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Was passiert denn da - passiert da was?
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Der Wiener Donaukanal zwischen Fluß und Bau.

30. März 1999 - Ilse Huber
Tief unten hinter den Kaimauern treibt ein graugrünes Band Richtung Osten. Lange Zeit aus dem Gesichtsfeld verdrängt, rückt der Donaukanal merklich ins Stadtbewußtsein auf bzw. wendet sich das Stadtleben vermehrt dem Wasser zu.

Die U-Bahn rast ins Dunkel hinein, doch das Tageslicht schlägt rhythmisch zurück. Alle paar Sekunden öffnet sich ein Bild: grüne Schiffe fest vor Anker, verspielte Hundertwasserboote schlagen Wellen, Jogger joggen, Hunde äußerln, Paare küssen. Dann bremst der Zug, Station: Schottenring. Wien und die Donau, ein Schauspiel unzähliger Akte. Wohl war die Donau früher da, doch die Römer ließen sich nicht lange bitten und errichteten im ersten Jahrhundert das Legionslager Vindobona – just an den Ufern des Gewässers, das die WienerInnen heute Donaukanal nennen. Und damit begann eine Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur. Auf 11,4 km bahnt sich der Fluß seinen Lauf zwischen dem Brigitta- und dem Praterspitz. Den Verlauf hat er sich selbst gewählt, nur das schutzbauliche Kostüm bzw. der untere Durchstich zum heutigen Donaustrom wurden ihm erst später verpaßt. 1999, vierhundert Jahre nach den ersten Regulierungsversuchen, müssen BesucherInnen, SportlerInnen, Liebende mit den einheitlichen Querprofilen, den gepflasterten Ufermauern und den Steinwürfen leben.

Eine Herausforderung

Die wasserbaulichen Maßnahmen setzten sich vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum 20. Jh. fort. Es war kein Leichtes, den Wiener Arm, wie der Donaukanal auch sonst heißt, in den Griff zu bekommen. Gleichmäßiger Wasserstand für den Schiffsverkehr über das ganze Jahr war oberste Prämisse. Darum das Einlaufwerk Nußdorf, darum die (gegenüber des In-Lokals Flex gelegene) Kaiserbadschleuse. Otto Wagner schwärmte davon, große Handelsdampfer in das Herzen Wiens einlaufen zu lassen. Allein, es blieb beim Traum. Die Kaiserbadschleuse ging nie in Betrieb, das gegenüberliegende Schützenhaus ist reales Zeichen einer Vision. Trotzdem kam die Schleuse zu höheren Ehren: Knapp nach der Wende ins zwanzigste Jahrhundert, nachdem die Hauptsammelkanäle fertiggestellt waren, erfreuten sich die Wienerinnen und Wiener am kühlen Naß. Etliche Strombäder erlebten ihre Hochsaisonen: Schüttelbad, Dianabad und besagtes Kaiserbad.
Das Leben am Wasser ist turbulent. Dieser Tage könnte es wohl noch belebter sein wie damals, als der Strom noch wichtigste Verbindungsachse und Treffpunkt war. Da wurden 1955 bei der Salztorbrücke bis zu 560 t Süßwasserfische auf dem Fischmarkt verkauft. Große ins Wasser hängende Netze säumten die Treppelwege. Das „Gries“ war einer der wichtigen Handelsgüter-Umschlagplätze. Granit aus Mauthausen, Salz aus dem gleichnamigen Kammergut, Körner aus dem Marchfeld und Holz aus den Wäldern Österreichs landeten direkt vor den Toren Wiens. Straßennamen wie Salzgries, Fischerstiege, Salztor zeugen von dieser renommierten Vergangenheit.

Ein Ereignis brachte Umbruch in Fluß und Leben: die Donauregulierung von 1875. Die lineare Streckenführung ließ das weitverzweigte Nebenarmsystem der Donau, das vor allem den 2. Bezirk betraf, zu stehenden Gewässern werden. Der Hauptstrom erhöhte seine Fließgeschwindigkeit, da sein Gefälle durch die Regulierung zunahm. Seit damals überwindet die Donau auf einem Kilometer Länge 46 cm Höhe. Früher schaffte sie gerade die Hälfte. Das charakteristische Wienbild ging den Bach hinunter, selbst „aus heutiger Sicht wäre die Fixierung des Stromes in seinem damaligen Hauptbett (etwa Alte Donau) die bessere Lösung gewesen“ (Franz MICHLMAYR, MA 45 - Wasserbau). Deshalb müssen letztlich auch BesucherInnen, SportlerInnen, Liebende mit den einheitlichen Querprofilen, den gepflasterten Ufermauern und den Steinwürfen des Donaukanals leben.

Eine Zeitenwende

Tief unten hinter den Kaimauern treibt ein graugrünes Band Richtung Osten. Lange Zeit aus dem Gesichtsfeld verdrängt, rückt der Donaukanal merklich ins Stadtbewußtsein auf bzw. wendet sich das Stadtleben vermehrt dem Wasser zu. Entlang seines gesamten Stadtabschnittes, von Döbling bis zur Landstraße lockt der Fluß. Obwohl die nördlichen und östlichen Teile von Autobahnbrücken und Richtungsfahrbahnen begleitet werden, haben die Uferbereiche eine hohe Qualität für Naherholende. Fest im Radsattel, per pedes oder auf Rollen bladen alt und jung am linken und rechten Ufer. Im Zuge der Attraktivitätssteigerung mußten aber auch typische Flußeinrichtungen wie Rollfähren teilweise eingestellt werden. Der Fährmann bei der Rossauer Lände wich der statischen, wenn auch dadurch permanent frequentierbaren Siemens-Nixdorf-Brücke. Man muß schon weiter flußabwärts wandern, um beim Postzentrum im 3. Bezirk eine der letzten in Betrieb befindlichen Rollfähren benutzen zu können. Gegen Naturalbeitrag setzt der Besitzer seine Fahrgäste ans andere Ufer.
Nebst dem Urbanem – Land am Strome. Am Fuße der Urania profitierten so manche Tiere von einer naturnahen Umgestaltung. Die Inselschüttung brachte neues Leben in die Stadt.

Der unterbewertete Ort wird wieder entdeckt. Von BewohnerInnen aller Art, am sichtbarsten jedoch von den zweibeinigen. Anfänglich war nur der Radfahrstreifen da, dem folgten allmählich citynahe Unterhaltungsorte.
- 1984 Eröffnung des Showboates, wo Veranstaltungen aller Art ans Wasser verlegt wurden.
- 1985 fixe Verankerung der „Johann Strauss“ zwischen Salztor- und Marienbrücke. Motto: „Nach dem Essen Walzer tanzen oder vor dem Walzen balzen.“
- Seit 1988 Eröffnung des k&k, Kunst- und Kulturmarktes am rechten Donauufer.
- Seit 1989 Einrichtung einer Bildhauerwerkstatt nahe der Urania, die Agora. (Hobby-)bildhauerInnen behauen Sandstein, Ytongklötze etc. und stellen ihre Werke aus. So wie der Strom sich heute zeigt, so ist er Sinnbild eines Veränderungsprozesses. Vieles steht in Aussicht, vieles soll noch passieren.

Der Ort als Veranstaltungszone

Lokale versuchen mit frischen Aktivitäten Neues zu bieten. Eine Idee aus dem Pot der Vorschläge nimmt sich der Wiederaufnahme des Schwimmbadbetriebes an. Bloß hat dafür laut Senatsrat Michlmayr (MA 45 - Wasserbau) noch niemand tatsächlich bei den Behörden die notwendigen Unterlagen eingereicht. Im Sommer 1998 nutzte die künstlerische Performancegruppe `Time*Sailors’ die Schleusenpfeiler als Aufführungsort. Die Musiker Obermaier und Spour kreierten für eine Tanzgruppe eine Komposition, die des Abends aufgeführt wurde. Tagsüber lebten die Akteure wie Matrosen auf einem Schiff, ohne Landverbindung.

Der Ort als Ausstellungsgebiet

Zwischen Augarten- und Salztorbrücke mißt die Umwelt eine Meile. Die W.U.M. – die Wiener Umweltmeile lädt zum Besuch. Biologisches und Spielerisches vereinigen sich am linken Donaukanalufer. Außerdem soll ab Frühjahr 1999 eine Bootsanlegestelle vorgesehen werden, die einmal täglich eine Fährverbindung von Wien zum niederösterreichischen Teil des Nationalparks Donauauen herstellt.

Der Ort als Verkehrsknotenpunkt

Für Freizeitkapitäne soll der Wiener Stadthafen Möglichkeit zum kurzfristigen Anlegen bieten. Keine fixe Marina, aber eine Kurzparkzone für Schiffe (MICHLMAYR). Im Jahr 2002 wird die U2 verlängert. Die Trasse soll (unterirdisch) den Donaukanal queren, ehe sie Richtung Nordosten abzweigt. Die endgültige Lage des Aus- bzw. Abganges in den 2. Bezirk ist noch nicht klar. Für weitherkommende IndividualverkehrsteilnehmerInnen wie FußgängerInnen oder RadfahrerInnen eröffnet sich dadurch eine zusätzliche Anschlußstelle. Was auch Sportbegeisterte freuen wird, möchte die Stadt doch rechter Hand eine Sportmeile einrichten.

Der Ort als Treffpunkt

Wo sich zaghafte Gastronomie am rechten Ufer etabliert, Stichwort „Summerstage“, versuchen die Stadtväter bzw. -mütter auch flußabwärts gastronomisch höhere Ansprüche zu stellen. Die der Innenstadt zugewandten Teile des Donaukanals wollen kulinarisch und ästhetisch aufgewertet sein. Am Flußufer verankerte Lokaleinrichtungen sind den StadtästhetInnen (MA 19) derzeit wenig erfreuliche Erscheinungen. Das citynächstgelegene Ufer soll die kulinarische Versorgung und Unterhaltung auf seine Seite bannen, während die linke Uferseite, die „Sonnenseite“, der Erholung dient.
Daß der Donaukanal den WienerInnen und ihren Verantwortlichen immer mehr ans Herz wächst, beweist auch das Engagement, die BürgerInnen in den Gestaltungsprozeß einzubinden. Tageszeitungen laden die BewohnerInnen ein, ihre Ideen einzusenden. Stadtrat Svihalek läßt diese auf ihre Umsetzung prüfen. Vielleicht ein Aufruf zum Mitwirken, denn ...
Alles im Fluß.

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