Gaudís Werk und Techniks Beitrag
Rechtzeitig zum 100. Todestag von Antoni Gaudí am 10. Juni 2026 bricht die weltberühmte Sagrada Família in Barcelona alle Rekorde – mit viel Liebe, aber auch zu viel Perfektionismus.
Tu solus Sanctus, tu solus Dominus, to solus Altissimus. Du allein der Heilige, du allein der Herr, du allein nur bist der Höchste. Seit wenigen Monaten spiegelt die Inschrift auf der Turmspitze, umgeben von üppigen Palmenmotiven und weiß glasierter Keramik, eine nicht nur göttliche, sondern auch geometrische Wahrheit wider: Mit 172,5 Meter Höhe und einem gigantischen, innen begehbaren Kreuz samt Aussicht auf die Stadt ist die Sagrada Família nun die höchste Kirche der Welt. Der bisherige Rekordhalter, das Ulmer Münster mit 161,5 Metern, fällt damit auf Platz zwei zurück.
„Es gibt keinen Grund, zu bedauern, dass ich diese Kirche niemals werde fertigstellen können“, sagte einst Antoni Gaudí, der Erschaffer dieses Hauses, der am 7. Juni 1926, vor genau 100 Jahren also, auf dem Weg zum abendlichen Gebet von einer Straßenbahn erfasst wird und drei Tage später an den Folgen seines Unfalls verstirbt. „Andere werden mir nachfolgen. Was in jedem Fall bewahrt werden muss, ist der Geist dieses Werks. Sein Wesen jedoch muss von den Generationen abhängen, an die es weitergegeben wird und mit denen es leben und Gestalt annehmen wird.“
Gesetze der Natur
Was nur die wenigsten wissen: Gaudí war nicht der erste Architekt, der mit dem Bau der Sagrada Família betraut wurde. Den Grundstein legte 1882 Francisco de Paula del Villar, damals noch in unverkennbar neugotischem Baustil, wie sich an Teilen von Krypta und Fassade unverkennbar ablesen lässt. Ein Jahr später übernimmt Gaudí die Arbeit, verwirft die Pläne seines einstigen Vorgesetzten, entgotisiert das gesamte Projekt und passt sich mit seinem Entwurf von nun an den Gesetzen der Natur an.
Säulen werden wie Baumstämme behandelt, mit wulstigen Knoten und Verästelungen, Gewölbe erscheinen wie Blätterdächer in einem dichten Wald, mit immer wieder vertikal hineindringenden Lichtkegeln, und statt die Schubkräfte des Kirchenschiffs wie bis dahin üblich mit Strebepfeilern abzuleiten, die er im Übrigen abgrundtief hasste und als „hässliche Krücken“ bezeichnete, näherte sich Gaudí der idealen Geometrie experimentell an, indem er Kettenmodelle, sogenannte Katenoide, baute und fotografierte – und die Fotos dann kopfüber stellte und als Linienschablone für Pfeiler, Kuppeln und Türme verwendete.
„Gaudí war ein Genie, seine Methodik ein Geniestreich, eine Synthese aus Form und Struktur, mit einer unermesslichen Schönheit im Endergebnis“, sagt Jordi Faulí i Oller. „Und wenn Gaudí selbst sich als einen Mitarbeiter Gottes bezeichnet, dann kann man das in gewisser Weise auch nachvollziehen. Er war von seinen Modellen, Zeichnungen und Kettenkonstruktion so fasziniert, dass wir nicht anders konnten, als diesen Traum für ihn zu vollenden.“
Faulí i Oller, 66 Jahre alt, ein Architekt mit der Sprache eines Mathematikers und der Ruhe und Weisheit eines Geistlichen, ist der mittlerweile siebente Dombaumeister im Dienste der Sagrada Família. Und zwar einer, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Kirche bis zum 100. Todestags Gaudís fertigzustellen – zumindest im Innenraum und bis zur Spitze des Jesus-Christus-Turms mitsamt 13 Meter breitem und 17 Meter hohem Kreuz, hergestellt in Deutschland in Edelstahl und Ultra-High-Performance-Beton.
Manche Details wie etwa die Außenanlagen, das Dach über dem Hauptschiff und das Hauptportal an der Carrer de Mallorca werden noch weitere Jahre in Anspruch nehmen. „Doch die Hauptarbeit haben wir geschafft“, meint der Architekt. „Gaudís Konstruktionen, seine hyperbolischen Paraboloide und vor allem seine doppelhelikoidalen Säulen im Hauptschiff der Kirche, die noch nie zuvor irgendwo anders realisiert wurden, sind visuell und schriftlich so gut festgehalten und in ihrer geometrischen Grammatik so gut nachvollziehbar, dass es uns gelungen ist, seine Vision zu rekonstruieren und zu interpretieren. Geholfen haben uns dabei vor allem die neuen Technologien.“
Mitarbeiter Gottes
Und die waren auch nötig, denn Gaudís originale Baupläne wurden im Spanischen Bürgerkrieg 1936, als seine Werkstatt in der Krypta in Flammen stand, fast vollständig zerstört. „Also haben wir das gesamte Bauwerk“, so Faulí i Oller, „mit zwei Millimetern Genauigkeit gescannt und digitalisiert, haben daraus digitale 3D-Modelle gebaut und diese anschließend mit Gaudís Skizzen, Zeichnungen und Gips- und Kettenmodellen überlagert. Letztendlich ist die Vollendung der Sagrada Família dem parametrischen Design und den neuen digitalen Bautechnologien zu verdanken.“ Die Statik dafür lieferte das Londoner Ingenieurbüro Arup.
Und genau hier liegt die größte Kritik: So technisch perfekt der Bau auch Gestalt angenommen hat, mit je nach Festigkeit unterschiedlichen Steinen, mit Granit, Basalt, Sandstein, rotem Porphyr aus dem Iran, blauem Bahia aus Brasilien und dem überaus robusten Brinscall aus dem englischen Chorley, mit CNC-robotergefrästen Steinplatten, die von Steinmetzen und Bildhauerinnen manuell nachbearbeitet wurden, und mit Fassadenpaneelen, die zur Steigerung der Effizienz und Baugenauigkeit vorgefertigt und auf einer 80 Kilometer entfernten Testbaustelle auf ebener Erde probeweise zusammengesetzt wurden, ehe sie per Kran in Barcelonas Himmel hochgezogen wurden, so anachronistisch ist die heutige Gesamtwirkung dieses einst ewig baustelligen Wahrzeichens.
Nasse Sandburg
Viele Details, Plastiken und Applikationen schauen aus wie aus dem 3D-Drucker. Der Innenraum erinnert mehr an eine Filmkulisse, an ein gerendertes Schloss in Star Wars , Prinzessin Leia scheint gleich um die Ecke zu biegen, als an einen mystischen Sakralraum. Und die Türme und Fassaden wirken trotz feinster, diffizilster Steinbauweise an manchen Stellen wie hinbetoniert, vergeblich sucht man nach den düsteren, dramatischen Bildern aus Kindheitstagen, als die Kirche noch wie eine nasse Sandburg aus der Stadt ragte.
„Mit den sechs neuen Türmen, die wir in den letzten Jahren errichtet haben“, sagt Architekt Jordi Faulí i Oller, „ist die Skyline von Barcelona nun endlich komplett.“ Die Vollendung der Sagrada Família, die zum überwiegenden Teil aus Eintrittsgeldern finanziert wurde, ist ein technisches Meisterwerk, ganz im Geiste Gaudís, der meinte: „Um Dinge gut zu machen, braucht man erstens Liebe und zweitens Technik.“ Vielleicht wurde von beiderlei, wenn man sich umschaut und in all der Perfektion den geisterschlossartigen Zauber von damals vermisst, zu viel investiert.