nextroom.at

Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

Karte

Artikel

18. April 2015 Der Standard

Ein Hauch von Gruß aus der Kü­che

Am 1. Mai wird in Mai­land die Ex­po 2015 er­öff­net. Die 99. Welt­aus­stel­lung steht un­ter dem Mot­to „Den Pla­ne­ten er­näh­ren. En­er­gie für das Le­ben“. Ös­ter­reich tischt ein grü­nes Luft­kraft­werk auf.

Schon ein­mal fand in Mai­land ei­ne Welt­aus­stel­lung statt, und zwar vor über hun­dert Jah­ren. Die Espo­si­zio­ne In­ter­na­zio­na­le 1906 stand un­ter dem Ge­ne­ral­the­ma Ver­kehr. Ge­zeigt wur­den Au­to­mo­bi­le, Luft­schif­fe und fu­tu­ris­ti­sche Ei­sen­bahn­vi­sio­nen. Ei­ne elek­tri­sche Hoch­bahn ver­band die un­ter­schied­li­chen Aus­stel­lungs­flä­chen mit­ein­an­der. Und noch wäh­rend der Ex­po wur­de der 20 Ki­lo­me­ter lan­ge Sim­plon­tun­nel zwi­schen der Schweiz und Ita­li­en in Be­trieb ge­nom­men. So sah da­mals Zu­kunft aus.

Ver­hält­nis­mä­ßig be­äng­sti­gend und apo­ka­lyp­tisch nimmt sich da­ge­gen das The­ma der glo­ba­len Na­bel­schau 2015 aus: „Den Pla­ne­ten er­näh­ren. En­er­gie für das Le­ben“ lau­tet das Mot­to, zu dem 142 Län­der aus al­ler Welt ih­ren Bei­trag leis­ten wer­den. Ob das Er­näh­rungs­pa­ra­dies bis zur Er­öff­nung am 1. Mai recht­zei­tig fer­tig­ge­stellt wer­den wird, ist je­doch frag­lich. Zu lan­ge stand die Bau­stel­le auf dem Mess­ege­län­de Rho/Pe­ro im Nor­den der Stadt still, zu of­fen­sicht­lich wa­ren die Schmier­geld­af­fä­ren der ka­la­bri­schen Ma­fia­or­ga­ni­sa­ti­on ’Ndrang­he­ta.

„Es gibt ei­ni­ge we­ni­ge aus­län­di­sche Pa­vil­lons, die ein biss­chen Ver­spä­tung ha­ben“, sag­te Ex­po-Chef Giu­sep­pe Sa­la kürz­lich in ei­nem In­ter­view mit der ARD. „Ge­wiss, wir ha­ben Feh­ler ge­macht, und es hat schwie­ri­ge Pha­sen ge­ge­ben, in de­nen es Be­ste­chungs­ver­su­che gab. Doch die Be­su­cher wer­den schon am er­sten Tag die Mög­lich­keit ha­ben, al­les zu se­hen.“ Dass es – ne­ben den Bei­trä­gen aus Russ­land und der Tür­kei – aus­ge­rech­net der ita­lie­ni­sche Pa­vil­lon ist, der noch am meis­ten ei­ner Bau­stel­le gleicht, scheint nicht wei­ter er­wäh­nens­wert. 300 Bau­ar­bei­ter sind Tag und Nacht vor Ort, um den fünf­stö­cki­gen Pracht­bau aus Mar­mor fer­tig­zu­stel­len.

Der 1,4 Ki­lo­me­ter lan­ge Ex­po-Bou­le­vard „De­cu­ma­nus“, an dem die meis­ten Pa­vil­lons auf­ge­fä­delt sind, wur­de von Da­ni­el Li­be­skind ge­stal­tet. Hin­zu kom­men di­ver­se Teil­pro­jek­te von Jac­ques Her­zog, Ri­chard Bur­dett und Ste­fa­no Boe­ri. Letz­te­rer, sei­nes Zei­chens Ar­chi­tekt und ehe­ma­li­ger, weil ge­schass­ter Ex­po-Kon­sul­ent der Stadt Mai­land, war fe­der­füh­rend an den Richt­li­ni­en für den Mas­ter­plan be­tei­ligt, die nach lan­gem Hin und Her von der Stadt ins Nir­wa­na ge­schickt wur­den.

„Wir woll­ten aus den Feh­lern der ver­gan­ge­nen Welt­aus­stel­lun­gen in Han­no­ver, Se­vil­la und Za­ra­go­za ler­nen und es bes­ser ma­chen“, sagt Boe­ri im Ge­spräch mit dem STAN­DARD . „Da­her ha­ben wir ei­nen gro­ßen bo­ta­ni­schen Gar­ten mit leich­ten, tem­po­rä­ren Auf­bau­ten vor­ge­schla­gen. Pas­send zum über­geord­ne­ten The­ma der Nah­rung war un­se­re Idee, das Are­al nach Ab­lauf der Ex­po in Acker­land zu ver­wan­deln. Die­ses Kon­zept je­doch war der Stadt Mai­land zu we­nig lu­kra­tiv.“

Was mit dem Ex­po-Ge­län­de ei­nes Ta­ges pas­sie­ren soll, ist un­ge­wiss. Bis heu­te lie­ge für das 1,7 Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ße Ge­län­de kein ent­spre­chen­des Nach­nut­zungs­kon­zept auf dem Tisch, so Boe­ri. Wahr­schein­lich ist, dass das Are­al dem be­ste­hen­den Rho/Pe­ro-Mess­ege­län­de zu­ge­schla­gen wird. Ge­naue Aus­sa­gen da­zu feh­len. 1,3 Mil­li­ar­den Eu­ro lässt sich der ita­lie­ni­sche Staat das Er­eig­nis kos­ten. Hin­zu kom­men ei­ne wei­te­re Mil­li­ar­de von den Teil­neh­mer­län­dern so­wie 350 Mil­lio­nen Eu­ro von pri­va­ten In­ves­to­ren. Um die­sen Preis wür­de man sich mehr als nur ei­ne tou­ris­tisch-wirt­schaft­li­che Nach­hal­tig­keit für die Lom­bar­dei wün­schen.

Über­aus nach­hal­tig, ja ge­ra­de­zu luf­tig er­scheint hin­ge­gen das Kon­zept des ös­ter­rei­chi­schen Pa­vil­lons. Ar­chi­tekt Klaus K. Lo­en­hart, der aus ei­nem zweis­tu­fi­gen Aus­wahl­ver­fah­ren als Sie­ger her­vor­ging, schöpft aus dem Schoß von Mut­ter Na­tur und schafft mit sei­nem Bei­trag „bre­at­he.aus­tria“ ein Stück­chen Wald in­mit­ten der sonst künst­li­chen Ex­po-Land­schaft.

Fri­sche Frisch­luft

„Oh­ne Es­sen kön­nen wir fünf Wo­chen aus­hal­ten, oh­ne Was­ser fünf Ta­ge, aber oh­ne Luft kei­ne fünf Mi­nu­ten“, er­zählt Klaus K. Lo­en­hart im Ge­spräch mit dem STAN­DARD . „So ge­se­hen ist Luft die wich­tigs­te Nah­rungs­quel­le für uns al­le.“ Er­zeugt wird die­se von ei­nem 560 Qua­drat­me­ter gro­ßen Wald, der aus der Mit­te des groß­teils of­fe­nen ös­ter­rei­chi­schen Pa­vil­lons her­aus­wu­chert. 1200 Stau­den, 120 Qua­drat­ma­ter Moos und fast 90 Bäu­me er­zeu­gen mit ver­ein­ten Kräf­ten 63 Ki­lo­gramm Sau­er­stoff pro Stun­de, ge­nug, um 1800 Men­schen zu ver­sor­gen. Fri­scher kann Frisch­luft nicht sein.

Doch wo­zu das Gan­ze? „Wis­sen Sie, es ist schon fast schi­zo­phren, ei­ne Ex­po un­ter dem Ti­tel Nah­rung und Nach­hal­tig­keit zu ma­chen und dann je­dem ein­zel­nen tem­po­rä­ren Pa­vil­lon ei­ne Kli­maan­la­ge aufs Dach zu knal­len“, er­klärt Lo­en­hart. „Un­ser Pa­vil­lon je­doch wird selbst im Som­mer oh­ne Kli­maan­la­ge aus­kom­men, denn die Küh­lung über­nimmt bei uns der Wald.“ Mit­tels Ven­ti­la­to­ren wird ein Sprüh­ne­bel über die Pflan­zen ver­teilt, die Tröpf­chen set­zen sich auf den Blät­tern fest, die Ver­duns­tung schließ­lich führt zu ei­ner wahr­lich er­kle­ckli­chen Ab­küh­lung des Rau­mes. Mit­hil­fe des 43.000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Luft­kraft­werks – so groß ist die Sum­me der Blat­to­ber­flä­chen – kann der Pa­vil­lon im Hoch­som­mer um fünf bis sie­ben Grad Cel­si­us ge­kühlt wer­den.

Ös­ter­rei­chi­sche Luft­kom­pe­tenz

„Die Ex­po ist ein Mul­ti­pli­ka­tor für Wis­sen und Ide­en“, sagt der Ar­chi­tekt. „

Und ob­wohl der Pa­vil­lon am En­de wie­der ver­schwin­den wird, kann un­ser Bei­trag als Stel­lung­nah­me für ein kli­ma­be­wuss­tes und res­sour­cen­scho­nen­des Han­deln wei­ter­be­ste­hen.“ Wich­tig sei es, dass mit „bre­at­he.aus­tria“ kei­ne As­ke­se und kein res­tau­ra­ti­ves Ver­ständ­nis von Na­tur ver­mit­telt wer­de, so Lo­en­hart, son­dern ein in­teg­ra­ti­ver, ko­ope­ra­ti­ver und nicht zu­letzt ge­nuss­vol­ler An­satz. „Wir müs­sen um­den­ken, kei­ne Fra­ge. Es pres­siert. Aber müs­sen wir dem Kli­ma­wan­del nur mit Ver­zicht und Feh­ler­kor­rek­tur be­geg­nen?“

Der ös­ter­rei­chi­sche Bei­trag, meint auch Ru­dolf Ru­zi­cka, Ex­po-Pro­jekt­lei­ter in der Wirt­schafts­kam­mer Ös­ter­reich (WKÖ), sei ei­ne In­spi­ra­ti­on, um über die Zu­kunft von Ar­chi­tek­tur und Tech­nik nach­zu­den­ken. „Ös­ter­reich ist be­kannt für sei­ne Luft­kom­pe­tenz. Und das, was das Blatt tut, ist ein wich­ti­ger Dienst, auf den man in Zu­kunft öf­ter wird zu­rück­grei­fen müs­sen. Die­se Mess­age ist es, die wir – fer­nab von ir­gend­wel­chen na­tio­na­len Kli­schee­bil­dern – auf die­ser Ex­po trans­por­tie­ren möch­ten.“

Die Bau­kos­ten für „bre­at­he-aus­tria“ schla­gen mit 4,8 Mil­lio­nen Eu­ro zu Bu­che, Moos und Baum­schu­len­ma­te­ri­al in­klu­si­ve. Nach dem Ab­bau des Pa­vil­lons wer­den die Stau­den und bis zu 15 Me­ter ho­hen Bäu­me, da­run­ter ei­ne Hain­bu­che, die al­le an­de­ren Pa­vil­lons über­ragt – was für ei­ne sym­bol­träch­ti­ge Ge­ste für die­se Welt­aus­stel­lung – nach Bo­zen trans­por­tiert und zur Auf­fors­tung der Stadt ver­wen­det. Der Kreis schließt sich.

Wa­ren es frü­her Tech­nik und Ma­schi­ne, Vi­si­on und Uto­pie und nicht zu­letzt der Kon­kur­renz­kampf der Na­tio­nen, die den Welt­aus­stel­lun­gen ih­ren Stoff ga­ben, so mu­tiert die Ex­po mehr und mehr zu ei­ner glo­ba­len Jah­res­kon­fe­renz, auf der man über je­ne The­men dis­ku­tiert, die un­aus­weich­lich sind, und da­für im Kol­lek­tiv nach Lö­sun­gen sucht. Es geht im­mer­hin um die Er­näh­rung des Pla­ne­ten. Am 1. Mai wird sich wei­sen, ob Mai­land die­se Chan­ce wahr­ge­nom­men hat oder nicht.

11. April 2015 Der Standard

Der Turm­bau zu Vals

In der 1000-Ein­woh­ner-Ge­mein­de in der Schweiz soll Thom May­ne ei­nen 381 Me­ter ho­hen Wol­ken­krat­zer bau­en. Das Pro­jekt hat in we­ni­gen Ta­gen viel Po­le­mik aus­ge­löst. Die wich­tigs­te Fra­ge je­doch lau­tet: Wie wol­len wir in Zu­kunft mit un­se­ren Ber­gen um­ge­hen?

Das höch­ste Ge­bäu­de Eu­ro­pas steht in Mos­kau. Mit 338 Me­tern ist der 2012 er­öff­ne­te Mer­cu­ry Ci­ty To­wer die al­les über­ra­gen­de Hö­hen­mar­ke auf dem Al­ten Kon­ti­nent. Das könn­te sich bald än­dern. In der Schwei­zer Ge­mein­de Vals, mit­ten im Kan­ton Grau­bün­den, am En­de ei­ner 20 Ki­lo­me­ter lan­gen Sack­gas­se, die ins letz­te Zip­fel des Val­ser­tals hin­ein­führt, pla­nen die bei­den In­ves­to­ren Re­mo Stof­fel und Pi­us Truf­fer ei­nen 82-stö­cki­gen Wol­ken­krat­zer, der 381 Me­ter in den Val­ser Him­mel ra­gen soll. Vor zwei Wo­chen wur­den die Plä­ne der Öf­fent­lich­keit vor­ge­stellt.

Und ja, das mit dem Him­mel war ei­ne ge­woll­te Ein­la­dung an die Ar­chi­tek­ten ge­we­sen, die sich an die­sem ge­la­de­nen Wett­be­werb un­ter Ju­ry­vor­sitz des ja­pan­is­chen Ar­chi­tek­ten Ta­dao An­do be­tei­ligt hat­ten. „Ich weiß, wir grei­fen hier nach den Ster­nen“, hat­te Truf­fer da­mals zu den neun ge­la­de­nen Pla­nern ge­sagt, da­run­ter so klin­gen­de Na­men wie Max Dud­ler, Nie­to So­be­ja­no, Ken­go Ku­ma, Ste­ven Holl und Thom May­ne. „Aber trotz­dem: Be­gin­nen Sie zu träu­men! Al­lein der Him­mel soll die Gren­ze sein für die­ses Pro­jekt!“

Nun, um ge­nau zu sein, wa­ren es nur acht Ar­chi­tek­ten, denn der eben­falls ge­la­de­ne Pritz­ker­preis­trä­ger Pe­ter Zum­thor, den meis­ten be­kannt als Ver­tre­ter ei­nes sanf­ten Tou­ris­mus und Er­bau­er der welt­be­rühmt­en, mitt­ler­wei­le denk­mal­ge­schütz­ten Fel­sen­ther­me Vals, wies die Ein­la­dung zu­rück. „Mich zu ei­nem Wett­be­werb ein­zu­la­den, nach all dem, was ich für Vals ge­tan ha­be, emp­fand ich als Spit­ze“, er­klär­te Zum­thor ge­gen­über der Wo­chen­zei­tung Die Zeit . „Mich macht die­ses Pro­jekt trau­rig.“

Mit­tel­fin­ger ge­gen die Re­gi­on

Von Trau­er ist in der Schweiz nicht die ge­ring­ste Spur. Zu in­tro­ver­tiert, zu lei­se ist die­se Ge­fühls­re­gung, um das zu be­schrei­ben, was in den letz­ten Ta­gen me­di­al ab­ge­gan­gen ist. Die ei­nen fei­ern das Ho­tel­hoch­haus als Ent­wi­cklungs­mo­tor und in­no­va­ti­ve Maß­nah­me für die Schwei­zer Ber­ge, die an­de­ren ver­ur­tei­len das Mam­mut-Bau­vor­ha­ben als „ab­surd“, „hirn­ris­sig“ und „un­auss­teh­lich“. Die bri­ti­sche Ta­ges­zei­tung The Gu­ar­di­an spricht so­gar von ei­nem „gi­gan­tic mir­ror-clad midd­le fin­ger ai­med at the re­gi­on“, von ei­nem gi­gan­ti­schen Mit­tel­fin­ger ge­gen die ge­sam­te Re­gi­on.

Ob das die Ab­sicht der Pro­jekt­ent­wi­ckler ist? „Ich ver­ste­he, dass die­ses Pro­jekt die Ge­mü­ter spal­tet“, sagt Pi­us Truf­fer, De­le­gier­ter des Vor­stan­des der zu­stän­di­gen 7132 AG, die sich die Val­ser Post­leit­zahl in den Fir­men­na­men ein­ver­leib­te, im Ge­spräch mit dem STAN­DARD . „Aber Tat­sa­che ist, dass sich drin­gend et­was än­dern muss. Der al­pi­ne Tou­ris­mus ist in ei­ner tie­fen Kri­se. Man ver­dient nichts mehr. Neue Ide­en müs­sen her.“

Das Stac­ca­to des 59-jäh­ri­gen Stein­bruch­un­ter­neh­mers geht durch Mark und Bein. Der Mann weiß, was er will. Sei­ne Vi­sio­nen spre­chen Bil­der. „Wis­sen Sie, sanf­ter Tou­ris­mus ist ei­ne gu­te Sa­che, dann sind wir al­le na­tur­ver­bun­den und trin­ken den gan­zen Tag Tee. Aber da­mit kann man in den ent­le­ge­nen Berg­ge­mein­den kei­ne Wert­schöp­fungs­ket­te auf­recht­er­hal­ten. Jetzt geht es da­rum, sich zu über­le­gen, wie man wie­der Leu­te in die Ber­ge lo­cken kann.“

In ge­wis­ser Wei­se, so Truf­fer, knüp­fe man mit dem Ho­tel­turm und dem be­nach­bar­ten, vier Hek­tar gro­ßen ja­pan­is­chen Gar­ten von Ta­dao An­do an die gro­ßen Vi­sio­nen der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de an, als in den Al­pen die er­sten Cha­lets und Grand­ho­tels ent­stan­den sind. „Auch da­mals hat man nichts an­de­res ge­macht, als ei­ne ur­ba­ne Bau­ty­po­lo­gie in ei­nen neu­en Kon­text, näm­lich in die un­be­rühr­te Na­tur­land­schaft zu set­zen. Ich fra­ge mich da­her: Wa­rum sol­len Hoch­häu­ser heut­zu­ta­ge nur der Stadt vor­be­hal­ten sein?“

Gia­co­met­ti, wag­hal­si­ger­wei­se

Ein Hoch­haus wie die­ses, das wird bald klar, fin­det man be­sten­falls in Man­hat­tan, wo in den letz­ten Jah­ren plötz­lich hauch­dün­ne, schier un­leist­ba­re Wohn- und Bü­ro­na­deln in die Wol­ken hin­ein­ge­sto­chen wur­den. Der sieg­rei­che Ent­wurf des ka­li­for­ni­schen Ar­chi­tek­ten Thom May­ne, Lei­ter des Bü­ros Mor­pho­sis, orien­tiert sich an die­sen mi­ni­ma­lis­ti­schen Ent­wür­fen der Me­ga­lo­po­lis und schuf ein schlan­kes, ver­spiegel­tes Ge­bil­de auf ei­ner Grund­flä­che von nur 30 mal 16 Me­tern. Die Kons­truk­ti­on ist wag­hal­sig.

„Es geht um ei­ne er­ha­be­ne, phi­lo­so­phi­sche Idee, die ei­ne Schön­heit ge­biert, die weit über die mensch­li­che Vor­stel­lung hin­aus­geht“, schreibt Ar­chi­tekt Thom May­ne in sei­nem Pres­se­text und be­zieht sich da­bei auf Im­ma­nu­el Kant, Ca­spar Da­vid Fried­rich und Al­ber­to Gia­co­met­ti, dem er mit dem Pro­jekt­ti­tel Fem­me de Vals in An­leh­nung an die Skulp­tur Fem­me de Ve­ni­se Re­ver­enz er­weist. „Auch wir wol­len den Be­su­chern, gleich Gia­co­met­tis dra­ma­ti­schem Meis­ter­stück, ein äs­the­ti­sches Er­leb­nis bie­ten.“ Noch sind die Wor­te mäch­tig zwar, aber va­ge. Ei­ne kon­kre­te In­ter­view-An­fra­ge des STAN­DARD lehnt May­ne ab. Man wol­le sich zum Pro­jekt zu die­sem Zeit­punkt nicht äu­ßern.

107 Zim­mer und Sui­ten, vie­le da­von mit ei­nem 360-Grad-Rund­um­blick, sol­len hier Platz fin­den. Mehr ist nicht ge­plant, denn im Ho­tel 7132, so der of­fi­ziel­le Na­me des Turm­baus zu Vals, setzt man nicht auf die Quan­ti­tät der Zim­mer, son­dern viel­mehr auf je­ne der Wohn­flä­che. Bis zu 500 Qua­drat­me­ter, bis­wei­len auf zwei Eta­gen ver­teilt, sol­len sich auf­tun, so­bald man die Zim­mer­kar­te in den Schlitz ge­scho­ben hat. Die Zim­mer­prei­se va­riie­ren, ab­hän­gig von Grö­ße und Stock­werk, zwi­schen 1000 und 25.000 Schwei­zer Fran­ken (950 bis 24.000 Eu­ro) pro Nacht.

Per He­li­kop­ter nach St. Mo­ritz

„Ja, das ist teu­er, aber ge­nau auf die­ses hoch­prei­si­ge Seg­ment zie­len wir ab“, meint Truf­fer. „Es darf nicht in Rich­tung Mas­se ge­hen. Wir müs­sen über Qua­li­tät nach­den­ken.“ Über­aus ex­klu­siv ist auch das Mo­bi­li­täts­kon­zept, das im Ho­tel 7132 an­ge­bo­ten wer­den soll. Die Tou­ris­ten, vor­nehm­lich je­ne aus Asien und dem ara­bi­schen Raum, wer­de man per He­li­kop­ter ein­flie­gen. Auf die­sem Luft­we­ge, so die In­ves­to­ren, er­rei­che man auch die be­rühmt­e Lu­xus­enk­la­ve St. Mo­ritz in nur 15 Mi­nu­ten. Das Din­ner ruft.

„Wir hal­ten an un­se­ren Plä­nen fest und ar­bei­ten der­zeit an der be­hörd­li­chen Bau­ein­ga­be“, sagt Pi­us Truf­fer auf An­fra­ge des STAN­DARD . „Im Herbst wol­len wir die Val­ser Be­völ­ke­rung über das Bau­vor­ha­ben und die da­mit ver­bun­de­ne Zo­nen­pla­nän­de­rung ab­stim­men las­sen. Es braucht den Dia­log mit den Men­schen vor Ort. Ge­wiss, es wird Res­sen­ti­ments ge­ben, aber am En­de ver­traue ich auf die Zu­kunfts­fä­hig­keit von uns al­len.“

Dem Pro­jekt ste­hen noch vie­le Hür­den be­vor, nicht zu­letzt der kan­to­na­le Richt­plan, der „Vor­ha­ben mit ge­wich­ti­gen Aus­wir­kun­gen auf Raum und Um­welt“ ab­zu­seg­nen hat, das Raum­pla­nungs­ge­setz (RPG) so­wie die noch aus­stän­di­ge Um­welt­ver­träg­lich­keits­prü­fung. 300 Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken will die 7132 AG in das Pro­jekt in­ves­tie­ren. Fer­tigs­tel­lung „so in fünf Jah­ren, wenn al­les gut­geht“, so Truf­fer.

Bei al­ler Po­le­mik, die der ge­plan­te Ho­tel­turm aus­ge­löst hat, darf ei­ne Sa­che nicht ver­ges­sen wer­den: Das Pro­jekt regt ei­ne längst über­fäl­li­ge Dis­kuss­ion da­rü­ber an, wie wir in Zu­kunft ge­ne­rell mit der ster­ben­den Ent­wi­cklung ab­ge­le­ge­ner Berg­re­gio­nen um­ge­hen wol­len. Mehr noch als ein ar­chi­tek­to­ni­scher und bau­kul­tu­rel­ler Bei­trag ist das Ho­tel 7132, ob es nun ge­baut wird oder nicht, po­li­ti­scher und raum­pla­ne­ri­scher Zünd­stoff. Und der ist längst über­fäl­lig. Nicht nur bei den Eid­ge­nos­sen, son­dern auch in Ös­ter­reich.

11. März 2015 Der Standard

Posthumer Pritzker-Preis an Frei Otto: Baumeister der Luftschlösser ist tot

Der Architekt des Münchner Olympiaparks und Erfinder der hängenden Dächer ist im Alter von knapp 90 Jahren verstorben. Der Pritzker-Preis 2015 wird ihm damit posthum verliehen

Der mit 100.000 US-Dollar dotierte Pritzker-Preis, oft auch als Nobelpreis der Architektur bezeichnet, geht heuer an den deutschen Architekten Frei Otto, der am Montag im 90. Lebensjahr gestorben ist. Aufgrund des plötzlichen Todes zog die Hyatt Foundation die geplante Verkündung des Preises um zwei Wochen vor. Damit wird der 1979 ins Leben gerufene und alljährlich mit großer Spannung erwartete Preis, der als die wichtigste Auszeichnung der Branche gilt, erstmals posthum vergeben.

Frei Otto, 1925 in Chemnitz (vormals Siegmar) geboren, gilt als Erfinder der sogenannten leichten Flächentragwerke, besser bekannt als „hängende Dächer“. Das beste Beispiel dafür, mit dem er auch berühmt wurde, ist das 1972 errichtete Olympiastadion in München. Wie ein Zelt, wie ein schwebendes Spinnennetz spannt sich die transparente Membran über das Stadion und den benachbarten Olympiapark. Damit hat Otto (gemeinsam mit Günther Behnisch) nicht nur den Leichtbau revolutioniert, sondern auch die Entwicklung der Architektur entscheidend mitgeprägt. Das Magazin „Häuser“ wählte den Olympiapark 2003 sogar zum wichtigsten deutschen Gebäude aller Zeiten.

Frühes Interesse an Modellbau

Die Vorliebe für die fast schwerelos wirkenden Konstruktionen kam nicht von irgendwo. Schon in der Schule kam Otto mit Segelfliegen und Modellbau in Kontakt, noch vor seinem Architekturstudium erwarb er den Segelflugschein und setzte sich mit Flugzeugbau und rahmengespannten Membranen auseinander. Im Zweiten Weltkrieg schließlich wurde der angehende Architekt als Kampfpilot eingesetzt. Die Faszination für das Leichte, für das leicht Bewegliche ließ ihn nie wieder los.

Anders als heute konnten die von ihm entwickelten Konstruktionen noch nicht berechnet werden. Die organische, amorphe Form sprengte damals die Grenzen der statischen Berechenbarkeit. Otto gab nicht auf und experimentierte mit Gitterschalen und Seilnetzen sowie mit Drahtmodellen, die er in Seifenlauge tauchte und anschließend genau dokumentierte. Den Glockenturm in Berlin-Schönow (1960) gestaltete er nach dem Vorbild des Skeletts der Kieselalge. Bei der Fußgängerbrücke in Mechtenberg im Ruhrgebiet wiederum orientierte er sich an den Strukturen von Bäumen und Blättern. Ähnlich wie der spanische Architekt Antoni Gaudí (Sagrada Família in Barcelona) leitete Otto auf diese Weise seine Architektur eins zu eins von der Natur ab.

„Ich habe wenig gebaut, ich habe viele Luftschlösser ersonnen“, hat Otto einmal in einem Interview gesagt. Und tatsächlich sind in seinen letzten Lebens- und Arbeitsjahren, die der Architekt fast ohne Augenlicht bezwang, nur noch wenige Bauten entstanden, unter anderem Zeltdachkonstruktionen im islamischen Raum.

Doch dafür hinterlässt Frei Otto viele Zusammenarbeiten, viele theoretische Projekte sowie einen eklatanten Beitrag zur universitären Architektur- und Konstruktionslehre. Neben seinen zahlreichen Büchern gründete er die Forschungsgruppe „Biologie und Bauen“ sowie das Institut für Leichte Flächentragwerke an der TU Stuttgart. Genau für diese Balance aus Architektur und Wissensvermittlung, teilte die Pritzker-Jury mit, wolle man den „Architekten, Visionär, Utopisten“, den „Erfinder der Leichtigkeit“ auszeichnen.

Frei Otto ist nach Gottfried Böhm (1986) der zweite deutsche Architekt, der mit dem renommierten Preis gewürdigt wird. Der bislang einzige österreichische Pritzker-Preisträger ist der vor einem Jahr verstorbene Hans Hollein (1985).

1. März 2015 deutsche bauzeitung

Klammer aus Kratzputz

»PAN Interkulturelles Wohnen« in Wien, A

Die Wohnhausanlage »PAN Interkulturelles Wohnen« in Wien ist der kulturellen Vielfalt ihrer Bewohner gewidmet, die sich bei der Vergabe geförderter Mietwohnungen ganz von selbst einstellt. So beschloss Architekt Werner Neuwirth, das Projekt nicht allein abzuwickeln, sondern Partnerarchitekten aus Zürich und London einzuladen. Gestalterischen Zusammenhalt findet das gelungene Architekturensemble nicht zuletzt über seine wertigen Kratzputzfassaden.

»Das Haus, in dem ich wohne, ist so richtig 70er Jahre!«, sagt Sennur Aslantürk missbilligend. »Aber mich hat das Projekt sofort angesprochen. Ich habe mich hier um eine Wohnung beworben, weil ich die Ideen, die hier realisiert wurden, sehr gut finde.« Die türkische Hausfrau wohnt im Haus der Architekten von Ballmoos Krucker aus Zürich. Auch der kaufmännische Angestellte Michael Lenz wohnt hier und stellt ebenfalls die äußere Erscheinung der beige-braunen Häuser infrage, findet jedoch die Wohnungen »super«.

Die Wohnhausanlage »PAN Interkulturelles Wohnen« auf dem Areal des ehemaligen Wiener Nordbahnhofs spaltet die Gemüter. Sie zählt zu den beachtlichsten und eigenwilligsten geförderten Wohnbauprojekten der letzten Jahre. Schon seit 1995 gibt es in Wien das Modell des Bauträger-Wettbewerbs, bei dem ein Bauträger stets in Zusammenarbeit mit einem Architekturbüro ein Konzept ausarbeitet und sich damit um eine Förderung der Stadt Wien bewirbt (s. db 1/2012, S. 24). Und obwohl die Qualität dieser Bauten traditionell sehr hoch ist, bereichert das Kooperationsprojekt PAN des gemeinnützigen Bauträgers Neues Leben und des Architekten Werner Neuwirth die Reihe dieser Wettbewerbe nun noch zusätzlich.

Für Werner Neuwirth war von Anfang an klar, dass – wenn es um Wohnungsbau speziell für unterschiedliche Kulturen geht – auch Planer aus anderen Kulturen eingeladen werden müssen, um sich gemeinsam des Themas anzunehmen. Man könne nicht von einem einzigen Architekten erwarten, sich in verschiedene Kulturen hineinzudenken, sonst geriete das bauliche Resultat solch eines Unterfangens zur Karikatur.

Neuwirth überzeugte den Bauträger, für die Bebauung des Grundstücks nicht nur ihn, sondern noch zwei weitere Architekturbüros aus anderen Ländern zu engagieren. Und so konnte er schließlich gemeinsam mit von Ballmoos Krucker Architekten aus Zürich und Sergison Bates architects aus London ein heterogenes Gebäudeensemble mit insgesamt 90 sehr unterschiedlich gestalteten Wohnungen entstehen lassen. Die nationalen Handschriften aus Österreich, der Schweiz und Großbritannien sind dabei unverkennbar.

Doch warum gerade diese beiden Länder? Neuwirth schätzt die besondere Wohnkultur in der Schweiz, die dort seit der Nachkriegszeit gepflegt wird und die seiner Meinung nach mit ihren einzigartigen Grundrissen zum Weltbesten gehört. Großbritannien habe aufgrund seiner geografischen Distanz zu Kontinentaleuropa ebenfalls seine eigenen Gesetzmäßigkeiten beim Bauen und Wohnen entwickelt. Hier, am ehemaligen Wiener Nordbahnhof, wird man der Zusammenführung der architektonischen Welten mit all ihren einzigartigen Schnitten, Schiebetüren und Split-Levels gewahr.

In diesem gelungenen architektonischen Miteinander soll auch die Nachbarschaft der Nutzer, die bereits wie ein zartes Pflänzchen zwischen den Wohnungstüren gedeiht, weiterhin gestärkt werden. Dafür findet als aktive Unterstützung in regelmäßigen Abständen ein mehrstündiges Mediationsverfahren statt, zu dem alle Bewohner eingeladen sind; Ziel ist es dabei, Vorbehalte abzubauen und die Menschen miteinander bekannt zu machen.

Vielfalt und Einheit

Der Unterschied im Charakter der drei verputzten Stahlbeton-Bauten ist zwar augenfällig, aber nicht aufdringlich. So manches Detail erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Eine gewisse Heterogenität war den Planern wichtig. Um die Individualität nicht zu übertreiben, sollte das Ensemble jedoch auch ein gewisser Zusammenhalt auszeichnen, gerade in einer Stadt wie Wien mit ihrer typischen Blockrandbebauung und ihren zahllosen Putzfassaden. So unterschiedlich die drei Gebäude bei genauerer Betrachtung sind, so sehr sind sie durch die Kratzputzfassaden am Ende wieder vereint. Für den Architekten ist Kratzputz eine »zutiefst österreichische«Technik, weil sie sehr robust und langlebig ist. Umso mehr bedauert er, dass sie in den letzten Jahrzehnten aufgrund ihrer Arbeitsintensität in Vergessenheit geriet. Im Gegensatz zu normalem Dünnputz, der meist organisch gebunden und nicht dicker als 2-3 mm ist, handelt es sich beim eingesetzten Material um einen mineralischen, sehr grobkörnigen Dickputz mit 15-20 mm Dicke. Man sieht den Unterschied nicht nur, man hört ihn auch: Die Fassade klingt dumpf und schwer.

Gegenüber organischen Putzen hat der mineralische Kratzputz auch bauphysikalische Vorteile. Er bildet keine geschlossene Haut, sondern eine offene, poröse Textur mit unendlich vielen Mikrorissen. »Bei organischen Putzen entstehen in der Regel lange, große Risse, wenn die zusammenhängenden Flächen zu groß dimensioniert sind, da die geschlossene Oberfläche nur bis zu einem gewissen Grad Spannung aufnehmen kann«, erklärt Neuwirth. »Hier jedoch wird diese Spannung bereits vom Putzkörper aufgenommen.«

Die Verarbeitung des Kratzputzes fand in zwei Phasen statt. Zunächst wurde er auf die Mineralwolle- bzw. XPS-Platten aufgetragen und verrieben. Am darauffolgenden Tag, sobald er zur Hälfte eingetrocknet war, wurde er dann mit einem Nagelspachtel nochmals aufgerissen. Das ergibt die charakteristische, unverwechselbare »Elefantenhaut«-Oberfläche, die je nach Tageszeit und Lichteinstrahlung mal weich und ineinander fließend, mal hart und voller Kontraste erscheint.

Anspruchsvolle Handarbeit

Soll die materielle Qualität der Oberflächen stimmen, kommt es beim Aufkratzen des halb »angezogenen« Putzes auf die richtige Temperatur, die richtige Luftfeuchtigkeit und nicht zuletzt den richtigen Zeitpunkt an. Ein abrupter Witterungswechsel mit Schnee und Regen während der Trocknungsphase kommt einer Katastrophe gleich, daher wird der Winter für diese Tätigkeit tunlichst gemieden. Hinzu kommt, dass der Vorgang des Aufkratzens möglichst gleichmäßig und in einem Zug ohne größere Unterbrechungen erfolgen soll. Ein mobiler Autokran ist für diese Arbeit dienlicher als ein Baustellengerüst, das die geschossweise Bearbeitung der Fassade erzwingt und zumeist zu horizontalen Streifen führt.

»Ein paar Grad Unterschied, das falsche Wetter am nächsten Morgen und vielleicht zu viele Handwerker, die alle eine unterschiedliche Handschrift haben, und die Schäden sind nicht mehr wegzubringen«, so berichtet Neuwirth, der sich die Putzexpertise selbst angeeignet und bei diesem Projekt erstmals angewandt hat. Das macht die Methode aufwendig und kostspielig – gut das Doppelte der Kosten für einen handelsüblichen Dünnputz.

Abgesehen von der Tatsache, dass es kein einfaches Unterfangen war, Firmen zu finden, die diese Putztechnik überhaupt noch beherrschen, bereitete das Fassadenmaterial auch den Behörden und Ausführenden Schwierigkeiten: Kratzputz wiegt ein Vielfaches von Materialien, die in Österreich heute marktüblich und somit auch in der Norm berücksichtigt sind. Die nötige Tragfähigkeit pro Fassadenanker (bei 18 cm Stahlbeton, 16 cm Wärmedämmung) war daher weitaus höher als die in der Norm festgehaltene Maximallast. Dies führte dazu, dass die Tragwerksplaner die Lasten individuell berechnen mussten, die Behörden hatten Genehmigungen zu erteilen und die Baufirmen mussten die Haftungsrichtlinien der Putzarbeiten mit Bauträger und Architekt individuell vereinbaren. ›

Durchgefärbt

Die Kritik vieler Bewohner an der Architektur gilt v. a. der vermeintlich einheitlichen Farbgebung der drei Gebäude. Tatsächlich jedoch sind es drei unterschiedliche Beigetöne, die nah beieinander liegen: einmal mit etwas höherem Grauanteil, einmal mit einem Braunstich und einmal mit mehr Grün. Dabei bleibt die Farbgebung bewusst sehr nah an natürlichen Erd- und Lehmfarben, um den körperlichen Eindruck der Architektur zu betonen, statt einen kolorierten Eindruck zu hinterlassen. Dazu trägt auch bei, dass der Kratzputz durchgefärbt wurde. Ein Anstrich kam nicht infrage, um nicht die mühsam hergestellte offenporige Oberfläche wieder zu versiegeln. Der Architekt meint sogar: »Einen Kratzputz anzumalen, wäre ein Fauxpas.«

Als wären die ungewöhnliche Putzfassade und die vielfältigen Wohnungszuschnitte nicht schon genug des Überdurchschnittlichen, verfügen die drei Niedrigenergiehäuser über Fußbodenheizung und Dreischeiben-Verglasung. Das ist ein beinahe schon luxuriöses Gesamtpaket. Ob der hohe Aufwand und die entsprechend hohen Kosten in Relation zu der Idee des geförderten und zu bezahlenden Wohnens stehen, ist für Werner Neuwirth nicht die Frage, da es bei den Baukosten gelang, innerhalb des förderbaren Budgetrahmens zu bleiben.

Wenn ein Bauwerk sozialen und kulturellen Wert hat, wenn es über so etwas wie Charakter und Identität verfügt, wenn es darüber hinaus auch noch Ästhetik und Sinnlichkeit besitzt, dann wird es die nächste Generation gerne übernehmen und weiternutzen. Davon kann man beim Projekt »PAN Interkulturelles Wohnen«, in dem Bewohner aus mehr als 20 Nationen zu Hause sind, ohne jeden Zweifel ausgehen.

28. Februar 2015 Der Standard

„Stundenlang über meine Fehler sprechen“

Der Mailänder Architekt Stefano Boeri hält am Freitag einen Festvortrag in Wien. Er wird über Versagen und Misserfolg referieren. Das macht neugierig. Wir haben ihn gefragt, was seine Erfahrung mit diesem zünftigen Tabu ist.

Zutritt verboten, ein Bauzaun ohne Anfang und ohne Ende, eine Schutthalde mitten im Weg, die Eingangstür steht halb offen, von oben hängen Aluminiumteile hinab, scheppern im Wind, klopfen gegen die Glasfassade. „Es ist schon traurig“, sagt Stefano Boeri. Er ist der Architekt dieses mehr als 150.000 Quadratmeter großen Riesengebäudes. „Aber so ist das in Italien. Jahrelang wird geplant und gebaut, mehr als 300 Millionen Euro werden investiert, das Haus steht kurz vor der Fertigstellung, und dann kommt Berlusconi daher, und alles ist anders.“

Das Kongresszentrum in La Maddalena, Sardinien, wurde für den G-8-Gipfel im Juli 2009 errichtet. Drei Monate zuvor wurde das Gipfeltreffen kurzerhand ins erdbebengezeichnete L'Aquila verlegt. Voyeurismus in Schutt und Asche, das sei medientauglicher und entsprechend lukrativer als ein kleines Hafenstädtchen am Ende der Welt, hat man damals zwischen den Zeilen vernommen. Der Bau steht seitdem leer und verfällt. Eine moderne Ruine.

Kommende Woche hält Boeri im Rahmen des Architekturfestivals „Turn on“ im ORF-Radiokulturhaus einen Festvortrag über sein niemals fertiggestelltes Kongresszentrum. Unter dem Titel „Architecture Fiasco“ will er sich dem Scheitern widmen. „Misserfolg und Versagen gehören zu diesem Job dazu wie zu jedem anderen auch“, meint Boeri. „Aber gerade in der Architektur, wo es darum geht, etwas zu erschaffen, ist das Missglückte mitunter noch viel unglücklicher.“

STANDARD: Wann waren Sie zum letzten Mal in La Maddalena?

Boeri: Im Jänner. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Immer noch. Und immer mehr.

Im Dokumentarfilm „La Maddalena“ von Ila Bêka and Louise Lemoine machen Sie einen Spaziergang durch das Gebäude und kommentieren den Lauf der Dinge. Wie geht es Ihnen, wenn Sie da durchmarschieren?

Boeri: Nicht gut. Es ist traurig. Irgendwie fühlt man sich als Architekt mitverantwortlich, dass das Haus nun leersteht, auch wenn das natürlich reichlich absurd ist. Vor allem aber empfindet man so etwas wie Scham.

Warum ist es so schwer, über Fehler zu sprechen?

Boeri: In unserer Profession gibt es viele Quellen möglicher Fehler. Man macht ein Projekt, und es wird niemals realisiert. Ein Versagen. Man realisiert ein Projekt, und irgendein technisches Detail funktioniert nicht so, wie man es sich vorgestellt hat. Ein Versagen. Und man macht ein Projekt mit all den technischen Raffinessen, die es gibt, und dann steht es am Ende leer. Und wieder ein Versagen. Irren ist menschlich. Aber in unserem Beruf ist Irren ein Tabu.

Nicht der Architekt hat sich geirrt, sondern der Politiker. Wie hat sich Berlusconi zu diesem Projekt geäußert?

Boeri: Silvio Berlusconi war drei- oder viermal vor Ort. Jedes Mal war er enttäuscht. Beim ersten Mal meinte er: Warum machen Sie das nicht so? Und das so? Und das dort vielleicht so? Beim zweiten Mal hat er uns Innenmobiliar nach seinem Geschmack vorgeschlagen. Da hätte man schon ahnen können, dass wir auf eine Sackgasse zusteuern. Zuletzt hat er festgestellt, dass ihm das Projekt nicht gefällt. Ihm fehle die Ornamentik, die Grandezza, die Monumentalität, die Symbolik der politischen Macht.

Warum ist es so schwer, sich von den alten Bildern einer politischen Architektur zu verabschieden?

Boeri: Raum und Politik ... das ist ein schwieriges, sensibles Thema. Im Laufe der Geschichte hat politische Architektur immer ihre ganz spezifische Form gehabt. Wir wollten diese Form neu interpretieren und haben den politischen Raum als einen Ort der Offenheit und Transparenz gedeutet. Im Kongresszentrum La Maddalena scheinen die lichtdurchfluteten Räume in die Landschaft, ins Meer hinauszufließen. Das war unser Bild einer neuen politischen Architektur. Die sardische Regierung war von dieser Idee sehr angetan. Berlusconi war es nicht.

Der Gipfel hätte auch bloß wenige Tage gedauert. Was ist mit der Zeit danach? Warum ist es bis heute nicht gelungen, eine geeignete Nachnutzung für das Projekt zu finden?

Boeri: Wir hatten von Anfang an ein Konzept für die Nachnutzung, für eine Art Second Life nach dem G-8-Gipfel - mit Sporthafen, Hotel, Freizeiteinrichtungen und so weiter. Da das Land, auf dem das Kongresszentrum heute steht, früher militärisch genutzt worden war und entsprechend kontaminiert war, haben wir eine Reinigung in Auftrag gegeben. Die Baufirma hat das Geld kassiert, den Grund und Boden aber niemals gesäubert. Sämtliche geplante Nachnutzungen sind damit gestorben. Ein Fiasko.

Was passiert nun mit dem Areal?

Boeri: Das ist schwer zu sagen, denn die Eigentumsverhältnisse sind sehr komplex. Wir sind gerade im Gespräch mit der Regierung. Auch wenn es paradox klingt: Eine Idee ist, in La Maddalena den nächsten Weltwirtschaftsgipfel abzuhalten. Das wäre nachhaltig.

Wie definieren Sie den Begriff „Nachhaltigkeit“?

Boeri: Langlebigkeit.

Im Mai startet die Expo in Mailand. Sie haben die Richtlinien für den Masterplan entwickelt. Was soll passieren, damit das Expo-Gelände nicht so endet wie jenes in Hannover nach der Expo 2000?

Boeri: Wir haben den Expo-Menschen einen großen botanischen Garten mit leichten, temporären Aufbauten vorgeschlagen. Wir wollten aus den Fehlern der vergangenen Weltausstellungen in Hannover, Sevilla und Zaragoza lernen und es besser machen. Unsere Idee war, das Areal anschließend in Ackerland zu verwandeln. In der Zwischenzeit hat sich die Balance aus permanenten und temporären Bauwerken auf dem Expo-Gelände dramatisch verändert. Aus unserem Nachnutzungskonzept wird wohl nichts werden. Das war der Stadt Mailand zu wenig lukrativ.

Was kommt stattdessen?

Boeri: Die Expo hat sich im Laufe der letzten Monate mehr und mehr zu einer sehr klassischen, konservativen Weltausstellung entwickelt. Meinen Job als Expo-Konsulent der Stadt Mailand bin ich mittlerweile los. Ich wurde abgesägt. Was mit dem Expo-Gelände nach Ablauf der Expo passieren soll, ist ungewiss. Bis heute liegt kein entsprechendes Nachnutzungskonzept auf dem Tisch. Ich habe Vorschläge unterbreitet. Sie wurden nicht gemocht. Ich muss aufhören, immer wieder in die gleichen Fallen hineinzutappen.

Sie meinen?

Boeri: Der Architekt als halber Politiker.

Werden wir jemals aufhören, Fehler zu machen?

Boeri: Niemals. Ich könnte stundenlang über meine Fehler sprechen ...

Wie bekommen wir unsere Fehler besser in den Griff?

Boeri: Wir müssen endlich kapieren, dass Fehler unvermeidlich sind und dass sie eine immens wichtige Ressource für unser Leben sind. Die offene, tabulose Kultur vermisse ich. Vor allem aber müssen wir lernen, dass unser Job als Architekt nicht mit der Fertigstellung des Bauwerks aufhört. Unsere Verantwortung reicht Jahrzehnte, ja vielleicht sogar Jahrhunderte in die Zukunft. Dessen sind sich die wenigsten bewusst. Sie bauen und bauen und bauen. Und bauen. Und bauen.

Stefano Boeri (58) ist Architekt und Stadtplaner in Mailand. Er war Chefredakteur der internationalen Design-Magazine „Domus“ und „Abitare“ und ist nun Leiter der Forschungsgruppe Multiplicity, die sich mit dem Wandel von Bauland und Landnutzung beschäftigt. 2013 baute er für die Europäische Kulturhauptstadt Marseille das Centre Régional de la Méditerranée in Marseille. Letztes Jahr stellte er in Mailand das Wohnhochhaus „Bosco Verticale“ mit 800 Bäumen und mehr als 20.000 Sträuchern, Büschen und Pflanzen fertig. Das Projekt wurde vielfach ausgezeichnet. Für die Expo 2015 in Mailand erstellte er gemeinsam mit Jacques Herzog, Richard Burdett und William MacDonough die Richtlinien für den Masterplan. Das Architekturfestival „Turn on“ findet vom 5. März, 16.30 Uhr bis zum 7. März, 22 Uhr statt. Mit zahlreichen Nonstop-Vorträgen. Der Festvortrag von Stefano Boeri findet am Freitag, den 6. März, um 10.30 Uhr statt. ORF-Radiokulturhaus, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien. Eintritt frei (www.turn-on.at)

14. Februar 2015 Der Standard

Zauberformel zum Glück

Am 20. Februar feiert der Wiener Architekt Harry Glück, Vater der Wohnhausanlage Alt-Erlaa, seinen 90. Geburtstag. Wir haben ihn gebeten, eine Zwischenbilanz über sein Werk zu ziehen. Ein Gespräch über Glück und Sünde in der Architektur.

Standard: Kommenden Freitag werden Sie 90. Sind Sie glücklich?

Glück: Jünger wär ich glücklicher. Aber das bin ich nicht. Was mein jetziges Glück betrifft: Ich arbeite immer noch, wenn auch nicht so intensiv wie früher, und ich bin nach fast 60 Jahren immer noch mit derselben Frau verheiratet. Das ist für mein Glück durchaus zuträglich.

Standard: Wie werden Sie Ihren Geburtstag verbringen?

Glück: Vielleicht wird es regnen.

Standard: Warum?

Glück: Ich fürchte, auf eine Feier eingeladen zu sein, die mir die Bewohner im Wohnpark Alt-Erlaa zugedacht haben. Einerseits freut mich das, aber ich feiere nicht gerne. Ich bin kein Gesellschaftsmensch.

Standard: Wie lautet Ihre Zwischenbilanz, wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurückblicken?

Glück: Als Architekt kann man von Wien aus nicht viel erreichen. Von dem jedoch, was man erreichen kann, habe ich mein Potenzial ganz gut ausgeschöpft. Ich denke, dass ich einen wichtigen Beitrag zum Wiener Wohnbau geleistet habe. Reinhard Seiß hat unlängst sogar ein Buch über meine Wohnbauten herausgegeben.

Standard: In Ihrer Karriere haben Sie rund 18.000 Wohnungen geplant. Das ist eine Menge. Sind die alle gut?

Glück: Es ist niemals alles gut, was man macht.

Standard: Sie wenden für Ihre Bauten die „Grundsätze der Reichen“ an, wie Sie selbst meinen. Was sind diese Grundsätze?

Glück: Die Grundsätze der Reichen sind ganz einfach: Licht, Luft, Sonne, Nähe zu Natur, Nähe zu Wasser, Mobilität und Möglichkeiten zur Kommunikation. Das klingt einfacher, als es ist. Wenn man sich aber umschaut, wie die Nichtreichen wohnen, wird man merken, dass meist nicht einmal diese einfachen Faktoren positiv erfüllt werden. In meinen Wohnbauten versuche ich, so viel als möglich von diesen Parametern einfließen zu lassen. Ich nenne das immer - frei nach Jeremy Bentham, dem Begründer des klassischen Utilitarismus - „das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl“.

Standard: Ist das Wohnen in diesen riesigen Maßstäben legitim?

Glück: Die Menschheit soll in den nächsten 20 Jahren auf 8,5 Milliarden Menschen anwachsen. Mit Einfamilienhäusern und kleinen Wohnhausanlagen wird das nicht zu machen sein. Die gesellschaftliche Situation hat sich geändert. Der Markt und die Menschen haben so hohe Wohnansprüche kreiert, dass sich die Erfüllung dieser Sehnsüchte nur dann erzielen lässt, wenn man sie im Kollektiv anbietet - so wie in Alt-Erlaa.

Standard: Sie sprechen vom gemeinsamen Swimmingpool auf dem Dach?

Glück: Zum Beispiel. Den Luxus für alle kann man nur dann machen, wenn er für eine große Zahl konsumierbar ist. Sonst ist er flächen- und ressourcentechnisch nicht realisierbar. Am Pool trifft man den Generaldirektor in der Badehose. Das schafft Begegnung auf Augenhöhe. Das ist ein Katalysator für Sozialisation und Kommunikation.

Standard: Ein Pool auf dem Dach ist ja nicht gratis. Wie schaffen Sie es, in Ihren geförderten Wohnbauten immer wieder Luxus zu integrieren?

Glück: Zauberformel haben wir keine. Für jeden Bau beginnen wir den Kampf von neuem.

Standard: Ihre Wohnbauten werden manchmal als „Betonburgen“ beschimpft. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Glück: Meine Häuser sind Betonburgen. Das stimmt. Aber ich behaupte: Es sind zumindest schöne Betonburgen, einige davon sind attraktiver als so manche Nichtbetonburg.

Standard: Wie zufrieden sind Sie mit dem, was heute in Wien gebaut wird?

Glück: Von den Behörden kommen viele Behinderungen. Die baulichen Anforderungen an Statik, Erdbebensicherheit, Brandschutz, Schallschutz und Barrierefreiheit sind zum Teil überzogen und haben mit der österreichischen Realität nichts mehr zu tun. Das kostet nur viel Geld. Die Folge davon ist, dass das Geld dort fehlt, wo man es eigentlich dringender brauchen würde.

Standard: Wie wird es weitergehen?

Glück: Es wird nur weitergehen, wenn die Architekten aufhören, alles kritiklos hinzunehmen, und endlich anfangen, sich gegen die immer schärfer werdenden baulichen Anforderungen zu wehren. Diesen Impetus vermisse ich.

Standard: Ich muss Ihnen noch eine Frage zu Ihren Bausünden stellen.

Glück: Machen Sie!

Standard: Das Hotel Marriott am Parkring gilt als eine der größten Bausünden Wiens. Was ist da passiert?

Glück: Das war der Höhepunkt der Postmoderne. Wir standen unter Zeitdruck, die terminlichen Anforderungen waren extrem, und der Bezirksvorsteher hat uns seinen Geschmack aufs Auge gedrückt. Das Marriott ist, was es ist. Ich gebe zu, das ist keine Glanztat ... wir hätten diesen Auftrag zurückgeben sollen. Aber es funktioniert als Hotel immer noch. Das ist das Wichtigste.

Standard: Und was ist mit dem Franz-Josefs-Bahnhof?

Glück: Bei diesem Auftrag waren wir nur in die technische Abwicklung involviert. Aber Fakt ist: Man war damals in einer Identitätskrise und hat sich auf die Suche nach neuen Formen begeben. Der Franz-Josefs-Bahnhof war ein Versuch, diese Form zu finden. Heute wissen wir, dass der Fund kein sonderlich guter war.

Standard: Das von Ihnen geplante Rechenzentrum neben dem Rathaus soll demnächst abgerissen werden. Wie geht es Ihnen damit?

Glück: Das Rechenzentrum wurde detailliert nach dem Layout der Computerfirmen geplant. Wie ich gehört habe, wäre das Haus mit geringen Mitteln adaptierbar gewesen. Doch da ich in diese Interna nicht einmal aus Höflich- keit eingebunden wurde, kann ich darüber keine Aussage machen. Ich wache in der Nacht nicht schluchzend auf. Da gibt es andere Kollegen, die das eher müssten.

Standard: Woran denken Sie am liebsten zurück?

Glück: Am liebsten ... das weiß ich nicht. Aber sehr gerne denke ich an meine Anfänge zurück. Während des Zweiten Weltkriegs habe ich Theater gemacht und mich am Reinhardt-Seminar beworben. Wieso die mich aufgenommen haben, ist mir bis heute ein Rät- sel. Aber es war ein guter Start. Über die Bühnenbildnerei bin ich schließlich zur Architektur gekommen. Das ist auch eine Art Bühnenbild, nur größer und wichtiger.

Standard: Woran arbeiten Sie derzeit?

Glück: Dreimal dürfen Sie raten!

Standard: An einem Wohnbau.

Glück: Korrekt. Wir arbeiten aktuell an mehreren Wohnhäusern, unter anderem an einer Wohnhausanlage auf den ehemaligen Coca-Cola-Gründen in Wien. Das Grundkonzept ist die grüne Stadt.

Standard: Was wird Ihnen in Zukunft noch Glück bereiten?

Glück: Mit Paula, meiner zweijährigen Hündin, in den Prater spazieren gehen und hoffen, dass es nicht regnet, zumindest nicht an diesen Tagen, an denen ich sonst keine Verpflichtungen habe.

Harry Glück, geboren 1925 in Wien, studierte Bühnenbild und absolvierte das Reinhardt-Seminar. Er machte mehrere Bühnenbilder, u. a. für das Theater in der Josefstadt und das Renaissance-Theater in Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er als Innenarchitekt und Möbelplaner, später dann vor allem als Architekt tätig. Er plante vor allem sozialen Wohnbau. Sein bekanntestes Projekt ist der zwischen 1973 und 1985 errichtete Wohnpark Alt-Erlaa. Vor zwei Wochen hat er das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien 2015 erhalten.

31. Januar 2015 mit Maik Novotny
Der Standard

Ein Baustoff namens Erde

Lehmbau ist ein exotisches Nischenprodukt. Völlig zu Unrecht, denn Lehm gilt als einer der besten und billigsten Klimaregulatoren, die es gibt. Allmählich erlebt das Lowtech-Material eine Renaissance.

Ich wundere mich manchmal über das schlechte Image von Lehm", sagt Martin Rauch, graumelierte André-Heller-Locken, ein Lächeln wie ein Sonnenschein. „In unseren Breitengraden gilt Lehm, vor allem Stampflehm, immer noch als Armeleutebaustoff, doch im Grunde genommen ist es ein großartiges und vielfältiges Material und einer der wichtigsten Baustoffe der Welt.“

Mehr als ein Drittel der Menschheit leben in Lehmhäusern. Besonders verbreitet ist die Bauweise in Nord- und Zentralafrika, auf der gesamten Arabischen Halbinsel sowie im Iran. Doch die Tage dieses vielleicht ältesten Baustoffs der Menschheitsgeschichte sind bereits gezählt, denn in seinen Ursprungsländern gerät Lehm nach und nach in Vergessenheit. Wo Geld ist, da sind kurze Zeit später auch Stahl, Glas, Ziegel und Beton.

Da kommt Martin Rauch, Geschäftsführer der Lehm Ton Erde Baukunst GmbH, gerade recht. Der Vorarlberger Architekt, der mittlerweile auf dem halben Erdball tätig ist und mit so namhaften Büros wie Marte.Marte, Matteo Thun, Herzog & de Meuron, Snøhetta und Olafur Eliasson zusammenarbeitet, ist ein Lehmbau-Lobbyist im besten Sinne. „Gerade in jenen Ländern, aus denen die Lehmbaukultur ursprünglich stammt, gibt es oft kein Know-how“, sagt Rauch. „Die Leute wissen nicht mehr, wie man mit Stampflehm baut. Dann springen wir ein, fliegen in den Süden und bilden die Handwerker und Bauarbeiter aus. Ist das nicht absurd?“

Zu den bisherigen Lehmbauten, die Rauch mit seinen Mitarbeitern stets eigenhändig errichtet, zählen Einfamilienhäuser, Schulen, Museen, Bürogebäude, Gewerbehallen, Kirchen, Friedhofsbauten und Hotels. Erst letztes Jahr stellte Rauch in Hirschegg, Steiermark, für den Vorarlberger Architekten Hermann Kaufmann das Naturhotel Chesa Valisa fertig. Und 2012 baute er - gemeinsam mit den Schweizern Jacques Herzog und Pierre de Meuron - für den Schweizer Kräuterzuckerlkönig Ricola eine Lagerhalle.

Ideale Lagerbedingungen

Das „Ricola Kräuterzentrum“ in Laufen bei Basel ist eine archaische, 110 Meter lange, 30 Meter breite und elf Meter hohe Halle aus Stahlbeton und Stampflehm. Nicht ohne Grund: „Nachdem der Lehm ein perfekter Klimaregulator ist, brauchen wir in dieser Lagerhalle keine Be- und keine Entfeuchtungsanlage. Die Luftfeuchtigkeit reguliert sich ganz von selbst.“ Die Ricola-Experten sind glücklich: Je nach Jahreszeit und Witterung beträgt die Luftfeuchte zwischen 50 und 60 Prozent. Ohne Technik und ohne Maschine, versteht sich. Ideale Lagerbedingungen für die Lutschbonbons in spe.

Und jetzt Saudi-Arabien. Schon seit einigen Jahren werkelt Rauch - gemeinsam mit dem Osloer Büro Snøhetta - am King Abdulaziz Center for World Culture (siehe Foto). Der riesige, futuristisch anmutende Bau in Dhahran, benannt nach dem vor einer Woche verstorbenen saudischen König Abdullah Ibn Abdulaziz Al Saud, ist ein Konglomerat aus Kulturzentrum, Theater, Kino, Veranstaltungshalle, Galerien und Büro-Tower. In der 120 mal 80 Meter großen Plaza, die all die unterschiedlichen Bauteile miteinander verbindet, sowie im Eingangsbereich kam auf mehr als 10.000 Quadratmeter Wandfläche Stampflehm zum Einsatz.

„Die Luftfeuchtigkeit am Persischen Golf schwankt enorm“, so Rauch. „Mal ist die Luft nass wie ein Schwamm, mal ist es trocken heiß bei 45 bis 50 Grad Celsius. Der Lehm fungiert hier als Regulator zwischen den Extremen. Wie wir aus der traditionellen Architektur in diesem Kulturraum nur zu gut wissen, kann man dank dicker Lehmwände auf so man- che Klimaanlage verzichten.“ Im Herbst dieses Jahres soll das King Abdulaziz Center nach fünfjähriger Bauzeit eröffnet werden.

Weniger königlich-feudale Bauherren sind die Spezialität von Anna Heringer. Die Liebe zum Lehm begann bei der mit dem Aga Khan Award ausgezeichneten Architektin bei einem einjährigen Entwicklungshilfe-Aufenthalt in Bangladesch. Seitdem ist sie immer wieder dorthin zurückgekehrt, ihre Diplomarbeit - die METI Handmade School in Rudrapur - wurde 2006, gemeinsam mit einer Heerschar Freiwilliger, erdige Realität. Der Selbstbau mit der Hand am Material ist dabei bis heute Heringers Grundüberzeugung geblieben.

Lehmende Erkenntnis

„Ein Haus aus Lehm kann man nicht aus der Ferne planen, man muss selbst vor Ort sein.“ Dass der Wissenstransfer beim Bauen keine Einbahnstraße ist, zeigen die Projekte, die Heringer in der westlichen Hemisphäre realisiert: An der Elite-Uni Harvard entstand gemeinsam mit Studenten eine „Mud Hall“, an der ehemaligen Berliner Mauer eine „Mud Wall“, und letztes Jahr brachte sie sogar westafrikanisches Lehmbau-Wissen nach Westösterreich.

Für den Hauptsitz des Energieversorgungsunternehmens Omicron Electronics in Klaus, Vorarlberg, entwickelte Heringer gemein-sam mit Martin Rauch Mitarbeiterräume, die mit der sonst üblichen Neonlicht-Nadelfilz-Konferenzraum-Tristesse wenig zu tun haben. Ein leichter, schwebender „Zeppelin“ in Gestalt eines mit indischen Textilien bespannten Holzskelettes und ein erdschwerer, archaischer, kartoffelartig wir-kender „Monolith“ aus Lehm mit einem ausgehöhlten Inneren. In diese sanftraue Geborgenheit dürfen sich in Kürze die Omicron-Elektroniker embryonal knotzend zum entspannten Brainstorming zurückziehen. Vorbild für dieses Projekt war eine Lehmbautechnik aus Ghana. Dank österreichischer Bauvorschriften musste der handgefertigte Kuppelbau mit Stahlringen verstärkt werden.

Die lehmende Erkenntnis: Ganz ist man in Europa noch nicht für den Import des so billigen wie klimatisch vorteilhaften Baustoffes gerüstet. Dabei ist dieser in unseren Breiten ein alter Bekannter, der auch den weltweiten wechselnden Witterungen tadellos trotzen kann. Im deutschen Weilburg an der Lahn steht ein sechsgeschoßiges Stampflehmhaus aus dem Jahr 1836. Der Bau ist gut beieinander und wird immer noch bewohnt. Und in der jemenitischen Stadt Schibam gibt es acht- und neunstöckige Lehmhochhäuser, die bis zu 500 Jahre alt sind. Sie stehen noch immer.

31. Januar 2015 Der Standard

Äs schöns Huus met Recht und Pflicht

Der Schweizer Wohnbau ist bereits im Übermorgen angekommen. Vor allem Zürcher Genossenschaften legen mit autofreiem Wohnen, exotischen Grundrissen und jeder Menge infrastruktureller Anreize die Latte hoch.

Das Bild ist gewöhnungsbedürftig. Direkt vor dem Haus fährt jede Viertelstunde die Sihltalbahn vorbei, dann senkt sich der Bahnschranken, dann bleiben alle stehen und warten geduldig ab, bis der dunkelrote Zug vorbeigefahren ist. Und tatsächlich stehen hier, am sogenannten Sihlbogen, die Zeichen auf öffentlichen Verkehr, denn die Vergabe der 140 Wohnungen in den beiden langgestreckten Bauteilen entlang der Gleise war an eine unumstößliche Forderung geknüpft: Es gibt keine Garage. Wer hier wohnen möchte, der erklärt sich bereit, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Im Gegenzug bekommt er - als Teil der Miete - eine Jahreskarte für Zug, Bus und Tram.

Was sich mit unseren österreichischen, wohnbaurechtlich und marktkonform geschulten Ohren anhört wie eine Utopie, ist andernorts Realität. Am nördlichen Stadtrand von Zürich plante das Büro Dachtler Partner Architekten dieses ungewöhnliche Passivhaus, das bis auf die betonierten Stiegenhauskerne komplett aus Holz erbaut wurde. Es ist das erste siebenstöckige Holzgebäude der Schweiz.

Bauweise und Verkehrskonzept sind ein Beitrag zum energiepolitischen Programm „2000-Watt-Gesellschaft“, das im November 2008 per Volksabstimmung beschlossen wurde und das bis 2050 im Großraum Zürich realisiert werden soll. Hinter dem ungewöhnlichen Projekt Sihlbogen steckt kein gemeinnütziger Wohnbauträger, sondern eine der rund 1700, größtenteils kleinen Wohnbaugenossenschaften, die es in der Schweiz gibt.

Wohnbauexempel

„Die Genossenschaft ist eine sehr innovative und hat uns zu neuen baulichen Lösungen regelrecht gezwungen“, sagt Micha Vogt, Projektleiter bei Dachtler Partner Architekten. Die österreichischen Architekten, Fachplaner und Bauträgerchefs auf einem von Wohnen Plus, Wohnen Plus Akademie und raum & kommunikation veranstalteten Praxischeck staunen nicht schlecht. Gezwungen? „Ja, die Vorgabe lautete, wir sollen experimentieren und ein Exempel statuieren, das es in dieser Form in der Schweiz noch nie zuvor gab.“ Neidvolle Blicke. So sieht Applaus mit den Augen aus.

Noch einen Schritt radikaler ist der im Herbst vergangenen Jahres fertiggestellte Wohn- und Gewerbebau Kalkbreite in Zürich-Wiedikon. Nur ein paar Tramstationen vom Hauptbahnhof entfernt entstand hier ein 23.000 m² großer Mix aus Wohnen, Gewerbe, Hotel, Kino und allerlei exotischen Einrichtungen und Dienstleistungen. Im Gegensatz zum Sihlbogen gibt es hier nicht nur klassische Wohnungen, sondern auch Wohngemeinschaften und Cluster-Wohnungen mit bis zu zehn individuellen Wohn-Units.

„Nach EU-Gesetz haben wir hier nur 55 Wohnungen“, sagt Res Keller, Geschäftsführer der Genossenschaft Kalkbreite. „Tatsächlich aber gibt es knapp hundert Einheiten, die in individuellen Wohnverbänden zusammengefasst sind. Das Angebot wird gut angenommen. Wir sind voll, würden wir eine Warteliste führen, wäre sie elendslang.“ Entstanden ist das Projekt, das mit seiner gelb-orange-hellblau gesprenkelten Putzfassade mehr als auffällt, als Folge eines dreitägigen Intensiv-Workshops vor einigen Jahren, an dem jeder Zürcher teilnehmen durfte. Auf Basis des erarbeiteten Entwurfs wurde dann eine Genossenschaft gegründet und Geld auf die Beine gestellt.

Der Verzicht auf ein eigenes Auto versteht sich von selbst. Wer diese Regel bricht, der fliegt. Darüber hinaus gibt es Baby- und Kinderbetreuung, Yoga- und Tanzräume, Wohngemeinschaften samt angestellten Köchen und sogar ausgelagerte „Wohn-Joker“ - das sind kleine Wohnzellen, die die Bewohner entweder für Langzeitgäste oder kurzfristig für Rosenkriege oder pubertierende Jugendliche anmieten können.

„Wir haben die inzwischen gebaute Vision von Anfang an gemeinsam mit vielen entwickelt“, sagt Keller. „Wie sich die vielen Ideen nun im Alltag bewähren, wird sich zeigen. Baulich haben wir zumindest die Voraussetzungen dafür geschaffen, hier eine neue Art von Gemeinschaft leben zu können.“ Die Wohnungen sind unterschiedlich ausgestattet und kosten demnach unterschiedlich viel. Um eine Wohnung mieten zu können, muss man Mitglied der Genossenschaft sein. 100 Quadratmeter Wohnfläche kosten im Schnitt 2000 Franken - das ist für einen Neubau in Zürich günstig.

„Entweder man baut weiter Schuhschachteln dort, wo es teuer ist“, erklärt Peter Schmid, Präsident des Regionalverbands Zürich der Wohnbaugenossenschaften Schweiz, auf Anfrage des STANDARD. „Oder aber man zieht an günstigere Standorte und experimentiert dort und bietet dem Mieter schließlich eine Qualität, die den nicht ganz so zentralen Standort wieder wettmacht. Ich bin mir sicher, dass diese Strategie die richtige ist, denn Monotonie gibt es schon zur Genüge.“ Jetzt sei die Zeit für Projekte mit Strahlkraft da. Vielleicht strahlen sie ja bis Österreich.

17. Januar 2015 Der Standard

Preisgekrönt vergittert

Vor kurzem wurde der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit verliehen. Unter den Siegerprojekten befindet sich eines, das die gesellschaftspolitische Verantwortung besonders ernst nimmt.

Ich kenne den Unterschied zu dem, wie's früher war, damals noch im alten Haus", sagt ein junger Mann, nennen wir ihn Max. „Und jetzt ist es eindeutig besser. Die Räume sind sauber, hell und angenehm gestaltet. Jedes Zimmer hat ein kleines Bad mit Dusche und WC. Und irgendwie ist hier im Laufe der Zeit eine Gemeinschaft entstanden. Wir sind wie Nachbarn zueinander.“ Max ist einer von rund 25 Männern in seiner Wohngruppe. Max geht gerade am Gang spazieren. Max hat noch zwei Monate.

Letzten Dienstag wurde das Gefängnis Korneuburg, das unfreiwillig temporäre Zuhause von derzeit knapp 270 Insassen, mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Das außergewöhnliche Justizzentrum mit Gerichtsgebäude und Strafvollzugsanstalt ist damit einer von insgesamt fünf Preisträgern (siehe rechts), die allesamt unter Beweis stellen, dass gestalterische, funktionale und ökologische Aspekte längst keine Gegensätze mehr bilden, sondern durchaus vorbildlich in Einklang zu bringen sind.

„Das Gebäude ist ein Passivhaus, aber man sieht es ihm beim besten Willen nicht an“, meint Wolfgang Turner, Leiter der Vollzugsanstalt, dunkelblaue Justizwachemontur, Wappen mit Adler auf dem Ärmel. „Die Energiekosten sind dramatisch zurückgegangen, das Klima in den Innenräumen hat sich, nachdem wir das System zwei Saisonen lang fein hin und her justieren mussten, gut eingependelt.“ In Zahlen: Der Heizwärmebedarf beträgt 5,2 kWh/m²a. In Buchstaben: Zertifizierung A++. Das ist ein Spitzenwert.

Zu verdanken sei dies der kompakten Bauform und dem im Vergleich zu einem Wohnhaus etwas geringeren Glasanteil in der Fassade, erklärt Architekt Conrad Messner, einer der Planer der Tiroler ARGE Dieter Mathoi & DIN A4 Architektur. „Eigentlich mussten wir in den Innenräumen nur noch eine kontrollierte Belüftung ergänzen. Das war's. Insofern war es ein Leichtes, das Justizministerium und die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) davon zu überzeugen, dass es sinnvoll wäre, Gerichtsgebäude und Gefängnis als Exempel für ressourcenschonendes Bauen zu errichten.“

Das Resultat ist ein helles und in vielerlei Hinsicht offenes Haus, in dem sich die Insassen bei guter Führung untertags frei bewegen können. Bei sehr guter Führung werden die Zellen innerhalb der Wohngruppen gar nicht mehr abgeschlossen. Es ist zehn Uhr morgens. Die meisten Türen stehen sperrangelweit offen. Die Hafträume sind leer. Auf dem Bett liegt Strickzeug, lila Angorawolle, an der Wand hängen Bilder und Fotografien, wer weiß, vielleicht von den Liebsten, ein bisschen erinnert das Ganze an ein kleines, sehr kleines Wohnzimmer.

Absehbare Ausmaße

„Es ist ziemlich cool hier drin. Ich sage oft: Das ist mein Hotel Trivago“, meint eine Frau, die ihre Freiheitsstrafe ebenfalls im offenen Strafvollzug abbüßt. „Aber was soll ich sagen? Natürlich hat das alles nur auf den ersten Blick mit Hotel und Zuhause zu tun, draußen vor dem Fenster sind Gitterstäbe und Stacheldraht.“

Die atmosphärische Nähe zum eigenen Lebensmittelpunkt, erklärt Gefängnisleiter Wolfgang Turner, ist Programm: „Die Insassen in dieser Anstalt haben Strafzeiten bis zu 18 Monaten. Das sind absehbare Ausmaße. Daher legen wir Wert darauf, das Leben hier drinnen so normal wie möglich zu gestalten. Letztendlich ist es Aufgabe der Justiz, dafür Sorge zu tragen, dass Menschen so früh und so rasch wie möglich auf ihre Resozialisierung vorbereitet werden.“ Die Haftanstalt Korneuburg ist nicht nur ein ökologisches Vorzeigebeispiel, sondern auch ein soziales. Die Menschen sind ausgeglichener und gesünder. „In der alten Haftanstalt am Hauptplatz gab es mehr Gewalt, mehr Raufereien und mehr verbale Attacken“, erinnert sich Turner. „Gegenüber damals sind die Disziplinarvorfälle um circa 30 Prozent zurückgegangen.“ Noch dramatischer ist der Rückgang bei den Medikamenten. Der Bedarf an Schlafmitteln und Psychopharmaka, rechnet Turner vor, sei um mehr als 75 Prozent gesunken.

„Vor zehn Jahren war Nachhaltigkeit ein Außenseiterthema“, sagt Roland Gnaiger, Juryvorsitzender und Staatspreisbeauftragter des Lebensministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft. „Heute zeigt sich, wie groß und breit dieser Begriff geworden ist. Nachhaltigkeit hat nicht nur mit ökologischem Bauen zu tun, sondern auch mit einem generellen, gesellschaftspolitischen Verständnis von Lebensraumgestaltung.“ Wie sagte doch Leo Tolstoi, preisverdächtig fürwahr? „Um einen Staat zu beurteilen, muss man seine Gefängnisse von innen ansehen.“

10. Januar 2015 Der Standard

Rodin und das Gürteltier

Das Filmmuseum Fondation Jérôme Seydoux-Pathé ist nicht nur eine neue Sehenswürdigkeit inmitten von Paris, sondern auch ein ebenso sehenswerter Beitrag im Umgang mit Denkmalschutz. Film ab.

Die Avenue des Gobelins ist ein prächtiger Boulevard im 13. Arrondissement, nur wenige Schritte von der Place d'Italie entfernt. Zwischen all den Cafés, Patisserien und wohlfeilen Meeresfrüchte-Restaurants, die beiderseits den Weg säumen, stand einst das Théâtre des Gobelins. 1869 errichtet, wurde hier unter anderem das Theaterstück Reise um die Erde in 80 Tagen uraufgeführt.

Der letzte Vorhang in diesem geheimnisvollen Gebäude mit der Hausnummer 73 ist längst gefallen. Das Drama alter Tage jedoch ist in Form zweier Figuren in Stein gemeißelt: links die Tragödie in männlicher Gestalt, rechts die Komödie in Form einer sich bequem über den Torbogen lehnenden Frau. Bildhauer der beiden Plastiken ist niemand geringerer als Auguste Rodin, der sich nicht weit von hier an der Manufacture des Gobelins sein geschmeidiges Können angeeignet hatte.

Seit kurzem spielt sich hinter der denkmalgeschützten Fassade ein neues Drama ab. Nachdem das Gebäude nach etlichen, durchaus zerstörerischen Umbauten jahrelang leer stand und allmählich vor sich hinrottete, wurde das alte Gemäuer durch einen Neubau von Renzo Piano ersetzt. Das futuristische Gehabe ist dem 77-jährigen Architekten, Planer des Centre Pompidou, nicht abhandengekommen. Wie ein fremdes Wesen taucht aus dem Innenhof des Straßengevierts plötzlich ein silbrig schimmernder Buckel auf und gibt den beiden Protagonisten Rodins neuen Gesprächsstoff.

Und nicht nur diesen. „Das Haus hat von uns, aber auch von der Bevölkerung bereits eine Handvoll bildhafte, tierische Spitznamen verpasst bekommen“, sagt Thorsten Sahlmann, Projektleiter und Associate Architect im Renzo Piano Building Workshop Paris. Die einen reden von Buckelwal, die anderen von Elefant, doch wohl kein Animal dieser Welt gleicht dem Hause besser als das Gürteltier. Wie ein überdimensionales 25-Meter-Exemplar mit Aluminiumschuppen scheint es in der kleinen, engen Baulücke eingeklemmt festzusitzen.

„Der Innenhof zwischen den bestehenden Wohnhäusern war so eng, so verwinkelt und so unregelmäßig, dass wir mit herkömmlichen geometrischen Formen gescheitert sind“, so Sahlmann. „Irgendwann einmal haben wir das klassische Formenrepertoire abgelegt und versucht, die Bauaufgabe mit einer weichen, amorphen Gestalt zu meistern. Für uns war das die einzige Möglichkeit, um in diesem heterogenen Ambiente zu bestehen.“

Im Innern dieses eigenwilligen Gemäuers, das sich in seiner Farbe und Materialität wie eine behutsam eingesetzte Stadtintarsie in das historische Paris Baron Hausmanns integriert, verbirgt sich die Fondation Jérôme Seydoux-Pathé. Die 2006 gegründete Stiftung befasst sich mit dem Erbe jenes französischen Filmhauses, das in seinen Vorspännen stets einen Gockel mit Sprechblase über die Leinwand spazieren lässt.

Verschmelzung mit der Stadt

War es einst die darstellende Kunst auf der Bühne, der das Gebäude gewidmet war, so ist es nun die Archivierung und Aufarbeitung der Geschichte des bewegten Bildes, der hinter der Adresse 73, Avenue des Gobelins mit größter Sorgfalt und Akribie gefrönt wird. Das siebenstöckige Haus beherbergt ein Ausstellungsfoyer, ein kleines Museum mit hauseigenen Grammophonen, Kameras und Filmprojektoren der letzten hundert Jahre sowie einen Kinosaal für historische Stummfilmvorführungen mit Live-Klavierbegleitung. Zudem gibt es zwei Geschoße mit brandschutztechnisch entkoppeltem Filmrollenarchiv und ein rundum und kopfüber verglastes Forschungsbüro mitsamt spektakulärem Ausblick auf die umliegenden Häuser.

„Man hat hier förmlich das Gefühl, mitten in den Dächern zu sitzen“, sagt Sophie Seydoux, Präsidentin der Fondation Jérôme Seydoux-Pathé. „Die Verschmelzung mit der Stadt ist gigantisch. Das ist meine ganz persönliche Lovestory.“ Nicht zuletzt passe die moderne, zeitgenössische Architektursprache zu einer auf die Historie dermaßen bedachten Stiftung. Denn: „Film gibt es seit mehr als 120 Jahren. Und eine der wichtigsten Eigenschaften von Film ist, dass dieser seiner Zeit stets weit voraus war. Insofern“, so Seydoux, „fügt sich das Gebäude perfekt in die von uns gepflegte und gewürdigte Tradition.“

Gewagt und der Gegenwart weit voraus ist nicht nur die Form von Renzo Pianos Fondation, sondern auch die Bauweise, die sich dahinter verbirgt. Entgegen allen Vermutungen besteht der eiförmige Bau nicht aus geschaltem Stahlbeton, wie dies üblicherweise gemacht wird, sondern wurde mit Stahlmatrizen vorgebaut und anschließend so lange mit zähflüssigem Beton bespritzt, bis die Konstruktion zu einer dicken, massiven Wand erhärtet ist. Ein Novum in diesen Dimensionen.

Die oberen zwei Geschoße wurden aus Holz und Glas gefertigt. 32 Holzleimbinder und 150 zweiachsig gekrümmte Glasscheiben kamen hier zum Einsatz. Während der Raum unter der Glaskuppel von außen kaum einsehbar ist, scheinen sich die charakteristischen mehr als 7000 Aluminiumschuppen des Gürtelgetiers von innen betrachtet in Luft aufgelöst zu haben. Zu verdanken ist das der kaum sichtbaren Perforation, die das Innere des Hauses mit Tageslicht versorgt und zugleich, wo nötig, verschattet.

Geheizt und gekühlt wird die Fondation Seydoux-Pathé mittels Geothermie. Zudem verfügen die Räume über eine auf Querlüftung basierende Nachtlüftung. Nur an den drei, vier heißesten Tagen im Jahr wird die Klimaanlage in Betrieb genommen. Ein Backup sozusagen. Doch von alledem ist nicht viel zu spüren. Ganz anders als beim Centre Pompidou oder dem kürzlich fertiggestellten „The Shard“ in London nämlich wird die Technik hier nicht zur Schau gestellt, sondern dem Gürteltierwesen quasi als Selbstverständlichkeit ohne Pomp und Trara einverleibt.

Das Resultat ist nicht nur ein modernes, vielfach nutzbares Gebäude im Herzen von Paris, das sich bei Filmliebhabern und Cineasten nach einem Jahr in Betrieb bereits als heimliche Sehenswürdigkeit etabliert hat, sondern auch ein vorbildliches Beispiel für den Umgang mit Denkmalschutz. Man kann das silbergraue Gürteltier hinter Rodins Fassade hübsch finden oder nicht - in jedem Fall aber ist die Fondation Pathé kein sich an den Denkmalschutz anbiedernder Parasit, sondern ein selbstbewusster Bau, der das Neue neben dem Alten gleichwertig erscheinen lässt. Leinwand.

27. Dezember 2014 Der Standard

Die Welt von B bis Ypsilon

Der brasilianische Architekt Isay Weinfeld, Planer des Intercont-Eislaufverein-Areals in Wien, ist derzeit in aller Munde. Der Investor Michael Tojner und das Architekturzentrum Wien widmen ihm nun eine Ausstellung.

STANDARD: Auf Youtube gibt es ein Video mit dem Titel „Der Architekt, den wir am meisten bewundern: Isay Weinfeld“. Kennen Sie den Film?

Weinfeld: Wow, echt? Nein, den kenne ich nicht! Aber ich finde es schön, dass ich mit meiner Arbeit Menschen erreichen und berühren kann. Das sagt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Was genau ist denn an Ihrer Arbeit bewundernswert?

Weinfeld: Das müssen Sie die Macher dieses Films fragen. Aber ich fürchte, ich komme nicht um eine Antwort umhin, oder? Na gut ... Ich denke, die Besonderheit, die mich ausmacht, ist die Feinheit, die Sensibilität, die Balance, die Unaufgeregtheit, die stille Leidenschaft meiner Architektursprache, in erster Linie aber das Zuhören-Können.

Das heißt?

Weinfeld: Wissen Sie, ich halte nichts von Architektur, bei der sich der Urheber als Star oder Genie sieht. Ich bin einfach nur ein guter Zuhörer, der die Fähigkeit besitzt, das Gehörte in etwas Gebautes zu verwandeln. Und ja, ich bin ein verdammt guter Zuhörer. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, ich sei ein besserer Zuhörer als Architekt.

Was sagen Sie zu alledem, was Sie derzeit in Wien zu hören bekommen? Stichwort: Hotel Intercontinental und Eislaufverein.

Weinfeld: Ich verstehe das. Das ist Ihre Stadt, das ist Ihr Lebensraum, das ist Ihr Lebensmittelpunkt, mit dem Sie sich auseinandersetzen und der in all seinen Facetten Gutes und nicht so Gutes birgt. Da kommen viele Emotionen hoch. Im Rahmen des Architekturwettbewerbs habe ich einen ersten Vorschlag gemacht, jetzt geht es darum, zuzuhören und unterschiedliche Meinungen zu diesem Projekt einzuholen. Je differenzierter ein Projekt betrachtet wird, desto besser wird das Resultat sein.

In welche Richtung wird sich das Projekt weiterentwickeln?

Weinfeld: Das kann ich noch nicht sagen. Wir stehen jetzt ganz am Anfang des Planungsprozesses. Was ich Ihnen allerdings versichern kann: Egal, wie sich das Projekt entwickeln wird, es wird niemals alle Meinungen respektieren und alle Menschen gleichermaßen zufriedenstellen können. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Derzeit ist im Architekturzentrum Wien (AzW) eine Ausstellung über Ihr bisheriges Werk zu sehen. Der Titel der Ausstellung lautet „A bis Z“. Das ist ein hehrer Anspruch.

Weinfeld: Das ist eine Ausstellung, die bereits in New York und São Paulo zu sehen war. A bis Z ist eine Installation mit mehreren Exponaten und Entwurfsaufgaben zwischen B und Ypsilon, die mich tangieren und die mir als Architekt zu denken geben. Architektur, also die Gestaltung des Lebensraums, ist eine Sache, die das ganze Leben begleitet. Deswegen zeige ich in der Ausstellung auch eine von mir gestaltete Wiege - das ist das A - sowie einen von mir entworfenen Sarg, das Z.

A und Z schauen einander sehr ähnlich.

Weinfeld: Ja, das ist Absicht. Beide Möbel sind aus unbehandeltem Holz und weißer Baumwolle, und beide weisen eine Architektur mit weichen, fließenden Formen auf. In gewisser Weise sind Wiege und Sarg fast das Gleiche. Das sind Gegenstände beziehungsweise Behausungen für die beiden gegenüberliegenden Enden des menschlichen Lebens.

Liegt Ihnen die Gesamtgestaltung des Lebens am Herzen?

Weinfeld: Ja. Ich bin Architekt. Ich liebe das Leben. Warum fragen Sie?

Von manchen Menschen werden Sie dafür kritisiert, dass Sie in Ihrer Arbeit sehr selektiv vorgehen und lediglich „Kunstgewerbe für die brasilianische Millionärsoberschicht“ produzieren, wie unlängst in einem Beitrag zu lesen war. Wie geht es Ihnen mit diesen Vorwürfen?

Weinfeld: Es darf sich jeder seine eigene Meinung über meine Arbeit bilden. Das ist okay. Tatsache ist: Ja, ich arbeite für die brasilianische Oberschicht, genauso gut wie ich auch für Investoren, für Kulturinstitutionen, für die öffentliche Hand und für sozial und wirtschaftlich Benachteiligte arbeite. Ich lasse mich in kein Schema pressen. Für eine einzige Bevölkerungsgruppe zu arbeiten ist mir zutiefst zuwider. Und fad ist es auch.

Wo fühlen Sie sich denn wohler?

Weinfeld: Vor einigen Wochen wurde ich eingeladen, in den Favelas von Belo Horizonte im Bundesstatt Minas Gerais ein Gemeinschaftshaus und einen Kindergarten zu planen. Es ist ein schönes Projekt. Es ist nicht besser und nicht schlechter als eine Villa für einen wohlhabenden Auftraggeber in Rio de Janeiro. Es ist anders. Ich werde Ihnen jetzt nicht antworten, bei welcher Aufgabe ich mehr Freude und Leidenschaft empfinde.

Und bei welcher Aufgabe empfinden Sie die größere Herausforderung?

Weinfeld: Die größte Herausforderung für mich ist immer das Projekt, das ich zum ersten Mal angreife, das ich noch nie zuvor gemacht habe.

Eine absolute Tätigkeitspremiere war Ihr Film „Fogo e Paixão“ („Feuer und Leidenschaft“, 1988), bei dem Sie Produktion, Drehbuch und Regie übernommen haben. Der Architekt als Gesamtkünstler?

Weinfeld: Warum nicht! Fogo e Paixão ist eine Filmkomödie über eine Gruppe Touristen, die eine Großstadt erkunden. In gewisser Weise hat auch das mit Architektur zu tun, und zwar mit der Rezeption des Systems Lebensraum.

Wenn ich das Bild aufgreifen darf: Was wird passieren müssen, damit in den kommenden Jahren auch beim Hotel Intercontinental und Eislaufverein „Fogo“ und „Paixão“ aufkommen?

Weinfeld: Lassen Sie es mich so sagen: Bis jetzt haben die Wiener für ordentlich viel „Fogo“ gesorgt. Meine Arbeit liegt nun darin, etwas mehr „Paixão“ in die Sache zu bringen.

Isay Weinfeld (62) ist Architekt in São Paulo und plante bereits Projekte in Südamerika und Europa, u. a. ein Hotel in Belgrad und ein Restaurant in London. Er ist Sieger des internationalen Wettbewerbs zur Neubebauung des Intercont-Eislaufverein-Areals und betreut das Projekt für die Wertinvest. Geplante Fertigstellung 2018. Foto: Dimo Dimov

„A bis Z. Die Welt von Isay Weinfeld“ im AzW, Museumsquartier, 1070 Wien. Zu sehen bis 23. Februar 2015. www.azw.at

20. Dezember 2014 Der Standard

Des Mammuts neue Kleider

Heute, Samstag, wird in Lyon das Musée des Confluences eröffnet. Coop Himmelb(l)au verpasste der Naturhistorie am Zusammenfluss zwischen Rhône und Saône eine durchaus zukunftsfähige Montur.

Und plötzlich steht man vor einem Mammut. Das fast vier Meter hohe Tier wurde 1859 bei Bauarbeiten in der Innenstadt gefunden und ist seitdem der größte Stolz Lyons. Das 600 Kilogramm schwere Skelett in der Exposition „Origines, les récits du monde“ ist imposant, keine Frage. Aber noch viel beeindruckender ist das Gebäude, in dem Mammuthus intermedius de Choulans sein neues Zuhause hat: Heute, Samstag, wird das Musée des Confluences nach fast vierjähriger Bauzeit offiziell eröffnet.

Dass es sich bei diesem futuristischen Gebilde in der Form einer auffrisierten, aufgeblasenen Hightech-Amöbe um ein naturhistorisches Museum handelt, sieht man ihm beim besten Willen nicht an. Die Klischeebilder solcher Räumlichkeiten, die einem in den Sinn kommen, schauen anders aus: Holzvertäfelung, knarrender Parkettboden, Vitrinen mit aufgespießten Schmetterlingen.

„Das ist kein unübersichtliches Lager ausgestopfter Tiere, kein reines Storage-Museum, wie das so oft der Fall ist, sondern ein Haus, in dem Wissen und Wissenszusammenhänge vermittelt werden“, sagt Wolf Prix vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au. „Und nachdem es etwas Vergleichbares unserer Recherche nach nicht gab, nachdem wir auf keine typologischen Erfahrungswerte zurückgreifen konnten, mussten wir für diese Art Museum eine vollkommen neue Form finden.“

180 Meter ist es lang, 90 Meter breit und fast 40 Meter hoch. An der Fassade dominieren 14.000 Quadratmeter glasperlengestrahlter Edelstahl, nackter Beton und Glas. Es ist, als würde sich der Bau gegen die A7 stemmen und die stets zu schnell fahrenden Autofahrer mit seiner auffällig rhythmisierten Form, mit seinen wild hinausragenden Trichtern an die Möglichkeit der Geschwindigkeitsreduktion gemahnen. „Der Reiz des Gegenteils“, so Prix.

Unter dem Gebäude, das an einigen Stellen 20, 30 Meter ins himmelblaue Nichts hinauszischt, tun sich aufregende öffentliche Räume auf. An schönen Tagen, wenn nicht gerade der eisige Winterwind unterm Haus durchpfeift, kann man sich bereits die Zukunft imaginieren. Das Wasser, das hier als Reflexionsbecken und indirekte Beleuchtung dient, wird dann wohl als Planschbecken und Abenteuerspielplatz herhalten müssen.

Und rein ins Haus. Den Auftakt macht ein rundum gläsernes Foyer, der sogenannte Kristall. Nicht die Leere wird hier zum Inhalt stilisiert, sondern die Bewegung der Besucherinnen und Besucher. „Anders als meine Freunde Rem und Frank und Zaha“, so Prix in nicht wenig ausschweifenden Gesten, „halte ich nichts vom Void Space. Ich will, dass die Menschen den Raum über Brücken, Rampen und Spiralen ergehen und erfahren können.“

Als wäre der Kristall an seinem höchsten Punkt geschmolzen, fällt ein gläserner Tropfen zu Boden. Die Stahlkonstruktion, die diese räumliche Geste ermöglicht, ist nichts anderes als eine dreidimensionale, mehrachsige Lastabtragung des Daches. Auf diese Weise konnte ein Drittel des Stahls eingespart werden. Rundherum verläuft eine scheinbar schwebende, von oben herabgehängte Spirale, auf der man - Höhenangst ausgeschlossen - den Weg vom ersten in den zweiten Stock beschreiten kann. „Das ist das intensivste und komplexeste Gebäude, das wir je gebaut haben“, wird Prix später sagen. 37 unterschiedliche Geometrien knallen hier aufeinander.

Bei den Ausstellungsräumen selbst handelt es sich um schlichte Black Boxes, die wie in einer gründerzeitlichen Wohnung links und rechts entlang eines breiten Ganges aufgefädelt sind. Große Zahlen deuten einem den Weg ins Innerste, zum Mammut und all seinen ausgestorbenen Zeitgenossen. Die meisten Tiere werden in einer Art und Weise inszeniert (Corian, Stahl, Gitterkäfige, Rampen, Glaskästen und dramatische LED-Beleuchtung), als handle es sich dabei um teure Konsumobjekte, um Schmuck und Ferraris.

„Wir haben die Räume so gestaltet und so organisiert, dass sie laufend temporär bespielt werden können“, erklärt Projektleiter Markus Prossnigg. „Sobald eine Ausstellung ab- und wieder neu aufgebaut wird, schließt man einfach den Zugang, und der Rest des Museums bleibt intakt.“ Mehrere Lastenlifte, die vom Keller hochfahren, ermöglichen einen getrennten Zugang.

„Das ist mehr als nur ein klassisches Museum“, sagt Direktorin Hélène Lafont-Couturier. „Üblicherweise wird Geschichte entsprechend rückwärtsgewandt erzählt. Hier nicht. Hier verschmelzen Natur und Architektur zu einer neuen Geschichte, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft erzählt.“ Nur den Fingerprint als Eintrittskarte in die einzelnen Ausstellungssäle, den sich Prix gewünscht hatte, musste man vorerst noch ad acta legen. „Wer weiß, vielleicht beim ersten Relaunch?“

Vom Stiegenhaus im zweiten Stock, nicht weit von Mammuts neuer Heimstätte entfernt, blickt man direkt auf jenen Punkt, an dem sich die beiden Flüsse Rhône und Saône am Ende der Lyoner Halbinsel vereinen. Damit ist auch das Rätsel um den geheimnisvollen Namen Musée des Confluences, Museum der Zusammenflüsse, gelüftet. Von der Dachterrasse, auf der die darunterliegenden Räume wie stählerne Schuppen und Warzen nach oben ragen, sieht man sogar auf die Lyoner Innenstadt und die schneeweiße Basilika Nôtre Dame de Fourvière.

Das 170 Millionen Euro teure Projekt ist damit Auftakt eines Stadtentwicklungsgebiets, in dem in den kommenden Jahren noch viele Wohn- und Bürobauten folgen sollen. Bis vor kurzem war Perrache trotz seiner spektakulären Lage und Nähe zur historischen Innenstadt eine Industriebrache mit Fabriken, Lagerhallen und Gleisanlagen. Heute erwacht es mit neuen, teils sehr bunten Einsprengseln von Odile Decq, Christian de Portzamparc und Jakob+MacFarlane Architectes zu neuem Leben. Damit ebnet die Naturhistorie der urbanen Zukunft den Weg.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Coop Himmelb(l)au.

22. November 2014 mit Maik Novotny
Der Standard

Licht und Schatten über den Gleisen

Die Hauptbahnhöfe in Salzburg und Wien sind nahezu gleichzeitig startklar. Mit unterschiedlichen Fahrplänen. Im Westen stehen die Signale auf leichte Eleganz, die Hauptstadt hingegen schaltet auf Durchzug.

[Wojciech Czaja] Wie würden Sie den Salzburger Bahnhof in einem Satz beschreiben? „Great, your train is late!“, tönt es sofort aus den Mündern von Klaus Kada, Kilian Kada und Gerhard Wittfeld. Gemeinsam mit einem Team von mittlerweile hundert Mitarbeitern betreiben sie in Aachen das Büro Kada Wittfeld Architektur und gewannen 1999 den Wettbewerb zur Sanierung und Neubebauung des Hauptbahnhofs Salzburg. Lange hat es gedauert, denn „große öffentliche Projekte brauchen viel Zeit, und eine Evolution tut solchen Mammutbauwerken gut.“ Nun wurde der Bau nach fünfjähriger Bauzeit vor zwei Wochen offiziell eröffnet.

Der Hauptbahnhof Salzburg ist ein schönes Beispiel dafür, was Architekten so gerne als „Dialog zwischen Alt und Neu“ bezeichnen. Die Bahnhofshalle wurde freigelegt, zum Vorschein kamen alte Jugendstilornamente und längst verfallen geglaubte Fliesenmosaike. Dem gegenüber steht eine moderne, lichtdurchflutete Passage mit Shops und breiten Einschnitten in der Decke, durch die man in den Himmel blicken kann. Oben findet man sich unter der historischen Bahnsteighalle aus Eisen und Glas, an die ein paar schlanke, weiche Bahnsteigdächer mit einer Neuinterpretation von Glas anschließen: Über Bahnsteigen und Gleisen spannt sich eine transparente Luftkissenmembran aus PTFE-Folie.

„Wir haben lange darüber gegrübelt, und mit lange meine ich Jahre, wie wir die historische, denkmalgeschützte Halle in unseren Entwurf am besten einbeziehen können“, sagt Wittfeld. „Letztendlich haben wir uns dafür entschieden, dem Original den Vorzug zu geben.“ Unter den vielen Farbschichten der zuletzt grauen, schlammfarbenen Konstruktion kam die Ursprungsfarbe zum Vorschein: Eierschalenweiß. Dem Ambiente, so Wittfeld, komme der helle Originalfarbton durchaus zugute: „Schaut nicht aus wie ein Bahnhof, sondern wie ein Sakralbau. In gewisser Weise ist das eine Wertschätzung gegenüber den Menschen, die dieses Bauwerk benutzen.“

Rund 80 Millionen Euro haben Sanierung und Umbau gekostet. Das Gesamtinvestitionsvolumen des Projekts beläuft sich - mitsamt Brücken, Gleisbau und Signalanlagen - auf das Dreifache. Neu ist, dass es Kada Wittfeld gelungen ist, die ÖBB davon zu überzeugen, die Bahnhofspassage bis nach Schallmoos durchzubrechen und auf diese Weise einen Nebeneingang zu schaffen, wo sich auch eine Radgarage für 550 Fahrräder befindet. „Ich hasse Bahnhöfe, die den Passagieren nur das Geld aus der Tasche ziehen“, sagt Klaus Kada. „Ein Bahnhof ist kein Einkaufszentrum, sondern ein Ort der Bewegung, eine öffentliche Fußgängerzone.“ Shops gibt es, keine Frage, doch die Bühne dient hier dem Fortfahren und Ankommen.

[Maik Novotny] Architektonisch ist ein Bahnhof ja eigentlich nichts Kompliziertes. Traditionell besteht er meist aus zwei Teilen - einem Eingangsgebäude und einem Dach. Das eine verankert die weite Welt in der Stadt, das andere schützt vor Regen.

Beide Teile, das haben Architekten und Ingenieure in den letzten 180 Jahren gezeigt, lassen sich zu Spektakulärem veredeln. Manchen Bahnhöfen gelingt es, das Ankommen (wie der Westbahnhof mit seinem großen Fenster auf die Stadt) und Abfahren (wie der alte Südbahnhof mit seinen Süd-Ost-Verschlingungen) zu inszenieren, wenigen sogar, den Durchfahrenden zum Aussteigen zu bewegen.

Die Aufgabe, einen neuen Hauptbahnhof für eine alte Hauptstadt zu bauen, sollte also reichlich Chancen für Spektakuläres bieten. Sollte man meinen. Von Albert Wimmer, Ernst Hoffmann und Theo Hotz entworfen und von Stadt und ÖBB eher als rein infrastruktureller Durchlaufposten von städtebaulichem Masterplan und Immobilienverwertung behandelt denn als architektonisches Einzelstück, wurde der Wiener Hauptbahnhof von Anfang an als „Bahndamm mit Dach“ beworben, und an dieser Reduktion krankt er jetzt nach der schrittweisen Eröffnung.

Dabei ist die Grundidee des Daches keine schlechte: Die ineinander verschränkten Rauten oszillieren bildhaft zwischen Durchfahren und Abbremsen. Doch was von oben besehen dynamisch wirkt, verschmilzt von unten zu einer einzigen, dezent angerissenen Platte, die schwer über den Bahnsteigen lastet, sodass man sich besonders im nächtlichen Neonlicht wie in einer stahlverarbeitenden Fabrik wähnt.

Die Kunst der Fuge

Das Eingangsgebäude wiederum ist kein solches, sondern eine ausgefüllte Restfläche zwischen dem Bogen der Trasse und dem geplanten 88 Meter hohen Bürokomplex auf dem Baufeld A01 (Signa Holding) am Gürtel, der kleinstmögliche ÖBB-Restposten der Grundstücksverwertung. Zwar könnte man auch die „Kunst der Fuge“ architektonisch zu etwas Besonderem machen, doch dazu sind die Anschlüsse der Glasfassaden an die Glasbrüstung des Bahndamms zu unentschlossen verbastelt. Immerhin sorgt die von zwei Seiten (und viermal am Tag beidseits korrekt) lesbare Bahnhofsuhr für Aufheiterung.

Der Kern des Bahnhofs steckt ohnehin weder im Dach noch im Eingang, sondern im Damm: Dieser verknüpft die lang getrennten Bezirke vier und zehn, indem er möglichst viele Passanten durch die Einkaufspassage saugt und die kommerzfreien Durchgänge daneben als finstere Angsträume belässt. Wir lernen: Heute besteht ein Bahnhof nicht aus Dach und Eingang, sondern aus Haltestelle und Shoppingcenter.

15. November 2014 Der Standard

Sinai aus Stahl und Spritzbeton

Das Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau ist ein Versuch, zerstörte Kultur zu rekonstruieren. Ob die hohl klingende Architektur den Ansprüchen eines so sensiblen Themas gerecht wird?

Einmal durch die Glastür, und schon ist man mitten auf dem Berg Sinai. Wie von Wind und Wasser weichgespült, ragen links und rechts die geschmeidigen, sandsteinfarbenen Felswände empor. Der Himmel ist nicht zu sehen. Sanft lediglich schimmert von oben, man kann die Sonnenquelle nur erahnen, das Licht in die Tiefe der Schlucht. Fast ist man geneigt, an das Alte Testament zu denken, als Moses der Legende nach das Schilfmeer entzweite, um den Israeliten die Flucht vor den Ägyptern zu ermöglichen.

„Wir sind von einem Canyon ausgegangen, der das Gebäude in der Mitte teilt“, sagt Maritta Kukkonen, Projektleiterin im finnischen Architekturbüro Lahledma & Mahlamäki. „Aber sobald Religion und jüdische Geschichte im Spiel sind, sehen die meisten in diesem räumlichen Zitat, das uns so fasziniert hat, sofort Moses und den Marsch durch das Rote Meer. Das war zwar kein vordergründiger Gedanke, und ich bin der Meinung, dass Symbolik in der Architektur ein prinzipiell schwieriges Kapitel ist, aber wenn man diese Geste so interpretieren will, dann ist uns das nur recht. Geografisch liegen die beiden Motive ja nicht weit auseinander.“

Ende Oktober wurde das Museum der Geschichte der polnischen Juden feierlich eröffnet (der STANDARD berichtete). Letzte Woche wurde der Bau, dessen Wassermassen-Assoziationen bereits über die gesamte Medienwelt schwappten, von der Finnish Association of Architects (SAFA) mit dem renommierten Finlandia Prize for Architecture ausgezeichnet. „Die Jury hat das Museum als großartiges Gebäude bezeichnet“, meint Kukkonen mit einem Zwinkern im Gesicht. „Und sie hat dieses Urteil gefällt, ohne auch nur ein einziges Mal Moses erwähnen!“

Es hat sieben Grad Celsius. Nebel liegt über der Stadt. Über den Skwer Willy'ego Brandta, wo einst das Warschauer Ghetto war, da wo der deutsche Bundeskanzler am 7. Dezember 1970 als Zeichen der Demut und der Vergebung für den Zweiten Weltkrieg vor den Polen auf die Knie fiel, weht ein kantiger Wind. In der Mitte das schwarze Denkmal der Helden des Ghettos. Rundherum die Konturen der Plattenbauten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Der Sinai ist weit, weit weg.

Von außen gibt sich das Museum der Geschichte der polnischen Juden - kurz Polin, benannt nach dem jüdischen Namen für das Land Polen, zugleich die Übersetzung für „Bleib hier!“ und „Verweile!“ - schroff und abweisend. Eisig schimmern die vertikalen Glasschuppen, reflektieren ein bisschen Wolken, ein bisschen Himmel hie und da. Muss denn jedes jüdische Museum auf dieser Welt so hart und unnahbar brutal sein wie jenes in Berlin?

„Nein, dieses Haus ist das Gegenteil von Holocaust-Architektur“, erklärt die zuständige Programmdirektorin Barbara Kirshenblatt-Gemblett. Und Dariusz Stola, Direktor des Polin, fügt, als wolle er sich von diesen klischeehaften Bildern über Architektur im jüdischen Kontext distanzieren, hinzu: „Bei uns ist der Holocaust nur ein Teil des Museums. Wir präsentieren hier fast tausend Jahre polnische jüdische Geschichte, und der Holocaust ist nur eine Unterbrechung. Er ist weder ihr Anfang noch ihr Ende.“

Drinnen erst, in diesem Canyon, der von den wenigsten nur als amorphe Gesteinsformation verstanden werden will, weil das 2. Buch Mose schwerer wiegt als jeder architektonische Grundgedanke, werden die Worte der beiden Hausverantwortlichen manifest. Dramatische Blicke, dramatische Räume tun sich hier auf. Es ist dies die angeblich größte zweiachsig gekrümmte, monolithisch zusammenhängende Wandoberfläche, die je gebaut wurde: 63 Meter lang, fast 25 Meter hoch, wenn man die bauchige Fundamentbasis im Untergeschoß, wo sich die 4000 Quadratmeter große Hauptausstellung befindet, miteinbezieht.

Echte Herausforderung

„Das Design der gekurvten Wände war eine echte Herausforderung“, erklärt Marcin Ferenc, Projektleiter im zuständigen Warschauer Partnerbüro Kurylowicz & Associates. „Eigentlich wollten wir die Wand massiv aus Beton ausführen, aber das wäre schalungstechnisch so aufwändig und so teuer gewesen, dass wir das Foyer in technischer Hinsicht komplett umplanen mussten.“ Sogar mit Schalungsballons und aufblasbaren Hilfskonstruktionen habe man zwischenzeitlich geliebäugelt, so Ferenc.

Heute verbirgt sich hinter dem vermeintlich massiven Canyon eine Unterkonstruktion aus insgesamt 60 individuell geformten Stahlstützen, die mit Platten beplankt und anschließend mit Spritzbeton versehen wurden. Man kann es durch Klopfen, gefolgt von einem sehnsüchtig weichen, die Enttäuschung hinwegfegen wollenden Streicheln der Oberfläche, erahnen: Der Klang ist ein hohler. Das ist schade. Gerade bei einem Museum, das sich um die Rekonstruktion einer an Ort und Stelle fast vollständig zerstörten Geschichte bemüht, hätte man sich mehr Substanz, mehr unantastbare Authentizität gewünscht.

Das Jüdische Museum in Berlin (2001, Daniel Libeskind) und Yad Vashem in Jerusalem (2005, Moshe Safdie) haben die architektonische Latte hoch gelegt. Das Polin-Museum in Warschau (Baukosten 160 Millionen Zloty, rund 45 Millionen Euro) wird diesen hohen Erwartungshaltungen leider nur oberflächlich gerecht. Die anfänglich dramatische Kulisse hält der tiefen Auseinandersetzung mit dem Thema nicht stand.

Umso mehr lohnt ein Besuch der privat finanzierten Dauerausstellung im Untergeschoß, die - jahrelang minutiös zusammengestellt und solide geplant - schon fertig konzipiert war, als der Architekturwettbewerb noch nicht einmal ausgelobt war. Tausend Jahre Geschichte werden hier mit allen möglichen Mitteln visualisiert. Beim Nachbau der längst zerstörten, hölzernen Synagoge Gwozdziec in 80-prozentiger Größe wird zumindest offengelegt, dass hier nichts ist, wie es scheint.

8. November 2014 Der Standard

Weil man sich eben nicht nur bettet

Am Donnerstag wurde der Staatspreis Architektur, Tourismus und Freizeit verliehen. Siegerprojekte aus Ischgl, Krumbach und Wien zeigen: Gastgeber und Gäste werden anspruchsvoller, was der Qualität zugutekommt.

Ischgl ist das, was man salopp als Opfer von Wintertourismus bezeichnen könnte. Das Ortsbild ist geprägt von Hotels, von aufgeblasenen Pseudo-Holzhäusern, sogenannten Lederhosen mit insgesamt 11.000 (!) Gästebetten, und das Ambiente ist fest in der Hand der Skifahrerinnen und Besucher. Seit letztem Jahr jedoch gibt es in der 1600-Seelen-Gemeinde, die von der Muse der Ästhetik und modernen Architektur bislang ungeküsst blieb, so etwas wie einen mustergültigen Hoffnungsschimmer. Das Innsbrucker Architekturbüro parc setzte mitten ins ohnehin schon viel zu voll bepackte Ortszentrum ein teils unterirdisches Kulturzentrum.

Am Donnerstag wurde das Projekt mit dem Staatspreis Architektur in der Kategorie „Freizeit“ ausgezeichnet.

„In touristisch geprägten Regionen wird meist alles für den Touristen und nichts für den Einheimischen gemacht“, erklärt Georg Pendl, einer von acht Juroren, die aus insgesamt 86 Einreichungen die heurigen Preisträger auswählten. Jene Projekte, die nominiert wurden und es in die zweite Stufe schafften, wurden sogar direkt vor Ort besichtigt. „Die Besonderheit an diesem Projekt ist jedoch, dass es gelungen ist, in einem städtebaulich längst schon implodierten Chaos so etwas wie einen hochwertigen, gestalterischen Ruhepol zu schaffen, der in erster Linie den Ischglern zur Verfügung steht.“

Kein Dialog mit Lederhosen

Der in den Hang eingegrabene Bau umfasst diverse Vereinsräume, einen Musikproberaum, Büros und Verwaltung sowie Garderoben, Lagerräume und Sanitäranlagen. Die Architektursprache ist bewusst reduziert. Auf den Dialog mit den vielen Lederhosen will man sich gar nicht erst einlassen. Das Dach der Anlage, die direkt an den Dorfanger anschließt, wurde nach dem Bau begrünt und lockt in der warmen Jahreszeit - wenn die Touristen längst über alle Berge sind - Kühe und Schafe zum Grasen.

„Es geht uns mega“, sagt Architektin Barbara Poberschnigg von parc. „Wir sind ein junges Büro, da war es schon eine Freude, dass wir für den Staatspreis überhaupt nominiert wurden. Und jetzt sind wir sogar Preisträger. Das ist gigantisch! Es ist schön, dass diese Form des Bauens in Tirol einen immer größeren Stellenwert einnimmt.“

In der Kategorie „Tourismus“ ging der Staatspreis an das Hotel Daniel in Wien. Der Bau, so Jurymitglied Pendl, steht stellvertretend für einen selten gesehenen, respektvollen und sensiblen Umgang mit der nicht besonders beliebten Architektur der Sechzigerjahre. Lange Zeit stand das 1962 errichtete Stahlbetonhaus mit Curtail-Wall-Fassade, das Georg Lippert und Roland Rohn für das Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche planten, leer. Bis sich schließlich der Grazer Hotelier Florian Weitzer und das Wiener Architekturbüro Atelier Heiss der Sache annahmen. „Es hat einiger Kunstgriffe bedurft, um die alte Bausubstanz technisch fit zu machen und an die heutigen Vorschriften und Anforderungen anzupassen, und das war nicht immer leicht“, sagt Architekt Christian Heiss. „Es ist eine riesige Freude, dass unsere Bemühungen und auch die Vision des Hotelbetreibers mit dem Staatspreis belohnt wurden.“

Und noch ein drittes Projekt hat es aufs Stockerl geschafft: Der Sonderpreis ging heuer an die sieben Bushaltestellen im Bregenzerwald, besser bekannt unter dem Namen „Bus:Stop Krumbach“ (DER STANDARD berichtete).

„Das Niveau der Tourismusbauten steigt kontinuierlich“, sagt Barbara Feller von der Architekturstiftung Österreich, die den Staatspreis biennal in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, der Wirtschaftskammer Österreich, der Gemeinnützigen Privatstiftung und der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten auslobt. „Es reicht nicht mehr, einfach nur ein Hotelzimmer und eine Seilbahnstation zu errichten. Sowohl Touristen als auch Einwohner werden zunehmend anspruchsvoller. Und das ist gut so.“

31. Oktober 2014 Der Standard

Drei kleine Kapuzen, eine große Vision

In Raiding wurde kürzlich das Miniprojekt „Drei Wanderer“ eröffnet. Der Radfahrunterstand des japanischen Architekten Hiroshi Hara beweist, wie groß die Leidenschaft bei kleinen Bauten sein kann. Man trete in die Pedale.

„Warum ist es so wichtig, Funktion mit Kunst zu verbinden?“, fragte der österreichische Künstler und Kurator Roland Hagenberg. Und bevor das versammelte Dorfpublikum, ORF inklusive, eine Antwort auf diese rhetorische Frage zu formulieren wagte, ratterte ein vollbeladener Kartoffeltraktor an Hiroshi Haras besagtem Funktions- und Kunstprojekt vorbei. „Weil damit der Bekanntheitsgrad einer Gemeinde wie Raiding steigt und sie damit plötzlich nicht mehr nur Dorf, sondern auch internationales Diskussionsthema ist.“ Und kollektives Kopfnicken, Applaus.

Schon einmal trommelte Hagenberg zu einer Eröffnung ins mittelburgenländische Raiding. Das war im November 2012. Damals wurde das Storchenhaus des japanischen Architekten Terunobu Fujimori, eine Art Wohn- und Atelierhaus für Touristen und Artists in Residence, eingeweiht. Letzten Samstag war es wieder einmal so weit. Und weil Raiding mit seinen 800 wissbegierigen Seelen an der Exotik aus Nippon Gefallen fand, durfte und musste es wieder ein japanischer Architekt sein, der der neuen Bauaufgabe Form und Metaphorik überstülpte. Das neue Objekt - nur ein weiteres Puzzlestück in einer Folge aus vielen, vielen Architekturpreziosen, die noch folgen werden, wie sich im Laufe des Nachmittags noch weisen sollte - ist ein Radfahrunterstand, der auf den poetischen Namen „Drei Wanderer“ hört. Genau hier, muss man wissen, kreuzen einander die beiden Radwege B40 und R47. Und wo eine Kreuzung, da auch Rast- und Kontemplationsbedarf. Ganz zu schweigen vom ebenso gebotenen Witterungsschutz.

„Ein Radfahrunterstand muss einwandfrei funktionieren, das ist ein öffentliches Bedürfnis“, sagte Dominik Petz, seines Zeichens Ingenieur, der Entwurfsskizzen und Reispapiermodelle des japanischen Architekten Hiroshi Hara in eine plan- und baubare Form verwandelte, in seiner Eröffnungsrede. Der lautstarke Traktor war längst über alle Hügel. „Doch bei diesem Radfahrunterstand fühlt man sich nicht nur physisch geschützt, sondern auch regelrecht emotional geborgen. Das räumliche Erlebnis ist beeindruckend.“

„Drei Wanderer“ (Baukosten 25.000 Euro) ist eine Konstruktion aus 16 Einzelplatten aus Fichtenschichtholz. An der Innenseite wurden die drei selbststehenden Kapuzen mit Lärchenholz furniert, an der Außenseite mit einer speziellen wasserabweisenden Beschichtung versehen. Die Baugenauigkeit des Häuschens mit seinen Tropfnasen und verdübelten Schraubenköpfen - das ist gewiss ein Verdienst japanischer Kooperation - hat nichts mit den hierzulande bekannten Zimmermannskonstruktionen zu tun, sondern grenzt an die Akribie eines Vorarlberger Möbeltischlers.

„Es gab mehrere thematische Ausgangspunkte für den skulpturalen Unterstand“, erklärt der 78-jährige Hiroshi Hara aus der japanischen Ferne. „Ich dachte an die Komposition Années de Pèlerinage (Pilgerjahre) des gebürtigen Raidingers Franz Liszt, wo er seine Reiseerfahrungen verarbeitete. Jeder, der unterwegs ist, macht Zwischenstopps, reflektiert, sammelt sich, positioniert sich neu.“

Die Pilgerreise der Gemeinde Raiding ist bereits vorgezeichnet: Im kommenden Juni soll Hiroshi Hara ein weiteres Wohnhaus nach dem Vorbild des Storchenhauses eröffnen. In den kommenden fünf Jahren, versichert Bürgermeister Markus Landauer, wolle man zehn japanische Häuser fertiggestellt haben. „Damit Raiding eines Tages mehr Architekturpilger als Musiktouristen hat.“

25. Oktober 2014 Der Standard

Vorhang auf in pinker Mission

Die Architekten von UN Studio haben einer niederländischen Kleinstadt ein umstrittenes Theater ins Zentrum hineingepflanzt. Nicht nur die Architektur ist auffällig, sondern auch der damit verbundene, geschickt getarnte Bildungsauftrag.

„Ich liebe dieses Haus, und ich liebe diese satten, knalligen Farben“, sagt Reggy Barra. Der 63-Jährige, graumeliertes Haar und beschwingter Doppelschritt auf der Fluchtwegtreppe hinauf in den Bühnenturm, ist Direktor des neuen Theater de Stoep in Spijkenisse, einer Art Schlafretorte am südwestlichen Stadtrand von Rotterdam. „Das Theater de Stoep als Institution gibt es schon seit den Siebzigerjahren, aber die bisherigen Spielstätten waren nicht besonders attraktiv. Jetzt haben wir endlich ein schönes, dramatisches Zuhause.“

Was üblicherweise in samtiges Theaterrot getüncht ist, erleuch- tet hier in kräftigen Him- und Brombeerfarben: Vorhang, Saal, Bestuhlung, Teile des Foyers, ja sogar die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen hier in fluglotsenhafter Manier Pink, Magenta, Violett. Nachts erleuchtet das weiße Theatergebäude, dessen 22 Meter hoher Bühnenturm sich unter einem geschmeidigen Buckel versteckt, in einem - wie könnte es anders sein - leuchtenden Rosa. Kreisrunde Ausschnitte in der Fassade und eine entsprechende Beleuchtung und Lackierung machen's möglich.

„Wissen Sie, das ist auch einer der Gründe, warum wir uns für dieses Projekt entschieden haben“, erklärt Barra, der dem futuristischen, vom Wind gezeichneten Entwurf des Amsterdamer Büros UN Studio im Rahmen eines EU-weiten Verfahrens den Vorzug gab. „Spijkenisse ist eine nicht besonders schöne Stadt mit wenig Farbe. Das Leben hier ist nicht gerade das bunteste.“

Oder, um es weniger metaphorisch auszudrücken: Mit seinen fast 80.000 Einwohnern weist Spijkenisse die niedrigste Bildungsrate der gesamten Niederlande auf. Kulturelle Einrichtungen haben es hier schwer. Mit der modernen, unterschwelligen Gestaltung des Hauses und dem breiten Repertoire an Gastspielen - die Aufführungen reichen von Kasperltheater und The Sound of Music bis hin zu klassischen Konzerten und Tschaikowskys Nussknacker - will man wieder mehr Publikum ins Theater locken.

„Ich bin davon überzeugt, dass das gelingen wird“, sagt Ben van Berkel, Chefarchitekt bei UN Studio. „Denn es gibt nichts Magischeres als diese lebendige, undefinierbare Energie zwischen Publikum und Bühne.“ Was für die beiden Säle mit 650 und 200 Sitzplätzen zählt, das wird auch in den drei Foyers mit visuellem Pathos zelebriert: Parkettboden, aalglatt geschleckte Wände und loungige Kaffeehaustische am unteren Ende der Rampen und Treppen geben den Blick auf Wasser und Theatervorplatz frei. Vor zwei Wochen war die offizielle Eröffnung.

Das Theater de Stoep (Baukosten 25,9 Millionen Euro) ist eine sehr clevere Neuinterpretation eines klassischen Theaterbetriebs. Das zeigt sich allein schon daran, wie die traditionellen Elemente eines solchen Hauses gestaltet wurden. Zurück in den Bühnenturm, Herrn Barra auf den Fersen. Statt immernächtlicher Schwärze dringt über große Fenster Tageslicht auf den Bühnenboden. „Wir haben nicht immer nur Aufführung, es wird bei uns auch ganz normal gearbeitet und geprobt“, erklärt der Direktor. „Warum sollen die Schauspieler, Sänger und Techniker also nicht auch ein bisschen Sonne haben? Am Abend machen wir die Schotten dann dicht.“

Unter den Einwohnern Spijkenisses wird das Haus mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. „Die Gemeinde ist eh schon pleite, und jetzt auch noch so ein unnötiges Ding mitten in der Stadt“, sagt eine Passantin, die anonym bleiben will, mit ziemlich erboster Stimme. „Eine Konditorei oder ein Supermarkt wären besser gewesen.“ Auch andere rümpfen immer wieder die Nase, wenn sie am neuen de Stoep vorbeigehen. Die Stadtregierung hat sich mit ihrer Bildungsoffensive ein hehres Ziel gesetzt. „Keine Sorge, das wird schon“, sagt Barra. Er muss es ja wissen, schließlich leitet der ehemalige Pop-Manager den Betrieb schon seit 22 Jahren. „Unser Trick ist: Wir tarnen Kultur als Unterhaltung. Das knallige Pink unterstützt uns in unserer Mission.“

18. Oktober 2014 Der Standard

„Ich bevorzuge die Fußgängerzone in der Stadt“

Am kommenden Freitag startet die Doku „Global Shopping Village“ in den heimischen Kinos. Regisseurin Ulli Gladik über Schlupflöcher im Raumordnungsgesetz, Recherche-Schocks und die Zukunft des Shoppens.

Trotz der Konkurrenz durch den Onlinehandel ist die Shoppingcenter-Dichte Europas so hoch wie noch nie. Mit 320 m² Retailfläche pro 1000 Einwohner hat Österreich - nach Slowenien - die zweihöchste Dichte in Europa. Das belegen aktuelle Zahlen von RegioData. Die Spitzenposition ist alles andere als ein Grund zur Freude, meint die Wiener Filmemacherin Ulli Gladik, die von 2011 bis 2014 an ihrem filmischen Opus Magnum „Global Shopping Village“ arbeitete. Der 80-minütige Dokumentarfilm, der am 24. Oktober in Wien Premiere hat, bietet traurige Bilder aus Österreich, Deutschland, Kroatien und Bulgarien. Vor allem aber schockiert er mit Informationen und Originalstatements aus den Abgründen der Immobilienwirtschaft. Diese - und nicht zuletzt die allzu beugsame österreichische Raumplanung - ist schuld daran, dass die Speckgürtel wachsen und die Innenstädte aussterben.

STANDARD: Wie kam die Idee zustande?

Gladik: Ich bin in Murau aufgewachsen. In den letzten 20 Jahren sind dort mehrere Kreisverkehre und Fachmarktzentren entstanden, gleichzeitig ist das kleinstädtische Leben im Ortskern verlorengegangen. Heute ist Murau tot. Das hat mich inspiriert, über die Thematik nachzudenken.

Wussten Sie zu Beginn des Projekts bereits, worauf Sie sich da einlassen?

Gladik: Die wahren Ausmaße habe ich erst erkannt, als ich auf der Real Vienna, auf der Expo Real in München und auf der Mapic in Cannes Einblick in die Immobilienwirtschaft bekommen habe. Da wird ein Shoppingcenter nach dem anderen beworben. Hier wird eine Illusion aufrechterhalten, denn in vielen ehemaligen Ostblockländern ist der private Verschuldungsgrad mittlerweile so hoch, dass die Investitionen am Marktbedarf vorbeiführen. Die Resultate sind unübersehbar. Viele Shoppingcenter sind fast leer, sind wieder geschlossen oder wurden niemals fertiggestellt.

Was war Ihr größter Schock während der Recherchen?

Gladik: Mein größter Schock war, wie offen auf den Immobilienmessen darüber gesprochen wird, auf welche Art und Weise man am schnellsten Geld machen kann. Der einzige Motor ist die hohe Rendite.

Die größte Bühne in Ihrem Film bieten Sie dem Shoppingcenter Arena in Fohnsdorf. Obwohl Fohnsdorf ein kleiner Ort ist, hat das Einkaufszentrum bereits an die 50.000 Quadratmeter Retailfläche. Wie ist das passiert?

Gladik: In einem Ort wie Fohnsdorf sind laut regionalem Entwicklungsplan 5000 Quadratmeter zusammenhängende Shoppingcenter-Fläche möglich. Mittlerweile hat die Arena wahrscheinlich schon mehr als 50.000 Quadratmeter, und sie wächst weiter. Eine Antwort war, dass es sich bei der Straße, die durch das EKZ führt, um eine öffentliche Straße handelt, und so ist die Arena per Definition kein 50.000 Quadratmeter großes Shoppingcenter, sondern eine Ansammlung von vielen Retail-Gebäuden links und rechts der Straße. So wie ich das verstanden habe, muss das ein Schlupfloch im Raumordnungsgesetz gewesen sein, das von vifen Juristen ausgelotet und ausgenutzt wurde. Jedenfalls wird die Arena als ein Shoppingcenter vermarktet. An der Einfahrt steht ein Pylon mit den Worten: „100 Geschäfte, 1 Adresse“.

Im Film ist ersichtlich, dass Sie sich um eine Stellungnahme der Raumordnungsbehörde bemüht haben, was allerdings abgelehnt wurde.

Gladik: Mich hätte die offizielle Begründung zur Größe der Arena sehr interessiert. Und ich nehme an, die Zuschauerinnen und Zuschauer auch.

Wie kommt so eine Schlupflochpolitik zustande?

Gladik: Da fehlt offensichtlich der politische Wille. Außerdem, denke ich, mangelt es an einer gewissen Aufklärung, denn die Bürgermeister, die so ein Projekt begleiten und bewilligen, machen das im Gegensatz zum Shoppingcenter-Entwickler meist nur einmal im Leben, und verfügen oft nicht über das nötige Fachwissen und die nötige Erfahrung, um die Konsequenzen mitzubedenken: Zersiedelung, Abwanderung der Arbeitsplätze, hohe Infrastrukturkosten, und so weiter.

Würde Österreich anders aussehen, gäbe es mehr Aufklärung?

Gladik: Ich denke: ja. Ich glaube an Aufklärung.

Einige Shoppingcenter-Entwickler wie etwa die deutsche ECE haben sich auf Shoppingcenter in Innenstadtlagen spezialisiert. Ist das die Lösung zum Problem?

Gladik: Aus meiner Sicht nicht. Denn meist werden auch die innerstädtischen Shoppingcenter sehr groß dimensioniert und bilden ein eigenes Universum. Laut Stadtplaner Walter Brune, der als der deutsche Victor Gruen bezeichnet wird, ist ein Innenstadtcenter nur dann legitim, wenn das Shop-Angebot eine Ergänzung und keine Verdoppelung des Innenstadtsortiments ist. Das ist meistens nicht der Fall.

Nach all der Kritik: Gibt es für Sie persönlich auch positive Shoppingcenter-Beispiele?

Gladik: Ich finde Shoppingcenter spannend im Sinne künstlich geschaffener Orte. Und ich finde es spannend, die Menschen darin zu beobachten. Aber mir fällt kein Beispiel ein, wo ich persönlich sagen könnte: Hier fühle ich mich wohl, hier will ich mich eine Zeit lang aufhalten. Zum Einkaufen bevorzuge ich die Fußgängerzone in der echten Stadt.

Gibt es Wünsche für die Zukunft?

Gladik: Ich wünsche mir mehr Diskussion und mehr kritische Auseinandersetzung. Die Shoppingcenter-Entwicklung hat unsere Städte in den letzten 20 Jahren massiv verändert, und es gab wenig Diskussion darüber, wie wir in Zukunft leben und einkaufen wollen. Das würde ich gerne nachholen. Wenn das nicht passiert, dann werden die Leute die öffentlichen Räume in der Stadt verlassen und sich immer mehr in die eigenen vier Wände zurückziehen - was sie ohnehin schon tun. Stichwort: Online-Handel. Ist das die Zukunft, in der wir leben wollen?

ULLI GLADIK (44) absolvierte die Schule für künstlerische Fotografie bei Friedl Kubelka und studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Seit 2003 ist sie freischaffende Fotografin und Filmemacherin. Premiere ist am 24. 10. im Filmcasino Wien (19 Uhr). Am 26. 10. und 2. 11. (13 Uhr) findet ebenda eine Matinee in Anwesenheit der Regisseurin und anschließender Podiumsdiskussion statt.

18. Oktober 2014 Der Standard

Baukultur ist der Schiefer in der Stadt

Wiens Planungswerkstatt lädt Besucher ein, über ihr Lieblingsgrätzel nachzudenken und gemeinsam neue Nutzungen für urbane Räume zu schaffen. Es ist eine Ausstellung zum Mitarbeiten - und Mitmarschieren.

„Baukultur beschreibt die Summe menschlicher Leistungen, natürliche oder gebaute Umwelt zu verändern“, heißt es nüchtern und trocken auf Wikipedia. „Baukultur geht über die architektonische Gestaltung von Gebäuden weit hinaus und betrifft nicht nur professionelle Planer, sondern alle Menschen, da sie mit gebauter Umwelt konfrontiert sind.“ Das erschließt sich einem nur mit größtem Widerwillen.

Es geht auch anders, dachten sich Volker Dienst, Robert Temel, Barbara Feller und Antje Lehn - und schufen eine Ausstellung, die dem Begriff seine Sperrigkeit nehmen soll, indem sie sich auf Emotionales, Haptisches sowie auf ein paar konkrete Beispiele aus Wiener Grätzeln stützt. Baukultur. Denke Deine Stadt anders ist derzeit in der Wiener Planungswerkstatt zu sehen.

„Baukultur ist kein Projekt und auch kein Endresultat, sondern ein Prozess“, sagt Dienst, seines Zeichens Sprecher der Plattform Baukultur, während er durch die Schauräume führt, die nach harzigem, frisch geschnittenem Fichtenholz duften. „Daher haben wir eine Ausstellung konzipiert, die mit jedem Tag weiterwächst und erst durch die Besucher, durch die vielen Schülerinnen und Schüler komplettiert wird.“

Zu Beginn noch glich die Planungswerkstatt einem Holzlager. Balken für Balken bäumte sich da ein Stadl bis zum Ansatz des Gewölbebogens auf, Schiefergefahr und Naturnähe inklusive. Und immer wieder kleine Figürchen, kluge Sprüche, satirische Bilder. Im Laufe der Zeit jedoch füllte sich der zu Beginn noch spärlich bestückte Schauraum. Hier geht es unmissverständlich um Partizipation, um den Prozess. Übrigens: Die 20 Kubikmeter Holz, die mehr und mehr hinter einer Zettelwirtschaft verschwinden, sind nur geliehen und werden nach Ende der Ausstellung verbaut. Der Rohdachboden wartet schon.

Zu Wort kommen Wienerinnen und Bewohner konkreter Gebäude, konkreter Stadtviertel. „Transdanubien ist für uns kein Schimpfwort, sondern eine Auszeichnung.“ Und: „Das gibt's nur in Wien, wo ich mit den Badelatschen vom 23. Stock in fünf Minuten zu Fuß zum Baden an die Alte Donau gehen kann.“ Noch besser: „Das gibt's nur in Wien, dass eine Universität zur Touristenattraktion wird.“ Wie ein älterer Herr, regelmäßiger Besucher der Mensa am neuen WU-Campus, beweist: „Die glauben, das hier ist nur für die jungen Leute, aber ich bin hier auch sehr gern, ich mag die Atmosphäre.“

Auch Kritik und Vorschläge werden immer lauter, wobei der Wunsch nach einer Vergrünisierung der Stadtverwaltung unüberhörbar durch die handgeschriebenen Zeilen sickert: Man wünscht sich mehr Rad, mehr Fußgänger- und weniger Autoverkehr, mehr öffentlichen Freiraum und weniger Stellplätze, längere Grünphasen für die Fußgänger, mehr Farben und insgesamt eine fröhlichere Stimmung in der Stadt, mehr Grünflächen, frei zugängliche Dachterrassen und vor allem: „Mehr alte Häuser renovieren und weniger Neubauten.“

Viele Köche, viele Zutaten

Wie all diese Wünsche baulich manifest werden können, zeigt sich anhand von Best-Practice-Beispielen in Wien-Mitte, Favoriten, Meidling, Kagran und Stuwerviertel-Plus, dem Areal rund um den neuen WU-Campus. Ergänzt wird die Theorie von ein paar Workshops und professionell geführten Stadtspaziergängen wie etwa „Urbanes Flanieren in Meidling“ (24. 10.). Vieles ist wunderbar und respektvoll im Ansatz. Das Einzige, was man der Ausstellung vorwerfen kann, ist vielleicht ihr Pluralismus. Viele Köche, viele Zutaten, der Durchblick kommt erst beim Dessert.

„Wir möchten die Besucher animieren, sich ihr Lebensumfeld aktiv anzuschauen“, so Dienst. „Ob das nun das Ins-Gedächtnis-Rufen der vielen schönen Dinge ist oder das bewusste Beleuchten von städtischen Scheußlichkeiten. Wir alle können die Stadt aktiv mit- und umgestalten.“

Die Summe dieser Überlegungen nennt sich dann Baukultur.

11. Oktober 2014 Der Standard

Der Meister und sein Marienkäfer

Am 27. Oktober wird in Paris die Fondation Louis Vuitton eröffnet. Damit schuf der kalifornische Architekt Frank Gehry ein weiteres Denkmal für sich und das Luxuslabel LVMH - aber auch einen Meilenstein für die durchaus lukrative Zukunft des Entwerfens in 3-D.

Er ist ein riesiger Eishockey-Fan, ein Eishockeypokal-Designer, ein Lebemann und Genießer, er ist enger Freund von Daniel Barenboim und der US-Künstler Claes Oldenburg und Richard Serra. Und er ist das, was die Medien so gerne als Stararchitekt bezeichnen. Das war nicht immer so. „Als ich denen in Bilbao damals meine Modelle und Entwürfe gezeigt habe, wollten die mich umbringen“, erzählte er unlängst in einem Interview. "Da war ein baskischer Künstler, der schrie: „Tötet diesen amerikanischen Architekten!“ Es war beängstigend."

Die Eröffnung des Guggenheim-Museums, es konnte ohne Mordfall realisiert werden, ist fast auf den Tag genau 17 Jahre her, und Frank O. Gehry, eigentlich Frank Owen Goldberg, heute 85 Jahre alt, ist seitdem ein gefragter Mann für Museen, Konzerthäuser und staniolpapiergeknüllte Luxusbauten aller Art. Zu seinen letzten großen Würfen zählen die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, der Novartis-Campus in Basel sowie der 76-stöckige Wohnwolkenkratzer „New York by Gehry“ in Lower Manhattan.

Und jetzt die Fondation Louis Vuitton. Schuld daran ist der Bilbao-Effekt, dem Bernard Arnault, Vorsitzender des Pariser Mode-Koffer-Champagner-Cognac-Luxushauses LVMH, vollends erlegen ist. So etwas wolle er auch haben, meinte er damals, direkt nach seinem Guggenheim-Besuch in der baskischen Hauptstadt. Und weil Monsieur Louis Vuitton nicht nur ein Mann der großen Worte, sondern vor allem der großen Taten ist, wie auch die sukzessive Einverleibung der Luxusmarken Fendi, Donna Karan, Marc Jacobs, Bulgari, Hublot und aktuell 22,6 Prozent am Konkurrenten Hermès beweist, griff er zum Telefonhörer, lud Gehry zu sich ins Büro und gründete 2006 die Fondation Louis Vuitton, die die private Leidenschaft des Kunstsammelns nun auf eine größere, öffentlich zugängliche Plattform heben soll.

In Neuilly-sur-Seine, auf halbem Wege zwischen Paris und La Défense, liegt der Central Park der Pariser, der Bois de Boulogne. Direkt an der Avenue du Mahatma Gandhi, nur wenige Schritte vom einstigen Kinderzoo Jardin d'Acclimatation entfernt, stand bis vor wenigen Jahren eine Bowlinghalle, die, wie sich Bernard Arnault sicher war, niemand vermissen würde, wenn sie nicht mehr da wäre.

„Ich hatte Tränen in den Augen“, erinnert sich der eingeflogene Frank O. Gehry, als er zum ersten Mal das Grundstück betrat. Nicht der abgerissenen Bowlinghalle, sondern der Geschichte dieses Ortes wegen. „Wir standen mitten im Jardin d'Acclimatation, und ich musste an all die außergewöhnlichen Menschen denken, die in diesem Garten früher als Kinder gespielt haben. Vor allem aber dachte ich an Marcel Proust.“ Hier ließ der französische Schriftsteller einige Episoden seiner Suche nach der verlorenen Zeit spielen.

Ein Zitat verlorener Häuser

Gehry fand, was Proust suchte. Er ließ sich von den gläsernen Ingenieursbauten inspirieren, die hier im 19. Jahrhundert errichtet wurden und lange Zeit den Garten krönten, vom Planarium und vom nicht minder beeindruckenden Palais d'Hiver. Eine gläserne Konstruktion also müsse es sein, ein Zitat der verlorenen Häuser, darin waren sich der Bauherr und sein Architekt bald einig, und so wurde jenes Riesending aus dem Erdboden gestampft, das heute einen ganzen Hektar groß ist und imposante 46 Meter in den Himmel ragt.

Auf den ersten Blick wirkt die Fondation Louis Vuitton wie ein explodiertes Palmenhaus. Wie ein Albino-Marienkäfer, der den Panzer geöffnet hat und nun zum Flügelschlag ansetzt, um vom Erdboden abzuheben, was ihm aufgrund des Gewichts jedoch verwehrt bleibt. Oder aber, um mit den Worten Gehrys zu sprechen, wie ein Segelboot mit zwölf riesigen Glassegeln, die sich aufspannen und sich mächtig im Winde blähen. Im Rumpf, „in diesem weißen Zeug, in diesen Eisbergen“ (O-Ton Gehry), befinden sich die eigentlichen Ausstellungsflächen und Galerieräume, elf Stück an der Zahl, ein Eingeständnis an die Banalität des Funktionierens, denn: „Glas ist gut, aber man kann keine Kunst an eine Glaswand hängen.“

Ohne die gläsernen Segel würde das Haus entblößt wirken. Wie ein Bilbao ohne Staniolpapier. Mit den Segeln jedoch, die mittels atemberaubender Stahlträger und Holzleimbinder vom Haus auf Distanz gehalten sind, präsentiert sich das Privatmuseum in voller Pracht. Alles andere ist Luft, ist Show, ist Konstruktion.

„Nein, nicht nur“, sagt eine Pressesprecherin des Hauses. „Die Glassegel dienen in erster Linie der Bauphysik, denn sie verschatten das Gebäude und sammeln auf einer großen Fläche Regenwasser ein.“ Dank Wassernutzung und Geothermie konnte der Energiebedarf des Gebäudes um 25 Prozent reduziert werden. Unterm Strich steht die Zertifizierung HQE (Haute Qualité Environmentale), ein Äquivalent zum amerikanischen LEED Gold.

Rund 3600 gekrümmte und gewölbte Glasplatten, deren Form in Gehrys hauseigenem Software-Programm „Digital Project“ ermittelt wurde, waren nötig, um die riesigen Segel zu hissen. Aufgedruckte, kaum sichtbare Pünktchen verleihen dem Glas seinen leicht trüben, wolkigen Schleier. Die weißen Eisberge hingegen sind mit Ductal ummantelt, einem Betonwerkstoff, der mit Mikrosilikaten und millimeterlangen Stahlspänen bewehrt und auf diese Weise hochfest ist. Und hochteuer. 19.000 dieser Ductal-Platten zieren die Fondation.

Die kolportierten Gesamtbaukosten belaufen sich auf über 110 Millionen Euro. Über Kosten jedoch wolle man lieber nicht sprechen. Kein Kommentar. Auch zu den künftig ausgestellten Exponaten sowie zur gesamten Sammlung der Stiftung, wozu etwa Werke von Richard Prince, Jeff Koons und Ellsworth Kelly zählen sollen, hüllt man sich vor Eröffnung des Museums in eisernes Schweigen. Ein Museum von 1945 bis zur Gegenwart wolle man sein, so viel ist sicher. Das Spiel der Verknappung, der Verexklusivierung von Ware und Wissen beherrscht die Maison LVMH wie aus dem Effeff.

Die Fondation Louis Vuitton, die per Vertrag 2062 ins Eigentum der Stadt Paris übergehen wird, ist ein weiterer Meilenstein für Frank Gehry, der, obwohl er sich schon längst davon distanziert hat, von den meisten immer noch als Dekonstruktivist bezeichnet wird. Tatsächlich aber entwickelte sich Gehry zuletzt zum Haute-Couture-Architekten, der seine zerknüllten, komplizierten Kollektionen geschickt an große Firmen und Mäzene zu verkaufen weiß.

Erfolgreicher Nebenjob

Seine Trümpfe spielt der ehemalige Truck-Fahrer und Pritzker-Preis-Träger, der es als einziger Architekt der Welt geschafft hat, einen gelben Gastauftritt bei den Simpsons hinzulegen, längst nicht mehr als Entwerfer aus, sondern als Konstrukteur, als Techniker, als Ermöglicher von Visionen und Utopien. Für den Bau des Guggenheim-Museums in Bilbao ließ er eine Design-Software, die in der Flugzeug- und Automobilindustrie verwendet wird, zu seinen Zwecken adaptieren. Das war ihm nicht genug. Und so gründete er 2002 sein Imperium Gehry Technologies (GT), das sich auf die Entwicklung und Berechnung von komplizierten Bauwerken spezialisiert hat. Zu seinen Kunden zählen Zaha Hadid, Jean Nouvel und Coop Himmelb(l)au. Erst im September verkaufte er GT für eine unbekannte Summe an das US-Technologieunternehmen Trimble.

Das nächste Entwurfsprojekt ist noch unter Verschluss. Es ist eine Handtasche. Für Louis Vuitton.

4. Oktober 2014 Der Standard

Bauanleitung zur gemeinsamen Sache

Der Sieg beim kürzlich im Palais Schwarzenberg verliehenen Superscape Award ging an den Tiroler Architekten Florian Niedworok. Er entwickelte ein vielschichtiges Anreizmodell für eine lebenswerte, dichte Stadt.

Eine Stadt über der Stadt - davon hat schon der österreichische Filmregisseur und Drehbuchautor Fritz Lang geträumt. In seinem 1927 erschienenen Monumentalstummfilm Metropolis kann man sich in verschiedenen Ebenen von einem Hochhaus zum nächsten bewegen - ob nun zu Fuß, im Auto oder auf Schienen. Metropolis war nicht nur der weltweit erste Science-Fiction-Film in Spielfilmlänge, sondern auch eine der teuersten Produktionen der damals noch kurzen Filmgeschichte. Das waren halt noch Visionen.

Sozialer Austausch

Um genau die geht es auch beim Superscape Award 2014, der letzte Woche im Wiener Palais Schwarzenberg verliehen wurde. Beim Siegerprojekt „Pocket Mannerhatten Ottakring“ kann man sich wie zu Langs Zeiten von einem Gebäude zum nächsten begeben - nicht nur auf der Straße, sondern auch hoch oben jenseits der Gesimskante. Anders als im SW-Epos jedoch geht es ums Zu-Fuß-Gehen, ums Joggen, um den sozialen Austausch beim Kräuterzupfen und Kinderwagenschieben.

„Wien wird um 300.000 Einwohner wachsen, und das bedeutet, dass die Stadt nicht nur erweitert werden darf, sondern auch in bestehenden gründerzeitlichen Vierteln verdichtet werden muss“, sagt Florian Niedworok. Mit seinem Ottakringer Vorschlag konnte sich der Tiroler Architekt bei insgesamt 45 Einreichungen - sechs davon haben es in die zweite Runde geschafft - durchsetzen.

„Wir können die Errichtung von Wohnraum und öffentlichen Regenerationsflächen der öffentlichen Hand und den Wohnbauträgern und Investoren überlassen“, so Niedworok. „Oder aber wir finden eine Möglichkeit, wie wir die Verantwortung für Nachverdichtung und Städtebau dezentralisieren und auch private Grundstückeigentümer zum Investieren und Entwickeln animieren können.“

Und die sieht so aus: „Pocket Mannerhatten Ottakring“, eine in verbaler Hinsicht vielleicht etwas zu viel wollende Anspielung auf eine Art Mannerschnittenmanhattan im Ottakringer Taschenformat, ist eine Einladung zur Zusammenarbeit zwischen Grundstückseigentümern. Statt jedes Haus mit dem üblichen, von Bauordnung und Förderrichtlinien geforderten Ausstattungskonvolut doppelt und dreifach zu bestücken, untersucht das Projekt, wie man geschickte, auch finanziell interessante Reduktionen vornehmen könnte.

„Warum muss jedes Haus eine Tiefgarage, ein Stiegenhaus, einen Lift und einen ohnehin fast nie genutzten Gemeinschaftsraum haben?“, fragt Niedworok und schlägt vor, sich zusammenzutun und Synergieeffekte zu schaffen. Über sogenannte Servitutsrechte, die im Grundbuch fixiert wären, könnte man sich darauf einigen, gewisse Räume und Freiräume eines Hauses im Kollektiv zu nutzen. Das spart Geld und Fläche und macht auf diese Weise neue Ressourcen frei - zum Beispiel für eine gemeinsame, straßenblockübergreifende Gartenlandschaft über den Dächern der Stadt. Gemeinsame Sache statt Grundstücksgrenzenegois- mus. Die Visualisierungen sind unmissverständlich.

Warum sollte man das haben wollen sollen? Der Clou liegt im Detail. Als Dankeschön für die Initiative könnte sich die Stadt beim Grundstückseigentümer beispielsweise in Form einer etwas ausgedehnten Flächenwidmung bedanken - etwa indem man das maximal bebaubare Volumen geringfügig nach oben korrigiert. Viele Fliegen auf einen Streich: 1. Die Bevölkerung nimmt ihre Ei-genverantwortung wahr. 2. Die Stadt wird lebenswerter und vielfältiger. 3. Die öffentliche Hand kann einen Teil ihres Mammutprojekts anderen übergeben, indem diese die Stadt mitverdichten. 4. Ankurbelung der Bauwirtschaft. 5. Wesentlicher Beitrag zum bevorstehenden Wohnungsengpass, der einen weiteren Anstieg der Immobilienpreise befürchten lässt.

Ob das alles so realistisch ist? „Natürlich müsste man hie und da an juristischen Schräubchen drehen, aber irgendwie müssen wir uns dem bevorstehenden Wachstum sowieso stellen“, meint der 32-jährige Architekt. „Wenn die Stadt Wien und die Bauträger und Investoren das wollen, dann wird sich auch ein Weg finden.“

20.000 Euro Siegerprämie

Auslober des mit 20.000 Euro Siegerprämie dotierten Awards ist der Wiener Immobilienentwickler JP. „Für ein gutes Wohn- und Lebensgefühl in der Stadt braucht es mehr als nur die eigenen vier Wände“, sagt JP-Geschäftsführer Martin Müller. „Es braucht auch Visionen und Utopien. Nur so kann man die Entwicklung vorantreiben. Deshalb wollen wir hier einen Beitrag leisten.“

Das weit in eine soziowirtschaftliche, kollektiv intelligente Zukunft vorgreifende Konzept, das von der Jury (Wolfgang Kos, Peter Mörtenböck, Jana Revedin und Laura Spinadel) auserkoren wurde, könnte schon bald Wirklichkeit werden. Denn wenn man dem Unternehmen glaubt, so will es mit dem Wettbewerbsgewinner mögliche Schritte zur Realisierung andenken. Man darf gespannt sein. Der Superscape Award soll biennal ausgelobt werden. 2016 geht's weiter.

4. Oktober 2014 Der Standard

Gestern noch Siegerpodest, heute schon Lagune

Beim Solar Decathlon 2013 in Los Angeles wurde das österreichische Ökohaus Lisi, ein Forschungsprojekt unter Federführung der TU Wien, mit Gold prämiert. Nun geht der grüne Bungalow im Fertighauspark Blaue Lagune vor Anker - und kann auch gekauft werden.

Es passiert nicht alle Tage, dass ein preisgekröntes Projekt aus den euphorischen Wogen der Wissenschaft und akademischen Forschungselite in den seichten Hafen des Publikumsmarktes überführt wird. Schon gar nicht ohne größere Qualitätseinbußen. Meist nämlich gehen die wertvollsten und innovativsten Aspekte einer solchen technischen Errungenschaft im bisweilen stürmischen Gewässer der Marktfitmachung verlustig. Sie werden einfach über Bord geworfen.

Nicht so bei Lisi, jenem hübsch benamsten Ökohaus-Bungalow, der beim Solar Decathlon, dem größten Green-Building-Wettbewerb der Welt, letztes Jahr in Los Angeles den ersten Preis einheimsen konnte. Projektleiterin Karin Stieldorf von der TU Wien kümmerte sich schon früh um eine sinnvolle Weiternutzung des nur 60 m² kleinen, aber feinen Nullenergiehauses und wurde in den Gefilden des Fertighausmarktes fündig. Am Mittwoch wurde Lisi im Beisein von Innovations- und Technologieminister Alois Stöger schwimmenderweise wiedereröffnet - und zwar als Leuchtturmprojekt in der Blauen Lagune in der Shopping City Süd.

„Es ist das erste Projekt in der Geschichte der Blauen Lagune, das nicht auf festem Boden steht, sondern in unserer kleinen, künstlich angelegten Lagune auf einem Ponton platziert wurde“, sagt Erich Benischek, Geschäftsführer des Fertighauszentrums. „Ich sehe das durchaus als symbolische Geste, denn damit wollen wir die Besonderheit dieses Projekts hervorheben. Fertighäuser gibt es viele. Lisi gibt es nur eine.“

In Containern nach L.A.

Tatsächlich handelt es sich bei Lisi, an deren Geburt die TU Wien, die FH St. Pölten, die FH Salzburg und das Austrian Institute of Technology (AIT) beteiligt waren, um ein Fertighaus. Denn das in Österreich gefertigte Haus wurde seinerzeit in handelsüblichen Hochseecontainern - sechs Stück an der Zahl - nach Los Angeles geschippert, wo es auf dem Areal eines ehemaligen Flugplatzes sodann entfaltet, sprich aufgestellt und zusammengeschraubt wurde.

Lisi - das Akronym steht für Living Inspired by Sustainable Innovation - ist ein nachhaltiges Haus, das diesen Anspruch nicht nur marketingtechnisch ausschlachtet, sondern auch wirklich hieb- und stichfeste Beweise liefert, wie energie- und ressourcenschonendes Wohnen in Zukunft aussehen kann. Die Konstruktion besteht zu 96 Prozent aus Holz, vor allem aus Fichte, Weißtanne, Eiche, Thermoesche und überaus schicken Rindenplatten, einem gepressten Abfallprodukt aus der Holzindustrie, die im Bad und Schlafkammerl zum Einsatz kommen.

Auf dem Dach gibt es eine 100 m² große Fotovoltaikanlage, die 8,9 kWPeak erreicht. Geheizt und gekühlt wird mittels Wärmepumpen, die je nach Bedarf kaltes oder warmes Wasser durch den speziell entwickelten Klimalevel-Boden leiten. Die darin verlegten Betonplatten dienen zugleich als speicherfähige Masse. Und sogar in der Küche hat man sich etwas Spezielles einfallen lassen. Der Kühlschrank kommt ohne Elektrizität aus und wird nur über Verdunstungskälte temperiert.

„Marktkonforme“ Variante

„Möchte man das Haus so kaufen, wie es hier steht, muss man an die 400.000 Euro berappen“, sagt Christof Müller, Geschäftsführer der Weissenseer Holz-System-Bau GmbH, die das Lisi-Haus unter Lizenz der TU Wien als Generalunternehmer produzieren wird. „Ich bin mir dessen bewusst, dass das für den österreichischen Fertighausmarkt noch zu teuer ist. Daher haben wir einige Optionen entwickelt, wie man das Haus auch ohne Einbußen in Qualität und Technik marktkonform etwas reduzieren kann.“

Es wird dann wohl ein normaler Kühlschrank mit Kabel und Stecker werden. Auch auf den Teflon-Vorhang, der vor der Terrasse in der herbstlichen Lagunengischt flattert, und auf die von den Studenten der FH Salzburg entwickelten Küchenstühle aus Naturharz und zusammengepressten Pellets-Hackschnitzeln wird man dann wohl verzichten müssen.

„Das macht nichts, es geht ja schließlich um die Idee“, sagt Benedikt Welz. Der 32-jährige Architekturstudent der TU Wien ist gerade vor Ort, um die letzten Handgriffe zu machen. Hier ein bissl schrauben, dort ein bissl schleifen, Türen einjustieren. „Ich würde das Haus ja auch nicht im klassischen Fertighauskundenkreis angesiedelt sehen. Ich denke, das ist ein Gustostückerl für ein Publikum mit besonderen Interessen“, so Welz.

„Wir verkaufen das Haus gerne auch genauso, wie es jetzt hier auf dem Ponton steht“, meint Lagunenkapitän Benischek. „Aber das wird nicht realistisch sein. Wir müssen uns dem Markt etwas anpassen. Als Richtwert kann ich sagen, dass das Produkt je nach Ausstattung und Materialausführung wohl zwischen 250.000 und 350.000 Euro brutto kosten wird. Nur so zur Orientierung.“ Bis Jahresende wird in Zusammenarbeit zwischen TU Wien und Weissenseer ein Online-Konfigurator entwickelt, der Lisi in vier Größen, in einer zweigeschoßigen Variante sowie mit unterschiedlichen Ausstattungspaketen anbietet. Der Kaufpreis wird in Echtzeit berechnet. Sämtliche Adaptierungen in Hinsicht auf eine optimierte Industrialisierung kommen von den Studenten, denn das Haus - aber auch das Copyright daran - ist nach wie vor Eigentum der akademischen Forschungsgruppe.

„Ich rechne damit, dass wir im ersten Jahr zwischen acht und zehn Häusern absetzen werden“, meint Müller. In den Folgejahren, fügt Benischek hinzu, rechne man mit 20 bis 25 Stück pro Jahr. „Das ist realistisch, denn das Produkt ist innovativ und ansprechend und trifft genau den Puls der Zeit.“

Karin Stieldorf ist mit der Entwicklung mehr als zufrieden. „In der Regel landen solche innovativen Prototypen auf irgendeinem Uni-Campus oder werden an einen Liebhaber verkauft, und damit verschwindet das Projekt von der Bildfläche. In diesem Fall ist es uns gelungen, einen Schritt zu setzen, damit das Haus einer breiten Öffentlichkeit zugänglich ist.“

Die Blaue Lagune zählt rund 150.000 Besucher pro Jahr und wickelt nach eigenen Angaben rund 50 Prozent des österreichischen Fertighausmarktes ab. Die Lisi wird noch berühmt.

20. September 2014 Der Standard

Bitte betreten!

In einem Wohnbau in der Wiener Leopoldstadt kann man nun die Vergangenheit des Ortes studieren. Martina Montecuccoli und Lena Fasching haben die Historie ausgegraben und in roten Grundrissplänen auf dem grauen Asphalt verewigt. Alle Rätsel sind noch nicht gelöst.

Architekten und Bauträger greifen bekanntermaßen nicht sonderlich gerne zum Farbtopf. Zu spezifisch. Zu gefährlich. Zu geschmäcklerisch. Die meisten Wohnbauten sind demnach weiß verputzt, ein bisschen Grau und Anthrazit als i-Tüpfelchen ist da schon das höchste der chromatischen Gefühle. Im Falle des Wohnbaus in der Oberen Donaustraße 15a in Wien-Leopoldstadt darf man Architekt Josef Knötzl für diese branchenangeborene Zurückhaltung jedoch nur dankbar sein. Umso besser kommt das neue, auf den Asphalt gepinselte Kunst-am-Bau-Projekt zur Geltung.

In den Innenhöfen und öffentlichen Durchgängen, die sich durch die mehr als 500 Wohnungen fassende Anlage ziehen, sind abstrakte, kräftig aufgebrachte Farbflächen zu erkennen. Immer wieder tauchen auf dem Boden zumeist rote, manchmal auch gelbe und blaue geometrische Formen auf. Da eine Drei, dort eine etwas wackelige Sieben, am Eck ein kariertes Etwas, das dem Connaisseur als Kaminsymbol ins Auge springen könnte.

Geschichte oft verborgen

Tatsächlich handelt es sich bei der flächigen Collage um Grundrisse, und zwar jener Gebäude, die in der Vergangenheit das Grundstück zwischen Donaukanal und Augarten okkupierten. RAUMgeSCHICHTEN 1723 bis 2014. Eine Gebäudearchäologie nennt sich dieses Kunstprojekt von Lena Fasching und Martina Montecuccoli, dem eine wochenlange Recherche im Wiener Landesarchiv sowie im Staats- und Kriegsarchiv vorausging. Es ist Resultat eines 2011 von der Wiener Kunstschule ausgeschriebenen Studentenwettbewerbs.

„Es wird so viel neu gebaut, und in den meisten Fällen sind wir uns nicht bewusst, welche Geschichte sich unter den Orten verbirgt“, sagt Montecuccoli bei einer Führung, bei einer der seltenen Gelegenheiten in der bildenden Kunst, die es dem Betrachter erlauben, die Kunst nicht nur anzugreifen, sondern auch zu betreten. „Also haben wir beschlossen, uns in diesem Fall mit der Historie auseinanderzusetzen und einen inhaltlichen Bezug zum Grundstück herzustellen.“

Das Kramen in der Geschichte stellte sich als fruchtbare Angelegenheit heraus. Denn da, wo heute gewohnt wird, stand von 1723 bis 1863 eine Kaserne. Baumeister des Riesendings, das nun in einem roten Zeitschatten verewigt wurde, war niemand Geringerer als Jakob Prandtauer, der Erbauer des Stifts Melk. Man möchte förmlich durch die Räume schreiten, durch das Wachtmeisterzimmer („1“), durch die Gemeinzimmer („3“), durch die kleinen Sattel- und Monturkammern („5“). Auch die Lage der späteren Brotfabrik (gelb) und des noch viel späteren Umspannwerks (blau), die hier einst standen, kann man betreten studieren.

Bei den Bewohnern kommt das Kunstprojekt mit gemischten Gefühlen an. „Das soll Kunst sein?“, sagt eine der Bewohnerinnen. „Das sind doch nur übereinandergelegte Grundrisse von irgendwas.“ Dem Kunstprojekt gegenüber etwas besser gesinnt ist Petra Fritsch, ihres Zeichens Trainerin in Karenz: „Ich finde, dass der farbliche Akzent der ganzen Anlage guttut. Mir gefällt das Projekt gut. Noch schöner hätte ich es gefunden, wenn wir Mieterinnen und Mieter in den Prozess mit eingebunden worden wären.“

Rätselhafte Symbole

Wenig später marschiert der Pensionist Gustav Hammerschmied über die Kunst. „Ich halte das für ein g'scheites Projekt, das uns bewusst macht, dass wir nicht immer nur die Ersten sind, die etwas tun. Jeder Ort hat eine Geschichte. Und hier kriegt man eine Idee davon, was sich an dieser Stelle schon alles abgespielt haben muss.“ Abgesehen davon, so Hammerschmied, wirken die RAUMgeSCHICHTEN der grassierenden Anonymität in der zeitgenössischen Architektur entgegen.

Die Baukosten für das Kunstwerk, das von den vier Bauträgern Neue Heimat, Österreichisches Volkswohnungswerk, ÖVW und at home getragen werden, belaufen sich auf rund 80.000 Euro. „Die Identifikation mit dem eigenen Wohnort erzeugt Heimatgefühl, Sicherheit und gelebte Nachbarschaft“, sagt Tobias Wegner, Projektleiter beim ÖVW. Und Sabine Dorazin (Neue Heimat) meint: „Die Zusammenarbeit mit der Wiener Kunstschule war sehr intensiv. Das Siegerprojekt schafft es, die Transformation des ehemaligen Betriebsgebietes ins Gedächtnis der Bewohner zu rufen. Das ist eine enorme Leistung.“

Martina Montecuccoli, die den Lehrgang an der Kunstschule in der Zwischenzeit absolviert hat, hat selbst noch nicht alle Fragen beantwortet, die sie mit ihrem Projekt aufgeworfen hat: „In den historischen Grundrissplänen der Kaserne kommen einige Schraffuren und Symbole vor, die wir selbst noch nicht entschlüsselt haben. Bei manchen Dingen habe ich keine Ahnung, was sie bedeuten sollen.“ Die Verwirrung liegt den Passanten nun zu Füßen.

Eröffnung des Kunstprojekts heute, Samstag, ab 16 Uhr

20. September 2014 Der Standard

300.000 Gründe für ein Neudenken von Architektur

Wie Wien wächst (14)

Crowd-Projekte und Bürgerbeteiligung bringen frischen Wind in die Stadt. Doch mit den heutigen Bebauungsbestimmungen wird Wien den Bevölkerungszuwachs von 300.000 Menschen kaum meistern können. Darin sind sich Experten einig.

Mit rund 26.000 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Margareten der mit Abstand dichtest besiedelte Bezirk Wiens. In keinem anderen Gemeindebezirk quetschen sich so viele Menschen auf so wenig Raum. Wie soll da noch Wien wachsen können? Doch der Schein trügt. In einigen Pariser Arrondissements wohnen bis zu 40.000 Menschen pro Quadratkilometer, in manchen spanischen Städten sogar bis zu 70.000.

„In Wien gibt es noch genug Luft nach oben, aber nicht, wenn die Stadt nicht schleunigst die Bauordnung und die Bebauungsbestimmungen überdenkt“, sagt Volker Dienst, Sprecher der Plattform Baukultur. „Denn die heutigen Gesetze und Grundlagen verbieten mehr als sie ermöglichen. Unter diesen Bedingungen kann ich mir nicht vorstellen, wie Wien in den kommenden 20 Jahren um die prognostizierten 300.000 Einwohner zunehmen soll. Wo sollen all die Menschen hin? Da hilft auch die beste Architektur nicht weiter.“

Immer noch liegt das Wiener Limit bei Bauklasse 5, also bei 26 Metern Traufhöhe. Alles, was darüber liegt, gilt als Hochhaus und muss damit strengste technische Auflagen erfüllen, mit denen man andernorts schon einen Wolkenkratzer aus dem Boden stampfen kann. „Der Fokus wird in den kommenden Jahren nicht nur auf Stadterweiterung, sondern auch auf Innenstadtverdichtung liegen müssen“, erklärt Marion Gruber, Sprecherin der IG Architektur. „Doch mit den veralteten Hochhausregelungen macht man eine nachträgliche Verdichtung der bestehenden Viertel, um die wir früher oder später nicht herumkommen werden, fast unmöglich.“

Immerhin, meint Franz Kobermaier, Leiter der MA19 (Architektur und Stadtgestaltung), gebe es noch genügend Reserven oberhalb der Gesimskante. Mehr als 20.000 Dachböden (Erhebung 2012) warten darauf, ausgebaut und bewohnt zu werden. „Einige Jahre lang waren die Dachgeschoßprojekte rückläufig“, so Kobermaier zum STANDARD. „Doch nach der letzten Novelle der Bauordnung, die viele Erleichterungen mit sich gebracht hat, nimmt die Zahl der Bauansuchen wieder stark zu.“

Es ist nicht alles so düster und beengt. Spricht man mit Experten, so hat die Wiener Stadtregierung in den letzten Monaten und Jahren eine Stoßrichtung vorgegeben, die das Gesicht der Stadt langfristig massiv verändern wird. „In Wien sind jetzt die ersten Projekte entstanden, die auf Partizipation, Sozialraumanalyse und Bürgerbeteiligungsverfahren basieren“, so Kobermaier und nennt als prominentestes Beispiel die Verbegegnungszonierung der Mariahilfer Straße. „Und dieser Trend wird noch deutlich zunehmen. Als Nächstes steht die Neugestaltung des Schwedenplatzes an. Dabei könnten die neuen Tools ebenfalls zur Anwendung kommen.“

Mit diesen jüngst entwickelten Planungsmodellen werde sich der Begriff Architektur in Wien grundlegend ändern, sagt Thomas Madreiter, Planungsdirektor der Stadt Wien. „Das System Stadt wird dynamischer. Es nehmen immer mehr Leute die Verantwortung in die Hand, die Planungen werden kommunikativer und prozessorientierter, und es entstehen immer neuere Planungsaufgaben für Architekten.“

Rückbau von Straßen

Wichtigstes Beispiel: Der Motorisierungsgrad bei den unter 40-Jährigen nimmt kontinuierlich ab. Früher oder später, so Madreiter, werde sich das auch in der Architektur niederschlagen. „Ich könnte mir vorstellen, dass der Rückbau von Straßen zu Fußgängerzonen und Parkanlagen in 20, 30 Jahren ein intensives Betätigungsfeld für Planer sein wird.“

Wie diese neuen Aufgaben konkret aussehen könnten, zeigt der im November 2013 ausgeschriebene Ideenwettbewerb „Superscape“. Gefordert waren Konzepte für die Stadt von morgen. 44 Projekte wurden eingereicht. Von den sechs Finalisten, die nun auf der Shortlist stehen, handelt es sich fast ausschließlich um Crowd-Projekte, Nachverdichtung und Neunutzung des öffentlichen Raumes. Am kommenden Freitag, dem 26. September, wird im Palais Schwarzenberg der Sieger gekürt.

Die Stoßrichtung stimmt schon mal. Jetzt muss die Theorie in die Praxis umgesetzt werden. 300.000 neue Bewohner sprechen als Gründe dafür.

13. September 2014 Der Standard

Der Krumbach-Effekt

Das mit dem Warten ist so eine Sache. 30 Minuten verlorene Zeit für nichts und wieder nichts. Dass diese Zeitspanne jedoch nicht qualvoll sein muss, sondern sinnvoll gestaltet und sogar von einem gewissen kulturhedonistischen Genuss erfüllt sein kann, beweist das Projekt „Bus:Stop Krumbach“ im Bregenzerwald.

Sieben individuelle Wartehäuschen stehen da am Straßenrand, entworfen von sieben ebenso unterschiedlichen Architekten zwischen Chile und der Volksrepublik China, und bieten dem Wartenden nicht nur Obdach (sofern sie diesen Aspekt überhaupt erfüllen), sondern auch Stoff für ethnologisches Studium. Man muss nicht unbedingt den Vorarlberger Landbus abwarten: Ab kommenden Donnerstag sind die Entwürfe und Modelle der Wartehäuschen im Architekturzentrum Wien (AzW) zu bewundern.

„Das Warten auf den Bus hat eine räumliche Faszination“, sagt Dietmar Steiner, Kurator des Haltestellenprojekts und Direktor des AzW. „Mitten im Nirgendwo entsteht plötzlich eine kollektive Identität alleine dadurch, dass man gemeinsam dasitzt oder dasteht und nichts tut. Und in der Regel - natürlich nicht in Vorarlberg - kommt der Bus dann auch noch mit Verspätung.“

Dass in das Projekt keine Vorarlberger Architekten einbezogen wurden, habe einen guten Grund. „Die Vorarlberger Baukünstler der dritten Generation sind bereits so verfeinert und fast schon so dekadent in ihrer Perfektion, dass wir uns dachten, ein bissl Schmutz und Irritation von außen wird ihnen schon guttun“, so Steiner - und verweist etwa auf den archaisch wirkenden Warteturm von Alexander Brodsky, der sich mit schnell hingefetzten Skizzen statt millimetergenauer Detailpläne und Kabelbindern aus dem Baumarkt statt flächenbündig versenkten Designer-Kreuzschlitzschrauben begnügt.

Ebenfalls mit von der Partie: De Vylder Vinck Taillieu (dvvt) aus Gent mit einer Skulptur aus dreieckigen zusammengeschweißten Stahlplatten, Rintala und Eggertson (Bodø, Norwegen) mit einem Hochsitz samt Blick auf den benachbarten Tennisplatz, Ensamble Studio (Madrid) mit einem Konglomerat aus Brettern, das ein wenig an einen Haufen gestapelter Europaletten erinnert, der chinesische Pritzker-Preisträger Wang Shu mit einer überdimensionalen Camera obscura, in der man wie in einer alten Linhof-Ziehharmonika-Kamera Platz nehmen kann, sowie der chilenische Architekt Smiljan Radic mit einem gläsernen Raum, einer - wie er meint - transparenten Neuinterpretation der Bregenzerwälder Stube. Der Prototyp steht im Museumsquartier und lädt zum Warten im Maßstab 1:1 ein.

Der einzige Bus-Stop, der seine Wartenden mitunter im Regen stehen lässt, ist das Projekt des japanischen Architekten Sou Fujimoto - eine acht Meter hohe, filigrane Stangenskulptur aus Holz und Stahl, die man auf wackeligen Stufen erklimmen kann. Schönwetter muss man halt haben. Mehr Schutz als unter den Stufen ist nicht. Die Baukosten für „Bus:Stop Krumbach“ belaufen sich auf rund 350.000 Euro. Das Projekt wurde ausschließlich privat sowie über Sponsoring finanziert.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag