgestattet.

Irgendjemand hat hier im Fiebertraum unzählige Elemente längst untergegangener Wiener Hochkulturen zu einer gräulichen Stilmasse verdaut und ausgekotzt. Ein paar Brocken Barock hier, ein wenig Jugendstil da, ein Klacks Klassizismus dort, zusammengepanscht und zusammengepickt mit ha-ha-lustigen k. u. k-Reminiszenzen auf Plakattafeln.

An den Pseudostukkaturen des Durchgangs sind die ersten Lastwägen bereits hängengeblieben, aus Pseudo-Wagners Brückenbauch quellen jetzt schon die Gedärme der Putzträger und die Styroporeingeweide. Apropos: So schleißige Verarbeitung billigster Materialien sah man noch nie. Auf der runden Platzmitte hinter dem Tor befindet sich ein Oktogon mit einer nur fast aus Bronze gegossenen Figur. Hier apert bereits der Styroporkern aus dem angeschrammten Podest, das so tut, als sei es massiv und für die Ewigkeit gemacht. 32 Millionen Euro wurden hier verbraten - eine Meisterleistung in Sachen unnötiger Investition ins Schäbige.

Wer den Unterschied zwischen Prater und der vorgeblendeten Stil-umnachtung mit Händen greifen möchte, begebe sich zum prächtigen alten Grand Autodrom. Das hat man, um dem neuen Ensemble gesamtheitlich zu huldigen, versteckt und eingepackt. Hinter einer neuen, mit dem Titel „Chauffeur Schule“ bepinselten Spanholzfassade glänzt da ewiges Chrom, leuchten rote Neonschriften, duftet der alte, geölte Autodromboden unter prächtig mit gefälteltem Nirosta verkleideten Stützen.

Wann wird diese Stadt begreifen, welch Charme und ungeheures Potenzial gerade im Wilden, Ungehobelten steckt? Man muss den neuen Pratereingang als das Nichts begreifen, das den echten Prater nun doch nicht umbringen wird.

26. April 2008 Der Standard

Vollgas in der Wüste

Der Bauboom in den Vereinigten Arabischen Emiraten rast ohne Speedlimit von einer Etappe zur nächsten. Die Architekten und Ingenieure dieser Welt stehen vor den Boxenstopps der Scheichs Schlange, um auf den Immobilienexpress aufspringen zu dürfen.

His Excellency Mohamed Ali Alabbar ist wohlgelaunt, als er zum Mikrofon greift. Vor dem Podium sitzt ihm eine raunende Menschenmenge von etwa 900 zu Füßen, mindestens 890 von ihnen sind Männer. Architekten, Ingenieure, Gebäudetechniker. Die kommen aus England, Australien, Südafrika, Spanien, Russland, China und dem Rest der Welt.

Die Gästeliste des 8. Weltkongresses des Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) liest sich wie das Who's Who der internationalen Bauindustrie: Atkins, Aarup, SOM, Schirmer, Terry Farrell, Make Architects und Co. Das sind die, die die wirklich großen Dinger in die Landschaft stellen. Weit weg von Europa, in China, Taiwan, Russland - und natürlich in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Hier am Arabischen Golf, so rechnete die International Herald Tribune unlängst vor, werden derzeit Immobilienprojekte im Wert von insgesamt 2 Billionen Dollar abgewickelt, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die in der Menschheitsgeschichte einzigartig ist. Wir befinden uns in einem der Hotspots dieser Weltgegend - in Dubai. Der Kongresssaal ist in 15 Metern Höhe mit exquisiten arabischen Mustern in Holz und Messing dekoriert. Draußen bläht ein Sandsturm die bodenlangen Cocktailtischtücher aus Damast, drinnen kräuselt die Klimaanlage sanft die makellos weißen Gewänder des Scheichs.

Es sei ihm eine Freude, so beginnt er, die prominente Gästeschar begrüßen zu dürfen, und er lade sie alle ein, sich am großen Traum von Dubai zu beteiligen. Denn träumen würden andere auch. Doch hier in den Emiraten seien vor allem diejenigen willkommen, die nach dem Aufwachen den Traum dann auch wahrmachen würden.

Mohamed Ali Alabbar ist einer jener mächtigen Männer, die den Mund durchaus so voll nehmen dürfen. Als Chairman von Emaar, einem der größten Immobiliendeveloper der Welt, dirigiert er, wenn er will, mit einem Fingerschnippen mehr Geld, als eine durchschnittliche österreichische Baufirma pro Jahr umsetzt.

Zur Freude aller

Der smarte Emirati mit den fein ziselierten Gesichtszügen macht auch absolut kein Hehl daraus, dass er sich seiner privilegierten Position sehr bewusst ist. Einer der Träume, so sagt His Excellency, sei es vor ganz wenigen Jahren beispielsweise gewesen, nichts Geringeres als das höchste Gebäude der Welt in Dubai zu errichten. Und das stehe nun, zur Freude aller, in Form des Burj Dubai tatsächlich hier. „The Börtsch“, wie die zumindest 700 Meter hohe Hochhausnadel von der Bauszene genannt wird, soll nach einer Bauzeit von knapp fünf Jahren 2009 eröffnet werden. Über die exakte Höhe schweigt sich sowohl Auftraggeber Emaar als auch das Projektteam von SOM derzeit noch aus, lieber redet man über die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der dieses technische Bravourstück hochgezogen wurde - und über das fast noch erfreulichere Tempo, mit dem die Appartements verkauft wurden, noch bevor das Gebäude überhaupt erste Formen angenommen hatte.

Innerhalb von zwei Tagen, so heißt es, sei der Turm ausverkauft gewesen. Die Penthäuser sollen um Summen von je 15 Millionen Dollar zu haben gewesen sein.

Was Dubai und in zunehmendem Maße auch der Rest der Vereinigten Arabischen Emirate derzeit an Projekten vorlegen, ist atemberaubend. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein nächstes Mega-Ding angekündigt, ein abgeschlossener Immobiliendeal medial abgefeiert wird.

Man verliert schier den Überblick. Zaha Hadid allein hat ein halbes Dutzend Großbauvorhaben in den Emiraten am Köcheln. Darunter ein schwungvolles Opernhaus und mehrere Bürotürme für Dubai, sowie einen gigantischen Kulturkomplex mit Titel Performing Arts Centre, der sich in welligen Betonmassen über die Ufer Abu Dhabis ergießen wird. Ebenfalls in Abu Dhabi ist Pritzker-Kollege Frank Gehry zugange - der erprobte Guggenheim-Architekt baut dort eine Mega-Filiale für den US-Museumskonzern. Norman Foster ist selbstverständlich auch da wie dort aktiv. In Dubai entsteht der Welt höchstes Wohnhaus, das Index Building, in Masdar die erste - angeblich - völlig CO2-neutrale Stadt der Welt.

All die anderen geplanten Häuser, Türme, Komplexe, Stadtteile und Zentren an dieser Stelle anzuführen ist unmöglich, erwähnt sei lediglich noch Rem Koolhaas, der gemeinsam mit Büropartner Reinier de Graaf soeben einen geräumigen neuen Stadtteil für Dubai vertraglich unter Dach und Fach gebracht hat.

Wenn de Graaf über Dubai spricht, bringt er den wohlkalkulierten Wahn des dortigen Geschehens vorzüglich auf den Punkt. In den Vereinigten Arabischen Emiraten, so der Tenor, steht und fällt alles mit den herrschenden Clans. Die stellen die Regierungen, ihnen gehören praktischerweise sowohl die Immobilien-Developerunternehmen als auch die Baufirmen. „Es ist nicht so“, ätzt de Graaf, „dass sich diese Herrschaften alle so ähnlich schauen. Es sind tatsächlich immer dieselben.“

Dieser Umstand eliminiert selbstredend lästige Bewilligungsverfahren und andere bürokratische Hindernisse, und in Kombination mit Heerscharen von Billigstarbeitskräften aus Indien, Pakistan, China, die buchstäblich eine Art Sklavenkaste in diesem brutalen Szenario bilden, ergeben sich für Grundstücksbesitzer, Baufirmen und Entwickler Gewinnmargen, die tatsächlich im Land der Träume angesiedelt scheinen.

Irgendwo dazwischen agiert die Kaste der importierten internationalen Bau-Intelligenzia. Die verdient auch nicht schlecht, weil Steuern müssen keine bezahlt werden. Doch im Spannungsfeld zwischen kapriziösen Auftraggebern und den straffesten Zeitplänen der gesamten Bauwelt werden Architekten und Ingenieure hart auf die Probe gestellt. In Dubai, sagen sie, baue man im Schnitt etwa doppelt so schnell wie in Europa oder den USA.

„Wir arbeiten hier mindestens zwölf Stunden pro Tag und sechs Tage die Woche“, sagt ein Brite, der für ein internationales Unternehmen die Akustik von feudalen Hotellobbys und den geräumigsten Shoppingmalls der Welt optimiert. „Es ist wie ein Goldrausch“, sagt ein Neuseeländer, der für globale Hotelketten neue Architekturkonzepte entwirft und sich vor vier Jahren in Dubai niedergelassen hat. Warum ausgerechnet Dubai? Are you crazy? Was soll die verrückte Frage: „Jeder, der auch nur irgendwie in der Architektur- oder Bauindustrie tätig und bei klarem Verstand ist, kommt hierher, um mitzumachen!“

Seit nunmehr 15 Jahren ist Dubai als Vorreiter der Region dabei, sich selbst zu erfinden. Immer wieder war angesichts der Turbo-Großbaustelle von einer Immobilienblase zu hören, die alsbald grandios zerplatzen würde. Doch diese arrogant-westlichen Prognosen dürften sich in nächster Zukunft nicht bewahrheiten. Im Gegenteil. Büroflächen sind in Dubai dermaßen knapp, dass man als potenzieller Käufer viel Geld allein dafür zahlen muss, um rechtzeitig auf die Interessentenlisten zu kommen - und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Gebäude bestenfalls erst als Renderings existieren.

Die Strategie der Emiratis ist glasklar: Im Herbst des Erdölära positionieren sie ihr Herrschertum als Steueroase, als Wirtschaftsdrehscheibe und als Konsum- und Tourismuszentrum im ruhigen und sicheren Herz- und Filetstück einer außerordentlich krisengebeutelten Region. Wer kann, der parkt sein Geld lieber hier in den goldenen Emiraten als in Pakistan, im Irak, im Iran. Die Architektur ist dabei Tresor und Transportmittel zugleich.

Dazu kommt, dass jeder Konzern, der Geschäfte in diesem Teil der Welt machen will, in den Emiraten den idealen Stützpunkt dafür findet. „Hier funktioniert alles nur über persönlichen Kontakt. Wer seinen Geschäftspartnern und Auftraggebern nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber sitzt, hat keine Chance“, sagt der Manager eines Softwarekonzerns.

Alles in Dubai dreht sich um Geld und Geschäft. Jeder nascht mit. Und geschenkt kriegt von denen, die hierherkommen, keiner was.

Sehr finster

Doch am unteren Ende der Skala wird das schrille, grelle Dubai sehr schnell sehr finster, weil hinter den glitzernden Hochhaus-, Hotel- und Shoppingkulissen ist diese Stadt letztlich nichts anderes als eine ungeheure Sklavenstadt. Importierte Arbeiterscharen aus den ärmsten Regionen der Welt rackern sich bei Temperaturen jenseits der 40 Grad auf den Hochhausbaustellen nicht selten zu Tode. Indische Taxifahrer jagen livriert, aber schweißgebadet zwölf Stunden täglich dem vorgeschriebenen Kilometerkontingent nach, weil sie sonst ihren Bonus verlieren. Auch wenn sie ihn erreichen, verdienen sie gerade einmal so viel, dass sie sich das Zimmer leisten können, das sie mit sechs anderen teilen.

Auf die Frage, warum sie nicht nach Goa, nach Karnataka, nach Kerala zurückgingen, geben alle dieselbe Antwort: weil es dort gar keine Arbeit gibt.

His Excellency Mohamed Ali Alabbar bedauert, dass die Baustelle des Burj bis dato drei Menschenleben gekostet hat. Wir lernen aus unseren Fehlern, sagt er: „Wir werden die Unterkünfte und Arbeitsbedingungen weiter verbessern. Immerhin stehen wir erst am Anfang.“

[ Heute Samstag, in Radio Österreich 1, „Stadtporträt Dubai - Die Metropole aus dem Nichts“ von Wolfgang Ritschl, Peter Waldenberger und Ute Woltron. Diagonal - Radio für Zeitgenossen, 26. 4., Ö1, 17.05 bis 19.00. ]

5. April 2008 Der Standard

Das Röhren des Jahrhunderts

Oder der explosive Versuch der 60er-Jahre, die Architektur von der Schwerkraft zu befreien.

Das Jahr 1968, so sagt man, habe in Österreich eine heiße Viertelstunde gedauert. Das mag so gewesen sein, doch auf die Architektur trifft diese Bemerkung nicht zu. In dieser Szene brodelte es schon lange vor dem gern zitierten Stichjahr, und es köchelte auch noch lang danach weiter.

Die Architektur ist eine herrliche Disziplin, weil sich in ihr, von Außenstehenden weitestgehend unbemerkt, die ganze Welt verdichten und neu mischen kann. Die Architektur ist die Lehre von den Menschen, der Technik, der Fantasie, von den Kräften und Gegenkräften, von der Natur und ihren Gesetzen - und die Labore, in denen diese Zutaten von bärtigen und häufig auch mittels halluzinogener Substanzen befeuerten Studenten gerade in den 60er-Jahren experimentell neu vermengt wurden, waren vor allem die Zeichensäle der Technischen Hochschulen.

Da bestimmte Gemische ab einem gewissen Verdichtungsgrad zu explodieren pflegen, kann man, wenn man unbedingt will, auch eine Art hiesigen Höhepunkt des architektonischen 68er-Geschehens festmachen. Dieser wurde im Frühsommer des Jahres 1969 erreicht, als die Wiener Architekturstudentengruppe Zünd-Up ein Entwurfsprogramm für ein fiktives Parkhaus am Karlsplatz zum Anlass nahm, nicht nur die Aufgabenstellung selbst infrage zu stel-len, sondern auch die Benimmregeln des starren universitären TH-Betriebs gewissermaßen in einem grandiosen Getöse demonstrativ zu versenken.

Michael Pühringer, Timo Huber, Hermann Simböck und Bertram Mayer inszenierten damals, um die einschlägige Terminologie zu strapazieren, ihre Entwurfsabgabe als Happening in der Tiefgarage Am Hof in der Wiener Innenstadt. Dort hatten sie eine einigermaßen groteske Maschinerie mit dem Titel „The Great Vienna Auto Expander“ aufgebaut und zur akustischen Untermalung einen Harley-Davidson-Motorradclub um geschlossenen Auftritt bei hochtourig aufheulenden Motoren gebeten.

Als der Professor der Technischen Hochschule, Karl Schwanzer, zur Abnahme der Arbeit in der ungewöhnlichen Lokalität erschien, wurde Gas gegeben, und „Das Röhren des Jahrhunderts“ erfüllte die Tiefgaragenhallen. Schwanzer ließ sich zu einem Motorradtrip durch die Garagenunterwelt überreden - ein Würdenträger im grauen Anzug überließ sich am Sozius einem Wilden auf der Maschin' - Welten, Generationen, Geisteshaltungen wurden gemischt, und die Aktion ging selbstverständlich in die Architekturgeschichte nicht nur dieser erzkonservativen Stadt ein.

Doch die Zünd-Ups waren nicht die ersten Zündler. Auch sie hatten, wie jeder vor und nach ihnen, Wegbereiter. Einer davon war beispielsweise Friedrich Achleitner, und der war schon in den 50er-Jahren höchst aktiv. Er war zum einen der Architekt in der „Wiener Gruppe“, und er brachte zum anderen mit seinen scharfen Kritiken in der Tagespresse eine neue Dimension in die Architekturwahrnehmung der Allgemeinheit - ein Faktor, der überhaupt nicht hoch genug ein- und geschätzt werden kann.

Auch Friedensreich Hundertwasser spielte mit seinem Verschimmelungsmanifest aus dem Jahr 1958 eine wegbereitende Rolle für die späteren „68er“, als er die Fadesse und Fantasielosigkeit der grauen Nachkriegsmoderne anprangerte und den Einzug neuen Lebens in die Häuser einforderte. Doch die Radikalsten unter der Avantgarde waren wahrscheinlich Walter Pichler und Hans Hollein. Sie waren nämlich beide eine Zeitlang auf der damals noch großen, weiten Welt unterwegs gewesen, in Frankreich, in den USA, hatten andere Luft durch ihre Nüstern strömen lassen und brachten einen ungewöhnlich frischen Wind mit nach Hause in die miefige heimische Szene.

Sie schrieben zum Beispiel schon ein paar Jahre vor 1968 herrlich provokante Manifeste. Hollein ließ die Welt etwa wissen: „Architektur ist eine Angelegenheit der Eliten (...), ist elementar, sinnlich, primitiv, schrecklich, gewaltig, herrschend. (...) Architektur ist zwecklos.“ Walter Pichler tönte ebenso streitbar: „Architektur ist Verkörperung der Macht und Sehnsüchte weniger Menschen. Sie ist eine brutale Sache, die sich der Kunst schon lange nicht mehr bedient. (...) Die Stadt der Elite wird getragen von den Behausungen der Massen.“ Heute, über 40 Jahre später, haben sie immer noch völlig recht.

Einer, der die Hexenbottiche der Architekturlabore der 60er-Jahre stets mit neuen Ingredienzien versorgte, war selbstverständlich Günther Feuerstein. Am Institut von Karl Schwanzer hielt er ab 1963 Seminare, die sich lieber mit Experiment und Zukunft auseinandersetzten als mit der ewigen Betrachtung der Geschichte und der baukünstlerischen Vergangenheit.

Unter seiner Pflege entstanden in der Folge Gruppen wie Haus-Rucker-Co, Zünd-Up, Missing-Link und Coop Himmelb(l)au. Er vernetzte auch die Wiener mit der Grazer Szene, wo beispielsweise Raimund Abraham seine verdichteten Stadtvisionen virtuos zu Papier brachte.

Feuersteins Saat ist ganz gut aufgegangen. Eine ganze Reihe der heute erfolgreichsten Architekten der Nation saß damals in seinen Seminaren, und gerade Feuersteins Drang, alle möglichen Grenzen zu sprengen und den Blick auch über Kontinente und Meere in andere Weltgegenden zu lenken, hat sie beflügelt.

Um die Bedeutung zu verstehen muss man sich bewusst machen, dass es in dieser Zeit noch keinen internationalen Architekturmagazinmarkt gab und das Fernsehen gerade erst seine ersten Schwarz-Weiß-Flimmerer tat. Jeder, der sich heute an diese Zeit zurückerinnert, erzählt, wie unerhört aufregend und köstlich es war, in den von einzelnen Reisenden importierten Architekturheften zu blättern und die neuesten Arbeiten der fernen Kollegenschaft zu studieren. Diese Hefte gingen von Studentenhand zu Studentenhand und wurden regelmäßig in institutionalisierten Kaffeehausrunden heiß debattiert.

Apropos internationale Kollegenschaft: In Illinois saß zum Beispiel Buckminster Fuller ab 1968, wie auch Feuerstein in Wien, mit seinen Studenten in der freien Natur und ließ sie dort Kuppelkonstrukte und pneumatische Gebilde eigenhändig errichten. Die Wiener Studenten betrachteten sicherlich auch irgendwann die Abbildungen seiner geodätischen Kuppeln, wie etwa jene des US-Pavillons für die Expo '67 in Montreal. Wahrscheinlich diskutierten sie auch über die großartigen Villen des kalifornischen Einzelgängers John Lautner und über die bunten Kunststoffwelten des dänischen Ausnahmedesigners Verner Panton. Sie sahen sich die Entwürfe der Londoner Archigram an und nickten wahrscheinlich zustimmend ein paar Jahre später, als Richard Rogers und Renzo Piano mit dem Centre Pompidou quasi ein Post-68er-Architekturmanifest in den strengen Raster von Paris setzten. Mit demonstrativ sichtbaren Versorgungssträngen und mächtig betontem Demokratiegehabe.

Andere Druckverhältnisse

Was ist von dieser 68er-Architektengeneration geblieben? Alles. Weil im Kosmos nichts verlorengeht. Die Ideen wurden weitergesponnen, alles hat sich ein bisschen entfernt, verdünnt, ist auseinandergedriftet.

Wenn man die Herren Michael Pühringer, Timo Huber und Hermann Simböck auf einer Archivaufnahme betrachtet, wie sie im Sommer des Jahres 1969 gerade „The Great Vienna Auto Expander“ über den Stubenring Richtung Tiefgarage schieben, schauen sie genauso aus wie Architekturstudenten der 80er, der 90er oder von heute. Architekturstudenten sind meistens erkennbar, man kann gar nicht genau sagen, woran das liegt, aber es ist so. Die Druckverhältnisse in den Zeichensälen, die sind jedoch ganz andere geworden. Die Älteren werfen den Jüngeren mitunter Verrat an Idealen vor, sagen, der Nachwuchs würde jetzt die Früchte jener Äcker ernten, die sie damals erst urbar gemacht hätten. Das ist jedoch ein unfairer Vorwurf, dem man jedem machen könnte, und der kein Gemisch je so verdichten wird, dass es wieder einmal zur kreativen Explosion kommt.

1. April 2008 Der Standard

Widerstand des Filigranen

Pritzker-Preis für Stararchitekt Jean Nouvel

Los Angeles/Paris - Der Franzose Jean Nouvel (62) wird im Juni den diesjährigen Pritzker-Preis (100.000 Dollar/63.307 Euro) und damit die weltweit wichtigste Auszeichnung für Architektur entgegennehmen: das Pendant zu den Nobelpreisen in den Wissenschaften. Er sei erfreut, meinte der stets in rabenschwarze Montur gekleidete Nouvel, nun ebenfalls Mitglied des Pritzker-Klubs zu sein, dem so gute Freunde wie Frank Gehry, Zaha Hadid und Renzo Piano angehören würden.

Der Architekt machte erstmals 1987 mit dem Institut du Monde Arabe in Paris international Furore: Das zarte Gebäude am Pariser Seine-Ufer ist ein räumlich-technisches Meisterwerk und glänzt vor allem mit seiner Hightech-Fassade. Filigrane Metallblenden verengen und weiten sich je nach Sonneneinstrahlung und interpretierten zugleich meisterlich die Formensprache der arabischen Kunst.

Das Haus entspricht Nouvels Credo gegen jeden Stil: Er verwahrt sich gegen die Uniformität und Gleichmacherei der zeitgenössischen Architektur und will seine Projekte jeweils an den Ort, den Zweck, den Auftraggeber angepasst sehen. Seine Architektur, so sagt er, sei „eine Art Résistance gegen die Uniformisierung der Welt“.

Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählt die großzügig mit Glasfassaden ausgestattete Stiftung Cartier in Paris (1994), der auffällig gurkenförmige, bunte Torre Agbar in Barcelona (2003) und das Museé du Quai Branly in Paris (2006). Jean Nouvel unterhält sein Büro in Paris, er arbeitet jedoch weltweit. In Katar baut er gerade ein Hochhaus, in Kopenhagen eine Konzerthalle, und er ist auch in Wien aktiv: In der Praterstraße entsteht ein Hotel-Bürohaus für Uniqa.

Die Jury aus sieben Mitgliedern, unter ihnen die renommiertesten Architekten sowie Historiker und Wissenschafter, würdigte „die Kohärenz, die Fantasie und vor allem einen unersättlichen Drang nach kreativen Experimenten“ im Werk von Jean Nouvel. Jury-Präsident Peter Palumbo sprach überdies von einer „neuen Herangehensweise“, die der Pritzker-Preisträger 2008 unter Beweis gestellt habe.

27. März 2008 Der Standard

Drei Positionen zur Architektur

Die Österreich-Beiträge auf der Architekturbiennale in Venedig

Drei „Positionen“ schickt die vergangenen Jänner von Kunstministerin Claudia Schmied ernannte Kommissärin Bettina Götz vom Architekturduo Artec zur 11. Architekturbiennale unter dem Titel „Before Architecture - Vor der Architektur“ in die Giardini. „Position eins“ sind ausgewählte Arbeiten des 2000 verstorbenen Tiroler Architekten Josef Lackner. „Position zwei“ gilt den erfrischenden Projekten von Pauhof Architekten. „Position drei“ wird eine multimediale Installation zum Thema Wohnbau sein. Lackner, so Götz, habe immer gezeigt, dass gute Architektur auch aus ganz einfachen Bauaufgaben entstehen könne. Sein konzeptuelles Arbeiten habe stets den Raum zum Hauptthema gehabt.

Pauhof hingegen würden mit ihren Interpretationen klarmachen, dass „Architektur nicht Dienstleistung ist, sondern langfristiger Mehrwert für die Gesellschaft sein muss“. Der Wohnbau, so die Architektin, sei „ein Riesenthema“, das derzeit allerdings vernachlässigt würde. Götz: „Auf diesem Gebiet ist seit den 60er-Jahren zu wenig passiert, das muss alles neu gedacht und niedergeschrieben werden. Es ist hart an der Zeit, dass wieder experimenteller Wohnbau gemacht wird.“

Um die Thematik auszuloten, wird der deutsche Architekturtheoretiker und Soziologe Werner Sewing sieben heimische Architekten quasi mit dem Blick des Außenstehenden investigativ befragen. Diese Interviews werden auf Bildschirmen erlebbar gemacht.

Besonderen Wert legt die Kommissärin auf die begleitende Publikation, denn: „Die Bedeutung der Biennale verschiebt sich, es geht mehr um Inhalte, um den Austausch, um Kommunikation, und deshalb muss etwas Handfestes, etwas, womit man auch später arbeiten kann - wie eben ein sehr gut gemachter Katalog - von den Besuchern mitgenommen werden können.“ Zudem plant sie ein international besetztes Wohnbau-Symposium im Oktober. Das soll vor Ort im österreichischen Pavillon stattfinden. Bei einem knappen Gesamtbudget von brutto 400.000 Euro müssen Sponsoren aufgetrieben werden.

Die Gesamtschau der diesjährigen Biennale wird vom Niederländer Aaron Betsky kuratiert, der als Direktor des Netherlands Architecture Institute fungierte und derzeit dem Cincinnati Art Museum als künstlerischer Leiter vorsteht. Seinen Titel gab der wegen interner italienischer Wirbel ebenfalls erst kürzlich ernannte Biennale-Chef unlängst mit „Out There. Architecture Beyond Building“ bekannt.

Die Biennale von Venedig gilt als die weltweit renommierteste Architekturschau. Sie ist von 14. September bis 23. November geöffnet.

23. März 2008 Der Standard

Das weltweite Häusermeer

Die britischen Stadt- und Architekturdenker Ricky Burdett und Deyan Sudjic, Herausgeber des eben erschienenen Buches „The Endless City“, über Potenziale und Schwächen der Megacity

Das 21. Jahrhundert beginnt mit dem Zeitalter der Stadt: Mit diesem Phänomen setzt sich das Urban Age Programm der London School of Economics gemeinsam mit der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank seit einigen Jahren intensiv auseinander. Bis dato wurden sechs Städte interdisziplinär untersucht - New York, Schanghai, London, Mexiko-Stadt, Johannesburg, Berlin - folgen werden etwa Mumbai (ehemals Bombay) und São Paulo. Mit dem Buch The Endless City, herausgegeben von Ricky Burdett und Deyan Sudjic, liegt nun eine erste Zusammenfassung der Erkenntnisse vor.

Der Ausgangspunkt: Erstmals leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Um 1800 waren es erst zwei Prozent, hundert Jahre später zehn, 1950 bereits 30 Prozent. Bis 2050, schätzt die UNO, werden drei Viertel aller Menschen Städter sein. Sie werden zum Teil in Stadtgebilden leben, die 30 Millionen und mehr Menschen beheimaten. Eine Vision, die in Asien und Teilen Afrikas und Südamerikas bereits Gestalt annimmt - und zwar in Windeseile. Pro Stunde erhöht sich die Bevölkerungszahl Mumbais um 42 Menschen, die von Lagos um 58.

Mit traditionellen städtebaulichen Mustern ist diesen rasch wachsenden Megaagglomerationen nicht mehr beizukommen. Der britische Architekturkritiker Deyan Sudjic betont, dass nur durch Kooperation zwischen Planern, Wirtschaft und Stadtpolitik menschengerechte Lösungen gefunden werden können: „Die Stadt ist zur wichtigsten Frage unserer Zeit geworden - und das haben auch die Politiker erkannt: Wir befinden uns in einer Ära sehr aktiver Bürgermeister, doch das Problem ist, dass Politiker immer weniger Zeit haben als alle anderen. Die wollen schnell Baukräne am Horizont sehen - und das ist kaum je der sinnvollste Weg. Zuerst müssen die unterschiedlichen Kräfte, die Städte formen, an einen Tisch gebracht, die Probleme müssen aus allen Perspektiven betrachtet werden. Es geht darum, zu verstehen, dass eine Stadt die Summe von gebauter Qualität, gesetzlichen Grundlagen und ökonomischen Investitionen ist - und eben nicht nur von einem dieser Bereiche geformt wird.“

Tatsächlich beginnen Städte heute - in der sogenannten globalisierten Welt - wieder eine Rolle einzunehmen, die ihnen bereits zu Beginn der Menschheitsgeschichte zukam: Megacities sind oft einflussreicher als die Nationalstaaten, in denen sie sich befinden - und sie haben mehr Einwohner als manche europäische Nation. Für Ricky Burdett, den Leiter des Urban-Age-Programms der London School of Economics sind sie die Kraftwerke der Weltwirtschaft schlechthin. Ein Beispiel: „Der Gesamtumsatz von London ist genauso groß wie der von ganz Saudi-Arabien, das Gleiche gilt für Tokio und bis zu einem gewissen Grad auch für New York. Es spielt also eine wichtige Rolle, wie sehr diese Städte mit der ökonomischen DNA der Staaten, in denen sie sich befinden, verknüpft sind. Dazu kommt, dass die globalen Flüsse von Kapital, Menschen und Informationen durch Städte geschleust werden.“

Stadtluft macht frei

Genau das ist die Biosphäre, in der sich die Global Player der Weltwirtschaft wohlfühlen. In Städten verdichten sich Geld, Know-how, Geschwindigkeit: Deshalb ziehen gut organisierte Megastädte Unternehmen und multinationale Konzerne an. Deshalb wandern Hunderttausende, ja Millionen in Städte wie Mumbai, Mexiko-Stadt oder São Paulo ein. Jeder, sagt Sudjic, hat diese Vision von der Stadt als Geldmaschine, von der Stadtluft, die frei macht: „Leute ziehen in die Stadt, weil sie dort einfach mehr Auswahlmöglichkeiten haben, das zu tun, was sie wollen. Und die erfolgreichsten Städte sind die, die den Menschen die meisten Möglichkeiten bieten. Eine Stadt muss so gebaut sein, dass sie ununterbrochen Veränderung und Flexibilität erlaubt - solche Städte bieten ein besseres Leben als jene, die sich dieser Möglichkeiten berauben.“

Die Ghettos der Reichen

So gesehen haben die Städtebaumodelle des 20. Jahrhunderts mit ihren großformatigen Satellitenenklaven ausgedient. Monokulturen wie vielgeschoßige Apartmentblöcke sind zu unflexibel - solche Strukturen sind genau die Art von Architektur, in der sich kein neues urbanes Leben entwickeln kann. Burdett ist vom direkten Zusammenhang zwischen städtebaulicher Form und sozialem Wohl überzeugt.

Die Mischung, die Vielfalt macht den Unterschied: „Bedauerlicherweise ist genau die Art Stadtlandschaft, wie sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist, der Beweis dafür. Denken Sie daran, wie viele Wohnviertel gesprengt werden mussten, weil sie entweder soziale Probleme verursacht oder zumindest dazu beigetragen haben. Das lag an ihrem Design, ihrer Unfähigkeit, sich mit der Stadt und ihrer unmittelbaren Umgebung zu vernetzen.“ Diesen Monokulturen stehen die Ghettos der Reichen gegenüber, die sich - auch in der westlichen Welt - zunehmend in gepflegten Gated Communities hinter hohen Mauern und Stacheldraht einschließen, sagt Burdett. „Insgesamt sind das die Bedingungen, von denen wir wissen, dass sie im Laufe der Zeit die Segregation von Menschen mit unterschiedlichem ethnischen, ökonomischen und religiösen Hintergrund provozieren. Aber es geht auch anders, wenn man an Barcelona denkt - oder an Teile Wiens, wo Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ganze Viertel mit Gebäudetypologien entstanden, die den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen dienen können. Und zwar mit einer Architektur, in der soziale Unterschiede nicht in Stein gemeißelt sind. Ich bin davon überzeugt, dass das richtige Design einer Stadt mit Sicherheit zur Bildung einer integrierten, besser funktionierenden Gesellschaft beiträgt.“

Aber - wie lässt sich Stadt in diesem Sinn umsetzen? Wo sind die neuen Ansätze, die neuen Ideen? Wie wird Stadt morgen, übermorgen gebaut?

Sudjic: „Mitunter ist es beunruhigend, zu sehen, wie wenige Ideen es letztlich dazu gibt, wie man eine Stadt formen sollte. Doch wenn Leute Ideen haben, die zu funktionieren scheinen, verbreiten sich die wie Lauffeuer rund um die Welt. Bilbao erfindet sich radikal neu, baut ein Guggenheim Museum - und plötzlich wollen alle neue Landmarks. Der Bürgermeister Londons führt eine erfolgreiche City-Maut ein, also will das der Bürgermeister in New York auch. Es hat den Anschein, als wären wir hungrig nach Ideen, und die Städte brauchen tatsächlich Lösungen und Antworten.“

Heikle Planung

Eine der Fragen, die beantwortet werden muss, ist beispielsweise die der sogenannten „Informal Settlements“, also jener Stadtteile, die von neuankommenden Bewohnern in atemberaubender Geschwindigkeit und scheinbar unstrukturiert hochgezogen werden. Die Arroganz der reichen Welt missversteht diese Stadtteile oft als Slums, in denen das Verbrechen, und sonst gar nichts daheim ist. Burdett: "Unangenehmerweise gibt es das weitverbreitete Vorurteil, das Informelle gehe Hand in Hand mit Kriminalität, und alle illegalen Taxifahrer in Mexiko-Stadt würden ununterbrochen auch mit Drogen dealen - doch das ist absolut nicht der Fall. „Viele Beispiele haben, ganz im Gegenteil, gezeigt, dass sich gerade Informal Settlements schneller in Städte integrieren als Wohnblockghettos und sich zu vitalen, prosperierenden Vierteln entwickeln können.“ Sudjic: „Noch in den 60er-, 70er-Jahren hat man informelle Strukturen als halblegale Außenstädte betrachtet, als großes Problem, das in irgendeiner Weise gelöst werden müsse. Doch mittlerweile weiß man, dass diese Gebilde den Menschen nicht nur Lebensraum geben, sondern tatsächlich wie Maschinen funktionieren, die ganz Arme zu nicht ganz so Armen machen“.

Für die ungeplanten Zuwanderer zu planen, sagt Burdett, sei eine heikle Angelegenheit und produziere oftmals nur größeres Elend: „Wir können heute diese Siedlungen nicht mehr abreißen, wie wir es noch vor hundert Jahren beispielsweise in Manchester getan haben. Die Lösung besteht vielmehr darin, auf sensible Art und Weise einzugreifen, die Lebens- und Arbeitsbedingungen vor Ort zu verbessern und die Strukturen so zu stärken, dass sich diese Systeme selbst regulieren können.“

Was erwarten sich die Herausgeber von Urban Age und der nun vorliegenden Publikation? Deyan Sudjic ist zuversichtlich: "Das Wichtigste und Spannendste ist es, in den jeweiligen Städten all jene zusammenzubringen, die für Planung, für das politische System, die Architektur, die ökonomische Seite und all die Zwischenräume mitverantwortlich sind und damit die unterschiedlichen Standpunkte und Interessenlagen zu vereinen. Das ist ein mächtiges Virus, das sich ausbreiten wird. Ich denke, das ist exakt der Geist, der die Arbeit von ,Urban Age' trägt. Hin und wieder erscheint ein Buch, das die Sichtweise der Menschen ändern kann. Ich glaube wirklich, dass „The Endless City“ wieder einen Wendepunkt im Denken markieren kann."

[ „The Endless City“, € 59,95 / 512 Seiten, Verlag Phaidon, Berlin 2008 ]

15. März 2008 Der Standard

Wozu den krummen Weg gehen?

Der Entscheid des Bundesvergabeamtes in Sachen ÖBB-BahnhofCity betrifft auch eine Vielzahl anderer Unternehmen - wenn man sich denn an Gesetze halten will. Eine Analyse zur Vergabekultur

In der heimischen Architektur- und Bauszene rumpelt es derzeit mächtig, es scheinen neue Zeiten anzubrechen. Kurz zum Anlassfall:
Vergangene Woche hebelte das Bundesvergabeamt auf Antrag von insgesamt 49 nationalen und internationalen Architektinnen und Architekten den von der ÖBB veranstalteten, lediglich auf acht Teilnehmer reduzierten Architekturwettbewerb BahnhofCity auf dem Areal des ehemaligen Südbahnhofs in Wien mit eindeutigem Entscheid aus.

Die Begründung lautete: Auch die ÖBB-Immobilienmanagement GmbH, eine Tochtergesellschaft des Konzerns, die sich selbst gern als privatwirtschaftlich agierendes „Enkerl“ der Republik bezeichnet, ist als öffentliche Auftraggeberin an das Bundesvergabegesetz gebunden und muss daher, wie gesetzlich vorgesehen, einen europaweit öffentlichen Architekturwettbewerb veranstalten.

Das Einzige, was an diesem seit Wochen mit enormer Spannung erwarteten Entscheid erstaunt, ist das zum Teil ungläubige Erstaunen, das er nun auslöst.

Diese Verwunderung darüber, dass eine Gesellschaft, die eindeutig zu hundert Prozent im Eigentum des Bundes steht, sich halt auch eindeutig an das Bundesvergabegesetz zu halten hat, was nun richterlich beschieden wurde, lässt zwei Schlüsse zu.

Erstens: Gegebenenfalls hat man seitens der Wettbewerbsauslober, um es vorsichtig auszudrücken, die sachliche Unabhängigkeit und politische Neutralität der Instanz Bundesvergabeamt doch ein wenig unterschätzt und bis zuletzt an eine schwammigere Bereinigung der leidigen Angelegenheit quasi unter Freunden geglaubt.

Zweitens: Das Bundesvergabegesetz wird anscheinend von breiten Teilen öffentlicher Auftraggeber ohnehin lediglich als sportliche Hürde betrachtet, die nur dazu da ist, mehr oder weniger elegant übersprungen zu werden.

Denn die ÖBB ist mit ihrem Versuch, die BahnhofCity unter von ihr ausgewählten Architektennamen zu vergeben, beileibe kein Einzelbeispiel. In den vergangenen Jahren haben ähnlich konstruierte Tochtergesellschaften öffentlicher Unternehmen in Ländern und Gemeinden, zwischen Vorarlberg und dem Burgenland, mit einer an Unverfrorenheit grenzenden Selbstverständlichkeit das Vergabegesetz immer wieder umgangen - und außer höchstens hinter vorgehaltener Hand vorgebrachtem Murren innerhalb der Architektenschaft hat sowieso keiner etwas dazu gesagt.

Wo kein Kläger, da kein Richter

Denn: Wo kein Kläger, da kein Richter. Und wenn keiner mit Kapperl, Blaulicht und Strafbefugnis am Straßenrand steht und die Raser einbremst, sind alle bald fröhlich mit 180 unterwegs, und diejenigen, die sich an die einer logischen Sinnhaftigkeit ja verpflichtete Verkehrsordnung halten, stehen irgendwie blöd da.

Im Falle des ungleich komplizierteren Spiels Wettbewerbswesen ist jedoch bis auf die Bundesvergaberichter keine Sheriffflotte weit und breit unterwegs, die für eine allseitige Einhaltung der geltenden Rechtsordnung sorgen könnte. Auch scheint es zynisch, dass die Vergaberichter überhaupt erst nach Aufforderung prüfend aktiv werden dürfen.

Die Architekten- und Ingenieurkammer als jene Instanz, die den besten Überblick haben müsste, ist selbst nicht einmal dazu befugt, das Bundesvergabeamt mit der Überprüfung fragwürdiger Verfahren zu bemühen. Und von den Planern und Planerinnen, die dazu sehr wohl berechtigt sind, schlägt niemand den Weg in die Vergabebehörde gern und leichtherzig ein.

Erstens ist eine Eingabe schon zu Beginn mit erheblichen Kosten verbunden, zweitens handelt man sich als potenzieller Geschäftspartner logischerweise nur ungern den Ruf eines aufsässigen Querulanten bei den Baugelderverwaltern ein.

Doch das könnte sich nun, da der Präzedenzfall endlich ausjudiziert und das Ergebnis schwarz auf weiß für jedermann nachzulesen ist, ändern.

Das Betätigungsfeld ist groß: Von den Landesimmobiliengesellschaften über die entsprechenden immobilienverwaltenden Gemeindegesellschaften, von Krankenhausbauern, Sozialversicherungsträgern, Asfinag bis hin zur Wienholding - all diese Unternehmen agieren mit öffentlichen Geldern und dürften künftig, so sie nicht ohnehin vorbildlich handeln, was ja auch vorkommt, verstärkt damit befasst sein, das Bundesvergabegesetz doch etwas genauer zu studieren.

Die Bundesimmobiliengesellschaft hat als eines der größten dieser Unternehmen jedenfalls zuletzt im Standard bereits klar deklariert, wie gehabt das Instrument des öffentlichen Wettbewerbes selbstverständlich weiterhin zum Einsatz bringen zu wollen.

Möge diesem Beispiel auch von anderer Seite Folge geleistet werden.

Die Geldsummen, die bei genauer Einhaltung der Gesetzeslage via ordentlich administrierte Verfahren vergeben werden müssten, lassen sich nur schwer beziffern, es handelt sich jedoch in jedem Fall um sehr viel. Im Kapitel „Volkswirtschaftliche Bedeutung der baukulturellen Qualifizierung - Zahlen/Daten/Fakten“ des im Vorjahr präsentierten Baukulturreports steht jedenfalls als Messlatte nachzulesen:

„Derzeit wird nur mehr rund die Hälfte der Infrastrukturinvestitionen innerhalb des Sektors Staat durchgeführt, die andere Hälfte bereits außerhalb der öffentlichen Budgets durch Sondergesellschaften, PPP-Modelle oder andere neue Finanzierungsformen.“ Und: „Die Investitionen der ausgegliederten Gesellschaften sind von 1843 Millionen Euro im Jahre 2000 auf 2725 Millionen 2005, oder um die Hälfte innerhalb von fünf Jahren gestiegen.“

Die Bruttoinvestitionen des Staates inklusive Ausgliederungen betrugen im Jahr 2005 laut Finanzministerium 5509 Milliarden Euro. Für dasselbe Jahr listet die Architektenkammer insgesamt 134 Wettbewerbe auf, von denen gerade einmal 75 „betreut“ waren, also gegebenenfalls (!) nach Bundesvergabegesetz veranstaltet wurden.

Das deutet doch auf eine massive Schieflage hin. Warum sie besteht, lässt sich relativ leicht erklären, und es gibt gleich mehrere Gründe dafür:

Abgesehen von jenen Entscheidungsträgern, die ganz bewusst offene Wettbewerbe umgehen, gibt es jede Menge andere öffentliche Bauherren, die schlichtweg keine Ahnung von der Materie haben. Wer nicht ständig mit Architektur, Vergabe und Bauen zu tun hat, ist naturgemäß völlig überfordert, wenn ein größeres Gebäude zur Errichtung ansteht. Dieses Los trifft etwa Bürgermeister, die Schulen, Gemeindezentren et cetera als oberste Bauinstanz zu verantworten haben.

Wenn eine Gemeinde nicht durch glückliche Fügung einen baukulturaffinen Häuptling hat, wird die Angelegenheit bereits ein wenig kritisch.

Und: Das Vergabewesen ist eine komplizierte Materie, in der sich nur wenige Experten wirklich gut auskennen. Um einen Wettbewerb gut und wasserdicht auszuschreiben und zu administrieren, bedarf es exzellenter Fachleute. Ein guter Verfahrensbetreuer muss sowohl exakt über die unterschiedlichen Paragrafendschungel der Vergabegesetze und der Wettbewerbsordnung Bescheid wissen als auch über die räumlichen und funktionalen Bedürfnisse der späteren Gebäudebenutzer sowie deren Übersetzung in dreidimensionale Formen, sprich in Architektur.

Von solchen Experten, die letztlich zu den wichtigsten Bauherrenberatern gezählt werden können, gibt es hierzulande nur eine Handvoll.

Bleibt noch die Frage offen, warum sich diejenigen, die es eigentlich besser wissen müssten, vor öffentli- chen Ausschreibungen zieren. Ihre Argumente sind immer dieselben: EU-weite Wettbewerbsverfahren seien teuer, sie würden zu lang dau- ern und die großen „Namen“ der Architektur würden sich an solchen Verfahren sowieso nicht mehr beteiligen.

Jeder einzelne Punkt ist widerlegbar. Die Wettbewerbsvorbereitung ist für geladene und öffentliche Verfahren gleich aufwändig, wenn man sie ernstnimmt, was man tunlichst sollte, denn mit der Ausschreibung bestimmt der Auftraggeber den genetischen Code und damit auch die Qualität des architektonischen Entwurfs, den er bekommen wird.

Bei professioneller, straffer Organisation sind öffentliche Verfahren auch bei Einhaltung aller Fristen rasch abhandelbar. Und auch namhafte Büros scheuen sich keineswegs, an seriösen Wettbewerben teilzunehmen.

Des Weiteren lässt das Bundesvergabegesetz die Möglichkeit des Bewerbungsverfahrens offen, mit dem die Bauherrschaft den Kreis der wirklich zu jurierenden Projekte ohnehin eingrenzen kann.

Intelligenz, Know-how, Sorgfalt

Würden tatsächlich alle infrage kommenden Gebäude öffentlich ausgeschrieben, so würde sich auch die derzeit mitunter absurd hohe Teilnehmerzahl pro Wettbewerb reduzieren, weil sich nicht alle Architekturbüros kollektiv auf wenige Verfahren stürzen müssten, wie das derzeit der Fall ist.

Zuletzt aber noch eine Klarstellung: Wettbewerbeveranstalten allein ist noch kein Garant für gute, nachhaltige, menschenwürdige Architektur. Man kann auch die schleißigsten Verfahren gesetzestreu ausloben, aber warum sollte man? Bauen kostet viel Geld. Je intelligenter, sorgfältiger und weitsichtiger es in Architektur angelegt wird, desto besser. Warum sich der Möglichkeit begeben, das Know-how der gesamten europäischen Architekturlandschaft anzuzapfen?

Das Bundesvergabegesetz wird von breiten Teilen öffentlicher Auftraggeber lediglich als sportliche Hürde betrachtet, die nur dazu da ist, mehr oder weniger elegant übersprungen zu werden.

16. Februar 2008 Der Standard

Licht und Schatten

Die Moderne Tel Avivs ist nichts Geringeres als eine architektonische Sensation. Wer noch nicht dort war, kann sich nun anhand einer Ausstellung im Wiener Architekturzentrum davon überzeugen

Diese Stadt ist eine einzige eigenartige, bittersüße Zeitreise für architekturgeschulte Menschen, gerade wenn sie aus Wien kommen. Die Häuser. Die Menschen. Die Geschichte - und die Geschichten dazwischen.

Man schlendert über die Boulevards, vorbei an lila Wolken blühender Bougainvilleahecken - und dahinter sieht man die von der Mittelmeersonne rasierklingenscharf in Licht und Schatten geschnittenen weißen Fassaden einer Moderne in den blauen Himmel ragen, wie wir sie hierzulande nur aus den Architekturgeschichtsbüchern kennen. Ein nicht enden wollender Genuss. An jeder Straßenkreuzung, in jeder Gasse eine neue kleine architektonische Sensation aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Stünde nur eines dieser Häuser in Wien - man würde ihm huldigen und es zu einem Museum, zu einer architekturtouristischen Ikone machen. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht wäre man selbst heute noch zu blöd dazu.

Liegt es an der eigenen Ignoranz, dass man von der Existenz dieser israelischen Bauhaus-Moderne erst seit ein paar Jahren überhaupt Kenntnis hat?

Sicherlich. Oder haben wir das andererseits schlichtweg nicht gelernt, damals an der Uni, zwischen Corbusier, Gropius und Bauhaus Weimar, Bauhaus Dessau? Eine heikle Frage, und sie wäre weniger heikel, läge Tel Aviv beispielsweise in Südafrika und nicht in Israel.

Eines der vielen Straßencafés von Tel Aviv. Eine lustige alte Dame, klein und dick und mit Goldrandbrille. Nur eine von vielen Zufallsbekanntschaften in dieser kommunikationsfreudigen Stadt. Nach einer Viertelstunde fließt das Englische plötzlich ins Wienerische - Vienna? Oh! Sie kommen aus Wien! Dort komm ich auch her. Aus dem achten Bezirk.

Ein altes Haus, eine große Wohnung und die hohen Flügeltüren zwischen den Zimmern, das Rattern der Straßenbahn draußen, der Kastanienbaum vor dem Fenster, daran wird man sich immer erinnern.

Was ist Architektur? Die brillan-ten Formen- und Materialspielerei-en räumlich ausnahmetalentierter Selbstvermarkter, mit deren Hochglanzabbildern wir heute ununterbrochen optisch gespeert werden - so lange, bis vor lauter Speerlöchern kein Inhalt mehr zu sehen ist?

Oder ist Architektur tatsächlich viel mehr - ein Stück Erinnerung, ein Teil der eigenen oder gar nationalen Existenz, etwas, das die Menschen, die darin leben, mitformt und dauerhaft prägt.

Architektur für ein Kollektiv

Oder, im besten Fall, eine kollektive Angelegenheit, und die Kunst, große Mengen verschiedenster Materie zu einem logischen, zusammenhängenden Stadtgebilde zu formen, in dem Menschen, ihren menschlichen Bedürfnissen entsprechend, leben können? Offene Räume, geschlossene Räume. Räume der Bewegung, des Aufenthalts, des Konsums, der Kommunikation, der Stille. Räume für ganz Junge und ganz Alte, für jene, die arbeiten und für jene, die miteinander oder allein ihre Freizeit verbringen.

Angesichts der vielschichtigen Architektur der Moderne Tel Avivs beginnt man jedenfalls wieder einmal zu grübeln, welch seltsame Richtungen die Kunst des Bauens mitunter eingeschlagen hat, seit gemeinsame Zielrichtungen verlorengingen. Etwa jene, die doch irgendwann einmal den Menschen ins Zentrum gestellt hatten.

Wie es zum Beispiel Tel Avivs erster Bürgermeister Meir Dizengoff tat. Ab 1911 war er hier der oberste Stadtplaner, später Bürgermeister bis zu seinem Tod im Jahr 1937. Er beauftragte 1925 den schottischen Biologen und Stadtsoziologen Patrick Geddes damit, einen städtebaulichen Masterplan für die extrem schnell wachsende Siedlung am Mittelmeerstrand zu erstellen.

Die deutsche Kunst- und Architekturhistorikerin Ita Heinze-Greenberg schreibt im Katalog zur Tel-Aviv-Ausstellung, die ab kommender Woche im Wiener Architekturzentrum zu sehen ist: „Wichtigste Charakteristika seines Bebauungsplans waren ein fein abgestimmtes, hierarchisch gestuftes Straßennetz, das von breiten Hauptstraßen bis zu ruhigen Wohnstraßen reichte, sowie die Einführung sogenannter Home-Blocks. Innerhalb dieser (...) befanden sich halböffentliche Einrichtungen wie Kindergärten oder Waschräume sowie gemeinschaftliche Grünanlagen. Rasen-, Tennis- oder Spielplätze sollten durch rosen- und weinüberwachsene Passagen miteinander verbunden werden. Diese über Nachbarschaftseinheiten geschaffene soziale Infrastruktur machte sicherlich die Stärke des Geddes-Plans aus.“

30.000 Einwohner zählte damals die in den 1880ern gegründete Siedlung, die ab 1909 Stadt war, und sie wuchs rasch. Für 100.000 Einwohner plante Geddes, doch schon 1935 siedelten 120.000 Menschen hier. Heinze-Greenberg: „Unter den aus Mitteleuropa, hauptsächlich Deutschland, stammenden Einwanderern befanden sich auffallend viele - meist junge - Architekten.“ Und viele von ihnen hatten an den besten Architekturschulen Europas ihr Handwerk gelernt.

Die unzähligen Baustellen Tel Avivs wurden ab den späten 20er-Jahren zu Experimentallabors für diese junge Architektengarde, und in einem neuen Klima und unter völlig neuen kommerziellen und politischen Bedingungen entstand eine ganz eigene Architektur der Moderne.

Fast alles davon ist erhalten, rund 4000 Gebäude, und die bilden das Fleisch dieser Stadt. Die klare, unerhört elegante Architektursprache des Bauhaus wandelte sich hier zu ei-nem eigenen mediterranen Dialekt. Schnurgerade Balkone, eingeschnittene oder ausgestülpte Stiegenhäuser, Kuben und Zylinder - gemeinsam mit klug dimensionierten Vorgärten und Höfen, mit Durchgängen und Durchblicken, die oft unter aufgestelzten Hausteilen durchführen, bilden all diese Elemente ein großes, lebenswertes Ganzes.

Jeremie Hoffmann, Direktor des Denkmalamts von Tel Aviv, meint, dass diese Klarheit der Architektur oftmals als Ausdruck der Befreiung der neuen Siedler von der traditionellen jüdischen Lebensweise interpretiert werde, als Symbol eines Bruchs mit der Vergangenheit und als Manifest des Aufbruchs in eine neue Gesellschaft. Doch nicht alle Israelis stehen oder standen solchen Ansichten stets ausschließlich positiv gegenüber.

Unesco-Weltkulturerbe

Nichtsdestotrotz: Nachdem die weiße Stadt Tel Aviv ihr Erbe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lange genug vernachlässigt hatte und die Mauern zu bröckeln begannen, besannen sich vor allem lokale Künstler und Architekten ab den frühen 80er-Jahren langsam wieder der Architektur und machten deren Bedeutung schrittweise auch öffentlich zum Thema. Ausstellungen wurden organisiert, Symposien veranstaltet, Forschungsgruppen installiert.

Im Jahr 2003 wurde die „White City of Tel Aviv“ schließlich in die Unesco-Liste des Weltkultur- und Naturerbes der Menschheit aufgenommen. Das gesamte Areal umfasst rund 140 Hektar im Stadtzentrum, der Großteil der Häuser stammt aus den Jahren zwischen 1930 und 1948. Ein umfassender Sanierungsplan reguliert die seit einigen Jahren laufenden Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten. Es ist wieder schick geworden, im alten Zentrum Tel Avivs zu wohnen.

Doch die Stadt wächst weiter, und die Business-Hochhäuser rücken in bedrohliche Nähe. Es wird wieder einer kollektiven Anstrengung und wieder einer neuen Bewusstseinsbildung bedürfen, um die nächste Gefahr abzuwenden.

19. Januar 2008 Der Standard

„Klare Entscheidung wäre ein Erdbeben“

Ende Februar soll ein Urteil zum Wettbewerb für die ÖBB-Bahnhof City gefällt werden, bis dahin ruht das Verfahren - eine Expertenrunde

Der Wiener Hauptbahnhof sorgt bereits für Aufregung, bevor noch mit dem Bau begonnen wurde. Der STANDARD lud vier Experten ein, um über die Auswirkungen dieses spektakulären Aufbegehrens der Architekten gegen den Trend, Wettbewerbe in geladener Form zu organisieren. Ute Woltron moderierte.

STANDARD: Was bedeutet die Vergabeamtsentscheidung für die gesamte Bauszene?

Walter Stelzhammer: Im Moment warten alle wie gebannt darauf. Die Entscheidung ist für den gesamten Berufsstand ungeheuer wichtig. Sie wird nicht nur die Position der ÖBB, sondern aller öffentlichen Auftraggeber neu definieren.

Christoph Stadlhuber: Egal wie die Entscheidung fällt, die BIG wird weiterhin öffentlich ausschreiben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir über offene EU-weite Wettbewerbe die besten Ergebnisse bekommen.

Adolf Krischanitz: In Österreich gab es immer eine hochstehende Wettbewerbskultur, und es ist problematisch, wenn sich der öffentliche Bauherr verstärkt über Abwicklungsgesellschaften aus diesem System herausnimmt. Der Architektenberuf ist ohnehin einer der existenziell problematischsten überhaupt. Für Jüngere ist es extrem schwierig, zum Zug zu kommen. Der Wettbewerb ist das Mittel, um an öffentliche Aufträge heranzukommen.

Sabine Gretner: Die Auswirkungen werden enorm sein. Das ÖBB-Verfahren zeigt die Haltung der öffentlichen Hand gegenüber der Baukultur und ihren Rückzug aus der Verantwortung.

STANDARD: Warum ist die EU-weite Ausschreibung offenbar ein Schreckgespenst für manche Bauherren?

Stelzhammer: Man hat Angst, die falschen Preisträger zu kriegen.

Krischanitz: Das kommt aus dem Omnipotenzanspruch gewisser Bauherren, die jedes Risiko, auch im Positiven, ausschließen wollen: Es könnte ja ein Projekt dabei sein, mit dem kein Mensch rechnet, das aber trotzdem irrsinnig klass ist. Die versuchen die Ergebnisse von Beginn an so hinzubiegen, dass es ihnen in den Kram passt.

Gretner: In der Stadt Wien arbeitet man in den letzten Jahren zudem stark mit Branding. Dazu braucht man internationale Namen, weil man Stadtteile besser verkaufen kann, wenn der Masterplan von Norman Foster stammt, auch wenn der nicht realisierbar ist.

Stadlhuber: Die Gefahr bei geladenen Wettbewerben besteht auch darin, dass in der Jury eher darüber diskutiert wird, welcher Architekt genommen werden soll, als welches Projekt. Aber eben das Projekt sollte im Vordergrund stehen, nicht die Planer.

STANDARD: Welche Institutionen wird die Entscheidung betreffen?

Gretner: Es gab allein in Wien in den vergangenen Jahren viele Ausgliederungen. Eine klare Entscheidung wäre ein Erdbeben!

Stadlhuber: Es wird den gesamten öffentlichen Bau in Österreich betreffen. Es gibt kaum mehr Gebietskörperschaften mit Liegenschaftseigentum. Die sind meistens in BIGs, LIGs und GIGs - Bundes-, Landes- und Gemeindeimmobiliengesellschaften - ausgelagert.

STANDARD: Von welchem unter Umständen betroffenen Bauvolumen reden wir eigentlich?

Stelzhammer: Von Milliarden.

Krischanitz: Viel auf jeden Fall. Doch komischerweise sind Gesamtbaukosten meistens weit weniger interessant als Architektenhonorare. Tatsächlich ist das momentane Wettbewerbssystem selbstausbeuterisch bis zum Exzess. Im Schnitt muss man zehn Wettbewerbe machen, bevor man einen gewinnt, und die muss man alle finanzieren. So kommst du als Architekt nie zu Rücklagen, weil du sofort wieder alles in Wettbewerbe investieren musst. Diese Basis wird durch geladene Verfahren noch einmal verschlechtert, und insofern glaube ich, dass es nur mehr Wahnsinnige sind, die diesen Beruf ausüben.

STANDARD: Welche Wettbewerbsart ist dann eigentlich anzustreben?

Krischanitz: Offene Wettbewerbe mit vorgeschalteter Bewerbung, die Jury kann entscheiden, wer mitmacht, und automatisch wird ein gewisser Prozentsatz von Jungen automatisch einbezogen.

Stelzhammer: Die ÖBB hätte wie die Erste Bank am Nachbargrundstück genau so ein Verfahren mit vorgeschalteter Bewerbung ausloben können. Warum hat sie das nicht getan?

STANDARD: Kluge Bewerbungsverfahren sind also die Lösung, die erfordern allerdings bewusste Bauherren, die ihre eigenen Kriterien definiert haben.

Krischanitz: Exakt. Über die Nachhaltigkeit von Gebäuden wird kaum geredet, das wird dann halt irgendwie gemacht. Aber das ist zu kurz gedacht.

Gretner: Noch dazu in einer Zeit, in der die Betriebskosten heftig steigen.

Stelzhammer: Das Wettbewerbssystem wäre ja an sich brauchbar, und es soll auch dem Auftraggeber vorbehalten bleiben, welche Verfahrensart er wählt. Das Bundesvergabegesetz bietet den Handlungsspielraum, aber wir Architekten müssen mitreden können, wie weit der geht. Manche Anwaltskanzleien haben sich geradezu auf diese Zwischengrauzonen spezialisiert und reizen sie bis zum Letzten gegen die Architektenschaft und die Architektur aus.

Krischanitz: Mir kommt vor, dass man in Österreich, aber auch in Deutschland etwas hinten ist. Schweizer Ausschreibungen sind wesentlich präziser. Hierzulande sitzen auch in der Jury oft Leute, die sich nicht genug auskennen. Es ist alles ein bisschen schlampig geworden in Österreich: Man weiß eh, wen man einlädt, und möglicherweise auch, wer gewinnen soll. Das ist ein übler Umgang mit Ressourcen, der aber für uns Architekten ganz entscheidend ist. Die Wettbewerbskultur braucht wieder eine Aufwertung.

Gretner: Es geht aber auch um den enormen Wert von guter Architektur für die Allgemeinheit. Architekten werden immer noch zu sehr als Künstler gesehen, doch was Architektur und Städtebau für uns alle bedeutet, darüber herrscht zu wenig Aufklärung.

Stadlhuber: Noch eine Frage: Warum unterscheidet man überhaupt so extrem zwischen Öffentlichen und Privaten? Gerade das aktuelle Beispiel BahnhofCity zeigt an einem Standort, dass ein privates Unternehmen, die Erste Bank, einen öffentlichen Wettbewerb veranstaltet, aber ein - gegebenenfalls - öffentliches Unternehmen umgeht das. Ich hoffe, dass die nun entbrannte Diskussion zu einem Plädoyer für den offenen Wettbewerb führt. Das sollten dann tunlichst auch die Privaten erkennen. Die Erkenntnis, dass der sinnvoll ist, muss greifen, denn durch Zwang allein kommt nie was Ordentliches zustande.

STANDARD: Die ausgegliederte BIG gilt immer noch als „Staatsmacht“ des Bauens, sie muss aber privatwirtschaftlich agieren und Geld verdienen. Inwieweit hat sie das Backing ihres Eigentümervertreters, des Wirtschaftsministers, die Baukultur über offene Wettbewerbe hochzuhalten?

Stadlhuber: Das ist absolut kein politisches Thema. Wir müssen das Geld, das wir ausgeben, zurückverdienen, und wenn's geht ein bisschen mehr dem Finanzminister abliefern. Da wehren wir uns nach Möglichkeit, weil wir das Geld in der Immobilie, im Bestand zu halten versuchen. Die Argumente könnten bei der BIG allerdings die gleichen sein wie bei den ÖBB. Denn wenn wir mit unseren Mietpreisen mit der Konkurrenz nicht mithalten können, geht der Mieter woanders hin.

STANDARD: Erbringt das den Beweis, dass es mit offenen Wettbewerben genauso möglich ist, wirtschaftlich zu agieren?

Stadlhuber: Ganz sicher. Was das Verfahren anlangt, hoffe ich jetzt auf eine rasche Entscheidung, die nicht in die Instanzen geht.

Gretner: Ich will die Politik aber keinesfalls aus der Verantwortung nehmen. Dieses Verfahren übt erstmals wirklich Druck aus. Jetzt wird mit juristischen Mitteln über Bauqualität entschieden.

Stelzhammer: Meine Botschaft an Stadtrat Schicker, der sich ja aus der Jury zurückgezogen hat, lautet: Wenn er nun die rechtskonforme Ausschreibung unverzichtbar nennt, dann ist für mich als Standesvertreter klar, dass er sich ab sofort hundertprozentig für die Sache einsetzen wird. Ich fordere ihn daher auf, das im Rahmen dieses Nachprüfungsantrages zum ÖBB-Verfahren auch zu tun.

Krischanitz: Neben all den juristischen Spitzfindigkeiten gibt es eine moralische und kulturelle Verantwortung - und da frage ich mich, wie so etwas überhaupt passieren kann.

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag