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Das Volk gegen neue Architektur
Der Standard

Schruns stimmte über das neue Heimatmuseum ab: Das Volk sagte Nein

21. November 2011 - Jutta Berger
Schruns - Vertragen sich ein Heimatmuseum und zeitgenössische Architektur? Die Schrunser Wahlberechtigten sagten am Sonntag Nein und beendeten damit die erbittert geführte Diskussion über den Neubau des Museums auf dem Kirchplatz des von touristischer Lederhosen-Architektur geprägten Wintersportorts.

59 Prozent der 3002 Stimmberechtigten beteiligten sich an der Volksabstimmung über die Abänderung des Bebauungsplans, die Voraussetzung für den Umbau wäre. Mit 78 Prozent Nein-Stimmen ist das Ergebnis klarer als erwartet. Marte.Marte Architekten, die Anfang November den Wettbewerb zum Neubau des Deutschlandhauses in Berlin gewonnen haben, sind in Schruns nicht erwünscht. Ihr „weißes skulpturartiges Gebäude als Hülle für historisch Wertvolles“ (Architekt Stefan Marte) ist für die Mehrheit ein „Betonklotz“, der am Kirchplatz nichts zu suchen hat.

Für den Zubau zum bestehenden Heimatmuseum hätte ein mehrmals umgebautes Nutzgebäude aus dem 19. Jahrhundert weichen müssen. Für dessen Erhaltung hatte sich die Initiative „Rettet Schruns“ eingesetzt. Heiner Bertle, Sprecher der von Senioren dominierten Gruppe, hatte vehement „die Erhaltung und Pflege unserer Wurzeln“ gefordert und sich mit seinem Bild von Heimat und Heimatmuseum bei der Volksabstimmung durchgesetzt.

Politik über Projekt uneins

Initiiert wurde das MuseumNeu von Andreas Rudigier, der als Direktor die Montafoner Museumslandschaft von Grund auf erneuerte und den üblichen Heimatbegriff infrage stellte. Mittlerweile ist Rudigier Direktor des Landesmuseums. Der Volksabstimmung waren ein von Rudigier angeregter Architekturwettbewerb und eine intensive, zwei Jahre dauernde Diskussion vorangegangen.

„Die Volksabstimmung war notwendig, weil es in der Gemeindevertretung gravierend unterschiedliche Meinungen gab“, begründet Bürgermeister Karl Hueber (VP). Obwohl die Volkspartei 15 von 24 Mandaten hat, war eine Einigung nicht möglich. Hueber: „Wenn wir Politiker nicht zusammenkommen, dann müssen halt die Leute entscheiden.“ Das Resultat ist für Hueber, der sich selbst erst kurz vor der Abstimmung für das Projekt aussprach, „deutlicher als erwartet“. Was nun? „Was soll man dazu sagen? Zusammensetzen müssen wir uns jetzt und eine Lösung suchen.“

Der Ball liegt nun beim „Stand Montafon“, dem Zusammenschluss der zehn Gemeinden. Der Stand ist Bauherr des Museums, das kulturelles Zentrum des Montafons werden sollte. Rudolf Lerch, Repräsentant des Standes Montafon, ist überzeugt, dass das Museum Nutzen für das gesamte Tal brächte, „auch touristisch gesehen“. Am 14. Dezember will der Stand über die weitere Vorgangsweise entscheiden.

Die Nachbardörfer Gaschurn und Vandans haben bereits Interesse als Museumsstandort angemeldet. Der Schrunser Bürgermeister will auf den „Frequenzbringer“ nicht verzichten. Das Museum würde durch die geplante Bibliothek im neuen Hintergebäude „nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische anziehen“. Michael Kasper, neuer Direktor der Montafoner Museen, hofft auf eine „Alternativlösung“. Denn Depot und Sammlung, wegen Platzmangels unzureichend untergebracht, müssten dringend gesichert werden.

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