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Der Gewinn der Mitte
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Einst pulsierender Verkehrsknotenpunkt, dann Schutthalde, Minenfeld – und nun die größte Baustelle Deutschlands: Potsdamer und Leipziger Platz in Berlin.

18. März 1995 - Vera Purtscher
Die Berliner Mauer ist gefallen, nun werden die Wunden verdeckt, Ost mit West verzahnt, nun wird der Versuch unternommen, vergessen zu machen, was fast fünf Jahrzehnte ein Mahnmal politischen Fanatismus' war. 350 Milliarden Schilling sind im Großraum Berlin allein für Neubauten verplant. Ein aufregendes Experiment, das vor allem den 4,2 Millionen Einwohnern zugute kommen wird. Der Wohnbau geht jedoch unter im Blitzlichtgewitter für Architekten, Wettbewerbe, Bauten mit hohem Prestigeanspruch.

Wie sollen sich nun aber Highlights zu einem städtischen Gesamtbild fügen? Und sollen sie das überhaupt? Wie soll denn heutzutage Stadt sein? Und wer wird sie bevölkern? In der Altersstufe bis 30 stellen Ausländer bereits ein Drittel der Berliner Bevölkerung. Ob sie nicht auf lange Sicht das Stadtbild mehr prägen werden als alle Neubauten? Doch in der Neuplanung ist wenig Raum – in beiderlei Bedeutung des Wortes – für Zwischenbereiche. Der „Kiez“, die enge Mischung von Arbeit und Wohnen, von Versorgung und Freizeit für verschiedene Bevölkerungsschichten, fällt dem Wandel zum Opfer. Die berühmten Berliner Hinterhöfe machen heute Einkaufspassagen oder Büro-Atrien Platz.

Im Zentrum Berlins sind folgende Projekte in Planung: Die Zentralstation des Lehrter Bahnhofs, das Kanzleramt mit Kanzlergarten, die Büros für die Parlamentarier, der Deutsche Bundesrat, der Reichstag, Planungen am Alexanderplatz, Pariser Platz und in der Friedrichsstraße, weiters Ländervertretungen.

Was sich am Leipziger/Potsdamer Platz tun wird, zeigt bis 26. März das Frankfurter Architekturmuseum auf vier Geschossen. Die breite Leipziger Straße als Ost-West-Verbindung der Stadt endete im Leipziger und Potsdamer Platz. Wenn die zwei auch nicht so recht den Namen „Platz“ verdienten und immer mehr zum chaotischen Verkehrsknoten wurden. Und doch gab es zahlreiche planerische Bemühungen, die achteckige Platzfigur zu schließen. Berühmt sind Schinkels Zollhäuschen. 1909 versucht sich – am Reißbrett – Bruno Schmitz an einem Rundbau, einem Hochhaus, um das „Ausfließen“ des Platzes zu verhindern. 1930 rekonstruiert Erich Mendelsohn, auf Papier freilich nur, Schinkels Zollhäuschen und baut das „Columbus Haus“, ein Werk des früheren Modernismus. Ein Kaufhaus – fast gläsern damals, mit seinen konsequenten Band-Fenstern entlang der vorsichtig gekurvten Fassade. 1940 zeichnet Albert Speer einen Plan mit Bauten rund um den Leipziger Platz. 1945 ist der Krieg zu Ende, die Mauer kriecht nach und nach dort hervor, wo's früher nur so brodelte.

1946 schlägt Max Taut eine aufgelockerte Bebauung vor. Viel ist zerstört nach dem Krieg, doch noch viel mehr wird in den Jahrzehnten danach niedergerissen: offenbar entwurzelt im Niemandsland um verminte Regionen. Es bleiben einzig das Weinhaus Gut und Teile des Hotels Esplanade stehen. 1958 wird in einem internationalen Wettbewerb über die „Hauptstadt Berlin“ nachgedacht, die reale Trennung ignorierend. In der Nähe dieser real existierenden Barriere entsteht 1962 bis 1967 Mies van der Rohes Nationalgalerie und fast zeitgleich Hans Scharouns Staatsbibliothek. Im November 1989 fällt am Potsdamer Platz die „Mauer“. Ein halbes Jahr davor hatte Daimler-Benz ein großes Stück des Grundstückes erworben, mit dem Gedanken, das städtische Areal dort aufzuwerten. Sony, Hertie, ABB kaufen die restlichen Grundstücke.

Dem Stadtsenat wird vorgeworfen, geschichtsträchtiges (Wieder-)Kernland an Multis vergeben zu haben, ohne Rücksicht auf urbane Erfordernisse. Er schreibt also 1990 einen Wettbewerb aus, der Richtlinien für die vier großen Investoren festlegen soll. Oswald Mathias Ungers schlägt zehn Stück Turmhäuser mit 180 Meter Höhe vor, William Alsop und Jan Störmer versuchen mit insektoid anmutenden Bauten die corbusianische Idee des Freihaltens der Parkflächen in ihre Architektursprache zu übersetzen, allerdings teilweise gepaart mit historischer Rekonstruktion. Hans Kollhoff plaziert sieben Hochhäuser (200 bis 290 Meter hoch) am Potsdamer Platz und erntet besonders „Ost-Kritik“: Ein Belagerungsring der großen Konzerne im Herzen Berlins würde einem Siegesmal des Kapitalismus über die DDR gleichkommen. Hilmer und Sattler gewannen den ersten Preis. Eine Blockrand-Bebauung mit maximaler Traufenhöhe von 22 Metern war ihr Vorschlag. Ein Stichkanal sollte zum Potsdamer Platz geführt werden, und eine Erinnerung an die Schinkelschen Zollhäuser sollte sich hier wiederfinden.

1992/93 lädt nun der größte Investor – Daimler-Benz – zu einem Wettbewerb. Dieser bringt etliche Überarbeitungen des Hilmer-Sattler-Planes zutage. Renzo Piano und Christoph Kohlbecker erhalten von der Jury 20 Stimmen gegen eine. Sie übernehmen die Blockbebauung von Sattler/Hilmer, setzen aber den bestehenden Solitärbauten – Staatsbibliothek und Nationalgalerie – „Echos“ gegenüber. Neubauten, die auf die amorphe Gestalt von Scharouns Bau reagieren und urbane Funktionen übernehmen – Musical Theater und Spielbank . Sie sollen von der „Bürowelt“ der Investoren zur „Kunstwelt“ überleiten.

Die bestehenden Solitäre sollen sich im Wasser spiegeln, der Stichkanal hingegen verschwindet. Renzos geschickte Anbindung an Scharouns Bau begrenzt das Wettbewerbsgebiet im Westen, und zugleich unterstreicht der Entwurf die alte Achse der Potsdamerstraße.

Um die Vielfalt dort zu schaffen, wo die Eigentumsverhältnisse völlig homogen sind, werden einige Teilnehmer des Wettbewerbes von 1992 zur Mitarbeit gebeten. Hans Kollhoff plant eines der dominanten Hochhäuser am Potsdamer Platz – auf spitzwinkeligem Grundriß wächst es klinkerverkleidet in Stufen empor.

Piano selber baut das niedrigere Hochhaus und sieben weitere Bauten – gerasterte Ziegel-Glas-Stahl-Fassaden mit Lüftungslamellen werden für gestalterische Einheitlichkeit sorgen. Richard Rogers sind drei Wohn- und Bürohäuser zuzuschreiben: Transparente Stahlskelettbauten sind gegen Osten geöffnet, um die Innenhöfe zu belichten.

José Rafael Moneo und die weniger bekannten Berliner Architekten Ulrike Lauber/Wolfram Wöhr üben sich in zurückhaltender Formensprache. Arata Isozaki plant eine zweihüftige Büroanlage. Der Sony-Wettbewerb wird von Helmut Jahn gewonnen. Eine aufgeblähte Shopping Mall wird sich im Zentrum Berlins ungewöhnlich machen. Unter Giorgio Grassi entsteht für ABB eine Baugruppe mit Lochfassaden. Und zwar schon sehr bald und vor allem sehr rasch: 1998 muß die Bautätigkeit abgeschlossen sein.

Hat dieser Platz nicht eine eigenartige Geschichte? Stetig ist er gewachsen, ständig wurde er „beplant“, zerstört. Die gähnende Leere wird nun innerhalb kürzester Zeit „zugepflastert“ mit allem, was das Architektenherz so begehrt. Wird dann jede Erinnerung an die Leere verlöschen? Wird man später ein Mahnmal an die Mauer errichten müssen?

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