Artikel

Tempo!
zolltexte

Mehrfach- und Zwischennutzung von Freiräumen als Potentiale für die dichte Stadt.

30. Dezember 1998 - Michl Mellauner
Temporäre Freiräume: Mehrfach- und Zwischennutzung

Stadt ist dicht. Raum ist knapp. Unterschiedliche Ansprüche treffen auf engem Raum aufeinander. Sichtbar wird dies in den öffentlichen Grün- und Freiräumen der dicht bebauten Siedlungsräume. Vor allem Kinder und Jugendliche finden nicht ausreichend Spiel-, Bewegungs- und Entfaltungsräume.

Enge Räume mit ungeeigneter Ausstattung verursachen Nutzungskonflikte, die körperlichen, seelischen und sozialen Streß bei Jung und Alt auslösen. Gerade junge Menschen benötigen aber nutzungsoffene, flexible Freiräume, in denen sie auch ohne permanente „soziale Kontrolle“ und Bevormundung ihrem Alter entsprechend agieren und lernen können.

Was ist temporäre Nutzung?

Temporäre Nutzung versteht sich hier als eine zeitlich beschränkte, öffentliche und unentgeltliche Nutzung von (unbebauten) Arealen im Siedlungsraum. Ziel ist das lokale Freiraumangebot durch Mehrfachnutzung bestehender Freiräume und Zwischennutzung von Baulücken und Industrie- und Gewerbebrachen zu erweitern. Durch die Zurverfügungstellung dieses zusätzlichen Angebotes werden vielfach auch eher selten verfügbare Freiraumqualitäten wie Nutzungsoffenheit und Multifunktionalität geschaffen.

Gemeinden und Länder investieren in Schulen, Kindergärten, Freibäder, Sporteinrichtungen, Veranstaltungszentren, etc. und die diesen Gebäuden zugeordneten Außenanlagen. Diese Freiflächen werden zumeist heute nur eingeschränkt der Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Die Sportanlagen und Gärten von Schulen und Kindergärten etwa bleiben außerhalb der Betriebszeiten ungenützt. Wochenenden und Sommermonate verstreichen, ohne daß Kinder und Jugendliche einen Fuß auf die begehrten Spielflächen setzen. Die Einbeziehung wenig bzw. zeitlich begrenzt genutzter Flächen wie eben Sport- und Freiflächen von Schulen und Kindergärten, aber auch von Wohnhausanlagen, Vereinen und Betrieben etc. aber auch Baulücken bedeutet „Spielraum“ für die Gemeinde zu gewinnen.

Die zur Diskussion stehenden Flächen können je nach Gegebenheit entweder bis zur widmungskonformen, eventuell bereits geplanten Inanspruchnahme in Form einer zeitlich klar befristeten Zwischennutzng einer Baulücke oder nach Möglichkeit und entsprechenden Rahmenbedingungen in ein permanentes, immer wiederkehrendes Angebot (z.B. Schulhof) in Form einer Mehrfachnutzung realisiert werden.

Verdichtung

Da Grund und Boden nicht vermehrbar ist, gilt es Vorhandenes sinnvoll, intensiv und in Abstimmung mit allen Beteiligten zu nutzen. Temporäre Nutzung ist ein geeignetes Mittel zur Entspannung der Situation vor Ort. Sie relisiert bei relativ geringen Sach-, Arbeits- und Verwaltungskosten umgehend ein zuzsätzliches Freiraumangebot für die Bevölkerung. Mehrfachnutzung und Zwischennutzung ist so auch ein Beitrag zum umsichtigen Umgehen mit öffentlichen Geldern.

Vorbilder

Mehrfachnutzung bzw. Zwischennutzung ist kein Novum. Beispielsweise erweitern Herten in Deutschland und Rotterdam in den Niederlanden seit mittlerweile mehreren Jahren das städtische Freiraumangebot durch Mehrfachnutzung u.a. der Außenanlagen von Schulen und Kindergärten und Vereinssportplätzen. Besonders erfolgreich wird Zwischennutzung in München praktiziert. Seit zumindest 15 Jahren werden in München ehemalige Betriebsareale/Produktionsstätten für Kultur-, Unterhaltungs- und Freizeitaktivitäten genutzt. Bekannt geworden ist in den letzten Jahren die Zwischennutzung des ehemaligen Flughafen München Riem, die mittlerweile beendet wurde. Das derzeit bekannteste Projekt in München ist der Kunstpark Ost. Auf dem ehemaligen Areal eines kartoffelverarbeitenden Betriebes stehen bis in das Jahr 2001 rund 40.000 m² zur Verfügung. Die Räume der Gebäude werden an Galerien, Ateliers, Theater, Konzerthallen, Discotheken, Gastronomie,etc. vermietet. Das gesamte Areal ist zu einem Treffpunkt für Jung und Alt geworden. Die Freiflächen (ehemalige Betriebsstraßen, Rangier- und Lagerflächen) übernehmen typische Funktionen des öffentlihen Straßenraumes, die platzartigen werden für unterschiedliche kurzzeitige Veranstaltungen wie beispielsweise Freiluftkino, oder Spiel- und Sportfesten genutzt. Das gesamte Projekt Kunstpark Ost wird von einem privaten Unternehmen gewinnorientiert geführt. Das Veranstaltungsprogramm wird über München und die bayrische Grenze hinaus vertrieben (u.a. www.kunstpark.de).
Wenn im Jahre 2001 die Verträge auslaufen, sind die Pläne zur Ralisierung eines Wohn- und Gewerbegebietes mit Freizeiteinrichtungen womöglich schon rechtens und stehen vor der Umsetzung.

Mehrfachnutzung von bestehenden Freiräumen und Zwischennutzung ist in einem Österreich der normenorientierten NutzerInnen problematisch. Scheinbar nicht klar regulierte Aktivitäten im (öffentlichen Frei-)Raum stören, rufen Irritation hervor. Natürlich gibt es immer irgendjemanden, der genau weiß, warum temporäre Nutzung nicht funktionieren kann und soll. Da wird einerseits von unlösbaren Problemen bzgl. der Haftung und Pflege gesprochen, anderseits wird oft eine starre Haltung unter dem Motto „des hat`s no nia geben“ eingenommen.

Dank engagierter und initiativer Eltern, SozialarbeiterInnen, BeamtInnen und PolitikerInnen konnte in Wien vor allem den Kindern und Jugendlichen neuer Freiraum zur Verfügung gestellt werden. Diese positiven Erfahrungen wurden Anfang dieses Jahres in einer von der Stadt Wien finanzierten Ausstellung gezeigt, die trotz anfänglicher Vorbehalte und Vorurteile realisiert werden konnten.

Rolle der Betreuung

Der Großteil der bekannten Projekte in Wien werden durch ParkbetreuerInnen und aufsuchende mobile JugendarbeiterInnen ermöglicht, da Betreuung vielfach eine Schuhlöffelfunktion bz. der Schlüssel für die Mehrfachnutzung aber auch Zwischennutzung ist. Erst durch garantierte Betreuung zeigen sich die verantwortlichen Dienststellen der Stadt erst bereit einen Beitrag zur Realisierung eines Vorhabens zu temporärer Nutzung zu leisten.
Mehrfachnutzung ist aber nicht bloß eine Chance für die dicht bebaute und dicht bewohnte Stadt, das Freiraumangebot zu vergrößern. Mehrfachnutzung kann auch in ländlichen Gemeinden das Angebot vorhandener Freiräume verbessern. Eingesetzte Mittel können dadurch sinnvoller eingesetzt werden.

Mehrfachnutzung ersetzt jedoch keinesfalls die Flächensicherung, Planung, Errichtung und Pflege neuer bzw. bestehender Park- und Sportangebote. Mehrfachnutzung bedeutet bei der Planung neuer und der Sanierung bestehender Anlagen jedoch eine große zusätzliche Chance, Flächen der Gemeinden möglichst vielen und möglichst oft zugänglich zu machen. Mehrfachnutzung ist eine Ergänzung zur arbeits- und kostenintensiven Planung und Gestaltung von klassischen Freiräumen wie Parks und Spielplätzen.

Beispiel 1:

Im kleinen dichtbebauten Wiener Bezirk Wieden mangelt es an Parks und Spielplätzen, besonders nutzungsoffene, flexible Orte fehlen. Seit 1996 bietet der Bezirk mit Hilfe der Betreuung durch Spiel- und SportpädagogInnen den gemeinsamen Sportplatz zweier Schulen in der warmen Jahreszeit jeweils einige Stunden für die Kids an. Alle Befürchtungen und Bedenken der Schule und der Nachbarn über Spiel und Lärm konnten durch die geeignete Organisation ausgeräumt werden. Im Zuge einer notwendigen Sannierung der Anlage wurden die Ansprüche an die Anlage durch die intensive Nutzung zweier Schulen und der Mehrfachnutzung Rechnung getragen. Damit der Platz auch nach schlechten Witterungsverhältnissen möglichst rasch wieder bespielbar ist, wurden Kunststoffbeläge eingesetzt.

Beispiel 2:

Der Park im neuen Stadtteil am Leberberg in Wien ist noch nicht fertig. Häufige Beschwerden von BewohnerInnen über Spielen und Toben in den neuen Höfen, Stiegenhäusern, Tiefgaragen und anderen „ungeeigneten“ Spielplätzen ließen es im Sommer 1997 sinnvoll erscheinen, auf dem einzigen größeren noch unbebauten Bauland (Einkaufszentrum) einen betreuten Bauspielplatz einzurichten. Immerhin standen so fast 5.000 m² bespielbares Gelände zur Verfügung. Ein Betreuungsteam unterstützte die Kinder und Jugendlichen beim Werken und nahm eine wichtige MediatorInnenrolle bei Konflikten zwischen den unterschiedlichen Gruppen und Cliquen ein.

Beispiel 3:

...Kinder stehen vor versperrten Toren. Die Schule macht Ferien. Jugendliche hängen herum, nur wenige finden sinnvolle Möglichkeiten, überschüssige Energien auszuleben. Gerade jetzt, wo selbst das Jugendzentrum Pause macht, können sie die tollen Freiflächen vor ihrer Nase bloß durch den Zaun bewundern. Muß das sein?

Im August 1997 gelingt es dem Jugendzentrum Schöpfwerk mit Unterstützung der Stadt Wien zumindest nachmittags die Öffnung der schuleigenen Sport- und Spielplätze als Erweiterung des wohnungsnahen Angebots an Bewegungsräumen für Kinder und Jugendliche zu organisieren. Sowohl Kids des Jugendzentrums als auch andere Jugendliche freuen sich über die neuen Möglichkeiten. Dank der Betreuung nimmt die Aggressionsbereitschaft der Kids ab. So können sie Wege gewaltfreier Konfliktlösung in ihrem Alltag erlernen.

Beispiel 4

„…...warum müssen Baulücken immer nur mit Autos voll sein? Wir haben im Grätzel überhaupt keinen Platz zum Spielen und Toben. Besonders wir Größeren könnten einen tollen Streetballplatz brauchen. Das ist auch was für uns Mädchen. Ich denk mir, das sollte hier endlich einmal klappen...…“

Bis zur umfassenden Neuordnung soll die Baulücke im Sinne einer Zwischennutzung als Streetball- und Streetsoccerplatz zur Verfügung stehen. Dieses Beispiel hat Modellcharakter: mit relativ geringem Aufwand – Maßnahmen und Kosten betreffend – läßt sich gerade in den dicht bebauten innerstädtischen Gebieten mit eklatantem Freiflächenmangel große Wirkung erzielen.

teilen auf

Für den Beitrag verantwortlich: zolltexte

Ansprechpartner:in für diese Seite: nextroomoffice[at]nextroom.at

Tools: