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    Economies of Scale
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    Skaleneffekte als Treiber typologischer ­Innovation in Architektur und Städtebau.

    Unter den ­aktuellen Bedingungen von Skalen­effekten in der Raumproduktion entstehen grössere Flächen- und Investitionseinheiten als in der ­Vergangenheit. Die daraus folgende Massstabs­vergrösserung der städtischen Körnung führt zu typologischen Innovationen und stellt damit neue entwerferische ­Herausforderungen.

    07. September 2014 - Christian Salewski

    Die Faszination für die alte Stadt ist in der Geschichte des Städtebaus ein stetig wiederkehrendes Thema, von ­Raymond Unwin über Gordon Cullen bis zu Leon Krier. Häufig sind damit konservative gesellschaftspolitische Haltungen verbunden.

    Stadträumlich gründet diese auf eine Bevorzugung der kleinen Massstäbe, da sie die Wahrnehmung aus der Fussgängerperspektive angenehmer machen, die Orientierung in der Stadt erleichtern und zu vielfältigeren Erlebnissen führen. Diese strukturellen Eigenschaften – die Dimensionierung einzelner Gebäudevolumina, deren Varianz sowie Abstände und Ausrichtung zueinander – werden im Städtebau als kleinteilige Körnung bezeichnet.

    Seit Beginn der Industrialisierung haben sich die Tex­turen der europäischen Städte deutlich zu gröberen Körnungen verschoben: Grössere Gebäude mit weiteren Abständen dominieren das Bild. Drei schnelle Wachstumsphasen haben die Massstäblichkeit unserer Städte verändert – auf die Phase dichter, weitgehend regelmässiger Mietskasernen­blöcke seit dem späten 19. Jahrhundert folgten in der Nachkriegsmoderne grosszügige, von Verkehrsinfrastruktur geprägte Stadtlandschaften mit niedrigerer Dichte. Seit den späten Achtzigerjahren entstehen in einer dritten Phase konzentrierte Verdichtungen. Typologisch werden diese häufig einerseits in bewusst kleinmassstäblichen Ensem­bles und andererseits in Grossformen umgesetzt – den Big Buildings. Das entsprechende theoretische Konzept lieferte Rem Koolhaas 1995 mit dem Begriff Bigness: Ab einer ge­wissen, schwer exakt definierbaren Grösse wird die Wahr­nehmung eines Gebäude vor allem durch seinen Massstab geprägt.[1] Entsprechend begründete der französische Architekturtheortiker Phillipe Boudon 1971 das Forschungsgebiet der Architecturologie, das sich unter der Prämisse «Architektur ist die Kunst der Massstäbe, nicht der Proportionen» mit Massen im Raum auseinandersetzt.[2] Als Beispiel für seine Grundthese zitierte er Christian Norberg-Schultz: Ein einfacher Würfel mit drei Metern Kantenlänge sei eine fundamental andere Architektur als ein gleich proportionierter Kubus von dreihundert mal dreihundert mal dreihundert Metern. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Verhältnissen zum menschlichen Massstab, der insbesondere durch Augenhöhe und Blickfeld unsere Raumwahrnehmung und -nutzung bestimmt.

    Technik, Komfort und Verkehr als Triebkräfte

    Die erste Voraussetzung für die anhaltende Massstabsvergrösserung und die damit einhergehende Vergröberung der urbanen Texturen war die technologische Entwicklung im Bausektor. Neue Materialien wie Stahl, Beton und Glas ermöglichten grössere Spannweiten und höhere Bauten. Neue Apparate wie Aufzüge, Rolltreppen und Klimaanlagen liessen mechanische Erschliessung und Klimatisierung grosser Gebäudevolumina zu. War die alte Stadt aus Kostengründen von höchstens sechs Meter langen Holzbalken und kleinen Fenstern geprägt, ermöglichen Stahlbeton, Stahlverbund, Holzingenieurbau und Vollverglasungen ein komplett neues Erscheinungsbild der Stadt.

    Die Menge umbauten Raums hat seitdem auch massiv ­zugenommen – egal ob für Wohnen, Einkaufen, Freizeit, Bildung, Gesundheit oder Kultur. Diese Veränderung wird oft als Verlust erfahren, wie beispielsweise Jörg Müllers noch immer populäre Bildmappe Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran und ewig droht der Baggerzahn dokumentiert. Die Veränderung der Stadt von 1976 verdeutlicht, was die fortschreitende Verwandlung der Stadt in eingängigen Zeichnungen darstellt.

    Der zweite Grund für die Massstabsvergrösserung ist die Komfortzunahme. Mit den neuen technischen Möglichkeiten und einer steigenden Effizienz wurde zugleich ein früher ­unvorstellbarer Komfort möglich. Im Wohnungsbau hat dies zusammen mit neuen Bautechniken und energetischen ­Effizienzanforderungen zur Herausbildung einer «dritten Schicht» geführt. Waren Wohnbauten in der Schweiz bis in die Achtzigerjahre üblicherweise circa zwölf Meter tief, um alle Räume natürlich belichten zu können, werden derzeit überwiegend Gebäudetiefen von 16 bis 20 Metern mit gross­zügigen Sanitär- und Funktionsräumen in den dunklen Mittelzonen errichtet.

    Als besonders effizient gelten annähernd quadratische Grundrisse mit zwanzig Metern Kantenlänge, bei denen pro Geschoss drei bis fünf Wohnungen um einen Erschliessungskern angeordnet werden.

    Deren Wirtschaftlichkeit wird durch die Optimierung der sogenannten Form­ökonomie erreicht, die das – möglichst geringe – Verhältnis von Fassaden- zu Nutzflächen bezeichnet. Ein bekanntes Beispiel sind die sogenannten Sugus-Häuser der Leopold Bachmann Stiftung auf dem Röntgenareal im Zürcher Industriequartier, entworfen von den Architekten Isa Stürm und Urs Wolf.

    Die mit dieser Komfortsteigerung verbundene extreme Zunahme der Siedlungsfläche auf mittlerweile über vierhundert Quadratmeter pro Einwohner führte jedoch zu einer Entzerrung der Stadt, die nur mit der gleichzeitigen Stei­gerung von Leistung, Kapazität und Komfort der Verkehrs­infrastruktur möglich wurde, welche wiederum das Flä­chenwachstum beschleunigte. Auch diese dritte kritische Entwicklung ist seit Beginn der Industrialisierung bekannt und wird aktuell unter dem Schlagwort der Zersiedelung ­diskutiert.

    Skaleneffekte als Wachstumstreiber

    Während die drei genannten Faktoren Technik, Komfort und Verkehr als Treiber der Ausdehnung der Siedlungsfläche ­bekannt sind und hinreichend diskutiert werden, fehlt es bisher an Aufmerksamkeit für wichtige ökonomische Zusammenhänge: Economies of scale – zu deutsch Skaleneffekte – sind jedoch wesentliche Grundprinzipien unserer modernen Wirtschaftsordnungen und haben vielfältigen Einfluss auf das Wachstum von Städten.

    Für die Wirtschaftswissenschaften gilt The Wealth of the Nations von Adam Smith als Grundlagenwerk. In seinem berühmtesten Beispiel beschreibt er, wie Arbeitsteilung in der Nadelproduktion zu enormer Produktivitätssteigerung führen kann. Als die Nadelmanufaktur durch eine spezialisierte Arbeitskette abgelöst wurde, konnten zehn Arbeiter mehr als 48 000 Nadeln pro Tag herstellen, während zuvor ein Arbeiter, der alle Arbeitsschritte selber ausführte, noch nicht einmal auf zwanzig kam. Damit ist das Grundprinzip der Skaleneffekte bereits umschrieben: Ab einer gewissen Betriebs- und damit Produktionsgrösse nimmt die Produkti­vität überproportional zu, da die Arbeitsabläufe optimiert und der Ressourceneinsatz effizienter werden. Je nach Prozess und Aufgabe können bestimmte optimale Grössen erreicht werden, bevor abnehmende oder negative Skalen­erträge durch Einschränkungen der Produktivität aufgrund überhandnehmender Grösse auftreten.

    In der Entwicklung der Stadt führen Skaleneffekte zur Veränderung der Betriebsgrössen wesentlicher Einrichtungen. Am augenscheinlichsten lässt sich dies an der ständigen Vergrösserung wichtiger Verkehrsinfrastrukturen wie Flughäfen oder Bahnhöfen beobachten. Ein weiteres Beispiel ist der anhaltende Trend der Zusammenlegung von Funktionsflächen in den Bereichen Bildung und Kultur mit dem Hauptargument, Räumlichkeiten so besser bewirtschaften zu können. Die angenommenen Synergieeffekte sind jedoch nur schwer zu überprüfen. Beispiele für die räumliche Bündelung von Bildungseinrichtungen sind etwa die grossen kantonalen Schulzentren – der Campus Hönggerberg der ETH in Zürich und das neue Gebäude der ZHdK von EM2N auf dem Areal der ehemaligen Toni-Molkerei in Zürich-West, das Kultur und Bildung verbindet. Jean Nouvels KKL in Luzern ist ein prägnantes Beispiel für die Zusammenlegung von Kultur und Kongressnutzung. Im Bereich der öffentlichen Verwaltung wären der neue Superblock von Adolf Krischanitz für die Stadtverwaltung Winterthur und das noch in Planung befindliche Polizei- und Justizzentrum des Kantons in der Stadt Zürich der Architekten Gigon/Guyer zu nennen.

    Betriebsökonomie und Flächeneffizienz

    Eine ähnliche Tendenz zeigt sich im Einzelhandel mit anhaltend wachsenden durchschnittlichen Verkaufsflächen. Dort kommen mehrere Entwicklungen zusammen, die starke Auswirkungen auf die Stadt haben: Erstens werden viele kleinere Verkaufs- und Gastronomiegeschäfte erst wirtschaftlich, wenn sie sich in der Nähe grosser, periodischer Anbieter wie Supermärkte befinden. Durch diese Clusterung von sehr grossen, grossen und kleineren Einheiten ergeben sich Skaleneffekte; in den Wirtschaftswissenschaften wird von Agglomerationseffekten gesprochen. Eine zweite Entwicklung ist die Optimierung der Fläche, unter dem Gesichtspunkt möglichst wenig Verkaufspersonal beschäftigen zu müssen: Ladengeschäfte mit zwei Geschossen oder zwei Eingängen kommen erst ab einer sehr grossen Betriebsgrösse infrage und werden generell nicht gerne angemietet. Zum dritten bedürfen Einkaufscluster – ob im konventionellen Strassen- und Platzsystem oder als Einkaufzentrum – vermehrter Koordination, wodurch Verwaltungskosten anfallen, die sich erst ab einer gewissen Grösse rentieren. Folglich entspricht in den meisten Lagen das alte Idealbild des Ladens im Erdgeschoss nicht mehr den Anforderungen des Einzelhandels. Drastisch formuliert ist das Erdgeschoss aus Investorensicht eigentlich überflüssig, aber baulich notwendig, um die profitablen Obergeschosse zu errichten. Dazu kommen Skalen­effekte der Verwaltungsökonomie: Für die meisten institutionellen Besitzer lohnt es sich nicht, in einem Gebäude Mieter für die Erdgeschosse aufzunehmen, zumal dies häufig auch noch zu zusätzlichem Aufwand in der Zugangskontrolle führt. Ein Beispiel ist der Novartis-Campus in Basel, der mit einem ­zentralen Eingang zur Enklave geworden ist und nicht, wie vom Städtebauer Vittorio Lampugnani gewünscht, zu einem ­Ensemble mit öffentlich zugänglichen Erdgeschossen. Eine ähnliche Entwicklung geschah in Neu-Oerlikon. Obwohl die Stadt öffentliche Nutzungen in den Erdgeschossen gefordert hatte, sind häufig lediglich den Mitarbeitern der dort ein­gemieteten Unternehmen zugängliche Cafeterien und Schulungsräume entstanden. Diese Logik der Skalen­effekte wider­spricht dem Wunsch nach kleinteiligen, belebten Erdgeschossen der alten Stadt. Solche werden erst wieder möglich, wenn kleine Läden nicht als Gewinnbringer gesehen, sondern als Mittel zur Qualitätssteigerung des Quartiers begriffen werden. Allenfalls wird dies durch eine Querfinanzierung bei der Miete und Verwaltung möglich, wenn ein höherer Wohnwert in einem belebten Quartier zu höheren Profiten der Wohnungen in den Obergeschossen führen kann. Voraussetzung dafür ist jedoch, die Wirtschaftlichkeit über das einzelne Objekt hinaus zu betrachten.

    Investitionsgrössen, Prozessökonomie und Stadtbausteine

    Skaleneffekte lassen sich nicht nur im Betrieb beobachten, sondern auch in Investitionsentscheidungen. Neben Effizienz setzen auch Kapazitäten und Risiken Limits. Ausschlag­gebend für ein Immobilienprojekt ist die Höhe der Gesamtkosten. In der Schweiz gelten Anlagewerte unter zwanzig Millionen Franken als wenig wirtschaftlich für institutionelle Anleger. Kleinere, private Anleger können hingegen meist nicht mehr als zehn Millionen aufbringen. Ab fünfzig Millionen schränkt sich der Kreis der möglichen Investoren stark ein. Ab hundert Millionen können nur noch wenige inländische Investoren mit der öffentlichen Hand mithalten. Dies ist insbesondere im Wohnungsbau relevant, da hier ­ausländische Institutionen nicht investieren dürfen. Diese Richtwerte führen in Abhängigkeit vielfältiger Faktoren wie ­Bodenwert, Nutzung, Ausbaustandards oder Finanzierungskosten zu unterschiedlichen maximalen Gebäude- und Areal­grössen eines Investors. Allgemein lässt sich ableiten, dass der wesentliche Baustein der Stadt des 19. Jahrhunderts – das der damals üblichen Investitionsgrösse entsprechende Mehrfamilienhaus mit 5 bis 15 Wohnungen – heute als Anlageobjekt für institutionelle Investoren meist nicht mehr geeignet ist, während die gegenwärtig häufigen Arealüberbauungen in der Regel zu gross für private Investoren sind. Sehr grosse, für die gesamte Stadtentwicklung relevante Projekte hingegen überschreiten ebenfalls die Möglichkeiten institutioneller Investoren und werden, sobald sie auch Wohnnutzung beinhalten, beinahe zwangs­läufig zu öffentlichen Aufgaben oder führen zu spezifischen privat-­öffentlichen Trägerschaften. Skaleneffekte gelten auch für das Management auf privater, institutioneller und öffentlicher Investorenseite: Erst ab bestimmten Projektgrössen lohnen sich Verfahren wie eine professionelle Projektbetreuung, eine Verbriefung der Schulden oder gezieltes Marketing.

    Für Verfechter einer kleinteiligen Stadt sind diese Beobachtungen enttäuschend: Skaleneffekte führen nicht nur zu einer gröberen Körnung, sie begünstigen auch die Entstehung ähnlich grosser Areale in einheitlicher Architektur. Vor allem im Wohnungsbau ermöglichen grössere Projekte Effizienzgewinne durch Skaleneffekte, während sich Investoren bei Arealüberbauungen nur einen Ansprechpartner für Entwurf und Ausführung wünschen. Die Architekturbüros ihrerseits versprechen sich Gewinne durch die Repetition von Wohnungs- und Haustypen. Das Ergebnis sind häufig aneinandergereihte homogene Areale, wie beispielsweise in Neu-Affoltern im Norden Zürichs. Ob diese langfristig wirtschaftlich sind, ist zweifelhaft. Zumindest eine Varianz der Architekturen scheint sinnvoller, um einerseits die Vervielfältigung technischer Probleme und Entwurfsfehler zu vermeiden und andererseits eine abwechslungsreiche Gebäudestruktur zu ermöglichen. Ein positives Ausnahmebeispiel ist das Projekt «Mehr als Wohnen» der gleichnamigen Genossenschaft auf dem Hunziker-Areal in Zürich-Leutschenbach. Der Entwurf der Gebäude wurde an verschiedene ­Architekturbüros vergeben. Sofern ein Büro mehrere der Bauten plant, wurde darauf geachtet, dass diese im Quartier verteilt sind.

    Probleme des Massstabs

    Skaleneffekte sind wirkungsvolle Mechanismen der Raumproduktion. Architektur- und Städtebauwettbewerbe werden überwiegend anhand der Kriterien Investitionsgrösse und Prozesseffizienz entschieden. Eine einfache, kurzfristige Realisierbarkeit wird höher gewertet als gestalterische und soziale Vorteile von Kleinteiligkeit und Diversität. Die durch die fortschreitende Massstabsvergrösserung enstehenden mittel- und langfristigen Schwierigkeiten werden jedoch nicht nur von immer mehr Gemeinden, sondern auch von Investoren erkannt. Skaleneffekte verursachen zwei Hauptprobleme, die durch Grösse und durch grosse Anzahl entstehen. Grosse Mengen treten bei Standardisierung auf; die genannten gleichförmigen Arealüberbauungen sind nur ein Beispiel unter vielen. Auf kleinerem Massstab betreffen sie auch die verfügbaren Standardbauteile, deren Auswahl nicht nur durch Skaleneffekte in Herstellung und Vertrieb beschränkt wird, sondern zusätzlich durch darauf abgestimmte Normierungen. Probleme der grossen Zahl werden in Fachdebatten schon lange diskutiert – ob im Massenwohnungsbau oder in der Frage nach spezifischer und generischer Architektur.

    Probleme der Grösse hingegen wurden bis auf wenige Ausnahmen kaum thematisiert. Zunehmende Gebäudegrössen können zu nachteiligen Effekten für die Stadt führen, beispielsweise wenn Rhythmus und Frequenz der Eingänge abnehmen, die Lauflänge einheitlicher Nutzungen und Gestaltungen zunimmt, mehr und längere Gebäuderückseiten und funktional und formal monotone Nachbarschaften entstehen.

    Dabei spielt nicht nur die relative Grösse eine Rolle, sondern auch die absolute: Der dänische Architekt Jan Gehl, der sich auf die Gestaltung des öffentlichen Raums spezialisiert hat, nennt die Möglichkeiten, den Ausdruck anderer Menschen zu erkennen, als entscheidend für die Raumwahrnehmung. Bis 16 Meter Entfernung ist noch die Mimik zu erkennen, bis 150 Meter der Gang, Geschlecht, Grundfarbe der Kleidung und Silhouette. Ab 350 Metern ist kein Ausdruck mehr wahrzunehmen. Viele Probleme des Massstabs treten aber nicht zwangsläufig bei Architekturen dieser Grösse auf.

    Ausschlaggebend ist entwerferisches Können. Historische Beispiele für die gelungene Gestaltung von Big Buildings sind die Blockrandbebauungen des Plan Zuid in Amsterdam vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die trotz sehr grosser Gebäudemasse eine Balance zwischen Grossform und kleinteiligem menschlichem Massstab aufweisen. Ein neueres Beispiel – ebenfalls aus den Niederlanden – ist das Stadhuis in Den Haag von Richard Meier, dessen meisterhafter Entwurf trotz radikaler Einheitlichkeit in Ausdruck und Materialität aus der Fussgängerperspektive stets abwechslungsreich und vielfältig wirkt.

    Neue Typen

    Dass im aktuellen Architekturdiskurs die Auswirkungen von Skaleneffekten bisher fast keine Beachtung finden, obwohl sie die wichtigsten Treiber für neue Typen in Architektur und Städtebau sind, ist verwunderlich. Nach dem Aufkommen neuer Funktionen wie Fabriken, Bahnhöfen, Verwaltungsbauten oder Kaufhäusern im 18. und 19. Jahrhundert und nach der Einführung neuer Bautechniken wie Stahl- und Stahlbetonbau im 19. und 20. Jahrhundert ist es heute die Vergrösserung der Funktionen, die zu neuen Typen führt.

    Die bereits erwähnten Projekte KKL Luzern und ZHdK Zürich sind gute Beispiele für typologische Innovation. Dabei zeigen sie auch, wie Big Buildings das umliegende Quartier verändern, oder – im Fall Luzern – sogar die Struktur einer ganzen Stadt neu orientieren können: size matters.

    Der französische Architekt, Historiker und Kritiker Jacques Lucan hat als einer der wenigen die Innovationskraft der Skaleneffekte auf Architektur und Städtebau erkannt. In ­seinem Buch Où va la ville d’aujourd-hui? beschreibt er, wie Investoren und Gemeinden Problemen der Grösse in innerstädtischen Projekten in Paris begegnen.[3] Die meisten neuen Grossprojekte, so Lucan, entstünden zwar oberflächlich wieder in kleinen Massstäben und in differenzierten Architekturen. Bei genauerer Betrachtung zeige sich jedoch, dass diese relativ dicht bebauten Areale nur einen Investor und einen einzigen zuständigen «koordinierenden Architekten» aufweisen. Die vermeintlich kleinteiligen Baukörper stehen auf zusammenhängenden, unterirdischen, häufig mehrgeschossigen Parkierungs- und Anlieferungsbauwerken. Lucan erkennt hier zurecht einen neuen Typus von Architektur und Städtebau, den er – ausgehend vom französischen îlot für Stadtblock – Macrolot nennt, da hier ganze oder gar mehrere Blöcke mit einem Projekt überbaut werden. Ob es, wie er hinzufügt, eine Wiederkehr der alten Idee der Megastruktur ist, mag bezweifelt werden. Eher handelt es sich um eine genuin neue Entwicklung, die als Evolution des Typs Big Building gelesen werden kann. Die häufig aktiven Erdgeschosse sind Teil des Gesamtkonzepts und werden für die Vermarktung als «lebendiges Stadtquartier» eingesetzt. Die eigentlichen Mieteinkünfte der Ladenlokale sind dabei zu vernachlässigen. Diese Herangehensweise kam auch bei der Ausschreibung der Ladenlokale für lokale Anbieter im Macrolot Europaallee in Zürich entlang der Lagerstrasse zum Zuge. Lucan schliesst, dass Macrolots zunächst viele Pro­bleme des Massstabs lösen, aber aufgrund ihrer zusammenhängenden Baustruktur und den komplizierten rechtlichen Betriebskonzepten äusserst unflexibel erscheinen, um zukünftigen gesellschaftlichen, ökonomischen und technischen Wandel aufnehmen zu können. Er empfiehlt daher, die unterirdischen Bauten nicht aus massiven Stahlbetonwänden auszuführen, sondern als Stützenkonstruktion, die Neueinteilungen und Umnutzungen ermöglichen. Hinzufügen liesse sich, dass für diese Art der Stadtentwicklung neue Instrumente nötig sind, die bei allfälligen Erneuerungen und Transformationen greifen. Andernfalls entstehen Stadtstrukturen, die – too big to fail – schliesslich mit öffentlichem Geld saniert werden müssen, wie es leider häufig in den Massenwohnsiedlungen der Nachkriegszeit der Fall war, deren Erneuerung in vielen Ländern wie Deutschland, den Niederlanden oder Frankreich nur mittels grosszügiger Förderprogramme und spezieller Planungsinstrumente möglich wurde.

    Stadt als Effizienzproblem

    Städte waren schon immer Lösungsversuche für Effizienzprobleme: durch Konzentration, Arbeitsteilung oder Vernetzung. Skaleneffekte sind keine auferlegte Ideologie; sie beschreiben Wirkmechanismen, die weitgehend unabhängig in allen politischen Systemen auftreten.

    Im gängigen Architekturdiskurs wird eine rein wirtschaftliche Herangehensweise an Architektur und Städtebau abgelehnt, da sie wesentliche Aspekte wie Schönheit, Anmut, Lebendigkeit und Diversität nicht berücksichtigen könne. Dieser Vorwurf gilt sicher für viele Akteure oder Projekte, bezieht aber meistens nicht grundlegende ökonomische Zusammenhänge mit ein. Politisch relevant ist dabei insbesondere, dass Skaleneffekte im diametralen Gegensatz zu vielen Vorstellungen des aktuellen Leitbilds der «Europäischen Stadt» stehen. Um Städte unter den heutigen Bedingungen der Raumproduktion lebenswert gestalten zu können, sind neue Leitbilder notwendig, die auf einem besseren Verständnis der Skaleneffekte und nicht auf formalen Gesten der Kleinteiligkeit beruhen. Derzeit werden viel zu oft vereinfachte, undurchdachte und wenig nachhaltige Ansätze verfolgt, die auf den Prinzipien der Trennung von Problemen, Funktionen und Investitionen basieren.

    Solche «Denkökonomien» verhalten sich ignorant gegenüber komplexen Zusammenhängen. Es wird nicht einfach, den aktuellen Modus Operandi der Raumproduktion zu verändern. Ein guter Anfang wäre, sich der vielfältigen Skaleneffekte in Flächeneffizienz, Formökonomie, Prozess- und Managementlogiken oder Risikolimiten bewusst zu werden, um die entscheidende Wechselwirkung von Wirtschaft, Städtebau und Architektur zukünftig besser verstehen zu können.

    Christian Salewski ist Architekt und Städtebauer sowie Gründer und Partner von Christian Salewski & Simon Kretz Architekten GmbH, Zürich. Er lehrt Städtebau an der ETH Zürich und leitet die Forschungsplattform Airports and Cities. Lehraufträge an der Universität Liechtenstein, Universität Zürich und Universität St. Gallen. Autor von Dutch New Worlds. Scenarios in Physical Planning and Design in the Netherlands, 1970–2000 – ausgezeichnet mit der Medaille der ETH Zürich 2012 und dem 2014 IPHS first book prize. Sein aktuelles Forschungsfeld sind Skaleneffekte in Architektur und Städtebau.


    Anmerkungen:
    [01] Rem Koolhaas, “Bigness, or the problem of Large”, in: Rem Koolhaas/Bruce Mau/Hans Werlemann/Jennifer Sigler/Office for Metropolitan Architecture, Small, Medium, Large, Extra-Large. Office for Metropolitan Architecture, Rotterdam 1995, S. 494–517.
    [02] Philippe Boudon [1971], Sur l’espace architectural. Essai d’épistémologie de l’architecture, Collection Eupalinos Architecture et Urbanisme, überarbeitete und erweiterte Neuauflage, Marseille 2003 .
    [03] Jacques Lucan, Où va la ville aujourd’hui ? Formes urbaines et mixité, Etudes et perspectives de l’ecole d’architecture de la ville et des territoires à Marne-La-Vallée, Paris 2012.

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