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    Das Nichts ist die Essenz
    Spectrum

    Häuser können einladen oder abweisen, sie können rufen oder sich verstecken, sie können sich ein-, unter- oder überordnen. Richtig oder falsch hängt allein vom Kontext ab. Über Siedlung und Zersiedlung: eine Aufklärung.

    07. Mai 2016 - Roland Gnaiger

    Das Gesetz ist so einfach wie wirkmächtig: Dinge, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken, wachsen. Wer oder was Aufmerksamkeit bekommt, erhält darüber hinaus auch noch Zeit, Geld und Einfluss. Daher ist unsere Aufmerksamkeit ein derartig massiv umworbenes, hoch gehandeltes und hart erkämpftes Gut. Und weil Aufmerksamkeit zudem nicht vermehrbar ist, kann sie nur umverteilt werden. So kommt es, dass beispielsweise die realen Räume unserer Straßen und Plätze an Aufmerksamkeit (und Hinwendung) verlieren, wenn mediale und virtuelle Räume diese Beachtung und Zuwendung gewinnen.
    Weltweit bauen wir immens viele Häuser, aber kaum neue Räume. Generell gehen uns öffentliche, erst recht lebenswerte Außenräume zunehmend verloren. Neue Räume für die Gemeinschaft nehmen nicht im selben Maß wie die Neubauten zu.
    Immer wenn ich den „öffentlichen Raum“ bewerbe, wenn ich Interesse und Verständnis zu wecken versuche für die Wichtigkeit der Straßen und Plätze unserer Städte und Dörfer und für den Wert unserer Ansiedlungen generell, beginne ich mit derselben Frage: Worin liegt der Unterschied zwischen Siedlung und Zersiedlung?
    Bitte halten Sie hier inne, und suchen Sie selbst nach einer Antwort. Die Antwort gewinnt an Kraft, wenn sie nicht nur als Idee, sondern aus Ihren Erfahrungen kommt. Wir alle haben schon Siedlungen erlebt und Zersiedlungen auch. Man muss kein Fachmann und keine Fachfrau sein, um zu einer Antwort zu finden. Hier mein Vorschlag: In einer Siedlung besteht zwischen den einzelnen Häusern (den Elementen) ein Verhältnis, in der Zersiedlung nicht.
    Auch wenn die Beziehungen innerhalb einer Siedlung – wie bei den offenen Bebauungen der alemannischen Streusiedlungen – nicht immer offensichtlich sind, so waren ihre Bauten doch durch ein Gemeinsames verbunden. Das kann die Bauform, die Lage im Gelände, ein durchgängiges Fassadenmaterial, die Orientierung auf ein Zentrum oder eine einheitliche Ausrichtung zum Talboden, nach Süden (Osten, Westen, Norden) sein. Häuser können sich in gleicher Weise in Mulden ducken, entlang von Schichtenlinien oder Wegen reihen oder sich gegenseitig den Vortritt lassen. Das Repertoire an Mustern ist stattlich und unübersehbar.
    Raum selbst ist eine Leere

    Darüber hinaus gibt es die noch interessantere Möglichkeit, dass sich Häuser aufeinander beziehen und daraus Verwandtschaft generieren. Das augenfälligste Beispiel ist die geschlossene Häuserzeile (etwa entlang einer Straße). Doch es geht auch subtiler: Wenn sich Bauwerke in bestimmter Weise einander zuwenden, kann zwischen ihnen ein „Gespräch“ entstehen. Aus solch einem „Gespräch“ – dem „größten Geheimnis der Architektur“ – entsteht ein Raum, entstehen Räume. Raum selbst ist eine Leere, eigentlich ein Nichts, und doch ist dieses Nichts die Essenz der Stadt, des Dorfes, der Siedlung. Raum ist und bleibt ein andauerndes, faszinierendes Mysterium, die Frucht einer diffizilen Bezugnahme. Sobald in ein derartiges Gespräch mehrere Bauten einstimmen, entsteht ein Ensemble oder ein Ort. Wie Wörter reihen sich in solch einem Fall Häuser zu einem ganzen Satz, und in weiterer Folge werden aus Sätzen Absätze, und diese Absätze bilden zusammen eine Geschichte. In unserem Zusammenhang ist diese Geschichte ein Dorf oder eine Stadt. Eine Stadt ist ein Gefüge, das einer ähnlichen Grammatik gehorcht wie eine Erzählung oder ein Roman, verwandte Strukturen aufweist gleich einem lebendigen Organismus und wie ein solcher über einen logischen inneren Zusammenhang verfügt.
    Ensembles, gelungene Städte und Dörfer bezeugen, dass ein Ganzes wirklich mehr sein kann als die Summe seiner Teile. Siedlung ist mehr als die Summe ihrer Teile.
    Ganz anders verhält es sich mit der Zersiedlung. Sie besteht aus Häusern, die keiner kollektiven Ordnung, keinem gemeinsamen Nenner und keiner übereinstimmenden Idee folgen. Die Zersiedlung häuft Bauten an, die sich jeder Bezugnahme verweigern, die allein bleiben, mitunter autistisch in sich gekehrt. Was in der Siedlung das Gespräch ist, wird in der Zersiedlung zum Monolog oder zum Geplapper.
    Mit solcherart beziehungsunfähigen Häusern entsteht nichts als eine Ansammlung. Sie bilden keine Summe und entfalten keine Resonanz. Und es fehlt ihnen eines ganz wesentlich und schmerzhaft: der Mehrwert des Raums. An die Stelle von Räumen treten in der Zersiedlung Zwischenräume, bar jeglicher Qualitäten, oftmals Ergebnis allein von gesetzlichen Abstandsverordnungen und falscher Parzellierung.
    Sehen Sie sich entlang unser Ortsausfahrten um – oder in den neuen Vorstädten. Lassen Sie sich auch von diesen Orten berühren. Dann werden Sie verstehen, was ich meine.
    Gegen die Beziehungsarmut und -unfähigkeit solcher (Un-)Orte kommt das soziale und gesellschaftliche Leben schwer an. Es kann sich dort nicht oder nur unerträglich mühsam entfalten. Die Folge ist kein rein künstlerisches Problem, keines, das nur Architektenaugen verletzt. Die Auswirkungen treffen den Kern unserer Gemeinschaft. Sie höhlen die Gesellschaft und ihr Zusammenleben und Zusammenwirken aus.
    Weil Außen- oder Stadträume (nur) durch das In-eine-bestimmte-Ordnung/Beziehung-Setzen von Häusern entstehen und allein das Ergebnis eines Arrangements sind, kosten sie (von der Bodengestaltung und Beleuchtung einmal abgesehen) auch nichts – aber das gilt schließlich für fast alle wirklich wichtigen Dinge im Leben. Trotz dieser Kostenfreiheit kann die Wirkung gelungener Räume gewaltig sein. Ihre Qualität hängt von der Könnerschaft ihrer Arrangeure ab.
    Mitunter kann ein solches Arrangieren so wirkungsvoll wie einfach sein. Versammelt man Häuser um ein großes Rechteck, dann kann daraus beispielsweise die Feldkircher Marktstraße entstehen oder der Linzer Hauptplatz (der größte Österreichs) oder der weiteste und vielleicht eindrucksvollste Stadtplatz der Welt, der Meidán-e Emám von Isfahan. Allen solchen Orten ist eines gemeinsam: Sie sind Brennpunkte gesellschaftlichen Lebens und Bühnen für große (historische) Ereignisse und für nicht minder bedeutendes privates Erleben.
    Dabei müssen es keine prominenten Plätze sein, die zu Handlungsorten unserer Leben werden. Für jedes Dorf sind seine öffentlichen Räume, Plätze, Straßen und Lücken von fundamentaler Bedeutung.
    Wenn sich Häuser „wegdrehen“

    Man sollte aber über der Erwartung auf einen bedeutsamen „heroischen Raum“ den Einfluss nicht vergessen, den jede architektonische Handlung und jeder Baukörper auf die Raumgestalt hat. In der menschlichen Kommunikation kann eine leichte körperliche Wegdrehung eine konsequenzenreiche Beziehungsänderung bedeuten. Diese Art der „Körpersprache“ ist auch Bauten eigen. Neuere Siedlungshäuser sind von Beginn an zumeist „weggedreht“. Auch Häuser können die „kalte Schulter“ zeigen.
    Häuser können „einladen“ oder „abweisen“, sie können „rufen“ oder sich „verstecken“, sie können sich ein-, unter- oder überordnen. Richtig oder falsch hängt allein vom Kontext ab. Aber immer durchdringen die „Botschaft“ und die Resonanz der Häuser den Raum, setzen diesen in Schwingung oder unter Spannung. Eine derartige Spannung in Gang zu setzen und im Wissen um die Wirkung zu gestalten, darin liegt die Kunst der Architektur.
    Viele bezaubernde historische Orte (Assisi ist dafür ein vollkommenes Beispiel, doch könnte man zahllose Ortschaften nennen) bestehen allein aus der Summe gewöhnlicher, geradezu banaler Häuser. Der (besondere) Raum und die Stadt haben dort Vorrang vor dem einzelnen Bauobjekt.
    Würden wir unseren Fokus vermehrt auf das Dazwischen, den Raum, die Stadt, das Dorf richten, dann könnten wir damit die Bauwerke von ihrem heutigen, vielfach überfordernden Anspruch entlasten.
    „Diese Bäume sind herrlich“, so Rainer Maria Rilke 1919 in einem Brief, „aber herrlicher noch ist der erhabene, gesteigerte Raum zwischen ihnen.“

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