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    Nach? Haltig?
    Spectrum

    Das Haus von morgen wird ein intelligentes Haus sein, reaktionsfähig gegenüber äußeren und inneren Einflüssen. Und am Ende seiner Lebenszeit werden wir nicht vor einem Haufen Sondermüll stehen. Nachhaltigkeit: über Gegenwart und Zukunft einer Vision.

    06. November 2010 - Roland Gnaiger

    Egal ob Person oder Sache – ein untauglicher Name schwächt gleich einem Mühlstein um den Hals. Nachhaltigkeit, als Begriff eine Krücke und als Wort ein Bastard, beschädigt sich – nachhaltig – selbst. In einer Zeit bedingungsloser Zukunftsfixierung, in der die VORreiter und VORdenker zählen, ist „NACHhaltig“ ein untaugliches Vehikel. Und dann noch Teil zwei des verunglückten Wortpaares: „Beständig“ könnte noch etwas vom Geist des Anliegens treffen, aber „haltig“? Halten? Anhalten, festhalten – mehr Indiz für Angst und Kontrollverlust anstatt Vertrauen.

    Da kann nur noch die Sache helfen: Nachhaltig sind Systeme oder Handlungsweisen (Bauweisen), wenn sie sich – auch aus zeitlich und räumlich und thematisch größerer Distanz – als richtig, nützlich, hilfreich erweisen. So weit meine Definition.

    Die Grundlagen von Nachhaltigkeit sind Vorausschau, Vorstellungskraft und vernetztes Denken, gepaart mit Vernunft, Verständnis und Verantwortung. Alle diese V-Wörter und V-Tugenden, die schon immer zur Grundausstattung zivilisierter, entwickelter Gesellschaften gehörten, vermögen – einzeln oder vereint – das Unwort N spielend zu ersetzen. Nochmals kürzer gefasst: „N“ ist praktizierte Fantasie, Intelligenz und gelebtes Mitgefühl (Empathie).

    Ich möchte mit der Energiethematik als dem klassischen Einstieg in die Nachhaltigkeitsdebatte beginnen: Einer ziemlich zuverlässigen Faustformel gemäß lässt sich unser Energiebedarf auf drei Bereiche mit etwa gleich großem Anspruch aufteilen: ein Drittel der Energie für die Produktion, ein Drittel für den Verkehr und ein weiteres Drittel für unsere Haushaltung. So wie auf den letzten Faktor – den Betrieb der Häuser – im weitesten Sinne die Architektur Einfluss nimmt, so gilt dasselbe für die Raumordnung in ihrer Zuständigkeit für den Verkehr – insofern, als der Verkehr weitgehend ein Sachzwang ist, den unsere Raumordnung zu verantworten hat.

    Funktionen und Dinge, die wir vorerst getrennt haben, werden mittels Personen- oder Gütertransport wieder verbunden. Arbeiten, Wohnen, Freizeit oder etwas detaillierter: Alle unsere Lebensvollzüge wie Schlafen, Arzt- und Schulbesuch, Sozialkontakte und Einkauf müssen so wie religiöse und kulturelle Aktivitäten wieder aufwendig vernetzt werden. Wer seiner Traumvorstellung vom Wohnen in einsamer Landlage folgt, wird für die Besorgung einer Glühbirne oder einer Packung Milch ins Auto gezwungen. Unsere Funktionsteilung ist Ausdruck eines obsoleten Lebensmodells, das mit der ausgehenden Industrieepoche seinen Sinn längst verloren hat.

    Unterzieht man (nach dem Haushalt und dem Verkehr) als Drittes auch den Energiebedarf des Sektors Produktion einer Untersuchung, dann sieht die Bilanz nicht viel anders aus. Ein sicheres Drittel bis die Hälfte unserer Erzeugnisse ist auf Bauen und Wohnen selbst gerichtet, auf die Erstellung der Infrastrukturen (Wege, Straßen, Energie- und andere Ent- und Versorgungen), auf den Verkehr sowie alle Maschinen und Geräte, die Häuser, Siedlungen und Städte in Gang setzen und in Gang halten.

    Trotz der vorläufigen Beschränkung auf den Energieaspekt wird deutlich, wie wirkungsmächtig und folgenreich die dem Bauen zugrunde gelegten Konzepte sind, und zweitens, wie breit diese in alle Gesellschafts- und Lebensbereiche hineinwirken. Es geht um nichts weniger als um die Organisationsform der Gesellschaft und unseres Zusammenlebens, die Produktion und die Verteilung von Gütern, Energie und Dienstleistungen, die räumlichen und funktionalen Strukturen des Siedelns und der Städte. Es geht auch um das Haus als Element der Stadt oder Siedlung, um den Organismus der Häuser, deren Intelligenz und Reaktionsvermögen sowie um deren Beziehungsfähigkeit, die darüber entscheidet, ob Siedlungen oder Zersiedlungen entstehen. Es geht beim Bauen um den Umsatz riesiger Materialmengen, um deren Aufbereitung und Entsorgung. Und es geht um Arbeitsplätze und in allen genannten Bereichen um enorme soziale und ökonomische Implikationen.

    Nicht zuletzt geht es auch um unsere Selbstbehauptung und Darstellung in der Welt, um Kultur und Ästhetik und die damit verbundenen Sinnfragen. Somit verkennt die nicht unwichtige, aber zu Unrecht beherrschende Fixierung der Bauwirtschaft auf den Wärmeschutz und die Fassadendämmung gänzlich die Dimension des Themas. Im Mai 2009 wurde von Wolf Prix eine Dankesrede für eine Breitseite gegen die Nachhaltigkeit genutzt. Mit der Formel „Architekten in gedämmter Isolierhaft“ hat er die architekturinterne Betonung von Nachhaltigkeit gegeißelt – und hatte teils recht damit. Allerdings mit dem Problem, dass er das Thema ähnlich verkürzt und verkennt wie die von ihm Kritisierten.

    Ohne die Kultur als vierte Säule bleibt das Projekt Nachhaltigkeit ein Fragment und seine Vermittlung hinein in die Welt der Kultur- und Architekturschaffenden eine nicht lösbare Aufgabe. Alles, was nur aus Vernunft, ohne Begeisterung, ohne Anmut und – sagen wir es ruhig – ohne Schönheit geschieht, wird sich schwer oder gar nicht durchsetzen. Im „wirklichen Leben“ zählen Emotionen mehr als Vernunft. Design sticht Ökologie, die Form den Inhalt. Die Alternative „Nachhaltigkeit oder Ästhetik“ ist absurd, ahistorisch und fantasielos.

    Es ist ein monströses Missverständnis, wenn von Kritikern der Nachhaltigkeit die vorzüglichsten Beispiele eines nachhaltigen Bauens gegen die Nachhaltigkeit selbst ins Feld geführt werden. Stephansdom, Burgtheater, Semperdepot, Looshaus – diese Ikonen unserer Baukunst sind allesamt auch Dokumente der Nachhaltigkeit. Ich verdächige den Stephansdom, Österreichs nachhaltigstes Bauwerk zu sein. Seine kulturelle Bedeutung und künstlerische Qualität bedürfen keiner weiteren Legitimation. Seine ökonomischen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeitsaspekte sind eine reine Draufgabe (ein ökonomischer Dauergewinn, ein sozialer Brennpunkt von phänomenaler Langlebigkeit und Symbolkraft, bestens öffentlich angebunden, ökologisch unbedenklich – von welchem Bauwerk wäre das noch zu sagen?).

    Am Beispiel von vier Schwerpunktthemen will ich auf Szenarien und erforderliche Schritte eingehen:

    1. Siedlungsmodelle. Unsere viel kritisierten ländlichen und stadtperiphären Siedlungskonzepte und Wohnmodelle stehen vor ihrem definitiven Ende. Es ist noch ungewiss, ob aufgrund rapid steigender Energiekosten, wegen erschöpfter Gemeindebudgets oder aufgrund ausgenüchterter Träume der betroffenen Bewohner. Diese finden sich zunehmend in Altersghettos wieder, in sozial und funktional verarmten Siedlungen ohne räumlichen und künstlerischen Wert. Die funktionale Lebensdauer der einst maßgeschneiderten Häuser ist am Ende, die ästhetischen Leitbilder haben sich aufgebraucht. Der in Folge eintretende monetäre Wertverfall und das damit verlorene Erbe sorgen für den Rest. Ich prophezeie gewaltige Einfamilienhausbrachen und Leerstände in zehn, 20 Jahren.

    Die Konsequenzen werden tiefgreifend sein (müssen). So einfach sie auf der Ebene der Entwicklung neuer Wohnmodelle sind, so schwierig wird sich die Überwindung der mentalen Hürden erweisen. Zu sehr ist diese Wohn- und Lebensform in unserem kollektiven Bewusstsein verankert. Der Weg wird nur über die Realisierung attraktiver Alternativen gangbar. Diese müssen auch die unbestreitbaren Vorteile des Einfamilienhauses an Privatheit, Freiraumnutzung und Lagerflächen einbeziehen. Das wird öffentliche Mittel brauchen. Ein sukzessives Zurückfahren der bisherigen Finanzierungs- und Fördermodelle wird die Folge sein.

    2. Lebenszykluskosten. Bis vor Kurzem zählte die Wirtschaft nur die Bauerrichtungskosten. Nur langsam ändert sich die diesbezügliche Mentalität. Für eine ehrliche Betrachtung aller Lebenszykluskosten brauchen wir nachvollziehbare und verbindliche Rechenmodelle, welche die fortgesetzten Betriebskosten und endlich auch die Entsorgungskosten einschließen. Eine derartige ökonomische Gesamtbilanz würde das Bauen tiefgreifend ändern, neue Konzepte und Innovationen forcieren.

    3. Innovationsbedingungen. Für vieles, was wir in den vergangenen Jahrzehnten gefordert und entwickelt haben, wurden wir belacht. Manche heutige Neuentwicklung übertrifft selbst meine ursprüngliche Erwartung. Wir wissen beispielsweise Häuser zu bauen, die mehr Energie produzieren als sie brauchen. Wir können ohne Zuhilfenahme von Fremdenergie weltweit und in allen Klimazonen angenehme Klimaräume schaffen. Das Passivhaus ist die größte haustechnische Innovation der vergangenen 100 Jahre. Das Thema Nachhaltigkeit hat im Verein mit den Möglichkeiten der Digitalisierung das Zeug, zum bedeutendsten Innovationsimpuls für Architektur und Bauindustrie, ja der Wirtschaft insgesamt zu werden.

    Das zukünftige Haus wird ein intelligentes Haus sein, reaktionsfähig gegenüber äußeren und inneren Einflüssen. Die strenge Trennung in Büro-, Verwaltungs- und Wohnbau wird sich lockern. Und am Ende seiner Lauf- und Lebenszeit werden wir nicht vor einem Haufen Sondermüll stehen (der in den Häusern zwischengelagert war). Derartige Entwicklungen müssen nur gewollt und beauftragt werden. Hier liegt eine Chance für die Industrie und die Unternehmen – und für die Politik ein Auftrag, mit mehr Zuversicht und Engagement Rahmenbedingungen zu schaffen.

    4. Kultur. Der Österreichische Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit, für dessen Ausrichtung ich hauptverantwortlich bin, wurde vom Umweltminister 2010 zum zweiten Mal vergeben. Nur Projekte, die den Kriterien klassischer architektonischer Qualitäten entsprechen und den Anforderungen der Nachhaltigkeit, haben eine Chance auf den Preis. Insofern ist dieser Preis auch eine Architekturauszeichnung, als er den Maßstäben der wichtigsten österreichischen Architekturpreise gerecht wird. Es kann und darf nicht sein, dass Nachhaltigkeit gegen Architektur ausgespielt wird oder umgekehrt. Diese fruchtlose Konfrontation haben wir lange genug erlebt. Insofern versteht sich dieser Staatspreis auch als Versöhnungsinitiative zwischen Ökologie und Kultur.

    Die wirklichen Widerstände, egal ob sie gegen Kultur oder Nachhaltigkeit gerichtet sind, erwachsen seit je der Ignoranz, Trägheit, der Fantasie- und Mutlosigkeit, geistiger Unbeweglichkeit, vor allem der alles beherrschenden Klienten- und Interessenpolitik. Die Bruchstücke einer neuen Baukultur liegen längst vor uns. Sie sind noch zu einem ganzen Bild zu fügen. Das Ergebnis wird faszinierend sein und dem Wortunfall „Nachhaltigkeit“ spotten.

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    Für den Beitrag verantwortlich: Spectrum

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    Schlagwort

    Nachhaltigkeit